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Full text of "Italiänischer Novellenschatz, ausgewählt und übers"

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HARVARD. 
COLLEGE 
LIBRARY 


Italiäniſcher Novellenſchatz. 


Dritter Theil. 


Staliänifcher Nopellenſchatz. 
| Ausgewaͤhlt und uͤberſetzt 


Adelbert Keller. 


Dritter Theil. 


CSLeipzig: 
EN Brockhaus. 


1851. 


Ital6s398 


ler 15, 








—88 


Inhalt des dritten Theils. 


AXIV. Matteo Bandello. Seite 
70. Unüberwindliche Großmuth.................... 1 
TI. Balduin der eiferne von Flandern.............. 39 

12. Eine andere Lucretia ......................... öl 
13. Bedenklihe Beichte ................ .......... 59 

-74. Frauentreue: Maͤnnertugend ................... 74 
75. Das bezauberte Bildniß ...................... 108 
76. Biel Laͤrmen um nichts....................... 135 
TI. Die einäugige Amme......................... 172 
78. Antonio Bologna............................ 182 
19. Die blonde Ginevra............ ........... ... 198 
80. Die Liebe des Verbannten..................... 238 
81. Spaniſche Rache........................ ..... 20 
82. Die Müllerin............................... 275 
83. Leonora Macedonia .......... .......... ...... 280) 
84. Erommell..... .. .............. ............ 316 


H 








⸗ 


XXIV. Matteo Bandello. 


1534, 


7. Unüberwindlihe Großmuth. 


cl, 2.) 


Man bat oftmals unter gelehrten und dem Hof- 
dienfte lebenden Männern bie Frage aufgeworfen, ob eine 
preiswürdige Handlung oder eine ritterliche und edel⸗ 
müthige That, die ein Hofmann gegen ſeinen Gebieter 
übt, Edelmuth und Ritterlichkeit genannt werden darf, 
oder ob es vielmehr nur Pflicht und Schuldigkeit iſt. 
Und der Streit über dieſen Gegenſtand iſt nicht ohne 
Belang, denn Vielen ſteht es feſt, daß der Diener ſeinem 
Herrn den ganzen Tag über nicht ſo viel leiſten kann, 
daß er nicht noch weit mehr zu thun verpflichtet wäre. 
Denn wenn er etwa nicht die Gunft feines Königs be- 
figt und fie doch befigen möchte (wie jeber Diener thut), 
was darf er je zu thun unterlaffen, wie ſchwer es auch 
fei, damit er die srfehnte Gnade erlange? Sehen wir 
nicht viele, die, um fich ihren Fürften günftig zu flimmen,. 
ihr eigenes Leben taufend Wagniffen, ja oft taufend Ge- 
fahren des Unterganges ausgefept haben? Wenn er fi 
nun in Gunft befindet und erkennt, daß er von feinem 
Fürſten geliebt wird, wie viele Mühen und Beſchwerden 
muß er dulden,- um fih in Anfehen zu erhalten und 
bie erworbene Gunft zu bewahren und zu erhöhen? Ihr 
wißt, es iſt ein allgemeines Sprichwort, das ein geiſt⸗ 
reicher Dichter verherrlicht hat, daß Erworbenes erhalten 
keine geringere Tugend ſei, als das Erwerben ſelbſt. 

Staliänifcher Novellenſchatz. II. 1 


2 AXXIV. Matteo Banbello. 


Manche behaupten nun im Gegentheil und bemühen’ fich 
es mit den ftärfften Gründen zu bemweifen, daß Alles, 
was der Diener über feine Schuldigkeit thut und über 
die Verpflichtung hinaus, welche er hat, feinem Herrn 
zu dienen, als freiwillige Leiftung anzufehen fei, geeignet, 
feinen Gebieter fi, zu verpflichten und zu neuen Wohl⸗ 
thaten zu ermuntern. Sie gehen von der Anficht aus, 
daß, fo oft einer fein Amt verfieht, wozu er von feinem 
Heren angewiefen ift, und es mit allem Eifer und in 
der Art thut, wie es fich gehört, er feiner Pflicht genügt 
bat und von ihm den gebührenden Kohn verdient. Doch 
da wir bier nicht beifammen find zu disputiren, fondern 
zu erzählen, laffen wir nunmehr den Streit beifeite, und 
ich beabfichtige über das, mas ein mannhafter König 
gethan, euch eine Gefchichte mitzutheilen. Wenn nad) 
Beendigung derfelben vielleicht jemand ausführlicher darüber 
zu fprechen geneigt ift, fo bleibt ihm ja, dünkt mich, noch 
immer das Feld offen, um nad SHerzensluft ein Paar 

Sträuße zu beftehben. Es lebte alfo im Königreich Per- 
fien einft ein König Namens Xrtayerres, ein Mann von 
großem Muthe und fehr geübt in den Waffen. Er war 
dem Berichte der perfifchen Geſchichtsbücher zufolge an- 
fange nur ein: gewöhnlicher Soldat, der Feinen militäri- 
fhen Rang im Heere führte, und brachte als folcher 
den Artaban den legten König der Arfaciden um, unter 
welchem er diente. Er gab den -Perfern auf etma fünf- 
hundertachtundbreifig Jahre die Herrfchaft über Perfien 
zurüd, welche in den Händen der Marebonier und an- 
derer Volker nach dem Tode des Darius geweſen war, 

. welchen Alexander der große befiegt hatte. Nachdem er 
alfo ganz Perfien befreit Hatte und vom Volke zum König 
erwählt worden war, hielt er Hof mit Pracht und unter 
tugendhaften Handlungen. Er mar äußerft glänzend in 
au feinem Thun und galt deswegen, neben dem in biu- 
tigen Schlachten mannhaft erworbenen Ruhm, im ganzen 
Morgenland für den ebelmüthigften und: großherzigften 





70. Unüberwindlige Großmuth. 3 


Koͤnig, der in ſeiner Zeit auf. einem Throne faß, In 
feinen Saftmahlen war er ein zweiter Lucull und ehrte 
hoch die Fremden, bie zu ihm an ben Hof kamen. Diefer 
König hatte an feinem Hofe einen Senefchal mit Namen 
Ariabarzanes, deſſen Amt es war, fo oft der König 
öffentlich eine Mahlzeit veranftaltete, auf einem weißen 
Roſſe mit einer goldenen Keule in der Hand ben Knappen 
voranzureiten, welche die Speifen bes Stönige in geldenen 
Gefägen mit feinfter Leinwand bedeckt teugen, und diefe 
Zücher waren durchaus geftidt und mit Seide und Gold 
in der fchönften- Arbeit durchwirkt. Diefed Amt des 
Senefhald war fehr geachtet und wurde gemeiniglich 
‚einem der erfien Barone des Reichs überfragen. Der 
befagte Ariabarzanes nun mar von ber ebelften Abftam- 
mung und fo rei, daß faft niemend ihm an Reichthum 
im Reiche gleich, kam, und überdies der feinfte und frei- 
gebigfte Ritter, der an diefem Hofe lebte; ja, er machte 
oft fo fehr den Großmüthigen und gab fo ohne Rüdhalt 
weg, daß er die Mittelfiraße verließ, worin alle Treff⸗ 
lichkeit befteht, oftmals zu den außerfien Punkten fih 
neigte und in das Kafter der Verfchwendung verfiel. Es 
hatte daher gar oft den Anfchein, als wollte er in den 
Werken der Höflichkeit fi) mit feinem König nicht nur 
anf gleiche Linie fielen, fondern er fuche fogar mit aller 
Macht es ihm zuvorzuthun und ihn zu übertreffen. 
Eines Tages nun ließ fi) der König das Gchachbret 
bringen und wollte mit Ariabarzanes eine Partie Schach 
fpielen. In damaliger Zeit fund bei den Perſern das 
Schachſpiel im höchfien Anfehen und ein guter Spieler 
mar fo geachtet, wie heutzutage unter und ein gewandter 
Kämpfer in wiffenkhaftlichen und philofophifchen Streitig- 
keiten. Sie faßen alfe einander gegenüber an einem 
Tiſche im Löniglihen Saale, in welchem fehr hohe! Per- 
fonen ſich befanden, die ihrem Spiele aufmerkfam und 
ſchweigend zufahen, und fingen an, fo gut fie Zonnten, 
ſich mit den Schachfiguren zu befehden. Ariabarzanes, 
* 1* 


4 XXIV, Matteo .Bandello. 


fei es daß er befier fpielte, al& der König, oder daß der 
- König nach wenigen Zügen die Aufmerkfamkeit auf das 
Spiel verlor, oder was immer ber Grund fein mochte, 
Ariabarzanes brachte den König dahin, dag er nicht an- 
ders Eonnte, als ba er im zwei bis drei Zügen ſchach⸗ 
matt werden mußte. Als der König dies merkte und 
die Gefahr einfah, matt zu werden, roͤthete fich fein 
Geſicht ungewoͤhnlich, er. fann nach, ob nicht noch). ein 
Ausweg möglich wäre, um bie Niederlage zu vermeiden, 
und aufer der Röthe, die man in feinem Gefi chte ge⸗ 
wahr wurde, merkten alle Zuſchauer des Spieles’ an 
ſeinem Kopfſchütteln und an andern Geberden und Seuf⸗ 
zern, wie leid es ihm that, ſo weit gekommen zu ſein. 
Dem Seneſchal entging das nicht, und er konnte den 
Anblick der ehrenvollen Beihämung feines Könige nicht 
ertragen; er machte daher einen Zug mit feinem Springer, 
der dem König fo Bahn öffnete, daß er ihn nicht nur 
aus der Gefahr befreite, in welcher er ſchwebte, fondern 
noch einen Thurm ganz preisgab. So flund das Spiel 
wieder gleih. Der König Fannte den Edelmuth und bie 
große Gefinnung feines Diener, die er fonft ſchon hin⸗ 
reichend erprobt hatte, genau, er that als habe er nicht 
bemerkt, daß er den Thurm nehmen könne, warf bie 
Figuren um, ſtand auf und fagte: Genug, Ariabarzanes! 
Das Spiel ift euer, ich gebe mich überwunden. 

Es fuhr dem Artarerges durch den Sinn, Xriabar« 
zanes habe dies nicht aus Großmuth, gethan, fondern 
vielmehr um fich feinen König zu verpflichten; das mis⸗ 
fiel ibm und daher wollte er nicht mehr fpielen. Doch 
ließ der König bernach weder in Winken noch in Hand⸗ 
Iungen noch in Worten fi anmerken, daß ihm Diefe 
Großmuth feines Senefhals misfallen babe. Freilich 
hätte er allerdings gemünfcht, daß Ariabarzanes fich folcher 
„Handlungen enthalten hätte, wenn er mit ihm fpielte 
oder fonft etmas mit ihm anfıng, und wenn er ben 
Grogmüthigen und Freigebigen machen wollte, fo follte.er 





70. Unäberwindliche Großmuth. 5 


das gegen Untergebene oder Gleichſtehende thun, denn 
es gefiel ihm nicht, daß ein Diener in Dingen der 
Großmuth und Freigebigkeit ſich auf gleiche Linie mit 
ſeinem Gebieter ſtellen wollte. Es war wenige Tage 
nach dieſem Vorfall, der König befand ſich in Perſepolis 
der Hauptſtadt Perſiens und ordnete eine praͤchtige Jagd 
“an nach Thieren, wie jene Gegend fie erzeugt und die 
von den unferigen fehr verfchieden find. Als Alles in 
Ordnung gebracht war, begab er fih an die Stelle der 
Jagd mit dem ganzen Hofe. in großer Theil des 
Waldes war umftellt von Negen und gelegten Schlingen, 
der König vertheilte das Perfonal feiner Jäger wie es 
ihm geeignet fihien, und ließ nun mit Hunden und 
Hörnern die Thiere aus ihren Höhlen und Köchern auf- 
ſcheuchen. Plötzlich fprang ein wildes Thier fehr un⸗ 
geftüm und gewandt hervor, überfprang mit einem Sage 
die Nege und begab fich eiligft auf die. Flucht. Der 
König fah das feltfame Thier und befchloß es zu ver- 
folgen und zu erlegen. Er winfte daher einigen feiner 
Barone, daß fie gemeinfchaftlich mit ihm dem Xhiere 
nachfegten, Tieß feinem Pferde die Zügel und ſchickte 
ih an, ihm nachzueilen. Einer der Barone, welche 
mit dem König dem Thiere nachfegten, war Ariabarzanes. 
Es fügte fih, daß damals der König gerade ein Pferd 
titt, das ihm wegen feines befonbers ſchnellen Laufes fo 
lieb war, daß er taufend von feinen andern drangegeben 
hätte, um dieſes zu retten, und um fo mehr, als es 
außer der Schnelligkeit feines Laufes für Gefechte und 
Waffenthaten befonders gefchidtt war. Während er nun 
mit verhängtem Zügel das eilende oder eigentlich fliegende 
Thier verfolgte, entfernten fie fich weit von der Gefell- 
haft und befchleunigten ihren Lauf fo fehr, daß der 
König nur noch den Ariabarzanes bei fich behielt, und 
hinter ihm folgte einer von den Seinigen, den er bei 
Jagden fletd auf einem guten ‚Pferde mit ſich führte. 
- Auch das Pferd des Ariabarzanes fland im Rufe eines 


6 XXIV. Matteo Bandello. 


der beiten, die ſich am Hofe befanden. Nun begab es 
ſich, als alle diefe drei mit verhängten Zügeln dahin⸗ 
- flürmten, merkte Ariabarzanes, daß das Pferd feines 
- Heerrn an den Borderfüßen die Eifen verloren hatte und 
fon die Steine anfingen ihm die Hufe anzugreifen. 
So mußte alfo entweder ber König feine Jagdunterhal⸗ 
tung einftellen oder das Pferb mußte zu Grunde gehen. 
Unter diefen beiden denkbaren Fällen war feiner, der nicht 
dem König äufßerft smangenehm war, der übrigens noch 
nicht bemerkt hatte, daß das Pferd die Eifen verloren 
hatte. Sobald der Senefchal dies bemerfte, flieg er ab, 
Heß ſich von dem nachfoigenden Diener, ber für Noth⸗ 
fälle mie dem Erforderlichen verfehen war, Hammer und 
Zange geben und nahm feinem guten Pferde die zmei 
Bordereifen ab, um fie dem bes Königs anzufchlagen, 
entfchloffen, dann fein eigenes preiszugeben und bie 
Jagd fortzufegen. Er rief alfo dem König zu, ftille zu 
halten, und benachrichtige ihn von dee Gefahr, in welcher 
fein Pferd ſchwebe. Der König flieg ab, er fah die bei- 
ben Eifen, welche ber Diener des Seneſchals in ber Hand 
hatte, achtete aber weiter nicht darauf, oder meinte viel- 
leicht, Ariabarzanes Laffe welche für -dergleihen Fälle 
mitnehmen, oder auch, es feien dieſelben, welche feinem 
Pferde abgefallen waren, und wartete, bis es bereit war, 
um wieder aufzufigen. Da er aber das gute Pferd des 
Seneſchals ohne Vordereiſen fah, merkte er fogleich, daß 
das eine ber ritterlichen Hoͤflichkeiten des. Ariabarzanes 
‚war, und befchloß, ihn auf diefelbe Weiſe zu befiegen, 
wie er fih bemüht hatte, ihn zu übertreffen. Sobald 
alfo das Roß befchlagen war, machte er ed dem Sene⸗ 
fchal zum Geſchenk. Der König wollte viel eher bie 
Freude ber Jagd verlieren, ald von einem feiner Diener 
an Höflichkeit übertroffen werden; er berüdfichtigte dabei 
den Hocfinn des Mannes, der mit ihm in ruhmvollen 
Thaten und Hingebung mwetteifern zu wollen fhien. "Dem 
Seneſchal ſchien es nicht paſſend, das Geſchenk feines 





70. unũberwindliche Grohenuth. 7 


Herren zurückweiſen zu wollen, fondern er nahm es mit 
demfelben hoben Geifte hin, mit dem en feinem Roß 
bie Eifen hatte abnehmen laffen, und erwartete immer 
eine Gelegenheit, feinen Gebieter an Höflichkeit zu über 
treffen und ſich ihn zu verpflichten. Es dauerte hernach 
nicht lange, fo kamen viele von benen, welche zurüde 
geblieben waren, ihnen nah, der König nahm ein Pferd 
von einem der Seinigen und Tehrte nach ber Stadt zurück 
mit feinem ganzen Gefolge. Wenige Tage darauf ließ 
der König ein feftliches prachtvolles Turnier anfagen auf 
den erften Maitag. Der Preis, der dem Sieger ver . 
lieben werden follte, war ein muthiged edles Pferd nebft 
Zügel, deffen Gebiß von feinem Golde reich gearbeitet 
war, und einem Sattel vom höchften Werthe, und das 
übrige Reitzeug mar im DVerhältnig zum Zaum und 
Sattel; der Zaum beftand aus zwei fehr Funftreich gear⸗ 
beiteten Goldketten. Das Pferd war ferner bededit mit 
einer Dede von Goldfloff mit Eantillen, ringsum mit 
fehr fchönen geflictten Franzen, woran goldene Mifpeln ° 
und Glöckchen Hingen. Am Sattelbogen hing ein ganz 
feiner Degen, die Scheibe ganz eingefaßt von Perlen 
und köſtlichen Steinen von großem Werthe, und auf der 
andern Seite ſah man einen fehr fchonen ftarfen Stab 
befefligt auf Damaseener Art ganz meifterhaft gearbeitet. 
Ferner lagen neben bem Pferde nach Art von Trophäen 
umher alle möglihen Waffen, wie fie ein Ritter im 
Kampfe braucht, fo reich und ſchon, wie fie nur irgend 
zu finden waren.. Der Schild war bewundernswürdig 
und flart, man Eonnte ihn nebft einer ſchönen goldenen 
Lanze. fehen am Zage, wo das‘ Turnier Statt finden, 
follte. Alle diefe Dinge follten dem Sieger im Wett 
fampfe zu Theil werden. Es kamen nun viele Fremde 
zujammen zu dem hohen Fefte, theild um mit zu kämpfen, 
theils um. die prachtvolle Feier des Turniers zu fehen. 
Don den Unstertbanen des Königs blieb Fein Nitter noch 
Baron zurück, der nicht reich gekleidet erfehien; und unter 


8 XXIV. Matteo Bandello. 


den erften, die ihren Namen angaben, mar der Erſt⸗ 
geborne des Königs, ein fehr tapferer und im Waffen⸗ 
wert äußerſt geachteter Süngling, der von früh auf im 
Lager erzogen und herangemachfen war. Auch der Sene- 
fchal meldete ſich an. Ebenfo andere perfifche wie fremde 
Ritter, denn das Felt war als ein allgemeines verfündigt 
. worden mit ficherem Geleite für alle Fremde, welche dazu 
kommen und dabei kämpfen wollten, nur mußten es adelige 
fein, andere wurden nicht angenommen. Der König hatte 
zu SKampfrichtern brei alte Barone erwählt, welche in 
früherer Zeit gleichfalls felbft madere Kämpfer "gewefen 
waren und“ fih in vielen Unternehmungen geübt und 
als rechtichaffene und einfichtige Männer bewährt hatten. 
Sie hatten ihre Tribunal mitten in der Rennbahn gerade 
* dem Punkte gegenüber, wo meiftens die Kämpfenden ſich 
zu treffen und ihre Schläge zu führen pflegten. . Nun 
müßt ihr -euch vorftellen, daß alle Frauen und Töchter 
des Landes fich Hier verfammelt hatten und daß eine 
folhe Menge Volks Hier beifammen war, wie es fid 
von einem Feſte diefer Art erwarten ließ. Und vielleicht 
Fämpfte dafelbft Fein Ritter, der nicht feine Geliebte hatte, 
und jeder hafte irgend ein Geſchenk von ihren Frauen, 
wie bei ähnlichen Kämpfen zu gefchehen pflegt. Zum 
angefegten Tag und Stunde erfihienen alle Kämpfenden 
mit größtem Pompe der reichften Überkleider fowol über 
den Waffen als den Pferden. Der Kampf begann, 
viele Ranzen fplitterten und manche führten fehöne Schläge; 
aber das allgemeine Urtheil ging dahin, daß der Sene- 
ſchal Ariabarzanes es ſei, der den Preis davontragen 
müſſe; wäre aber er nicht ba, ſo übertreffe der Sohn 
des Königs bei weitem alle andern, denn feiner der 
ZBettfämpfer hatte über fünf Streiche für fih, nur bes 
Könige Sohn hatte deren neun. Der Senefchal zeigte 
elf Eräftig und ehrenvoll ‚gebrochene Lanzen und wenn er 
noch einen einzigen Streich gewann, fo war er Sieger 
im Spiele, denn zwölf Steeiche waren an jenem Tage 


’ 





70. Unüberwindlihe Großmuth. 9 


ben Kämpfenden vorgefchrieben, um ben Preis zu ge 
winnen, und wer fie zuerft führte, befam ohne weiteres 
Hindernif ben Preis. Dem König (um die Wahrheit 
'zu fagen) konnte Feine größere Freude werden, ald wenn 
die Ehre diefes Tages feinem Sohne zufiele; aber er fah 
nicht wohl ein, wie es möglich werden follte, denn er 
erkannte den großen Vorſprung, den der Senefchal hatte, 
gut; doch ließ er ſich als ein kluger Mann die Sache 
im Geficht nicht merken. Auf der andern Seite war 
fein junger Sohn, der vor feiner Geliebten kämpfte, bis 
zum Tode verdrießlich darüber, daß er fo feine Hoffnung 
ſchwinden fah, die erfte Ehre zu erringen, ſodaß Vater 
und Sohn von gleichem Verlangen brannten. Aber die 
Trefflichkeit und Tapferkeit des Senefchald und ‚der Um⸗ 
fiand, daß er feinem Ziele ſchon fo nahe ftand, ſchnitt 
ihnen alle Hoffnung ab, wenn noch eine ſolche übrig 
gewefen war. Sm Augenblide' nun, als ber Senefchal 
feine legte Lanze brechen wollte, er ritt an dieſem Tage 
eben das trefflihe Pferd, das ihm der König auf der 
Jagd gefchenkt hatte, und wußte genau, daß der König 
fehnlichft mwünfchte, feinen Sohn fiegreich zu fehen, ebenfo 
fannte er die Gefinnung des Jünglings, der zu Ehren 
und in Gegenwart feiner Geliebten ganz von demfelben 
Verlangen glühte, in dem Yugenblide faßte er den Ent- 
ſchluß, ſich einer ſolchen Ehre zu entlleiden und fie dem 
Sohne des Königs zu überlaffen. Er mußte zwar wohl, 
daß eine folhe Großmuth dem König nicht gefiel; nichts 
defto weniger mar er aber geneigt, durch Beharrlichkeit 
feine Anficht zu überwinden, nicht weil er mehr begehrte, 
ald der König ihm ſchenkte, -fondern blos, um ſich zu 
ehren und Ruhm zu erwerben: ber Senefchal war ber 
Anfiht, ed fei undankbar vom König, diefe Handlungen 
des Edelmuths, ben er gegen ihn übte, nicht annehmen 
‚zu wollen. Er hatte fih, nun unter allen Umſtaͤnden 
vorgenommen, es fo einzurichten, daß die Ehre dem Sohne 
des Königs bliebe; er legte bie Lanze ein, als er nahe 
1** 


10 XXIV. Matteo Bandello. 


daran war, mit ihm zuſammen zu treffen (denn er jelbft 
war es, der ihm entgegenkam), ließ aber die Lanze aus 
der Hand fallen und fagte: Mein Edelmuth fol ed dem. 
dee andern gleichthun, wenn er auch nicht gefchägt wird. 

Der Sohn des Königs traf mit Anſtand den Schild 
des Seneſchals, brach feine Lanze in taufend Stüde und 


‚gewann ben zehnten Streich. Wiele hörten die Worte 


des Senefchals, die er beim Wegwerfen ber Lanze aus⸗ 
ſprach, und alle Umftehenden ohne Ausnahme merkten, 
daß er nicht habe freffen wollen, um nicht ben legten 
Streih zu führen und dem Sohne bed. Königs die fo 
ſehr gewünfchte Ehre des Turniers zu laſſen. Er ver- 
ließ auch darauf die Schranken. Der Sohn des Königs 
beftand ohne große Mühe die legten Gänge und trug 
Preis und Ehre davon. Unter dem Schalle von tanfend 
Mufttinftrumenten und unter Voranführung des Kampf- 
preifes wurde er mit Pomp durch die ganze Stadt ge» 
leitet und unter dem Gefolge befand fich auch der Sene- 
fhal, der fortwährend mit heiterer Miene die Mann 
baftigkeit des Prinzen rühmte. Der "König mar ein 
ſcharfſichtiger Mann, er hatte fehon oft und viel bie 


‚ Tapferkeit feines .Senefchals in andern Turnieren, Wett⸗ 


kaͤmpfen, Buhurten und Schlachten erprobt und ihn 
immer vorfichtig Flug und perfönlich äußerſt tapfer er⸗ 
funden; fo erkannte er denn wohl, daß das Ballen der 


Zange nicht zufällig gewefen war, fondern ganz vorfäglich 


und dies beftärkte ihn in der Anficht, die er über bie 
Großmuth und Aufopferung feines Seneſchals hegte. 
Und in der That der Edelmuth bes Seneſchals Aria- 
barzanes war fo groß, dag wie mich dünkt wenige fich 
bereit finden ließen, ihn nachzuahmen. Wir fehen den 
ganzen Tag viele mit ben Glücksgütern freigebig umgehen 
und reichlich bald Kleider, bald Silber und Gold, bald 
Edeifteine und andere Dinge von großem Werthe an den 
und jenen verfchenten. Ja, große Herren fieht man nicht 
nur mit ſolcherlei Dingen gegen ihre Diener freigebig 








70. Unüberwinbliche Großmuth. il 


und großmüthig, fondern fie verfchenten ſelbſi großartig 
Burgen, Ländereien und Stäbte Was follen wir von 
denen fagen, bie mit ihren: eigenen Blute und mit dem 
Leben felbft oftmals verſchwenderiſch umgehen im Dienfte 
anderer? Von ſolchen und ähnlichen Beiſpielen ſind alle 
Bücher aller Sprachen voll; aber wer den Ruhm gering⸗ 
ſchaͤtzt und mit ſeiner eigenen Ehre freigebig iſt, ein ſolcher 
findet ſich noch nicht. Der ſiegreiche Feldherr ſchenkt nach 
dem blutigen Treffen ſeinen Kriegskameraden Beuteſtücke der 
Feinde und Gefangene und macht fie theilhaftig ber ganzen 
Eroberung; aber den Ruhm und bie Ehre der Schlacht 
behält er für fich felbft. Und, wie ber wahre Vater der 
römischen Beredtſamkeit göttlich bemerkt, jene Philoſophen, 
die von ber Pflicht der Geringfhägung bes Rupımes ſchrie⸗ 
ben, ſtreben eben durch ihre Bücher nad) Ruhm. Dem 
König nun gefiel diefe Großmuth und diefes Zurüctreten 
feines Seneſchals nicht, vielmehr war es ihm zumider, 
denn er war ber Anſicht, es fei für einen Unterthanen 
und Diener nicht ſchicklich, fich nicht nur feinem Herrn 
gleichzuftelen, fondern ihn buch Handlungen ber Groß⸗ 
muth und Aufopferung zu verpflichten ; fo fing er an, 
ihn es merken zu laſſen und ihn weniger freundlich zu 
behandeln, ald feither. Sa, zulegt beſchloß er, ihn deutlich 
merken zu laſſen, wie ſehr er ſich irre, wenn er glaube, 
ſich ſeinen Gebieter verpflichten zu können, und zwar 
folgendermaßen. Es mar eine alte bewährte Sitte in 
Perfin, daß bie Könige alljährlich ben Jahrestag ihrer 
Krönung dureh ein großes pomphaftes Feſt feierten, an 
weichem Zage alle Bareme bes Reichs verbunden waren, 
fi) am Hofe einzufinden, weſelbſt der König acht Tage 
lang hintereinander mit den Eoftbarfien Mahlzeiten und 
anderen Yeftlichkeiten diefelben bewirthete Als nun der 
Jahrestag der Krönung des Artaxerxes kam und alles 
in gehöriger Weiſe zugerüftet war, wollte ber König 
ausführen, was ihm eingefallen war, und er trug einem 
feiner vertrauten Kämmerer auf, ſogleich den Ariadar- 


12 XXVXIV. Matteo Bandello. 


zanes aufzuſuchen und ihm zu ſagen: Ariabarzanes, der 


König befiehlt dir, im Augenblicke den Schimmel, den 
goldenen Stab und die übrigen Zeichen deines Seneſchal⸗ 
amtes felber deinem Feinde Darius zu bringen und ihm 
im Namen des Königs zu eröffnen, daß er zum oberften 
Senefchal ernannt ifl. 

Der Kämmerer ging bin und that, was ber König 
ihm aufgetragen hatte. Als Ariabarzanes biefe ftrenge 
Botfchaft börte, meinte er umzufommen vor Schmerz 
und er empfand die Sache um fo tiefer, ald Darius 
fein erbittertfter Feind auf Erden war. Dem unerachtet 
gewann er es bei feiner Seelengröße nicht über fich, den 
innerlihen Kummer merken zu laffen, fondern fagte zu 
dem Kämmerer mit heiterem Geſicht: Was meinem Herrn 
gefällt, das foll gefchehen. Sieh auf der Stelle gehe ich, 
feine Befehle ins Werk zu fegen. | 

Und fo that er auch alsbald mit größtem Eifer. Und 
als die Stunde der Mittagsmahlzeit kam, verrichtete Da- 
rius den Dienft als Senefhal. Sobald der König bei 
der Tafel faß, fegte ſich auch Ariabarzanes mit heiterer 
‚ Miene mit den andern Baronen zu Tifche. Die Ver 
wunderung Aller war fehr groß und unter ben Baronen 
lobten die einen ben König, bie andern nannten ihn im 
Geheimen undankbar, wie das unter Hofleuten fo Sitte ift. 
Der König verwandte kein Auge von Ariabarzanes und 
verwunderte fich fehr, daß er fich Äußerlich fo heiter gab, 
er hielt ihn deshalb in der That für einen Mann von 
fehr edelm Sinne. Und um nun auf den Plan zu 
fommen, den er früher entworfen, fing er an mit.bittern 
Worten allen feinen Baronen feine Unzufriedenheit mit 
Ariabarzanes darzulegen: andererſeits beftach er einige, 
um forgfältig auszufpahen, was er. fagte und that. 
Ariabarzanes hörte die Worte feines Gebieters und murbe 
von den Schmeichlern, die hierauf angemiefen waren ge⸗ 
reizt, er fah auch, daß die Geduld, die er bewies, ihm 
nichts, nügte, und daß ihm die Beſcheidenheit nichts half, 





70. Unüberwindlide Großmuth. 13 


die er im Neben geübt hatte, er erinnerte fich des langen 
treuen Dienftes, den er dem König geleiftet, des erlit- 
tenen Schadens, ber Lebensgefahr, der er fich fo oft 
ausgefegt hatte, der geübten Großmuth und vieler andern 
Dinge, bie er gethan: und da ließ er fich endlich über» 
mannen vom Unmuth, er verlor ben Zügel ber Gebulb 
und ließ fich hinreißen von feinem Selbftgefühl, er meinte, 
er jollte Ehre empfangen ftatt getadelt zu werden, ftatt 
bes verdienten Lohnes aber werde ihm fein Amt genommen; 
unter bittern Vorwürfen beſchwerte er fich über den König 
und nannte ihn undankbar, mas bei den Perfern für ein 
Majeftätsverbrechen angefehen wird. Gerne wäre er vom 
Hofe weggegangen und hätte fich auf eines feiner Schlöffer 
zurüdigezogen, aber das war ihm nicht geftattet ohne Vor⸗ 
wiffen und Urlaub des Königs und er brachte es nicht 
überd Herz, diefen um eine Vergünftigung anzugehen. 
Dem König warb indeffen Alles gemeldet, was Aria⸗ 
barzanes that und mas er ſprach: er ließ ihn daher eines 
Tages rufen und als er vor dem König ſtand, fagte 
Artarerred alfo zu ihm: Ariabarzanes, deine verfchiedenen 
Beſchwerden, deine bittern Klagen, die du bald ba bald 
dort ausläßeft, und dein fortwährender Unmille ift durch 
die Senfter meines Palaftes zu meinen Ohren gedrungen 
und ich Habe Dinge von dir vernommen, bie ich kaum 
geglaubt Habe. Ich wünfchte nun von bir felbft zu er- 
fahren, was dich zu den Beſchwerden bewogen hat; bu 
weißt, in Perfien ift eine Beſchwerde über feinen König 
und vornehmlic, feine Bezeichnung als undantbar Fein 
geringeres ergehen, als der Tadel der unfterblichen 
Götter, weshalb die alten Gefege verordnet haben, daß 
die Könige gleich den Göttern verehrt werden müſſen. 
Unter den‘ Sünden, welche unfere Gefege feharf beftrafen, 
ift die Sünde der Undankbarkeit diejenige, welche aufs 
allerfchärffte geahndet wird. Wohlan, fo fage mir nun, 
worin du von mir beleidigt worden biſt. Denn obwol 
ih König bin, darf ich doch niemanden ohne Grund eine 


- 


14 | XXIV. Matteo Bandello. 
Beleidigung zufügen, denn ſonſt hieße ich billig nicht 


König, was ich bin, ſondern Tyrann, was ich niemals 


fein will. 

Ariabarzanes war voll Unwillens, wich aber doch 
keinen Finger breit von ſeiner großartigen Geſinnung 
und bekannte alle Beſchwerden, die er irgendwo gegen 
den-König vorgebracht hatte, frei. Darauf antwortete 
‘der König alfo: Du kennſt den Grund, riabarzanes, 
weshalb ich mid; von Rechtswegen angetrieben fühlte, 
dir die Würde und das Amt des Senefchals abzunehmen. 
Du wollteft mir die meinige nehmen. Meine Sache ift es, 


in allen meinen Angelegenheiten freigebig, großmüthig, - 


ritterlich zu fein, gegen jedermann Höflichkeit zu üben 
und mir meine Diener zu verpflichten, indem ich ihnen 
von meinem Eigenthum mittheile und fie belohne und 
zwar nicht immer, indem id pünktlich die Handlungen 
abwäge, die fie in meinem Dienfte und zu meinem Bor» 
theil gethan, fondern indem ich fie meift über Verdienſt 
beſchenke. Ich darf nie in ben verdienftlihen Merken 
ber Freigebigkeit die Hände verfehloffen halten, nie mich 
müde zeigen, den Meinigen und Fremden Gefchente zu 


geben, wie es die Umflände erheifchen; denn das ift bas 


eigenthinnliche Amt jedes Königs und das meine ins⸗ 
bejondere. Du aber, der du mein Knecht bift, fuchft 
in gleihem Style auf taufend Weißen durch deine Werke 
ber Höflichkeit nicht mir zu dienen und das zu thun, 
was du mir als deinem Herrn gegenüber thun mußt, 
fondern du bemühft dich, mit deinen Handlungen mich 
auf unlösbare Weife am dich zu feffeln und zu macen, 
daß ich dir auf immer feſt verpflichtet bleibe. Sage mir 
nun felbft, welchen Lohn koͤnnte ich dir geben, welches 
Geſchenk bieten, welchen Preis zumenden, wobei mir 
der Ruhm der Freigebigkeit gefichert bliebe, wenn bu 
mich vorher mit deiner Großmuth fo- an. dich gefeffelt 
haft? Hohe und edelgefiunte Herren fangen dann an, 
einen Diener zw lieben, wenn fie ihn befchenten, ‚wenn 


J 





70. Unüberwindliche Großmuth. . ‚2 


fie ihn erhöhen, und dabei wirb immer darauf Rückſicht 
genommen, daß das Gefchent das Verdienſt übertreffe; 
denn fonft wäre es Feine Freigebigkeit noch Großmuth. 
Der Befieger der Welt Alerander der große nahm eine 
reiche und mächtige Stadt ein, nach deren Befige viele 
feiner Barone trachteten, und um welche ihn bie name 
lichen baten, bie fich um die Gewinnung berfelben mit 
ihren Waffen ehrenvoll bemüht und ihr eigenes Blut 
vergoffen hatten; er wollte fie aber nicht denen geben, 
die Durch ihre Verdienſte Darauf Anfpruch machen konnten, 
fondern er rief einen armen Mann, der ſich zufällig dort 
befand und gab fie ihm, damit die von ihm geübte Frei- 
gebigkeit und Großmuth an einem fo gemeinen niedrigen 
Menfchen defto heller und ruhmvoller ftrahle; denn von 
ber. einem folchen Menfchen erwiefenen Wohlthat kann 
nicht gefagt werben, fie gehe. aus irgend welcher Ver 
bindlichkeit hervor, fondern man fieht deutlich, daß es 
die reine Freigebigkeit, reine Ritterlichkeit, reine Groß⸗ 
muth, der reine Edelfinn ift, aus einem großen und er- 
babenen Herzen hervorgehend.. Ic fage darum nicht, 
dag man nicht einen treuen Diener belohnen folle, aber 
ich behaupte, daß der Lohn immer das Verdienſt deffen 
überfleigen müffe, welcher dient. Nun alfo, wenn bu 
Tag für Tag fo viel Verdienſt erwirbft, wie du thuft, 
und fortwährend fuchft mich unendlich zu verbinden burch 
deine fchrantenlofe Großmuth, wie bisher, fo machſt du 
mich machtlos, dir zu genügen, und fperrft mir den Weg 
für meine Freigebigkeit: Siehſt du nicht, daß ich von 
dir überholt und mitten auf meiner gewohnten Bahn 
gehemmt bin, welche darin befteht, mir die Liebe, die 
Dankbarkeit und die Anhänglichkeit meiner Untergebenen 
durch Gefchente zu erwerben, indem ich ihnen täglich 
von dem Meinigen ſchenke und wenn einer. duch feine 
Dienftleiftungen ein Xalent verdient, ihnen zwei ober - 
drei zu geben? Weißt du nicht, daß, je weniger von 
ihnen der Lohn erwartet wird, ich um fo lieber ihn er⸗ 


16 XXIV. Matteo Bandello. 


theile, um fo bereitwilliger fie erhohe und ehre? Beſtrebe 
dich alfo, Ariabarzanes, in Zukunft fo au leben, daß 
man dic ald Knecht erkennt und mich, mas ich auch bin, 
als Herrn. Alle Fürften fordern meines Bedünkens zwei 
Dinge an ihren Dienern, Treue nämlich und Liebe; 
find dieſe gefunden ſo ſorgen ſie nicht weiter. Wer 
alſo wie du mit mir in Großmuth wetteifern will, der 
wird finden, daß ich ihm am Ende wenig Dank weiß 
Und außerdem will ich dir ſagen, daß, wenn ich will, 
mir die Laune kommen kann, einem meiner Diener etwas 
von dem Seinigen zu nehmen und es zum Meinigen zu 
machen, ich aber dennoch von ihm und denen, die es 
ſonſt erfahren, großmüthig und ritterlich genannt werden 
will. Und das ſollſt du mir nicht leugnen, ſondern es 
freiwillig jedesmal bekennen, ſo oft es mir in den Sinn 
kommt, es zu thun. 

Hier ſchwieg der König und Ariabarzanes antwortete 
fehr ehrerbietig, aber mit Großmuth folgendermaßen: Sch 
habe nie gefucht, unüberwindlichfter König, eure unend- 
liche und unbegreifliche Großmuth mit meinen Handlungen 
zu übertreffen ober ihr gleichzufommen, aber ic) Habe mic 
fehr bemüht, es dahin zu bringen , daß ihr und bie ganze 
Welt deutlich erfennet, wie ich nichts anderes fo fehr 
wünſche, als eure Gnade; und verhüte Gott, daß ich je 
in die große Verirrung verfinte, als könne ich. mit eurer 
Größe wetteifern. Wer wird auch fein Licht neben die 
Sonne ftellen wollen? Wohl fihien es mir unb Teint 
mir noch meine Pflicht zu fein, daß ih nicht nur mit 
diefen Glücksgütern zu eurer Ehre und in eurem Dienfte 
freigebig fein muß, da ich fie ja von euch erhalten habe, 
fondern daß es auch zum Frommen eurer Strone aus⸗ 
ſchlägt, daß ich mit diefem meinem Leben nicht nur nicht 
ſparſam, fondern felbft verſchwenderiſch umgehe. Und 
wenn ihr meinte, ich habe verfucht,. um gleiche Grof- 
muth mit euch zu metteifern, fo mußte ihr doch denken, 
ich thue es, um eure Gnade, volllommener zu haben und 





10. Unuͤberwindliche Großmuth. 17 


damit ich euch Tag für Tag mehr beftimme, mich zu 
lieben; denn als Ziel jebes Dieners ift mir erfchienen, 
mit aller Macht die Liebe und Gunft feines Herrn zu 
fuchen. Segt aber, unüberwinblichfter König, muß ich 
gegen alle meine Vermuthung fagen, das, daß ich nad) 
eurem Zugeftändnig großmüthig, edel, hochherzig geweſen 
bin, verdiene Tadel und Strafe und eure Ungnade, mie 
an mir das, was ihr gethan habt, Blärlich zeigt; wie 
fehr ich auch entfchloffen bin, in meinem wie mir fcheint 
ehrenvollen und löblichen Vorfage zu Teben und zu fterben; 
wenn mir aber ein Gebieter mein. Eigenthum nimmt, 
defien Schuldigkeit es ift, mir von bem Seinigen mite 
zutbeilen, und ich foll fagen,. er fei freigebig und groß- 
müthig und das fei wohlgethan, fo werde ich mid dazu 
nie verſtehen. 

Ale der König diefe legten Worte hörte, fland er 
auf und fprah: Ariabarzanes, es ift jegt nicht Zeit, 
mit die zu freiten, denn die Verhandlung und Abur- 
theilung deiner Worte und Handlungsmeile gegen mich 
übergebe ich dem ernften Ermeffen meiner Käthe, welche 
zu gelegener Zeit das Ganze nach ben Gefegen und Ge⸗ 
bräuchen Perfiens aburtheilen werden. Es genüge mir 
für jegt, daß ich geneigt bin, dir durch die That zu 
zeigen, daß das wahr ift, was du jept geleugnet haft; 
und du wirft es felbft mit eigenem Munde bekennen. 
Inzwiſchen begib dich hinweg nad, deinen Schlöffern 
und komm nicht wieder zu Hof, wenn ich dich nicht 
verlange. 

Als Ariabarzanes biefen letzten Entſchluß feine Ge- 
bieterd vernommen, wandte er fi) nach Haufe und mar 
mehr als zufrieden, fih auf das Land nad feinen 
Schlöffern begeben zu dürfen, froh, nicht den ganzen 
Tag fich feinen Feinden gegenüber zu fehen, aber voll 
Unmuth über die vom König ausgefprochene Übertweifung 
feiner Angelegenheit an feinen Rath. Nichts defto weniger 
entfchloffen, jedes Gefchi über fich ergehen zu laffen, 


18 XXIV. Matteo Bandello. 


unterhielt er fich mit den Freuden und Zerſtreuungen 
der Jagd. Er hatte nur zwei Töchter, welche ihm ſeine 
verſtorbene Gattin hinterlaſſen; beide galten für ſehr ſchön, 
doch war die erſte ohne Vergleich ſchöner, als die andere, 
und nur um ein Jahr an Alter von ihr verſchieden. 
Der Ruhm ihrer Schoͤnheit flog durch ganz Perſien und 
es war darin kein ſo großer Baron, der ſich nicht ſehr 
gerne mit Ariabarzanes in Verwandtſchaft geſetzt haͤtte. 
Er war nun etwa vier Monate auf einer ſeiner Burgen 
geweſen, welche ihm beſſer als die andern gefiel wegen 
ber daſelbſt berrfchenden vollfommen guten Luft und 
ebenfo, weil die fchönften Sagden mit Hunden wie mit 
Vogeln fich dort befanden. Da erfchien daſelbſt plöglich 
ein Herold des Königs, welcher zu ihm ſprach: Aria⸗ 
barzanes, der König mein Herr befiehlt dir, dag du mit 
mir diejenige deiner Töchter an ben Hof fendeft, welche 
die fehönfte von beiden ift. 

Ariabarzanes Eonnte bie Abficht des Königs bei biefem 
Befehle nicht ahnen, bie verfchiedenften Gedanken kreuzten 
fih darüber in feinem Kopfe, er baftete dann bei einem, 
. ber ihm plöglich einfiel und beſchloß, Die jüngere zu fenden, 
die, wie gefagt, der Altern an Schönheit nicht gleichlam. 
Nachdem er diefen Entfchluß gefaßt hatte, ſuchte er feine 
“ Tochter auf und ſprach zu ihr: Liebe Tochter, mein König 
hat mir den Befehl zukommen laffen, ihm bie fchönfte 
meiner Töchter zu fenden, aber aus einem triftigen Grunde, 
den ich die jegt nicht fagen kann, will ih, daß du hin⸗ 
geheſt. Aber merke dir wohl und praͤge dir ein, ihm 
. nie zu ſagen, daß du die weniger ſchöne biſt, denn wenn 
du ſchweigſt, fo wird es Dir den größten Bortheil ver⸗ 
ſchaffen, offenbarſt du dich dagegen, ſo wäre es mir ein 
unerſetzlicher Schaden und könnte mich vielleicht das Leben 
often. Auch wenn du fühlft, daß du ſchwanger bift, 
fagft du niemand etwas davon und läßt niemand deine 
Schwangerfchaft merken. Erſt wenn du ganz gewiß bift, 
ſchwanger zu fein, und beinen Zeibesumfang fo zunehmen 





70. Unũberwindliche Großmuth. Ä 19 


fiebft, daß fi die Sache nicht mehr verbergen läßt, 
dann magft du auf irgend eine bir paſſend feheinende 
Weiſe dem König zu wiffen thun, baß deine Schweſter 
viel fehöner ift ale du und dag du die jüngere bift. 
Das Mädchen war Hug und verfländig; fobald fie 
den Willen des Vaters gehört und feinen Plan einge 
fehen hatte, verfpradz fie zu thun, was er ihr aufteug. 
So marb fie denn mit dem Herold in ehrenvollem Ge 
leite an den Hof gebracht. Es mar nicht ſchwer, den 
König und die andern zu täufhen, denn wenn auch die 
ältere noch weit fehöner war, fo war doch die Ungleichheit 
nicht fo groß, dag, wenn nicht beide nebeneinander ftanden, 
die jüngere nicht für die fchönfte gelten Eonnte; auch waren 
fih ihre Zübe fo ähnlich, daß, wer nicht genauer mit 
ihnen befannt war, nicht leicht merkte, welche die ältere 
ſei. Ariabarzanes hatte fie überdies fo zurückgezogen ge 
halten, dag man fie nur felten fehen konnte. Dem König 
war feine Frau ſchon vor einigen Jahren geftorben. Er 
befchloß daher, die Tochter des Ariabarzanes zur Frau zu 
nehmen, welche, obfchon nicht von königlichem Geblüte, 
nichts defto weniger von fehr gutem Adel war. Sobald 
er fie ſah und fie weit fehöner fand, als er nach dem 
Gerücht angenommen hatte, verlobte er fich in Gegen- 
wart feiner Barone feierlich mit ihre und ließ dem Aria» 
barzanes fagen, er folle ihm das Heirathgut für bie 
Tochter ſchicken, die er zu feiner Gemahlin erforen. Als 


Ariabarzanes diefe Nachricht erhielt, war er fehr erfreut 


über diefen Gang der Sache und fchidte der Tochter die 
Mitgift, welche er wie man wußte fihon früher jeber 
feiner beiden Töchter ausgefegt hatte. Diele am Hofe 
wunberten fich ſehr darüber, daß der fchon bejahrte König 
ein Kind zum Weibe nehme und zumal die Tochter eines 
Vaſallen, den er vom Hofe verwiefen hatte. Andere 
dagegen lobten ihn darüber, wie das fo Sitte der Hof- 
leute if. Doch mar keiner unter ihnen, ber. auf den 
Grund verfallen wäre, der den König bewog, biefes 


30 XXIV. Matteo Bandello. 


Samilienband zu knüpfen, benn es gefchah nur, um 


« Ariabarzanes zu dem Geftändnif zu bringen, daß er ihn 


gnädig und großmüthig nennen müffe, wenn er ihm auch 
etwas von feinem Eigenthum nehme. Als nun die Hoch- 
zeit mit aller Pracht gefeiert war, ſchickte Ariabarzanes 
dem König eine zweite Mitgift von der Größe der erften 
mit der Bemerkung, wenn er früher die Mitgift für feine 
Töchter feftgefegt habe, fo fei e8 in der Vorausfegung 
gefchehen, daß er fie an Männer feines Gleichen ver- 
heirathe; wenn er aber fehe, daß er, der in gar feine 
BDergleihung mit einem andern fomme, der Gatte ber 
einen geworden fei, fo fiheine ihm paffend, ihm mehr 


Mitgift zu’ geben, als jedem andern, der fein Eidam 


hätte werden können. Der König wollte aber auf biefe 


- Bermehrung der Mitgift fih nicht einlaffen und hielt 


zz 


fi) hinlänglich befriedigt mit der Schönheit und dem 
Detragen feiner Neuvermählten, die er ganz ald Königin 
behandelte und ehrte. Unterdeffen ward fie ſchwanger mit 
einem Sohne, wie fich fpäter bei der Geburt ergab; fie 
merkte ihre Schwangerfchaft wohl, verhehlte fie aber, 
fo gut fie konnte. Sowie fie aber an dem wachfenden 
Umfang ihres Leibes fah, daß fie ihre Schwangerſchaft 
nicht mehr länger verbergen konnte, benügte die Ver 


fländige Elüglich einen Zeitpunkt, wo der König bei ihr 


war und ganz vertraulich mit ihr fcherzte, und fing ver- 
fchiedene Geſpräche an, worunter fie ihre Anliegen ge 
[hit entdeden zu können glaubte, und offenbarte ihm 
endlich, daß fie nicht die fihönfte der beiden Schweftern 
fi. Ad der König dies hörte, warb cr fehr unmillig 
darüber, daß Ariabarzanes feinem Befehle nicht gehorcht 
hatte, und fo fehr er feine Gattin liebte, rief er doch, 
um feinen Plan durchzuführen, ben Herold, ben er früher 
auf die Brautmerbung gefandt hatte, ſchickte fie mit ihm 
an ihren Vater zurück und lief ihm fagen: Ariabarzanes, 


da du merkteft, daß das Wohlwollen unfers Königs dich 


überwunden und befiegt hat, wollteft du ſtatt Edelmuth 


70. Unüberwindlihe Großmuth. 21 


e 

gegen ihn Bosheit und Ungehorfam üben und haft von 
deinen Töchtern nicht die, die ich in feinem Namen bir 
abverlangte, fondern, die, die dir zu ſchicken beliebte, 
geſchickt und damit in ber That die herbfte Züchtigung 
verdient. Darum fendet er, nicht wenig ergrimmt über 
die Sache, bie Tochter dir ind Haus zurüd und will, . 
daß ich ihm die erfte mitbringe; zugleich habe ich die 
Mitgift, die du ihm’ gegeben, vollftändig bei mir; hier 
ift Allee. 

Ariabarzanes nahm Tochter und Mitgift mit bem 
freundlichften Gefichte auf und ſprach zu dem Herold alfo: 
Meine andere Tochter, welche der König mein Gebieter 
verlangt, kann ich jegt nicht mit dir fenden, denn fie 
liegt ſchwer trank zu Bette, wovon du dich -felbft über- 
zeugen kannſt, wenn bu mit mir in ihr Zimmer fommen 
willft; aber ich verpfände dir mein Wort, fobald fie ge- 
heilt ift, werde ich fie an den Hof fenden. 

Als der Herold das Mädchen fah, welches krank im- 
Bette Tag, kehrte er zum König zurüd und berichtete 
ibm Allee. Er war bamit zufrieden und wartete, wie 
. die Sache weiter gehen werde. Die Genefung der kranken 
Jungfrau fchritt aber nicht fo raſch vor und die Zeit 
fam, wo die andere Tochter gebären follte. Sie gebar 
auch ein ſchönes Knäblein und Mutter und Kind befanden 
fih in erwünſchtem Wohlfein. Ariabarzanes war darüber 
fehr zufrieden und äußerſt vergnügt und dies um fo mehr, 
als in wenigen Tagen fihon das Neugeborene in feinen 
Zügen feinem königlichen Water fo ähnlich wurde, daß es 
gar nicht ähnlicher Hätte fein fonnen. Als die junge Frau 
ihr Wochenbett verließ, war indeffen auch ihre Schwefter 
hergeftellt und wieder fo fchon geworden wie zuvor. - Xria- 
barzanes Eleidete beide reich und fhidte fie an den König 
mit. ehrenvollem Geleite, nachdem er fie zuvor unterwiefen, 
was fie fagen.und thun follten. Sowie fie am Hofe an- 
famen, ſprach einer von ben Leuten des Ariabarzaned 
alfo zum König: Hoher Herr, bier ift nicht nur eine 


29 XXIV. Matteo Bandello. 
u | 


Tochter, ‚welche euch Wriabarzanes euer Knecht fendet, 
fondern alle beide,. die er bat. 

Als der König diefe edle Freigebigfeit des Ariabar- 
zaned hörte und fah, nahm er Alles an und fprach bei 
ſich felbft: Ich will es To einrichten, daß Ariabarzanes 
. vollfommen mit mir zufrieden und doch von mir über- 
wunden wird. 

Ede der Bote wegging, ber bie sungen Meiber ber» 
geleitet hatte, Tieß er einen feiner Söhne mit Na- 
men Cyrus kommen und fagte zu ihm: Mein Sohn, 
ih mill, daß du diefe jungfräuliche Schwefter meiner 
Sattin, die, wie bu fiehft, fehr ſchoͤn ift, zur Frau 
nehmeſt. 

Der junge Mann that das ſehr gerne. Andererſeits 
nahm der König die ſeinige wieder zu ſich, veranſtaltete 
ein großes Feſt und wollte, daß die Hochzeit ſeines Sohnes 
feierlich und pomphaft begangen werde und acht Tage 
dauere. Als Ariabarzanes dieſe frohe april erhielt, 
gab er fih noch nicht überwunden, es ſchien ihm viel- 
mehr fein Plan volllommen nach Wunſch zu gehen; er 
beſchloß das kürzlich geborene Kind dem König zu fenden, 
welches ihm wie gefagt glich wie eine Fliege der andern. 
Er ließ alfo eine. fehr fchöne Wiege von Elfenbein machen, 
die ganz mit feinem Golde ausgelegt und mit ben koſt⸗ 
. barften Ebdelfteinen geſchmuͤckt war. Darein ließ er das 
Kindlein legen eingewickelt in die feinſten Tücher von 
Seide und Goldſtoff und ließ es unter Obhut ſeiner 
Amme und mit glänzendem Gefolge zum König führen, 
ale eben die feierliche Hochzeit gehalten wurde. Der 
König befand ſich in einem fchon geſchmückten Saale in 
Geſellſchaft vieler feiner Barone; als nun der, der das 
Kindlein dem König überreichen follte, dort ankam, lief 
er die Wiege vor ihm niederfegen und Tniete vor ihm bin. 
Der König und alle Barone verwunderten fi) darüber 
und hatten Acht, was der Bote fagen wollte. Er fafte 
die Wiege an und ſprach: Unüberwindlichſter König, ich 


70. Anüberwindlide Großmuth. 23 


küſſe euch im Namen des Ariabarzanes meines Herrn 
und eures Dienftmanns knieend eure königlichen Hände 
und übergebe euch mit fehuldiger Ehrfurcht diefes Ge 
ſchenk. Ariabarzanes dankt Euer Hoheit unendlich für 
alle die Gnade, die ihr gegen ihn zu üben geruht habt, 
indem ihr euch berablieget, Verwandtfchaftsbande mit ihm , 
einzugehen. Er will für diefe große Huld nicht undankbar 
fein und fendet euch durch mich dieſes Geſchenk. 

Hier bdedite er die Wiege auf. Sobald das Tuch 
zurücgefchlagen war, zeigte ſich das fchönfte Knäblein, 
das ben allerlieblichften Anblick von der Welt gewährte, 
und es fah dem König fo ähnlich, wie ein Halbmond 
dem andern. Da fprad ein jeder, ohne Weiteres anzu- 
hören: Wahrlich, geheiligter König, dieſes Kind gehört 
euch. 


Der Koͤnig ward nicht ſatt, es zu betrachten, und 
die Freude an ſeiner Beſchauung war ſo groß, daß er 
gar nichts‘ ſprach. Das Kind machte die anmuthigſten 
Bewegungen, fpielte mit feinen zarten Händchen und 
wandte fih oft mit dem freundlichften Lächeln zu feinem 
Dater.: Ad diefer es eine gute Weile aufmerkfam be- 
trachtet hatte, wollte er von dem Boten erfahren, was 
das alles bedeute. Nun erzählte der Bote dem König 
Alles genau. Als dieſer die Gefchichte hörte, ließ er Die 
Königin rufen, welche ihrerfeits alles vollkommen beftätigte. 
Darüber war er denn außerordentlich zufrieden, nahm 
vol. Freuden fein Söhnlein au fih und gab fih faft 
überwunden. Doc meinte er fchon fo weit gegangen 
zu fein, daß ein Rückzug Schmadh und Schande für 
ihn wäre; er befchloß daher, gegen Ariabarzanes noch 
eine weitere Handlung der Großmuth auszuführen, um 
mitteld derfelben ihn entweder ganz zu überwinden, oder 
doch einen triftigen Grund zu haben, um eine töbtliche 
Feindſchaft gegen ihn zu faffen. Der König hatte eine 

Tochter von zwanzig bis einundzwanzig Jahren; fie war 
fehr fi ſchön und gebildet, denn ſie hatte eine koͤnigliche 


94 XXIV, Matteo Bandello. 


Erziehung und Unterricht genoffen. Er hatte fie noch 
nicht yermählt, denn er behielt fie auf, um mit einem 
König oder hohen Fürſten fich durch fie zu verbinden, 

- und ihre Mitgift mar taufend Pfund des feinften Golbes 
werth nebft den Einkünften einiger Schlöffer außer ben 
Löftlichften Kleidern und unzähligen Juwelen, welche die 
Königin ihre Mutter ihr bei ihrem Tode hinterlaffen hatte. 
In der Abſicht e8 dem Ariabarzanes zuvorzuthbun kam 
der König auf den Gedanken, ihn mitteld diefer Tochter 
zu feinem Eidam zu machen. Allerdings fehien ihm diefer 
Schritt feine geringe Erniedrigung, denn es ift eine ſchwere 

Aufgabe für eine Frau von hoher Abkunft, einen Dann 
von geringerem Blute zum Gatten zu nehmen. Ein an- |; 
deres ift das bei dem Manne, der, wenn er von gutem | 
Adel ift, damit, daß er eine Frau von niedrigerer Ab- , 
Eunft nimmt, noch nicht fchon feinen Rang verliert; denn | 
wenn der Mann von hohem edelm Gefchlechte ſtammt, 
ſo adelt und erhebt er die Frau, die er feiner Größe ı 
beigefellt, wäre fie auch mitten aus ber Hefe des Volkes 
genommen; und die Söhne, welche ihnen geboren werben, 
erhalten alle den gleichen Adel, wie der Vater. Eine 
Frau dagegen, fo adelig fie ift,- wenn fie einen Niedvigern 
beirathet und ihr Gatte nicht von Abel ift, gebiert Feine 
Kinder, welche dem Range der Mutter gleichftehen, fon« 
dern alle folgen dem des Waters und bleiben unadelig, 
fo weit geht die Achtung vor dem männlichen Gefchlechte. 
Daher fagen viele Gelehrte, der Dann gleiche der Sonne, 
die Frau dem Monde. Wir fehen wohl, daf der Mond 
nicht durch fich felbft Teuchtet und fein Licht oder Schein 
bem nächtlichen Dunkel gewähren, könnte, wenn er nicht 
von der Sonne erleuchtet wäre, welche mit ihrem kräftigen 
Strahl zu rechter Zeit und am rechten Drte die Sterne 
erhellt und den Mond beleuchtet. Ebenfo hängt die Frau 
vom Manne ab und empfängt von ihm ihren Adel. Der 
König alfo glaubte Unrecht zu thun, wenn er dem Aria⸗ 
barzanes feine Tochter gebe, und fürdhtete dafür Vorwurf 





70. Unüberwindlihe Großmuth. 25 


und Zabel zu ernten. Aber jede Rückſicht und jede Furcht 
vor Schande ward befiegt und überwunden von dem Eifer, 
in diefem Wettlampf des Edelmuths bie Oberhand zu be 
halten. Er ſchickte deshalb zu Ariabarzanes mit dem 
Auftrage, zu ihm an Hof zu kommen. Sobald er den 
Befehl des Königs erhalten, reifte er bin und flieg in 
feinem Palaſte in der Stadt ab. Dann begab er ſich 
fogleih bin, um feinem Herrſcher feine Ehrfurcht zu bes 
zeugen, welcher ihn denn fehr huldvoll bewillkommte. 
Bald nah dem Empfange fagte ber König zu ihm: 
Ariabarzanes, da du Feine Gattin mehr haft, wollen wir 
dir eine geben, welche uns gefällt, und zwar eine folche, 
mit der du volllommen zufrieden fein kannſt. 
Ariabarzanes antwortete, er fei bereit, Alles zu thun, 
was er begehre. Da ließ der König feine Tochter prächtig 
angethban hereinfommen und befahl dem Ariabarzanes, 
hier vor dem ganzen Hofe fie als feine Frau anzunehmen. 
Als dies mit ben gebührenden Förmlichkeiten gefchehen 
war, zeigte Ariabarzanes Feine große Freudigkeit über 
diefe Verwandtſchaft und that mit der Braut anſcheinend 
ſehr wenig zärtlih. Ale Barone und Edelleute am Hofe 
waren ganz betroffen, als fie die große Huld ihres Königs 
fahen, womit er einen feiner Bafallen zum Schmiegerfohn 
und Eidam angenommen hatte. Als fie daneben das 
ftörrifhe Wefen des Artabarzanes bemerkten, tadelten fie 
ihn aufs ntfchiedenfte. . Den ganzen Tag über war 
Ariabarzaned außer fih, während der ganze Hof jubelte 
und nichts als tanzte. Der König felbft war voll Freude 
über der Hochzeit feiner Tochter und war nur mit feinem 
Glücke befhäftigt. Am Abend nach einer koſtbaren Mahl⸗ 
zeit ließ der König feine Tochter mit feftlichem Pompe 
nach der Herberge des Ariabarzanes begleiten und ihre 
reiche Mitgift auch dahin bringen. Er empfing feine Gattin 
höchſt ehrenvoll und gab ihr augenblicklich in Gegenwart, 
der Barone und Herren, welche fie begleitet hatten, ein 
eben fo großes Heitathägut, wie das, das fie mitgebracht, 
Staliänifcher Novellenfhag. IH. 2 


2%. XXIV. Matteo Bandello. 


und fchidte die taufend Pfund Gold, die ihm vom König 
zum Heirathsgut gegeben worden waren, bemfelben zurüd. 
Diefe Großmuth fegte den König in folches Erftaunen 
und erfüllte ihn zugleich mit fo heftige Unmillen, daß 
er. zweifelhaft war, ob er ihm nachgeben ober ob er ihn 
zu ewiger Verbannung verurtheilen fole. Der König 
biele die Großmuth des Ariabarzaned nunmehr für un- 
überwindlich und konnte es nicht geduldig ertragen, daß 
einer. feiner Vaſallen fich feinem Könige in Sachen des 
Edelmuths und der Freigebigkeit gleichftele. Er ftellte 
fih daher heftig erzürnt und überlegte immer bei ſich, 
was er in dieſem Falle thun folle. Es mar nicht ſchwer, 
den Grimm und Unmillen des Königs zu bemerken, denn 
fein Ausfehen war verftöst und er machte niemanden ein 
fhlimmes Gefiht. Und da in Perfien dazumal die Könige 
gleich Göttern geehrt und hochgeachtet wurden, beftand 
unter ihnen ein Gefeg, fo oft der König fich heftig er» 
zürne, folle er die Urfache feines Zornes feinen Räthen 
offenbaren, welche mit reifer Überlegung das Ganze zu 
prüfen haben, und wenn fie den König mit Unrecht er- 
zürnt fänden, follten fie gehalten fein, ihn zu beruhigen; 
fände ſich aber wirklich, daß er guten Grund gehabt habe, 
unwillig zu werden und in Zorn zu gerathen, fo follten 
fie den Urſächer des Unwillens nach Befchaffenheit des 
Fehles mehr oder weniger hart beftrafen, fei es mit DVer- 
bannung, fei ed mit Todesſtrafe. Das Urtheil dieſer 
Männer wurde ohne Einfprache angenommen. Dad 
konnte freilich der König, wenn das Urtheil gefällt war, 
ganz oder theilmeife die Strafe vermindern oder ben 
Schuldigen freifprehen. Es wurde daraus Elar, daß der 
von den Räthen gegebene Spruch die reine Gerechtigkeit, 
der Wille des Königs aber, wenn er jemand freifprad,, 
Gnade und Barmherzigkeit war. Der König mar alfo 
nach der Berfaffung des Weiche gehalten, die Urſache 
feines Unwillens zu offenbaren. Er that dies auch genau, 
Die Mäthe, nachdem fie die Gründe ded Königs gehört 


! 





70. Unüberwindlihe Grogmuth. 27 


hatten, ſchickten nach Ariabarzanes, von dem fie durch 
geümdliches Verhör vernehmen wollten, weshalb er dies 
und jenes gethan habe. Die Herren Näthe begannen 
nun über die vorgelegte Angelegenheit ihre Meinungen 
zu äußern; lange waren fie umeine in der Erforfchung 
der Wahrheit der Sache, endlicy aber nach langem Streite 
fprachen fie das Urtheil, Ariabarzanes folle den Kopf 
verlieren, theil& weil er fich dem König habe gleichftellen, 
ja ihn übertreffen wollen, theils weil er Zeine Freude 
darüber, daß er eine Tochter feines Königs zur Frau 
befommen, Begegt und ihm nicht den gebührenden Dank 
für eine ſolche Huld ausgebrüdt habe. Es mar bei ben 
Perfern ein feftes Herlommen, fo oft in irgend einer 
That oder Handlungsweife ein Unterthan feinen Herrn 
zu übertreffen und e& ihm zuvorzuthun fucht, fo löblich 
und würdig auch dad Werk fein mag, er aus Rüdficht 
auf die dDargelegte Geringfehägung der Eöniglihen Majeftät 
enthauptet werben mußte, weil es eine allzu große Ver⸗ 
legung feines Gebieterd wäre. Und um diefes ihr Urtheil 
beffer zu beftätigen, fagten diefe Herren Räͤthe, es fei 
feüher ſchon von den perfifchen Königen eine ſolche Be⸗ 
fiimmung ausgeführt worden und in ihren Annalen ver- 
zeichnet. Der Fall war folgender. Der König von Per- 
fien war mit vielen feiner Barone zu feiner Zerfireuung 
auf das Land gegangen; er hatte feine Falken bei ſich 
und fing an fie auf verfchiedene Vögel loszulaffen. Sturz 
darauf fanden fie einen Meiher. Der König befahl, einen 
der Falten, der für den beften galt von denen, die er bei 
fih hatte, denn er hatte eine große Ausdauer und flieg 
bis zu den Sternen empor, auf den Reiher loszulaſſen. 
Als dies gefchehen war, fing der Neiher an, fich zu heben, 
und ber Falke verfolgte ihn rüſtig. Während nun ber 
Falke nach vielem Widerſtreben den Reiher in die Klauen 
packen und fefthalten wollte, erfchien plöglich ein Adler. 
Sobald der muthige Falke den Adler erblickte, wollte er 
mit dem fhüchternen Reiher nicht weiter Fämpfen, fondern 
3% 


28 XXIV. Matteo Bandello. 


wandte fi mit raſchem Fluge zu dem Adler und fing an, 
ihm heftig nachzufegen. Der Adler vertheidigte ſich ſehr 
muthig und der Falke ftrebte, ihn unter fich zu bekommen. 
Am Ende padte der brave Falfe mit feinen fcharfen 
Krallen den Adler am Halfe und rif ihm den Kopf vom 
Rumpfe, ſodaß er mitten unter der Gefellfchaft des Königs 
niederfiel. Alle Barone und Edelleute, die bei dem Könige 
waren, priefen dieſes Verfahren Höchlich und hielten den 
Falken für einen der beften in der Welt, ertheilten ihm 
auch die Lobſprüche, die ihrer Anficht nach für eine fo 
hochherzige Handlung gebührten, ſodaß niemand war, der 
nicht den Falken außerordentlich anerkannt hätte. Der 
König aber, mas auch die Barone und die andern fagten, 
ſprach nicht ein Wort, fondern blieb nachdenklich ſtehen 
und hatte für den Falken weder Lob noch Tadel. Es 
war ſchon fehr ſpät, als der Falke den Adler umbrachte; 
darum befahl der König allen in die Stadt zurüdzutehren. 
Am folgenden Tage ließ der König von einem Golbd- 
ſchmiede eine fehr fchöne goldene Krone von ſolcher Ge⸗ 
ftalt machen, dag man fie dem Falten auflegen Eonnte. 
Als ihm fodann die Zeit paffend fchien, befahl er auf 
dem öffentlichen Plage der Stadt einen mit Wolltapeten 
und andern Zierrathen gefhmüdten Katafalk zu errichten, 
wie es Sitte ift, folche königliche Balkone zu verzieren. 
Unter Trompetenfchall ließ er den Falken dahin bringen, 
wo auf Befehl des Königs ein hoher Baron ihm bie 
goldene Krone auf den Kopf fegte zum Lohne der vor: 
frefflichen Beute, die er an dem Adler gemacht hatte. 
Anbererfeits kam aber der Scharfrichter herbei, welcher 
dem Falten die Krone abnahm und ihm mit dem Beile 
den Kopf abfehlug. Über diefes widerfprechende Verfahren 
waren alle Zufchauer höchlich betroffen und alle begannen 
verſchiedene Geſpräche über dieſen Vorfall. Der König 
ſah aus einem Fenſter des Palaſtes Alles mit an, ließ 
Stille gebieten und ſprach, ſo laut, daß er von den Zu⸗ 
ſchauern verſtanden werben konnte, alſo: Niemand er- 








70. Unüberwindliche Großmuth. 29 


dreifte fih, über das, was foeben mit dem Falten ge» 
ſchehen ift, zu murten, denn Alles ift aus gutem Grunde 
gefchehen. Ich hege die fefte Meinung, daß es die Pflicht 
jebed hochherzigen Fürſten ift, Zugend und Laſter zu 
kennen, damit er tugendhafte und löbliche Handlungen 
ehren und die Lafter ſtrafen kann; fonft dürfte man ihn 
nicht König oder Fürft, fondern einen treulofen Tyrannen 
nennen. Darum habe ih, nachdem ich in dem tobdten 
alten einen mit großer Rüſtigkeit gepaarten Edelmuth 
und Seelengröße erfannt, ihn mit einer Krone vom feinften 
Golde ehren und belohnen wollen; denn nachdem er fo 
muthvoll einen Adler getödtet, verdiente er, daß folches 
tapfere und wadere Benehmen belohnt wurde. Sodann 
aber in Betracht, daß er kühn ja frech genug war, feinen 
König anzufallen und zu töbten, fchien es mir am Plage, 
daß er die verdiente Strafe für fo große Verruchtheit 
empfange; denn es ift dem Diener nie erlaubt, die Hände 
mit dem Blute feines Heren zu befleden. Nachdem nun 
der Falke feinen und aller Vögel König umgebracht, wer 
wird mich mit Recht tabeln können, wenn ich ihm das 
Haupt abfchlagen ließ? Gewiß niemand, bünft mid. 
Dieſes Urtheil führten die Herren Richter an, als 
fie den Spruch thaten, Ariabarzanes folle enthauptet 
werden. Und fo verorbneten fie in Übereinftimmung da⸗ 
mit, daß zuerft Ariabarzanes wegen feiner Großmuth 
und Zreigebigkeit mit einem Lorbeerfrange gekrönt werben 
folle, damit feinem edeln Sinne gebührend Rechnung 
getragen werde; da er aber mit folchem Wetteifer, mit 
ſolchem feſten Streben und beharrlichen Willen ja mit 
der größten Anſtrengung verſuchte es feinem Könige gleich 
zu thun, mit ihm an Freigebigkeit zu wetteifern, ja es 
ihm zuvorzuthun, ſich über ihn zu ſtellen; und da er 
außerdem darüber ſich aufgelaſſen, ſolle ihm deshalb der 
Kopf abgeſchnitten werden. Als dem Ariabarzanes dieſes 
ſtrenge Urtheil eröffnet wurde, hielt er mit der gleichen 
Seelengröße diefen giftigen Pfeil des Schickſals aus, wie 


| 3 XXIV. Matteo Banbello. 


er die früheren Schläge bes ihm feindlich entgegentretenden 
Geſchicks ertragen hatte; und er benahm und hielt fich in 
einer Meife, daß man kein Zeichen von Schwermuth ober 
gar Verzweiflung an ihm bemerkte. Er fagte blos mit 
heiterem Gefichte in Gegenwart von vielen andern: Das 
Einzige blieb mir noch zulegt übrig, daß ich meinem 
Heren auh Blut und Leben opfere. Ich thue es mit 
Freuden und man foll daraus erkennen, daß ich eher 
fterben kann, als meiner gewohnten Freigebigkeit ent 
fagen. 

Er Tief fofort den Notar rufen, machte. fein Teſta⸗ 
ment (denn nach den perfifchen Gefegen war dies erlaubt), 
gab feiner Frau und feinen Töchtern Zufchuß zu ihren 
Ausftattungen, vermachte feinen Verwandten und Freunden, 
was ihm angemeffen fehien, und hinterließ dem König eine 
große. Summe Löftlicher Kleinode. Cyrus dem Sohne 
bes Königs feinem Eibam vermachte er außer einer großen 
Summe Geldes alle feine Waffen zu Schug und Trug 
und alle Pferde, die er hatte. Zuletzt verordnete er, 
wenn feine Srau, die möglicher Weile ſchwanger fein 
fönnte, einen Knaben gebäre, folle diefer fein Sohn 
fein Gefammterbe werden; wäre es eine Tochter, fo folle 
fie wie Die andern Töchter ausgeftattet und der Reſt 
unter bie drei Schweftern zu gleichen Xheilen getheilt 
werden. Ferner forgte er dafür, daß alle feine Diener 
nach ihrem Range belohnt wurden. Als bies den Tag 
vor feiner feftgefegten Hinrichtung nach perfifchem Brauche 
veröffentlicht wurde, war man allgemein ber Anſicht, es 
fei fein freigebigerer und großmüthigerer Mann jemals 
in diefem Lande und vielleicht in der ganzen Umgegend 
gewefen. Und außer einigen Neidifchen, die bei dem 
Könige immer bahin geftrebt Hatten, ihn zu Grunde zu 

richten, zeigten alle andern großes Misvergnügen darüber, 
daß er auf diefe Weife fterben müffe. Niemand ohne 
Ausnahme war ed erlaubt, wenn ein folches Urtheil ge- 
fällt war, ben König um das Leben bed Verurtheilten 


70. Unüberwintliche Großmuth. 31 


anzuflehen. Daher fühlten die Gattin und die Töchter 
des Arlabarzanes nebft feinen Verwandten und Freunden 
die größte Bekümmerniß und weinten fortwährend Tag 
und Nacht. Als der achte Tag Fam (fo lange hat ein 
Verurtheilter Zeit, um feine Einrichtungen zu treffen), 
wurde auf Befehl des Königs mitten auf dem lage 
eine Nichtflätte aufgefchlagen, ganz bedeckt mit ſchwarzen 
Tüchern, und ihr gegenüber eine andere, welche mit Purpur 
und Seide überfleidet war, mwofelbft ber König, wenn er. 
will, fi) unter den Richtern niederläßt und, nachdem 
dem Schuldigen der Proceß gelefen ift, aus eigenem 
Munde befiehlt, daß der Spruch ausgeführt werde, oder 
auch, wenn ed ihm gutdünkt, den Berurtheilten befreit 
und losſpricht. Wenn aber der König nicht felbft bei 
dem Urtheile gegenwärtig fein will, fo verficht der Altefte 
ber Richter, nad) eingeholter Willensmeinung des Königs, 
fogleich da8 Ganze in feinem Namen. Der König, dem 
ed in der That leid war, daß ein fo hochherziger Mann, 
der ihm fo genau befannt, fein Schwiegervater und Eidam 
war, ein fo ſchauderhaftes Ende nehmen follte, wollte an 
jenem Morgen bei dem Ganzen gegenwärtig fein, theils 
um bie Haltung des Ariabarzanes zu fehen, theils auch, 
um einen Ausmeg zu feiner Errettung zu finden. Aria 
barzanes mard alfo von den Häfchern des Gerichts auf 
die Nichtftätte geführt und prachtvoll gekleidet; ſodann 
ward ihm bie Lorbeerkrone auf das Haupt gefept. Aber 
fo blieb er nicht lange, die reichen leider und der Kranz 
wurden ihm abgenommen und feine gewöhnlichen Kleider. 
wieder angelegt. Der Scharfrichter erwartete den legten 
Befehl, um feine Pflicht zu thun, und hatte ſchon bas 
fiharfe Schwert hoch erhoben, als der König ben Aria⸗ 
barzanes feft ind Auge faßte, welcher feine Gefichtöfarbe 
nicht mehr und nicht weniger veränderte, ald wenn bie 
Sache ihn gar nicht beträfe; und doch mußte er ver⸗ 
nünftiger Weiſe annehmen, daß der Henker im Begriffe 
fiehe, ihm den Kopf abzufchlagen. Als der König die 


32 XXIV. Matteo Bandello. 


große Beftändigkeit und den unbefiegten Muth 526 Aria- 
barzanes fah, fprady er mit lauter Stimme, fobaß alle 
es hörten, alfo: Ariabarzanes, wie du wiflen kannſt, 
bin ich nicht derjenige, der dich zum Tode verurtheilt hat, 
fondern deine orbnungswidrigen Handlungen und die Ge⸗ 
fege dieſes Reiche haben dich auf diefen Punkt gebracht. 
Und da unfere heiligen Gefege mir bie Freiheit geben, 
jeden verurtheilten Schuldigen wie mir fcheint ganz oder 
theilmeife freizufprechen und in den früheren Gnadenſtand 
aufzunehmen, will ich, wofern du dich befiegt geben willſt 
und nicht verfchmähft, das Leben von mir als Geſchenk 
zu empfangen, bir die Todedftrafe erlaffen und Dich dei» 
nen Amtern und Würden zurückgeben. 

Als Ariabarzanes diefe Worte hörte, welcher Inieend 
mit gefenftem Kopfe erwartete, daß ihm der Zodesftreich 
gegeben würde, fehaute er auf, kehrte fih zum König 
und beſchloß, da er überlegte, zu dem herben Schritte 
babe ihn nicht Bosheit von Seiten bes Königs geführt, 
fondern vielmehr der Neid und die giftigen Schlangen- 
zungen feiner Feinde, bie erbarmungsvolle Großmuth 
und Huld feines Gebieters anzunehmen, am Leben zu 
bleiben und feinen Feinden nicht die Genugthuung eines 
fo bitteren Todes zu verfchaffen. Daher fprach er in 
ganz ehrerbietiger Haltung mit fefter und wohltönender 
Stimme alfo zum König: Mein unüberwindlichfter Ge- 
bieter, ben ich gleich den unfterblichen Göttern verehre, 
dba du nach deiner Gnade willft, baß ich lebe, fo nehme 
ih von die ehrfurchtsvoll das Leben als Gefchent hin, 
das ich jedoch, wenn ich glaubte im Leben deine Ungunft 
erdulden zu müflen, nicht annehmen würde, und gebe 
mich vollftändig überwunden. Ich werde alfo am Leben 
bleiben, um das Leben, das du mir ſchenkſt, ganz deinem 
Dienfte zu widmen, bamit ich e8 zum Frommen beiner 
heiligen Krone, wie ich e& von beiner Großmuth geliehen 
befommen habe, bir immer, fobald du willft, wieder 
zurückgeben fann. Ich werde dies fo bereitwillig thun, 


70. Unüberwindliche Großmutb. 33 


als ich es jegt aufrichtig von bir annehme. Unb dba du 
geruht haft, mir fo viele Gnabe zu ermweifen, möchte ich, 
wenn es dir nicht läſtig ift, dir gerne hier öffentlich fagen, 
was mir jegt in den Sinn kommt. 

Der König gab ihm einen Wink, fi zu erheben 
und ihm zu fagen, was: ihm angenehm fe. Er ftand 
auf, ed ward ftile in ber Menge und er begann auf 
folgende Weife zu fprechen: Zwei Dinge find es, gehei- 
ligtee Fürſt, die ohne Widerrede den beweglichen Bellen 
bed Meeres und der Unbeftändigkeit der Winde in allen 
Stüden gleichen, und nichts defto weniger ift die Schaar 
der Thoren, welche darnach mit allem Fleiß und Eifer 
trachten, unendlih. Ich höre, es fei fo faft immer. 
Nun fage ich alfo, daß biefe beiden fo fehr von jedem 
gewünfchten Dinge find: bie Herrengunft und Frauenliebe, 
und beide täufchen fo oft den mahren Diener, baf er 
am Ende nichts weiter, bavonträgt, ald Reue. Um 
nun mit ben Frauen anzufangen, welche nach der allge- 
meinen Annahme fi ch meift an ben Schlimmeren halten, 
fo kannſt du einen jungen Mann fehen, der ſchön, ebel, 
reich, tugendhaft und mit vielen guten Eigenfchaften be⸗ 
gabe ift, der zu feiner Geliebten ein Mädchen wählt 
und ihr mit derfelben Treue, die man den Göttern 
fhuldig ift, Dienft und Verehrung widmet und jeden 
ihrer Wünſche zu dem feinigen macht. Nichts defto we⸗ 
niger kann er durch Liebe, Dienftbarkeit und Bitten es 
nicht dahin bringen, daß er ſich bei ſeiner Frau in Gunſt 
ſieht; ſie liebt vielmehr im Gegentheil einen andern, der 
jedes Vorzugs baar iſt, fie gibt ſich ihm bin, nicht lange 
aber bleibt er in ihrem Befig, fo weift fie ihn von ſich 
und nimmt den erften an; aber veraͤnderlich und launifch 
wird fie, nachdem fie ihn zu den Sternen erhoben, von 
ihrer natürlihen Unbeftändigfeit getrieben, ihm fein Ende 
in der Hölle bereiten. Fragte man fie um den Grund 
diefes Wankelmuthes, fo würde fie nichts weitere® anzu» 
führen wiffen,. als daß er ihr fo gefällig fei. Darum 

DER, 


34 XXIV. Matteo Bandello. 


gefchieht es nur felten, daß ein aufrichtig Liebender feften 
Fuß behält, vielmehr fieht er fein Leben hin⸗ und her- 
gejagt vom flüchtigen Winde der Frauen. Ebenfo tannft 
du an den Höfen der Könige und Zürften jemand in 
Gunſt feines Herrn ftehen fehen, daß man deutlich fieht, 
der Herr kann ohne ihn nichts thun und nichts fagen, 
und nichtö deſto weniger, wenn er mit allem Fleiße und 
aller Mühe fich beftrebt, die Gunft feined Herrn zu be- 
wahren oder zu erhöhen, fiehe da plöglich wandelt ſich 
der. Sinn des Gebieters, kehrt fih einem andern zu, 
und der, der zuvor ber erfie Mann am Hofe war, findet 
fi) auf einmal am legten Plag. Daneben fteht dann 
ein ängftlich eifriger unermübdlicher Diener, gewandt in 
allen Gefchäften des Hofes und der fich weit mehr um 
die Angelegenheiten feines Herren befümmert, als um fein 
eigenes Leben, aber er thut Alles umfonft; denn ihm wirb 
nie vergolten und er.fieht ſich im Dienfte altern, ohne je 
einen Lohn zu ernten. Betrachte einen andern in irgend 
“einer MWiffenfchaft tief Gelehrten, nichts deſto weniger 
flirbt er am Hofe Hunger, während ein anderer un- 
wiffender und verdienftlofer Mann von feinem Gebieter 
aus Laune und nicht nad) Gebühr übermäßig bereichert 
wird. Solches aber gefchieht nicht, weil dem Herrn ge 
lehrte und verdienftvolle Männer nicht gefallen, denn man 
fieht überall, daß er viele ſolche begünftigt und erhebt, 
fondern weil der Genius von jenem nicht mit dem feinigen 
flimmt, weil, wie man fagt, ihr Blut nicht zufammen- 
paßt. Wie oft mag ed nun kommen, daß du zufällig 
einen fiehft, den du fonft noch nie gefehen haft, und 
dennoch misfällt er dir auf den erften Anblick wie Die 
Pet und du kannſt auf Feine MWeife ertragen, ihn zu 
feben, und je mehr er dir Dienfte und Gefälligkeiten 
erweift, um: fo mehr wird er dir misfallen. Umgekehrt 
fannft du einen fehen, den du früher noch nie gefehen 
haft und der dich gleich beim erften Anblide fo befriedigt, 
dir fo zufagt und dir fo fehr gefällt, daß wenn er dich 


70, Unüberwindlihe Großmuth. 35 


um dein Leben anginge, du nicht im Stande wäreft, es 
ihm zu verfagen; du fühlft ein gemiffes Etwas, das dich 
zwingt, ihn au lieben, und wenn er aud) etmas thäte, 
was gegen deinen Willen wäre, fo ift doch alles gut. 
Wer mei nun, was biefe Unbeftändigkeit veranlaßt und 
05 nicht eine gewiffe Mifchung des Blutes, "das von 
innerer himmlifcher Kraft an fich gleichmäßig bewegt wird, 
die Schuld trägt. Freilich in den Verhältniffen ber Höfe 
läßt fi) eine hinreichende Begründung diefes Wankel⸗ 
muthes finden; dies’ ift der fpigige giftige Stachel des 
verpefteten Neides, welcher fortwährend der Gunft bes 
Zürften die Mage hält und den im Nu erhebt, der unten 
war, und ſenkt, der fich oben befand, ſodaß ed an ben 
Höfen keine fchädlichere und verderblichere Peft gibt, als 
den Neid. Alle andere Fehler werben leicht und mit 
geringer Mühe von Seiten beffen, ber fie hat, geheilt 
und faft befchwichtigt, ſodaß fie dir nicht wehe thun; 
aber den Neid, auf welche MWeife, mit welcher Kunft 
und Heilart willft du ihm zu Boden drüden? Fürwahr 
ohne deinen Schaden weiß ich nicht, wie du den fcharfen 
Bilfen des Neides jemals entfommen willfl. Nimm am 
Hofe einen Stolzen, Aufgeblähten, Ehrgeizigen und Hoch⸗ 
fahrenden, der mehr ald der Stolz felbit ift, wenn bu 
dich vor ihm verbeugft, wie du ihn fiehft, wenn du ihn 
ehrft, wenn du ihm den Weg räumft, wenn bu ihn mit 
Preis zum Himmel hebft, wenn du ihn erhöhft und felber 
neben ihın den Demüthigen fpielft, fo ift er plötzlich dein 
Freund und heißt dich einen feinen und artigen Höfling. 
Nimm einen Wollüftfing, der ben geſchlechtlichen Freuden 
ergeben ift und nach nichte anderem trachtet, als nad) 
diefer vergänglichen Kuft, wenn du ihn nicht hinderft in 
feinen Liebſchaften, wenn du feine Genüffe nicht tadelft, 
wenn du ihn in Gegenwart ber Frauen lobft, fo wird 
er immer bein Freund fein. Nimm einen Geizhals oder 
einen Schweiger, wenn du dem erften eine Arznei von 
Geld zu verfchluden gibft und ben andern oft zum Effen 


36 XXIV. Matteo Banbello. 


zu bir einlädft, fo find beide fogleich einverflanden. Run 
nimm aber einen Neidifhen! Welches Heilmittel wirft 
du finden, um fo verzehrende Säfte abzuführen? Wenn 
du den Neid zu beilen fuchft, fo mußt bu mit deinem 
Leben felbft abhelfen, ober nicht denken, fonft irgend ein 
Heilmittel dagegen zu finden. Und wer weiß nicht, wenn 
ein von biefer Peſtkrankheit befallener mich am Hofe von 
dir, geheiligtfter König, mehr als ſich begünftigt fieht, 
wenn er wahrnimmt, daß meine Dienfte dir angenehmer 
find, oder daß ich beffer als er die Waffen zu führen 
verftehe oder in irgend einer Hinſicht mehr gelte, ale er, 
und er über diefe Dinge mich beneidet, wer weiß nicht, 
fage ih, daß ich diefen nicht anders heilen Tann, als 
wenn er mich deiner Gnade beraubt, vom Hofe verjagt 
und in das äußerſte Elend geftürzt fieht? Wenn ich 
ihm täglich die größten Gefchente made, wenn ich ihm 
immer Ehre erweife, lobe fo viel ich kann und ihm jeden 
Dienft ermeife, Alles ift umſonſt. Niemals wird er auf 
hören, gegen mic, zu wirken, bis er mich ins tiefite Un- 
glück verfegt fieht, denn alle andere Mittel find ſchwach 
und wirkungslos. Dies ift die giftige Krankheit, die alle 
Höfe verpeftet, allen tugendhaften Handlungen ſchadet 
und alle edele. Geifter zu beleidigen fucht. Dies ift der 
finftere Schleier, der oft andern fo fehr die Augen um- 
düftert, daß er fie die Wahrheit nicht fehen läßt, und 
ihnen das Urtheil fo ummebelt, daß Recht und Unrecht 
nicht mehr zu unterfcheiden ift, denn er ift eine offenbare 
Veranlaffung, dag täglich tauſend Irrthümer in den 
menfchlihen Handlungen begangen werden. Um aber auf 
daB zu fommen, was jegt zunächft zu unferm Falle ge- 
hört, fo ift überhaupt kein Fehler auf der Welt, der die 
Höfe mehr verbderbte, das Band Heiliger Genoffenfchaften 
‚ auflöfte und die Gebieter zu Grunde richtete, ale das 
Gift des Neided. Denn wer dem Neidifchen fein Ohr 
leiht, wer auf feine boshaften Zettelungen horcht, Tann 
unmöglich etwas Gutes thun. Um aber nun zum Schluffe 





70. Unüberwindliche Großmuth. 37 


meiner Rebe zu gelangen, der Neidifche erfreut fich nicht 
fo ſehr über fein eigenes Glück, genießt nicht fo fehr feine 
Vortheile, als er fortwährend über fremdes Unglück jubelt 
und lacht und über fremden Vortheil weint und trauert; 
ja um dem Nächften zwei Augen aus dem Kopfe fchlagen 
zu ſehen, würde er fich gerne eines der feinigen aus⸗ 
reigen*. Diefe Worte, unüberwindlichfter Fürft, wollte 
ich bier in Gegenwart bein, beiner Satrapen und bes 
Volkes ausiprechen, damit jeder einfehe, daß ich bei deiner 
Krone nicht dur böfe Sefinnung von dir oder durch 
meine Schuld, fondern durch die giftigen Zungen der 
Neider in Misyunft gefallen bin. 

Dem großherzigen König gefiel, die freie Rede des 
Ariabarzanes und fo fehr er ſich von feinen Worten ge« 
troffen fühlte, mußte er fie boch für wahr anerkennen 
und darum, fowie, weil fie fünftig Allen von Nugen fein 
fonnten, lobte er fie in Gegenwart Aller. So hatte nun 
Ariabarzaned däs Leben von feinem König zum Gefchent 
erhalten und fich beſiegt gegeben; der König erkannte feine 
Trefflichkeit und Treue und liebte ihn aufrichtig; daher 
ließ er ihn denn von dem Katafalk herabfleigen und auf 
den, auf welchem er felber fich befand, fteigen, hieß ihn 
willkommen und küßte ihn zum Zeichen, daß jede Belei⸗ 
digung ihm vergeben und verziehen war. Er befahl, 
daß ihm alle Amter, die er zuvor zu verwalten pflegte, 
zurüdgegeben wurden, und um ihn in noch beffere Um⸗ 
ftände zu bringen, als worin er früher geweſen war, 
fchenkte er ihm die Stadt Paffagarda, worin das Grab 
des Cyrus fi) befand, und fegte ihn in allen feinen 
Staaten und Herrfchaften zum oberften Statthalter, dem 
jedermann wie ihm felbft gehorchen mußte. So blieb 
der König der geehrte Schwager und der liebende Eidam 
des Ariabarzanes, 309 ihn bei allen feinen Handlungen 
zu Rathe und that nie etwas von Belang, ohne zuvor 


*) Anfpielung auf ein altes Mähren, das auch ein altfranzöſiſches 
Zabliau bebanbelt. Ä 


38. XXIV. Matteo Bandello. 


fein Gutachten eingezogen zu haben. Ariabarzanes war 
alfo mehr als zuvor in die Gunft feines Gebieters zurüd. 
gekehrt, hatte mit feiner Tugend alle feine Feinde über- 
wunden und die Waffen des Neides zerbrochen und ver- 
nichtet. War er zuvor freundlich und freigebig gemefen, 
fo wurde er nach fo großer Erhebung noch viel fürftlicher; 
wenn er früher einmal Edelmuth übte, fo geſchah es 
nunmehr zweimal; doch ‚bewies er feine Großmuth nur fo 
und verfuhr in den Außerungen derfelben mit folcher 
Mäfigung und Einfchräntung, daß alle Welt deutlich 
erkennen konnte, daß er nicht, um mit feinem Herrn zu 
metteifern, fondern um ihn mehr zu ehren und um bie 
Größe des Hofes feines Königs beffer ans Licht zu ftellen, 
bie ihm vom König und dem Glücke gefchenften Güter 
reichlich ausgab und anderen ſchenkte. Dies erhielt ihn 
bis zu. feinem Lebensende in der Gunft feines Fürften 
auf rühmliche Weiſe, denn der König erfannte fo Mar 
wie die Sonne, daß Wriabarzaned von der Natur zu 
einem leuchtenden Spiegel der Höflichkeit und Großmuth 
gebildet war und daß man leichter dem Feuer die Wärme 
und der Sonne das Licht nehmen könnte, als dem Aria- 
barzanes feine hochherzige Handlungsweiſe. Er hörte 
daher nicht auf, ihn fortwährend zu ehren, zu erheben 
und zu bereichern, um ihm mehr die Möglichkeit zu geben, 
in Fülle zu verfchenten. Und in der That, obmol bie 
beiden Zugenden ber Freundlichkeit und Freigebigkfeit 
jedermann gut anftehen und ohne fie einer fein echter 
Menfh ift, fo ziemen fie dod ganz vorzüglich Reichen, 
Sürften und großen Herren, und nehmen fi an ihnen 
aus, wie auf feinem bellfhimmerndem Bolde morgen- 
ländiſche Edelſteine und wie an einer ſchönen holden Frau 
zwei ſchöne Augen und zwei elfenbeinerne ſchöne Hände, 
wie, edle Frau, eure ſchönen Augen und unvergleichlich 
ſchönen Haͤnde. 


TI. Balduin der eiferne von Klandern. 39 


71. Balduin der eiferne von Flandern. 
(1,7) ®) 


Es mar” eine uralte Sitte bei ben Königen von 
Sranfreich, einem ihrer DBafallen oder wen es ihnen 
fonft gefiel die Obhut bes Landes Flandern zu übertragen, 
weicher dann Waldmeiſter genannt wurde, weil jene Ge- 
gend, ald man anfing, fie zu bewohnen, voll dichter 
ungeheurer Wälder war. Sie wurde jedoch fpäter fo 
bewohnt und angebaut und von verfehiedenen Völker⸗ 
haften befucht und zur Nieberlaffung gewählt, daß es 
nunmehr eine gute und berühmte Provinz ift und viel 
Handelfchaft treibt. Es begab ſich nun, als der römifche 
Kaifer und Sohn des römifchen Kaiſers Ludwigs des 
frommen Karl mit dem Beinamen der kahle König von 
Frankreich war, es begab ſich, fage ich, daß am Hofe 
jenes Kahlen ein gewiffer Balduin lebte, der Sohn des 
MWaldmeifterd Audader. Balduin war, ein fehr tugend⸗ 
hafter fchöner Mann von ftattlihem Außern, wie nur 
einer an diefem Königshofe lebte, und beim König wie 
bei allen Hofleuten beliebt. Als er fich nun fortwährend 
am Hofe aufhielt, wollte fein Glüd, welches ihn zu be⸗ 
günftigen anfing, um ihn zu erhöhen, daß er fich fo 
heftig in die Tochter des Königs verliebte, dab er Tag 
und Nacht an nichts anderes dachte, als ihre Liebe zu 
erwerben. Als er nun nicht ohne ihren holden theuern 
Anblick zu leben wußte und vermochte, richtete er ſich 
jo ein und mußte feine Angelegenheiten. fo zu ordnen, 
daß fie, die mit Namen Judith hieß, gleichfalls ihre 
Bruft den Liebesflammen zu öffnen und ihn aus der 
Maßen zu lieben begann. Er, der feinen Verftand und 
feine Augen auch am rechten Fled hatte, merkte das balb, 


) €. v. Bülow, Novellenbuch III, 324; Heidelberger Jahrbücher 
1837, 673; Messager des sciences et arts de la Belgique 
I, 4803; €. v. Kausler, Reimchronik von Zlandern. 


40 XV. Matteo Bandello. 


hielt fi ch deshalb für den glüdlichften Liebhaber von der 
Melt und ergab fih nun ganz dem Waffentreiben, Bu⸗ 
burdieren und alle dem, was er für angemeffen hielt, 
um ihre Liebe zu erhalten und zu. erhöhen. So oft er 
nun mit ihr fprach, und das gefchah nicht felten wegen 
des häufigen und freien Verkehrs, der in jenem Lande 
Sitte ift, verfehlte er nicht, fein Möglichftes zu thun und 
bemühte ſich durch das fhönfte Betragen und die zweck⸗ 
mäßigften Worte, die er wußte, ihr fund zu thun, mie 
ſehr er von Liebe zu ihren feltenen Reizen und ihrem 
fittfamen” Benehmen glühe. Sie erwies ſich ihm nichts 
weniger als ſpröde und verficherte ihn, daß fie ebenfo 
wie er von den Liebeöflammen durchglüht und verzehrt 
werde und nichts weiter wünfche, als eine paffende Reife 
zu: finden, mie fie fi aufammenfinden Tonnen. Derweil 
es nun mit den Liebenden fo ftund, mie ihr höret, ges 
langte die Nachricht zu dem König, daß der Waldmeifter 
Audacker, Balduin’s Vater, geftorben fei, was diefer mit 
großem Schmerz und Misvergnügen vernahm. Der König 
mußte nun zur Beherrfhung von Flandern einen andern 
. feiner Diener abordnen, und nachdem er das Wefen und 
die Fähigkeiten aller feiner Barone und Hofleute reiflich 
erwogen hatte, Fam er bei fich zur Erkenntniß, daß von 
ihnen Feiner fo gut ald Balduin zu diefer Würde geeignet 
fei, und er befeftigte fih um fo mehr in dieſer feiner 
Meinung, als er wußte, baf fein Vater von den Flämingen 
höchlich geliebt und’ geehrt worden war; denn er bachte, 
die Erinnerung an den Vater müffe dem Sohn zu großem 
Vorſchub gereihen. Zu diefem Befchluffe gefommen theilte 
er ihn feinen Räthen mit, die ihn billigten; darauf Tieß 
er denn den Balduin zu ſich kommen, und fagte zu ihm: 
Mein lieber Freund, wie ſehr mir ber Tod deines Vaters 
leid gethan hat, vermag ich dir ebenfo wenig auszufprechen, 
als du es wol glauben Fönntefl. Ich habe an ihm nicht 
nur einen fehr getreuen Diener eingebüßt, mas immer 
mislich und Hart ift, fondern auch einen Statthalter von 





TI. Balduin der eiferne von Flandern. 4 


Zlanbern verloren, was bekanntlich eine große Wichtige 
keit bat. Dein Vater hat es auf eine Weiſe verwaltet 
und ift mit den Flämingen fo gut ausgelommen, daß es 
ihnen ift, als märe ihnen nicht ein Richter und Statt⸗ 
halter geflorben, fondern ein erbarmungsreicher theurer 
Vater. Es dünkt nun meinem Rathe und mir felber 
gut, diefes fein Amt eines Waldmeifterd auf dich zu 
übertragen, weil’ wir das Vertrauen in dich fegen, du 
werdeft ed zum Nugen und Frommen der Krone und 
zur Wohlfahrt jener Völker dergeftalt zu verwalten wiffen, 
ehrenvoll dem Vorbilde deines Vaters folgend, daß alle: 
Fläminge und ich mit bir zufrieden fein werden. Auf 
dieſe Weife darf dich der Tod deines Vaters weniger 
fchmerzen, wenn bu ihm in der Würde und im Amte 
folgft, das er hatte; und auch mein Schmerz; wird ſich 
mindern und mir fein, ale fehle mie der Audader nicht, 
fondern ich habe einen andern und vielleicht beffern ge⸗ 
funden. Ebenfo werben jene Völker befriedigt fein, denn 
fie koͤnnen ſich vorftellen, während du fie beberricheft, 
beberrfche fie bein fo fehr von ihnen geliebter Water. 
Rüſte dich daher, nad, Flandern abzugeben, fo bald ich 
es bir befehle! In Betreff der Verwaltung felbit fallt 
mir weiter nichts bei, was ich die zu fagen hätte, als 
daß du die Fußftapfen und das Betragen deines Vaters 
befolgen ſollſt. Alsdann wirft du ein vortrefflicher und 
gerechter Statthalter werben. 

Balduin war feinee Natur nad) tapfer und freigebig 
und hatte viel verfchmendet in Kleiderpracht und Diener⸗ 
ſchaft, indem er letztere aus Liebe in die Farben kleidete, 
welche die ſchöne Judith ihm gegeben hatte. Der König 
befahl daher einem ſeiner Schatzmeiſter, Balduin zehn⸗ 
tauſend Franken zu geben, um ſich beſſer auszurüſten. 
Er dankte nun zwar, ſo gut er wußte und konnte, dem 
König für die gute Meinung, die er von ihm hegte, und 
die höfliche Bezeigung gegen ihn; bat ihn auch mit aller 
ſchuldigen Chrerbietung inftändigft, wenn es fein Tonne, 


2 XXVVV. Matteo Bandello. 


dieſe wichtige Aufgabe einem erfahreneren Manne zus 
theilen zu wollen, vorgebend, er ſei noch ſehr jung und 
ſchlecht erfahren in derlei Regierungsweſen; zugleich lehnte 
er es ab, das Gelb anzunehmen und bat Seine Majeftät, 
es auf andere Gefchäfte zu verwenden. Der König nahm 
jedoch keine Entfchuldigung an, die er vorbradite, und 
wollte durchaus, daß er die Statthalterfchaft und das 
Geld annehme. Die Sage von diefem Ereignif verbrei- 
tete ſich plöglih am Hofe und gelangte auch zu den 
Ohren Judith’s, die ſich unfäglich darob betrübte in ber 
Meinung, fie. würde ihren Geliebten nicht wieder fehen, 
denn ed war gebräuchlich, daß die Statthalter von Flan⸗ 
bern fehr felten und nur in der größten Noth ihre Pro- 
vinz verließen; fie konnte fich daher in ihrem großen Un- 
behagen gar nicht tröften. Und um fo größer war ihr 
geheimer Schmerz, je mehr fie genöthigt war, ihn ver- 
borgen zu halten, um die Leute ihre glühende Kiebe nicht 
merken zu laffen. Der verliebte Balduin andererfeits, 
welcher einen holden Bti und ein freundliches Wörtchen 
feiner Geliebten höher anſchlug, als alle Flandern und 
Statthalterfchaften auf der Welt, war gleicherweife im 
größten Kummer, denn jemehr Pfliht und Bernunft 
verlangte, daß er fich der Liebe feines Königs und einer 
fo ehrenvollen Beförderung erfreute, um fo mehr betrübte 
ihn fein fehnfüchtiges Werlangen, da er einfah, daß er 
fih des Anblicks derer beraubfe, die er unendlich Tiebte. 
Er lebte daher höchſt misvergnügt und war voll Verbruß 
über feine Abreife, ſodaß der ganze Hof fi) unendlich 
verwunderte, als man ihn fo fehmwermüthig fah, da doch 
alle meinten, er follte heiter fein, nachdem er in fo früher 
Jugend eine Mürde erreicht hatte, welche die erften Edel⸗ 
leute von Frankreich mehr als gerne übernommen haben 
würden, denn aufer ber damit verbundenen hohen Würde, 
war der Vortheil und Nugen, ber aus einer folchen Herr⸗ 
[haft gezogen werben konnte, unfchägbar. Als er daher 
von einigen nach der Urſache diefer großen Betrübniß 








1. Balduin der eiferne von Flandern. 43 


gefragt wurde, antwortete er, es fei nichts weiter, als 
die Einficht, daß er für eine fo große Aufgabe nicht 
gemacht fe. Auch Judith war darüber fehr betrübt, 
wagte aber, mie gefagt, nicht, außerlich zu zeigen, was 
fie in ihrer Beuft verbarg. Bei Balduin jedoch beklagte 
fie fich bitter, fo oft fie fih insgeheim ſprachen; er ent- 
fhuldigte fih, indem er behauptete, er Lönne es nicht 
ander8 machen, er werde aber ewig ihr Diener bleiben 
und nie eine andere lieben. Es waren zwar einige am 
Hofe, welche vermutheten, dab Balduin liebestrant fei; 
indeſſen kam doch Feiner in feinen Gebanten der Wahr- 
heit nahe, weil fich die beiden in ihrem Liebesverkehr fo 
Hug und vorfichtig gehalten hatten, daß niemand ahnte, 
daß "Judith, Balduin’s Geliebte ſei. Was ihr den herbften 
Schmerz verurfachte, war der Umftand, daß fie manchmal 
ihren Liebhaber auffordern mußte, dem König zur gehorchen. 
Es fam der Tag, wo er vom Könige ſich verabfchiedete 
und gehen mußte. Judith fühlte fich dadurch in fo über« 
maͤßiges Leid verfenkt, daß fie Frank wurde und einige 
Tage ſchwer barniederlag, ohne daß die Arzte die Natur 
ihres Siechthums errathen Tonnten. Wären freilich Era- 
ſiſtratoss und Theombrotos dort gewefen, „fo hätten fie 
wahrfcheinlich Teicht den Urfprung des Ubels erkannt. 
Gewiß, Judith war von der glühendften Liebe entbrannt 
und hatte Die legte Frucht noch nicht gekoftet, welche von 
Liebenden fo heftig erfehnt wird. Sch will jegt nicht er« 
zählen, was bie beiden Liebenden beim legten Abfchieb 
fh fagten und mie viele heiße Thranen und Seufzer fie 
ausftießen, ale Balduin bei Nacht an ihrem Fenfter von , 
ihr Abfchied nahm. ALS er nun fort und in Blandern 
angelangt war, wurde er von der Bevölkerung in Erin- 
nerung an feinen Vater ehrenvoll aufgenommen. Er fing 
an im Regiment in die Fußftapfen feines Vaters mit 
ſolcher Geſchicklichkeit zu treten, und fich mit dem und 
jenem je nad) feiner Eigenthümlichkeit fo gut zu ftellen, 
dag er in kurzem allgemein beliebt war. Aber meber 


| 44 XXIV. Matteo Bandello. 


Ehre, noch Macht, noch Vortheil, der ihm zu Theil 
wurbe, war im Stande feine heißen Flammen gefchweige 
zu löfchen, ja nicht einmal im mindeften zu dämpfen. 
Während er in diefem Zuftand war, begab es ſich daf 
der König Ethelwolf von England auf feiner Rückreiſe 
von Rom durch Frankreich Fam, wo ihm der König feine 
Tochter Judith zur Ehe verſprach. Trotz ihrem heftigen 
Miderftreben und Zorne war fie genöthigt, dem Willen 
ihres Vaters nachzugeben; fie ging alfo nach der Hoch- 
zeit mit ihrem Gatten nah England und blieb etwa 
ſechs Monate bei ihm, nach deren Ablauf er Frank wurde 
und ftarb. Sie benachrichtigte hiervon ihren Water und 
bat ihn dringend, fie wieder abholen zu laffen, ba fie 
nach Frankreich zurückzukehren wünfche. Auf der andern 
Seite fertigte jedoch die Königin eiligft einen vertrauten 
Boten an Balduin ab und fchrieb ihm, fie werde in 
kurzem zurüd nach Frankreich überfchiffen und nunmehr 
erkennen, ob er fie wirklich fo fehr liebe, wie er fage, 
indem fie ihm deutlich zu verftehen gab, was fie wünſche, 
daß er thue. Als Balduin hörte, was feine Geliebte 
ihm fchrieb und fagen ließ, entbrannte ihm fein Herz 
auf eine wunderbare Weiſe zu dem Entſchluſſe, um ihrete 
willen furchtlos jedwede Gefahr zu beftehen. Er ante 
wortete ihr und fchrieb zurüd, diesmal wolle er ihr be⸗ 
weifen, daß fie ihm bei weitem theurer, als fein Xeben 
fei, komme daraus, was da wolle. Mit diefer Antwort 
ſchickte er den Boten nach England zurüd und fagte zu 
ihm, indem er von ihm Abfchied nahm: Geh und em⸗ 
pfiehl mich deiner und meiner Herrin, und fage ihr, ich 
fei bereit, Alles zu thun, was fie mir auferlegt. Sch 
weiß wohl, daß alle Welt mich wegen Treubruchs gegen 
meinen König, der mich fo hochgeehrt und erhoben hat, 
verdammen und alles mich fcheiten wird. Aber was 
vermag ich, wenn meine Gebieterin und die Xiebe, welche 
weit mächtiger find, als ber Kaifer und tch, es fo wollen 
und von mir verlangen? Sch muß meiner Dame und 


71. Balduin der eiferne von Flandern. 45 


ber Liebe gehorchen, und ich werde es auch thun, denn 
in feinem alle kann es mir fchlimmer gehen, als es 
mir jegt geht. 0 

Der Bote begab ſich mit dem Briefe und der münd- 
lichen Botſchaft hinweg und zurüd zu Judith. Als fie 
den Entfchluß ihres Geliebten vernahm, war fie fehr 
vergnügt. Inmittelft ließ Balduin einige Schiffe aus- 
rüften und alles anordnen, was ihm nöthig ſchien, um 
dad Unternehmen auszuführen, das er im Sinne hatte, 
alles jedoch mit ber größtmöglichen Heimlichkeit, damit 
niemand ahne, was vorgehe. Es traf fih zufällig, daß 
gerade damals einige genuefiiche Galeeren in Flandern 
anmwefend waren, mit deren Patronen er indgeheim Ab- 
rede hielt und fie reichlich bezahlte, um fie hernach feiner 
Zeit für feine Wuͤnſche benugen zu koͤnnen. Er. hielt 
auch fortwährend Kundfchafter in England, um von der 
Abreife feiner Geliebten zu rechter Zeit Kunde zu erlangen; 
und da fein Sinn alfo auf nichts anderes, als darauf 
gerichtet war, fo fehien ihm jede Stunde taufend Jahre 
zu währen, bevor fich feine gewiffe Hoffnung auf den 
Befig der fehönen Königstochter verwirklichte. Als es 
nun mit der Sache ſo fland, wie ihr gehört habt, dachte 
König Karl nicht von ferne daran, daß etwas die Rück⸗ 
kehr feiner Tochter nach Frankreich ſtören könne, und 
tichtete fein vorforgendes Auge einzig und allein darauf, 
daß feine Tochter auf ehrenvolle Weiſe und mit einem 
Gefolge, das ber Tochter eines Kaifers und der Witwe 
eines englifchen Königs gezieme, heimkehre. Er fchicte 
daher, um fie abzuholen, eine Anzahl Pralaten und 
Barone ab nebft vielen Frauen und Fräulein. Die 
franzöfifhen Herrfchaften kamen mit günftigem Winde 
in England an, wo fie die Königin in voller Bereitfchaft 
trafen, abzufegeln, und mit ihr einige englifche Herren 
und Frauen, welche fie nach Frankreich begleiten wollten. 
Kurze Zeit darauf fhifften ſich denn die franzöfifchen und 
englifchen Herren in Geſellſchaft der Königin und anderer 


4 XXIV. Matteo Bandello. 


Ehre, noch Macht, no Vortheil, der ihm zu Theil 
wurde, war im Stande feine heißen Flammen gefchweige 
zu löfhen, ja nicht einmal im mindeften zu dämpfen. 
Während er in diefem Zuftand war, begab es fi daß 
der König Ethelwolf von England auf feiner Rüdreife 
von Rom durch Frankreich Fam, wo ihm der König feine 
Tochter Judith zur Ehe verſprach. Trotz ihrem heftigen 
Widerftreben und Zorne war fie genöthigt, dem Willen 
ihres Vaters nachzugeben; fie ging alfo nad der Hoch⸗ 
zeit mit ihrem Gatten nach England und blieb etwa 
ſechs Monate bei ihm, nach deren Ablauf er frank wurde 
und ſtarb. Sie benachrichtigte hiervon ihren Vater und 
bat ihn dringend, fie wieder abholen zu laffen, ba fie 
nach Frankreich zurückzukehren wünfche. Auf der andern 
Seite fertigte jedoch die Königin eiligft einen vertrauten 
Boten an Balduin ab und fchrieb ihm, fie werde in 
kurzem zurüd nach Frankreich überfchiffen und nunmehr 
erkennen, ob er fie wirklich fo fehr liebe, wie er fage, 
indem fie ihm deutlich zu verftehen gab, was fie wünfche, 
daß er thue. Als Balduin hörte, was feine Geliebte 
ihm fchrieb und fagen ließ, entbrannte ihm fen Herz 
auf eine wunderbare Weile zu dem Entfchluffe, um ihret« 
willen furchtlos jedwede Gefahr zu beftehen. Er ante 
wortete ihr und fchrieb zurüd, diesmal wolle er ihr be= 
mweifen, daß fie ihm bei weitem theurer, als fein Leben 
fei, komme daraus, was da wolle. Mit diefer Antwort 
fhidte er den Boten nah England zurüd und fagte zu 
ihm, indem er von ihm Abfchied nahm: Geh und em- 
pfiehl mich deiner und meiner Herrin, und fage ihr, ich 
fei bereit, Alles zu thun, was fie mir auferlegt. Ich 
weiß wohl, daß alle Welt mid) wegen Treubruchs gegen 
meinen König, der mich fo hochgeehrt und erhoben hat, 
verdammen und alles mich fchelten wird. Aber was 
vermag ich, wenn meine Gebieterin und die Liebe, welche 
weit mächtiger find, als ber Kaifer unb ich, es fo wollen 
und von mir verlangen? Ich muß meiner Dame und 


71. Balduin ber eiferne von Flandern. 45 


ber Liebe gehorchen, und ich merbe ed auch thun, denn 
in feinem alle kann es mir fchlimmer gehen, als es 
mir jegt geht. - 0 

Der Bote begab ſich mit dem Briefe und der münd- 
fihen Borfchaft hinweg und zurück zu Judith. Als fie 
den Entfchluß ihres Geliebten vernahm, mar fie fehr 
vergnügt. Inmittelft ließ Balduin einige Schiffe aus⸗ 
rüften und alles anordnen, was ihm nöthig fchien, um 
dad Unternehmen auszuführen, das er im Sinne hatte, 
alles jedoch mit der größtmöglichen Heimlichkeit, damit 
niemand ahne, was vorgehe. Es traf fi zufällig, daß 
gerade damals einige genuefifche Galeeren in Flandern 
anwefend waren, mit deren Patronen er insgeheim Ab- 
vede hielt und fie reichlich bezahlte, um fie hernach feiner 
Zeit für feine Wünſche benugen zu Lönnen. Er hielt 
auch fortwährend Kundfchafter in England, um von ber 
Abreife feiner Geliebten zu rechter Zeit Kunde zu erlangen; 
und da fein Sinn alfo auf nichts anderes, als darauf 
gerichtet war, fo fihien ihm jede Stunde taufend Jahre 
zu währen, bevor fich feine gewiſſe Hoffnung auf den 
Befig der Schönen Königstochter vermwirklichte. Als es 
nun mit der Sache fo ftand, wie ihr gehört habt, dachte 
König Karl nicht von ferne daran, daß etwas die Rüd. 
kehr feiner Tochter nach Frankreich ſtören könne, und 
richtete fein vorforgendes Auge einzig und allein darauf, 
daß feine Tochter auf ehrenvolle Weife und mit einem 
Gefolge, das ber Tochter eines Kaifers und der Witwe 
eines ‚englifchen Königs gezieme, heimkehre. Er fchidte 
daher, um fie abzuholen, eine Anzahl Prälaten und 
Barone ab nebft vielen Frauen und Fräulein. Die 
franzöfifhen Herrfchaften Tamen mit günftigem Winde 
in England an, mo fie die Königin in voller Bereitſchaft 
trafen, abzufegeln, und mit ihe einige englifche Herren 
und Frauen, welche fie nach Frankreich begleiten wollten. 
Kurze Zeit darauf fhifften fich denn die franzöfifchen und 
engliſchen Herren in Gefellfehaft der Königin und anderer 


46 XXIV. Matteo Bandello. 


Frauen auf zwei Schiffen ein, gingen unter Segel und 
ſtießen ab vom Lande. Dagegen hatte aber auch Bal- 
duin, der von einer Zeit zur andern von Allem genau 
unterrichtet worden war, mit den ©aleeren und andern 
wohlbemaffneten Schiffen fiy aufs Meer begeben. Er 
hatte viele fapfere und in Seegefechten geübte Männer 
mit fi) genommen und fchiffte an eine gewiſſe Stelle, 
wohin, wie ihm bemerklih gemacht worden war, die 
Königin kommen mußte. Er ftellte ſich dort auf die Lauer 
und erwartete ihre Ankunft. Und es dauerte nicht lange, 
bis feine Berechnung eintraf; denn er hatte nicht zu lange 
gewartet, fo begann er zwei Segel zu entbeden, welce 
mit ganz ſchwachem Winde höchſt Iangfam heranfuhren. 
Sobald er dies gemwahrte, fuhr er auf einem Kahn von 
einem Schiffe zum andern und ermahnte die Seinigen, 
tapfer zu kämpfen, während er fie zugleich verficherte, 
daß fie auf den beiden Schiffen keinen Widerfiand noch 
das mindefte Widerftreben finden würden, da fih auf 
den Schiffen, die fie faft ohne Wind aufs Langfamfte 
auf ſich zukommen fahen, feine Kriegsleute befinden. 
Er hatte ferner einige feiner getreuften Männer auf den 
Galeeren und feinen andern Schiffen  vertheilt, welche, 
in Balduin’s Plan eingeweiht, allen die größten Gefchente 
verfprachen, welche, im Falle ed zum Dandgemenge käme, 
wader dreinfchlagen würden. Nachdem Alles angeordnet 
war, ließ Balduin als das Haupt der Flotte alle Vorder⸗ 
theile feiner Schiffe den Fahrzeugen entgegenrichten, welche 
faft ohne Wind ruhig auf der Stelle blieben, und in 
furzem hatte er fie fo umzingelt und in die Mitte be— 
fommen, daß die Franzofen und die Engländer ganz m 
Beſtürzung geriethen, als fie eine fo gut gerüftete Flotte 
ſahen vol bewaffneter Männer, bie bereit mit ihnen zu 
fampfen zu den Waffen riefen. In demfelben Augen- 
blick wurden fie aufgefordert, die Segel zu flreichen und 
fih gefungen zu ergeben, wofern fie nicht wollten graufam 
niebergemegelt und den Fifchen zur Speife ins Meer ges 








Tl. Balduin der eiferne von Flandern. 47 


worfen werden. Die Sranzofen fragten, wer der Befehls⸗ 
haber und Patron der Flotte fei, um zu wiffen, mit wem 
fie zu thun haben. Da trat Balduin hervor, flieg auf 
das Hintercaftell feines ihnen. zunächſt ftehenden Schiffes 
und rief ihnen ‚mit lauter Stimme zu: Ihr Herren, ich 
bin Balduin der Waldmeifter von Blandern, gekommen, 
um euch anzugreifen und alle gefangen zu nehmen. Er⸗ 
gebt euch mir oder vertheidigt euch, denn fonft kommt 
ihr nicht los! 

Die franzoſiſchen Herren entgegneten ihm nun zwar, 
auf diefen Schiffen befinde fich die Zochter feines und 
ihred Königs, melde fie nach Frankreich zurückbringen, 
nachdem, wie er wiffen müffe, der König von England 
gefiorben und Frau Judith Witwe geworben fei. 

She Herren, fagte darauf Balduin, ihr feid ſchwer 
im Irrthum, wenn ihr glaubt, ich fei nach Korfarenart 
herbeigefommen und falle euch an, um mic, zu bereichern 
und euch euer Eigenthum zu rauben oder wie ein Näuber 
die Hände in Menfchenblut zu tauchen. Ich will und 
verlange keines von beiden; um ähnliche Dinge habe ich 
mich nicht aufgemacht, noch diefe Flotte mit fo vielen 
£raftigen Männern ausgerüftet, wie ihr bier feht.. Und 
um euch nicht länger in Ungewißheit zu laffen über das, 
was ih im Schilde führe, und euch meinen Sinn zu 
erläutern, fo wißt, daß die Liebe allein mir die Waffen 
in die Hand gegeben bat, fie allein führt, beräth, leitet 
mich bei diefem Unternehmen und zeigt mir, was buch 
mich ausgeführt werben fol. Die Liebe ift mein Steuer: 
mann, Herzog und Hauptmann, mit bdeffen Gunft ich 
das erfehnte Ziel meiner Abfiht zu erreichen hoffe. Das 
alfo, was ich mit jo großer Anftrengung fuche und von 
euch zu erhalten beabfichtige, ift die Frau Königin Judith, 
die ihre in diefen Schiffen in England abgeholt habt, um: 
fie nach Frankreich zu bringen. Wenn ihr fie mir friedlich 
und ohne Widerftreben geben wollt, fo folf feinem von 
euch ferner auch nur ein Hagr gekrümmt noch der Werth 


48 XXIV. Matteo Bandello. 


eined Heller entzogen werden und ihr mögt frei hingehen, 
wohin ihr wollt. Ich rathe euch deshalb um eures eigenen 
Beiten willen, fie mir abzuliefern, da ihr deutlich feht, 
daß ihr auf Feine Weife mir verbieten konnt, fie zu nehmen. 
Wenn ihr aber fo thöricht feid, daß ihr Streit mit mir 
anfangen und fie nicht übergeben wollt ohne Kampf, fo 
rüftet euch zur Vertheidigung und zum Seftigften Gefecht, 
denn ich verfichere und verfpreche euch, bei meinem höchften 
Eide, ohne daß ich Frau Judith bekomme, weiche ich nicht 
von der Stelle. Wählet nunmehr das Xheil, welches 
euch am angenehmften ift! Ihr habt Krieg und Frieden 
in eurer Hand. Nehmt, was ihre wollt! 

Es befanden fi in ber Gefellfchaft der Königin einige 
feanzöfifche Barone, welche mit Balduin genau befreundet 
waren. Als fie ihn erfannten und hörten, was er ihnen 
allen gefagt, waren fie voll des gemaltigfien Erſtaunens 
und fagten zu ihm: Ei Herr Waldmeifter, mas redet 
ihr da für Dinge? Was fällt euch ein? Habt ihre den 
Verſtand verloren? Iſt das die Treue, die ihr eurem 
Könige fchuldig ſeid? Iſt das die Lehenspflicht, die ihr 
ihm bewahrt? Glaubt ihr, ber König werde ſolche Ruch⸗ 
lofigkeit ohne die verdiente Züchtigung laſſen? 

Sie wollten in dieſem Zone fortfahren, Balduin fchnitt 
ihnen aber das Wort ab, indem er mit hochmüthiger 
Gebärde ausrief: Entweder ihr übergebt mir die Königin 
ober ihr ergreift die Waffen, um fie gegen mic) zu ver- 
theidigen. 

Die Begleiter der Konigin fahen wohl, daß fie zur 
Dertheidigung fchlecht gerüftet waren, fie rathfchlagten 
daher unter einander, ließen die Frau vor fi kommen, 
fagten ihr, was der Waldmeifter begehre, und fragten 
fie, was fie zu thun gefonnen fei. 

Ich, fagte fie heiter, wenn er mich zum Weibe will, 
will ihn zum Mann; und wenn ihr bei dem König 
meinem Vater feid, fo fagt ihm, diemeil er ohne Rück⸗ 
fiht auf meine Jugend, da ich noch nicht über neunzehn 





7I. Balduin der eiferne von Blandern. 49 


Sabre alt war, mir einen Mann zum Gatten gegeben, 
der drei Söhne von feinem erftien Weibe gehabt, beren 
jüngfter bier gegenwärtiger älter ift, als ich, habe ich 
nunmehr nach König Ethelmolf’8 Tode felber für mic) 
geforgt und ſchon, als ich noch in England war, den 
Herrn Waldmeifter zum Gemahl gemählt, deffen Alter 
und Mannhaftigkeit neben ber LXiebe, fd er für mich hegt, 
mich weitaus verdient haben. Und-nachdem ich ihm ge- 
fchrieben, er folle nicht verfehlen, mich abzuholen, nimmt 
er mich nunmehr als fein Eigenthbum an fih und ich 
beabfichtige, immer ihm anzugehören. 

Maren vorher von Balduin’d Rede die Franzofen 
überrafcht, fo waren fie nun vollends ganz erflaunt, ale 
fie die Frau hörten, welche denn in ihrer Gegenwart fich 
mit ihrem Liebhaber verlobte. Er mar über die Maßen 
erfreut über die neugemachte Eroberung und führte feine 
Gattin auf die Saleeren mit ihrem Geräthe und den- 
jenigen ihrer Zofen, welche ihr folgen wollten. Er lud 
fodann alle Herren ihres Gefolges ein, in Flandern ans 
Land zu fleigen und die Hochzeit der gnädigen Frau mit 
ihrer Gegenwart zu beehren; fie festen jedoch lieber ihre 
Keife nach Frankreich fort, Balduin aber feierte nach 
feiner Ankunft in Flandern feine Bermählung mit großer 
Feſtlichkeit. Als der König Karl diefe Zeitung hörte, 
entrüftete er fih über Balduin im höchſten Grade und 
wollte gegen ihn zu Zelde ziehen; er fah ſich aber ge- 
zwungen, feine Waffen gegen Italien zu wenden, um 
Karl den dien und deſſen andern Bruder feine leiblichen 
Neffen zu befriegen, die mit ſtarker Heeregmacht gegen 
ihn aufgebrochen waren, um ihm die römifche Kaiſerkrone 
zu nehmen und den Krieg fortzufegen, den ihr Water 
fchon begonnen hatte. Er machte daher mit Balduin 
feinen Frieden und erhob ihn vom Waldmeifter zum 
Stafen von Flandern, indem er diefed Land feiner Tochter 
Zudith zur Mitgift gab und ihn und feine Xeibeserben 
Damit belehnte. Balduin brachte dagegen eine große 

Staliänifcher Novellenſchatz. II. 3 


50 XXIV. Matteo Bandello. 


Schaar Fläminge zuſammen und ſandte ſie ſeinem Schwie⸗ 
gervater zu, welcher die Alpen überſtieg und nach Italien 
kam, ſodann in der Ebene von Verona von ſeinen Neffen 
in der Feldſchlacht überwunden ſich in unſer Mantua 
flüchtete, woſelbſt er aus Verdruß über den Verluſt des 
Tages in eine ſchwere Krankheit verfiel. Karl hatte einen 
hebräiſchen Arzt, Namens Zedekias, den er immer mit 
ſich nahm. Dieſer wurde von den Neffen Karl's mit 
Geld beſtochen und vergiftete ihn in einer Arznei, woran 
er ſtarb. Als Balduin den Tod feines Schwähers ver- 
nahm, wußte er fich mit feinem Schwager Ludwig dem 
Stammler, welcher feinem Water auf dem Foniglichen 
Throne von Frankreich folgte, jo gut zu fegen, daß er in 
ungeftörtem Befige von Flandern blieb, dort viele Kinder 
befam und miit feiner geliebten Judith ein langes glüd- 
liches Leben führte, deren Gefchlecht viele Jahre lang 
blühte. Aus diefem Stamme entfproßte ein anderer 
Balduin Graf von, Flandern, welcher um feiner Tapfer- 
keit und feines Kriegsruhms willen im Jahre des Heils 
ein taufend zweihundest und zwei von vielen chriftlichen 
Zurften zum Kaifer von Conftantinopel erwählt wurde. 
Einen folhen Ausgang nahm alfo die Liebe Balduin’s 
und Jubdith's. Hätte Karl keinen Krieg zu führen ge⸗ 
habt, fo waͤre es vielleicht anders gegangen, und wenn 
feine Zolfühnheit und Verwegenheit einen guten Erfolg 
hatte, fo darf man das nicht als einen Vorgang an» 
nehmen und wagen feinem Herrn ähnliche Unbill anzu- 
thun. 








72. Eine andere Lucretia. 51 


22. Eine andere Lacretia. 
(1, 8.) 
An den Gardinal Pirro Gonzaga. 


Unſer Herr Pirro Markgraf von Gonzaga Herr 
von Gazuolo, das ihr hier am Ufer des Oglio an der 
Seite gegen den Po hin liegen ſehet, der Sprößling 
der langen Reihe gonzagiſcher Herrfcher*), begehrt, daß 
ih den merfwürbigen Vorfall mit dem Tode einer. ge 
wiſſen Giulia aus dieſem Orte erzähle, ber vor einiger 
Zeit vorgefallen iſt. Ubrigens Zönnte diefer hochgeborne 
Herr viel beffer, als ich, den Hergang der Sache bes 
richten, und bier find noch viele andere, die biefer Auf⸗ 
gabe fo gut als ich genügt und Alles genau berichtet 
hätten. Aber da er mir befiehlt, daß ich den Erzähler 
mache, will und muß ich ihm gehorchen. Sehr leid thut 
es mir, daß ich nicht im Stande bin, den edeln mann- 
haften Geift Giulia's zu preifen, wie ed die von ihr 
vollbrachte feltene That verdient. Jn der Zeit alfo, da 
der edle und weife Fürft der hochgeborene und hochwür⸗ 
digfte Monfignor Lodovico Gonzaga Bifchof ven Mailand 
bier in Gazuolo wohnte, hielt er immer ftattlihen Hof 
mit vielen ausgezeichneten Edelleuten, dba er fih an den 
Zugenden erfreute und fehr reichlich Geſchenke vertheilte. 
Um diefe Zeit blühte ein Mädchen von fiebzehn Jahren 
Namens Giulia, Tochter eines fehr armen Mannes aus 
der Gegend von der niedrigften Abkunft, ber nichts hatte, 
wenn er nicht ben ganzen Tag mit feiner mühevollen 
Händearbeit ſich, feiner Frau und feinen zwei einzigen 
Töchtern den Lebensunterhalt verdiente. Auch feine Frau 
ein gutes Weib bemühte fi ſehr, durch Spinnen und 
ähnliche Handarbeiten etwas zu verdienen. Dieſe Giulia 
war fehr fchon, mit einnehmender Huld begabt und weit 


) Der Dheim des Gardinald. 
3* 


52 XXIV. Matteo Bandello. 


reisender upd feiner, als ihrem niedern Blute zufam. 
Sie ging bald mit der Mutter bald „mit andern Frauen 
. auf das Feld um zu baden und andere Arbeiten zu ver- 

ſehen, wie fie grade nöthig waren. ch erinnere mid, 
dag ich einft mit der erlauchten Frau Antonia Bausia, 
der Mutter diefer unferer hochwohlgeborenen Herren nad 
San Bartolomeo ging, ald uns diefe Giulia begegnete, 
die mit einem Sorbe auf dem Kopf ganz allein wom 
Felde nach) Haus ging. ALS die gnädige Frau das ſchöne 
Kind fah, das etwa funfzehn Jahre damals alt fein 
mochte, ließ fie den Wagen halten und fragte das Mädchen 
nach ihrer Herkunft. Sie antwortete ehrerbietig, den 
Namen ihres Vaters nennend, und that überhaupt den 
Fragen der Dame fo großes Genüge, daß es fchien, fie 
fei nicht in einem Bauernhaufe unter einem Strohdach 
geboren und erzogen, fondern habe ihre Jugend am Hofe 
in den beften Gefellfchaften verlebt. Die gnadige Frau 
äußerte deshalb gegen mich, fie wolle fie ind Haus nehmen 
und mit andern Fräulein erziehen. Weshalb es nachher 
unterblieb, wüßte ich euch nicht anzugeben: — Um nun 
auf Giulia zurüdzufommen, fo benügte fie an Werf- 
tagen ihre Zeit wohl und arbeitete immer entweder allein 
oder mit andern. An Fefttagen fodann ging fie, wie 
es Gewohnheit dort ift, nad) dem Mittageffen mit andern 
Mädchen zum Tanze und machte fich ein erlaubtes Ver⸗ 
gnügen. An einem ſolchen Tage, als fie ungefähr fieb- 
zehn Jahre alt war, warf ein Kammerdiener ded ge 
nannten Herrn Biſchofs, ein Ferrarer, feine lüfternen 
Blicke auf das Kind, als er fie tanzen fah; fie Däuchte 
ihm das fchönfte reizendfte Mädchen, das er feit langer 
Zeit gefehen hatte; fie fohien, wie gefagt, in dem gebil- . 
detften Häuſern erzogen, und er verliebte fich in fie fo 
heftig, daß er feine Gedanken auf nichts anderes mehr 
wenden fonnte. Als der Tanz, der dem Stammerdiener 
viel zu lang gedäucht hatte, zu Ende war und die Mufit 
von neuem begann, forderte er fie auf und fanzte mit 





72. Eine andere Lueretia. 55 


ihr die Gagliarde*), weil fie diefen Tanz fehr gut und 
genau ausführte, dag es eine wahre Freude war, ihre 
reizenden Bewegungen mit anzufehen. Der Kammer: 
diener Fam wieder, um mit ihr zu tanzen, und hätte er 
fih nicht gefhämt, fo würde er einen Tanz mit ihr 
verfäumt haben, denn er glaubte, wenn. er ihre Hand 
in der feinigen hielt, das größte Vergnügen zu fühlen, 
dad er je empfunden. Und obfchon Giulia den ganzen 
Tag arbeitete, fo hatte fie doch eine weiße länglichte und 
fehr weiche Hand. Der arme Verliebte, fo plöglich von 
ihr und ihrem reizenden Wefen entflammt, glaubte durch 
ihren Anbli die neue auflodernde Flamme, die ihn ſchon 
jämmerlich quälte, zu löfchen, aber unvermerkt vermehrte 
er fie nach und nach immer mehr und goß durd die 
Beſchauung DI ind Feuer. In dem zweiten und britten 
Tanze, den fie ihm erlaubte, flüfterte ihr der Jüngling 
mandhen MWig und zärtlihe Worte zu, wie neue Lieb⸗ 
haber zu thun pflegen. Sie gab ihm darauf immer 
kluge Antworten, und fagte, er möge ihr nicht von Kiebe 
reden, weil es ihr als einem armen Mädchen nicht gut 
anftehe, das Ohr folchen Märchen zur leihen. Weiteres | 
fonnte der zudringliche Ferrarer nicht aus ihr, herause 
‚bringen. ’ Nah Beendigung bed Tanzes ging. ihr der 
derrarer nach, um ihre Wohnung zu erfahren. In ‘der 
Folge hatte er oft in Gazuolo. und außerhalb der Stabt 
Gelegenheit, mit Giulia zu fprechen und ihr feine ver- 
zehrende Liebe zu entdeden; er bemühte fich fortwährend, 
feinen Worten Verftändnif zu öffnen und ihre eiskalte 
Bruft zu erwärmen. Aber was er auch zu ihr fagte, 
fie trat nicht im geringften aus ihrem keuſchen Rückhalte, 
vielmehr bat fie ihn inftändig, fie in Ruhe zu laffen 
und nicht ferner zu quälen. Der ſchnöde Verliebte aber, 
dem der Wurm der Luft herb am Herzen nagte, ent» 
brannte defto mehr, je härter und fpröder fie fich zeigte; 


°) Ein alter lIombardifher Tanz. 


54 XXXIV. Matteo Banbello. 


um fo mehr verfolgte er fie, um fo angelegentlicher wollte 
ex fie feinen Lüften geneigt machen: doc, Alles war ver- 
gebend. — Er ließ durch eine vertraute Alte, bie eine 
Heilige ſchien, mit ihr fprechen; fie beforgte ihr Geſchäft 
fehr emfig und bemühte fich durch fchmeichlerifhe Worte 
den hartnädigen Sinn der keuſchen Giulia zu beftechen. 
Aber das Mädchen hatte fo fefte Grundfäge, dag fein 
Wort der alten Kupplerin Zutritt in ihre Bruft fand. 
Als der Ferrarer dies hörte, wollte er verzweifeln; er 
Eonnte den Gedanken nicht faffen, auf fie zu verzichten, 
und hoffte immer, daß er durch Bitten, Dienfibezeugungen, 
Liebe und Ausdauer Giulia’ graufames Herz noch er- 
weichen merde, es fchien ihm unmöglich, daß er fie durch 
Geduld nicht erweichen follte. Er machte, wie man im 
Sprihmort fagt, die Rechnung ohne den Wirth. Da 
er nun fah, dag fie von Tag zu Tag fich ihm mehr 
entziehe und, wenn fie ihn ſah, wie einen Baſilisken 
meide und fliehe, wollte er verfuchen, ob bas, mas Worte 
und Dienftleiftungen nicht erreichen Eonnten, durch Ge 
fhente zu erlangen wäre; Gewalt wollte er bis zum 
Ende erfparen. — Er fprach wieder mit der fehandlichen 
Alten und gab ihr einige Dinge von geringem Werthe, 
die fie Giulien von ihm bringen follte. Die Alte ging 
und fand Giulia ganz allein zu Haufe. Sie wollte an 
fangen von dem Ferrarer zu fprechen, und zeigte ihr die 
Gefchenke, die er ihr überfchidte. Das ehrbare Mädchen 
nahm die Säͤchelchen, welche die Alte gebracht hatte, 
warf fie alle zur Thüre hinaus auf die Straße, jagtt 
die verrätherifche Alte aus dem Haufe und fagte ihr, 
wenn fte ed noch einmal wage, diefe Sache in Anregung 
zu bringen, fo werde fie auf das Schloß gehen und es 
Madama Antonia fagen. Die Alte nahm die Sachen 
von der Straße auf, ging zu dem Ferrarer*) und fagte 
. ) Die Frankfurter Überfegung (1826.1,5 ff.) nennt den Biſchf 


Zürft Lodoviko Gonzago Vescovo von Mantua, den Ferrarer 
aber Ganello. 


12. Eine andere Lucretia. 55 


ihm, es fei ummöglih, das Mädchen zu gewinnen, fie 
wife in ber That nichts mehr zu thun. Es iſt nicht 
zu fagen, mie misvergnügt der junge Mann hierüber 
war. Gerne hätte er fi) von dem ganzen Handel zurüd. 
gezogen, aber fobald er daran dachte, fie zu laffen, fühlte 
er fih dem Zode nahe. — Am Ende konnte der arme 
blinde Liebhaber es nicht länger aushalten, fi fo un⸗ 
beliebt zu miffen, und befchloß nun, entftehe daraus, 
was da wolle, bei günftiger Gelegenheit ihr mit offener 
Gewalt zu entreifen, mas fie ihm nicht gutwillig geben 
. wollte — Am Hofe war au ein Vereiter de6 Herrn 
Biſchofs, ein guter Freund ded Ferrarers und, wenn ich 
mich recht erinnere, gleichfalls aus Ferrara. Diefem ent- 
deckte der Kammerdiener feine ganze glühende Liebe und 
wie fehr er fih abgemüht habe, dem Herzen bed Mäbd- 
chens einiges Mitleid einzuflößen, fie fi aber immer 
widerfirebender und härter gezeigt, als ein Meerfels, 
und mie er fie nie weder durch Worte noch Gefchente 
habe ermweichen konnen. 

Nun, da ich fehe, fo fchloß er, daß ich nicht- leben 
fann, wenn ich meine Begierden nicht befriedige, da ich 
weiß, wie fehr du mich Tiebft, bitte ich dich, mir beizu⸗ 
fiehen und mir zu dem Ziele meiner Wünſche zu ver⸗ 
helfen. Sie geht oft allein hinaus auf das Feld, wo ich, 
da das Getraide ſchon fehr hoch fteht, mein Vorhaben 
ausführen zu können gedenke. 

Der Bereiter dachte nicht weiter über die Sache nad) 
und verfprach, ihn in Allem zu unterflügen, was er 
verlange. — Weil der Kammerdiener nun beftändig nach⸗ 
forfchte, was Giulia thue, fo erfuhr er eines Tages, daß 
fie ganz allein aus Gazuolo gegangen war. Er ließ den 
Bereiter rufen und ging auf das Felb mit ihm, wo 
Giulia etwas zu thun hatte. Hier angelommen fing er 
an, wie gewöhnlich, fie zu bitten, fie möge doc endlich 
Mitleid mit ihm haben. — Da fih Giulia allein guf 
dem Felde fah, bat fie den Jüngling, ihr doch nicht nod) 


- 


56 XXIV. Matteo Bandello. 


mehr zur Laft zu fallen, und etwas Ubles ahnend ging 
fie nach Gazuolo zu. Der junge Mann aber wollte feine 
fhöne Beute nicht mehr entfchlüpfen laffen und that als 
wolle er fie mit feinem Gefährten begleiten, indem er fie 
immer mit demüthigen und liebevollen Worten bat, daß 
fie mit feinen Qualen Mitleid haben möge. Sie be- 
fihleunigte ihre Schritte, beeilte fih, ihr Haus zu er- 
reihen, und ging immer weiter, ohne auf etwas zu ant- 
worten, was der junge Mann auch fagen mochte. So 
famen fie an ein großes Kornfeld, durch welches ihr ZBeg 
fie führte. Es war der vorlegte Mai, es mochte etwa 
Mittagszeit fein, die Sonne brannte der Jahreszeit gemäß 
fehr heiß und das Feld war fehr abgelegen von jeder 
Wohnung. Als fie in das Feld eingetreten waren, legte 
der junge Mann feine Arme um Giulia'd Hals und 
wollte fie küſſen; doch fie fuchte zu entfliehen und rief 
laut um Hilfe. Da faßte fie der Bereiter, warf fie zu 
Boden und ſteckte ihr plöglich ein Tuch in den Mund, 
daß fie nicht mehr fchreien konnte. Beide hoben fie nun 
‚auf und krugen fie eine gute Strecke weit von dem das 
Feld bdurchfchneidenden Fußpfade hinweg in bie Frucht 
hinein. Dort hielt ihr der Reitknecht die Hände und 
der zügellofe Jüngling raubte dem armen gefnebelten 
Kinde, das fich nicht widerfegen Eonnte, die Blüthe feines 
Leibe. Das unglüdlihe Gefchöpf weinte bitterlich und 
that ihre unglaubliche Pein durch Seufzen und Stöhnen 
fund. Der graufame Kammerbdiener aber zwang fie zum 
zweiten Mal zur Befriedigung feiner Lüfte und erlaubte 
fih mit ihr alle Genüffe, die er mochte. Dann ließ er 
ihr den Knebel abnehmen und wollte anfangen, fie mit 
- freundlichen Worten zu tröften, er verfprady ihr, fie nie- 
mals zu verlaffen und mitzuhelfen, daß fie ſich paſſend 
verheirathen könne und es ihr gut gehe. Sie fagte nichts, 
als fie follen fie loslaſſen und ihr erlauben frei nach Haufe 
zu gehen; dabei weinte fie fortwährend bitterlih. Der 
Jüngling verfuchte von neuem, fie mit füßen Worten, 


712. Eine andere Rucretia. 57 


mit ausgedehnten Verfprechungen zu tröften; auch wollte 
er ihr fogleich Geld geben, um ſie zur Ruhe zu bringen. 
Aber er fang tauben Ohren, und-je mehr er fich be- 
müphte, fie zu tröften, um fo lauter weinte fi. Als fie 
jedoch ſah, daß er nicht aufhörte, zu fprechen, fagte fie 
zu ihm: Junger Mann, du haft aus mir gemacht, mas 
du wollteft, und deine unreinen Lüfte befriedigt. Jetzt 
bitte ih dich um die Gunft, mic, frei zu lajfen und mir 
zu erlauben wegzugehen. Laß dir genügen, mas du ges 
than haft! Es war doch fchon zu viel, 

Der Verliebte fürchtete, Giulia möchte durch ihr lautes 
Weinen die Sache entdeden, und als er ſah, daß feine 
Bemühungen nichts nügten, befchloß er, fie gehen zu 
loffen und mit feinem Begleiter fich zu entfernen. Und 
fo that er auh. — Nachdem Giulia ihre verlorene Un- 
fhuld eine Weile bitterlich bemeint hatte, legte fie ihre 
zerzauften Kleider wieder zurecht, trodnete fich, fo gut es 
sing, die Augen, Fam bald nach Gazuolo und ging in 
ihr Haus. Weder ihre Water noch ihre Mutter war da; 
blos ihre Schmeiter fand fie, ein Kind von zehn bis elf 
Jahren, das, weil es etwas unpäflic war, nicht hatte 
ausgehen können. Als Giulia im Haufe war, öffnete 
fie ihre Kifte, in welcher fie ihre kleinen Habfeligkeiten 
hatte. Dann zog fie alle Kleider aus, bie fie anhatte, 
nahm. ein frifchgemafchenes Hemd und legte ed an. Dann 
nahm fie ihren Schleier von ſchneeweißem Boccaccin, 
eine Halskrauſe von biendendem Flor und eine weiße 
Florſchürze um, bie fie blos an Fefltagen zu tragen pflegte. 
Sodann z0g fie Strümpfe von weißem Sarfch und rothe 
Schuhe an. Weiter ſchmückte fie fih das Haupt, fo 
teizend fie Eonnte, und band um ben Hals eine Schnur 
gelber Bernfteine. Kurz, fie pugte fi auf mit dem 
Schönften, was fie finden konnte, als wenn fie fich auf 
dem größten Feſte von Gazuolo hätte zeigen wollen. 
Dann rief fie ihre Schwefter und fchenkte ihr alle andern 
‚ Sachen, die fie befaß, nahm fie dei der Hand, ſchloß 


3** 


58 XXIV. Matteo Banbello. 


die Hausthüre und ging in ein NRachbarshaus zu einer 


ſehr. alten Frau, welche fehwer frank zu Bett lag. Diefer 


guten Frau erzählte Giulia weinend den ganzen Hergang 
ihres Unglüds und fagte zu ihr: Verhüte Gott, daß id 
am Leben bleibe, nachdem ich meine Ehre verloren habe, 
auf der die Freude meines Dafeins ruhte. Nimmermehr 
ſoll es gefchehen, daß man mit Fingern auf mich bdeute 
oder mir ins Geſicht fage: Sieh das artige Mädchen, 
das eine Mege ward und ihre Familie gefchänder hat 
und die fich verfteden müßte, wenn fie Verſtand hatte. 

Sch will nicht, dag man je einem der Meinigen vor- 
rüde, ish habe mich freiwillig dem Kammerdiener hinge⸗ 
geben. Mein Tod mache der ganzen Welt bekannt und 
gebe das ficherfte Zeugniß, daß, wenn auch mein.Leib 


mit Gewalt gefhändet ward, meine Seele doch rein und 


unbefledt geblieben. Diefe wenigen Worte wollte ich euch 
fagen, damit ihr das Ganze meinen armen Eltern er 
zählen. und fie verfichern koönnt, daß ich nie meine Ju 
flimmung dazu gegeben babe, die fehändlichen Lüſte des 
Kammerdieners zu befriedigen. Lebt in Frieden! 
Nachdem fie diefe Worte gefprochen hatte, ging fie 
hinaus und eilte dem Dglio zu, ihr Schwefterchen lief 
hinter ihe drein und weinte ohne zu wiffen warum. 
Sobald Giulia den Fluß erreicht hatte, flürzte fie ſich 
topflings in die Tiefe des Oglio. Auf das Weinen ber 
Schweſter, die laut zum Himmel ſchrie, liefen viele herbei, 
aber zu ſpät. Giulia war vorfäglih in den Fluß ge 
fprungen, um fi zu ertränken, fie gab ſich feine Hilfe 
und war plöglich in den Wellen verfhwunden. — Der 


Herr Biſchof und die gnädige Frau ließen, als fie von 
+ dem Häglichen Ertigniß hörten, die Unglüdliche auffuchen. 


Unterdeffen ergriff der Kammerdiener, der den Reitknecht 
zu fi vief, die Flucht. Die Leiche warb aufgefunden, 
die Urfache, meshalb fie fich erfäuft hatte, ward bald 


bekannt und alle Frauen und ebenfo die Männer des 


Landes ehrten ihr Andenken mit allgemeinem Klagen 





3. oenkliche Beichte. 59 


und rn Der hochwohlgeborene und hochwürdigſte 
dert Alſchof Tieß fie auf dem Markte (da fie in ge: 
Wr stem Boden nicht beerdigt werden durfte) in eine 
Gruft legen, welche noch bort fich befindet, mit dem 
Dorfag, fie in einem ehernen Sarge beizufegen und biefen 
auf die Marmorfäule zu ftellen, die noch auf dem Markte 
zu fehen if. — Und in Wahrheit verdient diefe Giulia 
nach meinem unmaßgeblichen Urtheil Fein geringeres Lob, 
als die römifche Lucretia, und ift ihr vielleicht (Alles 
genau überlegt) noch vorzuziehen. Nur die Natur ift 
anzuklagen, daß fie einem fo hohen edeln Geifte, wie 
Giulia’s, Feine vgrnehmere Geburt anmies. Doc) jeder 
muß ja für ebel gelten, der ein Freund der Tugend ift 
und die Ehre Allem in der Welt vorzieht. 


73. Bedenkliche Beichte. 


q, 9) 


Mailand ift, wie ihr alle wißt und täglich ſehen könnt, 
eine Stadt, die in Italien wenige ihres Gleichen hat in 
Beziehung auf alles, was erfordert wird, um eine Stadt 
edel, volkreich und wohlhabend zu machen; denn wo die 
Natur es hat fehlen laffen, da ift ber Fleiß der Menſchen 
ergänzend eingetreten, fodaß in nichts, was zum Leben 
nothwendig iſt, etwas zu wünſchen übrig bleibt. Ia, 
die umerfättlihe Natur ber Sterblichen hat noch alle 
Feinheiten und Koftbarkeiten des Morgenlandes dazuge- 
fügt, nebft den den früheren Weltaltern unbefannten Wun⸗ 
dern und Koftbarkeiten, welche unfere Zeit mit unfchäg- 
barer Mühe und den ſchwerſten Gefahren aufgefpürt hat. 
Darum find unfere Mailänder in der Fülle und Feinheit 
der Speifen ganz ausgezeichnet und in alfen ihren. Mahl⸗ 


60. XXIV. Matteo Bu. Del. 
"zeiten höchft glänzend und fie meinen nicht leben zu Finnen, 
wenn fie nicht immer in Gefellfchaft leben und ſpeiſen. 
Was follen wir Tagen von dem Prunk der Frauen in 
ihren Kleidungen mit all dem getriebenen Golde, Borten, 
Stidereien, Spigen und köſtlichen Kleinodien, fodaß, wenn 
eine Edelfrau unter die Thüre tritt, man manchmal meint, 
es fei die Himmelfahrt in Venedig. Und in welcher Stadt 
weiß man fo viele prächtige Wagen die aufs feinfte ver- 
goldet find mit fo viel reichem Schnigmerf, gezogen von 
vier der trefflichfien Nenner, als man in Mailand täglich 
ſieht? Man findet bier über fechözig vierfpännige, und 
zweifpännige in Unzahl, mit den reichfien feidenen mit 
Gold durchwirkten und fo mannichfaltigen bunten Deden, 
daß, wenn die Frauen dur die Straßen fahren, es 
ausfieht, als ginge ein Triumphzug durch die Stadt, 
wie es fonft bei den Römern Sitte mar, wenn fie fieg- 
reich von den bezähmten Provinzen und beftiegten und 
unterworfenen Königen nad Nom zurüdfehrten. Hier 
fallt mir ein, was ich voriges Sahr in der neuen Vor⸗ 
ftadt die hochmohlgeborene Frau Sfabella von Efte Marf- 
gräfin von Mantua fagen hörte, welche, als der Markgraf 
Guglielmo geftsrben war, nad) Monferrato ging, um 
der Markgräfin ihr Beileid zu bezeugen. Sie wurde 
von unfern Edelfrauen ehrerbietig befucht, wie das immer 
gefchehen ift, fo oft fie nach Mailand kam. Als fie nun 
‚ diefe Menge von reichen Wagen fo Löftlich geſchmückt fa, 
fagte fie zu den Frauen, welche famen, um ihr aufju- 
warten, fie glaubte nicht, daß im ganzen übrigen Stalien 
eben fo viele fchöne Wagen feien. In diefer Uppigfeit 
und Pracht, Luft und Bequemlichkeit leben die Frauen 
von Mailand und find darum gemeiniglich vertraulich, 
mild, freundlih und von Natur geneigt zu lieben und 
geliebt zu werden und unaufhörlich ein Xeben in der Liebe 
zu führen. Und um gerade zu fagen, was ich denke, 
‚  Icheint mir, es fehle ihnen gar nichts, um fie vollkommen 
.. "zu machen, als daß ihnen die Natur eine ihrer Schönheit, 


13. Bedenkliche Beichte. 61 


ihren guten Sitten und ihrem artigen Wefen entfprechende 
Mundart verliehen hat; denn in der That das Mailän- 
diihe hat eine Ausfprache, welche für die Ohren ber 
Fremden äußerſt abftoßend if. Dennoch ermangeln fie 
nit, duch Sorgfalt dem natürlichen Mangel abzuhelfen, 
denn es find nur wenige Frauen, die nicht durch Leſung 
guter italiänifcher Bücher und durch Umgang mit gut 
Redenden fich überwänden, allmälig unterrichtet zu werden 
un. durch Feilung der Sprache eine angemeffene und 
liebliche Redeweiſe zu gewinnen, welche fie viel angenehmer 
im Umgang macht. — Um aber auf die Novelle zu 
fommen, die ich euch zu erzählen beabfichtige, und welche 
voriges Jahre in der Faſtenzeit fich ereignet hat, fo fage 
ih, ed war bier in Mailand ein Edelmann aus einer 
Stadt nicht fehr meit von hier, welcher wegen Händeln, 
die er mit Grenznachbarn feines Schloſſes führte, ein 
bequemes Haus gemiethet hatte, worin er mit feiner 
geehrten Familie lebte, Es war ein reicher junger Mann, 
und wenn er zwei bis drei Mal in der Woche, oder nad) 
den Umftänden mehr oder meniger häufig mit feinen 
Anwälten und Advocaten gefprochen hatte, überließ er 
die Deforgung einem feiner Schreiber, der fehr gewandt 
und geübt war im Proceßführen, und ließ ſichs den ganzen 
Tag über wohl fein und eilte Dem. Wagen bald diefer, 
bald jener Frau nach. Nun ließ der Graf Antonio 
Crivello nad) feiner Gewohnheit eine Komödie aufführen 
und gab einer großen Zahl von Edelleuten und Frauen 
ein koftbares Gaftmahl; dabei war auch der junge Proceß⸗ 
führer, den wir fünftig Lattanzio nennen wollen, da ic) 
mich für jegt feines wirklichen Namens nicht bedienen 
mag, wie ed mir auch mit dem Namen ber Frau ge- 
tathen fcheint, von welcher ich werde zu reden haben 
und welche denn den Namen Caterina führen mag. 
Lattanzio faß alfo beim Abendeffen und Fam dabei zu- 
fällig an die ‚Seite Caterina's, die er früher niemals 
gefehen zu Haben’ glaubte, oder wenn er fie auch gefehen 


- 


62 XXIV. Matteo Bandello. 


hatte, fo hatte fie keinen Eindrud auf ihn gemacht. 
Gaſtmahle pflegen große Vertraulichkeit zu erzeugen zwi⸗ 
fhen folchen, welche bei Tifche nebeneinander zu figen 
fommen. Dies gefchah auch zwifchen Lattanzio und der 
Srau, denn er ließ ſich angelegen fein, verfchiedene Unter- 
haltungen mit ihr anzulnüpfen und ihr aufzumarten, 
indem er ihr vorfchnitt und ähnliche Dienfte leiftete, wie 
Edelleute bei Tifche zu thun ‚pflegen. Caterina war fehr 
einnehmend und artig, ſprach ſchoͤn, und wenn fie ent 
felbft zu den fchönften gehörte, fo konnte fie der, unter 
den fchönften ohne Befhämung verweilen. Waͤhrend fie 
nun miteinander ſprachen und Rattorio fie ziemlich feft 
ins Auge faßte, gefiel ihm mehr und mehr der Umgang 
und das ungezwungene Weſen der Frau und fo fog er 
unvermerkt durch Die Augen das Gift der Liebe ein, 
ſodaß, ehe man die Tafel aufhob, er fehr gut wahr- 
“nahm, daß der Pfeil der Liebe ſchon nur zu tief einge 
derungen ſei. Nun wurde das Effen beendigt und man 
fing an zu tanzen; Rattanzio forderte die Frau zum 
Zanze auf und fie nahm die Einladung freundlich an. 
Er nahm fie bei der Hand, tanzte langſam und ließ 
fih allmälig mit ihr in ein Gefpräd ein über Kiebesdinge. 
Sie zeigte fi) keineswegs fpröde gegen folche Verhand⸗ 
lungen, Rattanzio ſchob nun einen Stein weiter vor und 
fegte ihr fehr angelegentlich auseinander, wie fehr ihm 
ihr Wefen, Gebahren, ihre Anmuth und Schönheit gefalle. 
Er fagte ihr fodann, mie heftig er’ für fie glübe, und 
bat fie in angemeffenen Worten, ihn zu ihrem Diener 
anzunehmen und mit ihm Erbarmen zu haben. Die 
Frau antwortete ihm fehr behutfam, fie wiffe es wohl 
zu fchägen, daß fie von ihm geliebt werde, da fie ihn 
ale einen verftändigen, gefitteten und anmuthigen Edel» 
mann kenne, der ihr nichts als die Unbeflecktheit ihrer 
Ehre zumuthen würde. Unter diefm und aͤhnlichen Ge- 
fpräden ging der Tanz zu Ende und fie faßen neben- 
einander, indem fie fortwährend von Liebe fprachen. Das 





13. Bedenktiche Beichte. 63 


Teft dauerte bis nach Mitternacht und bie ganze Zeit 
über ſprach Lattanzio in gleichem Sinne, befam aber 
fortwährend nur die nämlichen Antworten zurück, welche 
alle darauf Hinausliefen, daß fie die Liebe nicht aufer 
Auge laffen werde, welche fie für ihren Gemahl zu hegen 
verbimden fei, und ebenfo wenig ihre beiderfeitige Ehre, 
die ihr theurer fein müſſe als das Leben, fie wolle ihn 
aber als einen Bruder lieben, da fie ihn als einen fo 
wackern und ritterlichen Deren kenne. Als Lattanzio fah, 
dag die Frau es nicht abmies, von Liebe zu reden, und 
daß fie fih mit ihm ſchon in große Vertraulichkeit ein 
gelaffen hatte, war er fürs erſte Mal damit zufrieden 
und begleitete die Frau in Gefellfchaft von vielen andern 
Männern und Frauen bis an ihr Haus. Und ba er in 
der That wirklich in fie verliebt war, faßte er ihr Haus 
ins Auge, fuchte herauszubringen, wohin fie zur Meffe 
ging, und fand, daß fie gewöhnlih in San Francesco 
die Mefje hörte. Er fing daher an, diefe Kirche häufig 
zu beſuchen und fich mit den Ebdelleuten zu unterhalten, 
welche dahin Famen, und warf dabei feiner Caterina 
verliebte Blicke zu, welche ihm freundliche Miene machte 
und zeigte, daß fie ihn fehr gerne ſah. Indeſſen war 
die zügellofe Zeit des Carnevals gelommen. Lattanzio 
ritt eines Tages maskirt auf einem ganz rüfligen fpani« 
fhen Klepper vor dem Haufe ber Frau vorbei, welche 
eben unter der Thüre ftand; dort hielt er ftille, machte 
ihr ein Zeichen, daß fie ihn erkannte, und fnüpfte ein 
Geſpraͤch mit ihr au, das er auch ziemlich Tange fortfepte, 
immer von feiner Liebe redend. Sie zeigte fich ihm mehr 
als gewöhnlich gewogen, feherzte und fpaßte mit ihm ganz 
vertraulich und hatte ſchon halb und Halb bei fich befchloffen, 
Lattanzio zum Liebhaber zu nehmen; doch wollte fie vorerfi 
ihn genauer kennen lernen und womöglich verfurhen, von 
welcher Art und Charakter er fei. Lattanzio dachte in 
ihr eine fehr angenehme und zuthuliche Frau gefunden 
zu haben, und nachdem er fie dringend gebeten, fie folle 


64. XXIV, Matteo Bandello. 


mit ihm Erbarmen haben und ihm Befehle erteilen, 
um zu fehen, daß er ihr zu jedem Dienfte gewärtig ſei, 
empfahl fie fich ihm demüthig und fehied von bannen. 
Als er fort war, zog fich die Frau in ihr Gemach zurück 
voll Gedanken an die Liebe Meffer Lattanzio’d und an 


die dringenden Bitten, womit er fie beftürmt, und begann . 


etwas mehr, als gewöhnlich von Liebe zu ihm ſich zu 
entflammen. Der Gemahl der Frau war zu Haufe fehr 
widerlih, er ließ fie zwar hingehen, wohin fie wollte, 
und ſich prächtig Meiden, gab ihr ‚aber doch oft derbe 
Worte. Außerdem war er in ber Strafe San Rafaele 
gegenüber der Haupffirche in ein ſchönes Mädchen heftig 
verliebt, welches Hauben, Gurten, Schnüre, Halskrauſen 
und anderen Frauenſchmuck feil hielt, was feine Frau 
von einer Gevatterin erfahren hatte. Aus diefem Grunde 
wurde fie auf ihren Gemahl fehr böfe und befchloß ihm 
Steiches mit Gleichem zu vergelten. Lattanzio fam ihr 
daher ganz gelegen und fie machte ihm tagtäglich eine 
beffere Miene, worüber der Liebhaber fehr zufrieden war. 
Die Gevatterin, welche ber Frau die Kiebfchaft des Mannes 
binterbracht hatte, wohnte ganz nahe bei ihrem Haufe und 
hatte nur ein Eleined Söhnchen von zwei Jahren und eine 
Magd bei fih. As nun Lattanzio fortfuhr, Caterina 
fhon zu thun, und fie mehrmals die Feftzeit über ge- 
fprochen hatte, ließ fie eines Tages, ald ihr Mann zum 
Mittageffen ausgegangen war, ihre Gevatterin rufen und 
bat fie, ihr bei Tiſche Gefellfchaft zu leiſten, wie fie ſchon 
oft zu thun gepflegt. Nach dem Eſſen, als die Masten 
durch die Straßen zu laufen anfingen, trat Caterina mit 
ihrer Geſellſchaft and Fenſter zur Unterhaltung. Sie 
waren noch nicht lange dort gemwefen, fo famen viele 
Masten vorüber; mit einer derfelben fam- auch Lattanzio 
im Gefpräche auf einem Maulthiere reitend, aber nicht 
maskirt. Als er feine Geliebte am Fenfter ſah, machte 
er höflich mit dem Baret in der, Hand fein Compliment. 


Als er vorüber war, fagte Caterina ſchnell: Gevatterin, 


73. Bedenkliche Beichte. 65 


fennt ihr den jungen Mann, ber dort im Gefprache mit 
der Maske vorbei geht? 

Nein, antwortete bie Gevatterin, aber warum fragt 
ihr mich? Ä 

Das mill ich euch fagen, fügte diefe hinzu; ich bin 
gewiß, ihr werdet mir glauben und bei euch geheim 
halten, was ich euch offenbare, da ihr fehen werdet, daß 
meine Lage es verlangt. Ihr müßt euch erinnern, daß 
ih mich vielfach bei euch im Stillen beklagt habe über 
die auffallende Xebensmeife, melde mein Mann führt; 
es find etwa fieben Sabre, feit ich in fein Haus gefom- 
men bin, und mit Ausnahme des erften Jahres, wo ich 
nicht darauf achtete, war er nie ohne eine Liebfchaft, mit 
weicher er einen großen Theil feiner Einkünfte vergeudet. 
Sept ift er den ganzen Tag in der Strafe San Rafaele 
bei Jfabella (die ihr ja kennt); am legten Weihnachten gab 
er ihr fiebenunddreifig Ellen venezianifchen ſchwarzbraunen 
Atlas zum Angebinde. Es ift Darüber zwifchen uns beiden 
mehrmals zu fcharfen Reden gefommen, aber ich richtete 
nihts aus, ſodaß ih nun oft fehr verſtimmt bin, wenn 
ih das böſe Leben bedenke, das er führt. Sch arme 
hätte einen -Grafen von Languschi in Pavia heirathen 
fönnen, aber meine Brüder wollten durchaus, dag ich 
diefem böſen Menfchen zu Theil würde. Was er Gutes 
bat, ift, daß er mir große Freiheit läßt in der Kleidung 
und im Ausgehen, wohin ich will, in ber Haushaltung 
und in den Ausgaben, worin ich gar nicht beſchränkt bin. 
Dennoch ift er im Haufe mwiderwärtig über alle Begriffe; 
man kocht nie eine Speife, die ihm recht ift, und nie 
will er doch in der Küche etwas anordnen. Er hat immer 
den und jenen bei fich zu Tiſche, und je mehr Leute da 
ind, um fo mehr fihreit und lärmt er und mißt bei 
Allem mir die Schuld bei, fobaß er, wie man zu fagen 
pflegt, ein Zeufel in Haus und der Spott auf ber 
Strafe iſt. Was mich aber am meiften drüdt und das 
Herz befchwert, ift, daß der böfe Mann. keine drei Male. 


66 XXIV. Matteo Bandelle 


im Monat bei mir fchläft, als wäre ich ein altes ge 
lähmtes Mütterchen von ſechszig Jahren, während id 
noch nicht dreiundzwanzig zähle und doch noch frifch und 
zart bin; und bin ich auch nicht die Schönfte in Mai: 
land, fo darf ich mid) doch unter den andern fehen Laffen, 
ja, wenn ich nur wollte, würde mir es nicht an Maͤn⸗ 
nern fehlen, die mir den Hof machten. Sch weiß wohl, 
wie viele und Darunter die erften Männer diefer Stadt 
mir gefchmeichelt und mic, mit Borfchaften und Briefen 
angegangen haben, aber ich habe immer alle abgewiefen 
getreu dem Rathe meiner feligen Mutter, welche mir 
immer einfchärfte, alle meine Xiebe und alle meine Ge 
danken dem zuzumenden, den ich zum Gatten nehmen 
würde, mie es bie gute Frau gegenüber von meinem 
Vater gethan Hatte; und fürmahr. ich habe ihr immer 
gefolgt in der Hoffnung, mein Mann merbe doch feinen 
fchlimmen Lebenswandel auch einmal aufgeben. Aber es 
wird im Gegentheil immer fehlimmer mit ihm, fodaß ich 
nunmehr befchloffen Habe, für mich zu forgen. Gott 
verzeih’ mir's, denn ich kann nicht mehr fo leben... Hätte 
ih ohne Mann leben wollen, fo wäre ich Nonne geworden 
wie meine ältere Echwefter, die im Klofter Santa Rebe 
gonda den Schleier genommen hat. Nun, liebe Gevatterin, 
ih habe euch diefe kurze Auseinanderfegung gemacht, um 
von euch, Beiftand und Rath zu erhalten, in der feften 
Überzeugung, daß ihr Alles für mich thun werdet, wovon 
ihre wißt, daß ihr mir dadurch Freude und Nugen ver- 
fhaffen könnt. 

Die Gevatterin erflärte fi) gerne dazu bereit. 

Ihr habt, fuhr nun Caterina fort, foeben den jungen 
Mann auf dem Maulthiere vorüberreiten fehen, von wel⸗ 
chem ihr fagtet, ihr kennet ihn nicht; er fcheint mir ein 
fehr zuverläffiger und artiger Mann. Er Hat fcheon oft 
in dieſem Carneval mit mir gefprochen und um meine 
Liebe geworben, ich habe ihm aber feine zuflimmenbe 
Antwort gegeben Allerdings habe ich feit einigen Tagen 





13. Bedenkliche Beichte. | 67 


ihm ein freundlicheres Geſicht gemacht, als gewoͤhnlich. 
Nunmehr habe ich in meinem Sinne beſchloſſen, daß 
er die Lücken meines Mannes ausfüllen ſoll, bei Tage 
wie bei Nacht, und zwar fol es fo geheim und bequem 
wie möglich gefchehben. Da ich aber glaube, daß mir 
beide allein diefe meine Wünfche nicht zu dem erfehnten 
Ziele werden führen können, glaube ich, es mwirb wohl⸗ 
gethan fein, wenn ich mich meiner Alten entdecke, welche, 
wenn mein Mann übernachtet nicht nach Haufe kommt, 
in meinem Zimmer fchläft, denn den jungen Mädchen 
würde ich mich nimmermehr anvertrauen. Was fagt ihr 
dazu, meine theure Gevatterin ? 

Sn der That, Madonna, antwortete darauf die gute 
Frau Caterinen, ic habe euch immerbar fehr bemitleidet, 
da ich euch fo ſchön, jung und koſtbar und üppig erzogen 
weiß und daneben das fhändliche Leben des Gevatters 
fenne. Was ihe mir geſagt Habt, fol immer in mir 
begraben bleiben. Und wenn ihre befchloffen habt, nicht 
eure Jugend ganz zu verlieren, fo thut ihr fehr wohl 
daran. Sch wäre nun der Anfiche, dag ihr mich mit 
der Alten reden und ihre Gefinnung erforfchen laßt, um 
zu feben, mie fie fich dabei benimmt; und laßt nur bie 
Sache mich ausführen, ich hoffe fie zu einem guten Ziele 
zu bringen. 

Es blieb bei dem Beſchluſſe, daß die Gevatterin mit 
der Alten reden folle, und wenn fie fie ihren Planen 
günftig finde, folle man nicht zögern, Lattanzio in den 
Befig der fo fehr erfehnten Güter zu fegen, wozu bereite 
die Art und Meife vorgefehen war, auf welche er jede 
Naht, wo ber Mann nicht zu Haufe wäre, leicht ſich 
bei der Frau einfinden könnte. Es mar ein Sadgäfchen 
an der Hinterfeite von Caterina's Haufe, von welchem 
eine Thüre berausging, die in ein großes Zimmer im 
Erdgefchoffe führte, worin ein Paar alte nicht mehr ge 
brauchte Weinkufen ftanden. Die Thüre war feit vielen 
Sahren nicht geöffnet worden und niemand kam unter 


6 XXIV. Matteo Bandello. . 


diefe Weinkufen; ja, auch in das Gäßchen felbft Fam 
niemand und Fein Menfch im Haufe dachte daran, um 
fo mehr als ein großes Faß davor fland, welches den 
Anblick der Thüre vollftändig verdeckte. Die Liebe aber 
hat mehr Augen als Argus, und da die Frau einmal 
befchloß, Lattanzio in das Haus einzufchmuggeln, lich 
ihr Amor eines feiner Augen, mit welchem fie die Thüre 
entdeckte. Alles wohl überlegt glaubte fie feinen fichereren 
Meg zu finden, um ihre Begierden zu befriedigen. Die 
Gevatterin ſprach ſodann mit der Alten und fand fie 
ganz geneigt zu Allem, mas ihre Gebieterin wünfchte. 
Sie verabredete daher alles, was zu thun war, und 
Caterina fuchte fo lange, bis ihr ein Bund alter Schlüffel 
in die Hände fiel, unter welchen die Alte, bald diefen 
bald jenen probirend, endlich den fand, der die Thüͤre 
öffnete. Als dies gefchehen war und einft am legten 
Tage des Carnevald Catering gegen Abend an der Thüre 
ftand, kam Lattanzio zu Pferde und maskirt vorüber, 
näherte fih ihr und wünſchte ihr höflich guten Abend. 
Die Frau nahm ihn freundlich auf, Lattanzio begann 
das gewöhnliche Gefpräc über feine Liebe, bat ihm Ge 
legenheit zu geben, fie insgeheim fprechen zu können, 
und nachdem fie fi) ein Paar Male hatte bitten Laffen, 
fonnte fie nicht mehr länger fich weigern, denn fie hatte 
ebenfo große Luſt, heimlich bei Lattanzio zu fein, ale er, 
bei ihr. . 
Mein Lattanzio, fagte fie, ich will dir alles glauben, 
was du jegt und fo oft mir von der Liebe, die du für 
mich hegeft, vorgefprochen, und will mein Leben und 
meine Ehre in deine Hände geben. Habe nun Adıt, 
daß du gut fie in Obhut hältſt und für dic) und mid) 
in einer Weife forgft, daß fein Nachtheil und noch we: 
niger Schande daraus erwachfe. Du kennſt das Gäßchen 
binter meinem Haufe: dies wird dir Zutritt zu mir ge- 
ftatten, fo oft mein Mann nicht zu Haufe if. Und um 
feine Boten hin». und herſchicken zu müffen, wirb meine 


13. Bedenkliche Beichte. | 69 


Gevatterin in diefem Haufe dort (fie zeigte ihm auf bie 
Thüre), welche in meine Gefinnung vollftändig eingeweiht 
ift, dih von Allem unterrichten. Wenn ic nicht irre, 
fommt mein Mann heute Abend, weder zum Effen noch 
zum Schlafen nad) Haufe. Die Gevatterin ift mit mir 
zu Nacht zwifchen zwei und drei Uhr; um vier Uhr laffe 
ich mein ganzes Gefinde zu Bett gehen, die Gevatterin 
aber bleibt bei mir. Mit dem Schlage vier Uhr wird 
fie dich erwarten und du wirft von ihr erfahren, ob mein 
Mann nach Haufe kommt oder nicht, und hiernach wirft 
du dich Halten. Um eines aber bitte ich dich fehr, dich 
in diefer Sache fo wenig als möglich deinen Dienern 
anzuvertrauen, Damit nicht, wenn einer von dir fort⸗ 
fommt, wie dies ja oft gefchieht, er Anlaß werde, daß 
wir in bad Gerede der Leute kommen. 

Als Lattanzio diefe unerwarteten Außerungen hörte 
und an dem Funkeln der Augen feiner Geliebten merkte, 
daß fie ganz von Liebe glühte, hielt er fich für den fror 
heften und glüdlichften Menfchen von der Welt und war 
fo voll Berwunderung und Wonne, daß er faft aufer 
ſich fam und nicht wußte, was er fagen follte. Sobald 
er fih aber etwas gefaßt hatte, fagte er der Frau den 
größten Dank, verſprach ihr, er werde ganz allein kommen, 
um bie Gevatterin aufzuſuchen, und vor allen feinen 
Dienern feinen LXiebeshandel geheim halten. Sein Herz 
ſchwamm in einem Meere von Süfigkeit, er nahm Ab⸗ 
ichied und ging nad, Haufe. Am Abend aß er wenig, 
denn er war trunten von ungewohnter Freude, auch 
dachte er an bie ihm bevorftehenden Anftrengungen. Mit 
dem Schlage vier Uhr ging er fobann ganz allein aus 
und geradeswegs zu ber Gevatterin, welche ihn hinter 
der geöffneten Thüre erwartete. Er erfuhr von ihr, daß 
der Mann nicht zum Effen gefommen fei und auch biefe 
Nacht nicht mehr heimkommen werde; es fei ein Bruder 
Pi Frau mit einem andern Edelmann dagemwefen, den 
fie nicht kenne, alle feien aber bereits weggegangen, 


70 XXIV. Matteo Bandello. 


Nachdem fie noch vieles Andere miteinander befprodhen 
hatten, ging 2attanzio hinweg, trat in das Gäßchen und 
gab ein Zeichen, das ihm die Gevatterin gefagt hatte, 
worauf die Alte, welche am Plage fland, ganz fachte 
die Thüre nur fo weit öffnete, daß er faum hineinfchlüpfen 
tonnte, denn die Tonne verhinderte die vollftändige Offnung 
der Thüre. Sobald er eingetreten war, führte ihn die Alte 
ganz leife in das Zimmer der Frau. Den Willkomm, 
die Liebfofungen, die Umarmungen bed neuen Liebespaars, 
die Freude und Luſt, die fie, nachdem fie das Bette be 
ftiegen, im Genuffe ihrer Liebe fanden, dies alles zu er- 
zählen würde mich allzu weit führen. Ubrigens verficherte 
Caterina am folgenden Tage ihre Gevatterin heilig und 
theuer, fie habe in diefer Nacht weit mehr Freude gehabt, 
als in der ganzen Zeit, die fie mit ihrem Manne verlebt. 
Ehe noch der Tag graute, ſchlich Lattanzio müde aber 
überglüdlich von dannen, nachdem er zum Abfchied feiner 
Geliebten noch mehr als .taufend Küffe gegeben hatte. 
Während er zur Thüre binausging, gab er der guten 
Alten zehn Goldducaten und ermahnte fie, ihrer Herrin 
treu zu dienen, er werbe ed dann auch an nichts. fehlen 
laffen. Die Alte Hatte in ihrem Leben noch nie fo viele 
im Befig gehabt, dankte ihm daher aufrichtig und war 
höchlich befriedigt. Lattanzio legte fih, ale er nach Haufe 
fam, fohlafen, denn ee war die ganze Nacht nicht aus 
dem Sattel gelommen. Die Sache ging fo ihren Gang 
fort und Lattanzio fchlief das ganze Jahr hindurch noch 
oft bei feiner Geliebten, mobei fie fich die beften Stunben 
machten. Indeſſen befam die Gevatterin viele Ducaten 
von Lattanzio, ‚welcher ihr auch verfprach, fobald ihre 
Knabe fo weit heranwüchſe, ihn zum Edelknaben anzu⸗ 
nehmen. Die beiden Liebenden genoſſen alfo einander 
und, wie gefagt, dauerte der Handel ungefähr ein Jahr, 
ſodaß ihre Verkehr, der am Karneval begonnen hatte, 
bis zum nächſten Karneval fortging; da fiel es Gaterina’s 
Gatten, ich weiß nicht weshalb, plöglidy ein, werm er 





73. Bedenkliche Beichte. 71 


fo ſelten bei feiner Frau ſchlafe, koͤnnte fie einen andern 
an feiner Statt annehmen, um feinen Garten zu beftellen 
und zu begießen, mehr als ihm lieb wäre. Cr gerieth 
daher in Eiferfucht, ohne zu wiffen weshalb, er fing an, 
mehr zu Haufe zu bleiben, als bisher, befonders bei 
Nacht; das war den Liebenden höchſt ungelegen. Als 
aber endlich die Faſtenzeit eintrat, befchloß der Gatte 
wo möglich die Beichte feiner Frau zu hören. Mit diefer 
Grille ging er nach Sant Angelo, ben Bruder aufzu- 
fuchen, bei dem, wie er wußte, Caterina zu beiten 
gewohnt war; er fing an, Verſchiedenes mit ihm zu 
plaudern, um fein Vertrauen zu gewinnen, und brachte 
ed dahin, als der Mönch einmal angebiffen hatte, daß 
er fich von dem Gerede des Mannes fo weit einnehmen 
und verloden ließ, daß er ihm verſprach, ihn neben ſich 
im Beichtftuhle zu behalten, wenn er die Beichte feiner 
Kran höre. Als dies beforgt war und der Eiferfüchtige 
dem Mönche viel Geld gegeben hatte, das er in ben 
Mantel nahm, um ed nicht mit der Hand zu berühren, 
erwartete er den Tag, wo die Frau binginge um zu 
beichten. “Die Frau war gewohnt, immer einen Tag 
früher binzufchiden, um ihren geiftlihen Water zu be- 
nadrichtigen. Da der Eiferfüchtige dies wußte, unter- 
richtete er genau den Bruder, worüber er fie zu befragen 
babe. Als der bezeichnete Tag kam, flieg die Frau nad 
Tiſch in den Wagen und ging nad) Sant Angelo, wohin 
ihr ihr Gatte bereitd vorangegangen war. Sobald bie 
Frau ankam, ließ fie ihren Vater rufen und trat in eines 
der Stübchen, welche zum Beichten bereit ſtehen. Auf 
der andern Seite nahmen der gottlofe Klofterbruder und 
der verrüdte Eiferfüchtige, der fuchte, mas er nicht gerne 
fand, die Gelegenheit wahr, ohne von jemand gefehen 
zu werden, einzutreten in den Beichtſtuhl. Die Beichte 
begann und als ed auf das Kapitel der Sünden ber 
Wolluſt kam, beishtete die Frau die Sünde, bie fie mit 
hrem Liebhaber trieb. 


12 . XXIV. Matteo Bantello. 


ehe, meine Tochter, fagte der verruchte Bruder, 
babe ich dich nicht vomiges Jahr fiharf getadelt, und du 
fagteft mir, du wolleft e8 nicht mehr thun? Hältft du 
fo dein Verſprechen? 

Vater, fagte die Frau, ich mußte und vermochte nidt 
anders zu handeln. An alle dem ift das fchlechte Leben 
meines Mannes fehuld; ihr wißt ja, wie er mich behan- 
delt, ich habe es euch früher ausführlich erzählt. Ich 
bin ein Weib von Fleifh und Bein, wie die andern, 
ich fehe, dag mein Mann fi) nie um mich befümmert 
bat, da habe ich mich felbft verforgt, fo gut ich Eonnte. 
Wenigftens treibe ich doch meine Sache geheim, während 
die Sünde meines Mannes das Geſpräch der ganzen 
Stadt ift, und nicht nur ind Ohr fagt man fich davon, 
fondern es ift keine Bartftube und Fein öffentlicher Ort, 
wo man nicht ein Liebehen drüber fänge. So geht es 
nicht bei mir, fondern jedermann hat mit mir Mitleid 
und es heißt, er-verbiene ein fo gutes Weib, wie mic, 
gar nicht. Ic habe es gegen fieben Jahre ertragen in 
der Hoffnung, er merde fich beffern und von fremden 
MWeibern Iaffen, aber es wird nur immer fchlimmer. 
Mir thut es leid, daß ich das thue, was ich. thue, und 
ich weiß, daß ich unfern Herrgott beleidige, aber ich kann 
nicht ander®. . 

Meine Tochter, antwortete der Bruder, das darf nicht 
fein und bdiefe Ausreden gelten nichts. Du darfft nicht 
Böſes thun, weil ein anderer ed thut, fondern beine 
Pflicht ift, Alles geduldig zu ertragen und zu erwarten, 
bis Gott das Herz deines Mannes rührt; vielleicht thut 
auch dein Mann nicht all das Bofe, was du ſagſt. 
Aber wer iſt denn dein Liebhaber? 

Es iſt ein junger Edelmann, mein Vater, antwortete 
die Frau, der mich mehr, als ſein Leben, liebt. 

Ich frage, antwortete der Mönch, wie er heißt. 

Als die Frau dies hörte und ſchon aus Predigten 
wußte, daß in der Beichte die Namen derer nicht genannt 





13. Bedenkliche Beichte. 13 


werden dürfen, mit welchen die Sünde begangen wird, 
. um ihrem Namen nicht zu fehaden, fagte fie etwas ver- 
- munderk: Ha, Vater, wornach fragt ihr mi? Dies 
kann ich euch nicht fagen. Es ift genug, wenn id) meine 
Sünden befenne ohne die meines Genoffen. , 
ö Sie wechfelten noch viele Worte; da aber die junge 
: Frau nicht verfprechen wollte von dem Geliebten zu laffen, 


- wollte der Bruder fie auch nicht abfolviren. Sie erhob 


ſich daher aus dem Beichtftuhle, trat in die Kirche, wo 
: fie ihre Gebete fprah, und war dann im Begriffe in 
den Wagen zu fleigen. Ihr thörichter Mann verließ 
das Herz vol Verrat) und Mismuth gleichfalls die 
Beichtkammer und ging durch die Klofterthüre gerades- 
wegs nach dem Wagen feiner Frau, welche, als fie ihn 
: fommen fah,. auf ihn wartete. Sobald er in ihre Nähe 
: tam, züdte er einen Doldy, den er an der Seite führte, 
. und rief: Ha, fehamlofe Buhlgrin! 

Und ſtach ihr den Dolch in die Bruft, daß fie plöglich 
: todt zur Erde fanf. Es erhob fich ein großer Lärm und 
. viele Leute verfammelten fich dafelbfl. Er entwich aber 
ih weiß nicht wohin und flüchtete fich nach menigen 
Tagen auf venezianifches Gebiet, wo er verfuchte, fich 
mit den Verwandten feiner Frau auszufühnen, die ihn 
aber, ald er bald darnach auf die Jagd gegangen war, 
in Stüde hauen ließen. — Died waren die Folgen ber 
ungehörigen Neugierde ded Mannes, welcher auf un- 
paffenden Wegen zu erfahren frachtete, was er nicht 
hätte wiffen follen, und diefes Ziel erreichte die Verrucht- 
heit des pflichtvergeffenen Mönche, welcher nach der Ver⸗ 
fiherung von einem, der es wiffen fonnte, im Frieden 
entlaffen wurde, vor welchem Frieden uns aber alle Gott 
gnädiglich bewahren möge. 


y — — 


Italianiſcher Novellenſchatz. II. 4 


74 XXIV. Matteo Bandello. 


n. Seauentrene: : Männertugend. 


(1, 15.) 


In meiner Vaterſtadt Venedig, die neben ihren 

Schaͤtzen beſonders reich iſt an ſchoͤnen holden Frauen, 
wie nur irgend eine Stadt in Italien, lebten zu ber 
Zeit, wo der weife Fürſt Francesco Foscari die Herr 
Schaft darüber führte, zwei junge Edelleute, deren einer 
Girolamo Bembo, der andere Anfelmo Barbadico ge: 
nannt wurde. Zwiſchen beiden beftand, wie das oft zu 
gefchehen pflegt, die tödtlichfte Feindfhaft und ein fo 
heftiger bitterer Haß, daß fie nicht müde wurden, einan- 
der burch geheime Raͤnke zu ſchaden und auf alle ihnen 
möglihe Weife Schniach anzuthun. Sie liefen Hader 
und Zwietracht fo meit unter ſich aufkommen, daß es 
beinahe unmöglich ſchien, ſie jemals wieder zu vereinigen. 
Da geſchah es, daß beide zu einer und derſelben Zeit 
Weiber nahmen, und der Zufall wollte, daß ihre beider⸗ 
ſeitige Wahl zwei ſehr ſchoͤne und liebliche edle Jung: 
frauen traf, welche von der gleichen Amme ernährt und 
aufgezogen waren und fi fo fchwefterlich liebten, als 
wären fie aus Einem Leibe hervorgegangen. Die Gattin 
Anfelmo’s, welche Sfotta hieß, war die Tochter von 
Meffer Marco Gradenigo, einem Manne von größtem 
Anfehen in unferer Stadt, der zu den Procuratoren von 
Sanct Marcus gehörte, deren Zahl damals noch nicht 
fo groß wer, wie heutzutage ‚ weil nur die weifeften und 
beften Bürger zu einer fo edeln und angefehbenen Würbe 
gewählte wurden und feiner durch Ehrgeiz oder Geld 
dazu gelangte. Luzia hieß die andere. Sie hatte zum 
Gatten den andern der beiden Edelleute genommen, von 
welchen ich bereits gefprochen babe, mit Namen Giro- 
lamo Bembo. Sie war die Tochter des Ritters Meſſer 
Gian Francesco Balerio *), eined gelehrten Mannes, 


*) E. v. Bülow: Tochter Meffere Gian Zrancesco Balerio Gavalieres. 





‘ 


74. Frouentreue: Männertugend. 75 


welcher fihon mehrere Geſandtſchaften im Auftrag ſeiner 
Vaterſtadt beſorgt hatte und in jenen Tagen von Nom 
zurückgekehrt war, wo er zur höchlichen Zufriedenheit 
der ganzen Stadt beim heiligen Vater das Amt eines 
Botfchafterd verwaltet hatte. Als nun bie beiden jun- 
gen Frauen verheirathet waren und die zwiſchen ihren 
Gatten obmwaltende Feindſchaft wahrnahmen, empfanden 
fie dies mit großer Betrübniß und Verdroſſenheit, denn 
fie erachteten es für einen unerträglichen Zwang, nicht 
länger ihr freundſchaftliches Berhältniß fortſetzen zu dür⸗ 
fen, an das fie ſeit ihren zarteften Jahren gewöhnt wa⸗ 
ren. Klug und verftändig aber, mie fie waren, befchlof- 
fen fie doch, um des Hausfriedens willen auf gewohnte 
innige Vertraulichkeit äußerlich zu verzichten und fich nur 
an gelegenen Orten und zu fchiclichen Zeiten ben Um- 
gang zu geftatten. Das Glück war ihnen hierin info- 
fern günftig genug, als ihre beiden Paläſte dicht neben 
einander lagen und bie dazu gehörigen Heinen Gärten 
hinter denfelben nur durch einen bünnen Zaun von ein» 
anber gefchieden waren, fodaß fie ſich täglich fehen und 
haufig fprechen konnten. Überdies unterhielt die Diener- 
fhaft des einen Haufes hinter dem Rüden ihrer Herren 
ganz freumdlichen Verkehr mit der des andern. Den bei- 
den Kamerädinnen machte died das größte Vergnügen; 
denn fobald ihre Männer ausgingen, fonnten fie mit 
befter Muße im Garten lange ſich mit einander unter- 
halten, und fie thaten dies fehr oft. Unter foldhen Ver- 
hältniffen vergingen etwa drei Jahre, ohne daß eine von 
ihnen ſchwanger geworden wäre. Mittlerweile hatte der 
Anblid der reizenden Schönheit Mabonna Luzia’s in An⸗ 
felmo eme ſolche Leidenschaft entzündet, daß er fich fei- 
nen Tag beruhigen zu können meinte, bevor er nicht 
eine lange Weile mit ihr geliebäugelt hätte. Ihr Scharf- 
finn und ihre Schlauheit verfahen ſich auch .deffen alfo- 
bald, und da fie ihm weder Kiebe, noch auch vollige 
Unbekümmertheit zeigte, hielt fie in in Ungenthpeit zwi⸗ 


76 XXIV. Matteo Bandello. 


fhen Furcht und Hoffen, um beffer erſpähen zu können, 
worauf feine verliebten Blicke abzielen. Doch that fie 
mehr, als ob fie ihn gern fähe, ald umgekehrt. Auf 
der andern Seite hatte das fittfame Weſen, das kluge 
Betragen und die anmuthvolle Schönheit Madonna Iſot⸗ 
ta's Meffer Girolamo fo wohl gefallen, wie eine Ge 
liebte nur jemals einem Liebenden. Er mußte nicht ohne 
ihren holden Anblick zu leben, und es war Iſotta, die 
mit ihrem gefcheiten Auge fehr Mar fah, ſehr leicht, diefe 
unerwartete Liebe zu bemerken. Sie war aber fehr keuſch 
und ehrbar und liebte ihren Gatten im höchſten Grabe, 
und machte daher Girolamon ein ebenfo freundliches oder 
nicht freundliches Gefiht, wie im Allgemeinen jedem 
Bürger oder Freinden, ber fie anfah, und pflegte fid 
zu ftellen, als Eenne fie ihn gar nicht. Seine Leiden 
fchaft 'entflammte fich aber mehr und mehr und er ver 
Ior ganz die Freiheit, wie einer, dem der Pfeil der Liebe 
das Herz getroffen bat, und konnte auf nichts anderes. 
feine Gedanken wenden, als auf fi. Die zwei Freun- 
dinnen waren gewohnt täglich zur Meffe zu gehen, und 
zwar meift nach der Kirche San Fantino, weil Diejeni- 
gen, welche fpäter aufftunden, dort bi Mittag immer 
eine Meſſe fanden. Sie hielten fih dann jeder Zeit in 
einer Kleinen Entfernung von einander, und ihre beiden 
Liebhaber fanden ſich fortwährend auch ein und gingen 
der eine da, der andere dort umher, fodaß fie beide für 
eiferfüchtige Ehemänner verrufen wurden, da man fie fo 
hinter ihren Frauen herfommen fah, mährend doch beide 
nur bemüht waren, einander auf die Feftung SHornberg 
zu bringen. Es begab fih nun, daß die beiden getreuen 
Milchſchweſtern, von denen bis jegt noch feine das Ge⸗ 
heimniß der andern ahnte, fich vornahmen, einander diefe 
ihre Eroberungen ntitzutheilen, damit biefelben nicht etwa 
im Verlaufe der Zeit dem zwifchen ihnen beftehenden 
guten Vernehmen eine Störung bereiten. Dieſer beider: 
feitige Befchluß führte fie eines Tages, als ihre Män- 


74. Srauentreue: Männertugend. 77 


ner beide ausgegangen waren, an ber gewohnten Stelle 
an dem Gartenzaun zufammen. Als fie ſich trafen, lach⸗ 
ten fie einander zu gleicher Zeit ins Geficht, und nad 
den gewohnten freundlichen Begrüßungen nahm Madonna 
Luzia folgendermaßen zuerft das Wort: Meine liebe 
Schweſter Iſotta, du weißt noch gar nicht, dag ich dir 
eine allerliebfte Gefchichte von deinem Herrn Gemahl zu 
binterbringen habe. 

Und ich, fiel Mabonna Jfotta ſogleich ein, habe dir 
ein Abenteuer von dem deinigen zu erzählen, das dich 
in nicht geringes Exftaunen, mo nicht gar in gewaltigen 
Zorn verfegen wird. 

Mas ift ed denn? 

Was ift es. denn? ſprach eine zu der andern. Und . 
am Ende erzählte jede, was ihr Gatte im Schilde führt. 
Obgleich voll Unmwillens gegen ihre Gatten mußten fie 

doch hierüber fehr lachen. Sie waren freilich der Mei- 
nung (und mit vollem Recht), fie feien volltommen hin- 
reichend und paffend, um die Wünfche ihrer Männer zu 
befriedigen; daher fingen fie an, diefe zu ſchmähen, und 
behaupteten, ſie verdienten es, daß ihnen Hörner wach⸗ 
fen, wenn fie ebenſo unehrbare Frauen wären, als fie 
unvorfi ichtige und pflichtvergeffene Männer. Nachdem fie 
nun hierüber viel hin und her geredet hatten, befchloffen 
fie unter fih, es fei das Gerathenfte, gemeinfchaftlich 
zuzumwarten, wie ihre Männer ihre Abfichten weiter ver 
folgen werden. Sobald fie dann unter fich verabredet 
hatten, wie es wohl am paffendften wäre, fich zu ver- 
halten, auch mie fie ſich täglich über alles Vorfallende 
in Kenntniß fegen wollen, ließen fie es ihre erfte Sorge 
fein, ihre Liebhaber mit fchmachtenden unb verliebten 
Bliden enger in ihr Garn zu loden und mit falfchen 
Hoffnungen auf ihre Gunft zu erfüllen. Sie gingen 
daher aus den Gärten hinweg, und wenn fie in San 
Fantino oder in Venedig felbft zufällig einen erblidten, 
ſchlugen fie mit lächelnder Miene, Iuftig und Ted ihren 


18 XXIV. Matteo Bandello. 


"Schleier beifeite. ALS nun bie zwei Liebenden fahen, 
» welche freundlichen Gefichter ihnen ihre Geliebten mad; 
‚ ten, meinten fie, da kein Mittel fei, mit ihnen zu reden, 
müßten fie zu Briefen ihre Zuflucht nehmen. Sie 
ſuchten daher gewiſſe Botinnen, an denen unſere Stadt 
J immer ſehr großen überfluß hat, und jeder ſchrieb der 
ſeinigen einen Liebesbrief des Inhalts, daß jeder aufs 
Hoͤchſte wünfche, zu geheimer Unterrebung ſich mit der 
Seinen zufammen zu finden. Nach wenigen Tagen, faſt 
"gleichzeitig, Schichten fie die Briefe ab. Die verfchlage. 
nen Frauen nahmen .die Briefe an, erwiefen fich aber 
anfangs gegen die Kupplerinnen etwas fpröde; nach ge: 
genfeitiger Übereinkunft jedoch ertheilten fie ihnen eine 
Antwort, welche mehr Hoffnung, als das Gegentheil 
enthielt. Sie hatten eimanber ‚die Briefe, fobald fie ein- 
gelaufen waren, gezeigt und viel darüber gelacht. Sie 
dachten, ihr Plan: gelinge ihnen vortrefflich; jede behielt 
ben Brief ihres Gatten für fih und fie verabrebeten, 
ohne daß eine der andern zu nahe £rete, durch eine köſt⸗ 
liche Lift ihre Männer zu verführen. Und hört nun, 
auf welche Weife! Sie befchloffen nämlich, ſich erft ge 
börig von ihnen bitten zu laffen und ihnen fodann zu 
wiffen zu thun, fie feien bereit, ihre Wünſche zu befrie 
digen, fo oft die Sache auf geheime Weiſe gefchehen 
fonne, ohne daß es jemand wiffe, und fo oft er fid 
getraue um eine Zeit, wo ihr Mann ausgegangen fei, 
in ihr Haus zu kommen, natürlich nur bei Nacht, da 
bei Zag, ohne Gefahr der Entdedung, dies nicht mög: 
lich wäre. Dagegen hatten die fcharffichtigen und ge 
fcheiten Frauen mit ihren Dienerinnen, welche vollftän- 
dig ind Vertrauen gezogen waren, die Abrebe getroffen, 
durch den Garten eine in der andern Haus zu kommen 
und dafelbft, in die Schlafzimmer verfchloffen, ohne Licht 
ihre Gatten zu erwarten, fich aber unter feiner Bedin⸗ 
- gung fehen zu laffen oder zu erkennen zu geben. Nad- 
bem diefe Abrede gefroffen und feftgefegt war, ließ Ma- 


74. Frauentreue: Waͤnnertugend. 79 


donna Luzia zuerſt ihrem Geliebten ſagen, er ſolle in der 
nächften Nacht um vier Uhr durch die Hausthüre nad - 
dem Kai, die er offen treffen werbe, ins Haus treten; 
dort werde eine Dienerin bereit ftehen, um ihn in ihr 
Zimmer zu führen, ba Meſſer Girolamo am Abend in 
der Barke nach Padua abfahren werde; follte inbe dieſe 
Reife nicht zu Stande kommen, fo wolle fie ihn davon 
in Kenntniß fegn. Das Gleiche ließ Madonna JIſotta 
Meſſere Girolamo fagen und beflimmte ihn als Zeit 
fünf Uhr, weil er alsdann bequem eintreten Bönne, in? 
dem Meffer Anfelmo heute Abend mit ein Paar Freun⸗ 
den fpeife und in Murano übernachte. Die beiden Ber- 
liebten fahen ſich auf dieſe Nachrichten für die beglüd- 
teften Menfchen an, als dürften fie die Sarazenen aus 
Serufalem jagen ober dem Großtürken das Kaiferthum 
von Conftantinopel entreifen und den Helm ihres Fein- 
bed mit einem befondern Schmude kroͤnen. Sie wuften 
fi) vor übergroßer Wonne gar nicht zu laffen und vor 
Sehnfucht nach ber Nacht fchien ihnen jede Stunde des 
Tages eine Ewigkeit. Als der von Alten fo erfehnte 
Abend endlich genaht war, überredeten die vergnügten 
Ehemänner ihre Frauen, ober glaubten wenigftend fie 
überrebet zu haben, wichtige Angelegenheiten verhindern 
fie, diefe Nacht im Haufe zuzubringen. Die fchlauen 
Frauen, welche ihr‘ Schifflein gut im Gange fahen, tha- 
ten, ald glauben fie Alles. Die jungen Maͤnner nah- 
men jeder feine Barke, ober, wie es bei uns heißt, Gon- 
bei, fuhren, nachdem fie in einem Bafthaufe zu Nacht 
gefpeift, in den Kandlen der Stabt fpazieren, und er- 
warteten die feflgefegte Stunde. Um. drei Uhr kamen 
bie Frauen im Garten zufammen und begaben fich, 
nachdem fie viel geſcherzt und gelacht Hatten, eine jebe 
in der andern Haus, mo fie von ben Dienerinnen in 
das Schlafgemach geführt wurden. Dort nahm jede bei 
brennendem Lichte das ganze Zimmer, feine Lage und 
was darin war,- genau in Augenfchein und prägte ſich 


80 XXIV. Matteo Bandello. 


aufs Sorgfältigfte alles Merkwürdige ind Gedächtnif. 
Darauf aber löſchten fie das Licht aus und fahen mit 
Zittern und Zagen der Ankunft ihrer Männer entgegen. 
Punkt vier Uhr ftand Madonna Luzia’d Dienerin an der 
Thür und erwartete die Ankunft Meffer Anfelmo’s. Er 
war nicht fäumig, zu fommen, und ward von der Die 
nerin froh Hineingeführt, an die Schlaffammer geleitet, 
hineingebracht und an bad Bette geftelt. Hier war 
Alles dunkel, wie in einem Wolfsrachen, und daher war 
"feine Gefahr, daß er feine Gattin erkenne. Die beiden 
Frauen waren überdies an Größe und Sprache ſich fo 
ähnlich, daß man fie in dieſer Dunkelheit nur äußerſt 
ſchwer unterfcheiden Eonnte.. Der gute Anfelmo entElei- 
dete fi) und murde von der Frau liebevoll empfangen. 
In der Meinung, Girolamo's Gattin zu umarmen, nahm 
er aber feine eigene Frau in die Arme, küßte fie taufend 
mal auf das Zarklichfte und wurde eben fo oft von ihr 
hold wieder geküßt. Sodann machte er fi) an den Ge 
nuf der Liebe und fie fpielten mehrere Partieen im Minne- 
fpiel, wobei immer die Frau verlor, zu Anſelmo's gro 
Gem Vergnügen. Girolamo erfchien ebenfo um die fünfte 
Nachtſtunde, wurde von der Zofe in die Schlaffammer 
geführt und fchlief bei feiner eigenen Gattin, zu viel 
größerer Befriedigung feiner, als feiner Frau. Die bei- 
den jungen Männer, in der Meinung ihre Geliebten im 
Arme zu haben, thaten au, um als frifche und rüſtige 
Nitter zu erfcheinen, viel beffer ihre Schuldigkeit, als 
gewöhnlich, und wohnten ihren rauen mit fo berzlicher 
Neigung und Liebe bei, daß nach dem Willen des Höd- 
ften, wie die Geburt feiner Zeit erwies, die Frauen jede 
ein fehr ſchönes Knäblein empfingen, worüber fie, da fie 
bisher noch Feine Kinder gehabt, beide fehr vergnügt und 
glüdlich waren. Der geheime Umgang waͤhrte eine ge 
raume Zeit, und es verging felten eine Woche, mo fie 
nicht eine Nacht zufammen gefommen wären. Deffen 
‚ungeachtet erkannten die Betrogenen ihre Täuſchung nicht 


74. Srauentreue: Männertugend. 81 


und fchöpften nicht den mindeſten Verdacht und konn⸗ 
ten auch um fo weniger Argmohn fchöpfen, ald nie ein 
Licht in die Schlaftanımer gebracht wurde und die Frauen 
bei Tag jede Zuſammenkunft vermweigerten. Ihre Schwan- 
gerfchaft ſchritt mittlerweile bedeutend vor, und die Män- 
ner empfanden ungemeined Ergögen daran, indem fie 
vollkommen überzeugt waren, jeder dem andern den Hör⸗ 
nerfhmud auf den Helm geftedt zu Haben. Und doch 
hatten fie nur ihren eigenen, nicht den fremden Ader 
gepflügt und ihre rechtmäßige Befigung begoffen. Als 
fih nun die treuen ſchönen Freundinnen in diefem ver» 
wirrten Liebeshandel ſchwanger geworden fahen, was 
ihnen früher noch nie begegnet war, fingen fie an, une 
ter fich zu überlegen, auf welche Art und Weife fie fi) 
von diefem Unternehmen losmachen fönnten, beforgend, 
ed möchte irgend ein Argerniß entftehen, welches Ver⸗ 
anlaffung werden Eönnte, die Feindfchaft zmifchen ihren - 
Männern noch zu vergrößern. Während fie fo dachten, 
ereignete fich etwas, mas ihnen aus der Werlegenheit 
half, und den Verkehr abbrach, wenn auch nicht auf 
eine Art, wie fie es wünſchten. An demfelben Strome 
oder Kanale, nicht weit von ihren Häufern, wohnte näm⸗ 
lich eine ſehr fehöne artige junge Frau, die noch nicht 
ganz zwanzig Jahre alt, kurz zuvor Witwe geworden 
war durch den Zod ihres Gatten Mefjer Niccolo Del- 
fine, die Tochter Meffer Giovanni Moro’s; fie hieß Gid- 
monda. Diefelbe befaß außer ihrer väterlichen, auf mehr 
als zehn taufend Zechinen fi) belaufenden Mitgift eine 
fhöne Summe Geldes, viele Ebelgefteine, Silbergeräthe 
und andere Koftbarkeiten, die ihr ihr Mann als Mor- 
gengabe zum Gefchent gemacht hatte. Aloiſe Foscari, 
der Neffe des Herzogs, hatte ſich heftig in fie verliebt 
und gab fi alle Mühe, ihre Hand zu erwerben. - Er 
liebäugelte ihr daher den ganzen Tag, und betrieb das 
Unternehmen durch fortwährende Botfchaften und Frei⸗ 
werbungen fo ernftlich,; daß fie fi dazu verſtand, in 
4 * * 


82 XXIV, Matteo Bandello. 


einer Nacht an einem Fenſter ihres Haufes, Das auf ein 
Heines Gäßchen fah, ihn anhören zu wollen. Aloiſe 
äußerst erfreut über eine fo erfehnte Nachricht, ging, ale 
die Nacht kam, gegen fünf oder ſechs Uhr mit einer 
Stridleiter (denn das Fenfter war fehr hoch) ganz allein 
dahin. Dort angelangt machte er das aufgegebene Zei» 
chen unb erwartete nach der Verabredung, bis feine Ge 
liebte den Bindfaden herabließ, um die Leiter emporzu⸗ 
zieben, was auch in Kurzem gefchah. Nachdem er die 
Leiter an bem Bindfaben feftgelnüpft hatte, fah er fie 
in Kurzem emporziehen. Sobald Gismonda die Spike 
ber Leiter in der Hand hatte, befeftigte fie ‘fie irgendwo 
und machte dann dem Liebhaber ein Zeichen, empor zu 
fteigen. Don ber Liebe kühn gemacht, flieg er keck die 
Stufen binan und hatte faft ſchon das Fenſter erreicht, 
ale er, aus übermäßiger Begierde, bineinzufpringen und 
die Geliebte zu umarmen, oder aus was immer für 
einem Grunde rückwärts binunterfid. Zwei oder drei 
mal verfuchte er, fi wieder an der Leiter anzuklammern, 
aber es gelang ihm nicht. Doc half es ihm fo vie, 
dag er die Gewalt des Falles brach und nicht fo heftig 
auf das Badfteinpflafter flürzte; wäre dies gefchehen, fo 
märe er ohne allen Anftand des Todes gewefen. Nichts 
deſto weniger flürzte er mit folder Heftigkeit herab, daß 
es ihm faft alle Glieder zerfchlug und eine tiefe Wunde 
im SKopfe beibrachte. Hielt fih nun gleich der unglüd 
liche Liebhaber in Folge dieſes elenden Falles für eine 
Beute des Todes, fo blieb doch feine heiße und echte 
Liebe für. die junge Witwe ſtärker und mächtiger in ihm, 
als der übergroße Schmerz von ber heftigen Erſchütte⸗ 
rung und die Ermattung feines faft ganz lahmen zer 
ſchlagenen Körpers. Er raffte ſich daher auf, fo gut 
es möglich war, bielt fich den Kopf ſchnell mit beiden 
Händen feft, um das Blut nicht bier ausftrömen zu 
laffen, wo es feine Geliebte hätte verbächtigen können, 
und fchleppte fich bi6 auf den Steinweg vor den Hau 











74. Brauentreue: Männertugend. 83 


fern ber früher genannten Feinde Anfelmo und Giro- 
Iamo. Mit größter Anftrengung feiner Kräfte war er 
fo weit gefommen; nun aber vermochte er nicht mehr 
weiter zu gehen; von unfäglichem Schmerz gepadt, konnte 
er nicht mehr, er ſank ohnmaͤchtig wie tobt zu Boden, 
das Blut flürzte aus der Wunde am Kopf, und er ‚lag 
ausgeftreckt auf der Erbe, ſodaß, wer ihn geſehen hätte, 
ihn ganz und gar für todt hätte annehmen müſſen. Ma- 
donna Gismonda Auferft betrübt über diefen ſchweren 
Unglüdsfall und fehr fürcdhtend, der arme Liebhaber 
möchte den Hals gebrochen haben, tröftete fich wieder 
einigermaßen, als fie ihn meggehen fah, und zog bie Lei⸗ 
ter in ihr Zimmer herauf. Doch kehren wir zu dem 
unſeligen Liebhaber zurück! Kaum war er halb todt und 
ohnmaͤchtig niedergeſunken, als einer der bei Nacht wache⸗ 
habenden Hauptleute mit feinen Häfchern herankam, ihn 
liegen fah, für Aloiſe Foscari erkannte und als einen 
Zobten in bie nächfte Kirche fchaffen hieß, was fogleich 
geſchah. In Betracht des Orts aber, wo er ihn gefun- 
den hatte, vermuthete er, Birolamo Bembo oder An- 
felmo Barbadigo, vor deren Häuſern der Mord began- 
gen zu fein ſchien, feien bie Thäter. Er glaubte dies 
um fo mehr, weil er ein leiſes Geräuſch von Fußtritten 
an einer von ihren Thüren gehört zu haben meinte. Er 
theilte daher feine Begleitung, ſchickte einen Theil rechts, 
den andern links, und bemühte fi, fo gut als möglich 
die Häufer zu umfiellen. Der Zufall wollte, daß er 
wegen der Fahrlaͤſſigkeit ber Mägde beide Hausthüren 
offen fand. Es waren nämlich in jener Nacht die bei- 
den Verliebten wieber jeber in das Haus bed andern ge- 
gangen, um bei ihren Frauen zu fchlafen. Die Frauen, 
aber, als fie das Zrappen und den Lärm dee Schergen 
im Haufe hörten, fprangen plöglich aus dem Bette, nah 
men ihre Kleider auf den Rücken und fchlichen durch den 
Garten, von niemand gefehen, in ihre Häufer, mo fie 
zitfernd abmarteten, mas hieraus merben folle. Giro- 


54 XXIV. Matteo Bandello. 


lamo und Anfelmo mußten nicht, was der Lärm be 
deute, und während fie in der Dunkelheit fich beeilten, 
fih anzukleiden, wurden fie von ben Häfchern der Nacht⸗ 
wache verhaftet, und fielen fo Girolamo in Anſelmo's, 
Anfelmo in Girolamo’s Schlafzimmer in die Hände der 
Gerechtigkeit. Der Hauptmann und die Häfcher ver: 
wunderten fi) darübef nicht wenig, da alle die zwiſchen 
beiden berrfchende Feindfchaft wohl kannten. Als man 
aber viele Lichter anzündete und die beiden Edelleute aus 
dem Haufe führte, war ihr eigenes Erflaunen noch viel 
größer, ald fie fahen, wie einer in des andern Haufe 
faſt nadt feftgenommen war. Bei diefem Erftaunen 
wuchs auch ihre Unmille gar fehr,, wie jeder fich bei ſich 
einbilden und verftellen mag. Über. alle Begriffe aber 
waren fie erbittert auf ihre fo unfchuldigen Frauen und 
einander felbft warfen fie fich die grimmigften Blicke zu. 
Sie wurden nun meggeführt und fließen bereits den 
Kopf an die Kerkerwand, noch ehe fie die Urfache ihrer 
Gefangenfchaft erfuhren. Als .fie hernach erfuhren, dab 
fie als Mörder Aloife Foscari's eingefegt feien, waren 
fie, obgleich weder Mörder noch Diebe, darüber fehr be 
trübt, daß nun, wie fie mohl fahen, ganz Venedig er: 
fahren werde, daß fie, deren ZTodfeindfchaft fo ziemlich 
allbefannt war, in einem Punkte Genoffen geworden wa 
ren, wo eine Genoffenfchaft überall nicht hätte eintreten 
follen. Und. obgleich fie es nicht über ſich gewannen, 
mit einander zu fprechen, da fie fi) aufs Tödtlichſte haß⸗ 
ten, fo waren doch beider Gedanken auf denfelben Punft 
gerichtet. Am Ende aber fiegte die Fülle des bitterften 
Grolld gegen ihre Weiber und die Dunkelheit des Dres, 
wo kein Lichtſtrahl eindringen fonnte, was ihnen zum 
guten Theil ihre Verlegenheit nahm, und fie famen, id) 
weiß felbft nicht wie, in ein Geſpräch mit einander und 
gaben fih mit erfchredlichen Eiden das Wort, fich die 
Wahrheit zu offenbaren, wie ed fomme, daß fie beide 
einer in des andern Schlaffammer feien gefangen ge- 


14. Frauentreue: Männertugend. 35 


nommen worden, worauf denn jeder freimüthig erzählte, 
wie er e8 angefangen habe, um in den Beſitz der Gat⸗ 
tin ſeines Nachbars zu gelangen. Sie offenbarten ſich 
in diefer Beziehung Alles mit den Zleinften Umftänden. 
Sonach mußten fie ihre Frauen für zwei der ſchamloſe⸗ 
fin Buhlerinnen in Venedig halten und diefen zum 
Trog vergaßen fie ihre alte eingemwurzelte Feindſchaft, 
föhnten fi) mit einander aus und wurden Freunde. Sie 
meinten die Blide der Menfchen nun nicht mehr ertra= 
gen zu Zönnen und mit verhüllter Stirn durch die Stabr 
gehen zu müffen; das verftimmte fie denn dermaßen 
daß fie den Tod dem Leben weit vorgezogen hätten. Da 
ihren empfindlihen Kummer auch nicht der mindeſte 
Trofigrund linderte, und fie gar feinen Erfag dafür 
wußten, ergaben fie fich beiderſeits einer unbegrenzten 
Derzmweiflung, bis fie endlich den einzigen Weg’ gefunden 
zu haben meinten, auf Einen Schlag von allem Kum⸗ 
mer, aller Schmach und dem Leben felbft befreit zu 
werden. Sie. befchloffen nämlich durch eine Fabel, die 
fie erfannen, fi) ale Aloife Foscari’s Mörder anzuge- 
ben. Nach verfchiedenem Hin- und Herreden beftärften 
fie fi immer mehr in einen fo graufamen fträflichen 
Vorfag, fie billigten ihn jeden Augenblid mehr und er- 
warteten ſehnlich, von dem Gerichte verhört zu werden. 
Wie gefagt, war der Foscari alsbald in eine Kirche ge- 
bracht und dort dem Sapellan angelegentlich empfohlen 
worden. Der geiftlihe Herr ließ ihn mitten in der Kirche 
niederlegen, zündete zu beiden Seiten deffelben zwei Heine 
Wachslichter an und gedachte, ald die Scharwache fich 
wieder entfernt hatte, zu mehrer "Bequemlichkeit felbft 
noch einmal fein. wol noch nicht kalt gewordenes Bett zu 
befteigen und vollends auszufchlafen. Da es ihm aber 
fhien, dag die fihon ziemlich weit herunter gebrannten 
Lichtftümpfchen nicht mehr über zwei oder drei Stunden 
brennen würben, nahm er zwei große und ftellte fie flatt 
der halbverbrannten auf, damit, wenn ein Bermand* 


56 xxw. Matteo Bandello. 


‚des Todten oder ſonſt jemand kaͤme, ihm feine Vernach⸗ 
läffigung Schuld gegeben werden fünnte. Indem er nun 
weggehen mollte, nahm er wahr, daß der Leichnam ſich 
zu bewegen anfıng; ja, wenn er ihm feft ins Gefidt 
fchaute, war es ihm, als Öffne er ein wenig die Augen. 
Der Mann Gottes entfegte fi) darob hoͤchlich und hätte 
beinahe laut auffchreiend die Flucht genommen. SInbel- 
fen faßte er doh Muth, trat zu bem Körper heran, 
legte ihm die Hand auf die Bruft und fühlte das Klopfen 
bes Herzens, moraus er fich überzeugte, daß noch Le 
ben in, ihm fei, wiewol der übergroße Blutverluft es 
aufs Außerfte gefchwächt haben müſſe. Er rief feinen 
Collegen, der fchon zu Bette gegangen war, zurüd, 
trug mit deffen und eines Altarknaben Hilfe, fo fe: 
nend er konnte, ben Foscaro in fein eigenes an die 
Kirche ftoßendes Wohnzimmer und ließ fodann einen in 
der Nähe mwohnenden Wundarzt fommen, damit diefer 
die Kopfwunde forgfältig unterfuche. Der Chirurg nahm 
den Schaden in genauen und grünblihen Augenſchein, 
reinigte "ihn, fo gut er konnte, von dem geronnenen 
Blute und erkannte bald, daß er nicht tödtlich war. 
Er wandte daher Dle und andere köſtliche Salben fo 
geſchickt an, dag Wloife faft ganz wieder zur Beſinnung 
fam. Er rieb fobann den ganzen verwundeten Körper 
mit einem ftärkenden Balfam ein und überließ ihn” nım 
der Ruhe. Der geiftlihe Herr fchlief darauf noch ein 
Stückchen, bis der Tag, anbrach, und eilte dann mit der 
guten Nachricht, daß Foscaro lebe, zu dem Hauptmann, 
welcher ihn demfelben zur Obhut anvertraut hatte, hörte 
aber, ex fei in ben Sanct Marcuöpalaft gegangen, um 
mit bem Fürften zu reden. Er ging beshalb auch dort⸗ 
bin, wurde vorgelaffen und erfreute den Derzog fehr 
durch die Gewißheit von dem Leben feines Neffen, nad 
bem kaum eben der Hauptmann ihn durch bie Nadı- 
richt von feinem Tode fehr betrübt hatte. Der Fürſt 
befahl einem ber Hohen Gerichtöbeamten mit zwei be 


74. Reauentreue: Männertugend. 87 


rühmten Wunbdärzten in Begleitung deffen, der bie Eur 
feines Neffen fchon begonnen hatte, zur ſchicklichen Stunde 
zu dem Kranken zu gehen und feinen Zuftand genau 
wahrzunehmen, wo dann die drei Arzte forgen und bes 
forgen folten, was zur Wiederherftellung des Kranken 
dienlich fei. Sobald es ihnen daher Zeit ſchien, ging 
der wachehabende Edelmann und die Arzte bin, fie lie⸗ 
Ben in das Haus des Prieſters den Mann rufen, mel 
cher guerft den Kranken gepflegt hatte, und nachdem fie 
von ihm vernommen hatten, baß die Wunde, wenn auch 
gefährlich, doch nicht tödtlich fei, traten fie in die Schlaf⸗ 
fammer, wo ber Füngling ruhte. Da fie ihn wach fan- 
den, obgleich er noch etwas betäubt war, begannen fie 
ihn eindringlich zu fragen, wie die Sache gegangen fei, 
und forderten ihn auf, nur alles frei zu geftehen, ba fie 
ſchon der erfte Arzt verfichert habe, daß die Wunde nicht 
von einem Degen herrühre, daß er vielmehr von einer 
Höhe herabgefallen oder von einer Maffe getroffen wor- 
den feiz nach allem aber, was man habe erfahren kon» 
nen, müſſe man annehmen, er fet hoch herabgefallen 
und babe ſich den Kopf zerfhellt. Durch diefe Fragen 
der Arzte war Aloife überrafcht, und ohne viel zu über- 
legen gab er die Höhe des Fenſters und die Befigerin 
des Haufes an. Kaum aber hatte er es gefagt, fo reute 
ed ihn fehr. Ja, der peinigende Schmerz, ben er dar- 
über empfand, regte feine ſchlummernden Lebensgeifter 
mit Einem Male dermaßen auf, daß er lieber zu ſter⸗ 
ben, als etwas zur Unehre von Madonna Gismonda 
zu befennen beſchloß. Der Edelmann von der Nachte 
wache fragte ihn weiter, was er um diefe Stunde im 
Haufe und an einem fo hohen Fenfter von Madonna 
Gismonda gewollt Habe. Da er bei der Amtseigenfchaft 
ded Fragenden hierauf nicht ſchweigen konnte und doch 
nicht wußte, was er fagen follte, faßte er plöglich bei 
fihh den Beihluß, wenn die Zunge durch unüberlegte 
Worte gefehlt habe, fo folle der Körper die Strafe da- 


88 XXIV. Matteo Bandello. 


für leiden. Ehe daher irgendwie die Ehre derjenigen be- 
fledt würde, die er mehr als fein Xeben Hiebte, entſchloß 
er fich, fein Leben und feine Ehre in die Hand der Ge: 
techtigkeit zu Icgen und ſprach: Sch habe fchon gefagt, 
und bin nicht gemeint, e& zw widerrufen, Daß ich von 
den Fenftern ded Haufes der Madonna Gismonda Mori 
herabgefallen bin: Unb was ich um diefe Stunde dort 
fuchte, will ich euch gleichfalls fagen, da ich Doch jeden- 
falls des Todes bin. Ich dachte, daß Madonna Gik- 
monda als junge Witwe feine Männer im Haufe babe, 
um fich zu vertheidigen, weshalb ich fie berauben könne; 
denn es heißt, fie fei fehr reih an Jumelen und Geld. 
Ich ging hin, um ihe Alles zu ftehlen; ich hatte durch 
befondere Werkzeuge eine Leiter am Fenſter zu befeftigen 
gewußt und flieg daran mit dem feften Vorfage empor, 
jeden zu tödten, der mir Wibderftand leiften würde. Mein 
Unglüd wollte aber freilich , daß die nicht wohl ange 
brachte Leiter, unter meiner Laſt 'abreifend, mit mir zu 
Boden fiel; ich meinte, mit der Strickleiter noch mein 
Haus erreichen zu konnen ‚ und ſchleppte mich hinweg, 
werde aber unterwegs, wo, weiß ich nicht, ohnmächtig. 
Der Nachtpolizeimeifter, Meſſer Domenico Mari—⸗ 
petro, wftaunte nicht wenig über dieſes Bekenntniß und 
betrübte fich darüber um fo mehr, ald alle in dem Zim- 
mer Anmwefenden e8 vernommen hatten, und das waren, 
wie dies in folhem Falle gefchieht, nicht wenige. Er 
wußte fich aber nicht anders zu helfen und fagte: Aloife, 
su bift doch ein gar zu großer Thor gemwefen. Du 
dauerſt mich fehr; aber ich bin dem Vaterland und mei- 
ner Ehre mehr Rückſicht fhuldig, als irgend jemand. 
Du bleibft deshalb Hier unter der Auffiht, die ich bir 
laffen werde. Waͤreſt du nicht in dem Zuftande, in wel⸗ 
chem ich dich finde, fo würde ich dich augenblidlich, wie 
du es verbdienft, in den Kerker abführen lafjen. 
Er gab dem Jüngling eine ſtarke Wache bei und 
verfügte fi unverweilt in den Rath der Zehen, ber 





74, Frauentteue: Männertugenb. 89 


erlauchteften und angefehenften Behörde in unferer Stadt, 
und da er die Herren bes Rathes gerade verfammelt 
fand, erftaftete er ihnen über das Ganze ausführlichen 
Bericht. Die Häupter des Raths, bei denen ſchon feit 
lange unzählige lagen über mehrere freche Diebftähle, 
die in der Stadt nächtliher Weile verübt wurden, vor 
famen, befahlen einem ihrer Hauptleute, Aloife Foscaro 
im Haufe des Priefterd unter forgfältigfter Obhut zu 
halten, bie er im Stande fei gerichtlich vernommen und 
durch Anwendung ber Folter zum Belenntniffe der Wahr- 
heit genöthigt zu werden, angenommen nämlich, daß man 
ihn ganz gewiß als den Urheber oder mindeftens al® den - 
Hehler vieler anderer begangener Räubereien anfehen 
fünne. Es kam fodann die Angelegenheit des Girolamo 
Bembo zur Sprache, welcher im Schlafzimmer Anfelmo 
Barbadico's, und die diefes Anfelmo, welcher im Schlaf: 
zimmer Girolamo’d um Mitternacht halb nackt aufge- 
griffen und gefangen gefegt worden waren. Da man 
aber ber andere ungleich wichtigere Dinge,. wie über 
den Krieg zu verhandeln hatte, den man mit Filippo 
Maria Besconte, Herzog von Mailand, führte, fo ward 
befchloffen, fie auf ein ander Mal zu vertagen und die 
Gefangenen inzwifchen vernehmen zu laffen. Der Fürft 
war fortwährend im Rathe gegenwärtig gemefen und 
einer von denen, die am Ötrengften gegen den Neffen 
gefprochen hatten. Nichts deflo weniger fiel ed ihm 
ſchwer, zu glauben, daß fein Neffe als ein fo reicher 
und fein gebildeter Mann, wie er war, ſich zu dem ver- 
ächtlichen und gemeinen Lafter des Diebitahld erniedrigt 
haben follte. Er trug deshalb in feinem Sinn mancdher- 
lei Bedenklichkeiten und brachte zulegt bie Wahrheit von 
feinem Neffen heraus, da er Gelegenheit fand, im tief- 
ſten Geheimniß mit ihm fprechen zu laffen. Auf ber 
andern Seite befannten Anfelmo und Girolamo, als fie 
von bem dazu verordneten herrfchaftlichen Beamten be- 
fragt ‚wurden, was fie jeder in des andern Haufe um 


90 XXIV. Matteo Bandello. 


ſolche Stunde gefucht haben, daß fie, nachdem fie Aloiſe 
Foscaro oftmals zu ungewöhnlicher Stunde vor ihren 
Häufern haben vorübergehen geſehen, in biefer Nacht 
zufällig und unabhängig von einander bemerkt Haben, 
wie er vor benjelben frehen bleibe; fie feien beide der 
Überzeugung geweſen, dies gefchehe um ihrer Weiber 
willen, feien . berausgebrochen, haben ihn in die Mitte 
genommen und umgebracht. Sie legten dieſes Bekennt- 
nif, wie fie e8 mit einander verabredet hatten, ein jeder 
einzeln für fih ab. In Betreff des Umftandes, daß fie 
fi) einer in des andern Haufe befunden haften, fagten 
fie ein nicht eben wohl erfundenes Mährchen aus, worin 
fie fi widerfprahen. Als der Herzog alle diefe Dinge 
vernommen hatte, war er im höchſten Grabe verwun— 
dert und wußte gar nicht, wie er die Wahrheit ausfin- 
dig machen follte. In der folgenden ordentlichen Rathe- 


verfammlung der Zehn und ihrer Beifiger, als alle übri- | 


gen Gefchäfte abgethan. waren und man auseinander 
gehen wollte, ſprach daher ber erleuchtete Fürft, ein 


Mann von hohem Geifte, der durch alle Grabe dei 


Staatödienftes bis zur höchſten Würde emporgeftiegen 
war, folgendermaßen: Meine Herren, mir haben nod 
eine Sache zu befprechen, bie vielleicht bis jegt nicht er- 
hört worden iſt. Es liegen uns zwei Nechtöhändel vor, 
bie nad) meinem Dafürhalten einen ganz andern Yus- 
gang nehmen werden, als zu erwarten fein mag. An: 
felmo Barbadico und Girolamo Bembo, zwiſchen denen 
von jeher eine bittere, ihnen von ihren Vaͤtern vererbte 


Feindſchaft beftand, find einer in des andern Haufe halb: 


nadt von unfern Schergen feftgenommen worden, und 
haben ohne Folter, ja ohne Androhung derfelben auf die 





- einfache Erfundigung unferer Beamten aus freien Stüden 
bekannt, vor ihren Häufern unfern Neffen Aloiſe ermor- | 


det zu haben. Diefer unfer Neffe aber ift am Leben 


und bat weder von ihnen, noch von fonft jemand eine | 


Wunde erhalten; dennoch befennen fie fi 2 als feine 








74. Feoutentreue: Männertugend. 91 


Mörder. Wer vermag uns dieſe Widerfprüche zu Löfen ? 
Serner hat unfer Neffe feinerfeitd ausgefagt, daß er, um 

in Madonna Gismonda Moro’s. Haufe zu rauben und 
bei etwaigen Widerſtande auch zu morben, ausgegangen 
und von ihrem Fenfter auf die Erbe gefallen fei, was 
bei den vielen jegt in unferer Stadt zur Klage gekom⸗ 
menen Diebflählen auch . anderweiten Verdacht auf ihn 
zieht, als könne er der Miffethäter fein. So müßte man 
alfo mit Foltern die Wahrheit von ihm herausbringen 
und, wenn er fehuldig befunden würde, ihm die ver- 
diente firenge Strafe angedeihen Taffen. Als er nun 
gefunden wurde, hatte er weder eine Leiter, noch Waf⸗ 
fen irgend einer Art bei fih. Hieraus läßt fich fchon 
vermuthen, daß die Sache fich anders verhalte. Die- 
weil nun unter den fittlihen Vorzügen bie Mäfßigung 
immer. das größte Lob von Allen geerntet hat, auch die 
Gerechtigkeit, wenn fie nicht gerecht geübt mird, zur 
Ungerechtigkeit wird, ſcheint es uns gerecht, in dieſem 
mit fo feltfamen Umftänden verwidelten Falle eher Maͤßi⸗ 
gung als ftrenge Gerechtigkeit zu üben. Unb damit ich 
nicht ohne Grund fo zu fprechen feheine, fo hört weiter, 
was ich euch fage! Die beiden Tobfeinde bekennen fich 
zu etwas, was fchlechthin unmöglich ift, weil unfer Neffe, 
wie gejagt, noch lebt; und bie Wunde, die er erhalten 
hat, nicht von einer Waffe herrührt, wie er auch ſelbſt 
angiebt. Könnte es nicht ſein, daß Scham, einer in 
des andern Schlafzimmer gefunden worden zu ſein, und 
ihre Weiber für unehrbar erkennen zu müſſen, ſie ver⸗ 
anlaßt habe, aus Überdrug am Leben ſich in die Arme 
des Todes zu werfen? Wenn mir unfere Rahforfhuns 
gen hierin mit Fleiß anftellen, fo. werden wir die Ver⸗ 
hältniffe ſich anders geftalten fehen, als ber gemeine Mann 
glaubt. Man muß alfo den Fall forgfältig prüfen, und 
um fo mehr, ald aus ihrem Geſtändniſſe erhellt, daß fie 
gar nichts ausfagen, was den Schein der Wahrheit für 
ſich hätte. Andererſeits klagt ſich unfer Neffe felbft als 


92 XXIV. Matteo Bandells. 


Dieb an und bekennt überdies, er habe in das Haus 
von Madonna Gismonda Moro mit dem feften Vorſatze 
eindringen wollen, umzubringen, wer ihm Widerftand 
leifte. Unter diefem Grafe ſteckt unferes Bedünkens eine 
andere Schlange, die fich felbft nicht achtet. Er ftand 
niemals im Rufe folcher Ausfchweifungen ; nicht der ge 
tingfte Verdacht diefer Art fiel ihm je zur Laft. Ihr 
wißt ja auch alle, daß er Gott fei Dank anftändige 
Reichthümer befigt und anderer Leute Eigenthums nicht 
bedarf. Seine Diebereien werden wohl anderer Art fein, 
ale er eingeſteht. Es will uns alſo bedünken, ihr Her: 
ren, wenn ihr anderd mit mir einverftanden feib, daß 
ihr uns diefe Unterfuchung am Beften ganz allein über: 
laßt. Wir geben euch unfer fürftliches Wort, uns der 
ganzen Sache mit der äußerſten Gemiffenhaftigkeit an- 
zunehmen, und hoffen, fie fo zu Ende zu führen, baf 
und fein gerechter Vorwurf treffen wird, und das End- 
urtheil wollen wir überdies euch vorbehalten haben. 
Den NRäthen gefiel die weiſe Rede bes Herzogs über 
die Maßen wohl, und es that fich beim Abftimmen bar, 
daß fie insgefammt der Meinung waren, nicht allein die 
Unterfuchung diefer Rechtsfachen, fondern auch die Ent- 
iheidung durchaus in feine Macht zu ftellen. Der be: 
dachtſame Fürft, der über die Angelegenheit feines Nef- 
fen bereits vollftändig unterrichtet war, richtete nunmehr 
fein ganzes Augenmerk darauf, nunmehr auch den Grund 
zu erfahren, warum Vembo und Barbadico ſich fo tho- 
richterweife deſſen anklagten, was fie nicht begangen hat: 
ten, und nach reiflicher Überlegung und vielen gebalte: 
nen Nachfragen und Verhören, als feines Neffen Wie— 
dergenefung faft ganz vollendet war, fodaß er hätte um- 
hergeben können, wenn er frei gewefen wäre, glaubte 
er zulegt die Lage der beiden gefangenen Ehemänner ziem- 
lich ermeſſen zu Haben, und legte feine gemachten Er: 
- fahrungen dem Rathe der Zehen vor. Er ließ Todann 
auf eine unverdächtige Art die Nachricht in Venedig ver: 


14. Frauentreue: Männertugend. 93 


breiten, Anfelmo und Girolamo werben zmwifchen ben 
zwei Säulen enthauptet, Aloiſe aber aufgehangen wer- 
den, und erwartete nun, was für einen Eindrud dies 
auf ihre Frauen machen werde. Sobald die Neuigkeit 
ihren Weg durch Venedig gefunden hatte, ſprach man 
verfchiedentlich davon, ja in öffentlichen und Privatkrei⸗ 
fen war fonft von gar nichts die Rede. Da nun 'alle 
drei Verbrecher den ebdelften Gefchlechtern angehörten, fin- 
gen ihre Verwandte und Freunde an, fih um ihre Ret- 
tung auf das Angelegentlichfte zu bemühen. Sobald je- 
doch ihre Bekenntniſſe ftadtfundig wurden, und, wie es 
su gehen: pflegt, das Gerücht aus Übel immer Arger 
machte, hieß es, der Foscari habe viele freche Diebftähle 
eingeftanden, ſodaß Fein Freund oder Verwandter für 
ihn ein Wort einzulegen wagte. Madonna Gismonda, 
welche die Krankheit ihres Geliebten bitterlichft beweint 
hatte, fühlte, als fie das von ihm abgelegte Belenntnif 
vernahm und deutlich erfannte, daß er, um ihre Ehre 
nicht zu befleden, lieber Leben und Ehre mit einander 
aufopfern wolle, ihre Herz von fo glühender. Kiebe gegen 
ihn ſich entzünden, daß fie faft dadurch ftarb. Es ge- 
lang ihr, ihm in feinem Kerker zu wiffen zu thun, er 
nıöge gutes Muths fein und ſich beruhigen, denn fie fei 
bereit, um ihn vor dem Tode zu fchügen, Alles, was 
swifchen ihnen vorgefallen, öffentlich der Wahrheit getreu 
zu bekennen, und zum Zeugniffe derfelben ebenfowol feine 
ihe gefchriebenen LXiebesbriefe, als auch die von ihr in 
ihrem Zimmer aufbewahrte Stridleiter zu zeigen. Als 
Aloiſe diefe liebevollen Zeugniffe hörte, welche feine An- 
gebetete zu feiner Errettung abzulegen fich bereitete, war 
er der glücklichſte Menſch von der Well. Er ließ ihr 
unendlich danken und ihr verfprechen, fobald er aus dem 
Kerker befreit fei, fie als feine rechtmäßige Gattin hei⸗ 
rathen zu wollen. Die Frau empfand hierüber die größte - 
Freude, da fie ihren theuern Liebhaber mehr ald ihr Le⸗ 
ben liebte. Madonna Luzia und Madonna Ifotta hat⸗ 


94 AXIV. Matteo Bandello. “ 
y 


ten zu gleicher Zeit die Nachricht von dem Tobe ihrer 
Männer erhalten. und von Madonna Gismonba’s Ge- 
fchichte gehört, und Madonna Luzia insbefondete hatte 
etwas von einem Weibe darüber munteln hören, und fo 
ahnten fie nun auch den wahren Zufammenhang der 
Sache. Sie beriethen ſich beide - miteinander barüber, 
was zu thun fei, um ihre Männer zu retten, beftiegen 
eine Gondel und fuchten Madonna Gismonda auf. Die 
drei Frauen theilten fi nun alles Vorgefallene mit und 
kamen überein, das Leben ihrer Männer zu retten. Die 
zwei verheiratheten Frauen waren nach der Einferferung 
ihrer Männer ben beiderfeitigen Freunden und Verwandten 
ihrer Häuſer verhaßt geworden, meil jedermann fie für 
die unkeuſcheſten Gefchöpfe hielt; und es hatte fie aud 
ans bdiefem Grunde niemand befucht, um fie zu tröſten 


in ihrem Unglüd. Als fih nun das Gerücht verbreite 


hatte, bie Gefangenen follen von der Gerechtigkeit vom 
Leben zum Tode gebracht werden, ließen fie ihren Ver—⸗ 
wandten fagen, fie follen nur unbeforgt und unbefümmert 
fein und nicht weiter forfchen, aber ſich überzeugt Halten, 
daß fie volltommen ehrbar feien und ihren Männern kein 
Haar gekrümmt und weder Schaden noch Schande be 
reitet werben folle. Sie baten fie indeß dafür zu forgen, 
daß einer der Herren, Schirmvögte ben Fall zur Ber: 
handlung bringe; im Übrigen follen fie Alles ihnen über- 
laffen, da fie Feine Sachwalter und Rechtsbeiſtände be- 
dürfen. Den Verwandten kam zwar biefed Anfinnen 





wunderlich genug vor und fie wußten nicht, was fie da 


von denken follten, da fie die ganze Angelegenheit als 
eine ſchmachvolle und entehrende anfahen. Indeſſen thaten 


fie doch, was in ihren Kräften fland, zur Befriedigung 


der an fie geftellten Bitte, und reichten, da fie vernahmen, 
der Math der Zehen habe dem Herzog die ganze Unter 
fuchung anheimgeftellt, bei dem Fürften felbft im Namen 
der brei Frauen ein unterthänigee Gefuch ein, worin 


dieſe nichts weiter als Gehör begehrten. Der Fürſt fah 








14. Srauentreue: Männertugend. 9 


nad) feinem Ratbfchlage alfo Alles fih zum Beten wenden 
und bezeichnete einen beflimmten Tag, an dem fie vor 
ihm und dem Rathe der Zehen nebft denen des Golle- 
giums erfcheinen follten. Der Tag kam, die hohen Richter 
verfammelten fi), begierig zu erfahren, welchen Aus- 
gang bie Sade nehmen werde. Am Morgen kamen die 
drei Frauen mit ehrbarem Geleite in den Palaft, und 
als fie über den Sanıt Marcusplag gingen, hörten fie 
Diele, welche übel von ihnen redeten. inige fchrieen, 
wie die gemeinen Leute vom Volke find, unverfländig 
genug: Seht da die hübſchen fittfamen Madonnen! Macht 
ihnen euer Compliment! Die haben ihre Dlänner, ohne 
fie über die Lagunen zu laffen, nach der Feſtung Horn⸗ 
berg geſchickt, und ſchämen fich jest nicht einmal, fich 
öffentlich zu zeigen, die fchamlofen Huren! Es ift gar, 
als hätten ſie ein löbliches Werk vollbracht. 

Andere brachten wieder ’ andere Redensarten wider 
fie vor,’ und feiner wollte Hinter dem andern zurüdbleiben. 
Andere fodann, als fie Madonna Gismonda darunter 
fahen, waren der Meinung, fie gehe vor die Herrfchaft, 
um wider Aloife Foscaro klagbar aufzutreten, und fo 
traf Zeiner die Wahrheit. Die Frauen famen im Palaft 
an, fliegen jene hohen Marmortreppen empor und wurben 
in den Saal des Collegiums geführt, wohin der Herzog 
fie zum Gehör befchieden hatte. Dorthin kamen mit den 
nächſten Verwandten die drei Frauen, und der Fürft be- 
fahl, ehe noch jemand das Wort ergreife, auch) die Drei 
Gefangenen herbeizubringen. Es waren überdies noch 
viele andere Edelleute gegenwärtig, welche mit größtem 
Verlangen den Ausgang fo feltener Begegniffe zu fehen 
erwarteten. Als es Stille geworden war, redete der Fürſt 
die Frauen alfo an: Ihr habt uns erfuchen laffen, eble 
Grauen, euch ein oͤffentliches Gehör zu bemilligen; und 
fo find wir denn bereit, bier gerubig zu vernehmen, was 
ihr uns zu fagen wünſchet. 

Die beiden gefangenen Ehemänner waren anfs Außerfie 


36 XXIV. Matteo Bandello. 


gegen ihre Frauen erzürnt und um fo mehr von Wuth 
und kochendem Groll erfüllt, als fie diefelben mit kühnem 
Muth und mit freier Stirn gleichwie die fchuldlofeften 
und getreueften Gattinnen vor dem erfchredienden und 
ebrfurchtgebietenden Gerichtshofe ftehen fahen. "Die beiden 
getreuen. Freundinnen verfahen fich jedoch des Zornes ihrer 
Männer fehr wohl und ließen ſich ducch fie nicht im min- 
deften irren, fondern lächelten heimlich für fich und warfen 
fogar nach Frauenart den Kopf ein wenig wie zum Hohn 
in die Höhe. Anfelmo, welcher etwas mehr noch, als 
Girolamo, jähzornig und ungeduldig war, erhigte ſich 
darüber fo fehr, daß durch weit geringeren Zorn fchon 
manche geftorben find. Er vergaß völlig die Majeftat 
des Drts, auf welchem fie ftanden, und fing an, feiner 
Frau bie empfindlichften Dinge zu fagen; ja, er wollte 
ihe faft nach den Augen fahren und hätte, wenn es ihm 
moͤglich gewefen wäre, ihr übel mitgefpielt. Ungeachtet 
fih Madonna Iſotta von ihrem Gatten in Gegenwart 
fo vieler Herren fo ſchimpflich anfchreien hörte, verlor 
fie doch die Faffung nicht, ergriff vielmehr die ihr vom 
Fürften bereits ertheilte Exlaubnif zu reden und begann 
mit heiterem Gefichte und fefter Stimme alfo: Durd- 
lauchtigfter Fürft und ihr erhabene Herren, angefehen, 
daß mein vielgeliebter Ehegatte fo ehrenrührige Beſchwerden 
wiber mich erhebt, fteht zu erwarten, daß Meſſer Giro- 
lamo Bembo die nämliche Gefinnung gegen feine. Ge- 
mahlin hegen mag. Wollten wir fie nun hierauf obne 
alle Erwiderung laſſen, fo könnte ed wol fcheinen;, als 
wäre dad Recht ganz auf ihrer Seite und als geftänden 
wir, ein großes Verbrechen an ihnen begangen zu haben. 
Mit Euer Herrlichkeiten Vergunſt fühle. ich mich daher 
gegenwärtig gedrungen, in Madonna Luzia's und meinem 
Namen zur Vertheidigung von und und unferer Ehre 
zu ſprechen, was mir jegt einkommt; und zwar fehe ich 
mid) genöthigt ‘meinen Plan über das, was ich fagen 
wollte, zu ändern. Denn hätte er gefhwiegen und nicht 





14. Srauentreus: Männertugent. 97 


fo vafch fi vom Zorn zu Beleidigungen hinreißen laffen, 
fo Hätte ich auf andere Weife für ihr beider Befreiung 
und unfere Entfchuldigung geſprochen. Dennody aber 
will ich, fo weit meine ſchwachen Kräfte reichen, beibes 
zu bewerfftelligen verfuchen. Ich behaupte demnach, daß 
unfere Männer gegen Pflicht und Vernunft ſich über 
und befchmeren, wie ich ihnen auf der Stelle handgreiflich 
zeigen werde. Ich hege die fefle Überzeugung, daß ihr 
Verdruß und herber Kummer nur aus zweierlei und feinen 
andern Urfachen entfpringen kann, nämlich aus dem Mord, 
weichen fie fälfchlicherweife bekannten begangen zu haben, 
oder aus der Eiferfucht, die ihnen am Herzen nagt, daß 
wir unfeufche Weiber feien, da jeder in des andern Schlaf- 
zimmer, ja faft in des andern Bette ergriffen wurde. 
Hätten fie aber ihre Hände mit eines andern Menfchen 
Blute befledt, was fie allerdings peinigen und betrüben 
müßte, was konnte es denn um Gottes willen und an- 
gehen, wenn fie ohne Rath, Beihilfe und? Mitwiffen 
von unferer Seite eine fo gräßliche Miffethat begangen 
hätten? Sch kann in der That nicht einfehen, wie ung 
für dieſes Vergehen irgend ein Vorwurf treffen könnte, 
und noch weniger, wie fie ſich über uns beklagen können, 
denn man weiß ja, daß, wer das Böſe thut oder Anlaß 
gibt, es zu thun, nothwendigerweife die verdiente Strafe 
und firenge Züchtigung nach der Vorſchrift der heiligen 
Gefege dulden muß, um andern ein DBeifpiel zu geben, 
das fie von ähnlichen böfen Handlungen abhält. Doc) 
wer wird und hier noch widerfprechen, wo die Blinden 
fehen müffen, daß dad Recht auf unferer Seite ift, zumal 
da wir bier Gott fei Danf Meffer Aloife lebendig vor 
uns fehen, welcher ganz das Gegentheil von dem ver- 
fihert, was bier dieſe unfere und fo wenig liebenden 
Meänner thörichterweife eingeftanden haben? Hätten fie 
fich verleiten laffen, Hand an Leib und Leben irgend 
eines Menſchen zu legen, fo wäre es vernünftigermweife 
an uns, uns über fie zu befehmweren und gar fehr über 
Staliänifcher Novellenfchag. III. 5 


98 XXIV. Matteo Bandello. 


fie zu beklagen. Denn fie, die vom edelſten Blute ge- 
boren find und ale Herten gelten in dieſer hochedeln Stadt, 
die ihre Freiheit immer jungfräulid und rein erhalten 
bat, wären Schäher, Mörder, Menfchen der vermwor- 
fenften Gattung geworden, indem fie eine fo fchmähliche 
Madel auf ihr reines Blut brachten und und in unferer 
Jugend in deg Witwenftand verfegten. Es übrige nur 
no, daß fie ſich über uns deshalb befchweren,. Daß fie 
um Mitternacht einer in bes andern Schlafzimmer gefehen 
und fefigenommen worden find; und das ift, wie mir 
f‘heint, der Hauptknoten, Grund und Ausgang ihres 
ganzen Zorned und Argerd. Das Fann ich euch fagen, 
denn ich weiß ed gewiß, das ift ber Nagel, ber ihnen 
das Herz durchbohrt und der einzige Anlaß ihres Mie- 
muthes. Wie Menfchen alfo, die das Ganze nicht ge- 
börig geprüft und Weniges genau in Berechnung gezogen 
haben, find fie in Verzweiflung verfallen und haben fid 
in biefer Verzweiflung angellagt, das begangen zu haben, 
was fie nie getban, ja nie entfernt zu thun im Sinne 
gehabt hatten. Um aber nicht unnöthige Worte zu machen 
und damit bad, was ich zu fagen beabfichtige, auf Einmal 
gefagt werde und ihr, gnädige Herren, nicht eure Zeit 
über unnöthigem Hin» und SHerreden verlieret, während 
ihre Staatsgeſchäfte zu beforgen habt, wäre es mir äußerſt 
Heb, und ich bitte euch, durchlauchtiger Fürſt, fie zu 
veranlaffen, daß fie ausfprechen, worüber fie denn fidh 
fo bitter gegen uns befchweren. 

Auftrag de Herzogs von einem ber dabei⸗ 
lebenden Herren befragt, erwiberten beide, fie haben 
ihre Frauen ald Buhlerinnen erkannt, bie fie doch für 
durchaus ehrbar hielten und die es hätten fein follen, 
und das fei der ganze Zorn und Grimm, der ihnen am 
Herzen nage; und da fie ſolche Schmach nicht ertragen 
noch es auf fi nehmen können, im Ungefichte der Men- 
fihen zu leben, haben fie ſich aus Berlangen nach bem 
Tode zu dem Geftändnif bewegen gefunden, etwas gethan 


74. Srauentreue: Männertugend. 90 


zu haben, was doch nie der Fall geweſen ſei. Ais Ma⸗ 
donna Iſotta dies vernahm, fuhr ſie in ihrer Rede fort 
und ſagte zu ihrem Gatten und zu Bembo gewandt: 
Weshalb beſchwert ihr euch denn num über uns, daß es 
nicht gut ſteht? An uns ift es, darüber und gegen euch 
zu befchweren. Was fuchtet denn ihr, mein Gemahl, 
in dem Schlafgemach meiner theuern Freundin um biefe 
Stunde: Was fand fich denn dort Beſſeres, ale in 
dem eurigen? Und ihr, Meffer Girolamo, wer zwang 
euch, das Bett eurer Gattin zu verlaffen und bei Nacht 
das meines Garten aufzufuhen? Waren bie Leintücher 
des einen nicht fo weiß, fo fein, fo fauber, fo wohlduftend, 
wie die ded andern? Ich meines Theils, durchlauchtiger 
Fürft, beflage mid) aufs Ernftlichfte über meinen Gatten 
und werde mid, unaufhörlich über ihn beklagen, daß er, 
um eine andere zu genießen, als mich, von mir hinweg 
und anderswohin gegangen ift, ungeachtet ich noch keines⸗ 
wegs zum Krüppel geworden bin und wohl unter den 
fhönen Frauen dieſer unferer Vaterſtadt mic) fehen laſſen 
fann. Ebenſo ift es mit Madonna Ruzia, die, wie ihr 
feht, gleichfalls den Schönen beigezählt werden kann. 
Sn der That, ein jeder von euch hätte mit feiner Gattin 
zufrieden fein und nicht, wie ihr ſchnöder Weife gethan 
habt, fie verlaffen follen, um beffer Brot zu fuchen, als 
Hausbrot. Wir rühmlih ift ed, paffende fchöne und 
brave Frauen zu verlaffen, um nad) denen Anderer zu 
gehen! Ihr befejwert euch über eure Frauen, und hättet 
doch über euch felbft und über fonft niemand Klage führen, 
neben diefer Klage und Neue aber die größte Gebuld 
üben follen; denn obgleich ihr zu Haufe euer gutes Aus- 
kommen hattet, fuchtet ihr euch gegenfeitig mit eurer Liebe 
Schmach anzuthun, weil euch die Hausmannskoſt ver- 
leidet und zum UÜberdruß geworben war. Aber gelobt fei 
Gott und unfere weife VBorficht, denn wenn hier irgendwo 
Schaden und Schande ift, fo muß fie ganz auf euer 
beider Seite fein. Beim Kreuz Gottes ich fehe nicht ein, 

5* 


100 XXIV. Matteo Bandello. 


wie ihr Männer eher Erlaubnif haben follt, zu fündigen, 
als wir, wiewol ihr aus Geringſchätzung unferes Ge- 
fchlechtes thun wollt, was euch am meiften behagt. Nein, 
fo wenig ihr die unbefchräntten Herren feid, fo wenig 
find wir Skiavinnen; vielmehr mollen wir eure Genoffinnen 
fein, denn die heiligen Gefege der Ehe, des erften Sacra- 
ments, das Gott nad der Erfchaffung der Welt den 
Sterblihen gegeben hat, dieſe Gefege wollen, daß bie 
Treus eine gleihmäßige fei, und ber Gatte ift ebenſowol 
gehalten, der Frau treu zu fein, als fie ipm. Was 
wollt ihr euch nun beflagen? Wie man in den Wald 
fchreit, fihallt e8 heraus. Wußtet ihr nicht, daß die 
Mage der Gerechtigkeit gerade ftehen muß, ohne mehr 
auf die eine, als auf die andere Seite neigen zu dürfen ? 
Laffen wir nun aber für jegt den Streit darüber und 
gehen. auf den Anlaß über, meshalb wir uns. hier vor- 
geftellt haben. Zwei Dinge, gerechtefter Fürft, haben 
und hierher vor euer und diefer erlauchten Herren erha- 
benes Angeſicht geführt, da wir fonft nicht gewagt hätten, 
und öffentlich zu zeigen; und noch weniger hätte ich bie 
Dreiftigkeit gehabt, vor diefer hochanfehnlichen Verſamm⸗ 
lung zu reden, was nur geübten und fehr beredten Män- 
nern vergönnt ift, nicht aber uns, die faum für Nabel 
und Spindel hinreichen. Einmal haben wir unfer Haus 
‚verlaffen, um zu zeigen, daß unfere Männer feine Mörder 
find, weder des Meffer Aloife, der hier ſteht, noch irgend 
eines andern; und dafür hatten wir hinreichendes und 
glaubmwürdiges Zeugnif. Hierbei brauche ich mich aber 
nicht aufzuhalten; denn alle Mühe, die mid, diefer Punft 
hätte Eoften fönnen, erfpart mir die Anmefenheit Meffer 
Aloiſe's, und von der Ermordung eined andern war ja 
gar.nicht die Rede. Es bleibt uns num noch eines übrig, 
nämlih, daß meine Madonna Luzia und ic) den durd; 
lauchtigften Fürften ehrerbietig bitten, zu geruhen, mit 
feiner ‚und diefer erlauchten Herren Gunft und Anfehen 
und nit unfern Männern auszuföhnen, und au machen, 


74. $rauentreue: Männertugend. 101 


dag wir ihre Vergebung erlangen, wenn wir ihnen hand⸗ 
greiflih bewiefen haben, daß wir die DBeleidigten, fie bie 
Beleidiger find und daß unfer Fehler, wenn man es fo 
nennen kann, fo groß war, als fie ed haben wollten. 
Und um nun zum Schluffe zu kommen, fage ich, daß 
ich fchon von Kindesbeinen an von meiner Frau Mutter 
feligen Angedenkens, welche oftmals meine Schweftern 
und Madonna Luria, unfere Milchfchwefter, mit uns in 
verfchiedentlihen Dingen unterrichtete, fagen hörte, alle 
Ehre, die eine Frau ihrem Manne anthun könne, beftehe 
darin, daß die Frau fittfam Iebe, da ohne Keufchheit 
eine Frau gar nicht am Leben bleiben dürfte, zumal da 
befanntlich die Frau eines Edelmann oder eines andern, 
wenn fie fich einem Fremden hingibt, ein gemeines Weib 
wird, auf das man allenthalben mit Fingern zeigt, und 
auch ihr Mann wird verhöhnt und gefchmäht,von allen, 
denn es fcheint, Dies fei die größte Beleidigung und 
Verhöhnung, die ein Mann von einer Frau empfangen 
fann, und ber ſchmachvollſte Zabel, der einem Haufe 
zugefügt wird. Das wußten wir, und wollten nicht, 
daB die ungeregelten und zügellofen Lüfte unferer Männer 
fie zu einem unfchidlichen Ziele führen, und trafen daher 
durch einen frommen und [öblichen Betrug die Vorkehrung, 
die uns das geringere Übel fihien. Ich meiß, baf es 
überflüffig fein würde, bier der Feindfchaft zu gebenfen, 
welche feit vielen Jahren zwifchen den Eltern unſerer 
Gatten und dann aud) leider zwifchen ihnen felbft befteht, 
denn es ift dies in der ganzen Stadt befannt. Wir 
find von der Wiege an miteinander aufgewachſen, und 
da wir die Feindfchaft unferer Männer bemerften, machten 
wir aus der Noth eine Tugend und wollten lieber unjeren 
holden Umgang meiden, als Anlaß zu häuslichem Zwifte 
geben. Die Nachbarfchaft unferer Häufer bot uns jedoch 
ein Mittel dar, das Bedürfniß zu befriedigen, das uns 
die‘ widernatürliche Feindſchaft verfagte und verbot. Wenn 
fie ausgegangen waren, fanden wir und nämlich) gar oft 


102 XXIV. Matteo Bandello. 


in unfern Gärtchen ein, die durch einen einfadhen Zaun 
von Meerfhilf von einander getrennt find und pflegten 
dort gefelliges Geſprächs. Wir benügten aber diefe Be⸗ 
quemlichkeit mit Vorſi cht, und da wir merkten, daß ihr, 
unſere Männer, einer in des andern Frau verliebt ſeid 
- oder vielleicht euch verliebt ftelltet , theilten wir einander 
diefe eure Liebe mit und lafen immer miteinander die 
Liebesbriefe, die ihr uns zuſchicktet. Eine andere Schmach 
wollten wir euch nicht anthun über die Unbill, die ihr 
uns euren Weibern anthatet, wiewol es euch gut geweſen 
wäre; euch zu warnen lag nicht in unferer Abficht, denn 
wir wollten nichts, als euch zu Freunden machen; wäre 
euch aber etwas gefagt worben von diefem gegenfeitigen 
Verlieben, fo hätte das eure Feindfchaft nur vermehrt 
und euch die Waffen in die Hand gegeben. Wir berie- 
then uns alfo miteinander und kamen einträchtig überein 
in dem gleichen Entfchluß, denn wir urtheilten , daß unfere 
Plane ausgeführt werden könnten, ohne einem der Be⸗ 
theiligten Schaden oder Schande zu bereiten, ja ſie müßten 
zur Freude und Genugthuung Aller ausſchlagen. In 
allen den Naͤchten alſo, wo ihr bald da⸗ bald dorthin 
zu gehen vorgabet, kam Madonna Luzia mit Hilfe meiner 
Dienerin Caſſandra durch den Garten in mein Schlaf: 
zimmer und ich begab mid) vermittelft ihrer Magd Gio- 
vanna auf bemfelben Wege in ihr Schlafgemach. Ihr 
wurdet durch dieſe unſere Dienſtfrauen in die Zimmer 
geführt und laget jeder bei ſeinem Weibe; ſo habt ihr 
alſo euer eigenes und nicht, wie ihr meintet, fremdes 
Feld gepflügt. Es waren aber Umarmungen nicht von 
Ehemännern, ſondern von Liebhabern, und fo verbandet 
ihr euch mit uns immer mit heftigerer Luſt, als ge- 
woͤhnlich, ſodaß wir uns beide bald ſchwanger fühlten. 
Dies muß euch im höchften Grade angenehm fein, wenn 
es wahr ift, daß ihr fo große Begierde habet, Kinder 
zu befommen, wie ihr euch anftelltet. Wenn euch baber 
fein anderes Vergehen drüdt, wenn euer Gewiffen euch 








74. Frauentreue: Männertugend. 103 


nichts weiter vorwirft, unb wenn ihr über fonft nichts 
Schmerz fühlt, fo heitert euch auf und dankt unferer 
Lift und der heitetn Poffe, die wir euch gefpielt haben; 
und wenn ihr bis jegt Feinde gewefen feid, fo legt nun- 
mehr den alten Haß ab, verföhnt euch miteinander und 
lebt fortan als befreundete Ebelleute, euren Groll dem 
DVaterlande zum Opfer bringend, das wie eine zärtliche 
liebreihe Mutter alle feine Söhne in Eintracht fehen 
möchte. Damit ihre nun aber nicht etwa glaubt, ich 
habe alle meine Behauptungen aus der Xuft gegriffen 
und fomwol zu eurer Errettung, als zu unferer Entfchul- 
digung fälfchlich vorgebracht, fo ſehet hier alle eure Briefe, 
die ihr an uns fehriebet. 

Es gaben nunmehr beide Frauen ihren Männern fo 
viele Beweife und entfcheibende Zeichen an, und fie wußten 
ihre Gründe dem Fürften und den Herren fo einleuchtend 
zu maden, daß ihre Männer fich für zufriedengeftellt 
erklärten und die Herren alle gleichfalls ganz befriedigt 
waren und auch alle einflimmig die beiden Männer frei» 
fprachen. So wurden denn beide ‚mit Genehmigung des 
Fürften und biefer Herren aller völlig freigegeben. Die 
Bermandten und Freunde der Ehemänner und ihrer Frauen 
hatten mit größter Verwunderung die lange Gefchichte an« 
gehört, fie lobten die gefchehene Freifprechung in hohem 
Grade und hielten beide Frauen für keuſch, Madonna 
Iſotta aber erkannten fie auch für eine große Rednerin, 
da fie ihre eigenen Angelegenheiten, wie die ihrer Männer 
und ihrer Freundin fo gewandt vertheidigt hatte. Anſelmo 
und Girolamo umarmten und füßten öffentlich mit großer 
Freude ihre Frauen, dann gaben fie fich felbft die Hand 
und. tüßten fi und fchloffen Brüderfchaft zuſammen, 
lebten auch fortan in vollkommener Freundfchaft und 
vertaufchten die mollüftige Liebe, die fie einer zu des 
anbern Frau gehabt hatten, mit brüderlichem Wohlmollen, - 
was in der ganzen Stadt große Freude erregte. Sobald 
Die allgemeine Aufregung der Verſammlung über diefen 


104 XXIV. Matteo Bandello. 


Vorfall in etwas nachgelaffen hatte, mendete fich der 
Fürft mit erheitertem Angefiht zu Madonna Gismonda 
und fagte zu ihr: Und mas begehrt ihr von uns, fhöne 
Frau? Sagt und euer Anliegen’ freimüthig! Wir hören 
euch mit Vergnügen zu. 

Madonna Sismonda wurde über und über roth und 
erfchien noch liebenswürdiger als gewöhnlich durch Die 
natürliche Schamhaftigkeit, die. ſich über ihre Wangen 
ergoß, fie hielt eine Peine Weile ihre Augen auf den 
Boden gerichtet, fehlug fie dann ſchüchtern empor und 
ſprach, nachdem fie ein wenig Zuverficht gewonnen hatte: 
Wenn ih, durchlauchtigſter Fürft, in Gegenwart von 
Derfonen ſprechen follte, welche nie geliebt haben oder 
nicht wiſſen, was Liebe ift, fo wäre ich mehr als zweifel- 
haft darüber, was ich zu fagen hätte, und würde mid) 
vielleicht gar nicht getrauen, ben Mund zu öffnen. Da 
id aber oftmals von meinem Water gottfeligen Ynge- 
denkens erzählen gehört habe, daß ihr, durdlauchtigfter 
Fürſt, in eurer Jugend auch. nicht verichmäht habt, den 
Liebesflammen eure Bruft zu öffnen, vielmehr ein zärt- 
licher Liebhaber waret, und da ich überzeugt bin, daß 
niemand bier ift, der wenig oder gar nicht geliebt hat, 
hoffe ich für das, mas ich jegt zu fagen habe, bei eud 
allen Mitleid, jedenfalls Verzeihung zu finden. Um alfe 
zur Sache zu kommen, fo verhüte Gott, daß ich eine 
der fcheinheiligen Frauen werden möchte, die, den ganzen 
Tag mit den Heiligen redend, Baterunfer verfchlingen 
und Teufel bervorbringen, da ich wohl weiß, daß bie 
Undantbarfeit ein Wind ift, der die Quelle der himm⸗ 
lifhen Barmherzigkeit austrodnet ‚und zum Berfiegen 
bringt. Ich liebe das Leben, wie natürlich alle Menfchen, 
und die Ehre zunächſt, die ihm vielleicht noch vorange- 
ftellt fein follte, weil es einem Zmeifel unterliegt, daß 
das Leben ohne Ehre nicht der Mühe lohnt; ein folches 
Leben ift ein lebendiger Tod, wo man mit gebrandmarfter 

Stirn lebt. Aber die Liebe, welche ich für meinen von 


74. Krauentreue: Männertugend. 105 


mir einzig geliebten Meſſer Aloife Foscaro hege, welcher 
bier gegenwärtig ift, geht mir über Alles, und folglich 
halte ich fie hoher, ald mein Leben. Und dies in Wahr: 
heit mit vollftem Rechte, denn wenn ich auch nicht früher 
von ihm fo fehr gelicht worden wäre, da er mich doch 
geliebt hat, fo fehr man nur lieben kann, und wenn id) 
ihn auch nicht geſchätzt hätte, da er mir doch der theuerſte 
und weit mehr als meine Augen von mir geliebt war, 
ſo macht doch der innige Liebesbeweis, den er mir in 
der letzten Zeit gegeben hat, wo er ſich freigebig, ja ver⸗ 
ſchwenderiſch mit ſeinem eigenen Leben gezeigt hat, damit 
auch nicht der mindeſte Verdacht von Unkeuſchheit auf 
mich falle, daß ich ihn unvergleichlich höher achten muß, 
als mein Leben und meine Seele ſelbſt. Und wo findet 
ſich, daß je eine ſolche Freigebigkeit von einem Liebhaber 
ſo unbedingt geübt wurde? Wer hat je freiwillig den 
Tod gewählt, um nicht fremden Ruf zu beflecken? Gewiß 
niemand, glaube ich, oder fo menige, daß biefe Gattung 
fo felten und feltener ift, ald weiße Raben. O einzige 
und unerhörte Aufopferung! Das ift ein Liebesbeweis, 
der nie genug gepriefen werden kann! Das ift eine Liebe, 
die echte Liebe ift und wo fich feine Erdichtung benfen 
läßt. Meffer Aloife, ehe er das geringfte Theilchen meines 
NRufes bemakeln oder ein Tütelchen von Verdacht bei 
irgend jemand, wo es mich anfchwärzen konnte, auf mid 
fallen laffen wollte, bat ſich freiwillig ald Dieb ange: 
geben und mich und meine Ehre weit mehr berüdfichtigt, 
als die feine und fein Xeben. Und wiewol er fich auf 
taufend Arten befreien konnte, nachdem er einmal in 
dem vom Falle noch halb betäubten Zuftande gefagt hatte, 
er fei von meinen Fenſtern herabgeftürzt, und nun be: 
merkte, wie jehr diefes Geftändnig meine Ehre beein- 
trächtigen und ihre Reinheit ſchwärzen könne, zog er 
freiwillig lieber den Tod vor, che er ein Wort fagte, 
Das irgendwie eine fchlimme Meinung über mic, oder 
fo viel Schimpf als das Heinfte Muttermal hernorbringen 
5** 


106 XXIV. Matteo Bandello. 


konnte. Da er. einmal nicht mehr rückwaͤrts konnte mit 
dem, was er fihon über den Fall gejagt Hatte, auch das 
einmal Geäußerte nicht fo zu deehen war, baß die Sad 
gut ſtund, entfchloß er fi), den Auf des Nächften mit 
feinem eigenen Schaden zu retten. Wenn er daher fo 
bereitwillig fein 2eben zu meinem Nug und Fromme 
offenbar auf das Spiel gefegt, und noch meit mehr für 
die Erhaltung meiner Ehre geforgt bat, als für feine 
eigene, follte ich nicht zu feiner Errettung meine Ehre 
beifeit fegen® Unbedenklich! Ja, Ehre und Leben, und 
wenn ich taufend Leben hätte, alle zufammen würde ich 
zu feiner Erhaltung hingeben, und wenn ich es von 
Neuem taufend mal taufend mal zurüderhielte, fo würde 
ih es eben fo oft wieder. aufs. Spiel fegen, wenn id 
nur im Geringften ihm zu helfen wüßte Sa, ich be- 
Hage mich) und merbe mich immer beklagen, daf mit 
nicht vergonnt ift, mehr zu thun, als "meine geringe 
Möglichkeit aushält. Wenn er ftürbe, koͤnnte ich für- 
wahr nicht am Leben bleiben; menn er nicht da wäre, 
was follte ich im Leben thun? Ich glaube darum nicht, 
gerechtefter Fürſt, ein Quintchen Ehre zu verlieren; denn 
da ich, wie man fieht, eine junge Wittwe bin und mid) 
wieder zu verheirathen fuche, war mir erlaubt, ein Liebes⸗ 
verhältnig anzuknüpfen, freilich zu keinem andern Imede, 
ald um einen meinem Stande angemeffenen Gatten zu 
befommen. Wenn ich aber auch die Ehre verlöre, warum 
fol ich fie nicht verlieren für den, der um die meinige 
zu retten, wie fo oft ſchon gefagt murde, die feinige hat 
verlieren wollen? Um nun aber zur Sache zu kommen, 
fo fage ich mit aller ſchuldigen Ehrerbietung, daß es nicht 
wahr ift, daß Meſſer Aloife je ald Dieb und wider meinen 
Willen in mein Haus gelommen if. Er kam vielmehr 
dahin ganz im Einverfländniß mit mir und als theurer 
und inniger Liebhaber. Hätte ich ihm nicht die Exrlaubnif 
gegeben zu kommen, wie wäre es ihm gelungen, eine 
Stridieiter fo hoch empor zu ziehen und fie oben fo feft 





74. Frauentreue: Männertugend.- 107 


zu machen, daß fie für immer gehalten hätte? Wenn 
dieſes Fenſter zu meinem Schlafzimmer gehört, wie konnte 
ed um dieſe Stunde offen ftehen ohne meine Einwilligung? 
Ich ließ den Bindfaden hinab, an welchen er die Strid- 
leiter anband, mit Hilfe meiner Magd zog ich fie empor 
und nachdem ich fie feftgemacht, hatte, ſodaß fie nicht 
losgehen konnte, machte ich Meſſer Aloiſe ein Zeichen 
heraufzufteigen. Aber fein und mein Misgefchid wollte, 
daß er, ohne dag er mir nur hätte die Hand berühren 
fönnen, zu meinem unfäglihen Schmerze zu Boden flürzte. 
Er mögg daher bas- frühere Geſtändniß zurüdinehmen, 
dag er ein Dieb fei, und nur die Thatfache bekennen, 
wie fie ift, da ich mich. nicht fchäme, das Geftändnig 
abzulegen. Hier find die vielen Briefe, die er mir fchrieb, 
um 'eine Unterredbung mit mir zu erflehen und um meine 
Hand zu bitten. Hier ift die Keiter, welche bisher immer 
in meinem Schlafzimmer geblieben ift. Hier ift meine 
Dienerin, welche an Allem vermittelnd und unterflügend 
Theil nahm. 

Meſſer Moife geftand auf die Frage der Rathsherren, 
wie die Sache gegangen war. Er wurde nun ebenfo von 
diefen Herren freigefprochen und wollte feine theure Ge: 
liebte als vechtmäßige Gemahlin heimführen. Der Fürft 
lobte fehr feinen Entfhluß. Es gingen daher alle Ver⸗ 
wanbte beider Theile nach dem Haufe Madonna ®is- 
monda's, wo er fie zur allgemeinen Freude feierlich hei- 
rathete. Es wurde eine koſtbare und äußerſt prächtige 
Hochzeit veranftaltet und Meffer Aloiſe lebte mit feiner 
Gattin lange Zeit in ungetrübtem Frieden. Madonna 
Luzia und Madonna‘ Sfotta gebaren mit der Zeit zwei 
fhöne Söhnchen, mas die Zufriedenheit ihrer Väter nicht 
wenig erhöhte. Sie lebten mit ihren Müttern ruhig 
zufammen und belachten unter fi) in brüderlihem Ein» 
vernehmen oft den ihnen. von ihren fchlauen Gattinnen 
gefpielten Streih. Das weiſe Urtheil des Fürften in 
diefer Sache wurde in Venedig allgemein anerfannt und 


108 XXIV. Matteo Bandello. 


vermehrte noch um Vieles den großen Ruhm feiner 
Klugheit. Er war auch in der That ein fehr Eluger 
Fürft und vergrößerte durch feine Einfiht und feine 
Meisheit, Die Herrfchaft des Kreiftaats, wurde aber doch 
zulegt unverdientermaßen mit Undant belohnt und wegen 
feines hohen Alters der herzoglichen Würde entkleibet. 


— [mn en — 


75. Das bezauberte Bildniß. 


(1, 21.) 


[Der Manfredi von Correggio ſpricht:] 

Ich weiß nicht, liebenswürdige und ehrenwerthe Frau 
Cecilia, ob ich fo Teichtfinnig auf eure Bitte Hin mich zum 
Erzählen entſchließen fol, da ich in diefem Gefchäft nicht 
“ fonderlich geübt bin, mährend ich in diefer edeln und hoch— 
geehrten Gefellfchaft manche fehe, welche beffer, als ich, und 
mehr zur allgemeinen Genugthuung, da fie Darin geübt find, 
fi) darin ergehen würden, ich aber viel lieber Zuhörer, 
als Erzähler, wäre. Da jedoch immer eure höflichen 
Bitten bei mir für Befehle gelten follen, will ich, fo gut 
ich kann, eine Gefchichte erzählen, welche mir vor einigen 
Jahren Herr Niccold von Gorreggio mein Oheim mit: 
getheilt hat, ald er aus dem Königreich Ungarn zurüd- 
fehrte, wohin. er aus Auftrag des Herzogs Lodovico Sforza 
gegangen war, um den Deren Donno Sppolito von Eite 
Gardinal von Ferrara zu begleiten, welcher das Bisthum 
Gran in Belig nehmen wollte. Wißt denn — um alfo 
auf die Erzählufg zu kommen — daß Matthias Cor- 
vinus, wie alle hier Anmwelenden wohl von Hörenſagen 
vernommen haben werden, Konig von Ungarn war, und 
ale ein ſehr Eriegerifcher weitfehender Mann war er der 
erfte berühmte Ungarkönig, den auch die Türken fürchteten. 


79. Das bezauberte Bildniß. 109 


Nebſt andern ausgezeichneten Eigenfchaften, die er beſaß, 
fowol im Waffenwerk als in den Wiffenfchaften, war 
er der freigebigfte und hoflichfte Fürſt feines Zeitalters. 
Er hatte zur Gemahlin die Königin Beatrix von Aragon, 
die Tochter des Königs Ferdinand's des alten von Neapel 
und Schwefter der Mutter Alfonſo's des nunmehrigen 
Herzogs von Ferrara, bie in Wahrheit eine höchſt vor: 
trefflihe Frau mar in Wiffenfchaften und in Sitten 
und mit allen andern Tugenden geſchmückt, die für eine 
Frau aus jedem Stande eine Zier wären. Sie war 
nicht minder höflich und freigebig, als der König Mat- 
thias ihre Gemahl, und ihr einziges ftündliched Trachten 
ging darauf, alle diejenigen zu ehren und zu belohnen, 
welche ed aus irgend einem Grunde zu verdienen fehienen, 
ſodaß im Haufe diefer zwei hochherzigen fürftlichen Per- 
fonen ausgezeichnete Männer jeder Art und von allen 
Nationen aus- und eingingen, und jeder war nach feinem 
Verdienſt und Range wohlgelitten und unterhalten. In 
jener Zeit lebte .ein bohmifcher Ritter, ein Vaſall des 
Königs Matthias (denn er war auch König von Böhmen), 
welcher einem ſehr edeln Haufe angehörte und von Perfon 
fehr wader und in den Waffen geübt war. Diefer ver- 
liebte fich in ein fehr ſchöͤnes Mädchen, welche aus guter 
Familie ftammte und für die Schönfte in der Gegend 
galt;. fie hatte einen Bruder, der, obwol adelich, doch 
arm und mit Glüdsgütern nicht eben gut verforgt war. 
Der böhmifche Ritter war ebenfalld nicht fehr reih und 
hatte nur ein einziges Schloß, wo er nur mit großer 
Einſchränkung flandesgemäß ſich zu unterhalten wußte. 
Als diefer demnach fi) in das fchöne Mädchen verliebt, 
erbat er fich diefelbe von ihrem Bruder und erhielt fie 
zur Frau, jedoch mit fehr geringer Ausftattung. Bisher 
hatte er feine Armuth noch nicht fo fehr empfunden; 
nachdem er aber eine Frau in fein Haus eingeführt hatte, 
gingen ihm die Augen auf und er begann zu bemerken, 
‚wie gering. er ausgerüftet war und mie fchwer er fi 


110 XXIV. Matteo Banbello. 


von dem Heinen Einkommen aus feinen Schlofgute er- 
halten könne. Als .ein edler und rechtfihaffener Mann 
wollte er feine Unterthanen nicht mit auferordentlichen 
Abgaben belaften, begnügte ſich vielmehr mit den Steuern, 
die fie fihon feinen Vorfahren zu entrichten gewohnt ge 
wefen waren, deren Betrag aber fehr unbedeutend war. 
Er erkannte nun bald, daß bier eine außerordentliche 
Abhilfe Noch thue, und fo fiel es ihm ein, nach vielen 
und verfchiedentlichen Überlegungen, fich an den Hof in 
den Dienft des Königs Matthias feines Lehensherrn zu 
begeben, dort eine Probe von fi abzulegen und ſich 
‚dermaßen anzuftellen, daß er mit feiner Gattin einen 
ftandesgemäßen Unterhalt dafelbft fände. Aber fo groß 
und glühend, war die Liebe, die er für feine Frau hegte, 
daß es ihm nicht möglich fchien, eine Stunde ohne fie 
zu leben, gefchmweige ohne fie lange am Hofe zu bleiben. 
Dem fie an die Reſidenz des Hofes mitzunehmen und 
dort bei fich zu behalten, war nicht nad) feinem Gefchmadke. 
Er befann ſich daher den ganzen Zag über diefe Ange— 
legenheit und wurde ganz ſchwermüthig. Seiner Gattin, 
einer Elugen und fcharfblidenden jungen Frau, entging 
das Gehaben ihres Mannes nicht. Sie, fürdhtete, er 
möchte über etwas mit ihr unzufrieden fein und ſprach 
daher eines Zages zu ihm: Mein theurer Gemahl, wenn 
ich nicht glaubte euch zu misfallen, würde ich gerne euch 
um eine Gnade bitten. 

Verlangt, antwortete der Ritter, was euch beliebt. 
Sofern ich es irgend im Stande bin, will ic von Herzen 
gern thun, was ihr begehret; denn euch gefällig zu fein 
ift mir fo wichtig, als das eigene Leben. 

Darauf bat ihn denn bie Frau befcheidentlich, ihr 
die Urfache feiner Unzufriedenheit zu entdecken, die er in 
feinem Ausfehen zeige. Dan fehe, er fei viel übler auf- 
gelegt, als fonft, und thue nichts, als feufzend nad 
finnen und fliehe alle Gefellfhaft, die ihm fonft fo an⸗ 
genehm geweſen. Als der Ritter den Antrag. der Frau 


75. Das bezauberte Bildnif. 111 


hörte, fagte er nach kurzem Bedenken: Meine thenerfte 
Gattin, ihr wollt den Beweggrund meines düftern Sin- 
nens wiffen und erfahren, warum ich fo fchwermüthig 
geworden bin: fo erfahrt ihn! Alle meine Gedanken, 
‚in die ihr mich fo tief verfunfen feht, gehen damit um, 
wie ich Mittel und Wege auffinden Eonne, euch und mir 
ein unferem Stande gemäßes ehrenvolles Xeben zu be= 
reiten; denn in Vergleich mit unferer Abkunft leben wir 
gar armfelig; und der Grund ift, daß unfere Väter die 
von unfern Großvater ihnen vererbten Güter verfchwendet 
haben. Indem ich nun hierüber den ganzen Zag nach: 
dachte und auf verfchiedene Vorftellungen verfiel, wußte 
ich kein anderes Mittel aufzutreiben, als eines, das meine 
Phantafie auf das Kebhaftefte befchäftigt, nämlich an den 
Hof unferes Oberherrn Könige Matthias mich zu ver- 
fügen, dem idy fehon von den Kriegszeiten her bekannt 
bin. Sch kann nicht anders glauben, als daß’ er gut: 
für mich forgen und fi mir gnädig erzeigen Werbe; 
denn er iſt ein freigebiger Fürſt, der tüchtige Männer 
liebt, und ic) werde mid, fo halten, daß wir mit feiner 
Gunft und Gnade beffer leben können, als jegt; und ich‘ 
befeftige mich in diefer Anficht um fo mehr, als ich fchon 
vormald unter den Moimoden von Siebenbürgen gegen 
die Türken gefochten babe und damals von dem Grafen 
von Eilley aufgefordert worden bin, in die Dienfte des 
Königs zu treten. Da ich aber andererfeitd glaube, euch 
bier ohne meine Gefellfhaft laſſen zu müffen, Tann ic) 
mich unmöglich darüber beruhigen, daß ich mid, von euch 
entfernen foll, einmal, weil ich mich nicht entfchließen 
kann, ohne euch, meine Einziggeliebte, zus leben, und 
dann, weil ich fortwährend fürchte, wenn ich euch fo 
jung und ſchön fehe, dadurch eine Schmach zu erleben. 
Sobald ich weg wäre, fürchte ich, könnten Barone und 
Edelleute vom Lande fich beeifern, eure Liebe zu gewinnen. 
Sobald Died gefchähe, würde ich mich für entehrt halten 
und könnte mich nicht mehr unter vechtfchaffenen Leuten 


112 . XXIV. Matteo Bandello. 


fehen laffen. Dies ift die ganze Feſſel, die mic, hier 
hält, fodaß ich für unfern Bortheil zu forgen nicht im. 
Stande bin. Ihr habt nun, meine theuerfte Gattin, die 
Urfache meiner Nachdenklichkeit vernommen. 
| Nach diefen Worten ſchwieg er. Die ſtarke groß- 
herzige Frau, welche ihren Gatten grenzenlos liebte, als 
fie hörte, daß er feine Auseinanderfegung geendigt hatte, 
antwortete ihm mit ‚heiterem freundlichen Gefichte alfo: 
Ulrich (fo hieß der Ritter), auch ic, habe oft und viel 
an die Größe eurer und meiner Vorfahren gedacht, von 
der, wie mir fcheint, wir uns ohne unfer Verſchulden 
ziemlich entfernt haben; dabei habe ich mich beſonnen, 
was für ein Mittel ſich auffinden ließe, um uns beſſer 
auszurüſten, als wir es ſind, denn wiewol ich ein Weib 
bin und ihr Männer uns Weiber des Kleinmuths be- 
fhuldigt, fo fühle ich doch in mir das Gegentheil davon 
und habe vielleicht höheren Muth und Ehrgeiz, als ich 
follte; auch ich möchte gerne den Rang behaupten können, 
welchen meine Mutter, fo viel ich mich erinnere, einnahm. 
Nichts defto weniger weiß ich mich folchergeftalt zu mäßigen, 
dag ich mich willig mit alle dem zufriedenftelle, was euch 
gefällig if. Um aber zur Sache zu fommen, fage ich 
euch, dag auch ich, wie ihr thut, unfere Umftände be- 
dentend zu der Erfenntnif gelangt bin, daß ihr ald ein 
junger fräftiger Mann nichts Befferes zu thun vermöget, 
als bei unferem König Dienfte zu nehmen; und jest 
halte ich e8 um fo mehr für vortheilhaft, als ich ver- 
nommen habe, daß fchon früher der König euch vom 
Kriege ber kennt. Ich gebe mich deshalb gerne der 
Hoffnung hin, daß der König, welcher die Vorzüge an⸗ 
derer immer mit Gefchi zu fehägen weiß, euch ganz 
gewiß würdig und nad) Berdienft belohnen wird. Ich 
wagte euch diefen meinen Gedanken nicht ausjufprechen, 
aus Furcht, euch zu beleidigen. Jetzt habt ihr mir aber 
den Mund felbft geöffnet und ich will nicht unterlaffen, 
ech meine Anfiht zu fagen. Thut nunmehr, was euch 


19. Das bezauberte Bildniß. 113 


gefällt und mas am meiflen mit eurer Ehre und eurem 
Bortheil übereinftimmte. Was mic, betrifft, fo bin ich 
zwar ein Weib und, wie ich zuvor fchon gefagt habe, 
von Natur eitel; ich möchte gerne bei andern geehrt fein 
und mich öffentlich geſchmückter und praächtiger zeigen, 
ald andere; da jedoch unfere Glücksumſtände find, wie 
wir fehen, würde ich gerne die Zeit, die wir noch zu 
leben haben, fortwährend mit euch in biefem unferem 
Schloffe zubringen, wo uns, Gott fei Dank, nichts ab» 
geht, um uns ehrbar durchzubringen und ung mit allem 
zu verfehen, was wir brauchen, wofern wir und an dem 
Nothwendigen genügen laffen und unfere Einkünfte ber 
fheidentlid und mäßig eintheilen. Wir können hier mit 
zwei bis drei Dienern und zwei bis drei Frauen ganz 
bequem beftehen, noch ein Paar Reitpferde halten und 
fomit ein heitered und ruhiges Leben führen. Wenn wir 
einmal Söhne befommen und fie das Alter "erreichen, 
wo fie dienen fönnen, fo bringen wir fie an den Hof 


und zu andern Baronen. Wenn fie ſich dann gut halten, 


fo können fie ſich Ehre und DBermögen fammeln; bringen 
fie e8 aber zu nichts oder zu wenig, fo ift es ihr Schaden. 
Gott weiß, mein größtes Vergnügen wäre es, wenn wir 
die Zeit, die uns zu leben übrig ift, immer miteinander 
zubringen fönnten, in Glück und Unglüd. Da ich aber 
einigermaßen eure Gefinnung kannte, welche ein Quintchen 


Ehre Höher achtet, als alles Gold der Welt, und euch fo- 


mislauniſch fah, glaubte ich immer, wiewol mir auch 
andere Gedanken durch den Sinn gingen, das Ganze 
komme daher, entweder, daß ihr euch mit mir nicht be- 
friedigt fühlt, oder daß es euch leid thue, euch nicht in 
den Waffen üben zu können und unter ‚andern geehrten 
Nittern Feine eurer würdige Stelle zu behaupten. Da 
ih euch nun mehr liebe, als alles in der Welt, war 
immer mein Wunfch der, das alle eure Wünfche aud) 
die meinigen feien; und fo lange mir vergönnt fein wird 
zu leben, fol das fortwährend fo bleiben, da ich euer 


— 


114 AXIV. Matteo Bandello. 


Vergnügen weit mehr liebe, als mein Leben. Wenn ihr 
daher entfchloffen feid, in die Dienfte des Könige Mat- 
thias zu gehen, fo werde ich den Schmerz, der mid) 
ganz ficher über eure Entfernung befallen wird, durch 
das Vergnügen verfüßen, das ich fühlen werde bei ber 
Wahrnehmung, daß ihr ein fo Löbliches Verlangen, wie 
das eurige ift, befriedigt, und durch die füße Erinnerung 
an euch werde ich meine Gedanken vertreiben, in ber 
Hoffnung, euch einft viel froher mwiederzufehen, als ihr 
jegt feid. Was fodann das betrifft, daß ihr fagt, ihr 
fürchtet, ich möchte gegen folche zu Fämpfen haben, ‚welche 
meine Keufchheit angreifen und euch und mir die Ehre 
rauben wollen, fo verfichere ich euch, wenn ih nicht 
völlig den Verſtand verliere, fo geht mein fefler Ent- 
fhluß dahin, lieber zu fterben, als je in einem Pünktchen 
meine Sittfamkeit zu befleden. Hierfür weiß ich aber 
freilich kein anderes Pfand zu bieten, als mein aufrich⸗ 
tiges Wort; wenn ihr dieſes kenntet, wie ich ed von 
jeher feft und unverlegt erhalten, fo würdet ihr euch 
fiher damit befriedigen und nie das geringfte Fünkchen 
von Verdacht darüber euch in den Sinn fommen. Da 
ich euch alfo hierüber Feine andere Sicherheit geben fann, 
muß ich auf die fünftige Bethätigung meines Verfprechens 
, vermeifen, in der Hoffnung, daß das Leben, das ich führen 
werde, fo fein wird, daß ich jeden Tag darüber Rechen- 
fchaft ablegen Fann. Jede, Art und Weiſe jedoch, die 
euch gefällt, um zu eurer Verficherung mich auf die Probe 
zu fiellen, wird mir äußerſt angenehm fein, da mein 
höchſter Wunſch ift, euch zufrieden zu fielen. Und wenn 
ed euch einfiele, mich in einen biefer Burgthürme zu 
fchliegen, bis ihr zurüdfehrt, fo würde ich gerne als 
Einfieblerin dort leben, wenn ich nur weiß, daß ich etwas 
thue, was euch Freude macht. 

Der Ritter hörte mit größtem Vergnügen die Ant- 
wort der Frau, und als fie fertig war, fagte er zu ihr: 
Meine theuerfte Gattin, eure Seelengröße verdient alles 


75. Das bezauberte Bildniß. 15 


Lob und es ift mir fehr erfreulich ‚ daß ihr meiner An« 
fiht feid. Auch gewährt ed mir unfchägbaree Vergnügen, 
euren feften Vorſatz zu hören, unfere Ehre rein zu er- 
halten, und ich ermahne euch, auf biefer Bahn auszuharren 
und nicht zu vergeffen, daß, fobald eine Frau ihre Ehre 
verloren bat, fie alles verloren hat, was fie in diefem 
Leben befigen kann, und nicht mehr eine Frau genannt. 
zu werden verdient. Den euch mitgetheilten Plan werde 
ich wol feiner Wichtigkeit halber nicht fo gefchwind aus⸗ 
führen; fobald ich aber zur Verwirklichung komme, ver- 
fihere ich euch, daß ich euch bier als unumfchräntte Ge⸗ 
bieterin über Alles zurüdlaffen werde. Unterdeffen will 
ich noch weiter darüber nachdenken, was und frommt, und 
mich mit Freunden und Verwandten berathen, fodann 
aber mich an das halten, mas man für das Beſte an: 
fehen wird. Laßt uns daher heiter leben! 

Weil nun den Ritter im Allgemeinen weiter nichts 
befümmerte, als fein Zweifel über feine Gattin, da er 
fie fo zart und ſchoͤn ſah, fo fann er jegt darauf, wie 
fih ein Mittel für ihre Sicherheit finden laſſe. Bald 
darauf, während er hierüber nachdachte, begab es ſich, 
daß der Nitter eines Tages in Gefellfchaft mit einigen 
Edelleuten - war unb unter mannicfaltigen Gefprächen 
auch einer ein Ereigniß erzählte, das einem Edelmann 
des Landes begegnet war. Diefer hatte die Liebesgunft 
einer Frau gewonnen mitteld eines alten Polen, der im 
Rufe fland, ein großer Zauberer zu fein und als Arzt 
in Chozen*) einer Stadt in Böhmen lebte, wo Silber. 
und andere Bergwerfe in Menge fich befinden. Der 
Ritter, der fein Schloß nicht weit von Chosen hatte, 
begab fih dahin unter dem Vorwande eines Geſchäfts 
und ging zu dem betagten Polen, mit dem er lange 


*) Cnziano. Ih weiß nit, ob ich recht überfeges ift vielleicht 
Chotufig gemeint, oder gar Kuttenberg, lat. Cuttna? Chozen 
liegt an der Adler. €. v. Bülow blos: in einer Meinen böh- 
mifchen Bergſtadt. " oo. 


116°‘ XXIV. Matteo Bandello. 


fprach und an den er das Verlangen flellte, gleichwie 
er bereit$ jemand beigeftanden babe, um fich Liebe zu 
erwerben, fo auch ihm .die Art und Weile anzugeben, 
wie er fich davor bemahren möge, daß ihm feine Gattin 
nichts zu leid thue und ihn nicht mit Hörnern ſchmücke. 
Der Pole, der in. Zauberfadhen, wie ihr gehört habt, 
ſehr bemwandert war, fagte zu ihm: Mein Sohn, du 
forderft von mir etwas Großes, was ich nicht ausführen 
kann; außer Gott kann dir niemand die Keufchheit eines 
 Meibes ficherftellen, denn fie find von Natur gebrechlich 
und ſehr zur Wolluft geneigt, fodaß fie fich leicht den 
Bitten der Kiebhaber fügen, und es gibt wenige, die, 
wenn man fie bittet und beflürmt, feft bleiben; dieſe 
wenigen aber verdienen jede Achtung. und Verehrung. 
Indeſſen befige ich allerdings ein Geheimnif, womit id 
zum guten Theil deine Bitte doch erfüllen kann; es ber 
fteht nämlich darin, daß ich dir mit meiner Kunſt im 
Zeitraum von wenigen Stunden ein kleines Frauenbildchen 
aus einem befonderen Stoffe herftellen fann, das du dann 
beftändig in einem kleinen Büchschen in deinem Beutel 
bei dir tragen und täglich, fo oft du willft, betrachten 
kannſt. Wenn deine Frau dir die eheliche Treue nicht 
verlegt, fo wird dir das Bild immer fo ſchön und farbig 
erfcheinen, wie ich es verfertigt und als fäme es eben 
erft aus der Hand des Malers; dächte fie hingegen daran, 
ihren Leib einem andern Manne zu ergeben, fo wird 
das Bild blaf; und wenn es zur Ausführung kommt, 
daß fie wirklich einem andern ein Recht bei fich einrdumt, 
jo wird das Bild plöglich ſchwarz wie eine verglommene 
Kohle und ftinft ſo heftig, daß alle Umftehenden den 
Geſtank auf unverkennbare Weiſe empfinden; fo oft fie 
in Verfuhung geführt wird, nimmt das Bildniß jedes⸗ 
mal eine goldgelbe Farbe an. | 

Das wunderbare Geheimmittel ftand dem Nitter fehr 
gut an und er glaubte daran fo feft, wie an das wahrfte 
und unzmweifelhaftefte Ding auf Erden, weil er gan; 


3 


75. Das bezauberte Bildniß. 117 


befangen von dem großen Rufe mar, bdefjen der Pole 
und feine Kunft genoß; denn die Chozener wußten davon 
die unglaublihften Dinge zu erzählen. Nachdem er mit 
ihm über den Preis einig geworden war, bekam er daß - 
ſchöne Bild und fehrte damit ganz vergnügt in fein 
Schloß zurüd. Er blieb dafelbft noch einige Tage, dann 
aber befchloß er, an den Hof des glorreihen Königs 
. Matthias zu gehen, und offenbarte feinen Entſchluß fei- 
ner Frau. Er brachte fodann fein Hausmefen in Ord⸗ 
nung, übergab die Leitung des Ganzen feiner Gemah- 
Iin, und nachdem alles gerüftet war, was er zu feiner 
Reiſe brauchte, ging er, fo ſchwer und ſchmerzlich ihm 
auch die Trennung von feiner Frau war, binmeg und 
verfügte fi) nach Stuhlweißenburg, wo ſich dazumal der 
König Matthias und die Königin Beatrir befanden, ‚von 
welchen er freudig aufgenommen und gern gefehen wurde. 
Er war noch nicht lange am Hofe, fo hatte er fich ſchon 
allgemein fehr beliebt gemacht. Der König, den er fchon 
früher gekannt hatte, feste ihm einen anftändigen Jahrs⸗ 
gehalt aus und bediente fich feiner in vielen Gefchäften, 
welche er alle nach dem Willen des Königs ausführte. 
Alsdann zur Vertheidigung eines gewiffen Plages abge- 
fandt, den die Türken unter der Anführung Muftafe 
Paſchas belagerten, führte er diefen Krieg folchergeftalt, 


dag er die Ungläubigen über ihre Landesgrenze zurüde 


trieb und fich den Ruhm eines wadern und tapfern Fries 
gers und Mugen Hauptmanne erwarb. Dies erhöhte 
noch fehr die Gunft und Gnade des Königs, fodaß er 
neben Geld und Gefchenfen, die er täglich empfing, auch) 
noch ein Schloß mit guten Einfünften zum Lehen erhielt. 
Der Ritter meinte daher eine fehr gute Wahl getroffen 
u haben, indem er ſich an den Hof in die Dienfte bes 
Königs begeben hatte, und pries Gott dafür, der es ihm 
eingegeben, in der Hoffnung, es täglich beffer zu bes 
fommen. Und er lebte um fo zufriedener und glücklicher, 
da er täglich wiederholt das koſtbare Büchschen hervor⸗ 


118 E XXIV. Matteo Bandello. 


309, worin bas Bild der Frau fich befand, das er im- 
mer fo fehön und fo mwohlgefärbt fah, wie wenn es eben 
jegt erft gemalt worden wäre. Am Hofe ging das Gr 
rücht, Ulrich habe in der Heimat die fchönfte und an- 
muthigfte junge Frau von Böhmen und Ungarn zur Ehe. 
Als nun einmal viele Hofleute in Gefellfchaft beifammen 
waren, vworunter auch unfer Ritter, fagte ein ungari« 
her Baron zu ihm: Wie kann das fein, Herr Ulrich, 
dag ihr nunmehr etwa anderthalb Jahre von Böhmen 
weg feid, ohne je nad) Haufe zu gehen unb nach eurer 
Grau zu fehen, die, wie man allgemein verfichert, fo 
Ihön ift? Dffenbar liegt fie euch nicht fehr am Herzen. 

Ei freilich liegt fie mir am Herzen, antwortete U 
rich, und ich liebe fie wie mein Leben; vielmehr ift das, 
daß ich fie fo lange Zeit nicht befucht habe, kein Heiner 
Deweis für ihre Tugend und meine Treue; für ihre Tu 
gend, infofern fie damit zufrieden ift, daß ich meinem 
König diene und es ihr genügt, wenn wie häufig von 
einander Nachricht haben, da es uns allerdings nicht an 
Gelegenheiten fehlt, uns briefliche Befuche abzuftatten. 
Meine Treue fobann und die Verpflichtung, die ich ge 
gen den König unfern Herrn zu haben befenne, von 
welchem ich fo viele und große Wohlthaten empfangen 
habe, und bie fortwährende Kriegsunruhe von den Fein- 
den Chrifti an der Grenze find bei mir viel Eräftiger, 
als die Liebe zum Weibe; und meine Pflicht gegen den 
König muß über die eheliche Kiebe um fo mehr die Ober- 
band behaupten, als ich weiß, daß ich der Treue und 
Deftändigkeit meiner Gattin ficher fein kann, da fie nicht 
allein ſchoͤn, fondern auch fittfam, wohl erzogen und fehr 
auf ihre Ehre bedacht ift, und mich mehr als alles auf 
der Welt werth hält und wie ihre Augen liebt. 

Das ift ein großes Wort, verfegte der ungarifche 
Baron, daß ihr behauptet, ber Treue und Keuſchheit 
eurer Gattin fiher zu fein, die ganz gewiß felber nicht 
darauf fchwören würde. Denn ein Weib, das heute 


79, Das bezaubert Bildniß. 119 


noch gegen alle Bitten und Geſchenke der ganzen Welt 
unempfindlich erfcheint, wird fi) morgen ſchon von einem 
einzigen Blicke eined Zünglings, einem einfahen Worte, 
einer heißen Thräne und kurzer Bitte erweichen und dem 
Liebhaber ganz und unbefchränft in die Gewalt geben. 
Und wer ift oder war jemals, der diefe Sicherheit haben 
fann? Wer kennt die Heimlichkeiten der Herzen, welche 
undurchdringlich find? Ich glaube gewiß niemand außer 
unfer Derrgott. Das Weib ift von Natur vweränderlich 
und beweglich und das ehrgeizigfte Gefhöpf unter ber 
Sonne. Wo um bed Himmels willen ift das Weib, 
das nicht wünfcht und verlangt, gefchmeichelt, begehrt, 
ummorben, verehrt und geliebt zu werden? Und gar oft 
gefchieht ed, daß die, fo für die fchlauften gelten und 
mit falfhen Blicken verfchiedene Liebhaber abzufpeifen 
vermeinen, gerade am eheften und unvermerft ihren Kopf 
in die Schlingen der Liebe bringen und fich fo darein 
verwideln, daß fie, wie Vögel, die an der Leimruthe 
gefangen find, fich nicht mehr Iosmachen können. Darum, 
Herr Ulrich, fehe ich nicht ein, wie eure Frau mehr als 
andere, die von Zleifch und Bein find, vom Himmel ein 
Vorrecht erhalten haben foll, daß fie nicht beftochen wer⸗ 
den Tann. 

Meinetwegen, antwortete der böhmiſche Ritter. Ich 
will ja glauben, daß es ſo iſt, und mich überreden, daß 
ihr Recht habt, jeder kennt das Seine und der Nart 
weiß beſſer, was er hat, als ſeine Nachbarn, ſo weiſe 
dieſe auch ſind. Glaubet, was euch gut dünkt! Ich ver⸗ 
biete es euch nicht; aber Laßt mich auch glauben, was 
mir angenehm ift und mir anſteht. Mein Glaube kann 
euch ja nicht fchaden und eure abweichende Anfi cht bringt 
mir feinen Nachtheil, da es ja jedem freiſteht in aͤhn⸗ 
lichen Begegniſſen, zu glauben, was ihm am meiſten 
gefällt. 

Es waren noch viele andere Herren und Edelleute 
vom Hofe bei dieſem Geſpraäͤche zugegen und. (wie wir 


d 


— 


120 XXIV. Matteo Bandello. 


das manchmal ſehen) der eine ſagte dies, der andere 
jenes. Es ſtellten ſich daher gar verſchiedene Meinun⸗ 
gen über dieſe Angelegenheit heraus. Denn die Men— 
ſchen ſind nicht alle von gleicher Gemüthsverfaſſung, und 
viele machen ſich glauben, mehr zu wiſſen, als ihre Ne 
benmenfchen, und find auf ihre Hirngefpinnfte fo verfef 
fen, daß fie der Vernunft gar kein Gehör geben, als 
beftände eine vernünftige Unterhaltung in Lärm und Ge: 
fhrei. Die ganze Sache wurde nun ber Königin gemel⸗ 
det. Diefe war eine Frau, welche Hader und Zwietradt 
bei Hofe 'entfchieden misbilligte; fie lich daher diejenigen 
zu ſich rufen, welche mit einander geflritten Hatten, und 
verlangte, daß man ihr genau das gepflogene Gefpräh 
melde. Nachdem fie ed angehört, fagte fie, allerdings 
fönne in diefer Angelegenheit jeder nach Gefallen glau- 
ben, was er wolle; e8 märe aber eine anmafende toll: 
fühne Thorheit, alle Frauen auf gleiche Weiſe beurthei- 
ten zu wollen, wie man es auch für den größten Irr— 
thum erkennen müffe, wollte man behaupten, alle Män- 
ner haben gleichen Charakter, während man doch tag: 
täglich das Gegentheil offen fehe; denn bei Männern und 
Frauen ift ein fo großer Unterfchied und Mannichfaltig: 
feit in den Naturen, ald es Köpfe giebt; und zwei Brü- 
der und zwei Schweſtern, die mit einander geboren find, 
werden meiftentheild von entgegengefegtem Temperament 
und von ganz verfhiedenem Charakter fein, und was 
dem einen gefällt, wird dem andern misfallen. 

Die Königin fchloß daher, fie fei volllommen über: 
zeugt, Daß der böhmifche Ritter Necht habe, von feiner 
Frau zu glauben, was er glaube, da er ja lange Zeit 
mit ihr umgegangen fei, und er handle hierin Flug, weiſe 


und vorfihtig. Da nun, wie man fieht, die menfchlichen 


Gelüſte unerfättlich find und ein Menſch kühner ift, als 
der andere, ja, um es beffer zu fagen, hartnädiger umd 
verwegener, fo warken dafelbfi am Hofe zwei ungarifche 
Barone, welche mit dem Kopf oben hinaus‘ wollten und 


L 


75. Das bezauberte Bilbnif. 12] 


die Königin folgendermaßen anrebeten: Gnädigfte Frau, 
ihr thut als Frau wohl daran, die Ehre eures Gefchlechts 
zu vertheidigen, aber wir getrauen uns wohl, wenn wir 
da wären, wo fich diefe Frau von Marmor aufhält, und 
wir fie Sprechen könnten, ihr diamantenes Herz zu über- 
wältigen und fie dahin zu bringen, uns zu Willen 
zu ſein. 

Ich weiß nicht, was geſchehen würde, antwortete der 
böhmiſche Ritter, noch was ihr thun würdet; aber das 
weiß ich wohl, daß ich mich nicht täuſche. 

Es wurde noch "Vieles geſprochen, der Streit erhitzte 
ſich auf dieſe Außerungen beiderſeits von Neuem, und 
die beiden allzu zuverſichtlichen Barone erklaͤrten endlich 
mit einem Schwure, ſie beharren auf ihrer Behauptung 
und verpfänden alle ihre beweglichen und unbeweglichen 
Güter dafür, daß ſie binnen fünf Monaten, vorausge⸗ 
ſetzt, daß Herr Ulrich ſich verpflichte, inzwiſchen ſeine Gat⸗ 
tin weder zu beſuchen, noch zu warnen, dieſelbe dahin 
bringen wollen, ihre Wünſche zu erfüllen. Die Köni⸗ 
gin und alle, welche diefen Vorfchlag vernahmen, erho- 
ben darüber ein großes Gelächter und verfpotteten die 
beiden. So bald fie dies fahen, fagten fie: Ihr meint 
vielleicht, gnabdigfte Frau, wir reden nur in Schimpf 
und Scherz; es ift uns aber vollfommen Ernſt und wir 
wünfchen, die Probe zu beftehen, damit man fehe, welche 
von beiden Meinungen die richtige fei. 

Mittlerweile hatte König Matthias felbft von ber 
Sache gehört und kam jegt dahin, wo fich die Königin 
befand, welche fich große Mühe gab, den beiden Ungarn 
ihren Wahnfinn auszureden. Als ber König kam, ba- 
ten ihn die beiden Barone zu geruhen, Herrn Ulrich an⸗ 
zubalten, da er fich nicht freiwillig dazu verftehe, den 
Bertrag mit ihnen einzugehen, mobei fie fich verbindlich 
machen, alle ihre Habe zu verlieren, welche dann der 
König frei dem Heren Wrich fihenten fünne. Geſchehe 
aber das, was fie vorausfagen, fo folle Herr Ulrich ver- 

SItaliänifcher Novellenſchatz. III. 6 


122 XXIV. Matteo Bande. 


ſprechen, es feiner Frau nicht entgelten zu laffen, aber 
feine faljche Anficht aufgeben und glauben, daß die Frauen 
von Natur geneigt find, den Bitten der Liebhaber ein 
williges Ohr zu leihen. Der böhmifche Ritter, welder 
an die SKeufchheit und eheliche Treue: feiner Frau fo feſt 
glaubte, wie an das Evangelium, und fih an die Un- 
beflectheit feines Zauberbildes hielt, welches er die ganze 
Zeit feiner Abmefenheit über nie bleich noch ſchwarz ge⸗ 
ſehen hatte, wohl aber manchmal gelb, je nachdem ſie 
zuweilen von einem um Minne war angegangen wor- 
den, aber gleich darauf feine natürliche Farbe wieder 
befam, fagte zu den ungarifchen Baronen: Ihr habt euch 
in eine große Gefahr geihmagt; fo will ich denn auf bie 
Sache eingehen mit dem Beding, daß ich hernach mit 
meiner Frau nach meinem Gutdünken verfahren darf. 
Übrigens will ich auch alle meine Habe in Böhmen neben 
dem einfegen, was ihr verpfänden zu wollen erflärt habt, 
und behaupte, bag ihr meine Frau nimmermehr dahin 
dringen werdet, euren Willen zu thun; auch will ich 
weder gegen fie, noch gegen fonft jemand die Sache mit 
einem Worte erwähnen. 

Es wurde deshalb nocd Vieles herüber umd hinüber 
verhandelt unb zulegt erklärte ber Böhue in Gegenwart 
des Königs und der Königin, durch die Verwegenheit 
der beiden Ungarn von Neuem angereist: Dieweil denn 
Herr Wladislaw und Herr Albert (fo hießen die zwei 
Ungarn) alfo dringend verlangen, ihr Wagni zu befte 
ben, bin ich, wofern es mit eurer Huld und Gunſt ge 
fchehen kann, ehrfurchtgebietender König und gnädigſte 
Königin, ihrem Begehren zu willfahren bereit. 

Und was uns betrifft, verfegten die Ungarn, fo be 
ftätigen wir neuerdings, was wir gefagt haben. 

Der König beftvebte fic zwar wiederholt, die Zwi⸗ 
ftigkeit beizulegen; von ben zwei Ungarn aber unabläffig 
gedrängt ließ er am Ende über die Bedingungen des 
Dertrags eine königliche Verordnung ausfertigen, Die er 


75. Das bezauberte Bildniß. 123 


eigenhändig vollzog. Als die beiden Barone den. fünig- 
lichen Erlaß fahen, nahmen fie davon eine Abjchrift, und 
ebenfo that der Böhme. Die beiden Ungarn brachten 
ihre Angelegenheiten in Ordnung und befgloffen unter 
ſich, Here Albert folle zuerft fein Glück verfuchen bei ſei⸗ 
‚ner Frau, und nad ſechs Wochen folle auch Herr Wla⸗ 
dislaw hingehen. Herr Albert ging mit zwei Dienern 
ab und begab fich gerades Wege nad) dem Schloffe des 
Böhmen. Dort angelangt flieg er in einer Herberge des 
Dorfes ab, zog Erkundigungen ein über die Fran unb 
hörte, daS fie fehr fchön und über die Maßen ehrbar 
fei und ihren Gatten über Alles in der Welt liebe. Def 
fenungenchtet ließ er ſich nicht abſchrecken, fondern legte 
Tags darauf reiche Kleider an und wanderte nad) dem 
Schloffe, wo er der Dame fagen ließ, daß er ihr auf- 
zuwarten wünfhe Anmutbreich, wie fie war, ließ fie 
ihn eintreten und empfing ihn auf das Freundlichfie. 
Der Baron erflaunte fehr über die Schönheit und die 
Reize der Dame und über die ehrbare und feine Sitte, 
die ihr eigen war. Alé fie ſich ſodann gefegt hatten, 
ſagte er, der Auf von ihrer hohen Schoͤnheit habe ihn 
bewogen, ben Hof zu verlaffen und hierher zu kommen, 
fie zu fehen, und er finde fie in Wahrheit noch unend⸗ 
lich fchöner und Heblicher, als er habe erwarten können. 
Und mit dem begann er ihr viel eitle Dinge vorzu« 
ſchwatzen, fodaß fie batd merkte, auf mas es losgehe 
und weldhem Ziel fein Schifflein zuſteuere. Deshalb 
ftrebte fie, ihn allmälig treuherzig zu machen und auf 
verliebte Reden zu bringen, bamit ex deſto eher in ſei— 
nen Hafen einfaufe.. Der Baron, der eben nicht mar, 
was er fich eimbildete, fondern unerfahren und leicht. 
släubig genug, hörte nicht auf zu fehmagen, bie er 
damit herausplagte, daß er heftig in fie verliebt fei. 
Die Frau that. zmar allerdings fpröde gegen fein Ge- 
ſchwätz, unterließ aber nicht, ſich freundlich gegen ihn zu 
bezeugen, fodaß der Ungar in zwei bis drei Tagen gar 
6* 


124 XXIV. Matteo Bandello. 


nichts that, als fie mit feiner Liebe beftürmen. Die 
Dame fah bald, daß fie es mit einem kaum flügge ge 
wordenen Vogel zu thun. hatte, und fegte ſich daher vor, 
ibm einen foldhen Streich zu fpielen, daß er immer an 
fie denken fole. Bald darauf gab fie fi) namlich das 
Anfehen, ale tönne fie feinen Streichen niche länge 
wiberftehen, und fprach zu ihm: Herr Albert, ich glaube, 
ihr feid ein großer Zauberer, denn ich fühle mich ge 
drungen, euren Willen zu thun, und will mir babe 
nur fo viel ausbedungen haben, dag mein Gatte es nidt 
erfahre, der mich fonft ganz ficher tödten würde. Und 
daß fich deffen niemand im Haufe verfehe, mögt ihr mor- 
gen, wie es eure Gewohnheit ift, zur Effenszeit auf das 
‚ Schloß tommen, euch aber weder bier noch fonft wo 
-aufhalten, fondern heimlich in das Gemach im Haupt 
thurme gehen, über deffen Thür das Wappen des Ki- 
nigreich8 in Marmor ausgehauen ift, und den Eingang 
hinter euch verfchliegen. Ihr follt das Gemach offen fin- 
den, ich fomme dann bald auch bin und wir Fönnen 
nach befter Bequemlichkeit und ohne von jemand bemerkt 
zu werden (denn ich will forgen, daß niemand in ber 
Nähe ift) unferer Liebe und freuen und uns die Zeit 
vertreiben. 

Diefes Gemach war ein fehr feſtes Gefängnif, das 
in alten Zeiten gerade dazu gemacht war, um Cdelleute 
darin feftzubalten, die man nicht umbringen, fondern 
lebenslänglich gefangen halten wollte. Mir diefer feiner 
Meinung nad) "äußerft günftigen Antwort hielt ſich der 
Baron für den zufriedenften und glüdlichften Mann von 
der Welt und hätte mit Feinem Könige taufchen mögen. 
Er dankte daher der Frau, fo gut er wußte und fonnte, 
fhied von ihr und ging nad) feiner Herberge zurüd, das 
Herz von unendlicher Freude erfüll. Am folgenden Tage 
zu der anberaumten Stunde erfchien der Baron wirklid 
auf dem Schloffe, und da er niemand fand, trat er ein, 
ging nach der Anmeifung der Frau geradezu nach dem 


75. Das bezauberte Bildniß. 125 


Gemache, fand es offen und machte Hinter ſich die Thüre 
zu, die fich von felbft abſchloß. Die Thüre war fo ein- _ 
gerichtet, daß man von innen nicht ohne Schlüffel öff- 
'nen konnte, und hatte überdies ein äußerſt feftes Schloß. 
Als nun die Burgfrau, welche nicht weit davon auf der 
Lauer ftand, den Eingang zumachen hörte, verließ fie 
das Zimmer, worin fie fih befand, begab fi vor das 
Zimmer des Barons, verfchloß und verriegelte e8 von 
außen und nahm den Schlüffel zu ih. Das Gemach 
war, wie gefagt, in dem Hauptthurm und darin war 
ein recht gutes Berl. Das Fenfter, wodurch es Licht 
empfing, war fo hoch, daß ‚ohne Leiter fein Menfch Hin- 
aus fchauen konnte. Im Übrigen war es ganz geeignet 
für ein anftändiges Gefängnig. Sobald Herr Albert 
darin angelangt war, fegte er fich nieder und erwartete, 
gleichwie die Juden den Meffias, die Frau, bie ihm ihr 
ort gegeben hatte, daß fie fommen werde. Während 
er nun in diefer Erwartung fchwebte und fich taufend 
Hirngefpinnfte bildete, da hörte er einen Eleinen Laden 
aufgehen, der in der Thüre feines Gemachs befindlich 
und fo Mein war, daß er kaum hinreichte, ein Brot und 
einen Becher Weins hinein zu bieten, wie man Gefan- 
genen zu thun pflegt. Er meinte nicht anders, als jegt 
fomme feine Schöne, ihn zu beſuchen und ihm ihre Liebe 
zu „fohenten, und als er aufftand, vernahm er durch 
die Dffnung die Stimme einer Zofe, die zu ihm fagte: 
Herr Albert, meine Gebieterin Frau Barbara ‘(denn fo 
hieß die Burgfrau) Täßt euch durch mich fagen, daß, 
nachdem ihr hierher gekommen feid, um ihr ihre Ehre 
zu rauben, fie euch wie einen Dieb verhaftet habe und 
daß fie euch dafür auf eine Weiſe büßen laffen wird, 
die nach ihrem Gutdünken eurer Berfündigung angemef« 
fen iſt. Gefegt alfo, daß ihr zu effen und zu trinken 
verlangt, derweil ihr bier drinnen ftedt, fo müßt ihr es 
euch durch Spinnen verdienen, wie die armen Frauen 
ihren Unterhalt. Das kann ich euch auch fagen, daß 


126 XXIV. Matteo Bandello. 


eure Koft defto beffer befchaffen fein und deſto reichlicher 
ausfallen wird, je länger ihr euren täglichen Faden fpinnt; 
im andern Falle werbet ihre auf Waſſer und Brot ge 
fest. Das ſchreibt euch ein für allemal hinter's Ohr, 
da niemand weiter ein Wort mit euch Darüber reden wird. 

Dies gefagt machte die Zofe den Heinen Laden wie 
der zu und ging zu ihrer Herrin zurüd. Der Baron, 
der fih bis jegt mit der Hoffnung gefchmeichelt hatte, 
zur Hochzeit gekommen zu fein, und der, um beffer fei- 
nen Poftenlauf zu machen, am Morgen nichts oder we 
nig gegeffen hafte, war bei dieſer unerwarteten Anfün- 
dDigung wie vom Donner gerührt. Als ſchwände ihm 
der Boden unter den. Füßen, flohen plöglich alle Lebens 
geifter von ihm, er verlor Kraft und Athem und fanf 
ohnmaͤchig auf das Eftrich feines Zimmers nieder, ſo⸗ 
daß, wer ihn gefehen hätte, ihn eher für todt, als leben 
dig hätte halten müſſen. Er blieb eine gute Weile fo 
liegen, und als er wieder zu fich gefommen war, mußte 
er nicht, ob er träumte oder ob es wirklich wahr fe, 
was die Zofe ihm gefagt hatte. Da er endlich Elar ein- 
fah und fi nicht ableugnen konnte, daß er wie ein Bo: 
gel im Käfig gefangen fei, fo glaubte er vor Zorn umd 
Wuth umkommen oder den DVerftand verlieren zu müf 
fen, und redete geraume Zeit wie ein Raſender ir, 
ohne zu wiffen, was er beginnen folle.. Den ganzen 
übrigen Tag lang fchritt er im Zimmer auf und ab, 
fafelte, feufzte, läfterte, drohte und verfluchte Tag und 
Stunde, da er den unfeligen Gedanken gefaßt, eine 
andern Weib zu entehren. Es fiel ihm der Verluſt fei- 
ner Güter ein, der daraus erfolgte, da ſich der König 
jelbft für die Giltigkeit des Vertrags verbürgt hatte. 
Zumeift fhlug ihn aber doc, die Vorftellung der Be 
ſchämung, des Hohns und der’ Schande nieber, die fan 


Abenteuer ihm bei Hofe auziehen mußte, wenn es ba | 


felbft, wie es eben nicht anders fein konnte, verlautete, 
und ed war ihm zuweilen, als würbe ihm das Herz mit 


75. Das bezauberte Bildniß. J 127 


zwei ſcharfen Zangen bis zur Bewußtloſigkeit gezwickt 
und endlich ausgeriſſen. Indem er alſo in dem Gemache 
wüthend auf und abrannte und ſich da und dorthin wen⸗ 
dete, ſah er zufällig in einem Winkel deffelben eine 
Kunkel fichen, woran Flache angelegt und eine Spin 
dei befeftigt war. Er war auf dem Punkte, vom Zorne 
überwältigt, alles zu zerftören und entzweizufchlagen ; 
aber dennoch unterließ er es, ich weiß nicht wie es kam. 
Es war zur Stunde des Abendeſſens, als die Zofe zu 
ihm zurückkehrte, das Fenſterchen öffnete‘, den Baron be 
grüßte und zu ihm fagte: Herr Albert, ich will das 
Garn abholen, das ihr gefponnen habt, damit ich weiß, 
was ich euch für ein Abendbrot bringen darf. 

Mar der Baron ſchon vorher böfe geweſen, fo be⸗ 
mädhtigte fich feier nunmehr ber mildefte Grimm, und 
er begann ihr die ärgſten Schimpfreden von der Welt 
zu fagen, die man irgend einem Weibe von fchlechtem 
Lebenswanbel gefagt hat, und das Mädchen unanftändig 
anzufahren, indem er fich herausließ, wie wenn er in 
Freiheit und auf einem feiner Schlöffee wäre. Die von 
ihrer @ebieterin unterrwiefene Zofe entgegnete lachend: 
Herr Albert, ihr thut meiner Treu nicht wohl daran, 
fo das große Wort wider mic, zu führen und mir fol 
hen Schimpf anzuthun; denn folder Wahnfınn Hilft 
euch da drinne gar nichts. Ihr wißt ja doch das Sprich“, 
wort, daß der Knecht für den Heren nichts fann. Meine 
Herrin will von euch wiffen, was euch bierher geführt 
bat, und ob irgend jemand eured Kommens mitwiffend 
iſt. Das müßt ihre mir noch außer dem Spinnen fagen. . 
Es ift mit euch fo weit gefommen, daß euch das Mei« 
fer an der Kehle fteht, und ihr verliert unnöthigermeife 
Zeit und Mühe, wenn ihr euch einbildet oder beftrebt, 
ohne gefponmen und gebeichtet zu haben, von hinnen zu 
entfommen. Ergebt euch aljo geduldig in euer Schid- 
fal, dad eimmal nicht zu ändern ift und wogegen es keine 
Abhilfe giebt; wollt ihr euch andere Gedanken machen, 


128 XXIV. Matteo Bandello. 


fo gebt ihr euch wahrlich unnöthige Mühe. Es ift feft 
und unwiderruflich befchloffen, daß ihr fonft nichts zu 
effen befommt, außer ein wenig Brot und Wafler, wenn 
ihe nicht fpinnt und fagt, ob. jemand um den Zweck 
eures Hierherlommend weiß. Wollt ihr leben, fo zeigt 
mir Faden und fagt, wie die Sache fih verhält; wo 
nicht, fo bleibt ihr bier. 
. Als fie ſah, daß er Leinen Faden hatte, noch auch 
bereit war, ihre Frage zu beantworten, ſchloß fie das 
Thürchen, und der zur fihlimmen Stunde gefommene 
Baron empfing an bdiefem Abend weder Brot noch Bein, 
fodaß er, weil es fi) mit leerem Magen fchleht zu 
Schlafen pflegt, in der Nacht Fein Auge zuthat. So 
lange nun der Baron in diefem Gemache gefangen faß, 
wurden auf Befehl der Burgfrau auch die Diener unb 
Pferde Herrn Alberts geſchickt und heimlich hingehalten, 
und nebft feinen Sachen an einem fichern Orte unter- 
gebracht, wo fie mit Allem wohl verforgt wurden und 
ihnen nichts als die Freiheit mangelte. DOffentlich ließ fie 
das Gerücht verbreiten, Herr Albert fei nach Ungarn zu- 
rückgekehrt. Wenden wir und nun zurüd zu dem böh- 
mifchen Ritter! Sobald er wußte, daß einer ber beiden 
anmaßlichen Ungarn den Hof verlaffen und ſich nad 
Böhmen aufgemacht hatte, betrachtete er tagtäglich fein 
„bezaubertes Bild, um zu fehen, ob es die Farbe verän- 
dere. In ben drei bis vier Tagen nun, wo ber Ungar 
die Frau zu überreden ftrebte, wurde es jedesmal in den 
Stunden, wo er bei ihr war, gelb; gleich darauf aber 
gewann es feine natürliche Farbe wieder. Sobald er 
ſah, daß es fich nicht mehr veränderte, hielt er es für 
fiber, daß der ungarifche Baron abgemiefen worden fei 
und nichts ausgerichtet habe. Er fühlte ſich dadurch 
außerordentlich befriedigt und meinte der Sittfamkeit fei- 
ner Frau völlig verfichert fein zu Tonnen. Doc war er 
noch nicht ganz ruhig und fein Herz nicht durchaus zu⸗ 
frieden geftellt, aus Beſorgniß, Herr Wladislam, ber 


79. Das bezauberte Bildniß. 129 


noch gar nicht abgereift war, Eönnte glüdlicher fein, als 
fein Genoffe und erobern, was der andere nicht zu er- 
reichen verfianden habe. Der eingeiperrte Baron hatte 
den Zag vor feiner Einkerkerung nicht gefchlafen und bie 
Naht über nicht gefchlafen; als nun der Morgen an« 
brach, beſchloß er, nachdem er feine Lage vielfältig über: 
dacht und erkannt hatte, daß es kein anderes Mittel gebe, 
fih zu befreien, ald wenn er ber Frau gehorche, aus der 
Noth eine Tugend zu mahen. Er 309 ed alfo vor, um 
fein Leben zu friften, die mit feinem Genoffen dem Rit- 
ter getroffene Verabredung zu offenbaren und den Rocken 
vorzunehmen und zu fpinuen. Zwar hatte er noch nie 
gefponnen; aber bie Noth ift ein guter Lehrmeifter und 
fo fing er an, er ergriff beffer, als er ſich dachte, die 
Spindel, um zu fpinnen, ſpann bald did, bald zart, 
und auch von mittlerer Gattung, freilich ein fo unförm» 
liche Garn, daß jeder, der es fah, gewiß darüber lachen 
mußte. Er mühte ſich nun mit diefer Befchäftigung den 
ganzen Morgen ab, und ald ed Mittag geworden, fiehe 
da Lam biefelbe .Zofe wieder, öffnete das Fenfterlein und 
fragte den Baron, ob er geneigt fei, den Grund anzu- 
geben, der ihn nach Böhmen geführt, und wie viel Fa- 
den er gefponnen habe. Ganz befchämt erzählte er dem 
Mädchen Alled, was er mit Herrn Ulrich ausgemacht 
hatte, und zeigte ihr dann eine Spindel voll Garn. Das 
Mädchen fagte Tächelnd: das Gefchäft geht ja trefflich von 
Statten; der Hunger treibt den Wolf aus dem Wald; 
ihr habt fehr wohl daran gethan, mir die Wahrheit ein- 
zugefiehen, und habt fo gut gefponnen, daß ich hoffe, 
wir werden aus eurem Gefpinnfte unferer Gebieterin 
Hemden weben laffen, die fie als Bufgewand zur Ka⸗ 
fteiung tragen Tann, fo oft ihr Fleifch fie ärgert. _ 
Nach diefen Worten reichte fie dem Baron gute Spei- 
fen zu und ließ ihn im Frieden. Dann kehrte fie zu 
ihrer Gebieterin zurück, zeigte ihr den Faden und theilte 
ihr die ganze Gefchichte mit von bem Vertrage, den Herr 
6 “%* 


130 XXIV. Matteo Bandello. 


Weich und die beiden ungarifhen Barone mit einander 
abgefchloffen Hatten. Obgleich entfegt über die Schlin- 
gen, welde die Männer ihr geftelle hatten, war bie 
Frau doch wieder fehr froh, daß die Sache fo gegangen 
war und fie ihrem Manne von ihrer Treue und Ehr⸗ 
barkeit einen folchen Beweis geben konnte. Sie nahm 
‚fi daher vor, diefen nicht eher von dem Geſchehenen 
zu benachrichtigen, als bis auch Herr Wladislaw ange 
tommen und von ihr nach Verdienft und Würden ge 
züchtigt fei für feinen leichtfinnigen und fittenlofen Dün- 
Tel, indem fie fi) nicht genug vermundern konnte, wie 
die beiden Barone fo tolltühn. albern und anmaßend hät- 
ten fein können, ohne irgend fie zu kennen, ihr ganze 
Bermögen auf. ein fo gewagtes Spiel zu fegen. Sie 
merkte wohl, daß es ihnen im Kopf fehlen müffe und 
. daß fie nicht recht bei Troſt fein können. Ich will nun 
aber nicht Schritt für Schritt alles Einzelne erzählen, 
wie e6 jeden Tag fich begeben, denn das gäbe eine gar 
zu lange und vielleicht langweilige Gefchichte; ich fage 
alfo nur, der Baron in feinem Käfig lernte in kurzer 
Zeit ganz artig fpinnen und fpinnend feines Unglüds 
uneingeden? werden. Die Zofe ließ ihm in- reicher Fülle 
gute. und leckere Speifen herbeibringen, wollte aber fei- 
nen öftern Verfuchen, fi) mit ihr in ein Gefpräd ein 
zulaffen, niemals Genüge leiften. Herr Ulrich betrad- 
tete in.jener Zeit immer und immer wieder fein ſchoͤnes 
Bildnis, deffen Schönheit und Farbe nicht dem minder 
ften Wechfel unterlag. Es hatten ſchon mehrere Hofleute 
wiederholt wahrgenommen, wie ber böhmifche Ritter tau- 
fenbmal des Tages feine Börſe öffnete, ein Feines Büchs. 
chen herauszog und deflen Inneres aufmerkfam betrad- 
tete, bis er ed wieder forgfältig verfchloß und in den 
. Geldbeutel ftedte. Er wurde auch von manchen befragt, 
was ed damit für eine Bewandtniß habe; er wollte aber 
bie Wahrheit einem Menſchen verrathen und es. war 
natürlich, daß in feinen Vermuthungen eben fo wenig 








75. Das bezauberte Bildnif. 131 


einer fie errieth. Wer in aller Welt hätte auch an eine 
foiche Hererei denken follen? Doch hätten nicht allein 
die andern, fondern felbft der König und die Königin 
ſich gern das Näthfel erklären Iaffen, was denn ber böh⸗ 

miſche Ritter ſo aufmerkſam und ſo oft betrachte; in⸗ 
deſſen ſchien es ihnen nicht geeignet, von ihm darüber 
wirklich Aufſchluß zu begehren. Es waren bereits über 
ſechs Wochen verfloffen, feit Herr Albert. vom Hofe ab- 
gereift war, um ein Burgbewohner und großer Spinner 
zu werden; und wie nun Herr Wladislaw ſah, daß 
Herr Albert nicht, wie er ed mit ihm verabredet hatte, 
ihn durch Gefandte und Botſchaften von feinen Erfolgen 
benadhrichtigte, fo gertetb er in Derlegenheit über das, 
was er thun follte, und verfiel mit feinen Vermuthungen 
auf das verfchiedenfte Zeug. Gr meinte endlich, fein 
Genoſſe fei glücklich an das Ziel feines Unternehmens 
gelangt und habe bei der Frau den erfehnten Apfel ges 
pflückt; dann fei er in das weite und tiefe Meer feiner 
Wonne verfunten, habe die getroffene Abrede vergeffen 
und denfe nun nicht mehr daran, ihn hiervon zu be⸗ 
nachrichtigen. Deshalb befchloß er, fich auf den Weg zu 
machen und’ gleichfalle fein Glück zu verfuchen. Er zoͤ⸗ 
gerte nun nicht lange mit der Ausführung feines Ge⸗ 
dantens, traf feine Worbereitungen zu der Meife und 
machte ſich mit zwei Dienern zu Pferde auf den Weg 
nad Böhmen; er reifte ununterbrochen jeden, Tag wei—⸗ 
ter, bis er zu dem Schloffe kam, welches die fehöne und 
äußerſt fittfame Frau bewohnte. Er ftieg in dem Gaft- 

haufe ab, in welchem ſich auch Herr Albert zuerft auf: 

gehalten, und indem er fich eifrig nach ihm erfundigte, 
erfuhr er, daß jener ſchon verlängft wieder abgereift fei. 
Darob mwunderte er fi gar fehr und mußte nicht, was 
er von der Sache halten folle. Er machte ſich daher 
über den Berlauf der Angelegenheit .manihe, wenn 
auch nicht die rechten Gedanken, und nahm fich endlich 
vor, das zu verfuchen, weshalb er von Ungarn. herge- 


132 XXIV. Matteo Banbello. 


fommen war. Indem er nun ber Aufführung der Frau 
nachforfchte, vernahm er, was in der Gegend die allge» 
meine Sage und Annahme war, nämlich daß fie ohne 
Gleichen anmuthig, fittfam, liebenswürbig und durchaus 
Beufch fei. Die Frau wurde alsbald von ber Ankunft 
des Baron in Kenntniß gefegt, und da fie ben Grund 
wußte, weshalb er kam, befchloß fie auch ihn mit ber 
Münze zu zahlen, die er fuche. Der ungarifhe Baron 
kam alfo am folgenden Tage auf das Schloß und ließ 
fagen, er wolle die Burgherrin, da er vom Hofe des 
Königs Matthiad komme, beſuchen und ihr feine Auf- 
wartung machen. Er wurde dann vor ihr zugelaffen 
und mit heiterer und freundlicher Miene empfangen. 
Man führte nun verfchiedene Gefprähe und die Frau 
zeigte fich fehr zuvorfommend und wie man fagt ale 
heitere Gefellfchafterin, fobag Herr MWladislam fi mit 
der Hoffnung fehmeichelte, mit feinem Unternehmen bald 
zu Stande zu fommen. Doc wollte er bei diefem er- 
ften Befuche nur im Allgemeinen feinen Plan vorberei- 
ten; er fprach nur überhaupt davon, daß er von bem 
Rufe ihrer Schönheit, Anmuth, Liebensmürdigkeit und. 
bezaubernden Sitte gehört, fodaß, als ihn feine Gefchäfte 
nah Böhmen geführt, er nicht habe weggehen können, 
ohne fie gefehen zu haben, und daß er viel mehr an ihr 
gefunden, als der Ruf verkünde. Nachdem er mit Die 
fem erften Angriff fertig war, kehrte er in feine Der- 
berge zurüd. Als ſich der ungarifhe Baron vom Schlofie 
entfernt hatte, nahm fich die Frau vor, dem Herrn 
Wladislaw die Zeit nicht zu larige zu machen, benn fie 
war gegen die beiden Ungarn in ihrem Herzen heftig er- 
bittert, da fie dachte, fie haben fi) doch gar zu anma- 
Bend daher begeben, um wie öffentliche Mörder ihr bie 
Ehre zu rauben und zu befleden und fie in beflänbige 
Ungnade zu fegen bei ihrem Gatten, ja in Lebensgefahr 
zu bringen. Sig ließ daher ein anderes Zimmer zußecht 
machen, das an das feines Gefährten flieg, wo er fpann; 


Y 


75. Das bezauberte Bildnif. 133 


und als Herr Wladislaw wieder Tam, fing-fie an ihm 
freundliche Blicke zuzumerfen, ſodaß er auf den Geban- 
ten kommen follte, fie fei in ihn verliebt. Und fo dauerte 
ed nicht lange, bis auch ’er im Käfig faß und die be« 
kannte Zofe ihm durch ein Loch, in der Thüre zu ver« 
ftehen gab, wenn er leben wolle, fo müffe er haſpeln 
lernen, er folle in feinem Zimmer ſuchen, ba werde er 
in einem Winkel eine Weife und mehrere Spulen Garn 
vorfinden. 

Haltet euh nur bran, fagte fie, und verliert ja: 
feine Zeit! 

Wer dem Baron in bdiefem Augenblide ins Geſicht 
gefhaut hätte, würde es vielmehr für das eines Mar- 
morbilds, ald eines Menfchen gehalten haben; gleich dar» 
auf aber bemächtigte fich feiner eine ſolche Wuth, daß er 
gänzlih von Sinnen gefommen zu fein fchien. Als er 
fodann einfah, daß ihm nichts übrig blieb, als zu ge⸗ 
horchen, fing er, nachdem der erfte Zag vorüber war, 
an zu hafpeln. Als fie e8 fo weit gebracht hatte, gab 
Die Burgfrau die Diener des Heren Albert frei und ließ 
fie gleichwie die des Herrn Wladislaw vor die Kerker 
ihrer Gebieter führen und zufchauen, wie fie ſich ihr täg- 
liches Brot verdienten. Dann ließ fie ihnen die Pferde 
und alles Mitgebrachte der Barone geben und verab- 
fchiedete die Diener, daß fie heim gingen. Andererfeits 
ſchickte fie einen ihrer Leute an ihren Gatten, um diefem 
Kunde von dem Vorgefallenen zu geben. Nach dem En» 
pfange fo guter Zeitung machte der böhmifche Ritter dem 
König und der Königin feine Aufwartung und erzählte 
in ihrer Gegenwart die ganze Gefchichte der beiden un⸗ 
garifchen Barone, fo weit er aus Briefen feiner Gattin 
bavon gehört hatte. Der König und bie Königin wa⸗ 
ren voll Vermunderung und priefen hoͤchlich die Fuge 
Vorſicht der Dame, die fie nicht nur für äußerſt fittfam, 
fordern auch für meife und fehr liſtig erklärten. Herr 
Ulrich ermangelte nun aber nicht, auf Vollfiredung ber 


134 XXIV. Matteo- Bandello. 


feierlichen Übereinfunft anzuteagen. Der König verfam- 
melte feinen geheimen Rath, in welchem jeder feine Mei- 
nung abgeben mußte, und nad, beffen einftimmigem Be 
ſchluß wurde der Großkanzler des Reichs mit zwei Räthen 
nah dem Schloſſe des böhmiſchen Ritters abgeordnet, 
um ben Verlauf der Sache zu unterſuchen und den bei 
den Baronen den Proceß zu machen. Die Michter gin« 
gen Hin und entledigten fich dieſes Auftrags mit Eifer 
und Genauigkeit, verhörten die Burgfrau und die Zofe, 
fowie einige andere Leute des Haufes und nah ihnen 
auch die Barone, welche die Frau einige Tage zunor 
hatte zufammenbringen laffen, damit fie durch Spinnen 
und Hafpeln ſich ihren Lebensunterhalt verdienten. Nach» 
dem der Großkanzler den Proceß eingeleitet, kehrte ex 
an ben Hof zurüd, mo der König Matthias nebſt ber 
Königin ‚und den vornehmften Baronen des Reichs, auch 
allen Raͤthen, nach reifliher Erwägung der Angelegen- 
beit der ungarifchen Barone und des böhmifchen Ritters 
und nad vielem Streiten, wobei die Königin die Partei 
der Frau und den Böhmen in ihren Schug nahm, der 
König alfo fein Urtheil dahin abgab, Herr Ulrich folle 
die fämmtliche Habe und beweglichen Güter und Lehen 
der beiden Barone für fi und feine Erben beftändig 
befommen, jene Barone aber follen aus den beiden Nei« 
hen Ungarn und Böhmen verbannt werben, bei Strafe, 
fo oft fie zurückkehren, öffentlich von dem Henker durch⸗ 
gepeitfcht zu werden. Der Urtheilsſpruch wurde vollzo- 
gen; ber böhmifche Ritter erhielt Alles und die zwei un⸗ 
glüdlihen Ungarn wurden aus dem Meiche geführt und 
ihnen ber gegen fie gefallene Urtheilsfprucy eröffnet, den 
freifich viele für allzu Hart und ftreng hielten, nament- 
lich die Freunde und Verwandten ber beiden Barone. 
Da es jedoch den Bedingungen des Vertrags klaͤrlich ent- 
ſprach, wurde es von allen für gereht angenommen, da⸗ 
mit ed für die Zukunft ein warnendes Beifpiel fei Für 
folche, die leichtfinnig und ohne Grund alle Frauen über 


76. Biel Lärmen um nichts. 135 


einen Kamm ſcheeren wollen, währenb boc bie alltäg- 
liche Erfahrung dad Gegentheil zeigt, denn es gibt un- 
ter ben Weibern wie unter den Männern Gefchöpfe von 
verfchiedener Beſchaffenheit. Der König und die Köni« 
gin wünfchten nun, daß die entfchloffene Burgfrau an 
den Hof fomme, wo fie von ihnen gätig aufgenommen 
und von allen mit unendlicher Verwunderung betrachtet 
wurde. Die Königin nahm fie zu ihrer Ehrendame an, 
warf ihr einen anfehnlichen Gehalt aus und hielt fie jeder 
Zeit werth. Der Ritter aber gelangte zu immer größe- 
rem Reichthum und Ehren und lebte in der Gunſt bes 
. Königs lange Zeit friedlich und ruhig mit feiner fehönen - 
Gemahlin; vergaß auch dabei nicht des Polen, der ihm 
das wunderbare Bildniß gefertigt hatte, und ſchickte ihm 
ein reiches Geſchenk an Geld und andern Dingen. 


— — — — — 


76. Biel Lärmen um nichts. 


(1, 23.) 


Im Jahre unferes Heils zwölfhundert drei und adhf- 
zig gefchah es, dag die Sicilianer, welche die Herrfchaft 
der Franzoſen nicht länger dulden zu können glaubten, 
fie eines Tags in der Veſperzeit mit unerhörter Grau⸗ 
ſamkeit alle ermorbeten, fo viel ihrer auf der Infel wa⸗ 
ren; denn dazu hatten fie ſich vorher auf der ganzen In⸗ 
fel verfhworen. Und nicht bloß Männer und Weiber 
franzöfifcher Nation töbteten fie, fondern auch alle ſici⸗ 
lianifchen Frauen, welche man von einem Franzoſen 
fehwanger meinte, wurden an jenem Tage ermordet, und 
wenn es fi fpäterhin noch ergab, daß ein Weib von 
einem Franzofen gefhwängert fei, war fie ohne Erbar- 
men bes Todes. Daher entftand der Mögliche Name ber 


x 


136 XXIV. Matteo Bandello. 


ſicilianiſchen Veſper. Als König Peter von Aragon diefe 
Nachricht vernahm, fegelte er fogleich mit der Flotte aus 
und befegte die Inſel, denn der Papft Nicolaus II hatte 
ihn dazu durch Die Behauptung ermuthigt, ihm ald dem 


Gemahl Gonftanzens, ber Tochter König Manfreds ge- 


bühre das Eigenthum der Infel. König Peter hielt viele 
Tage. mit Eönigliher Pracht in Palermo Hof und feierte 
den Ermerb der Infel durd die glänzendften Feſte. Als 
er hierauf Kunde erhielt, daß König Karl I, Sohn 
König Karls I, welcher das Königreich Neapel beſaß, 
mit einer gewaltigen Flotte daherfegle, um ihn aus 
Sicilien zu verjagen, fegelte er ihm mit feiner aus Kriegs⸗ 
fhiffen und Galeeren beftehenden Flotte entgegen; und 


als fie zufammenftießen, gab es ein großes biutiges Ge⸗ 


fecht, das viele Menfchen mit dem Leben entgalten. Doch 
zulegt fchlug König Peter die Flotte König Karld und 
machte ihn felbft zum Gefangenen. Um aber “künftig 


‘dem Kriegsgeſchäft beffer obliegen zu fünnen, verlegte er 


den Aufenthalt der Königin und des Hofs nah Mef- 


ſina, weil diefe Stadt Italien gegenüber liegt und von 


dort aus die Überfahrt nach Calabrien weniger Zeit er- 
fordert. Hier hielt er alsdann ein königliches Hofgelag, 
wobei um des erfochtenen Sieges willen alles. voller 
Freude war und ber ganze Tag mit Ritterfpielen und 
Zänzen hingebracht wurde *). Ein fehr angefehener Rit- 
ter und Edelmann, welchem König Peter feiner perfün- 
lichen Merbienfte wegen und weil er fi in ben legten 
Kriegen immer mannhaft gehalten hatte, in höchftem 
Grade geneigt war, verliebte fich bei dieſer Gelegenheit 
auf das Heftigfte in ein Fräulem, die Tochter des Lio⸗ 
nato de Lionati, eined Edelmanns aus Meffina, welche 
vor allen andern im Lande gebildet, anmuthig und ſchön 
heißen mochte; und feine Leidenſchaft wuchs bald zu ſol⸗ 
cher Stärke, daß er ohne ihren ſüßen Anbli weder le⸗ 


*) Erft hier beginnt E. v. Bülow (Novellenb. IV, 365) die Erzählung. 








76. Biel Lärmen um nichts. 137 


ben konnte noch wollte. Der Name bes Freiherrn war 
Herr Timbreo von Carbona und das Mädchen hieß Fe- 
nicia. Er hatte von Kindheit auf dem König Peter 
immer zu Waffer und zu Lande gedient und war von 
ihm fo reich belohnt worden, Daß er außer bedeutenden 
Gefchenten von dem Koͤnig erft in ben legten Tagen die 
Graffhaft Eollifano und andere Güter erhalten hatte, 
fo daß fein Einkommen, den Gehalt, den er vom König 
bezog, ungerechnet, auf mehr als zwölftaufend Ducaten 
angemachfen-war. Herr Zimbreo fing nun an, tagtäglich 
vor dem Haufe des Mädchens vorüber zu gehen, und 
fhägte fih an jedem Tage für felig, da er fie erblidt 
hatte. Benicia, die ihres zarten Alters‘ ungeachtet Flug 
und verfländig war, merkte ohne Schwierigkeit die Ur- 
fache des häufigen Vorübergehens bes Ritters. Er fand 
in dem Rufe, ein Günftling des Königs zu fein und fo 
viel wie wenige außer ihm am Hofe zu gelten, weshalb 
. er denn von allen Seiten geehrt wurde. Fenicia hatte 
nicht allein dies gehört, fondern fah auch felbft, daß er 
immer fo vornehm.gekleidet war, eine flattliche Diener⸗ 
[haft im Gefolg hatte und außerdem, daß er ein fehr 
fhöner und wie ed ſchien mohlgefitteter junger Mann 
war, ſodaß auch fie ihrerfeitd begann, ihn freundlich an- 
zufehen und ihm feine Ehrerbietung anfländig zu erwi⸗ 
dern. Die Leidenfchaft des Ritters wuchs. von Tag zu 
Tag; je öfter er fie fah, defto mächtiger fühlte er die 
Flamme ˖ um fich greifen; und als diefe nie gekannte 
Glut in feinem Herzen zu folcher Stärke gediehen war, 
dag er vor Liebe zu: dem fichönen Kinde zu vergehen 
glaubte, befchloß er, jedes Mitel zu ergreifen, das ihn 
zu ihrem Befige führen könne. Aber alles war verge- 
bens; denn fo viel Briefe, Boten und Gefandtichaften 
er ihr auch ſchickte, fo erhielt er doch nie eine andere 
Antwort, als daß fie entfchloffen fei, ihr Magdthum 
ihrem Fünftigen Gatten unverlegt zu überliefern. Died - 
verurfachte dem armen Liebhaber großen Kummer, um 


P2 [2 


138 XXIV. Matteo Bandello. 


fo mehr, als fie ſich niemals hatte bewegen laſſen, Briefe 
oder Gefchente von ihm anzunehmen. Da er aber ihren 
Befig um jeden Preis erfaufen wollte und wohl fah, 
daß bei ihrer Standhaftigkeit Fein anderes Mittel fei, 
um fie zu befommen, als fie zum Weibe zu nehmen, fo 
entfchloß er ſich nach vielen innern Kämpfen doch zulegt, 
bei ihrem Vater um ihre Hand anhalten zu laffen. Zwar 
glaubte er fih durch diefen Schritt fehe zu erniedrigen; 
doch, da er wußte, daß fie von altem gutabeligem Blute 
war, befhloß er, nicht zu zögern, fo greß war die Liebe, 
die er zu dem Mädchen hegte. ALS diefer Vorfag zur 
Reife gebiehen war, begab er fich zu einem meifinifchen 
Edelmann, mit welchem er fehr vertraut war, erzählte 
ihm, was er im Sinne hatte, und trug ihm auf, was 
er bei Mefjer Lionato thun folle. Der Mefliner ging 
bin und vollbrachte den Auftrag des Ritters. Herr Lio— 
nato kannte den Werth und das Anſehen des Herrn 
Timbreo zur Genüge und berieth fich daher über eine 
fo gute Zeitung nicht erft lange mit Verwandten oder 
Freunden, fondern ertheilte freudig die Antwort, es fü 
ihm fehr angenehm, daß der Ritter nicht verfchmähe, feine 
Berwanbtfchaft zu fuchen. Er eilte fofort nach Haufe, 
wo er feiner Gattin und Fenicia mittheilte, welche Zu- 
fage er Herrn Timbreo gegeben. Fenicien gefiel die 
Sache ungemein, fte dankte Gott demüthig, daß er ihrer 
keuſchen Liebe einen fo rühmlihen Ausgang verleihe und 
Außerte ihre Freude auch in ihrem Angefiht. Aber das 
Schickſal, welches nie müde wird, fremdes Glück zu flö- 
ren, erfand eine neue Art, die von beiden Seiten fo fehr 
gewünfchte Hochzeit zu verfchieben. Hört nur, wie! Es 
hieß bald durch ganz Meffina, Herr Timbreo Cardona 
werde in wenigen Tagen Fenicia, die Tochter des Herrn 
Lionato, heirathen, und alle Meffiner waren über biefe 
Nachricht erfreut, weil Herr Lionato ein allgemein be 
liebter Ebelmann war, der niemand Schaden zufügte, 
fondern allen, fo viel er konnte, gefällig war. Daher 


76. Biel Laͤrmen um nichts. 139 


fam ed, daß jedermann über dieſe Berbindung herzliches 
Vergnügen äußerte. Es lebte aber in Meffina noch ein 
anderer junger Ritter von vornehmer Abtanft, Namens 
Here Girondo Dierio Valenziano, der fih auch in den 
legten Feldzügen durch feine Tapferkeit fehr hervorgethan 
hatte, und ber fobann einer der glänzendfien und frei- 
gebigften Herren des Hofe geworden war. Diefen er- 
griff bei diefee Nachricht ein endlofer Schmerz, denn erft 
kurz zuvor hatte er ſich in Fenicia's Schönheiten verliebt 
und die Liebesflammen hatten feine Bruft fo gemaltig 
in Beſitz genommen, daB er feft überzeugt war, fterben 
zu müflen, wenn er Fenicia nicht zum Weibe erhalte. 
Schon war er entfchloffen bei ihrem Vater um fie zu 
werben, ald er vernahm, daß fie dem Zimbreo zugefagt 
fei, worüber er vor Schmerz in Krämpfe zu fallen meinte; 
und da er kein Mittel fand, feinen Schmerz zu beſchwich⸗ 
tigen, gerieth er in folhe Wuth, daß er von Liebe und 
Leidenfchaft befiegt die Stimme der Vernunft überhörte 
und ſich zu einem Schritt hinreißen ließ, der nicht bios 
einem Ritter und Edelmann, wie er war, fondern einem 
jeden zur Unehre gereicht hätte. Er war faft bei allen 
feinen Kriegsunternehmungen der Begleiter des Herren 
Zimbreo gewefen und es beſtand zwiſchen beiden eine 
brüderliche Freundſchaft; dieſe Liebe aber hatten fie ein- 
ander, was nun der Grund davon fein mochte, immer 
verborgen. Herr Girondo 'gedachte nun zwifchen Herrn 
Zimbreo und feiner Geliebten folhe Zwietracht zu fäen, 
daß darum die Vermählung rüdgängig gemacht mürbe, 
in welchem Falle dann, er die Braut vom Vater zu er» 
bitten beabfichtigte und zu erhalten hoffte. Er zögerte 
nicht, diefen thörichten Gedanken zur Ausführung zu 
bringen; und da er ein für feine zügellofen und verblen- 
beten Gelüfte paffendes Werkzeug fand, fo weihte er daſ⸗ 
felbe eifrig in feine Anfchläge ein. .Der Dann, welchen 
Herr Girondo zu feinem Bertrauten und zum Diener 
feiner Bosheit auserkoren hatte, war ein junger Höfling 


140 XXIV. Matteo Banbdello. 


von geringem Stande, der, nachdem er von allem gehö- 
rig unterrichtet worden, am folgenden Morgen Herrn 
Timbreo .befuchte, welcher noch nicht ausgegangen war, 
und eben ganz allein in einem Garten feiner Wohnung 
Iuftwandelte. Der Süngling trat in den Garten und 
ward von Herrn Zimbreo, der ihn auf fi zukommen 
fah, höflich, empfangen. Nach den berfömmlichen Be⸗ 
grüßungen ſprach der junge Mann alfo zu Herrn Zim 
breo: Mein Herr, ich komme fo früh, um dir Dinge 
von größter Wichtigkeit mitzutheilen, welche deine Ehre 
und deinen Vortheil berühren. Weil ich aber vielleicht 
etwas fagen fünnte, was dich beleidigte, fo bitte ich dich, 
mir zu verzeihen und mich wegen meiner Dienftfertigfeit 
zu entfchuldigen und zu denken, daß ich in guter Ab- 
ſicht mich aufgemacht habe. Wenigſtens weiß ich, wenn 
du noch der ehrliebende Ritter bift, der du vormals warft, 
daß meine Entdedung dir nicht unnüglih fein wird. 
Zur Sache zu kommen, fo hörte ich geftern, du feift mit 
Herrn Lionato de Lionati dahin einig geworden, daß du 
feine Tochter Fenicia zur Frau nehmeſt. Hab Ad, 
mein Herr, was du ehuft, und bedenke deine Ehre! Ich 
kann dir ſagen, daß ein mir befreundeter Edelmann zwei 
bis drei mal wöchentlich zu ihr geht, bei ihr zu ſchlafen, 
und ſich ihrer Liebe erfreut. Heute Abend wird er gleich⸗ 
falls hingehen und ich werde ihn auch wieder wie fonft 
dahin begleiten. Willſt du mir nun dein Ehrenwort 
geben, weder. mir noch meinem Freunde ein Leides zu⸗ 
zufügen, fo werde ich es einleiten, daß du den Drt und 
alles fehen kannſt. Noch muß ich hinzufügen, daß ſchon 
viele Monate mein Freund die Gunſt dieſer Schönen ge 
nießt. Die Berbindlichkeiten, die ich gegen euch habe, 
und die vielen Gefallen, die du mir ſchon zu ermweifen die 
Güte gehabt haft, beftimmten mich, dir dies zu offenbaren. 
Du fannft nun thun, was dir am meiften raͤthlich dünkt. 
Mir genügt es, in dieſer Angelegenheit dir einen Dienſt 
geleiſtet zu haben, wie es meine Pflicht gegen dich erheiſchte. 








76. Biel-Lärmen um nichts. 141 


Herr Timbreo war über diefe Worte dermaßen be 
ftürst und außer fich, daß er nahe daran war, von Sin- 
nen zu kommen. Er ftand eine gute Weile, taufend 
Dinge bei fi erwägend, ſprachlos da, und da ber bit- 
tere und, wie er meinte, gerechte Groll in feinem Her⸗ 
zen mehr über ihn vermochte, als feine treue inbrünftige 
Liebe zu der fchönen Fenicia, antwortete er bem Jüng⸗ 
ling ‚unter Seufjen: Mein: Freund, ich muß und kann 
nicht anders, als dir zu ewigem Danke verpflichtet ſein, 
indem ich ſehe, wie du für mich und meine Ehre ſo lieb⸗ 
reich Sorge trägft, und gedenke dir eines Tags zu be- 
thätigen, wie fehr ich dir verbunden bin. Für jegt fei 
dir nur mündlich der befte innigfte Dank gefagt, den ich 
ausfprechen kann. Da du dich freiwillig erbieteft, mich 
mit Augen fehen zu laffen, mas ich mir nie hätte ein⸗ 
bilden können, fo erfuche ich dich bei der Menfchenliebe, 
- bie dich bewogen, mich von diefer Sache in Kenntniß zu 
fegen, deinen Freund unbefangen zu begleiten, und ver» 
pfände dir mein Wort als königlicher Ritter, daß ich we⸗ 
der dir noch deinem Freund Schaden zufügen und beine 
Mittheilung überhaupt geheim halten werde, damit bein 
Freund die Früchte diefer feiner Liebe ungeftört genieße. 
Ich Hätte von Anfang an mehr auf meiner Hut fein 
und bie Augen recht aufthun follen, um die ganze Sache 
gründlich zu durchfchauen. 

Zulegt fprach der Jüngling zu Timbreo: Begebt euch 
alfe, mein Herr, heute Nacht um drei Uhr an bas Haus 


ded Herrn Lionato und ftellt euch in den- verfallenen Ge⸗ 


bäuden, welche dem Garten bed Herrn Lionato gegen⸗ 
über liegen, auf die Lauer! 

Nach diefen Ruinen fah die eine Faffate von Meffer 
Lionatos Palaft, worin ſich ein alter Saal befand, an 
defien bei Tag und bei Nacht offen ftehenden Fenſtern 
ſich Fenicia zuweilen zeigte, weil fie von bier aus ben 
fhönen Garten beffer überfchauen konnte. Aber Meffer 
Lionato wohnte auf der andern Seite, denn der Palaft 


“ 


= 


142 XXIV. Matteo Bandello. . 


war alt und fehr groß, fodaß er für den Hof eines Für- 
ſten Raum gehabt hätte, wie viel mehr denn für das 
Gefinde eines Edelmannd. Nach getroffener Abrede beur- 
laubte fich der tüdifche junge Mann, begab fich wieder 
zu dem freulofen Girondo und erzählte ihm alles, was 
er mit Heren Timbreo Cardona verabredet hatte. Hier: 
über freute fih Herr Girondo unmäfig, denn er fab fei- 
nen Anfchlag aufs ſchönſte gelingen. Zur verabredeten 
Stunde kleidete der Verräther Girondo einen feiner Die 
ner, den er ſchon von feiner Rolle unterrichtet hatte, in 
vornehme Gewande und durchbalfamte ihn mit den lieb: 
lichſten Wohlgerüchen. Der durchduftete Diener ſchloß 
fih nun an ben Süngling an, welcher mit Herrn Zim- 
breo gefprochen hatte, und ein anderer folgte ihnen mit 
einer Leiter auf der Schulter. Wer vermöchte nun wohl 
den Seelenzuftand des Herrn Zimbreo treu zu fchildern 
und bie vielen und mannicfaltigen Gedanken, welche ihm 
den ganzen Tag durch den Kopf gingen! Ich meines 
Theils bin überzeugt, daß ich mich vergeblich Damit ab- 
mühen würde: Von dem Schleier der Eiferfucht um- 
nebelt enthielt ſich ber leichtglaubige arme Ritter den 
- Zag über aller oder doch faft aller Speife; und we 
ihm ind Angeficht gefchaut hätte, würde ihn eher für 
todt als für lebendig gehalten haben. Schon eine balbe 
Stunde vor der feftgefegten Zeit verbarg er fih in dem 
akten Gemäuer dergeftalt, daß er alles ganz gut fehen 
fonnte, was in bdeffen Nähe vorging, obgleich es ihm 
unmöglich fchien, daß fi Fenicia einem amdern, preis: 
gegeben haben könne. Er fagte fich freilich, die Mäd—⸗ 
chen feien veränderlich, leichtfertig, unbeftändig, empfind- 
lich und lüftern nach allem Neuen; und indem er fie fo 
bald verdammte, bald entichuldigte, hatte er auf jede 
Bewegung Acht. Die Nacht war nicht fehr finfter, aber 
äußerft fill. Siche da vernahm er allmälig das Ge 
räufch der Füße der Kommenden, er vernahm auch hin 
und wieder ‚ein halbes Wörtihen. Gleich davauf fah er 





76. Biel Lärmen um nichts. 143 


auch die drei Männer vorübergehen und unterfchieb dar⸗ 
unter ganz deutlich den Züngling, der ihn am Morgen 
gewarnt hatte, die zwei andern aber vermochte er nicht 
zu erkennen. Ws die Drei an ihm vorübergingen, hörte 
er den Duftenden, . welcher ſich als den Liebhaber gefleie - 
det hatte, zu dem Leiterträger fagen: Stelle die Leiter 
nur behutfam ans Fenfter, daß du feinen Lärm machſt! 
Als wir das legte mal bier waren, fagte mir mein Fräu⸗ 
fein Fenicia, du habeſt fie zu laut angerückt. Made 
alles geſchickt und ruhig! 

Diefe Worte, weiche Timbreo deutlich vernahm, gin- 
aen ihm mie eben fo viele fcharfe Speerfliche ind Herz. 
Ob er gleich allein.war und Feine andern Waffen trug, 
als feinen Degen, während die Borübergehenden außer 
den Degen zwei Lanzen bei ſich trugen und vielleicht auch - 
gewaffnet waren, fo war doch die Eiferfucht, die jein 
Herz verzehrte, fo gewaltig, und der Unwille, der ihn 
ergriffen hatte, fo groß, daß er nahe daran war, fein 
Verſteck zu verlaffen und in einem leidenfchaftlihen An⸗ 
griff auf die WBorübergehenden den vermeinten Buhlen 
Fenicia’d zu ermorden oder felbft den Tod davonzutra⸗ 
gen, um auf einmal alle, die Leiden zu befihließen, bie 
er zur überfchmenglichen Qual elendiglic, duldete. Beil 
er ſich aber des gegebenen Verfprechens entſaunn, ſchien 
es ihm der ſchändlichſte Verrath, die anzugreifen, weiche 
fi) auf fein Ehrenwort verließen. Doll Zorn, Groll, 
Muth und Grimm, bie ihm das Herz verzehtten, her 
ſchloß er alfo, den Ausgang der Sache abzuwarten. So⸗ 
bald bie Drei unter ben Fenftern des Palaftes bes Herrn 
Lionato angefommen waren, fegten fie an bem befchrie- 
benen Flügel die Leiter ganz leife an dem Balcon an, 
und der eine, welcher den Liebhaber vorſtellte, flieg hin⸗ 
auf und ſprang hinein, als wäre er gutes Empfanges 
gewiß. Als der troſtloſe Herr Timbreo das fah, hielt er 
es für ausgemacht, daß jener, welcher die Zeiter erflie- 
gen hatte, bingehe, um bei Fenida zu ſchlafen, und von 


144 XXIV. Matteo Banbello. 


dem beftigften Schmerz ergriffen fühlte er fih eine 
Ohnmacht nahe. Aber fein wie er glauben mußte ge 
rechter Unwille vermochte ihn, alle Eiferfudye zu verban- 
nen, und bie glühende reine Liebe, die er zu Fenicia 
trug, nicht allein in Kälte, fondern in graufamen Haf 
zu verwandeln. Er wollte nun die Rückkehr feines Ne 
benbuhlers aus feinem Verſteck nicht mehr abwarten, 
fondern begab ſich nach feiner Wohnung zurüd. De 
junge Mann, der ihn weggehen gefehen und genau er 
fannt hatte, ftellte fich über ihn vor, was in der That 
auch ber Fall war. Er gab daher bald darauf ein ge 
wiſſes verabredetes Zeichen, worauf ber Diener die Lei⸗ 
ter wieder herabftieg und alle Drei nach der Wohnung 
des Herrn Girondo zurüdgingen. Diefem gewährte bie 
Erzählung von diefem Vorgange die äußerfte Freude, denn 
ſchon träumte er fi) im Befig der fhönen Fenicia. Her 
Timbreo, welcher die übrige Nacht gar wenig gefchlafen 
hatte, ſtand bei guter Zeit auf, ließ unverzüglich dm 
Meſſiner Bürger zu fih kommen, durch befien Ber- 
mittelung er um Fenicia's Hand bei ihrem Water ange 
halten, und trug ihm fein gegenwärtige Verlangen an 
ihn vor. Diefer, von dem Willen und Gefinnung be 
Herrn Timbreo volllommen unterrichtet, ging, wiewol 
ungern, um die Zeit des Srühmabie zu Herrn Lionato, 
der in dem Saale auf und ab ging, bis das Frühſtüc 
vollends bereit wäre, und wo ſich auch die unfchulbige 
Fenicia befand, die in Geſellſchaft ihrer beiden jüngern 
Schweftern und ihrer Mutter mit einer Seidenftiderei 
befchäftigt war. Als der Bürger zu ihnen Fam, ward 
er von Lionato fehr artig empfangen und ſprach: Herr 
Lionato, ich babe einen Auftrag an euch, an eure Frau 
und an Fenicia vom Herrn Timbreo. 


Seid mir willkommen, antwortete er; und was iſt es? 


Frau und du, Fenicia, kommt und vernehmt mit mir, 
was uns Herr Timbreo ſagen läßt! 
Hierauf fuhr der Bote folgendermaßen zu reden fort: 


. 76. Biel Lärmen um nihte. 145 


Man pflegt gemeinhin zu fagen, dab ein Botfchafter für 
Die Erfüllung feines Auftrags nicht leiden fol. Ich komme 
zu euch im Auftrage eines andern und es fehmerzt mich 
unendlich, daß ich euch etwas unangenehmes zu hinter- 
bringen habe. Herr Zimbreo von Gardona läßt euch, 
Her Lionate, und eurer Gattin fagen, dag ihr euch 
einen andern Eidam ſuchen möchtet, dieweil er nicht ge- 
denkt, euch zu Schwiegereltern zu nehmen, nicht etwa, 
weil er etwas gegen euch babe, die er für treu und 
redlich balte und anfehe, fondern vielmehr, weil er mit 
feinen eigenen Augen von Fenicia gefehen, was er ihr 
nimmermehr zugetraut hätte. Darum läßt er euch freie 
Mahl, eure Angelegenheiten zu bedenken. Dir, Fenicia, 
läßt er fagen, daß die Liebe, welche er zu dir getragen, 
den Dank nicht verdient habe, der ihm von bir geworben; 
du mögeft dir einen andern Mann fuchen, mie du dir 
einen andern Liebhaber erwählt, .oder den nehmen, bem 
du dein Magdthum gegönnt; denn er verzichtet auf alle 
Gemeinfchaft mit dir, nachdem du ihn eher zum Hahnrei 
ald zum Gemahl gemacht haft. 

Fenicia war halb todt vor Schredlen über diefe bittere 
und fchmähliche Botfchaftz desgleichen Herr Kionato und 
feine Gattin. Bald aber kam diefer wieder zu, Muth 
und Athem, der ihm vor Schrei faft ausgegangen war, 
und Herr. Lionato fprady zu dem Boten: Bruder, ich 
zweifelte immer gleich von Anfang, als ihr mir von 
diefer Heirath fpracht, daß es dem Heren Timbreo rechter 
Ernft mit feinem Antrage fei, denn ich mußte und weiß 
wohl, daß ich ein armer Edelmann und nicht feines 
gleihen bin. Nichts deflo weniger denke ich, wenn es 
ihn vente, meine Tochter zur Frau zu nehmen, hätte . 
es ihm genügen follen, einfad) herauszufagen, er wolle 
fie nicht, anftatt ihr, wie er gegenwärtig tbut, den 
Schandfleck der Hurerei anzuhängen. Es iſt aller⸗ 
dings wahr, daß in der Welt kein Ding unmöglich iſt; 
aber ich weiß, wie ich meine Tochter erzogen habe 

Itallaͤniſcher Novellenſchatz. DI. 7 





146 XXIV. Matteo Banbello. 


und welche Sitten ihr eigen find. Gott der gerechte 
Richter wird, hoffe ich, eines Tages die Wahrheit an 
den Tag bringen. 

Mit diefee Antwort entfernte fi) der Bürger und 
Herr Lionato blieb bei der Meinung, Herr Timbreo be- 
reue e8, diefe Verbindung einzugehen, und halte jegt dafür, 
er würde fich vielleicht allzufehr erniedrigen und gegen 
feine Vorfahren ausarten. Herrn Lionato's Geſchlecht 
war zwar vom älteften und beften Adel in Meffina und 
wurde hoch geehrt; aber fein Vermögen war nur das 
eines gewöhnlichen Edelmanns, obwol die alte Erinnerung 
da war, daß feine Vorfahren viele Güter und Schlöffer 
mit der ausgebehnteften Gerichtsbarkeit befaßen. Da nun 
der gute Water von feiner Tochter nie das mindefte un- 
ehrbare gejehen hatte, konnte er nicht anders glauben, 
als dag der Ritter angefangen habe, ſich ihrer derzeitigen 
Armuth, und GBinfchränfung zu fhämen. Fenicia auf 
der andern Seite, ber aus übermäßigem Leid und aus 
Herzendangft unmwohl geworden war, da fie füch fo höchſt 
ungerecht befchuldigen hörte, kam als ein zartes und 
'weichliches Kind, das.nicht an die Schläge des Unglücks 
gewöhnt war, ganz außer fi und würde fich lieber todt 
als lebendig gefehen haben. Bon heftigem und durdy- 
dringendem Schmerz erfaßt fank fie ohnmächtig zu Boden, 
verlor plöglich ihre natürliche Farbe und glich vielmehr 
einem Marmorftandbild als einem lebenden Wefen; daher 
wurde fie mühſam auf ein Bett getragen und dafelbft 
mit warmen Tüchern und andern Heilmitteln nad) kurzem 
ihre erfchöpften ‚Lebensgeifter wieder zurüdgerufen. Da 
man nad) den Arzten geſchickt hatte, verbreitete ſich das 
Gerücht durch Meſſina, wie Fenicia die Tochter des 
Herrn Lionato ſo ſchwer erkrankt ſei, daß man für ihr 
Leben fürchte. Auf dieſe Nachricht kamen viele verwandte 
und befreundete Edelfrauen, die jammernde Fenicia zu 
beſuchen, welche fi, da fie den Grund ihres Übels er- 
fuhren, alle Mühe gaben, fie fo gut fie fonnten zu tröften. 


76. Viel Laͤrmen um nichte. . 147 


Und wie es unter fo vielen Frauen zu gefchehen pflegt, 
befprachen fie den beflagenswerthen Vorfall nach allen 
Seiten hin ausführlich, aber alle ſtimmten darin überein, 
den Deren Zimbreo mit dem bitterften Tadel zu belegen. 
Die meiften faßen im Kreife um das Bert des Franken 
FTräuleind, als Fenicia, die alles, was geſagt worden war, 
mohl verftanden hatte, wieder ein wenig Athem fchöpfte, 
und da fie fah, daß faft alle aus Mitleid mit ihr, meinten, 
fie mit ſchwacher Stimme bat, ſämmtlich zu ſchweigen. 
- Darauf fprach fie mie verfchmachtend alfo: Verehrte 
Mütter und Schweftern, trodinet nunmehr die Thränen, 
dieweil fie euch nichts frommen und mir nur meinen 
Schmerz erneuern, ohne in der Sache etwas zu beffern. 
So ift ed nun ber Wille unferes Herrgott® und ich muß 
mid) in Geduld darein fügen. Das herbe Keid, das ich 
fühle, und das mir allmälig den Faden meines Lebens 
zernagt, rührt nicht daher, dag ich verfehmäht wurde, 

wie unendlich fehmerzlich mir Died auch ift, fondern bie 
Art und Weife, wie dies gefcheben, it ed, was mich 
in tiefiter Seele Eränft und mich hilflos darniederwirft. 
Herr Timbreo konnte frei herausfagen, er molle mid 
nicht zur Gattin, und alles mar gut; bei der Art aber, 
mit der er mich verftieß, weiß ich, daß ich bei allen 
Meffinern ewige Schmady auf mich geladen habe wegen 
einer Sünde, die ich niemals, gefchweige beging, nein 
an deren Begehen ich nicht einmal je bachte; deſſen⸗ 
ungeachtet wird man. immer auf mid als eine Mege 
mit Fingern weifen. Ich habe immer eingeftanden und 
geftehe von neuem, daß mein Rang dem eines folchen 
Ritters und Freiheren, wie Herr Timbreo, nit gleich: 
fommt, und daß, auf eine fo hohe Heitath Anſpruch 
zu nahen, das geringe Vermögen der Meinigen mich 
nicht berechtigt. Was aber den Adel und das Alter 
des Geblüts betrifft, fo Fennt man die Kionati ald eines 
der älteften und ebelften Gefchlechter diefer Infel, inden 
wir von einer fehr edein römifchen Familie abflammen, 

7* 


148 XXIV. Matteo Banbdello. 


die ſchon vor der Menſchwerdung unferes Herrn Jeſu 
Chriſti beftand, wie man durch fehr alte Urkunden be 
weifen kann. Ich fage nun zwar,‘ daß ich um meine 
‚Armuth willen eines folchen Ritters unwürdig bin, aber 
ich fage auch, daf er mid auf bie unwürdigſte Weiſe 
verſchmaͤht hat, denn es ift höchft klar, daß ich nie daran 
gebacht habe, einem andern das zu geben, was dem Gatten 
aufbewahrt werben fol. Gott weiß, daß ich bie Wahr- 
heit fage, und fein heiliger Name fei gepriefen und ge 
feiert! Wer weiß, ob nicht der Allerhöchfte durch dieſes 
Mittel mich zu erlöfen gedenkt? Denn vielleicht hätte 
ich durch eine fo vornehme Vermählung mid in Stolz 
_ erhoben, wäre bochmüthig geworden, hätte diefen und 
jenen verachtet und vielleicht Gottes Güte gegen mid 
weniger erkannt. Möge barum Gott mit mir thun, was 
ihm gefällt, und mir verleihen, daß dieſe meine Trübſal 
zu meinem Seelenheil gereiche! Ich bete zu ihm in 
brüunftig, daß er dem Heren Timbreo die Augen öffne, 
nicht damit er mich wieder als feine Braut annehme, 
denn ich fühle mehr und mehr mich dem Tode nahe, 
fondern damit er, der auf meine Treue wenig gibt, mit 
aller Welt erkenne, daß ich niemals die Thorheit und 
den fehmählichen Fehltritt begangen habe, deffen man 
mich ohne allen Grund zeiht, damit, wenn ich auch mit 
biefem Schandfled fterbe, ich doch in einiger Zeit gerecht⸗ 
fertigt erfcheine. Möge er fich einer andern Frau er- 
freuen, welcher Gott ihn beftimmt hat, und lange in 
Frieden mit ihr leben! Mir werden in wenigen Stunden 
ein Paar Fuß Erde genügen. Mein Vater und meine 
Mutter und alle unſere Verwandte und Freunde moͤgen 
in dieſem Unglück ſich wenigſtens dies zu einigem Troſt 
gereichen laſſen, daß ich der Schande vollig unſchuldig 
bin, die man mir aufgebürdet, und mein Wort zum 
Pfande nehmen, welches ich ihnen gebe, wie es einer 
gehorfamen Tochter Pflicht ift, denn ein beſſeres Zeugnif 
oder Pfand kann ich für jegt in aller Welt nicht Bieten. 





76. Biel Lärmen um nichts. 149 


Mein Troſt ift, daß ich vor bem gerechten Richterſtuhl 
Ehrifti dereinft von diefer Schande werde freigefproden . 
werden. Und fomit befehle ich dem, der fie mir gab, 
meine Seele, die, diefen irdifchen Kerker zu verlaffen 
begierig, den Weg zu ihm antritt. 

Bei diefen Worten nahm die Gewalt des Schmerzes, 
der ihr Herz beflemmte, überhand und drängte fie fo fehr, 
daß fie bei dem Verſuche, ich weiß nicht was noch hinzu- 
zufügen, anfıng die Sprache zu verlieren und nur halbe 
Worte flammelte, welche niemand verftand. Zugleich 
übergoß ein Falter Schweiß alle ihre Glieder, ſodaß fie 
mit gefalteten Händen wie todt zurüdfant. Die noch 
anmefenden Arzte vermochten wiber diefen heftigen Anfall 
durchaus Feine Hilfe zu leihen, verließen fie endlich für 
todt und entfernten fi mit der Erklärung, die Heftigkeit 
ihred Schmerzes fei fo groß gewefen, daß er ihr das Herz 
abgedrüdt habe. Bald darauf war Fenicia in den Armen 
ihrer Freundinnen und Eltern kalt geworden, ihre Puls 
ftand ftil und ale hielten fie für todt. Dan ließ einen 
ber Arzte zurückkommen und er erklärte, als er feinen 
Puls mehr verfpürte, fie fei todt. Wie viele herzbrechende 
Klagen, wie viele Thränen, wie viele jammervolle Seufzet 
nun um fie ausgeftoßen wurden, das laffe ich euch be» 
denken, mitleidige Frauen! Der arme weinende Vater, 
die troſtloſe fi) das Haar zerraufende Mutter hätten 
Steinen Thränen entloden können. Alle andere Frauen 
fowie alle Anwefenden überhaupt erhoben ein erbärmliches 
Geſchrei. Schon waren fünf bis ſechs Stunden feit dem 
Tode verfloffen und nun ordnete man das Begräbnif 
auf den folgenden Tag an. Die Menge der Frauen 
hatte fi verlaufen und die Mutter, mehr todt ale 
lebendig, behielt nur eine Schwägerin, die Frau eines 
Bruders ded Herrn Lionato, bei fih. Sie waren nun , 
beide allein und wollten fonft niemand bei fi, ließen 
Waſſer and Feuer ftellen, fchloffen fi in dem Zimmer 
ein, entkleideten Fenicia und ‚fingen an, fie mit warmem 


150 "XXIV. Matteo Bandello. 


Waſſer zu wachen. Schon feit etwa fiebm Stunden 
hatten bie erfchöpften Lebensgeifter Fenicia's geſtockt, ald 
die erkalteten Glieder bei dem Wafchen mit warmem 
Waſſer zu ihren DVerrichtungen zurückehrten und das 
Mädchen deutliche Lebenszeichen von fih zu geben und 
felbft die Augen ein wenig zu öffnen begann. Die 
Mutter und die Schwägerin waren nahe daran, laut 
aufzufchreien; aber doc, ermuthigten fie fih, legten ihr 
bie Hand an ihre Herz und fpürten darin einige Bewe—⸗ 
gung. Darum zweifelten fie nicht länger, dag das Kind 
lebe. Mit warmen Gewändern und andern Neizmitteln, 
bie fie ohne Geräufch beibrachten, bewirkten fie es endlich), 
daß Fenicia faft ganz zum Bewußtſein zurüdkehrte, bie 
Augen vollig aufſchlug und nad) einem ſchweren Seufzer 
begann: Weh mir, wo bin ih? 

Siehſt du nicht, fagte die Mutter, daß bu bei mir 
biſt und bei deiner Muhme? Du hatteſt eine ſo heftige 
Ohnmacht, daß wir dich für todt hielten; aber Gott ſei 
gelobt, daß du am Leben biſt! 

Ach, wie viel beſſer, antwortete Fenicia, wäre es, 
wenn ich wirklich geftorben und fo vielem Jammer ent- 
gangen wäre. 

- Mein liebes Kind, fagte die Mutter und bie Muhme, 
ſchicke dich ins Leben, da es Gottes Wille iſt! Es wird 
noch alles gut werden. 

Die Mutter ſuchte die Freude, welche ſie empfand, 
zu verbergen, öffnete ein wenig bie Ihüre des Gemachs 
und ließ Herrn Lionato rufen, der fogleich herbeikam. 
Db er‘ fich freute, die Tochter ins Leben zurückgekehrt 
zu ſehen, iſt keine Frage. Sie trafen nun mancherlei 
Verabredungen, und Meſſer Lionato beſtimmte zuerſt, 
daß niemand von dieſem Ereigniſſe etwas erfahren dürfe, 
da er befchloffen hatte, die Tochter aus Meflina weg 
auf dad Landgut feines Bruders zu ſchicken, deffen Gattin 
bier anmwefend war. Hierauf ſuchte er das Kind durch 
Bräftige Speifen und köſtliche Weine zu erquiden, dur 


76. Biel Laͤrmen um nichts. 151 
deren Genuß fie ihre frühere Stärke und Schönheit wieder 
erlangte, dann ließ er feinen Bruder berufen und unter- 
richtete ihn ausführlich von feinem Vorhaben. Die Ver- 
abredung, welche fie trafen, war folgende. Meffer Giro- 
Iamo (fo hieß der Bruder des Meffer Lionato) führte 
in ber folgenden Nacht Fenicia in fein Haus und hielt 
fie bier in Gefellfchaft feiner Gattin auf das ftrengfte 
verborgen. Auf dem Landgute wurde fodann altes be- 
reitet, was zu ihrem Empfange nöthig war, und eines 
Morgens in der Frühe ſchickte er feine Frau mit Fenicia 
und einer feiner Töchter und einer Schwefter Fenicia’$, 
melhe dreizehn bis vierzehn Sahre alt‘ war, voraus. 
Fenicia war fechzehnjährig. Dies gefchah, damit Fenicia, 
wenn fie größer würde und, wie es mit der Zeit gefchieht, 
auch die Geſichtsbildung veränderte, im zwei bis drei Jahren 
unter einem andern Namen verheirathet werben könnte. 
An dem Tage nach jenem Vorfalle, als das Gerücht von 
Benicia’8 Tode fi durch ganz Meſſina verbreitet hatte, 
lieg Meſſer Lionato. ihr flandesgemäß Exequien halten 
und einen Sarg bereiten, in welchem er, ohne daß es 
jemand bemerkte, denn die Mutter Fenicia's ſchien es 
niht zugeben zu wollen, daß fi ein Dritter bamit be 
ſchwere, ich weiß felbft nicht was einhüllte; ſodann wurbe 
der Sarg verfchloffen, vernagelt und verpicht, ſodaß jeber 
des feften Glaubens war, daf Fenicia's Leiche fich darin 
befinde. Am Abend aber begleitete Meffer Lionato, mit 
allen feinen Berwandten, in ſchwarzer Kleidung, den 
Sarg zur Kirche und Bater und Butter bezeugten. 
ein fo übermäßiges Leidweſen, als ob fie wirklich ihre 
Tochter zu Grabe gebracht Hätten. Der Borfall er⸗ 
regte allgemeines Mitleid, da die Urfache des Todes 
bald ruchbar wurde, und fo Hiekten alle Meflinefen 
dafür, dag der Mitter jene Fabel erdichtet Habe. Der 
Sarg wurde baher beigefegt unter allgemeinen Bedauern 
der ganzen Stade, über dem Sarg wurde ein Einſatz 
von Steinen gemacht und barauf das Wappen ber 


152 XXIV. Matteo Bandello. 


Lionati gemalt. Meffer Lionato ließ darauf folgende 
Inſchrift fegen: 


Zenicia hieß mein Nam’; unmürdig ward 
Als Braut id einem Rohen überwiefen, 
Den die Verbindung mußte bald verdrießen, 
Drum zieh er eines Fehls mid ſchwer und hart. 
Als Jungfrau war ih rein und keuſch bewahrt 
Und ſah unbillig mih in Koth geriffen: 
Ehr ftarb ih, ald daß mid die Leute wieſen 
Mit Zingern, ah, nad feiler Dirnen Xrt. 
Kein Eifen brauchte ih zu meinem Top, 
Der berbe Schmerz war Fräft’ger, ald der Stahl, 
Ald ih vernahm den unverdienten Spott. 
Im Sterben noch fleht’ ih, daß doch einmal 
Der Welt den Trug enthüllen möge Gott, 
Da meine Treu misadtet der Gemahl. 


Als die thränenreiche Leichenfeier beendigt war, ſprach 
man allenthalben über die Urfache von Fenicia’8 Tod, man 
erfchöpfte den Gegenftand von allen Seiten, aber indge- 
mein flimmte man barin überein, daß man dem Hläglichen 
Tode Mitleid zollte, da die Beſchuldigung für erdichtet 
gehalten wurde. Herr Zimbreo fing an, in ben bitterften 
Schmerz zu verfinten und eine gewiffe Bellemmung des 
Herzens zu fühlen, die ihn felbft fo fehr befrembete, daß 
er nicht wußte, was er denken follte. ‘Dennoch meinte 
er keinen Tadel zu verdienen, dba er einen Menfchen die 
Leiter babe befteigen und ind Haus fhlüpfen fehen. Aber 
bei befonnenerem Nachdenken über das Gefehene und 
da fein Unmille ſich etmas abgekühlt und die Vernunft 
ihm die Augen geöffnet hatte, mußte er fich fagen, daß 
jener vielleicht auch um einer andern Frau willen, ober 
um zw rauben, bort eingeftiegen fein könne. Auch fiel 
ihm ein, dag Meffer Lionato's Haus fehr groß und jener 
Flügel, wo ber Unbekannte eingeftiegen, unbewohnt fei, 
daß überdies Fenicia, welche mit ihren Schweſtern Hinter 
dem Gemach ihres Baterd und dem ihrer Mutter. fchlief, 








76. Biel Lirmen um nichts. 153 


in jenen. Flügel nicht kommen konnte, ohne durch das 
Schlafzimmer ihres Vaters zu gehen; und fo von feinem. 
Gedanken beftürmt und gequält wußte er nirgend Ruhe 
zu finden. Auch dem Herrn Girondo, dem bei der 
Nachricht von Fenicia's Tod das Gewiffen fagte, daß 
er ihr Henker und Mörder fei, wollte das Her; im 
Ubermafe ded Schmerzes zerfpringen, theild weil er fie 
in der That heftig geliebt, theild weil er die wahre 
Beranlaffung zu fo traurigem Creigniffe gegeben hatte. 
Mehr als einmal war er in diefer Verzweiflung nahe 
daran, fih den Dolch in die Bruft zu bohren. Er 
fonmte nicht effen noch fchlafen; wie ein Beſeſſener, Be⸗ 
thörter ging er umher, fuhr dann plöglich wie aus dem 
Traume empor und konnte nicht Ruhe noch Raſt finden. 
Am fiebenten Tage nad) der Beftattung Fenicia’s glaubte 
er endlich nicht ‚länger Teben zu können, wenn er dem 
Zimbreo die Schandthat nicht entdedte, die er begangen: 
hatte. Er begab ſich alfo gegen die Mittagsftunde nad) 
dem Palaſte des: Königs und begegnete dem Herrn Tim⸗ 
breo, welcher eben vom Hofe weg nach Haufe ging. 
Herr Girondo redete ihn alfo an: Herr Timbreo, wenn 
es euch nicht beſchwerlich iſt, ſo erzeigt mir den Gefallen, 
mit mir zu kommen. 

Dieſer, der den Herrn Girondo als ſeinen Waffen⸗ 
bruder liebte, begleitete ihn, über dies und jenes ſprechend, 
und nach wenigen Schritten kamen ſie zu der Kirche, in 
der Fenicia's Grab befindlich war. Daſelbſt verbot am 
Eingange Herr Girondo ſeinen Dienern, ihm weiter in 
die Kirche zu folgen, und erſuchte Herrn Timbreo, auch 
die ſeinigen zurückzulaſſen. Dieſer gab ſogleich dazu 
Befehl, und nun gingen beide zuſammen allein in die 
Kirche, in der niemand war, und Herr Girondo führte 
feinen Begleiter nach Fenicia's Grablapele. Als fie 
darin waren, Eniete Herr Girondo vor der. Gruft nieder, 
zog einen Dolch, den er an feiner Seite trug, und gab 


ihn entblöft Herrn Timbreo in die Hand, ber voller 
7 ** 





154 XXIV. Matteo Bandello. 


Perwunderung erwartete, was daraus werden folle, und 
noch gar nicht wahrgenommen hatte, vor weſſen Grab 
fein Begleiter niebergefniet war. Darauf fprach Herr 
Girondo weinend und ſchluchzend folchergeftalt zu Deren 
Zimbreo: Großherziger, edler Nitter, ich habe dich zwar 
nach meinem Dafürhalten tödtlich beleidigt, aber ich bin 
nicht hierher gelommen, um dich um Vergebung zu bitten, 
ba mein Verbrechen der Art ift, daß es feine Vergebung 
verdient; wenn bu aber deiner Ehre würdig handeln, eine 
zitterliche That vollbringen, ein Gott und der Welt wohl- 
gefälliged Werk verrichten wilft, fo ftoß den Dolch, ben 
du in der Hand haft, in dieſe ruchlofe, verbrecherifche Bruſt, 
und bring der geweihten Afche der unfchuldigen und unglüc- 
lichen Fenicia mein Lafterhaftes, verabfcheuungswürdiges 
Blut zum Opfer, denn in diefem Gewölbe ward fie vor 
wenigen Zagen begraben und ich allein war der boshafte 
Urheber ihres frühen umverfchuldeten Todes. Und bift 
du mitleidiger gegen mich, als ich felbft, und verfagft 
mir diefe Bitte, fo werde ich felbft mit eigener Dand 
Rache an mir vollziehen und meinem Xeben ein Ende 
macden. Sofern du aber noch ber edle großherzige Ritter 
bift, der du immer geweſen, ber nie den leifeften Schatten 
eines Fleckens auf feiner Ehre duldete, fo wirft du für 
dich und zugleich für die unglüdliche Fenicia die gebüh⸗ 
vende Rache nehmen. 

Als der Herr Timbreo hörte, daß der Leichnam ber 
fihönen Fenicia hier verfenkt fei, und die Worte des Deren 
Girondo vernahm, gerieth er außer fih und wußte nicht, 
was er von ber Sache zu denken habe. Don unbekannten 
Gefühlen ergriffen hub er bitterlich zu weinen an und 
bat den Herrn Girondo, aufzuftehen und ihm den Zu- 
ſammenhang zu erklären. Zugleich ſchleuderte er dem 
Dolch weit von fih. Herr Girondo verftand fich endlich 
dazu, fi von ben Knieen zu erheben, und erwiberte 
unter häufigen Thränen Folgendes: Du mußt wiffen, 
Herr, daß Fenicia auf das feurigfte und zwar in fo 


76. Biel Larmım am nichts. 155 
hohem Grade von mir geliebt wurde, dab, wenn ich 


hundert Menfchenalter litte, ich nie Hilfe noch Troft gu 


finden hoffe, weil meine Liebe dem unfeligen Mädchen 
den bitterfien Tod bereitet hat. Denn, als ich die 
Gewißheit erlangt hatte, von ihr nie einen freund- 
lichen Blick noch den geringften Wink, der mit meinen 
Wünſchen Abereinflimmte, zu erhalten, da ich hörte, daß 
fie die zur Gemahlin befchieden fei, Tieß ih mich von 
meinem zügellofen Verlangen genugfam verblenden, mit 
einzubilden, wenn ih nur Mittel und Wege auffände, 
ihre Verbindung mit bir rüdgängig zu machen, fo würde, 
fie ihr Water anf meine Bewerbung leichten Kauf mit 
felber zugeſtehen. Meine inbrünftige Liebe wußte feinen 
andern Rath, und ohne alfo etwas weiteres zu bedenken, 
erfand ich den verwegenften Anſchlag von der Welt und 
ließ Dich betrügerifchermweife in jener Nacht in einem meiner 
Diener einen in ihr Haus einfteigenden Liebhaber fehen. 
Ebenſo war auch derjenige, welcher zu dir kam und dir 
anzeigte, daß Fenicia ihre Kiebe einem dritten zugewandt 
habe, durchaus von mir unterrichtet und beftochen, Dir 
jene Nachricht zu bringen. Dies vermochte dich am fol⸗ 
genden Tage Fenicia zu verfihmähen. Die Unglückliche 
grämte fich darüber zu Tode und bier ift ihr Begraͤbniß. 
Ich war ihre Mörder, ihr Henker, ihre graufamer Würger, 
und für diefe Unbild gegen dich und gegen fie beſchwöre 
ich dich mit gefreuzten Urmen ... 

Hier warf er fih von neuem vor ihm Auf die Kniee. 

... bie meiner Schandthat würdige Rache an mir 
zu nehmen; denn bas Bewußtſein, fo viele Greuel ver- 
anlaßt zu haben, mache mir das Leben zur unerträg: 
lihften Lafl. 

Als Herr Timbreo diefe Worte vernahm, meinte er 
bitterlich; doch fah er wohl ein, daß der begangene Fehler 
nicht ungefchehen zu machen, da Fenicia tobt ſei und fie 
niemand ins Leben zurückrufen könne. Er befchloß barum, 
fi) an Girondo nicht zu vergreifen, fondern ihm alle 


156 XXIV. Matteo Bandello. 


feine Schuld zu verzeihen und, nur darauf zu denen, 
wie Fenicia's Muf wieder herzuftellen und ihre Ehre von 
den Flecken zu reinigen fei, die fie fo ungerechtermeile 
betroffen hatten. Er bat alfo Girondo, aufzuſtehen, und 
"Sprach zu ihm nach vielen heißen Seufzern und bittern 
Thränen alfo: Wie viel beffer wäre es für mich, mein 
Bruder, wenn ich nie geboren oder doch taub zur Welt 
gekommen wäre, daß ich fo Schredliches, Herzzerreißendes 
nie gehört hätte; denn num kann ich nie wieder froh werden, 
weil ich mir fagen muß, daß meine Leichtgläubigfeit die- 
jenige ermordet bat, deren Liebe, deren feltene Tugenden 
und bewundernswürdige Gaben wol einen andern Lohn. 
von mir verdient hätten, ald Schimpf, Verleumdung 
und frühzeitigen Tod. Gott, gegen deſſen Willen fid 
fein Blatt auf dem Baume regt, bat es freilich alſo 
zugelaffen, und da vergangene Dinge leichter zu tadeln, 
als befjer zu machen find, fo will ich Feine weitere Rache 
an die nehmen; denn wenn ic, fo Freund über Freund 
verlöre, fo Hieße das nur Schmerz auf Schmerz, häufen, 
und bei alle dem würde ja doch Fenicia's feliger Geiſt 
nicht in ihren engelleufchen Körper zurüdkehren, der feinen 
Lauf vollendet hat. Nur über eines will ich Dich tadeln, 
damit bu nicht wieder in einen’ ähnlichen Fehler verfaͤllſt, 
und das ift, dag du mirenicht deine Liebe entdeckt haft, 
da du wußteſt, daß ich im fie verliebt war und nichts 
‚von bir wußte, denn. ftatt fie von ihrem Vater zu be 
gehren, wäre ich in diefem Liebesunternehmen dir gerne 
gewichen, und wie großherzige und edle Geilter thun, 
hätte ich, mich felbft überwindend, eher auf unfere Sreund- 
fhaft, als auf meine Begierde gehört; vielleicht auch 
wäreft bu, nachdem bu meine Gründe vernommen, von 
dem Unternehmen abgeftanden und es wäre nicht das 
entfegliche Ereigniß daraus entfprungen, wie jest. Doch 
jest ift es gefchehen und nichts auf der Welt kann es un- 
geichehen machen. Darum wünfche ich, daf bu mir den 
Gefallen erzeigteft, zu thun, was ich Dir Tagen werde. 





‘ 76. Biel Lärmen um nichts. 157 


Befiehl mir, mein Gebieter, fagte der Herr Girondo, 
ich werde dir ganz ohne Ausnahme Folge leiften. 

Ih wünſche, fuhr Herr Timbreo fort, daß wir es 
unfere erſte Sorge fein ließen, Fenicia, die wir fo unge 
recht geläftert haben, ihre Ehre und unbefcholtenen Ruf 
wiederzugeben, zuerft bei ihren troftlofen Verwandten und 
dann bei allen Meflinern; denn dba das Gerücht verbreitet 
hat, was ich ihr fagen ließ, fo könnte leicht die ganze 
Stabt glauben, fie fei eine feile Dirne. Xhäten wir 
dies nicht , fa müßte ich ewig ihren erzürnten Schatten 
vor mir zu fehen glauben, der zu Gott wider mich um 
Rache riefe. 

Sirondo antwortete ihm alsbald und immer unter 

Thränen: Du haft zu befehlen, mein Gebieter, ich ge- 
horche. Erſt war ich.dir durch Freundichaft verbunden, 
jegt bin ich es durch die Unbilde, die ich dir zugefügt, 
und da du als allzugrofmüthiger und edler Mitter mis 
treulofeni gemeinem Dann fo Hochherzig verziehen haft, 
bleibe ich ewig bein Diener und Sklave. 
Nach dieſem Gefpräche knieten beide-bitterlich weinend 
vor bem Grabe nieder und baten Fenicia und Gott mit 
demüthig gekreuzten Armen um Verzeihung, der eine für 
bie begangene Schändthat, dev andere für die allzugroße 
Leichtglänbjgkeit. Sodann trodneten fie ſich die Augen 
und Here Timbreo wünfchte, daß Herr Birondo mit ihm 
nad dem Haufe bes Meffer Lionato gehe. Sie gingen 
Daher miteinander in das Haus und fanden Mefler - 
Zionato, ber foeben mit einigen feiner Verwandten zu 
Mittag 'gegeifen hatte, von der Tafel aufftchend, der, 
als er hörte, daß die beiden Ritter mit ihm fprechen 
wollten, ihnen voll Verwunderung entgegenging und fie 
willkommen hieß. Die beiden Ritter fahen Meſſer Lionato 
und feine Gattin in ſchwarzen Kleidern, fie fingen bei 
dieſer graufen Erinnerung an Felicia's Tod an zu weinen 
und fonnten faum zu Worte fommen. Es wurden ihnen 
nun zwei Stühle gereicht, fie fegten fich zufammen nieder, 


158 KXIV, Matteo Bandello. 


und nach einigen Seufzern und tiefen Athemzügen er 
zählte Here Zimbreo vor allen Anmefenden bie Eläglide 
GSefchichte, welche den bittern und frühzeitigen Zod Fe 
nicia's, wie er meinte, veranlagt hatte; dann warf er 
fih mit Herrn Girondo auf die Kniee und bat ihre 
Eltern um Vergebung für diefes Verbrechen. Meſſer 
Lionato weinte vor Rührung und Freude, umarmte fie 
beide liebevoll, verzieh ihnen alle Schuld und dankte Gott, 
daß er die Unfchuld feiner Tochter and Licht gebradt 
babe. Nach mancherlei Gefprähen wandte ſich Herr 
Zimbreo zu Meffer Lonato und fagte zu ihm: Her 
Bater, da das Unglück meinen heißen Wunfch, euer 
Eidam zu werben, vereitelt bat, fo bitte und beſchwoöre 
ih euch, fo. dringend ich kann, über mid) und das 
Meinige zu verfügen, als wäre ich wirklich euer Schwie⸗ 
gerſohn geworden, denn ich werde euch ewig die Ehrer- 
bietung und den Gehorfam erzeigen, den ein liebevoller 
Sohn dem Vater fihuldig iſt. Wuürdigt mich eurer Be 
fehle und ihr werdet finden, daß meine Handlungen 
meinen orten entfprechen ; denn wahrlich, ich weiß in 
der Welt nichts, und wäre es auch noch fo ſchwer, das 
ich um euretwillen nicht thun wollte. 

Mit liebreichen Worten dankte der gute Alte dem 
Herrn Timbreo und ſagte endlich: Da ihr mir aus gutem 
Herzen ein ſo uneigennütziges Anerbieten macht und der 
Himmel mich eurer Verwandtſchaft nicht für würdig haͤlt, 
ſo wage ich es, eine Bitte an euch zu richten, die ihr 
mir leicht gewähren koͤnnt. Bei dem Edelmuthe, der 
euch befeelt, und bei aller ber Liebe, die ihr je zu Der 
armen Fenitia trugt, bitte ich euch nämlich, wenn ihr 
euch dereinſt vermählen wollt, mir es gefälligſt anzuzeigen, 
und wenn ich euch dann eine Gattin gebe, die euch an⸗ 
ſteht, ſie aus meinen Händen zu nehmen. 

Herr Zimbreo hielt dafür, daß ber bedauernswürdige 
Greis in Anfehung feines ſchweren Berluftes Hiermit 
doch nur eine äußerſt geringe Eutſchaͤdigung anfpreche, 


‘ 


! 


76. Biel Lärmen um nichts. 159 


reichte ihm die Hand und entgegnete, ihn auf ben Mund , 
füffend, Folgendes: Herr Vater, ihr verlangt fo gar wenig 
von mir, daß ich mich euch nur defto mehr verpflichtet 
fühle. Und um euch meine Dankbarkeit zu bethätigen, . 
will ih nicht nur nie ohne euer Vorwiffen eine Frau 
nehmen, fondern ſogar Feiner andern mich vermählen, 
als derjenigen die ihr mir empfehle und zuführt. Dies 
verfpreche ich euch Angefichts aller diefer edeln Herren. 
Herr Girondo brachte bei Meffer Lionato auch feine 
guten Worte an und ftellte fi unbedingt zu feiner Ver⸗ 
fügung. Hierauf gingen die beiden Ritter zu Tiſch, die 
Kunde ‚von dem Vorfall aber verbreitete fich alsbald dur 
Meſſina und es wurde jedermann Har, daß Fenicia un- 
verdientermafen mar bekuldige worden. An demfelben 
Tage noch wurde Fenicia von ihrem Vater durch einen 
ausdrücklich abgefandten Boten von allem Gefchehenen 
benachrichtigt. Sie war darüber im höchften Grade er- 
freue und. danfte Gott mit frommem Herzen für ihre 
wieder erlangte Ehre. Etwa feit einem Sabre befand 
ih jetzt Fenicia auf dem Landgute, wo man fie fo ge- 
heim gehalten hatte, daß niemand ahnen Fonnte, daß fie 
noch lebe. Inzwifchen hatte Herr Zimbreo in dem ver« 
trauteſten Verhältniß zu Meffer Lionate gelebt und diefer 
unterrichtete nun Fenicia von feinem Vorhaben ‚und bes - 
reitete in der Stille Alles vor, was zur Ausführung 
deffelben gehörte. Fenicia war unterdeffen über allen 
Glauben fchön geworden, fie hatte. eben ihr ſiebzehntes 
Jahr erreicht und war- fo groß geworben, daß fie nie 
mand mehr für Feniria erkannt hätte, um fo mehr, ale 
man dieſe ſchon todt glaubte. Ihre Schwefter, welche 
ihr Gefellfchaft Ieiftete, war jegt etwa funfzehn Sabre alt 
und hieß Belfiore; auch glich fie in der That der fchönften 
Blume und gab an Meizen ihrer Altern Schwefter wenig 
nach. Diefer Umftände verfah ſich Meſſer Lionato, der 
die beiden Jungfrauen haufig befuchte, und er beſchloß 
dann feinen Gedanken unverzüglich ins Werk zu richten. 


160 XXIV. Matteo Bandello. 


Ale er eine Tages mit den beiden Rittern zuſammen 
war, fagte er nämlich Tächelnd zu Herrn Timbreo: Es 
iſt jegt die Zeit gekommen, Herr, daß ich euch ber 
Verpflichtung, bie ihr gegen mich einzugehen bie Gem: 
genheit hattet, entledige. Ich bin der Meinung, euch zu 
eurer Gattin eine ſchöne und anmuthige Jungfrau aus 
gefunden zu haben, die euch meiner Anficht nach, wenn 
ihr fe gefehen habt, gewiß befriedigen wird. Und wenn 
ihr auch weniger Liebe für fie emepfändet, als einft für 
Senicia, fo Tann ich euch jedenfalld verfichern, daß fie 
nicht minder ſchön, edel und anmuthig ift, als dieſe. 
Sie ift mit andern weiblichen Gaben und anmuthigen 
Sitten Gott ſei Dank in Fülle verfehen and gefchmüdt. 
Ihr follt fie fehen und fodann immer noch ihretwegen 
thun und laſſen koͤnnen, was euch beliebt. Sonntag 
Morgen komme ich mit einer Begleitung aus meinen 
Verwandten und Freunden zu euch: Haltet euch mit 
Herrn Girondo bereit, denn wir müſſen auf ein etwa 
drei Meilen von Meſſina entferntes Landgut gehen. Dort 
hoͤren wir die Meſſe, dann befuchen wir das Mädchen, 
von dem ich euch geſagt habe, und wir fpeifen darauf 
miteinander zu Mittag. 

Herr Timbreo nahm die Einladung und die Berab- 
redung an und bereitete ſich am naͤchſten Sonntag in 
der Frühe mit Herrn Girondo, um über Land zu reiten. 
Und fiehe da kam Meſſer Lionato mit einer Schaar von 
Evelleuten, nachdem er auf dem Landgute bereits alles 
Nothwendige anfländig hatte rüften laſſen. Sobald Herr 
Timbreo von der Ankunft des Meffer Lionato benad)- 
richtige war, flieg er mit Herrn Girondo und feinen 
Dienern zu Pferd, und nachdem’ fie ſich gegenfeitig guten 
Morgen gefagt, verließen fie alle miteinander die Stadt. 
Unter mandherlei Gefprächen, mie dies bei "dergleichen 
Nitten zu gefchehen pflegt, kamen fie, ehe fie ſichs ver⸗ 
fahen, auf dem Landgute an und wurden ebrenvoll em- 
pfangen. SM hörten in einer dem Haufe nahe gelegenen 





76. Biel Särmen um nit. 161 


Kirche bie Meffe, und ais dieſe vorbei war, verfügten 
ſich alle in den Saal, der mit alexandriniſchen Teppichen 
und Tapeten anftändig geziert war. Als fie dafelbft ver- 
fammelt waren, fiehe da traten aus einem Zimmer viele 
Edelfrauen heraus, unter welchen Fenicia mit Belfiore, 
und Fenicia war recht eigentlich dem Monde zu ver- 
gleichen, wenn er in feinem vollften Schimmer am Stern- 
himmel aufgeht. Die beiden Herren nebft den andern 
Ehdelleuten empfingen fie mit ehrerbietiger Begrüßung, 
wie ftet6 jeder Edelmann gegen Frauen zu thun ver- 
pflichtet iſt. Meſſer Lionato nahm fobann den Herrn 
Zimbreo bei der Hand und führte ihn zu Fenicia, bie, 
feit man fie auf das Land gebracht hatte, immer Lucilla 
genannt worden war. 

Seht, Herr Ritter, ſagte er, dies iſt das Fraͤulein 
Lucilla, die ich euch zur Gattin auserkohren; wenn ſie 
euch gefällt, und wenn ihr meiner Anſicht beipflichtet, 
ſo iſt ſie eure Verlobte. 

Herrn Timbreo hatte die in der That ſehr ſchöne 
Jungfrau gleich auf den erſten Blick ausnehmend wohl 
gefallen. Er hatte ſchon bei ſich beſchloſſen, Meſſer Lio⸗ 
nato zu folgen, und ſprach daher nach kurzem Bedenken: 
Herr Vater, ich nehme nicht nur dieſe an, die ihr mir 
zuführt und die mir eine wahrhaft koönigliche Jungfrau 
fheint, fondern ich Hätte auc, jede andere, die mir von 
euch gezeigt worden wäre,. angenommen. Und damit ihr 
feht, wie fehr ich, verlange, euch zu befriedigen, und er⸗ 
fennet, daß mein euch gegebenes Verſprechen ernfllich war, 
nehme ich diefe und Feine andere zu meiner rechtmäßigen 
Sattin, wofern ihr Wille mit dem meinigen überein- 
fiimmt. 

Darauf verfegte die Jungfrau und ſprach: Herr 
Ritter, ich bin bier bereit, Alles zu thun, was Deffer 
Lionato mir befiehlt. 

Und ich, ſchönes Mädchen, fügte Meſſer Lionato bei, 
ermahne euch, den Deren Timbreo zum Gatten zu nehmen. 


162 XXIV. Matteo Bandello. 


Um die Sache num nicht weiter zu verzögern, wurde 
einem anweſenden Doctor ein Wink gegeben, daß er die 
gewöhnlichen Worte fpeehen folle nad dem Gebrauch 
ber heiligen Kirche. Der Herr Doctor that dies in befker 
Art und Herr Zimbreo vermählte fi auf der Stelle 
mit feiner Fenicia, in der Meinung, eine Lucilla zu hei⸗ 
rathen. Gleich zuerft, als Herr Timbreo das Mädchen 
aus dem Zimmer treten ſah, hatte er in feinem Herzen 
ein leifes Beben empfunden, weil es ihm bedünken wollte, 
in ihren Gefichtszügen eine gewiſſe Ähnlichkeit ‚mit feine 
Fenicia wahrzunehmen. Er fonnte fih nun nicht fatt 
an ihr ſehen und fühlte bereits, wie fich alle feine alte 
Liebe zu Fenicia nun auf diefe Jungfrau übertrug. 
Unmittelbar nad der Vermählung wurde Handwaſſer 
herumgereicht, oben an den Tiſch fegte man die Braut, 
ihr zur Rechten an ber Seite kam Herr Zimibreo, ihm 
‚gegenüber Belfiore, auf melche fodann der Ritter Gironde 
folgte, und auf diefe Weife ging es in bunter Reik 
abwärts. Es kamen ?öftliche und aufs ſchönſte geordnete 
Speifen, das ganze Gaſtmahl war prachtvoll und ruhig 
und aufs beſte bedient. Geſpräche, Scherze und taufend 


‚. andere Unterhaltungen fehlten nicht. Als nun zuletzt die 


Srüchte, welche die Jahreszeit bot, herumgereicht wurden, 
und Fenicia's Tante, die faft das ganze Jahr über auf 
dem Lande bei ihr gewefen war und bei Herrn Timbreo 
am Effen faß, fab, dab das Gaſtmahl zu Ende ging, 
fragte fie ſcherzend ihren Nachbar, als hätte fie nie etwas 
von den früheren Borfällen vernommen: Herr Bräutigam, 
feid be nie vermäblt geweien? 

Auf diefe Frage aus dem Munde einer folchen Frau 
füllten fi) feine Augen mit Thränen, welche herabfielen, 
ehe er noch antworten konnte. Deſſenungeachtet über: 
wand er bie Weichheit ſeiner Natur und ſagte: Frau 
Tante, eure gütige Frage erinnert mich an einen Gegen⸗ 
ſtand, der mir ſtets im Herzen lebt und um deſſen willen 
ich bald meine Tage zu beſchließen glaube. Denn wiewol 


- 76. Biel Laͤrmen um nichts. 163 


ih mit Frau Lucilla völlig zufrieden bin, fo empfinde ich 
doch um einer andern willen, die ich liebte und noch jetzt 
nah ihrem Tode mehr als mic, felber liebe, einen un- 
unterbrochenen und fo ſchmerzlichen Herzenskummer ‚ daß 
ih fühle, wie er allmalig den Baden meines Lebens zer- 
nagt, da ich höchſt pflichtwidrig Veranlaffung zu ihrem 
bittern Zode geworden bin. 

Herr Girondo wollte ihm in die Rede fallen, er 
wurde jedod) lange Zeit von Schluchzen und einen reichlich 
hervosflürzenden Thränenſtrom verhindert. Am Ende fagte 
er mit halb erftickter Stimme: Ich, mein Herr, ich bin 
der firafbare Urheber und Vollſtrecker des Todes der- 
unglüclichen Sungfrau, deren feltene orzüge fie eines 
längeren Lebens fo würdig machten; ihr habt nicht die 
mindefte Schuld daran. 

Über digfe Reden begannen auch ber Braut die Augen 
fi) mit einem Thränenregen zu füllen im Andenken an 
ihr vergangenes bitteres Leiden. Die Tante der Braut 
fuhr dann fort und richtete folgende Frage an den Neffen: 
Ad, Herr Ritter, feid doch fo gut, da das Geſchehene 
nun nicht zu ändern iſt, erzählt mir doch das Ereigniß, 
das euch und dieſen andern ehrenwerthen Herrn noch 
gegenwärtig in ſolche Rührung und Thränen verſenkt. 

Wehe mir, antwortete Herr Timbreo, ihr verlangt, 
Frau Tante, daß ich den verzweifeltſten und grauſeſten 
Schmerz erneuere, den ich noch je erlitten, und der mir 
ſchen, wenn ich im Entfernteſten daran denke, alle Kraft 
und alles Bewußtſein entzieht. Indeſſen will ich, euch zu 
Gefallen ‚ euch meinen ewigen Schmerz und die Schande 
meiner Leichtgläubigfeit ausführlich erzählen. 

Er bub nun an von Anfang bis zu Ende nicht ohne 
die heißeften Thränen und mit der innigften Theilnahme 
und Dermunderung der Zuhörer die betrübte Gefchichte 
vorzutragen. Als er geendet hatte, ſprach die Matrone 
zu ihm: Ihr erzählt mir da eine wunderſame furchtbare 
Geſchichte, Herr Ritter, dergleichen mol noch nie auf 


164 XXIV. Matteo Bandello. 


Erden vorgelommen. Aber ſagt mir, fo wahr Gott euch 
helfe, wenn ich euch, bevor ihr euch diefem Fräulein 
verlobtet, eure erfte Geliebte wieder hätte aufermede 
tönnen, mas würdet ihr gethan haben, um fie wieder 
ins Leben zu befommen. 

Herr Timbreo erwiderte unter Thränen: Ich ſchwoͤre 
bei Gott, gnädige Frau; ich bin fehr zufrieden mit meine 
jegigen Gemahlin und hoffe es in kurzem noch mehr zu 
werden; aber hätte ich vorher die Geftorbene wieder kaufen 
fönnen, fo hätte ich die Hälfte meines Lebens hingegeben, 
um fie wieder zu befommen, außer all dem Geld, das 
ich während deffelben ausgegeben haben würde; Denn id 
liebte fie fo aufrichtig, al nur ein Mann eine Frau 
lieben Tann, und wenn ich taufend und aber taufend Jahre 
dauerte, werde ich fie, tobt wie fie ift, immer lieben 
und aus Liebe zu ihr alle ihre Verwandten ſtets lieb und 
werth halten. 

Hier vermochte nun Fenicia's getröſteter Vater nicht 
länger die Freude ſeines Herzens zurückzuhalten und er 
ſagte, zu feinem Eidam gewandt, vor überſtrömender 
Wonne und NRührung weinend: Mein Sohn und Eidam, 
denn fo darf ich euch nennen, eure Werke vollbringen 
nicht, was eure Worte befagen; denn ihr habt euch mit 
eurer fo innig geliebten Fenicia vermählt, habt den ganzen | 
Morgen an ihrer Seite zugebracht und kennt fie noch nicht? 
Wohin hat fich eure inbrünftige Xiebe verirret Hat fid 
ihre Geftalt, haben fich ihre Züge fo fehr verändert, daß 
ihr fie nicht wieder erfannt habt und fie doch neben euch | 
figt? 

Auf diefe Worte erfchloffen ſich allmalig die Augen 
des verliebten Ritters und er warf fich feiner Benicia an 
den Hals, küßte fie taufend mal, und konnte in feinem 
grenzenlofen Entzüden nit aufhören, fie unverwandt zu 
betrachten. Dabei weinte er fortwährend voll Rührung 
und Tonnte fein Wort hervorbringen, nannte fig aber 
felbft in ſich blind. Meffer Lionato erzählte ihm bem- 





4 
76. Biel Laͤrmen um nichts. 365 


nächft, wie ſich Alles zugetragen, und alle waren äußerſt 
verwundert und fehr heiter beifammen. Herr Girondo 
fprang jegt von der Tafel auf, warf fich heftig meinend 
Fenicia zu Füßen und bat fie demüthigft um Verzeihung. 
Diefe hub ihn fogleih freundlich) auf und verzieh ihm 
mit Tiebreichen Worten die erlittenen Unbilden. Darauf 
wandte fie fich zu ihrem Gatten, der fich felbft bei der 
Sache für fchuldig erklärte, und bat ihn mit den zärt⸗ 
lihften Worten, nie wieder in diefem Sinne zu fprechen, 
denn er brauche nicht für eine Schuld um Verzeihung 
zu bitten, die er nicht begangen habe. Dann küßten fie 
ſich und tranten, vor Freude weinend, ihre heißen Thränen 
im Übermaß bes Entzüdens und der Wonne. Während 
fih nun alle der angenehmften Freude hingaben und zu 
Zänzen und Zeftlichkeit anſchickten, nahte fich der Ritter 
Girondo dem Meffer Lionato, welcher fo vergnügt war, 
daß er den Himmel mit dem Finger zu berühren wähnte, 
und bat ihn, ihm eine ſehr große Gnade erzeigen zu 
wollen, wodurch er ihn unendlich glücklich machen werde. 
Meſſer Lionato antwortete ihm, er moͤge nur fordern, 
denn wenn es in feiner Macht ſtehe, feine Bitte zu ge⸗ 
wahren, fo werde er fie gern und freudig erfüllen. 

So verlange ich denn, fuhr Herr Girondo fort, euch, 
Herr Lionato, zum Vater und Schwäher, Frau Fenicia 
und Herrn Timbreo zu Gefchwiftern und Fräulein Bel: 
fiore bier zu meiner rechtmäßigen und geliebten Gattin. 

Der gute Vater fühlte fein Herz von neuer Freude 
überwältigt. Wie von Sinnen über ein fo großes un- 
verhofftes Glück wußte er nicht, ob er träume oder ob 
ed Wahrheit fei, was er fah und hörte. ‚Als er endlich 
doch erkennen mußte, daß er nicht fchlief, dankte er Gott 
von Herzen für fo vielen unverdienten Segen und ant- 
wortete, zu Herrn Girondo gewandt, dieſem freundlich, 
er fei mit Allem zufrieden, was in feinem Belieben ftehe. 
Da es nun fo weit war, rief er Belfiore zu fich und 
fagte: Du fichfi, meine Tochter, mie es geht: dieſer 


166 XXIV. Matteo Bande. , 


Here Ritter bewirbt fi um beine Hand. Willſt du 
ihn zum Gatten haben, fo bin ich es zufrieden; du haft 
alle möglihen Grunde, ed auch zu fein; alfo fage mit 
beine Meinung frei heraus! 

Das fchöne Mädchen antwortete ihrem Water mit 
leifer bebender Stimme voll Schaam, daß ſie bereit ſei 
zu thun, was er verlange. Und fo ſteckte Herr Girondo, 
um die Sache nicht weiter zu verzögern, mit Einwilligung 
aller Verwandten unter den gewöhnlichen und geziemenden 
Äußerungen des Anftandes der fehönen Belfiore den Ring 
an, worüber Meſſer Lionato und alle die Seinigen äußerſt 
vergnügt waren. Und weil Herr Timbreo feine theure 
Fenicia unter dem Namen Lucilla geheirathet hatte, ver 
mählte er ſich nunmehr von neuem feierlich, mit ihr unter 
dem Namen Fenicia. So ging der ganze‘ Tag unter 
Tänzen und Vergnügungen bin. Die fehöne liebens- 
würdige Fenicia war in den feinften Damaſt gekleidet, 
weiß wie der reinfte Schnee. Das Gebände, welche 
ihr Haupt ſchmückte, ließ ihr wunderbar, reizend. Sie 
war für ihre Jahre ziemlich groß von Wuchs und prangte 
in genügender Fuͤlle der Glieder; doch konnte ſie bei ihrer 
Jugend noch zu wachſen hoffen. Unter der verrätheri- 
fhen Hülle der feinften und ebelften Seibe zeigte ſich 
etwas erhaben der Bufen , zwei runden Apfeln gleich 
vordringend, eine Bruſt in reizender Entfernung von der 
andern. Wer die bolde Farbe ihres Angefichts fah, der 
erbiickte eine reine, liebliche Weiße, von füßer jungfräu- 
licher Schaam übergoffen, welche nicht die Kunft, fonbern 
die Meifterin Natur, dem Wechſel der Geberben und der 
Umftände gemäß, in glühenden Purpur tauchte. Die 
ſchwellende Bruft glich an Weiße und Frifche dem leben- 
digften weißen Alabafter, der runde Hals glänzte wie 
Schne. Wer den. holden Mund, wenn er die füßen 
Worte bildete, fich öffnen und fchließen fah, der konnte 
zuverfichtlich fagen, er habe ein unfchägbares Kleinod ſich 
öffnen fehen, umfhloffen von den feinften Rubinen und 


76. Biel Laͤrmen um nichts. 167 


voll der reichſten und fchönften Perlen, wie fie nur fe 
da8 gewürzreiche Morgenland uns gefandt. Sah er aber 
diefe [hönen Augen, biefe funkelnden Sterne, diefe bligen- 
den Sonnen, die fie fo meifterlih hin⸗ und herftrahlen 
ließ, fo Eonute man wol beſchwören, daß in diefen rei- 
senden Flammen die Liebe wohne und in diefem heller 
Glanz ihre ſcharfen Pfeile wege. Und wie lieblich flat 
terten die Fraufen loſen Locken umher, melde, die reine 
freie Stien umfpielend, gefponnener Seide und- glänzen- 
dem Golde gleich, fich bei dem leifeften Hauch eines 
Lüftchens koſend umherfhaufelten. Ihre Arme waren 
jo ebenmäßig, ihre beiden Hände fo zierlich gebildet, daß 
der Neid felbft daran nichts hätte ändern können. Uber- 
haupt ihre ganze Geftalt war fo anmuthsvoll und lebendig, 
jo liebenswürbig von der Ratur gebildet, daß ihr. gar 
nichts fehlte. Sodann bewegte fie fich fo leicht und heiter, 
je nah den Umfländen, mit dem ganzen Körper oder 
theilmeife, daß jede ihrer Handlungen, jeder Wink, jede 
Bewegung voll unendliher Anmuth war und es ſchien, 
fie dringe mit offener Gewalt in die Herzen ber Be- 
[bauer ein. Mer fie daher Fenicia nannte, der entfernte 
fih nicht von der Wahrheit, denn fie war in der. That 
ein Phönie, der alle andere Jungfrauen unendlich weit. 
an Schönheit übertraf. Und nicht weniger fehön war 
das Anfehen Belfiorens; nur hatte fie als ein jüngeres 
Kind noch nicht die Hoheit, den mächtigen Reiz in ihren 
Geberden und Bewegungen. Der ganze Tag alfo wurde 
in feftlicher Freude Hingebracht und die beiden Bräutigame 
Ihienen fih) an dem Anblick und der Unterhaltung mit 
ihren Frauen nicht erfättigen zu können. Herr Timbreo 
befonders fehmwelgte in Seligkeit und Entzüden und wollte 
fi faft felber nicht glauben, daß er wirklich da -fei, wo 
er ſich befand, denn immer fürchtete er nur zu träumen, 
oder alles fei. ein holder Sinnentrug, den die KHunft eines 
Zauberer6 ihm vorfpiegele. Am folgenden Tage ſchickten 
fie füh an, nah Meffina zurüdzufehren und dort die 


168 XXIV. Matteo Bandello. 


Hochzeit mit jener Feierlichkeit zu begehen, bie ſich für 
den Rang der beiden Nikter geziemte. Die beiden Che 
männer hatten jchon dur einen Eilboten einen ihre 
Freunde, ber dad Vertrauen bed Königs befaß, von ihren 
Schickſalen unterrichtet und ihm aufgetragen, mas fie 
wünfcten, daB er für fie thun möchte. Daher ging 
diefer. noch deffelben Tages zu König Pedro, ihm im 
Namen der beiden Ritter aufzumarten, und erzählte ihm 
die ganze Geſchichte ihrer Liebe und mas fih von Anfang 
"bis zu Ende mit ihnen begeben habe. Der König be 
wies hierüber eine nicht geringe Freude. Er ließ bie 
Königin herbeirufen und befahl dem Vermittler, noch 
einmal in ihrer Gegenwart die ganze Gefchichte zu er— 
zählen. Dies that er denn auch gemwiffenhaft und zur 
größten Genugthuung und nicht geringen Verwunderung 


der Königin, melde, da fie von Fenicia's kläglichen 


Schickſale vernahm, aus Mitleid für das Mädchen zu 
Thränen gerührt wurde. Da nun ber König Pedro 
‚freifinniger herrfchte, als irgend ein Fürſt feiner Zeit, 
und beffer als andere das Verdienſt zu belohnen wußte, 
und da auch die Königin böflih und freundlicdy mar, 
eröffnete ihr der König feine Gefinnung und was er zu 
tbun Willens war. Als die Königin einen fo großmi- 
thigen Vorſatz hörte, rühmte fie fehr die Anfiche und 
den Willen ihres Herrn und Gemahls. Er ließ babe 
in allee Eile feſtliche Zubereitungen am Hofe treffen, 
den ganzen Adel von Meflina, Herren und Frauen, 


einladen, und verordnete, daß die vornebmften Baronı 


des: Hofes mit zahllofer Begleitung anderer Ritter und 
Edeln, unter Führung und Leitung des Infanten Don 
Giacomo. Dongiavo feines Erfigeborenen ſtracks den neu 
vermählten Schweftern vor Meſſina hinaus entgegenritten. 
Diefer fein Beſchluß wurde in fehönfter Ordnung auf 


‚geführt, fie ritten zur Stadt hinaus und waren noch 


nicht eine Meile weit gekommen, als fie den beiden 
Bräuten begesgneten, Die mit ihren Gatten und vielen 
\ 











76. Biel Lärmen um nichts. | 169 


andern Perfonen in frohem Zuge auf Meſſina zufamen. 
As fie zu einander kamen, hieß der Infant Don Gia- 
como die Ritter wieder aufligen, welche abgeftiegen waren, 
um ihm ihre Ehrerbietung zu bezeugen, und beglüd- 
wünfchte fie und die fchönen-Schweftern im Namen feines 
Vaters höflich) wegen ihrer Bermählung; er felbft aber 
wide von allen mit der größten Ehrerbietung empfangen. . 
Auch alle Hofbeamte und andere Theilnehmer an dem 
Zuge, der aus Meſſina gefommen war, empfingen die 
beiden Ehepaare nicht minder zuvorfommend und höflich. 

Die beiden Ritter mit ihren Frauen andererfeits danften 
auf das Schmeichelhaftefte, und vor Allem fagten fie 
dem Infanten Don Giacomo ben verbindlichften Dant 
für die ihnen erwiefene Ehre. Hierauf fegte ſich Die 
ganze Gefellfchaft gegen die Stadt in Bewegung unter 
fröhlichen Gefprächen und Scherzen, wie e8 bei dergleichen 
Luſtbarkeiten herzugehen pflegt. Don Giacomo unterhielt 
ſich ſehr lange und freundlich bald mit Frau Fenicia, 
bald mit Frau Belfiore. Der König, welcher mehrmals 
durch Boten von dem Vorrücken bes Zuges unterrichtet 
war, fieg, als ed ihm Zeit fehien, mit der Königin und 
einer anſehnlichen Gefellfchaft von Rittern und Edelfrauen 
zu Pferde und begegnete am Eingang der Stadt dem 
fhönen eben anlangenden Zuge. Alle ſtiegen ſogleich ab, 

um den König und die Königin zu begrüßen, wofür ſie 
von dieſem gnädig empfangen wurden. Der König ließ 
alsdann alle wieder aufſitzen und nahm ſeinen Platz 
zwiſchen Meſſer Lionato und Herrn Timbreo ein, wäh⸗ 
rend die Königin die ſchöne Fenicia an ihre rechte und 
Belfiore an die linke Seite nahm. Der Infant Don 
Giacomo Tief fich von Herrn Girondo begleiten. Ebenſo 
ftellten fi) die übrigen Herren und Frauen vom Adel, 
alle gingen paarmeife in der fehönften Ordnung und be 
wegten fich fo, nach des Königs Willen, gegen den Eönig- 
lichen Palaſt. Dafelbft wurde ein prächtige Mittags 
mahl eingenommen, zu deffen Schlug auf Fa des 

Staliänifger Novellenſchat. II]. 


170 XXIV. Matteo Banbello. 


Königs in Gegenwart der ganzen Tifchgefellichaft Herr 
Timbreo die ganze Geſchichte feiner Liebe erzählte. Als 
dies vorbei war, fing man an zu tanzen, und Die ganze 
Woche über hielt der König offenen Hof und befahl, 
dag alle in diefen Tagen im königlichen Palaſte ſpeiſen 
follten. Als die Feſte zu Ende waren, rief ber König 
Meſſer Lionato zu fich und fragte ihn, welche Ausftene 
er feinen Töchtern zugedacht und mie er ſie ihnen au% 
folgen wolle. Meſſer Kionato antwortete dem König, 
über die Ausfteuer ſei noch gar nicht geſprochen worden, 
er werde ihnen aber eine feinen Kräften angemeſſene 
anftändige Mitgift zulommen laffen. Der König fagte 
darauf: Wir wollen euren Töchtern felbft eine Ausfteue 
geben, wie fie ihnen und meinen Rittern ‚angemeffen it, 
und wollen nicht, daß ihre ferner irgend für fie zu forgen 
habt. 

Und alfo ließ der großherzige König, der deshalb 
nicht allein von allen Sicilianern, fondern von jebermann, 
der es hörte, höchlich gepriefen wurde, die beiden neuver⸗ 
mählten Paare zu fich kommen, forderte fie auf, feierlich 
ihren Anfprüchen an das. Vermögen des Meffer Lionato 
zu entfagen, und fügte ſogleich ben töniglichen Befehl 
— welcher dieſe Verzichtleiſtung beftätigte. Unver- 

zugis darauf ſtattete er ſie, nicht wie Bürgerstoͤchter, 
ſondern wie ſeine eigenen, auf das Ehrenvollſte aus und 
erhöhte den Jahrsgehalt, den die beiden Ritter von ihm 
bezogen. Die Koͤnigin, nicht minder aufwandliebend, 
großmüthig und freigebig, als der König, ernannte beide 
Frauen zu ihren Hofdamen, warf ihnen von ihren eigenen 
Einkünften einen anfehnlichen jährlichen Gehalt aus und _ 
hielt fie immer lieb und werth. Sie, die in der That | 
äußerft liebenswürdig waren, wußten bald durch ihre Be 
nehmen bie Hochſchätzung aller Hofbeamten zu erwerben. 
Auch dem Meffer Lionato gab der König ein ehrenvolles 
Amt in Meffina, das ihm Leine geringen Einkünfte bradıte. 
Weil er aber ſchon bei Jahren war, fo brachte er es dahin, 











. 16. Biel Lärmen um nichts. 171 


daß der König einen feiner Söhne darin beftätigte. So 
alfo erging es dem Herrn Timbreo mit ſeiner redlichen 
Liebe. Das Böſe, das ihm Herr Girondo hatte zufügen 
wollen, ſchlug zum Guten aus und beide genoſſen noch 
lange ihrer Frauen und lebten in Glück und Frieden. 
Noch oft durften ſie ſich mit Vergnügen der Leiden erin⸗ 
nern, welche die ſchoͤne Fenicia überſtanden hatte. Dieſer 
Herr. Timbreo war der Stammvater des hochedeln Ge⸗ 
ſchlechts und Hauſes Cardona, welches noch heute in 
Sicilien und Neapel viele geachtete Männer zähle. Auch 
in Spanien blüht biefes hochedle Blut der Cardona unb 
bringe Männer hervor, die vom Abel ihrer Ahnen nicht 
ausarten, weder in den Waffen noch in der Toga. Aber 
was fage ich von den zwei hochebeln Brüdern Don Pietro 
und Don Giovanni von Cardona, wahrhaft mannhaften 
und erlauchten Herren und Kriegen? Ich fehe bier 
einige unter euch, die ben Herrn Don Pietro Grafen 
von Eolifano Großconneftabel und Admiral von Sicilien 
gefannt haben, welchen der Herr Profpero Colonna, ber _ 
unvergleihlihe Mann, fo fehr geehrt und ſich feines 
mweifen Rathed bedient hat. Und in der That war ber 
Graf von Eolifano ein” ganz aufßerordentlicher Mann. 
Er ftarb in einem Gefecht bei Bicocca zum allgemeinen 
Schmerz der ganzen Lombardei. Aber Don Giovanni 
fein Bruder, Markgraf von la Palude, kam ziemlich 
unter Ravenna in ber Schlacht zwifchen den Franzoſen 
und Spaniern, wo er fi) mannhaft gehalten, ums Leben. 
So bin ich indeß unverfehens . vom n Erzähler zum Lob» 
redner geworden. 


8* 


172 XXIV. Matteo Bandello. 


77. Die einäugige Amme. 
(1, 23.) 


Man hat meines Bedünkens mit Recht bie Be- 
muthung geäußert, daß Römer und Gothen bie erften 
waren, welche biefe unfere Vaterſtadt erbaut haben, die 
fodann von den Longobarden erweitert wurde zur Zeit, 
da der longobarbifche König Luitprant den Leib des hei- 
- Ligen Auguftin zur-See von der Infel Sardinien nad 
Genua und von Genua nach Pavia bringen ließ. Uber 
die Erbauung gibt Sanct Caſſiodorus Zeugniß und von 
der Ermeiterung fieht man neben den uralten Schriften, 
die ich in der Hand des Enrico Bandello fah, die alles 
aufs Genaueſte erzählen ‚auch noch Spuren der alten 
Gräben und einiger Brüden. Derfelbe Enrico zeigte 
mir auch die authentifche Vollmachtsurkunde Kaifer Otto's 
des erften, mo er, als er zu Pavia war, Aluida zur 
Frau nahm, die in erfier Ehe den König Lothar von 
Italien zum Manne gehabt hatte. In diefem Privile⸗ 
gium fieht man, mie Otto der bandellifchen Familie aufer 
den ſechs Streifen ihres Wappens den Adler fchentte 
und fie außerdem zu Herren der Ortfchaft Sale umd 
Caſella machte, welche Herrfchaft fie friedlich behaupteten, 
bis die Bürgerkriege kamen zwifhen ben Vesconti und 
denen von la Torre. Und da eine Madonna Agnefe 
Bandella an Meffer Bernardo von la Zorre verbeirathet 
war, folgten nunmehr die Bandelli der Partei der Zur- 
rianer; dieſe Zurrianer wurden von den PVesconti aus 
dem Gebiete der Lombardei verjagt und fo kamen aud) 
die Bandeli um die Herrfchaft ihrer Grundbefigungen, 
die fie nie wieder erlangten. Vor kurzem führte mid 
Bruder Girolamo Beladuccio vom minderen Orden, 
Magifter der heiligen Gottesgelahrtheit, als ich in San 
Francedco war, in den Kloftergarten und dann in feine 
Zelle. Dort ließ er mich, da er die Schlüffel zu den 








TT. Die einäugige Amme. 173 


Klofterarchiven hatte, eine auf Pergament gefchriebene 
Urkunde fehen, die in demſelben Jahre, wo Sanct Franz 
canonifirt worden, ausgeftellt war, und worin gefagt ift, 
daß fieben edle Bandelli, die dafelbft namentlich aufge: 
führt find, ald domini und condomini von Gaftelnuovo, 
Sale und Caſella aus voller Gewalt und Machtvoll⸗ 
fommenheit dem Bruder Ruffino, dem ehemaligen Ge 
noffen des Sanct Franz, das ganze Grundftüd ſchenken, 
worauf heutige Tages die Kirche und das Klofter diefer 
minderen Brüder fteht, und auferbem fchenkten fie ihm 
achttaufend Pfund Kaifergeld zum Aufbau des Kloſters. 
Es war mir fehr lieb, diefe alten Urkunden zu fehen 
und ich habe bereits darüber mit Enrico Bandello ge- 
fprochen und ihm angegeben, wie er es anzufangen habe, 
um bie befagte Urkunde wieder zu erlangen. Soviel wollte 
ih euch, fagen in Bezug auf die Verhandlungen, welche 
über das Alter diefes Orts zwifchen euch und den Fa⸗ 
milien deffelben Statt gefunden haben, mit der Abficht, 
euch eine Liebeögefchichte zu erzählen, die in dieſer umferer 
Heimat ‚zur Zeit der Erbauung des Orts fih zugetragen; - 
denn mir fcheint, diefe Stunde des Tages muß mit hei 
teren Geſprächen bingebracht werben, nicht mit Dispu- 
tationen. Ich fand diefe Gefchichte auch aufgezeichnet 
in einer fehr alten Handfchrift, welche Mancherlei über 
die Alterthümer unferer Gegend enthielt; das Buch ge- 
hörte dem vortrefflihen uns allen wohl bekannten Doctor 
der Rechte Herrn Gafparo Graffo. Alfo im Anfang der 
Gründung unferes Drtes, da die herumliegenden Felder 
noch an ausgediente Soldaten vertheilt waren, welche 
theil8 von den Römern, theild von den Oſtgothen ſich 
allda befanden, war unter andern von gothiſchem Stamme 
daſelbſt ein ſehr geachteter und tapferer Mann Namens 
Velamiro. Er hatte lange unter Theodorich gedient, ſich 

immer gut gehalten und verdiente, bei der Länberver- 
theilung den andern vorgezogen su werden, fobaß er ſehr 
reich geworden war. Bei feinem Tode hinterließ er fein 


174 XXIV. Matteo Bandello. 


ganzes Vermögen feinem einzigen Sohne, welcher Ban- 
delchil hieß und von welchem die Familie der Bandelli 
abftammt. Der junge Banbelchil war einer der ebdelften 
Männer feines Volkes. Bein Vater hatte ihm außer 
dem Grundbefig viel Geld und große Beute hinterlaffen, 
die .er in ganz Italien erworben hatte; er war in feinen 
Ausgaben nit karg und verforgte die armen Gothen 
fehr oft mit dem Nöthigen. Dan liebte und ehrte ihn 
deswegen fehr und fah ihn gleichſam als das Haupt feines 
Boltes an. Eines Tages erblicdte er ein junges Mädchen 
von funfzehn bis fechözehn Jahren, welche über die Maßen 
fhön war. Sie gefiel ihm fo wohl und er verliebte ſich 
fo ſehr in fie, daß er fein Auge gar nicht mehr von ihr 
wegwenden konnte; unvermerft wurde er fo übermannt 
von der Freude ihres Anblicks, er fühlte ſich fo gefangen 
von ihren Reizen, daß er feinen Sinn gar nicht anderd- 
wohin wenden konnte. Sie waren in einer Kirche, als 
ee fie zum erftenmal fah. Sobald das fchöne Kind weg 
war, blieb Bandeldhil voll mannichfaltiger Gedanken zurüd, 
benn er hatte zuvor nie die ſüßen Gefühle der Liebe em- 
pfunden. Als er nachher zu Haufe und allein in feiner 
Kammer war, dachte er wieder an die Reize des Mädchens, 
Das er gejehen, und die er mehr für göttlich, als für 
menſchlich Hielt; und er fühlte fich fo überfiromt von 
unendlicher Luft, wenn er ihrer gedachte, daß gar Fein 
anderer Gedanke mehr in feiner Seele Raum hatte. 
Die Stunde des Mittageffend war längft vergangen und 
als die Leute des Haufes fahen, daß ihr Herr feine 
Schlafkammer nicht verließ, waren fie ungewiß, was fie 
thun follten. Einer von ihnen ging aber endlich hinein 
und Tief ihn wiffen, bie Stunde des Mittags fei vorbei 
und das Effen gehe zu Grunde. Bandelchil ging Heraus, 
wuſch feine Hände und fegte fi zu Tiſch. Aber mie? 
Er war fo vertieft in feine verliebten Gedanken, daß er 
nichts oder nur wenig af. Es war fonft feine Gewohnheit, 
während bes Mittag- und Nachteffens ſich der Froͤhlichkeit 





71. Die einäugige Amme. 175 


zu überlaffen und bie ganze Geſellſchaft zu unterhalten. 
Bon. nun an aber fprach er fein Wort mebr, nahm nur 
einige Biſſen zu fih, fand von ber Tafel auf und ging 

in feine Sammer zurüd, indem das Bild des gefehenen 
Mädchens ihm immer vor den Augen der Seele ſchwebte. 
Seine Hausleute waren voll Vermunderung, eine fo un⸗ 
gewöhnliche Lebensart an ihm zu fehen, und konnten ftch 
nicht anders denken, al& er müffe Trank fein. Boch wagte 
es Feiner ihn zu fragen, was er habe oder mas ihm fehle. _ 
Er ging an dem erften Tage gar nicht aus dem Zimmer 
und machte es beim Abendeffen wie am Mittage. Die 
folgende Nacht, in welcher er gar nicht ſchlafen konnte, 
fondern immer mit Sinn und Gedanken beichäftigt war, 
das fchöne Kind zu beſchauen, ſprach er bei ſich ſelbſt: 
Wie kommt es nur, daß ich in die Schönheit des Mäd⸗ 
chens verjentt bin, welches ich heute früh in der Kirche 
ſah, ſodaß ich auf nichts anderes mehr meinen Sinn 
wenden kann? Sch weiß nicht, wer das Maͤdchen if, 
ob edel oder nicht, ob Gothin oder Römerin. Doch was 
fpreche ich Thörichter® Darf ich je daran sweifeit, , daß 
fie Die edelſte iſt? O gewiß fie kann nur von den ebelften 
Eltern geboren fein. Wie koͤnnte ber Schöpfer fo viel 
Schönheit, fo wunderbare Gaben in ein niedriges Wefen 
gelegt Haben? Und wenn fie auch von unedeln "Eltern 
ftamımte, wenn Gott fie fo geabelt und mit fo vielen 
Tugenden ausgeftattet hat, mer bürfte ſich erkühnen, ſie 
unedel zu nennen? Wenn ſie eine Römerin iſt und 
aus römifhen Blute ſtammt, fo iſt dies genug, um ihr 
den böchften Adel zu verleihen; ift fie aber gotbifcher 
Abkunft, fo Tann fie nur Tochter eined Soldaten fe, 
und ba$ Kriegsweſen adelt jeden, der den Waffen folgt 
und ſie rühmlich trägt; ich darf alſo keine Schande fürchten, 
wenn ich ſie liebe. 

So dachte ber verliebte und aufgeregte Jungling bei 
ſich, denn bei den Gothen war es anerkannte Sitte, daß 
kein Adeliger ſich mit einer nicht Adeligen vermählen durfte; 


176 XXIV. Matteo Bandello. 


ja e8 wurde für eine große Schmach angefehen, wenn 
ein aus adeligem Stamme Entfproffener überhaupt fih 
mit einer Perfon von niedriger Abkunft‘ fleifchlich zu 
thun machte. Der gequälte junge Mann brachte alfo 
die ganze Nacht in langem mannicfaltigem Nad: 
denken zu, und jemehr er fann, um fo mehr fühlte 
er ſich in Liebe für das Mädchen, das .er gefehen 
hatte, entbrennen. Als der Tag anbrah, wünfchte er 
zu erfahren, wer ihre Water fei, und das Glück be 
günftigte feine Wünſche. Denn als er eben auf dem 
Felde Iuftwandelte, fah er feine Geliebte am Fenfter 
in der Straße der Zavernellen; kaum aber hatte er 
fie erblickt, als fie fei es zufällig ober aus welchem 
Grunde immer fi zurückzog. Er kannte das Maͤd— 
chen fogleih, fragte, wem bas Haus gehöre, und e- 
fuhr, der Beſitzer fei ein Gothe und heiße Cliſterdo, 
das Mädchen aber heiße Aloinda. Es gefiel dem Jüng⸗ 
ling fehr, zu erfahren, daß fie edelgeboren fei und ihr 
Bater in großer Achtung ftehe und fich derzeit bei 
Theodor in Ravenna befinde. Er fing nun an, Häufig 
durch die Straße zu gehen, und wenn er fie an der Thüre 
oder an den Fenftern fah, fo zeugten feine Augen von 
der hohen Blut, in welcher er für fie entbrannt war. 
So verharrte er lange Zeit, ohne fie jedoch, was aud 
bie Urfache fein mag, für fich zu bewegen ober. ihr durch 
Boten und Sendungen entdeden zu können, was er für 
fie fühle. Sie fchien auch gar nichts von feiner Liebe 
zu bemerken. noch ſich um ihn zu befümmern, weswegen 
denn der Liebhaber fich in der mismuthigften Stimmung 
befand. Aber er wagte es nicht, fich. dem Mädchen zu 
entdeden, aus Furcht, fie möchte zürnen und fich dann 
nicht mehr fehen laffen; und doc, gereichte fhon ihr An- 
bie dem Jüngling zur höchften Wonne und er hätte 
lieber fterben, als fie auch nur im Geringften beleidigen 
mögen. So entbrannte er von Tag zu Tag mehr in 
Liebe zu feiner Aloinda und befchloß endlich nach vielm 


17. Die einäugige Amme. 177 


Nachdenken, einem vertrauten Freunde ſeine ganze Liebe 
zu entdecken und bei ihm Rath und Hilfe in dieſem 
Unternehmen zu ſuchen. Er hatte einen Freund Namens 
Teialac, ed war cin edler Jüngling, aber von Jugend 
auf immer Eränklih. Dies war die Veranlaffung, daß 
er fich nicht mit den Waffen, fondern ftet8 mit den 
MWiffenfchaften und der Kitteratur, mehr ber griechifchen, 
als der Iateinifchen, befchäftigt hatte, wie denn überhaupt 
dad Bolt der Gothen vorzüglich viel auf die griechifchen 
Studien hielt. Ja, in unferer Heimat haben fi noch 
jegt viele griechifche Wörter erhalten und werden von 
Männern und Frauen gebraucht, ſodaß fie förmlich zur 
italiänifhen Volksſprache gehören. Bandelchil war alſo 
eines Tages mit Teialac zuſammen, erzählte ihm die 
ganze Geſchichte ſeiner Liebe und bat ihn, daß er ihm 
in dieſer Qual einigen Rath gebe, denn er ſehe ein, 
daß er ſich in dieſem Kummer nicht erhalten könne und 
von Tag zu Tage mehr jede Luſt zu Schlaf und Effen 
verliere. Nachdem Teialac den Antrag feines Freundes 
angehört und forgfältig geprüft hatte, antwortete” er; - 
Sch muß mich nur wundern über dich, daß du, da du 
dich in die Nege der Liebe verſtrickt fahft, niemals fuchteft 
dich ‚entweder ganz davon loszumachen, oder wenn bu 
dich von. dem Vogelleim der Liebe nicht mehr befreien 
fannft, daß du nicht nad allen möglichen Seilmitteln 
trachteſt. Du verficherft mi, es fei über ein Jahr, 
daß du die® ypeinigende Leben führft, und nichts deſto 
weniger haft du nie verfucht, Aloinda deine Xiebe zu 
wiffen zu thun. Wie willft du, daß fie deine Liebe er⸗ 
rathe, wenn du ihr nie Boten und Briefe fanteft oder 
dich felbft bei ihr einftelltefl. Deine Aufgabe ift es, ihr 
zu dienen, fie zu ehren, zu verfolgen und mit der Liebe 
befannt zu machen, die du für fie fühlft. Wer weiß, 
ob fie fih, wenn fie deine Liebe fennt und erfährt, nicht 
zur Gegenliebe neigt, ja, daß fie fich geehrt fühlt, wenn 
fie fieht, daß einer deines Gleichen ſie ſo hoch ae 


3** 


178 XXIV. Matteo Bandello. 


Es iſt die Act der Frauen, daf fie geehrt, geachtet, er- 
hoben, ja faft möchte ich fagen angebetet werden; und 
wenn fie auch lieben und etmas verlangen, fo ftellen fie 
fih, als verlangen fie es nicht, und wollen gebeten, ja 
gezwungen fein zu etwas, was fie doch gerne freimillig 
thun möchten. Deswegen ift meine Meinung, du thuft 
ihre durch Briefe oder einen vertrauten Boten beine Kiebe 
fund; wenn es fich ‚zeigt, dab es ihr angenehm ift, ſich 
von dir geliebt zu fehen, fo wird ed nicht an Mittel und 
Degen fehlen, bein Unternehmen zum Ziele zu führen; 
denn wenn die Theile zuſammenſtimmen, geichieht es 
felten, daß das Ganze fich nicht füge, fi) zufammen 
fchide und die gewünfchte Vollendung erreiche. Wenn 
fie deine Botfchaften nicht anhören wollen oder beinen 
Wünſchen ſich wiberfeglich zeigen wird, fo werben wir 
auf andere Auskunft denken. Zuerft wollen wir alfo 
dies verfuchen und dann wird für das Übrige wol Rath 
werden. _ | 

Als Bandelchil den Rath feines Freundes angehört 
hatte und derfelbe ihm günftig fchien, fo fing er an, 
fih mit ihm über die Mittel zu berathen, die er ergreifen 
müffe, ob er eine Frau mit mündlichen Aufträgen an 
Aloinda ſchicken oder ob er ihr fchreiben folle. Nach reif- 
licher Überlegung befchlofien fie als das ficherfte und befte 
Mittel, ihr alles zu fchreiben. ALS er fich befonnen hatte, 
durch wen er ihre den Brief ſchicken wolle, fchrieb ber 
Liebende einen folchen auf, worin er ihr auf paffende 
Weife feine glühende Liebe offenbarte und fie bat, daß 
fie ihm, der ihr treuefter Diener fein werde, ihr Mit- 
leid fchenten wolle. Der Liebhaber hatte einen Edel⸗ 
fmaben, welcher klüger und älter an Erfahrung mar, 
ale man ihm anfah, denn er war Hein von Geftalt, 
dabei aber fo Flug und liſtig und fo geſchickt und’ ge 
wandt bei Kragen und Antworten und leugnete mit fo 
unverändertem Geficht eine offenbare Wahrheit, daß er 
den Teufel felbft Hintere Licht geführt hätte. Diefen 


J 





77. Die einäugige Amme. 179 


unterrichtete Bandelchil genau, wie er feinen Wunſch 
erfüllt wiffen wolle, und gab ihm ben Liebesbrief. Der 
Liebende pflegte jeden Tag auf dem Felde zu luſtwandeln, 
bald zu Fuß und bald zu Pferde, und dabei ging es 
immer an dem Hauſe ſeiner Geliebten vorbei, was keinen 
Verdacht erregen konnte, da fie an eiher offenen Straße 
wohnte, Einſt zog er auch bes Weges mit einigen an⸗ 
dern, ber liftige Knabe ging hart an der Mauer von 
Alsinda’8 Haufe hin und als er an eine Fenfteröffnung 
kam, welche dem Weinkeller Helle zu geben beftimmt 
und gegen die Straße mit einem Eifengitter geſchloſſen, 
war, ließ er ein Paar Sporen, die er in der Hand hielt, 
fallen, ließ ohne Weiteres ſeinen Herrn mit ſeiner Geſell⸗ 
ſchaft fortreiten und ging auf die Hausthüre zu. Er 
fand ſie offen, trat hinein und zeigte ſich ſcheinbar ganz 
ſchüchtern und verdutzt. Zufällig erblickte er das Maͤdchen, 
das neben dem Eingang mit Arbeiten . befchäftigt ſaß, 
und. fagte zu ihr: Madonna, ich bitte euch um Gottes 
willen, ſeid fo gut und laßt mir euren Keller öffnen, 
denn indem ich meinem Herrn: folgte, bee eben durch 
die Strafe reitet, find die Sporen, die ich in ber Hand 
trug, mir durch dad Gitter in euer Kellergewölbe gefallen, 
und wenn ich fie nicht nach Haufe bringe, fo gibt mir 
mein Herr Schläge genug. 

Unter diefen Worten kam Aloinda's Mutter herbei 
und fagte, ba fie das Begehren des Edelknaben gehört 
hatte: Geh, Tochter, und führe ihn mit dir hin, daß er 
die Sporen fuche. 

Die beiden gingen nun in den Keller und al& der 
Edelknabe fah, daß ihm niemand folgte, fing er an, 
dem Mädchen kürzlich bie Liebe feines Herrn von An- 
fang an zu erzählen, und gab ihr den Brief. Aloinda 
nahm ihn, ohne zu antworten, der Knabe nahm feine 
Sporen und fie gingen binauf. Hier dankte ber Edel 
knabe der Mutter und Lehrte zu. feinem Herrn zurüd. 
Aloinda las bei guter Weile, was ihr der Liebhaber ge» 


) 


180 XXIV. Matteo Banvello. 


fchrieben Hatte, und bie liebevollen Worte drangen ihr 
fo ins: Herz, daß fie ganz fi von. Liebe entzündete. 
Sie verlangte nun nichts mehr, als den Geliebten zu 
fehben und mit ihm zufammen zu fommen. Sobald fie 
fi daher denken konnte, er merde duch die Straße 
fommen, ging fies wenn es fich thun ließ, an das Fenſter 
und entdeckte ihm fo lächelnd und mit freundlichem Ge⸗ 
fichte ihren Willen. Als der Liebhaber dies bemerkte 
und fah, daß fein Brief von Erfolg — ging er 
nun mit dem Gedanken um, wie er Gelegenheit finde, 
„zu ihr zu kommen, und Aloinda dachte ebenfalls an 
nichts anderes. Nun trug es ſich zu, daß eine Ver⸗ 
wandte von Aloinda's Mutter ſich verheirathete, und da 
das Maͤdchen wußte, daß ihre Mutter zur Hochzeit gehen 
werde, fo ſuchte fie dies den Geliebten wiſſen zu lafjen. 
Sie fihrieb ihm daher, was er thun folle, wußte jedoch) 
nicht, wie fie ihm den Brief zuftellen könne. Während 
fie darüber nachdentend an dem Fenfter lag, fah fie den 
Edelknaben ganz allein die Straße daher fommen. Sie 
ging fchnell Hinunter und als der Edelknabe an ber Thüre 
vorbeiging, gab fie ihm, ohne daß es jemand bemerkte, 
den Brief und eilte ſchnell wieder hinauf. Bandelchil 
las den Brief und war nun der glüdlichfte Menſch auf 
Erden. Er war vor Entzüden ganz aufer ſich und er- 
wartete ungebuldig den Tag der Hochzeit. Die Mutter 
ging zu dem Mahle und ließ Aloinda allein zu Haufe 
mit einer Witen, welche nur ein Auge hatte. An jenem 
Tage nun trat der Kiebhaber, wie man ihm angeordnet 
hatte, durch den Garten in bad Haus und verftedte fich 
in einem Zimmer unter dem Bette. Aloinda, welche ihre 
, Amme auf einer andern Stelle bingehalten hatte, lief 
nun um die verabredete Stunde durch das Haus auf 
und ab. Sie war fchnell und die Liebe lieh ihr Flügel; 
‚die Amme tonnte ihr nicht nachkommen und fo gelangte 
das ſchöne Kind in das Gemach, wo ber Kiebfte ver- 
borgen war, und ſchloß fih ein. Da die Alte dies 


17. Die einäugige Amme. 181 


merkte und wußte, daß das. Zimmer eiferne Gitter an 
den Fenftern hatte, dachte fie, da ed Sommer- war, das 
Mädchen wolle fchlafen. Die beiden Liebenden aber um⸗ 
armten und küßten fich mol taufend mal und ale Ban⸗ 
delchil die legte Wonne der Liebe genießen wollte, ſprach 
Aloinda zu ihm: Mein Herr, den ich mehr als mein 
Leben liebe, wenn ihr mich fo ernftlich liebt, wie ihr mir 
fagt und mir gefchrieben habt, fo werdet ihr es einrichten, 
daß wir lange beifammen fein können, und died wird ge- 
ſchehen, wenn ihre mich zur Frau nehmt. 

Der Liebhaber mar auf das Höchfte von ihr entzückt 
und fah fie über die Maßen ſchön; daher verſprach er 
ohne Zögern, fie zu ehelichen, und genoß mit ihr lange 

eit die höchfte Wonne der Liebe. Nachdem fodann Alles 
geardnet war, was er zur Feier der Hochzeit für nöthig 
hielt, hörte Aloinda die Amme klopfen und rufen. Daher 
fagte fie zu dem Geliebten: Ich werde nun die Thüre 
öffnen, mic) der häßlichen Alten. an den Hals werfen - 
und mit einer Hand ihr dad gute Auge bededen. So⸗ 
bald ich mich räufpere, ſchlüpft ihre dann geſchickt hinaus 
und geht auf dem Wege zurüd, den ihr hergelommen 
feid. 

Aloinda öffnete nun die Thüre, warf fich der fchmäh- 
lenden Alten um den Hals, und indem fie ihr zu lieb- 
ofen ſchien, fehloß fie ihr mit der Hand dad Auge und 
fagte zu der Amme, indem fie ſich räufperte, fie laſſe fie 
nicht "eher, als bis fie fich beruhige und ihr verfpreche, 
der Mutter nichts zu fagen, fie habe fi nur hier ein" 
gefchloffen, um ruhig zu ſchlafen. 

Unterdeffen fchlüpfte der Liebhaber leife- aus dem 
Zimmer, ohne von jemand gefehen zu werden, und Aloinda 
ſprach nun zu der Alten: Mein liebes Mütterchen, ich 
bin doc) eure liebe Tochter. . 

Und fo noch ähnliche Plaudereien, bis endlich die 
‚Alte ſich zufrieden gab. Wenige Tage nachher warb 
Bandelchil bei ihrem Bater um ihre Hand und erhielt 


182 XXIV. Matteo Bandello. 


fie, fie zeugten viele Kinder und lebten immer im geößten 
Frieden. Als man fpäter die barbarifchen Worte durd 
die italiänifche Ausfprache milderte, nannten ſich die Ab- 
kömmlinge Bandelchil's Banbelli, wie fie noch heutige 
Tages heißen. 


78. Antonio Bologna. 


1,26.) 


Antonio Bolsgna aus Neapel lebte, fo lange er in 
Mailand verweilte, im Haufe des‘ Herrn Silvio Savello. 
» Rah Herrn Silvio's Abgang machte er fih an Fran 

cesco Acquaviva Markgrafen von Bitonto, welcher in der 
Schlacht von Ravenna gefangen in die Hand der Fran- 
zofen fiel und in die Burg von Mailand gebracht wurde; 
gegen fichere Bürgfchaft Fam er jedoch aus der Burg los 
und lebte lange Zeit in der Stadt. Nachher bezablte 
dieſer Markgraf eine ſtarke Entfchädigungsfunme und 
fehrte nun in das Königreich Neapel zurück. Jener 
Bologna blieb nun im Haufe des Nitters Alfonfo Bes 
conte mit drei Dienern und lebte in Mailand ganz an 
ftändig, hatte fchöne Kleider und Pferde. Es war ein 
fehr galanter und tugendhafter Edelmann, und außerdem, 
daß er ein fehr fchönes Außeres hatte und ein waderer 
Mann war, galt er audy für einen fehr gemandten Weiter. 
In fchonen Wiffenfchaften war er mehr ald gemöhnlid 
bewandert und fang anmutbhig, die Laute in der Hand, 
Ich weiß, daß manche unter uns ihn noch fingen gehört 
haben, oder vielmehr nicht fingen, fondern fingend den 
Zuftand beweinen, in welchem er fi befand, indem 
Frau Ippolita Sforza und Bentivoglia ihn zu fpielen 
und zu fingen zwang. Als er nun von Frankreich zurlid- 











78, Antonio Bologna. 183 


gelehrt war, mo er fortwährend dem unglücklichen Friedrich 
von Araganien gedient hatte, welcher aus dem Königreich 
Neapel vertrieben fi ch dem König Ludwig dem zmölften 
von Frankreich in bie Arme geworfen hatte und von 
diefem liebevoll aufgenommen worden war, begab fi 
Bologna nach Neapel in fein Heimweſen und blieb da- 
felbft. Er hatte‘ dem König Friedrich viele Jahre lang . 
ale Oberhofmeifter gedient. Nun wurde er nach kurzem 
von ber Herzogin von Mali, Zochter Heinrich's von 
Aragonien und Schweſter des aragonefifchen Cardinals 
angegangen, ob er nit als Oberhofmeifter, in ibre 
Dienfte treten wolle. An das Hofleben gewohnt und 
der aragonifchen Partei ergeben nahm er ihren Vor⸗ 
ſchlag an und ging bin. Die Herzogin war frühzeitig 
Witwe geworden und Hatte in ihrer Ehe einen Sohn 
geboren, deſſen Bormundfchaft fie nun fowie die über . 
das Herzogthum Malfi führte. Jung, rüflig und fchon, 
wie fie. war, und an ein weichliched Leben gewöhnt, 
war fie zwar nicht gefonnen, fich zum zweiten Male zu 
verheirathen, wo- dann fie ihren Sohn Hätte fremder 
Dbhut übergeben müffen, aber fie gedachte, bei fich date 
bietender Gelegenheit, fi einen rüftigen Liebhaber zu 
wählen und mit ihm ihre Jugend zu genießen. Sie 
fah viele Männer, von ihren Unterthanen, wie Fremde, 
die ihr anmuthig und gefittet fehienen; fie beobachtete bei 
allen auf das Genauefte ihr Weſen und Betragen; fie 
glaubte aber feinen zu finden, der ihrem Oberhofmeifter 
gleichfomme; er war auch in der That ein fehr fchöner 
Mann, groß und wohlgeftaltet, von fchonem und an- 
muthigem Betragen und mit vielen Vorzügen ausgerüftet. 
Daher verliebte fie fich heftig in ihn, von Tag zu Tag 
lobte fie ihn mehr, und fein ſchönes Betragen gewann 
entfchiedener. ihren Beifall, ſodaß fie am Ende ganz für 
ihn glühte und nicht leben zu können meinte, ohne ihn 
zu ſehen und bei ihm zu fein. Bologna war auch keine 
alberne Schlaſhaube, und wiewol er den Abſtand wwiſchen 


184 XXIV. Matteo Bandello. 


fi) und ber Hoheit der Dame wohl fühlte, konnte er 
fi) dennoch nicht erwehren, fobald er ihrer Liebe zu ihm 
fich ‘erft recht bewußt geworden war, fie in bie Geheim- 
niffe feines Herzens dergeftalt aufzunehmen, daß er fürder 
feinem andern Gefühle, als der Liebe zu ihr darin Raum 
geftattete. So waren alfo die Xiebenden beide einander 
zugethan. Die Herzogin aber faßte, von neuen Bor: 
. ftelungen überfommen, den Entſchluß, theild um Gott 
nicht allzufehr zu beleidigen, theild um jeder etwaigen 
übeln Nachrede wegen ihrer Xiebe zu begegnen, ohne 
jedoch fonft jemand von ihrer Kiebe in Kenntniß zu fegen, 
nicht bie Geliebte Bologna’s, fondern feine Gattin zu 
werben und in der Stille feiner Liebe fih zu freuen, 
bis etwa bie Umftände fie nöthigten, ihre ehelihe Ver⸗ 
bindung Fund zu thun. Sobald fie mit fich felbft über 
dieſen Vorſatz im Reinen war, ließ fie Bologna eines 
Tages in ihr Zimmer konmen, trat mit ihm in ein 
Fenſter, wie fie jedesmal zu. thun pflegte, wenn fie mit 
ihm über ihr Hausmefen berieth, und redete ihn folgender: 
mafen an: Spräcde ich mit irgend einem andern Men- 
ſchen, als mit dir, Antonio, fo würde ich gegenmättig 
nicht wiffen, wie ich meine Worte anbringen follte. Da 
ich dich aber als einen verfchwiegenen, mit hohem Ber 
ftande begabten Edelmann Zenne, der an den königlichen 
Höfen Alfonfo’s bed zweiten, Ferdinand's und Friedrich’ 
meiner Verwandten aufgewachfen und gebildet worden ift, 
fo bin ich geneigt zu glauben, daß bu nach Anhörung 
deffen, was ich dir jegt zu eröffnen habe, mit ” .r überein- 
ftimmend denken wirft. Sollte ich dich nichts eſto weniger 
anders finden, fo würde fi mein Vertrauen in die tiefe 
Einfiht, die man dir allgemein zufchreiben will, allerdinge 
nicht bewähren. Sch bin, wie du weißt, durch das Ab- 
leben des Herrn Herzogs meines Gemahls feligen Ange- 
denkens in ziemlich jungen Jahren Witwe geworden, und 
habe feither als folche ein Leben geführt, daß auch der 

firengfte und härteſte Sittenrichter in Betreff der Ehr- 








78. Antonio Bologna. 185 


barkeit auch nicht ein Pünktchen an mir auszufegen finden . 
könnte. Ebenſo habe ich ber Regierung bed Derzogthums 
mit folder Sorgfamkeit vorgeftanden, daß ich hoffen darf, 
wenn bie Zeit ber Volljährigkeit meines Heren Sohnes 
gekommen fein wird, ihm baffelbe in erwünfchterem Zu⸗ 
ftande zu übergeben, als ich es bei dem Tode des Herrn 
Herzogs felbft übernahm. Denn nicht allein babe ich 
funfzehntaufend Ducaten Schulden bezahlt, welche der 
Hochſelige in den legten Kriegen hatte machen müffen, 
ich habe auch noch überdies eine einträgliche Baronie in 
Calabrien käuflich erworben, mic, vollkommen ſchuldenfrei 
gemacht und mein ganzes Hausweſen auf das Vollkom⸗ 
menſte wohl beſtellt. Nun hatte ich zwar bei mir be- 
fehloffen, fortwährend im Witwenftande zu beharren und . 
meine Refibenz bald in dieſem Zandfig, bald auf jener 
Burg, bald in Neapel aufzufchlagen und meine Zeit der . 
Sorge für das Herzogthum zu wibmen; ic) habe mich 
aber allerdings bewogen gefunden, meinen Vorfag zu 
ändern und ein neues Leben au beginnen. ch münfchte 
mir nämlich lieber einen neuen Gatten zu ermählen, als 
etwa gleich andern Frauen zu thun, melde Gott zum 
Hohne und der Welt zum ewigen Zabel ſich Riebhabern 
preiögeben. Sch weiß wohl, was man von einer Der- 
zogin in diefem Königreich fagt, obgleich einer der erften 
Barone ihr begünftigter Liebhaber ift, und weiß, daß du 
mich verſtehſt. Um nun aber auf meine Angelegenheiten 
zurüdzufommen, fo fiehft du, daß ich noch bei jungen 
Jahren bin und weder lahm noch fchielend; ich fehe nicht 
aus, wie die Gaffenjungen, die ſich unter andern Leuten 
nicht zeigen bürfen. Ich lebe, wie du ferner täglich fiehft, . 
in Wohlftand und Üppigkeit, um deren willen ich ver- 
‚liebten Gedanken wohl oder übel Gehör geben muß. 
Wollte ic mir einen Gemahl erwählen, der dem erfleren 
an Stande gleichfäme, fo wüßte ich nicht, wie ich dies 
bewirken follte; ich müßte mich denn mit einem Sinaben 
vermählen, der bald meiner überdrüfig mich aus feinem 


186 XXIV. Matteo Banbello. 


Bette veriagte und meinen Plag von verworfenen Dienen 
einnehmen ließe; denn es lebt gegenwärtig bei uns fein 
vornehmer Mann, deffen Alter bem meinigen entſpraͤche 
und ber ledigen Standes wäre. Ich bin alſo nach reif 
lichem Erwägen und Bedenken diefer Sache dahin mit 
mir einig geworden, daß ich einen ausgezeichneten Edel⸗ 
mann zu meinem ehelichen Gemahl erheben will. Um 
aber bie Läfterungen des gemeinen Volkes zu vermeiden 
und um nicht mit meinen vornehmen Bermandten und 
befonders mit: dem Seren Carbinal meinem Bruder Un 
gelegenbeiten zu haben, wünfchte ich die ganze Sache 
freilich) fo lange verborgen zu halten, bis fie fich mit 
weniger Gefahr für mich gelegentlich einmal veröffent⸗ 
lichen ließe.  Derienige, ben ich zum Manne zu nehmen 
beabfichtige, hat etwa taufend Ducaten Einkimfte, und 
ih habe vom meiner Mitgift neben dem Zuſchuß, den 
mir der Herr Herzog bei feinem Abſcheiden zugemiefen, 
über zweitaufend, außer dem Hausgeräthe, welches mir 
gehört; und wenn ich den Rang einer Herzogin nicht 
behaupten Tann, fo will ich mich befcheiden, als Ebdel- 

. frau zu leben. Ich möchte nun aber von dir erfahren, 
was du mir räthft. 

Als Antonio diefe lange Anrede der Herzogin ver, 
nommen hatte, wußte er nicht, was er darauf erwidern 
follte; denn da er fich verfichert hielt, von ihr geliebt zu 
fein, und ihr felbft mit nicht geringer Liebe zugethan war, 

ſo konnte er natürlicherweife nicht wünfchen, fie fich wieder 
verheirathen zu ſehen, um nod Hoffnung zu erhalten, 
bereinft das Ziel feiner Liebe zu erreichen. Ex blieb ſtumm 
ihr gegenüber ſtehen, wechfelte im Geficht die Farbe und 
‚feufzte tief flatt aller Antwort. Sie errieth die Gedanken 
ihres Geliebten, und da es ihre nicht misfiel, an biefem 
Zeichen zu erkennen, wie inbrünftig fte von ihm wie 
‚ber geliebt werde, fo ſprach fie zu ihm, um ihm nicht 
länger in Ungewißheit und Beforgniß zu laffen: Antonio, 
fei getroften Muths und erfchricd nicht! Wenn du es 


—* 





18. Antonio Bologna. 187 


felber willſt, fo gedenke ich jedenfalls beine Gattin zu 
werden. 

Diefe Worte führten den Liebenden vom Tode zum 
Leben zurück und er konnte gar nicht aufhören, den 
Entſchluß der Herzogin zu preiſen, indem er fi ihr 
nicht zum Gatten, fondern zu ihrem getreueften Diener 
erbot. Eines hierauf des andern verfichert, unterrebeten 
fie fich lange miteinander und kamen überein, fo bald 
und fo geheim ald möglich fich zufammenzufinden. Die 
Herzogin hatte eine Zochter derjenigen, die ihr bie erſte 
Nahrung an ihrer Bruft gereicht, bei ſich und diefelbe 
bereitd mit ihren Gedanken vertraut gemacht. Sie rief 
fie daher zu fich und. ohne daß fonft jemand, als fie drei, 
anmwefend war, verlobte fie fi) in Gegenwart ihrer Kam⸗ 
merfrau mit Bologna. Ihre Vermählung blieb Jahre 
lang geheim, obgleich fie faft jede Nacht miteinander zu⸗ 
brachten. In Folge dieſer Ehe wurde die Herzogin zu 
ihrer und ihres Gatten großer Freude gefegneten Leibes 
und gebar mit ber Zeit ein Knäblein. Sie mußte auch 
Alles fo geſchickt anzuftellen, daß niemand am Hofe es 
bemerkte. Bologna ließ das Kind mit vieler Sorgfalt. 
ernähren und legte ihm in der Taufe den Namen Federico 
bei. Demnaͤchſt bei ber Fortdauer ihres Liebesverkehrs 
wurbe die Herzogin zum andern mal ſchwanger und gebar 
ein wunderſchönes Töchterlein. Diefe zweite Schwanger- 
ſchaft konnte aber allerdings nicht fo geheim gehalten 
werden, daß der Zuftand der Herzogin und ihre Nieder: 
funft nicht vielen Hofleuten fund geworden wäre. Wie 
zu erwarten fund, wurde diefe Sache verfchiedentlich 
befprodhen und das Ereigniß kam ben beiden Brüdern 
zu Ohren, nämlih dem Carbinal von Arragon und 
einem andern*),. Als diefe hörten, daß ihre Schweſter 
niebergelommen fei, entfchlofien fie fi, diefe Schande 
ihrer Schwefter eben nicht zu einer öffentlichen Ange 





*), &. v. Bülow, Novellenb. 3, 18: Markefe Karl von Zerace. 


188 | XXIV. Matteo Bandello. 


legenheit zu machen; nichts deſto weniger aber fingen 
fie an, jeden Tritt und Schrite der Herzogin insgeheim 
beobachten zu laffen. Da nun biefes Geflüfter am Hofe 
ging, und alle Tage Leute von ben Brüdern der Herzogin 
famen, welche fih alle Mühe gaben, der Sache auf die 
Spur zu fommen, fürchtete Bologna, die Kammerzofe 
möge ſich zulegt verleiten laffen, zur Verrätherin der ihr 
wohl befannten Wahrheit zu werden, und fo fagte e 
eines Tages im Gefprähe mit ger Herzogin: Ihr wißt, 
meine theure Gebieterin, daß eure Herren Brüder von 
diefer eurer zweiten Niederkunft Wind befommen haben 
und eifriges Verlangen tragen, zu erforfchen, mas eigentli 
Wahres an der Sache fei. Ich beforge nicht ohne Grund, 
daß fie einigen Verdacht auf mich geworfen haben und 
mich eines Tages werben töbten laffen. Ihr ſeid befier, 
ale ih, mit ihrer Natur befannt und wißt, wie eine 
von ihnen feine Hände gebrauchen kann. Ich denke, 
gegen euch felbft würden fie niemals ihre Wuth kehren, 
und bin überzeugt, wenn fie mich hätten umbringen Laffen, 
wäre alles abgetban. Ich habe deswegen bei mir be 
fhloffen, nach Neapel zu geben, bort meine Angelegen 
heiten in Ordnung zu bringen, und mich dann nad 
Ancona zurüdzuzieben, wohin ich mir meine Einkünfte 
werde ſchicken laſſen. Ich bleibe dort fo lange, bis man 
fießt, dag dieſer Verdacht euren Herren Brüdern aus 
dem Sinne if. Zeit wird dann auch Rath; bringen. 
Die Beiden wechfelten nody Worte genug über biefen 
Gegenftand und am Ende fehied er zum größten Leid⸗ 
weſen feiner Gattin von ihr. Seinem Borfage gemäß 
ordnete er feine Angelegenheiten, überließ die Sorge dafür 
einem lejblihen Vetter und verfügte fich fofort nach An- 
cona, mo er ein feinem Stande gemäßed Haus machte. 
Er hatte feinen Sohn und feine Tochter mitgenommen 
und erzog fie mit größter Sorgfalt. Die Herzogin, welche 
zum dritten Mal fchwanger zurüdigeblieben war und das 
Leben ohne ihren theuren Gatten nicht aushalten Eonnte, 


18. Antonio Bologna. | 189 


war in fo büfterer Stimmung, daß fie nahe daran war, 
den Verſtand zu verlieren. Nachdem fie alfo zu wieder: 
holten Malen reiflih über ihre Lage nachgedacht hatte, 
und nicht mehr umhin Eonnte, zu befürchten, wenn biefe 
dritte Niederkunft verlautbare, werden ihre Brüder einen 
fhlimmen Spaß anfangen, nahm fie fi vor, lieber 
ihrem Gatten nachzugehen und mit ihm als einfache 
Edelftau zu leben, ald um den Preis fortwährender 
Trennung von ihm dem herzoglichen Würde theilhaftig 
zu bleiben. Wer möchte hiernach nicht behaupten wollen, 
daß die Liebe allmächtig ift?_ In der That ihre unleugbar 
höchfte Gewalt überfteige auch die kühnſte Einbildungs- 
fraft. Sieht man nicht jeden Tag die Liebe die feltenfien 
und wunderbarften Wirkungen von der Welt hervorbringen 
und Alles überwinden? Aber man pflegt zu fagen, daß 
man nicht mit Maß lieben kann. Wenn die Liebe will, 
macht fie Könige, Fürſten, die höchften Edelleute, ich fage 
nicht zu Kiebhabern, nein ſelbſt zu Sklaven der niedrigſten 
Weiber. Doch kehren wir zu unſerer Geſchichte zurück 
und laſſen dieſe Unterſuchungen beiſeit. Die Herzogin 
hatte beſchloſſen, nach Ancona zu gehen, um ihren Gatten 
aufzuſuchen, und ſetzte ihn insgeheim davon in Kenntniß. 
Andererſeits ließ ſie Geld und Geldeswerth ſo viel als 
möglich nach Ancona ſchicken. Hierauf machte ſie bekannt, 
ſie habe gelobt, nach Loreto zu wallfahrten, beſtellte ihr 
Haus, ſorgte für die Herrſchaft, übertrug die Erziehung 
ihres Sohnes, der dereinſt Herzog werden ſollte, ſichern 
Händen und machte fi) mit zahlreicher und ehrenvoller 
Begleitung auf den Weg. Sie langte mit einem großen 
Zug Maulthiere in Loreto an, ließ dafelbft eine feierliche 
Meſſe Iefen und brachte jenem ehrmwürdigen hochachtbaren 
Tempel reihe Gaben dar. Als nun alle die Ihrigen an 
die Rückkehr in ihr Neich dachten, fagte fie: Wir find nur 
funfzehn Meilen von Ancona entfernt, und da wir hören, 
daß diefe Stadt fehr alt und ſchyn ift, fo will uns gut 
dünken, dahin zu zeifen und einen Tag dort zu verweilen, 


190 XXIV. Matteo Bandello. 


Ihre Begleiter fügten fih in den Willen der Her- 
zogin und es fegte fih der ganze Zug gegen Ancona in 
Bewegung, wohin bas Gepäd vorausgefchidt worden war. 
Bologna, von alle dem zu rechter Zeit benachrichtigt, 
hatte Worbereitungen getroffen, die Herzogin umd ihr 
Gefolge in feinem trefflih ausgerüfteten Haufe auf bas 
Prachtvollſte mit Prunt und Uberfluß zu empfangen. 
Er hatte feinen Palaft an der Hauptſtraße, ſodaß fie 
ihm nothmwendigerweife an de Thüre vorüberfommen 
mußten. Der Küchenmeifter war ſchon in aller Frübe 
angefommen, um das Frühſtück anzuordnen, Bologna 
hatte ihn ind Haus geführt und ihm gefagt, er habe 
der Frau Herzogin die Herberge bereitet. Der. Küchen 
meifter wußte dagegen nichts einzumenden, weil Bologna 
nur aus unbefannten Gründen den Hof verlaffen hatte 
und überdies von allen bafelbft gern gefehen wurde 
Sobald e8 Bologna an ber Zeit fchien, flieg er mit einer 
ftattlihen Schaar anconitifcher Edelleute zu Pferde und 
ritt der Herzogin faft drei Meilen Wegs vor die Stadt 
hinaus entgegen. Als die Begleiter der Herzogin ihn 
fahen, riefen fie ihe freudig zu: Ei, feht da, Frau Her 
zogin, unfern Heren Antonio Bologna ! 

Und fie heeiferten fih alle, ihn zu bewillkommen. 
Er flieg ab, küßte feiner Gemahlin die Hände und lud 
. fie mit ihrem Gefolge nach feinem Haufe ein. Sie nahm 
die Einladung an und er führte fie, noch nicht wie feine 
Gemahlin, fondern wie feine Gebieterin, in fein Haus. 
Nachdem dort alle das Frühſtück eingenommen hatten, 
wollte die Herzogin, da fie wußte, daß es dahin doch 
einmal kommen müffe, die Maske fallen laffen; fie be 
rief Daher alle die Ihrigen in den Saal und fpradh zu 
ihnen alfo: Es ift nunmehr Zeit, meine Ebelleute und 
ihr übrigen Diener, der ganzen Welt zu offenbaren, mas 
einft vor Gott im Stillen gefchehen if. Mein Witmen- 
ftand hat mir nachgerade den Wunfch eingegeben, mid 
zu vermählen und zwar einen Mann zu nehmen, der 


78. Antonio Bologna. 191 


ganz nad) meinem Sinne wäre. ch verheirathete mich 
alfo fchon vor mehreren Jahren in Gegenwart dieſer hier 
anmwefenden Kammerfrau dem Heren Antonio Bologna, 
den ihr vor euch feht; er ift mein rechtmäßiger Gatte 
und ba ihm will ich als die Seinige fernerbin bleiben. 
Bisher bin ich eure Herzogin und Gebieterin gemwefen 
und ihr waret mir pflichtgetreue Bafallen und Dienfkieute: 
Inskünftige nn es euch nun ob, dem Herrn Herzog 
meinem Sohne Gehorfag zu leiſten und pflichtſchuldigſt 
treu und hold zu ſein. Dieſe meine Frauen werdet ihr 
nach Malfi begleiten, wo ich vor meiner Abreiſe ihre 
Ausſteuer in der Bank Paolo Toloſa's niederlegte und 
die nöthigen Schriften über Alles der Äbtiſſin des Frauen⸗ 
kloſters Sanct Sebaſtian übergab; ih will fortan von 
meinen Frauen nur noch biefe meine Kammerfrau bei« 
behalten. Die Frau Beatrice meine bisherige Ehren⸗ 
dame ift, wie fie weiß, bereits von mir zufriedengeflelt 
worden. Nichts defto weniger wird fie in der eben ge 
nannten Schrift finden, daß ich ihr noch eine erhebliche 
Summe ausgefegt habe, mit welcher fie eine ihrer ledigen 
Töchter verheirathen kann. Iſt unter meinen Dienern 
einer, der ferner bei mir bleiben will, fo fol ihm von 
mir eine gute Behandlung ficher fein. Für das Übrige 
wird bei eurer Rückkehr in Malfı der Oberhofmeiiter in 
geroohnter Weiſe Sorge tragen. Unb fo erkläre ich dann 
ſchließlich nochmals, wie ich entichloffen bin, von nun an - 
mit meinem Gemahl Heren Antonio meiner berzoglichen 
Wurde ledig im Privatftande zu leben. . 

Die ganze Verfammlung hatte vor Erftaunen und 
Beftürzung über biefe Anrede faft alle Faſſung verloren. 
Wie ſich aber nach und nad). ein jeder überzeugte, daß 
er recht gehört habe und daß Bologna feinen Sohn und 
feine Tochter babe kommen laffen, die er mit ber Her⸗ 
zogin erzeugt, und die Herzogin diefelben als ihrer beider 
Kinder umarmte und füßte, fo beſchloſſen ihre Begleiter 
insgefammt, nah Malfi zurüdzutehren, mit Ausnahme 


= 


192 XXIV. Matteo Bandello. 


der Kammerfrau und zweier Reitknechte, welche bei ihrer 
lang gewohnten Gebieterin blieben. Der Worte wurde 
zuvor die Menge gemwechfelt und ein jeder gab. fein Theil 
dazu. Sie brachen alfo alle aus Bologna’s Haufe auf 
und begaben fich in eine Herberge; denn feiner wagte 
aus Furcht vor dem Gardinale und feinem Bruder bei 
ihr auszuhalten, nachdem er erfahren, wie die Sache 
ftund; vielmehr beredeten fie fich unter einander, gleich 
am folgenden Morgen folle einer ber Ebdelleute mit Poſt⸗ 
pferden nad Rom an den Garbdinal abgehen, wo auch 
der Bruder ſich aufhielt, und jenen von allem unterrichten. 
Dies gefchah und die andern alle machten fich auf den 
Rückweg in das Königreih. Alfo blieb die Herzogin 
bei ihrem neuen Gatten und lebte mit ihm in äußerſter 
Zufriedenheit. Wenige Monate fpäter gebar fie ihm 
einen zmeiten Sohn, welchem fie den Namen Alfonfo 
beilegten. Während nun bdiefe ſich in Ancona aufbielten, 
bei immer zunehmender gegenfeitiger Liebe, bewirkte der 
Cardinal von Aragon und fein vorgenannter Bruder, 
weiche beide einen ſolchen Ehebund ihrer Schmwefter auf 
feine Weiſe beftehen laffen wollten, durch Vermittelung 
des Gardinald von Mantua Gismondo Gonzaga, welcher 
unter dem Papfte Julius dem zweiten Legat von Ancona 
war, daß die Anconitaner Antonio Bologna mit feiner 
. Gattin aus ber Stadt verwiefen. Sie hatten etwa ſechs 
bis fieben Monate in der Stadt zugebradht, und wiewol 
der Legat auf ihrer Entfernung hartnädig beftand, gelang 
ed Bologna dennoch, die- Sache durch Unterhanblungen 
im die Länge zu ziehen. Bologna mußte allerdings, daß 
er am Ende doc, werde meggefchidt werden, und, um 
deswegen nicht gar zu fehr überrafcht zu fein, fuchte er 
durch einen Freund, den er in Siena batte, bei ber 
Obrigkeit in jener Stadt um ficheres Geleit an, das 
ihm denn auch zugeftanden wurde mit der Erlaubnif 
nebft feiner ganzen Familie ſich bafelbft nieberzulaffen. 
Mittlerweile hatte er bereits feine Kinder weggeſchickt und 





.- 18. Antonio Bologna. 193 


feine Angelegenheiten fo geordnet, daß er an bemfelben 
Tage, wo er bon den Unconitanern den Befehl empfing, 
binnen vierzehn Tagen ihr Gebiet zu räumen, mit feiner 
Gemahlin und Dienerfhaft zu Pferde fteigen und nad) 
Siena abreifen konnte. Als die beiden Brüder aus Ara- . 
gonien dies vernahmen und fich in ihrer Hoffnung ge- 
täufcht fahen, die Neifenden unterwegs in ihre Gewalt 
zu befommen, bewogen fie den Cardinal von Siena 
Alfonfo Petrucci, durch Herrn Borghefe den Bruder 
des Gardinals, der das Oberhaupt der Regierung von 
Siena war, Bologna auch den Aufenthalt in Siena 
verfagen zu laffen. Nach reiflicher Überlegung, wohin 
er fih flüchten Tonne, beſchloß er daher mit feiner ganzen 
Familie nach Venedig zu gehen. Er machte fi baber 
auf den Weg, reifte durch das florentinifche Gebiet nach 
der Romagna und wollte fich dort einfchiffen, um nad) 
Venedig zu fegeln. Schon waren fie in der Nähe von 
Forli angelangt, ald fie mit einem Male viele Reiter 
bemerkten, die ihnen folgten und von welchen fie einiger- 
mafen Wind hatten. Bol Angft und rathlos wuften 
fie nicht, wie fie mit dem Leben dbavontommen follten, 
und waren mehr tobt als Iebendig; jagten aber, von der 
Angft angetrieben, dennoch mit beflügelter Eile weiter, 
um mo möglich eine unfern von ihnen gelegene Ortfchaft 
zu erreichen, in welcher fie Rettung zu finden hofften. 
Bologna ritt einen ſtarken türkifchen Nenner und hatte 
feinen älteften Sohn gleichfall® auf ein fehr gutes tür- 
kiſches Pferd geſetzt. Sein zweites Söhnchen und ſeine 
kleine Tochter waren beide in einer Saͤnfte und ſeine 

Gemahlin ſaß auf einem guten Zelter. Er und ſein 
Sohn haͤtten ſich mit leichter Mühe retten können, weil 
ſie trefflich beritten waren; aber die Liebe zu ſeiner Gattin 
ließ ihm keine Flucht zu. Dagegen war ſie ſelbſt der 
feften Überzeugung, daß ihre Verfolger es nur auf ihren 
Gemahl abgejehen haben, ſodaß fie denfelben unter fort- 
währenden Thränen anflehte, auf feine Rettung Bedacht 

Staliänifcher Noyellenſchat. IL g 


194 XXIV. Matteo Bandello. 


zu nehmen, und zu ihm fagte: Mein theurer Herr, o eilt 
von bannen, denn meine Herren Brüber werben mir und 
unfern Kindern gewiß kein Leids zufügen. Wenn fie aber 
euch befommen konnen, fo werben fie ihre Wuth an eu 
auslaffen und euch ums Xeben bringen. 

Sie drüdte ihm nad biefen Worten eine volle Br 
mit Ducaten in die Hand und bat ihn fortwährend aufl 
Dringendfte, fih zu flüchten, weil ja vielleicht dennoch 
der Himmel zuließe, daß ihre Herren Brüder fih be 
fänftigten. Der arme Ehemann erkannte aus der Nik 
feiner Verfolger die Unmöglichkeit, fein Weib zugleich mit 
fih zu erretten, und fo ergab er fich endlich, bis auf 
den Tod betrübt, in ihren Willen, nahm unter unzählige 
Thränen von ihr Abſchied und fegte feinem Türkenroſſt 
die Sporen ein, indem er den Seinigen zurief, ed möge - 
ein jeder fliehen, fo gut er könne. Als der Sohn dm 
‚Water fliehen ſah, fprengte er ihm mit verhängtem Zügd 
rüſtig nach, und fo geſchah es, daß Bologna mit feinem 
älteften Knaben und vier wohlberittenen Dienern glücklich 
enttam. Dabei gab er feinen Gedanken auf, ſich nah 
Venedig zu wenden, und alle ſechs verfügten fi nad 
Moiland. Diejenigen, welche ausgefandt waren, um ihn 
zu töbten, bemächtigten fi) an feiner Statt ber Frau 
feiner zwei Kinder und feines übrigen Gefolges. De 
vorderfle der Häfcherfhaar, mochte er nun von ben Hem | 
Brüdern der Frau dazu beauftragt fein; oder aus eigenen 
Antriebe wünfchen, fie ohne großes Auffehen zu fangen 
und fortzubringen, fagte zu ihr: Frau Herzogin, cart 
Herten Brüder haben mir befohlen, euch in euer Land 
und in euren Palaft zurüdzuführen, damit ihr bie Bor 
munbfchaft eures Sohnes des Herrn Herzogs von neuem 
übernehmt und nicht länger bald hierhin bald dorthin in 
der Welt umherſchweifet. Herr Antonio Bologna mir 
der Mann darnach, wenn er euer überbrüßig geweſen 
wäre, euch wol gar einmal in Elend und Dürftigkeit 
zu verlaffen und feines eigerıen Weges zu gehen. Geb 











78. Antonio Bologna. ‚ 195 


alfo getroften Muthes und nehmt euch euer gegenwaͤrtiges 
Schickſal weiter nicht zu Herzen. 

Die Fran fchien ſich über dieſe Worte wirklich zu 
beruhigen, denn fie glaubte annehmen zu bürfen, daß fie 
wahr gefprocden feien und daß ihre Brüder gegen fie 
und ihre Kleinen nichts Feindſeliges beginnen werben. 
Diefer Hoffnung lebte fie einige Tage, bie fie auf einem 
der Schlöffer des Herzogs ihres Sohnes anlam, wo fie 
mit ihren Kindern und der Kammerfeau bewacht und in 
den Feftungsthurm gelegt wurden. Was dafelbft aus 
allen vieren geworden war, verlautete nicht alfobald. Alle 
übrigen wurden in Freiheit gefegt; die Frau aber mit 
der Kammerfrau unb den zwei Kindern flarben, wie man 
fpäterhin auf das Gewiſſeſte gehört bat, des elendiglich- 
ften Todes durch Mord. Der beklagenswerthe Gatte und 
Liebhaber langte mit feinem Sohne und feinen Dienern 
in Mailand an, mo er einige Tage unter dem Schupe 
des Herrn Silvio Savelli weilte, welcher gerade damals 
die Franzoſen im Caſtell von Mailand belagerte, um bie- 
Feſte im Ramen Marimilian Sforza’s einzunehmen, was 
ibm hernach durch Eapitulation gelang. Als demnächſt 
Savello mit feinem Heere nach Erema*) fortzog, mo er 
einige Tage blieb, begab fi, Bologna zu dem Marf- 
grafen von Bitonto, und da der Marigraf fort war, 
hielt er fi) im Haufe des Herrn Ritters Vesconte auf. 
Die aragonifchen Brüder hatten es inzwifchen in Neapel 
dahin gebracht, daß der Staatäfchag die Güter Bologna’s 
einzog. Bologna felbft dachte einzig und allein daran, 
die Brüder mit fich zu verfühnen, weil er dem Gerüchte 
von der Ermordung feiner Gemahlin und Kinder auf 
feine Weife Glauben beimeffen wollte. Er wurde mit 
der Zeit verſchiedene Male von Ebelleuten gewarnt,’ fi 
vorzufehen; es fei in Mailand keine Sicherheit mehr für 


*, Dfiih von Mailand. 
| g* 


19% XXIV. Matteo Bandello. 


ihn. Aber er verfagte diefen wohlgemeinten Zuflüfterun- 
gen alles Gehör, und das mwahrfcheinlich, weil man ihm 
unter der Hand, um ihn defto mehr einzufchläfern und 
‚an etwaiger Flucht zu hindern, Hoffnung gemacht Batte, 
feine Gemahlin wieder mit ihm zu vereinigen. Von die⸗ 
fer eiteln Hoffnung erfüllt und von heute auf morgen 
lebend blieb er über ein Jahr in Mailand. Während 
diefer Zeit trug es fich zu, daß einer ber Hauptleute ber 
fremden Kriegsvölter, bie damals im Herzogthum Mai- 
land lagen, diefe ganze Gefchichte unferem Delio erzählte 
und ihn überdies verficherte, es fei ihm zwar aufgetra- 
gen worden, dieſen Bologna zu ermorden, da er abe 
andern zu Gefallen nicht zum GSchlächter werben möge, 
fo habe er denfelben auf eine gute Art warnen laffen, 
ihm nicht in den Weg zu kommen, und ihm auch die 
Nachricht mitgetheilt, daß feine Frau mit den Kindern 
und ber Kammerfrau ganz gewiß fchon erwürgt worden 
feien. Als Delio eines Tags bei Frau Ippolita Benti- 
voglia war, ſchlug Bologna eben die Laute unb fang 
dazu ein rührendes Lied, welches er über fein Unglüd 
felbft gedichtet und in Muſik gefegt hatte. Als Delio, 
der ihn bisher nicht gekannt hatte, erfuhr, daß er ber 
Gemahl der Herzogin von Malfi fei, wurbe er von fol- 
hem Mitleiden mit ihm ergriffen, daß er ihn beifeit 
rief, ihn bes Todes feiner Gemahlin verficherte und ihm 
eröffnete, er wiffe gewiß, baf in Mailand Mörber für 
ihn gebungen feien. Er dankte Delio und fagte zu ihm: 
Ihr ſeid falfch berichtet, Delio, denn ich "habe Briefe 
aus Neapel von meinen Freunden, die mir verfichern, 
ber Staat werde in kurzem meine Güter wieder ber 
ausgeben, und auch von Rom aus habe ich gute Hoff. 
nung, der erlauchte und hochwürbige Kardinal zürne mir 
nicht mehr fo fehr und noch weniger fein Bruder, und 
ih werde meine geliebte Gemahlin unfehlbar wieder be- 
fommen. 

Delio durchſchaute die Lift, womit man ihn umſtrickt 








18. Antonio Bologna. ‘197 


hatte, fagte ibm, was ihm amedmäfig fehlen, und ging 
von dannen. Diejenigen, welche ihn zu töbten fuchten, 
faben am Ende ein, daß fie ihren Zwed mit ihm durch 
den Kriegsmann, den fie zu feinem Morde angeftellt hat⸗ 
ten, nicht erreihen würden, weil er feinen erhaltenen 
Auftrag ziemlich laͤſſig behandelte, und verfrauten ſich einem 
andern Hauptmanne aus ber Zombardei an, den fie zu 
der Unthat, die fie ihm zur Pflicht gemacht hatten, aufs 
Ernſtlichſte anfeuerten. Delio hatte dem Herrn 2. Sci⸗ 
pione aus Xtella *) den ganzen bisherigen Verlauf der 
Geſchichte erzählt und fagte, er wolle fie in feine Novel- 
lenfammlung aufnehmen, da er doch gewiß wiſſe, daß 
der arme Bologna werde ermorbet werden. Als L. Sci⸗ 
pione und Delio eines Tages in Mailand bei dem gro- 
fen Kloſter ſich zufällig begegneten, kam eben Bologna 
auf einem ausgezeichnet Tchönen fpanifchen Pferde heran 
auf dem Wege nad) San Francesco **) zur Meffe, vor 
ihm ber zwei Diener, von welchen. der eine Speerwaffe, 
der andere die Stundengebete unferer lieben Frau in der 
Hand hatte. Delio fagte fogleich zu dem Attellanen: 
Das ift Bologna. 

Dem Uttelanm aber kam es vor, als fei Bologna 
ganz verftört im Gefichte, und er fagte zu ihm: Bei 
Gott, er thäte beffer, in feiner fchlimmen Lage flatt des 
Gebetbuchs ſich noch eine zweite Lanze vorauf tragen zu 
laſſen. Der XAttellane und Deliv waren num noch nicht 
bis zu San Giacomo gelangt, als fie einen großen Lärm 
hörten; denn Bologna war noch nicht bi8 San Fran- 
cesco gefommen, fo warb er von bem Hauptmann Da: 
niele von Bozolo mit drei wohl bewaffneten Spießgefel- 
len angefallen und mit einem ihm den Leib duch und 
durch bohrenden Stiche elendiglich getöbtet worden, ohne 
dag ihm irgend jemand hätte Hilfe leiſten tönnen. Die 


) In Zoscane. 
») Wohl die jesige Caſerma di e. Zrancesco? 


198 XXIV. Matten Bandello. 


jenigen alfo, welche ihn nach ihrer Gemaͤchlichkeit um- 
gebracht batten, zogen nach vollbrachter That üungehin- 
dert ihres Wegs weiter, und es dachte kein Menſc 
daran, fie darum etwa auf dem Rechtswege zu verfolgen. 


79. Die blonde Ginevra. 


(}, 37.) 


Nachdem wir heute eine gute Zeit von dem legten 
Kriege gefprochen und viele Kriegsliften erzähle haben, 
durch welche ſowol bie Yeinde als die Unfrigen den Sieg 
zu gewinnen firebten, auch der unglüdliche Tod jenes 
braven ehrenfeften und angefehbenen Greifen, des Reftors 
unferes Heeres, Grafen von Collifano, ermähnt worden, 
welcher uns alle ſtets von neuem betrübt, befehlt ihr 
mir nunmehr, mein gnädiger Derr, durch eine anmuthige 
Erzählung die Gefellfchaft wieder aufzubeitern, da faft 
allen Diefe traurige Erinnerung die Tränen in die Au 
gen gelodt bat. Und da ich weiß, daß ich mid) bei euch 
nicht entfehuldigen darf noch kann, will ich eurem Be 
fehle gehorchen und fomit eine Novelle erzählen; ob fie 
euch aber wird aufheitern Tonnen, das muß ich darauf 
‚ankommen laſſen. ebenfalls Hoffe ich, wird, mas ih 
euch biete, durch die Abwechſelung euch unterhalten kön⸗ 
nen. In Spanien alfo, in der Nähe der Pyrenaͤen, 
lebte auf ihrem Schloſſe die Witwe eines Ritters and 
fehr vornehmem Gefchlechte aus diefer Gegend, welche von 


ihm nur eine einzige ſehr ſchöne und reigende Tochter 








hatte und bei fi mit vieler Sorgfalt erzog. Das Kind 


wurde von jedermann die blonde Ginevra genannt, weil 
fie fo lichtes Haar hatte,. daß es blanken glänzenden Gold- 
fäden glich. Wielleicht eine halbe Tagreiſe von dem Drte, 


79. Die blonde Ginevra. 19 


wo die blonde Gineora wohnte, lag die Burg eines jun- 
gen Ritters, der auch vaterlos war, und nach bem Wil- 


len feiner Mutter lange Zeit in Barcelona’ vermeilt hatte, 


um bort zu flubiren und zugleich gute, feine Sitten und 


eine abelige Erziehung fich ‚anzueignen. Er war nicht 


allein höflich und anmuthig geworden, fondern hatte fich 
neben den Wiffenfchaften auch dem Waffenwefen fo er- 
geben, daß ihm von den ritterlichen Sünglingen in Bar: 
celona nur wenige darin gleih kamen. Als num die 
Barceloner zu Ehren des Königs Philipp von Oſterreich, 


welcher durch Frankreich nach Catalonien zog, um feine. 


Königreiche in Spanien in Beſitz zu nehmen, ein Zur« 
nier anftellten, und zu dem Ende einige junge Männer 
auswählten, mar einer ber hauptfächlichften unter ihnen 
Don Diego, von welchem wir reden. Er bat daher feine 
Mutter, ihn mit dem, was für das Zurnier vonnöthen 


fei, zu verfehen, damit er, wie es fich ziemte, anfländig 


bei dieſer Feſtlichkeit fich zeigen könne Die Mutter, 
welche eine verftändige Frau war und ihren Sohn wie 
ihren Augapfel liebte, fendete ihm Geld die Fülle und 
ftattliche Diener, mit dem Bedeuten, nichtd zu fparen, 
was die Ehre diefes Fefted fordere Er verſah ſich alfo 
mit Waffen und mit Pferden zur Genüge, und übte 
ſich unter Leitung eines geſchickten Fechtmeifterd täglich 
ein. Der König Philipp kam und murde von den Bar 
celonern ehrenvoll empfangen, ja Alles, was in den Kräf 
ten ber Stadt lag, . dazu aufgeboten, denn er war der 
Eidam Ferrando’s des katholiſchen Königs, melcher feiner 


Zeit wegen des Todes ber Königin Iſabella nach dem 


Königreich Neapel gefchifft war, und als diefer Father 
lifche König ſtarb, erbte Philipp von DOfterreich das Ganze. 
Das Lanzenfiehen fand ftatt, und es Tämpften dabei 
lauter edle Zünglinge mit, melche noch nie zuvor Waf- 
fen getragen hatten. Es fiel fehr ſchön aus und Don 
Diego trug den Preis davon. Als der König Philipp 
nun ben neunzehnjährigen Jüngling fah, machte er ihn 


200 XXIV. Matteo Bandello. 


zum Ritter, lobte ihn fehr in Gegenwart der ganyen 
Stadt und ermahnte ihn, flandhaft immer höher zu fire 
ben. Als der König Philipp nach Gaftilien abgereift 
war, ordnete Don Diego feine Angelegenheiten in DBar- 
”celona, und da er nad fo langer Zeit feine Mutter wie 
der einmal zu fehen wünfchte, verließ er die Stadt umd 
begab fi auf feine Befigungen. Seine Mütter nahm 
ihn dort liebevoll auf, und er brachte feine Tage auf 
ber Hirfh- und Eberjagb zu, von welchem Milde es 
einen Überfluß in jener Gegend gab. Manchmal aber 
verflieg er. fih wohl aud in da8 Gebirge und erlegte 
einen Bären. Da gefchah es eines Tags, daß er feinen 
Hunden folgend, die die Spur einiger Rehkaͤlber ausge 
wittert hatten, in dem Didicht ein Nudel Hirfche an 
traf, von denen einer herausfprang und vor ihm vorbei⸗ 
ftef. Sobald er ben Hirfch fah, gab er die Spur der 
Rehkaͤlber auf, um auf ihn Jagd zu machen, befahl eini- 
gen ber Seinen, ihm zu folgen, und fegte dem edeln 
Thiere mit verhängtem Zügel nah. Bier berittene Jä— 
ger aus feinem Gefolge fprengten zwar hinter ihrem Ge⸗ 
bieter ber, aber ihre Eile dauerte nicht lange, ba ber 
Ritter einen vportrefflichen fpanifhen Nenner ritt, wei 
bald fie ihn bald aus dem Geſichte verloren; Don Diego 
aber, welcher dem behenden Laufe des Hirfches folgte, 
entfernte fich immer weiter unb weiter von den Seinen. 
Er mochte ſchon eine gute Strecke zurüdgelegt haben, 
als es ihm nad) einer Weile bäuchte, fein Roß verliere 
ben Athem und der Hirfch entfliehe dagegen immer fchnel- 
ler, weshalb er fehr unmillig wurde. Der Hirfch Fam 
ihm aus dem Gefichte, und weil er einen der Seinigen 
mebr um fi fah, fegte er fein Hifthorn an den Mund 
und fing an, ftark darein zu blafen, um ben Seinigen 
ein Zeichen zu gebe, wo er fei. Die Entfernung zwi. 
Shen ihm. und den Jägern war jedoch fo groß, daß er 
von ihnen nicht mehr gehört werden konnte. Als er nun 
von feiner Geite eine Antwort vernahm, fing er an, 


79. Die blonde Ginevra. 201 


Schritt für Schritt zurüdzureiten, verfehlte aber. ben 
Meg, ba er bdiefer Gegend des Waldes unkundig war. 
Indem er nun nad Haufe zu fommen meinte, näherte 
er fi dem Scloffe der blonden Ginevra, die.mit ihrer 
Mutter und ihren Lehensleuten an diefem Tage auf bie 
* Hafenjagd- ausgezogen war und auf den Ritter zufam. 
Als diefer das Jagdgeſchrei des Gefolges der blonden 
Ginevra hörte, nahm er feinen Weg darauf zu; je näher 
er fam, befto beutlicher war der Lärm; doch wollte es 
ihm fcheinen, ald wären es nicht die Seinigen, und fo 
wußte er nicht, was er thun follte.e Der Abend däm- 
merte fchon herein, die finfende Sonne warf längere 
Schatten, und wie Don Diego erkannte, daß fein Pferd 
ſich kaum noch aufrecht zu erhalten im Stande mar, 
eilte er, um nicht die Nacht allein unter freiem Him- 
mel zubringen zu müffen, fo gut er fonnte, dem 2är- 
men nad. Noch ein Stud Wegs vorwärts gefommen, 
erblickte er mit einem Male in der Entfernung einer Blei« 
nen halben Stunde ein fehr ſchönes Schloß vor fi, in. 
feiner Nähe aber bemerkte er eine Schar Männer und 
Zrauen, die in demfelben Augenblide einen Hafen ge⸗ 
tödtet hatten. Als die Dame, welche Don Diego für 
die Herrin des Schloffes hielt, des Ritters anfichtig 
wurde und an feiner Kleidung und an feinem Pferde 
feinen vornehmen Stand erfannte und bemerkte, daß ber 
Ritter von Müdigkeit überwältigt nicht mehr weiter 
Tonnte, fchicte fie einen ihrer Leute an ihn ab, um zu 
erforfchen, wer es fei. Als fie es erfahren Hatte, ging » 
fie ihm entgegen, empfing ihn fehr höflich und bezeugte 
ihre Freude darüber, ihn zu fehen, ſowol wegen bed 
guten Rufs, den fie von ihm und feiner Tapferkeit ver- 
nommen, ald auch aus Rückſicht auf feine Mutter, mit 
welcher fie wegen der nachbarlichen Verhäftniffe gute 
Freundſchaft hielt. Da es fchon Abend mar, lud man 
Don Diego ein, die Nacht auf der Burg zuzubringen, 


und ſchieee alsbald jemand am feine Matter ab, damit 
9%** 


/ - 


202 XXIV. Matteo Bantello. 


diefe, wenn fie ihn heute Nacht nicht nah Haufe kom⸗ 
men febe, fich nicht beunruhige. Don’ Diego küßte 
Mutter und Tochter die Hand, dankte ihnen fehr für 
ihre Höflichkeit und nahm ihre Einladung an. Darauf 
machten fie fih mit einander auf den Weg nach dem 
Schloffe ber Frauen, nachdem man Don Diego ein fri- 
fches Pferd gegeben hatte, und ließ den fpanifchen Ren 
ner, der ganz außer Athem war, ruhig nebenher geben. 
Unterwegs führten fie verfchiedene Geſpräche, und als 
Don Diego, ein fehr fehöner reigender Jüngling, dabei 
einft die Augen auffchlug, begegnete er den Blicken ber 
blonden Ginevra, welche feſt auf ihm ruhten. Diefer 
‘ wechfelfeitige Blick war fo gewaltig und zundend, daß 
Don Diego zu ihr und fie zu ihm in heftiger Liebe ent- 
brannten und einander fih zu eigen gaben. Der glü- 
hende Liebhaber betrachtete nunmehr die fchone Jungfrau, 
die zwifchen ſechszehn und fiebzehn Jahre alt fein konnte 
und gewandt einen mit Sammet bededten Zelter ritt. 
Sie teug auf ihrem Haupte einen zierlichen Hut mit Fe- 
derbufch, wodurch ein. Theil ihrer Haare bedeckt warb; 
die übrigen wallten zu beiden Seiten des Geſichts in 
traufen Locken herab und fchienen dem Beichauer zu 
fagen: Hier bat Amor mit den drei Brazien feinen Sig 
aufgefehlagen, und fonft nirgends. 

In ihren Obren hingen’ zwei der feinften Jumelen, 
in deren jedem man eine koſtbare morgenländifche Perle 
beobachtete. Darunter entdedite man eine breite hohe 
Etien in deu richrigften Dehälmiffen, auf deren Mitte 
ein fehr feiner in Gold gefaßter Diamant funtelte, ge 
rabe wie man oft am heiten Himmel holde Sterne firah- 
Ien fieht. Die wie Ebenholz ſchwarzen ſtrahlenden Wugen- 
brauen, umfpannt von den kleinſten kurzen Haaren, 
dehnten ſich in angemefjener Entfernung über den bei⸗ 
den fchönen Augen aus, deren Anblid! jeden Beſchauer 
fo fehr entzündete, daß er ſich ganz in loderndem Feuer 
ſtehen fühlte, und ben, ber fie feft anfah, fo biendete, 


Fa 
79, Die blonde Gina. 208 


wie wenn einer feft in die glühende Sonne fehen will, 
wenn fie im Juni mitten am unbebediten Himmel flammt. 
Mit biefen Blicken Eonnte fie jeden tödten und, wenn 
fie wollte, wieder vom Zodte erweden. Die feine Rafe, 
dem übrigen liebreizenden Geficht angemeffen gebildet, 
vertheilte gleichmäßig die rofigen Wangen, welche mit 
lebhaften Weiß und fittfamem Roth befprengt in der 
That zwei Rofenäpfel zu fein fchlenen. Das kleine 
Mündchen hatte zwei Rippen, welche zwei glänzenden 
feinen Korallen glichen. Wenn fie nun ſprach ober lächelte, 
enthüllten fich dazwiſchen zwei Schnüre morgenländifcher 
Perlen, aus welchen man eine fo holde Harmonie mit 
fo anmuthiger Rede hervorbringen hörte, daß die rohe⸗ 
ften und wildeflen Herzen dadurch weich und angenehm 
geworden wären. Was foll ich aber von ber Schönheit 
des anmuthigen Kinns fagen, von dem elfenbeinmweißen 
Hals, von den marmornen Schultern. und bem alabafter« 
nen Bufen, wo fie unter einem ganz feinen Schleier zwei 
zarte feſte runde Brüftchen barg? Ihr jungfräulicher 
Bufen war noch nicht hoch gewölbt, aber zeigte in aller 
Sittfamkeit die dem zarten Alter des Mäbchend unge: 
meffenen Reise. Das Übrige der ſchlanken und eben- 
mäßigen Geftalt durfte nicht minder ſchön fein, wie man 
leicht ſchließen konnte, da man nirgends einen Fehler 
bemerkte. Ich fchweige von den fchlanten Armen mit 
den wunderfchönen Händen, ‘deren Länge, Weiße und 
Weichheit man fah, wenn fie die duftenden Handſchuhe 
abzog. Auch machte fie es nicht, wie manche Mädchen, 
die, indem fie ſich fitffam aufführen wollen, traurig und 
fhwermüthig erfcheinen. Vielmehr zeigte fie fich immer 
mit einem gemäßigt heitern Geficht, wohlwollend, höflich 
und befcheiden. Den geraden weißen Hals umgab ein 
Soldkettchen von ber feinften - Arbeit, welches, vorn auf. 
den Bufen herabhängend, in den engen Pfad herabfiel, 
welcher die Eifenbeinhügel trennte. Das Kleid war von 
weißem Zendel, durchweg kunſtreich ausgefchligt, ſodaß 


u 


204 XXIV. Matteo Banbello. 


ein reicher Goldfloff darunter hervorleuchtete. Wahrend 
fie nun alfo gegen bie Burg ritten, machte fi) Don 
Diego nach Landesfitte an die rechte Seite der blonden 
Ginevra, führte fie am Zügel und fprah mit ihr über 
dies und das. Der Nitter mar ein nicht minder ſchö⸗ 
ner Jüngling, als fie ein fchönes Mädchen. In der 
Wohnung angekommen forderte die Mutter der blonden 
Ginevra ben Ritter auf, ein wenig der Ruhe zu pfle 
gen, und ließ ihn in ein reich geſchmücktes Zimmer füh— 
ren, wo er bie Stiefel auszog. Er hatte zwar fein 
großes Bedürfniß zu ruhen, doch, un der Hausfrau nicht 
zu wiberfprechen, nahm er die Jagdkleider ab und 709 
andere reiche Gewande an, bie fie ihm bringen ließ. Im⸗ 
mer dachte er dabei an die himmlifchen Reize der Jung: 
frau, die ihm eine Schönheit bäuchte, wie er noch nie 
etwas Ahnliches gefehen hatte. Auf der andern Seite 
konnte auch die blonde Ginevra nicht umhin, während 
gr mit einigen Dienern der Dame auf feinem Zimmer 
fi befand, das Bildniß bes Ritters im Sinne zu be 
halten, der ihr in der kurzen Bekanntfchaft fchon als ber 
fchönfte, artigfte und mannhafteſte Jüngling erfchienen 
war, ben fie je gefeben hatte. Auch fühlte fie im Ge- 
danken an ihn eine wunderbare noch nie gelannte Wonne. 
Ohne es zu merken fühlte fie fih am Ende heftig in 
ihn verliebt; und er, ber gleicherweife an fie dachte und 
bald dies, bald jenes an ihr bewunderte, fog unvermerft 
das Liebesgift ein und Fam zu dem Schluffe, daß, wäh- 
rend er einen Hirfch Habe umbringen wollen, er ſelbſt 
von ber ſchönen Sungfrau mit dem Pfeile der Liebe 
tödtlich getroffen, worden ſei. Nachdem Don Diego’ 
Diener ihn lange gefucht hatten, ohne eine Spur von 
ihm zu finden, kehrten fie nach Haufe, in der Meinung, 
er werde auf einem andern Wege nad dem Schloffe zu- 
rüdgelehrt fein. Als fie nun bis auf eine halbe Meile 
zum Schloffe gefommen waren, trafen fie auf den Bo- 
ten, den man an Don Diego’s Mutter abgefandt hatte, 


79. Die blonde Ginevra. 205 


um fie zu benachrichtigen, daß fie ihn heute Abend nicht 
erwarten dürfe. Und weil es ſchon etwa die zweite 
Nachtſtunde war, wollte die Mutter, welche wohl wußte, 
daß ihr Sohn in einer guten Herberge verforgt fei, im 
diefer Nacht nicht, dag noch jemand hingehe. Die bei- 
den. neu Verliebten - hatten noch nicht allzulange ihren 
Gedanken an einander nachgehangen, ald das Abendeffen 
fertig war, das in einem Saale aufgetragen murde. Der 
Ritter ‚wurde dahin geführt, Mutter und Tochter em⸗ 
pfingen ihn artig und höflich und unterhielten ‚ihn mit 
anmuthigen Geſprächen. Man brachte Wafler, womit 
fih auf die Aufforderung der Hausfrau alle drei bie 
Hände wuſchen, und Don Diego mußte "wider feinen 
Willen oben an der Tafel feinen Pag einnehmen. Die 
Hausfrau fegte fi ihm zur Rechten, die blonde Ginevra 
zur Linken und die andern Tifchgenoffen nahmen neben 
: einander der Reihe nach Platz. Das Abendeffen beftand 
aus vielen verfchiedenartigen fehr ſchmackhaften Speifer 
doch aßen die beiden Kiebenden wenig davon. Die Dame 
. hatte bie Löftlichften Weine heraufholen -Iaffen, wiewol 
fie und ihre Zochter keinen Wein tranten. Es ergab 
fh jedoch, dag auch Don Diego niemald Wein genof- 
fen hatte, da er von Kindheit auf fo gewöhnt war, ſo⸗ 
daß fie alle drei Waſſer tranfen. Wäre ich dabei ge: 
weien, fo bätte ich es mit den andern gehalten, melde 
Wein tranten. Denn meine Meinung iſt die, daß alle 
Sprifen der Welt, wenn man feinen Wein dabei hat, 
geſchmacklos find; und je beffer der Wein, deito beffer 
ſchmecken gewiß auch die Speifen. Die nichts weniger 
als fchweigfame Edelfrau wußte den Nitter, den fie viel 
fah zum Effen 'nöthigte, bald von diefem, bald von 
jenem zu unterhalten; und da auch die blonde Ginevra 
Antheil an dem Gefpräche nahm, kam man immer weie 
ter: unb ber Ritter fühlte fi mie im Paradieſe. Was 
er fagte, ermangelte auch nicht des Beifalld der Damen, 
und folcher Geftalt wurde unter Gefpräcen und einem : 


206 | XXIV. Matteo Banbello. 


ausgefuchten Mahle die Zeit bes Abendeſſens heiter hin- 
gebracht. Nach dem Eſſen, bis die Schlafenszeit heran⸗ 
tam, ſprach der Ritter noch viel mit feiner Geliebten, 
wagte aber niemals ihr feine glühende Liebe zu entdecken, 
fagte ihr indes im Allgemeinen, er fei ihr Diener und 
wünfche, daß fie ibm befehle, da er dies als eine grofe 
Gunſtbezeigung betrachten würde. Das Mädchen wurde 
bierüber bald blaß, bald roth und dankte dem Ritter be- 
foheiden für feinen Antrag; und wenn fie auch aus fei- 
nen Geberden und Worten zu erkennen glaubte, daß er 
fie mehr als gewöhnlich liebe, fo gab fie fi) Doch ben 
Anfcein, als ob fie es nicht merke, um ihn in Zukunft 
befto beffer ergründen zu können. Als es num Schla⸗ 
fenszeit geworden war, wünſchten ſie ſich nach der all⸗ 
gemeinen Sitte gute Nacht, und alle legten ſich zu Bette. 
Wie aber die beiden neuen Liebenden geſchlafen haben 
mögen, kann ſich jeder leicht vorſtellen, der ſich je in 
anem ähnlichen Labyrinthe befunden. Sie ſchliefen nicht 
und brachten die ganze Nacht in Gedanken hin, zwiſchen 
Furcht und Hoffnung, bald fi Vorwürfe machend, bald 
fih ermunternd, das Unternehmen zu verfolgen. 
blonde Ginevra meinte in dem Benehmen des Ritters 
ein gemwiffes Etwas wahrgenommen zu haben, was ihr 
ald Zeichen und Pfand feiner Liebe galt und fie ver 
fiherte, daß fie ihrerſeits nicht vergebens lieben oürde 
Mit diefen Gedanken unterftügte und hegte fie ben ſchon 
begonnenen Liebesbrand. Don Diego fand in feinem 
Sinne die Jungfrau artig, verftändig und fo reizend 
und fchön, als er ſich nur vorftellen mochte, und fühlte 
fih überall glühen; kurz er war gemöthigt fie zu lichen, 
wenn er auch. nicht wollte. Doch ſchien ihm, obgleich er 
fih ihr einigermaßen enthüllt hatte, daß er in ihr keine 
- entiprechende Gefinnung, wie. er gewünfcht, gefunden 
babe, und war deshalb über feine Liebe im Zweifel. Ex 


tröſtete fich jedoch damit, daß fie noch fehr jung fei und 


daß in ber Regel die jungen Mädchen fehr fittfam fein 





79. Die blonde Ginevra. 207 


müffen und dem Gerede junger Männer nicht fo leicht. 
Glauben ſchenken dürfen; babei hoffte ex durch treue 
Dienfte fie fchon noch zu geivinnen. Died waren bie 
Gedanken der beiden neu Verliebten in dieſer Nacht. 

Sobald es wieder Tag geworden war, kamen Don Die- 
go's Diener, um ihn nah Haufe zu begleiten. Die 
Edelfrau, die bereits aufgeftanden war, batte aber an« 
geordnet, daß bei Zeiten ein anſtändiges Mittagsmahl 
bereitet werde, weit fie nicht wollte, daß der Ritter fchon 
des Morgens ſcheide. Er ließ fich gerne bereben, ba er 
nur immer bätte die blonde Ginevra fehen mögen. Als 
fie diefen Morgen aufftand, kleidete fie fih, um ihrem 
Geliebten Freude zu machen, ſehr reich umd zierlich, ſo⸗ 
dag Allee an ihr zu lachen fchien. Sie befchaute ſich 
wieder und wieder int Spiegel und ging auch mit ihrem 
Mädchen zu Rath, damit gar nichts Tadelnswerthes an 
ihr bliebe. So trat fie aus ihrem Gemach und ging in 
einen Garten, wo ihre Mutter im Gefpräche mit dem 
Pitter auf und ab ging. Sobald er fie fah, grüßte er 
fie ebrerbietig und betrachtete fie genau. Wenn fie ihm 
nun ben Tag zuvor Außerft Schon vorgelommen war, fo 
fchien ihm heute die größte Schönheit, die man an einem 
Weibe verlangen könne und die je Dichter erfonnen, in 
ihr verwirklicht, fobaß er feine Augen gar nicht von ihr 
Iosmachen konnte. Auch ihr ſchien es, ber Nitter fer 
doch ber fchönfte und anmuthigfte Süngling, den man 
finden könne. So weideten fi ihre liebenden Augen 
an biefem holden Anblid. Nach dem Efien, als die 
Dferde Don Diego’s in Ordnung waren, fagte er ber 
Gebieterin des Schloffes den größten Dank, ben er wußte 
und konnte, küßte ihre die Hände und bot ſich ihr immer 
zu bereitwilligften Dienften an. Dann wandte er fi 
zu der blonden Ginenra, küßte ihr demüthig die Hände 
und wollte ihr Mancherlei fagen; aber vor übergroßer 
Liebe wußte er kein Wort hervorzubringen und ver« 
mochte eben fo wenig ihre zarte Hand loszulaſſen. 


208 XXIV. Matteo Bandello. 


Dies war der Jungfrau ein ficheres Zeichen, daß der 
Mitter fie innig liebe. Sie war barüber fehr vergnügt 
und fagte faft mit zitternder Stimme: Herr Don Diego, 
ich bin ganz die eure. | 
Darauf nahm er, fo gut er konnte, von allen Ab- 
fchied, flieg mit den Seinigen zu Pferde und kehrte zu 
feinee Mutter zurüd, der er von ber freundlichen Auf— 
nahme und der großen Ehre erzählte, die ihm erwie⸗ 
fen worden war. Zwiſchen den beiden Witwen be 
ſtand ein altes Freundfchaftsverhältniß; ſodaß fte fich oft 
zu befuchen und bei einander zu fpeifen pflegten. Als 
Don Diego dies von’ feiner Mutter erfuhr, befchloß er 
ein Feſt zu veranftalten und auch die blonde Ginevra 
nebft ihrer Mutter einzuladen, und fo gefchah ed. Das 
Heft war ſehr ſchön und unterhaltend, es war Mufif 
zubereitet und angefehene und fchöne Frauen eingeladen. 
Der Ritter tanzte mit der blonden Ginevra einige Tänze, 
wurde nach und nad) vertrauter mit ihr und fing nun 
an, mit ſchicklichen Worten ihr feine Liebe und Die Bein, 
die ihm dieſe LZeidenfchaft verurfache, zu enthüllen. Sie 
wollte zwar einige Zeit fpröde mit ihm thun, aber fie 
vermochte es nicht; woraus denn ber Ritter leicht merkte, 
daß fie nicht weniger für ihn empfinde. Nach dem Tanze 
wurden. einige Spiele gefpielt, und ber Ritter verfäumte 
nichts, was die. Gefellfchaft vergnügen und die blonde 
Ginevra und ihre Mutter ehren fonnte. Indem num bie 
zwei Liebenden die Flammen zu dämpfen ftrebten, von 
welchen beide glühten, fachten fie fie nur noch mehr an, 
und eines fog vom andern durch den Anblid das Kiebes- 
gift ein. Da alfo der junge Ritter diefen Umgang fort- 
fegte und feine Geliebte auch oft im Haufe befuchte und 
fie in fein Haus einlud, merften bie beiden Mütter ihre 
Liebe und misbilligten dieſes Verhaͤltniß auch gar nicht; 
denn die Mutter des Ritters hätte die blonde Ginevra 
gerne zur Schwiegertochter angenommen, und bie andere 
Witwe Don Diego nicht minder gern zum Eidam erhal 








79. Die blonde Ginera 209 


ten. Wie es aber häufig zu gefchehen pflegt, daß ge: 
wiſſe Rüdfichten, welche die Menfchen tragen, taufend 
fhöne Plane vereiteln, fo wollte keine von den beiden 
Sreundinnen bie erſte fein, die dieſe Angelegenheit zur 
Sprache bräcdte. In der Nähe. diefer Burgen lag bie 
Wohnung eines reichen mit Don Diego fehr befreunde- 
ten Ritters. Mehrmals ftund Don Diego auf dem 
Punkte, ihm diefe Liebe zu offenbaren ynd ihn um Math 
anzugehen; . und doch hielt er ſich immer wieder zurüd, 
indem er fürchtete, feine Geliebte zu beleidigen. Die 
Vertraulichkeit zwiſchen den beiden Xiebenden war nun 
fo weit gediehen, dab Don Diego faft täglih auf das 
Schloß der Frau kam, dort drei bis vier Stunden fich 
unterhielt, oft noch zu Nacht fpeifte und dann nad) Haufe 
zurückkam, ſodaß jedermann diefe ihre Kiebe merkte. Beide 
Verliebte wünfchten nichts fehnlicher, als ſich durch das 
Band der Ehe vereinigt zu fehen, aber die blonde Gi⸗ 
nevra wagte nicht, ihrer Mutter ihr Verlangen zu offen« 
baren, und ebenfo fagte ber Ritter nichts zu feiner Mut⸗ 
ter. Die Mütter dachten auch, bie beiden feien noch 
jung genug und es feinoc lange Zeit, fie zu vermäh- 
In; deswegen fagten fie auch weiter nichts und freuten 
fih über diefen Umgang. Wahrend die Sachen fo ftan- 
den, begab «8 fi, daß ein fehr ſchönes Mädchen, die 
Tochter eined. Landedelmannes, die häufig in das Schloß 
der blonden Ginevra Fam, fich heftig in Don Diego ver- 
liebte und fich die größte Mühe gab, feine Gegenliebe 
zu erringen. Der Ritter aber, deffen Sinn allein auf die 
blonde Ginevra gerichtet war, kümmerte fih ganz und 
gar nicht darum, was fie that. Da brachte diefe Gi- _ 
nevra *) einft einen, vortrefflichen Sperber in ihren Be⸗ 

fig, und fendete denfelben, wohl wiffend, wie großes Ge- 
fallen Don Diego an berlei Raubvögeln fand, dem Rit 
ter zum Geſchenke. Der Ritter dachte an weiter nichte 


) Später heißt fie Ifabela. Bielleicht ift hier aud fo zu lefen. 


210 XXIV. Matteo Bandello. 


und nahm ihn an, gab dem Überbringer ein Paar 
Strümpfe zum Gefchent und ließ der Jungfrau unte 
taufend Dankfagungen dafür feine Gegendienfte entbie 
" ten. Es war gerade an ber Zeit, Rebhühner zu jagen; 
der Vogel ermwils fich als einer der zu diefem Gebraud 
am beiten abgerichteten, und ſo ift nicht zu verwundern, 
daß Don Diego ihn äußerſt lieb gewann. Er hatte ber 
blonden Ginevra fhon zwei mal Rebhühner zugefanit, 
und wie er zu ihr zum Befuhe kam, führte er den 
Sperber auf der Fauft mit fi, ſprach von feiner Vor⸗ 
trefflichkeit und fagte, er habe ihn fo lieb, wie feinen 
Augapfel. Es ift fchon angedeutet worden, daß jeber- 
mann fich ber Liebe der beiden verfahb. Als man nun 
eines Tags im Haufe ber blonden Ginevra in ihrer Ge 
genmwart von Don Diego fprah und er von allen als 
tugendbafter vollfommener Ritter gelobt wurde, fagte ein 
Ser Graziano, es ſei wahr, daß Don Diego ein tugend- 
bafter junger Mann fei, aber er komme ihm vor wie 
der Efel des Töpfers, der an jebe Thür feinen Kopf 
ftößt. Die blonde Gineora wunberte fi über diefe Ver 
gleichung und bat ihn fich deutlicher zu erklären. Die 
ſer, der fi fehr viel auf feine Weisheit einbildete, fagte: 
Fräulein, die Zöpfer, wenn fie Töpfe, Schüffeln und 
anderes irbenes Gefchirr verkaufen, gehen, reiten auf 
einem Efel durch die Straßen und halten an jeder Thür. 
Gerade fo macht es der Ritter Don Diego. Er fängt 
Liebfchaften an mit allen Mädchen, die er ſieht, und fo 
ift er jege glühend verliebt in bie Tochter des Herm 
Ferrando von la Serra; von ber hat er einen Sperba 
befommen, den er höher hält als fein Leben. 

Ich weiß nicht, ob jener thörichte Menſch aus ige 
nem Antrieb, oder auf fremde Veranftaltung diefe Worte 
fprrad. So viel aber ift gewiß, daß fie großes Unheil 
ftifteten, wie ihr hören werdet. Die blonde Ginevra hatte 
fie nämlich kaum angehört, fo entfernte fie ſich und 309 
ſich in ihr Zimmer zurück, wo ein: folder Zorn und eine 


79. Die Ölonde Ginevra. 211 


ſolche Eiferſucht über fie kam, daß fie faſt verzweifelt 
wäre. Sa, fie erbitterte ſich nach und nach dergeſtalt, 
daß ihre vorher fo große Liebe zu Don Diego ſich in 
den bitterfien Haß verwandelte, der. fie nicht entfernt 
daran denken ließ, daß jener aus Neid oder Bosheit fo 
gefprochen haben könne, Kurze: Zeit nach jenem Ereig⸗ 
niß Fam der Ritter feiner Gewohnheit gemäß zum Be⸗ 
fuche zu feiner oder vielmehr nicht mehr feiner blonden 
Ginevra, die, fobald fie hörte, daß er im Schloſſe ab- 
geftiegen fei, fi in ihre Zimmer verfügte und verfchloß. 
Der Ritter tam in: den Saal, fing an mie ber Mutter 
des erzurnten Mädchens zu fprechen, unterhielt fich mit 
ihe eine gute Weile und erzählte ihr die Wunder feines 
Sperbers, den er auf der Fauſt hielt. Als fich die blonde 
Ginevra gar nicht wie ehedem vor ihm fehen ließ, fragte 
ev nach ihr und erhielt die Antwort, fie fei bei feiner 
Ankunft in ihre Zimmer gegangen. Er antwortete bier. 
auf weiter nichts; doch als es ihm Zeit ſchien, verab⸗ 
fchiebete er fich von dev Witwe und ging weg. Im Hin⸗ 
abgehen auf der Treppe begegnete er einer Zofe bed Fräu⸗ 
leins, zu welcher er fagte, fie möge in feinen Namen 
ihrer Gebieterin die Hände küſſen. Diefe Dienerin war 
in das Liebesverftändniß beider eingeweiht, wußte aber 
noch nichtö von dem Arger mit dem Sperber und ent» 
ledigte ſich ihres, Auftrags an das Burgfräulein. Die 
“ blonde Sinevra hatte bereits erfahren, daß Don Diego 
mit dem Sperber auf ber Fauft gekommen fei und ihn 
außerordentlih gelobt habe. Da fie nun vollfommen 
überzeugt war, daß. er mit jenem andern Mädchen eine 
Liebſchaft habe, Hielt fie fi durch dieſes Betragen für 
verhöhnt und verfpottet; fie entrüftete ſich dadurch nur 
um fo ärger über ihn und fegte ſich ihre Grille fo feſt 
in den Kopf, daß nichts in der Welt im Stande ger 
wefen wäre, fie wieder daraus zu entfernen. Die Zofe 
trat nun in bas Zimmer und richtete die Botfchaft des 
Ritters aus. 


4 


212 | XXIV. Matteo Bandello. 


D du 'teeulofer Liebhaber, rief fie noch mehr ent- 
rüftet aus, Verwegener, daß du, nachdem du mich ver- 
rathen und um eine andere mir keineswegs gleiche ver- 
laffen haft, nody magft, mir wieder zu nahen und zur 
Bergrößerung meines Hohns mir Handküffe zuzufchiden. 
Aber ich will dir bei Gott die Ehre widerfahren laffen, 
die du verdienft. 

Sie erzählte Hierauf ihrer Zofe die ganze Gefchichte 
mit dem Sperber und Don Diego's Liebſchaft mit der 
Tochter ded Herrn Ferrando. Als die Kammerfrau diefe 
Gabel hörte und fie für durchaus wahr binnahm, lobte 
fie ihre: Gebieterin fehr über ihren Vorſatz und goß noch 
DI ind Feuer. Eben dieſes Mädchen war in einen jun- 
gen Menfchen im Haufe verliebt, der, ich wüßte nicht 
zu fagen, aus welchem Grunde, Don Diego’n höchſt 
übel wollte und dem deffen muthmaßlihe Verbindung 
mit der blonden Ginevra ein Dorn im Auge war. Wie 
er nun von dem Unwillen des Fräuleins Kunde erhielt, 
fann er fich alsbald eine Lüge aus und gab gegen feine 
Geliebte vor, von einer glaubwürdigen Perfon gehört zu 
haben, Don Diego würde ohne die Rückſicht, weldye er 
auf feine Mutter zu nehmen hätte, das Fräulein mit 
dem Sperber fchon geheirathet haben. Die Zofe mußte 
diefe zweite Züge ihrer Herrin zuflüftern, welche ihr lei- 
der ein nur allzu geneigtes Ohr lieh. Unb da fie ent- 
fhloffen war, dieſes Verhältniß zu zerreifen und Don 
Diego's fernere Befuche zu verhüten, fo ‚geb fie einem 
Edeltnaben das Geheiß, nächſtfolgenden Tags vor das 
Schloß hinaus an eine gewiſſe Stelle zu gehen, und 
wenn Don Diego komme, auf ihn zuzutreten und ihm 
zu ſagen: Herr Don Diego, die blonde Ginevra ſchickt 
mich zu euch und läßt euch ſagen, ihr möget nur dahin 
geben, woher ihr euren fo werthen Sperber erhalten 
habt; denn hier werbet ihr meber Rebhühner noch Wach⸗ 
teln mehr fangen. 

Der Edelknabe ging zur rechten Zeit an den ihm an- 


79. Die blonde Ginevra. J 213 


gewieſenen Ort und blieb dort ſtehen, bis Don Diego 
nach ſeiner Gewohnheit hinkam. Sobald ihn der Knabe 
erblickte, ging er ihm entgegen und ſagte ihm, was ſeine 
Gebieterin ihm aufgetragen. Der kluge und einſichtige 
Ritter verſtund gut den Sinn dieſer räthfelhaften Worte 
und fehrte fehr misvergnügt nach Haufe. Dort ange» 
tommen, begab er ſich auf fein Zimmer und fchrieb einen 
für die Umſtände paffenden Brief, nahm den Sperber, 
brachte ihn um und fandte ihn nebft dem Briefe durch 
einen Diener zu Pferde an die blonde Ginevra. Als 
der Diener zu ihr kam, wollte fie aber weder Brief noch 
Sperber annehmen und fagte nur mündlich zu bem Bo- 
ten: Guter Gefell, fage deinem Herrn, er möge mir 
nicht mehr vor die Augen kommen, denn ich bin nun 
über ihn ganz im Klaren und danke Gott von ganzem 
Herzen, daß er mir zu rechter Zeit noch die Augen geöff- 
net über feine Treuloſigkeit. 

Der Bote Eehrte mit diefer heftigen Antwort zu fei- 
nem Heren zurüd und meldete ihm Alles dei Reihe 
nah. Wie fehr diefe Borfchaft ihn erfchredte und in 
Staunen verfegte, wie er jammerte über fein Unglüd 
und fich härmte,. ift nicht zu fagen. Er verfuchte tau- 
fend Wege, um fie aufzuklären und ihr zu wiſſen zu 
tbun, daß fie von böfen Zungen betrogen worden fei; 
aber Alles war umfonft. Sie wollte fi durchaus nicht 
befänftigen laffen und den gerechten ia den 
ihres aufrichtigen Liebhabers fein Ohr verleihen. Ihre 
vorgefaßte irrige Meinung hatte fchon fo tiefe Wurzeln 
in ihr Herz gefchlagen, daß fie: diefelbe meht mehr aus- 
rotten konnte. Daher wollte fie auch. weder Briefe noch 
Borfchaften mehr von ihm annehmen. Als fich der un- 
glückliche Liebhaber ohne feine Schuld fo behandelt fah, 
und einen fo großen Kummer nicht ertragen konnte, auch 
weder Mittel noch Wege wußte, ſeine Flamme zu löſchen, 
die immer weiter zu greifen ſchien, verfiel er in eine 
Schwermuth, die ihm fh tödtlih wurde. Die Kranf- 


° 


214 XXIV. Matteo Banvello. 


beit des Ritters war leicht zu beurtheilen, ba er von 
feiner Gewohnheit, das Fräulein zu befuchen, ganz ab- 
gelaffen hatte. Die beiden Witwen achten darüber und 
meinten, es fei nur ein Eindifcher Zwifl. Nachdem aber 
Don Diego die Überzeugung gewonnen, daß er alle Mit- 
tel und Wege, bie ihn zu einem Ziele führen fonnten, 
umfonft verfucht Habe, ward er bes Lebens überbrüffig. 
Dod wollte er ſich nicht felbft umbringen und befchlof 
daher, einen andern Weg zu verfuchen, nämlich von der 
Urfache feines Kummers fi zu entfernen und eimige 
Zeit in der Welt umberzufhweifen, in der Hoffnung, 
diefer herbe Schmerz werde ſich mit der Zeit lindern. 
An diefen graufamen Borfag wählte er von feinen Sa⸗ 
chen aus, was ihm mitzunehmen nöthig fchien, und um: 
ter anderem ließ er Einſiedlerkleider machen für ſich und 
einen Begleiter, den er überall hin mit zu nehmen beab- 
fichtigte. Dann fihrieb er einen Brief, den er einem fei- 
ner Diener mit den Worten gab: Ich entferne mich von 
bier in gewiffen Ungelegenheiten und mil nicht, daß 
meine Mutter oder irgend wer erfahre, wohin ich gebe. 
Wenn ich fort bin und meine Frau Mutter fragt nad) 
mir, fo fagft dur, du wiſſeſt nicht, mo ich fei, ich babe 
aber gefagt, ich komme in drei Wochen zurück. Wenn 
ih dann vier Tage fort bin, nicht früher, trägft bu bie 
fen Brief, den ich bir hier gebe, an die blonde Ginevra, 
und wenn fie ihn nicht annehmen will, fo übergibft du 
ihn ihrer Mutter. Hüte dich aber, fo lieb dir bein 2e- 
ben ift, von diefem Befehle in nicht abzumeichen! 

Der Diener antwortete, er folle ruhig fein, er werbe 
alles genau nad feiner Verordnung beforgen. Als die 
gefchehen mar, rief Don Diego einen andern vertrauten 
Diener zu fi, welcher ein rechtſchaffener und melterfah- 
remer Mann war; biefem eröffnete er fein ganzes Her 
mit feinem Plane. Der reblihe Mann tadelte biefen 
unvernünftigen Vorfag heftig und bemühte ſich mit trif 
tigen Gründen ihm diefe Tollheit auszureden; aber es 


79. Die blonde Ginevra. 915 


half Alles nichts, denn fein Entfchluß fand fe. As 
der treue und ihm herzlich ergebene Diener dies bemerkte, 
dachte er bei fi, es fei noch das geringere Übel, wenn 
er mitgehe; mit der Zeit könne er ihm ſchon diefe Grille 
aus dem Kopfe treiben und, wenn er bei ihm bleibe, 
ihn von andern noch ſchlimmeren Dingen abhalten. Er 
ſagte alſo, er werde mitgehen und ihn nie verlaffen. 
Als fie nun eins geworden waren, trafen fie die nöthi- 
gen Anordnungen, in ber folgenden Nacht fliegen beide 
zu Pferde, Don Diego auf feinen trefflichen fpanifchen 
Klepper, der wundervoll trabte, und der Diener auf einen 
rüftigen Gaul, der auch das Felleifen tragen mußte. Es 
war etwa drei Uhr nah Sonnenuntergang, ald fie ab» 
teiften. Sie ritten die Nacht durch rüflig fort, und als 
es anfing zu tagen, fehlugen fie, um von niemanden ge- 
fehen zu werden, . unbetretene Nebenwege ein, auf denen 
fie bis zum Mittag weiter drangen. Es war im Mo- 
nat September und nicht fehr warm. Der Ritter hielt 
dafür, nunmehr eine gute Strecke von feiner Wohnung 
entfernt zu fein und den Pferden eine Erholung. gönnen 
zu können. Er fehrte daher in ein von allen Straßen 
abgelegenes Bauerngehöft ein und kaufte dort, was für 
fie und ihre Pferde nöthig war; fie aßen und ließen bie 
‚Pferde etwa brei Stunden ausruhen, was fie fehr be- 
durften. Sodann wieder auffleigend, fepten fie drei Tage 
auf gleiche Weiſe ihre Wanderfchaft fort, bis fie an den 
Fuß eines hohen Berges kamen, welcher viele Meilen von 
der Landſtraße entfernt lag. Die Gegend war wild und 
öde, mit mannichfaltigen Bäumen bewachſen und mit 
Kaninchen und Hafen unb anderem kleinen Wild bevöl⸗ 
tert. Es Tag bier eine für viele Menſchen geräumige 
Höhle, bei welcher ein frifcher klarer Quell aus dem Bo 
ben riefelte. Als der Ritter diefen Drt fah, ber ihm am 
endlich wohlgefiel, fagte er zu dem Diener: Bruder, 
bier. foll mein Aufenthalt fein, fo lange mir dieles kurze 
Leben währt. 


216 XKIV. Matteo Bandello. 


Sie fliegen barauf beide ab, nahmen ben Pferden 
Sattel und Zaum ab und ließen fie laufen, wohin fie 
wollten; auch erfuhr man nicht mehr von ihnen, dem, 
da fie Gras abweidend fi von ber Höhle entfernten, 
fteht zu glauben, daß fie den Wölfen zur Beute wur 
den. ° Der Ritter ließ Sattel und Zeug und das übrige 
Gepäck in ber Grotte zur Seite ftellen, legte feine all 
täglichen Kleider ab und hüllte fih wie fein Diener in 
die Einftedlergewanbe, worauf fie ben Eingang ber Grotte 
dergeſtalt mit Aften verrammelten, daß kein wildes Thier 
- eindringen konnte. Die Grotte war fehr geräumig und 
ganz in trodenen Grund ausgehöhlt. Hier bereiteten fie 
fih von Buchenlaub, fo gut es geben konnte, zwei bürf- 
tige Lagerftätten und brachten auf diefe Weife viele Tage 
zu, indem fie ihren Hunger an wilden Thieren ſtillten, 
die der Diener mittelft einer mitgebrachten Armbruft er 
legte, häufig aber au von Wurzeln, Kräutern, wil- 
wachfenden Früchten, Eicheln und dergleichen, und den 
Durft mit Brunnenmaffer ftillten, was bem Ritter keine 
große Entbehrung war, da er Feinen Wein trank. Solch 
ein elendes Waldleben führte Don Diego, welcher nichts 
anderes that, als daß er die Härte und Grauſamkeit fe 
ner Dame beweinte, und wie ein wildes Thier den gar- 
zen Tag einfam durch die Bergfchluchten irrte und viel- 
leicht gerne einem Bären begegnet wäre, daß diefer ihm 
das Leben nehme. Der Diener ließ es fih angelegen 
fein, fo viel ex konnte, Wildpret zu erbeuten, und er 
mahnte feinen Herrn jederzeit, wenn es die Gelegenheit 
mit fi brachte, diefe unmenfchliche Lebensweife zu ver- 
laffen und nad Haufe zurückzukehren und bie blonde 
Ginevra ald eine Thörin zu behandeln, was fie auch war, 
da fie ihr Glück nicht verfland und nicht verdiente, daß 
ein fo edler und reicher Ritter fie liebte. Wenn dann 
die Rede auf diefe Dinge fam, fo mochte Don Diego 
doch nicht leiden, bag von ihr übel gefprochen wurde, 
und er gebot feinem Gefährten, von etwas anderem zu 





79. Die blonde Ginevra. 2317 


eben, indem er wieder anhub zu weinen und zu ſeuf⸗ 
‚en. Er verlor auf diefe Weiſe bald feine geſunde Ge⸗ 
ſichtsfarbe und wurde täglich mehr mager und abgezehrt, 
fodaß er einem Wilden ähnlicher fah, als einem Men- 
ſchen. Deögleihen hatte ihn fein aſchgraues Gewand 
mit der Kapuze hinten, fein langgewachſener Bart, fein 
verworrened Haar und feine täglich mehr einfintenden 
Augen fo außermaßen entftellt, daß von feinen früheren 
Zügen auch feine Spur übrig geblieben war. Wie Don 
Diego's Mutter ihn am nächften Morgen nicht zu Tiſche 
kommen fab, fragte fie nach ihm. Der Diener, weichem 
der Ritter den Brief an bie blonde Ginevra gegeben 
hatte, berichtete der Mutter, daß er mit einem einzigen - 
Diener ausgeritten fei und hinterlaffen babe, ex werde‘ 
binnen drei Wochen zurüdkehren. Die gute Mutter be- 
ruhigte fih damit. Als die vier Tage nach des Ritters 
Abreife um waren, brachte der Diener der blonden Gi⸗ 
nevra den Brief und händigte ihr, die er gerade mit 
ihrer Mutter im Saale traf, mit ber ſchuldigen Ehrer- 
bietung benfelben ein. Sobald fie merkte, daß der Brief 
von Don Diego ˖kam, warf fie ihn zu Boden und fagte 
voll Zornd und mit ganz entfärbtem Gefichte: Ich habe - 
ihm doch fagen laffen, daß ich von feinen Briefen und 
Sendungen nichts will. 

Die Mutter lachte und ſagte: Das iſt doch ein gewal⸗ 
tiger Zorn. Gib mir dieſen Brief her, ich will ihn leſen. 

Einer der Dienſtleute des Hauſes hob den Brief auf 
und überreichte ihn feiner Gebieterin. Dieſe öffnete ihn 
und las Folgendes: Dieweil alfo, meine Gebieterin, meine 
Unfhuld Feine gute Statt in eurem Herzen findet, mo 
fie fih dur Eröffnung der Wahrheit rechtfertigen möchte, 
und da ich aus unzmweideutigen Zeichen erkennen muß, 
euch nicht nur läftig zu fein, fondern. auch, tödtlich von 
euch gehaßt zu werden, es aber nicht ertragen kann, daß 
ih euch in irgend einem auch noch fo unbedeutenden 
Stüde Anlaß zum Misvergnügen werde, habe ich be= 

Staliänifcher Novellenfchab. III. 10 


318 XXIV. Matteo Bandello. 


föhloffen, fo meit von hier wegzugehen, daß weder ihr 
noch fonft jemand jemals. von mir wieder hören foll, da- 
mit ihe, wenn auch ich noch fo unglüdlich bin, vergmügt 
teben könnt. Es ift mir fehr hart und über die Magen 

vol, mi von euch verfhmäht zu ſehen; aber un- 
gleich härter und qualvoller ift e8 mir, zu wiffen, daf 
ihr über mich ober über etwas, mas ich thue, wenn es 
auch gut gemeint war, euch erzürnt oder Franke. Mir 
ift jede Strafe geringer, als die, bie mir euren Unwil⸗ 
len zu Wege bringt. Mein fchwaches Leben wird nicht 
lange fo harte Martern ertragen, wie die find, die ich 
jede Stunde erdulde. Ehe es alfo, was bald gefchehen 
wird, zu Ende geht, babe ich euch in diefem meinem 
legten Briefe die einfache Wahrheit meiner Angelegen- 
beiten vorftellen wollen, nicht etwa um euch zu befcha- 
men, fondern ale ein Zeugniß meiner Unfhuld. Denn 
da ich nicht in eurer Ungnade leben wit, foll wenigfiens 
die Welt wiffen, daß ich euch, wie nur immer ein Mann 
eine Frau lieben kann, geliebt habe, liebe und emig lie 
ben werde, und bie fefte Hoffnung habe, wenn ich todt 
bin, werdet ihr, obſchon zu fpät, für mich Mitleid füh- 
len; denn ihr werdet am Ende einfehen, daß ich nie, 
auch nicht in Gedanken, etwas begangen habe, was euch 
vernünftiger Weiſe betrüben könnte. Ich liebte euch, wie 
ihr wißt, nicht, um euch eure jungfräuliche Ehre zu rau- 
ben, fondern um euch, wenn es’euch gefiele, zur Ge- 
mahblin zu befommen, und bafür babe id) fein beſſeres 
Zeugniß, ale euch felbfl. Da ihe nun um feiner andern 
Urfache willen, ald wegen des mir biefer Tage zum Ge 
ſchenk gemachten Sperbers, mir zürnt, fo fage ich euch, 
daß Ifabella, die Tochter des Herrn Ferrando, mir ben 
befagten Vogel zum Geſchenk überfandte, und daß ich 
geglaubt haben würde, eine große Unhöflichkeit zu be: 
gehen,. wenn ich ihn nicht angenommen hätte, weil dies 
unter Wdeligen gebräuchliche Geſchenke find. Mit Zia- 
bella aber habe ich nie und nirgends, . ald in eurem 





719. Die blonde Ginevra. 219 


Haufe und in eurer Gegenwart gefprochen. Ob fie mid) 
auf die Weife geliebt hat, wie ihr euch einbildetet, weiß 
ich nicht, weil fie gegen mich felbft fein Wort darüber 
äußerte. Hätte fie dies je gethan, fo würde fie bald Klar 
darüber geworden fein, daß ich nur ein Herz habe, das 
nicht mehr frei war, da ich ſchon euch damit ein un⸗ 
wiberrufliches Gefchent gemacht hatte. Wenn fie nun 
erfährt, dab ih aus Rückſicht auf euch ihren Sperber 
erwürgt und den Hunden zu freffen gegeben babe, fo 
denke ich, wird fie verfichert fein, daß ich fie nicht liebe; 
und daraus hättet ihr gleichfalls meine Unfchuld erkennen 
mögen. Nichts defto weniger hat der düſtere bichte Schleier 
heftigen und ungerechten Zorns eure Augen fo fehr um: 
fangen und geblendet, daß er euch die Wahrheit nicht 
ducchfchauen läßt. Ich wüßte euch kein anderes Zeugniß 
für meine Unfchuld zu geben, als mein Herz, das bei 
euch weil. Es fei darum, da es euch fo wohlgefälle. 
Seitdem ihr mich haft, kann ich nicht umhin, mid, felbft 
zu haſſen; und da ich fehe, daß euch mein Tod ange 
nehm ift, fo werde ich fterben. Nur das allein fehmerzt - 
mich, daß, während ich ſchuldlos bin, ihr fchuldig werdet. 
Mein Zod wird nur ber kurze Aushauch eines Seufzers 
fein, aber die Grauſamkeit, die ihr gegen mich geübt, 
wird eisch unabläffig vor Augen ſchweben. Ich bitte Gott, 
euch ebenfo fröhlich zu machen, als ihr mich "traurig 
wünſcht. Gott fei mit euch! 

Die Witwe war vom höchften Erſtaunen erfüllt, ale 
fie diefen Brief gelefen hatte. Sie ſchalt ihre Tochter 
ernſtlich aus, einen fo artigen und ehrenfeften Ritter auf 
das Außerfte gebracht zu haben, und fagte ihr viele böſe 
Worte. Diefe aber war fo erzürnt und haßte den Ritter 
jo ſehr, daß es ihre ein Genuß fchien, zu vernehmen, 
er trage ihretmegen Reid. Die Witwe ließ fodann Don 
Diego's Diener wieder vor fih rufen und fragte ihn, 
feit wann fein Herr abgeräft fe. Er ſagte, es ſeien 
fünf Tage 

10* 


2320 XXIV. Matteo Bandello. 


Wohlan denn, fagte fie, geh und empfiehl mich feiner 
Mutter! . 

Sie wollte nicht, daß außer ihrer Tochter jemand 
den Inhalt des Briefed erfahre, und als fie mit derfelben 
fihalt, befanden fie fih allein. Don Diego's Mutter 
fodann, als fie nach vierzehn Tagen und drei Wochen 
ihren Sohn nicht heimkehren fah, und noch weiter um⸗ 
fonft gewartet hatte, war ganz mismuthig und fehidte 
an alle erdenklichen Orte bin, um Kunde von: ihm zu 
erhalten; aber fie fonnte nie etwas über ihn ausfindig 
mahen. Da fie jedoch ein unbeftimmtes Gerücht ver- 
nommen hatte von dem Zorne ber blonden Ginevra in 
Beziehung auf ihren Sperber, Tief fit bei ihrer Mutter 
anfragen, ob fit nicht wiffe, wo Don Diego fei; diefe 
aber, um fie nicht in Verzweiflung zu bringen, verheim- 
lichte ihr den Inhalt des Briefes an ihre Tochter. Wie 
ſchmerzlich das Leben der unglüdlichen Mutter Don Diego’s 
fein mußte, mag fich jeber vorftellen, welcher weiß, mas 
die Liebe einer Mutter zu ihrem Sohn heißt, zumal, je 
trefflicher, wohlerzogener und an guten Sitten reicher er 
war. Sie weinte den ganzen Tag, fihrie wie eine Ra- 
fende nach ihrem Sohne und grämte ſich elendiglid. 
Doch ftarb fie nicht, denn man ftirbe nicht vor Kummer, 
damit das ganze Xeben lang bie Folter nur um fo größer. 
ſei. Es waren nun bereits vierzehn bis funfzehn Monate 
verfloffen, feit der arme Don Diego fi) von Haufe ent- 
fernt Hatte, um ben wilden Xhieren in Höhlen und Wal. 
dern Gefellfhaft zu leiften. Außer feinem Diener hatte 
er Fein menfchliches Weſen mehr gejehen, und durch bie 
ununterbrochene rauhe Lebensweiſe, das bitterliche Weinen 
und die innerliche Unzufriedenheit, bie ſtündlich an ihm 
zehrte, war er fo entftellt, daß, wenn feine eigene Mutter 
- ihn gefehen hätte, fie ihn nicht wiebererfannt haben würbe. 
Nun aber fühlte das Schickſal Neue über die große Schmach, 
die der arme Ritter hatte unverbienter Weiſe erbulden 
müffen, und begann in feinem Grollen nachzulaffen. Es 





79. Die blonde Ginevra. 221 


geihah namlich, daß jener Ritter, von welchem ich früher 
erzählte, daß Don Diego ihn in das Geheimniß feiner 
Liebe habe ziehen wollen, dann aber, ich weiß nicht, warum, - 
ed unterließ und ihm nichts fagte, daß diefer aus der 
Gascogne heimkehrte, wo er Gefchäfte halber gemefen war, 
und durch diefelbe öde Waldgegend kam, wo Don Diego 
fi) häuslich niedergelaffen hatte. Er verfehlte den Weg 
und verirrte fich zufällig an den Eingang der bewohnten 
Höhle. Da er dort viele Spuren menfchliher Nahe be 
merkte und faft nur einen Bogenfchuß davon entfernt 
war, glaubte er jemand hineingehen zu fehen, konnte aber 
nicht unterfcheiden, wer ed war. Es war Don Diego, 
welcher aus der dimgegend zurückkehrte, wo er ſich oft 
ſein Misgeſchick beweinend erging und auf das Geräuſch 
der nahenden Pferde, das er vernahm, ſich jetzt in ſeiner 
Grotte zu verbergen ſuchte. Der reiſende Ritter, welcher 
Roderico hieß, als er dies ſah und bemerkte, daß er 
verirrt war, ſagte zu einem ſeiner Diener, er ſolle voraus⸗ 
eilen und zuſehen, wer dort innen ſei, und nach der 
Landſtraße fragen. Der Diener ging hin und ſah den 
Eingang der Grotte mit Pfählen verrammelt, weshalb 
er nicht wagte, näher zu treten und noch meniger, nach 
dem Wege fi zu erkundigen, denn er fürchtete, es 
möchten Räuber darin fein. Er kehrte daher zu dem. 
Herrn zurüd, meldete ihm, was er gefehen hatte und 
was er für eine Beforgniß habe, und ſchwieg. Der 
Ritter war ein tapferer und muthvollee Mann, ber über- 
dies eine zahlreiche Begleitung bei ſich hatte, und ritt 
daher mit feinen Begleitern auf die Höhle zu. Auf feinen 
Ruf, wer darin fei, ſah er den Eingang eröffnen und 
Don Diego's Diener bervorfommen, “ber gegen früher 
fo entftellt war, daß er einem Wilden glid. Herr Ro— 
derico fragte ihn, wer er fei und wie er wieder auf ben 
rechten Weg komme, um feine Reife fortzufegen. 

Wir find, antwortete der Diener, zwei arme Gefellen, 
die ihr widerwartiges Geſchid hierher verſchlagen hat, wo 


2292 XXIV. Matteo Bandello. 


wir unſere Sünden büfen. Was für ein Land dies if 
und mo ihr einen Weg finden mögt, bin ich nicht im 
Stande, euch zu fagen. 

Here Roderico bekam Luft, fih die Höhle anzufehen, 
flieg mit einigen feiner Begleiter ab und trat binein. 
Er fah dort Don Diego auf- und abfchreiten, erkannte 
ihn aber nicht und that an ihn dieſelbe Trage, die er 
zuvor an feinen Diener gerichtet hatte. Derweil er num 
felbft mit dem unerfannten Don Diego fprach ; hatten bie, 
bie mit ihm abgeftiegen waren, in der Grotte hin⸗ und 
bergeforfcht und Alles neugierig betrachte. Sie fanden 
bort ine einem Winkel zwei Sättel, von denen der eine 
reich verziert und befonders ſchoͤn gearbeitet war, und 
einer von ihnen ſprach fcherzend zu Don Diego’s Diener: 
Vater Einfiedler, ich bemerke hier weder Pferd noch Maul 
thier noch Eſel. Es wird alfo beffer fein, ihr verkauft 
mir diefe Sättel. 

Wenn fie euch gefallen, ihr Herren, antwortete ber 
Einfiebler, fo nehmt fie immerhin mit euh! Ihr braudt 
mie nichts bafür zu bezahlen. 

Herr Roderico, der in feinem Gefpräche mie Don 
Diego nichts weiter aus ihm herausbringen konnte, fagte 
nun zu: den Seinigen: Wohlan denn, wir wollen gehen 
und biefe Einftedler ihrem Schickſal überlaffen. Vielleicht 
finden wir anderwärts jemand, ber und den Weg 

Hierauf fprady einer ber Seinigen zu ihm: 
bier flehen zwei Sättel, deren einer reich ausgefchmädt 
ift und offenbar einem koſtbaren Pferde angehört hat. 

Roderico ließ die Sättel vor fich bringen, und indem 
er den einen befchaute, traf fein Blick auf ein Sinnbild, 
das gar meifterlih auf den Sattelbogen gemalt war und 
dieſen Spruch zur Infchrift hatte: Quebrantare la fe es 
cosa muy fea b. 5. die Treue brechen ift ein fhandiid 


ing. 
Sobald Noderico Sinnbild und Wahlſpruch ſah, er⸗ 
kannte er, daß diefer Sattel Don Diego gehörte; er ge 





79. Die blonde Ginevra. 233 


bachte daher auch, einer ber zwei Walbbruͤder müſſe er 
fein. Er maß daher einen wie den andern mit ſcharfem 
Bid und dennoch fand er nicht die mindeſte Ahnlichkeit 
aus, fo fehr hatte das wilde Waldleben und das unab- 
läffige Weinen feine früheren Gefi chtszüge entftellt. Er 
fragte bie Einfiedler, wie fie zu den Sätteln gelommen 
fein. Don Diego, welcher den Nitter feinen Freund 
gleich zu Anfang erkannte und fehr fürdhtete, von ihm 
erfannt zu werden, veränderte ſich bei biefer Frage im 
‚ganzen Gefiht und fagte, fie haben fie in diefer Höhle 
gefunden. Herr Roderico nahm die Bewegung in den 
Geſichtszügen des Einſiedlers wahr, betrachtete ihn noch 
genauer und entbedte nun ein Muttermahl, das "mit 
ſechs oder fteben goldgelben Härchen bewachſen an feinem 
Halfe fich zeigte. Dadurch gewann er bie fefte Uberzeu⸗ 
gung, daß es Don Diego fei, fiel ihm um den Hals, 
umarmte ihn aufs zärtlichfle und rief aus: Fürwahr, - 
ihr feib der Herr Don Diego. 

Der andere Waldbruder, der den Herrn Moderico 
feinerfeit8 wohl erkannt hatte, konnte, als er ihn weinen 
und feinen Deren fo liebevoll umarmen ſah, der Rüh— 
tung fich nicht erwehren und fing 'an laut zu fchluchzen 
und zu weinen. &benfo war Don Diego, ber fi in 
den Armen eines feiner liebften Freunde auf Erden fühlte, 
nicht im Stande, zu verhindern, daß fich feine Augen 
wider Willen mit dem Thaue feiner Thränen füllten. 
Er antwortete zwar immer noch nichtd; aber Moderico 
hieß immer nicht ab, zu fagen: Ihr feid es doch, ihr 
feid mein Herr Don Diego. 

Da ließ er eine heiße Thränenflut über fein. Antlig 
fitömen und gab alfo fein natürliches. Gefühl kund, das 
er mit Worten nicht ausdrüden konnte noch wollte. Herr 
Noderico erwiderte ihm daher auch: Ihr könnt euch mir 
nicht länger verbergen, mein Herr! Ich kenne euch und 
weiß, daß ihr es feid. 

Am Ende murbe Don Diego auf taufend Arten 





x 


224 AXIV. Matteo Bandello. 


genöthigt, fih ihm zu eröffnen, und fagte: Ich bin der 
unglüdiihe Don Diego, euer aufrichtiger Freund; und 
bieweil euch denn das Schickſal hier .in diefe Einſamkeit 
zu mir bergeführt hat, fo beſchwöre ich euch, wieder von 
binnen zu gehen und euch bamit zu begnügen, mich ge 
feben zu baben und mich bier die kurze Spanne Zeit, 
die mir noch übrig ift, verleben zu laffen, ohne jemand 
zu offenbaren, daß ich noch lebe, und gleichermaßen aud 
euren Leuten zu befehlen, daß fie mich niemanden ver- 
rathen. N 

- Herr Roderico antwortete ihm unter Thränen: Mein 
Herr, ich danke Gott, euch wiedergefunden zu haben, 
woran ich gar nicht dachte, denn eure Mutter und alle 
glaubten, ihr feid todt. WBereitet euch nun, mit mir 
nach der Heimat zurückzukehren und eure Mutter wieder 
aufzurichten, welche euer Verluft aufs Äußerſte betrübt, 
und fie fammt euren Freunden zu tröften. 

Es murden viele Worte zwifchen beiden gewechfelt, 
Don Diego wollte aber nichts von einer Heimkehr wiſſen. 
Er führte Heren Roderico abfeitd und erzählte ihm bie 
ganze Befchichte feines Misgeſchicks und feiner Entichließung 
ausführlih. Als der wackere Roderico dieſes alles hörte, 
wurde er faſt ohnmächtig vor Mitleiden. Er gedachte 
augenblicklich derjenigen, der ſeine eigene glühende Liebe 
zugethan war, und erbebte vor der Vorſtellung von der 
Möglichkeit eines ähnlichen Unglücks. Er bedauerte Don 
Diego deshalb innerlich fo fehr, als ob es ihn felbft 
betroffen hätte. Entichloffen, nicht ohne ihn wieder von 
bannen zu gehen, bot er feine ganze Uberredungskraft 
‘auf und bemühte fi, ihm eine fo raube, ja unmenſch⸗ 
liche Lebensart zu verleiden. Was er ihm aber aud 
fagen und vorftellen mochte, fo bewog er ihn dennoch 
nicht, von feiner Einfamkeit abzulaffen, und gewann ihm 
feine andere Antwort ab, als die, daß er ohne die Gunft 
der blonden Ginevra nie von hier weichen würde. NIE 
Herr Roderico fah, daß er fich vergeblihe Mühe gab, 





‘ 


79. Die blonde Ginevra. 295 


bat er feinen Freund, ihm wenigftens in fo weit will. 
fährig zu fein, daß er ihm verfpreche, ihn zwei Monate 
lang an biefen Drte zu erwarten und ein anderes Xeben 
zu führen, weil er ihm Hoffnung machte, bie blonde 
Ginevra wieder mit ihm auszuföhnen. Don Diego war 
dies zufrieden und Herr Noderico ließ ihm fein Bert 
zurüd, das er auf der Reiſe bei fich hatte*). Er wollte 
iin auch bereden, feine Einfiedlerfleider abzulegen und 
feine früheren Kleider anzuziehen, welche noch in ber 
Höhle ſich befanden. Aber Don Diego weigerte ſich 
deffen unbedingt, : bevor er ben Frieden wieder habe. 
Noderico überließ ihm außerdem auch noch zwei Diener 
mit ihren Pferden und mit hinlänglichem Gelde, damit 
bis zu feiner Rückkehr immer einer von ihnen aus be- 
nadhbarten DOrtfchaften die nöthigen Lebensmittel herbei- 
bringe. _ Dann trennte er fi von Don Diego unter 
vielen Thraͤnen, feste feine Reife fort und umterließ nicht, 
fih feinen Weg zu bezeichnen, damit er ihn wiederfinde. 
Unterwegs befchäftigte er fih in Gedanken mit nichts 
anderem, als dem Misgeſchick feines beklagenswerthen 
Freundes und fehalt die Graufamkeit der Jungfrau. Zu 
Haufe wieder angelangt, verbot er den. Seinen aufs 
Strengfie, von Don Diego irgend etwas verlauten- zu 
laffen, und begann als Nachbar und Hausfreund der 
blonden Ginevra diefelbe häufiger ald zuvor zu befuchen 
und ihr Thun und Laſſen genau zu beobachten. Indem 
er nun bald dies bald jenes von ihr hörte, merkte er 
bald, daß fie einem im Haufe erzogenen Diener ihr ab- 
fonderliched Vertrauen ſchenkte. Er machte fi daher 
mit, diefem allmälig befannter und verfchaffte ſich durch 
Geſchenke feine Freundfchaft. Es dauerte auch nicht lange, 
bis er alle Geheimniffe der blonden Ginevra von ihm 
erfuhr. Er erfuhr auf diefe Weife, daß fie fih nad 
ihrer Entzweiung mit Den Diego in einen jungen Basken 
*) Eine noch jegt in Spanien nit ganz außer Gebrauch gekom⸗ 
mene Sitte. Mol. au den Don Quirote. 
10 * 


226 XXIV. Matteo Bandello. 


verliebt hatte, der in Biscaja ein Meines Gütchen auf 
dem Lande befaß und in ihrem Haufe ald Vorſchneider 
diente, wiewol er als ein großer Wortheld fehr mit feinen 
Reichthümern prahlte, die ihm bereinft nach dem Tode 
gewiffer Verwandten zufallen würden. Er war gerabe 
bamals nicht im Haufe anmwefend, wurbe aber balb zurüd- 
erwartet und hatte mit Ginepra verabredet, gleich Darauf 
mit einer ihrer Zofen und mit jenem im Haufe auferzo- 
genen Diener fie nach Biscaja zu entführen. Als Hm 
Roderico dies hörte, erflaunte er fehr über diefe große 
Thorheit, welche die blonde Ginevra ausüben wollte, und 
ſprach bei fich felbfl: Was für ein undankbares Mädchen 
bift du doch und wie graufam gegen bie lange treue Dienſt⸗ 
barkeit eines fo edein, reichen und tugendhaften Ritters, 
wie Don Diego, ber dich mehr, als fein Leben Liebt. 
Aber wo nur irgend meine Kräfte ausreichen, hoffe ic, 
follen dir deine ungebührlichen DVorfäge nicht gelingen 
und du folft Don Diego ober keinem andern zu Xheil 
werden. 

Zu dem Diener, ber ihm das Geheimniß verrathen 
hatte, fagte er: Das Mädchen thut in der That wohl 
daran, fich einen Mann zu nehmen, denn ihrer Mutter 
ft an ihrer Verheirathung, wie es foheint, nichts gelegen. 
Sie ift ledig und ſchön, hat das paffende Alter und bat 
fih einen Edelmann ausgefuht. Wenn ber nun nicht 
gerade fo reich ift, wie er fein follte, fo hat fie doch 
Vermögen für beide, da fie nad) dem Tode der. Mutter 
bie Erbin von Allem ift. 

Nach dieſer Außerung blieb Herr Roderico des jungen 
Basken gewärtig, der nad) drei Tagen zurückkehrte und 
noch zwei kräftige Basken mitbrachte, damit fie ihn be 
gleiten follten, wenn er die blonde Ginevra entführe. 
An demfelben Tage, wo der Biskajer anfam, war Herr 
Roderico eben auf der Burg ber blonden Ginevra, und 
als. er die Rückkehr des Liebhabers bemerkte, fagte er zu 
dem Dienftmanne, der ihm Alles anvertraute: Ich fehe, 








19. Die blonde Gineore. 997 


daß der Liebhaber wieder da ift und daß ihr nun bald 
fliehen werdet. Wünſcheſt du vor eurer Abreife noch 
etwas von mir, fo fage es! Nimm dich aber in Acht, 
daß du deine Sachen klug anfängft, und plaudere fie 
nicht gegen jedermann aus! Mir kannſt du Alles fagen, 
denn von mir erfährt kein Menfch etwas wieder davon. 
Wann geht ihr denn fort? 

Soviel mir mein Fräulein vor noch nicht ganz einer 
Stunde geſagt hat, gehen wir heute Nacht um vier Uhr. 

Als der Ritter dies vernommen hatte, kehrte er nach 
feinem Schloffe zurüd und ordnete Alles an, was ihm 
zu Ausführung des Planes nöthig ſchien, den er ent 
worfen hatte. Die Nacht Fam, in welcher die blonde 
Ginevra mit ihrem Liebhaber fliehen wollte, und als es 
vier Uhr fchlug, flieg fie mit der Zofe, die in ihrem 
Zimmer fchlief, aus einem Fenfter, an welchem fchon 
Leitern bereit waren, hinab, fo leife, daß fein Menſch 
es hörte. Sie ging durch den Garten, an deſſen Pforte 
Pferde bereit ftunden. Sie fegten fich darauf und fingen 
an zu reiten. Herr Moderico, welcher wußte, welchen 
"Meg fie machen würden, legte ſich mit einem Dugend 
handfefter Leute aus feinen Unterthbanen jenen Abend in 
ein etwa ſechs Meilen von jeder menfchlihen Wohnung 
entferntes Gehölz in Hinterhalt. Es mar etiva zwei 
Stunden vor Tag, als die Flüchtigen in der Nähe des 
Verſtecks ankamen, in welchem fie der Ritter mit feiner 
bewaffneten Schaar erwartete, die für alle Fälle aufs Beſte 


von ihm eingefchult war. Als fie vor dem Verſteck am: 


langten, fprang Herr Robderico mit den Seinigen hervor 
und rief: Ha, Verräther, ihr feid des Todes! 

Dabei lief er mit eingelegter Ranze auf den Liebhaber 
los, den er, obgleich es Nacht war, wohl erkannte, und 
traf ihn mit der Lanze fo heftig, daß fie ihm den 
Hals von einer Seite zur andern durchbohrte, wodurch 
ber Unglüdliche. todt zu Boden ſank. Sobald die andern 
Basken ihren Gebieter fallen fahen, gaben fie ihren Pferden 


N 


228 . XXIV. Matteo Bandello. 


die Sporen und zerftreuten fi), ohne zu wiſſen, wer den 
Jüngling erftochen hatte. Es war ihnen die Flucht fehr 
leicht, denn als die Begleiter des Nitters fahen, daß fie 
fi wider Erwarten nicht zur Wehr gefegt hatten, nahmen 
fie die zwei Frauen und den Diener feſt, welcher bie 
Sache geoffenbart hatte, und munterten fie auf, un 
verzagt zu fein. Der Ritter war mit den Seinigen 
feltfam vermummt, um nicht fo leicht erfannt zu werden. 
Er ließ fogleich den Todten auf fein Pferd fegen, nad; 
dem ihm mit Tüchern die Wunde verflopft war, Damit 
nicht noch mehr Blut herauslaufe, und fo befahl er, allen 


„weiter zu reiten. Die blonde Ginevra meinte bitterlid 


und fchrie anfänglid laut, bis einer der Bewaffneten, 
der einen garfligen fchwarzen Bart und fchielende Augen 
hatte und wie ein wahrer Zeufel ausfah, mit dem Dold 
in der Hand vor fie trat und ihr mit fürchterlihe 
Stimme bie Drohmorte zurief: Ich ſchwöre bei Gott, 
daß ich dir die Gurgel durchſchneide, wenn du nicht auf 
hörſt zu fchreien. Schweig, denn du Haft es beſſer, als 
du verdienft, denn e8 wird dein Glück befördert: und du 
erkennt es nicht. 

Sie ritten weiter und kamen zu einer Heinen von 
der Strafe abgelegenen Kirche, wo fie fo fihnell als 
möglih den Todten begruben und dann weiter riften. 
Es war die vierte oder fünfte Tagesftunde, als fie in 
einem Gehölz in ber Nähe einer Stadt Halt machten, 
fie fchieften in diefelbe, um Lebensmittel für fich und ihre 
Pferde zu holen, und erfrifchten fih. Die blonde Ginevra 
weinte fortwährend und aß wenig oder nichts, konnte aber 
nie erkennen, wer ihre Führer waren. In der. Nacht 
herbergten fie in einfam ftehenden Häufeen und erlaubten 
niemand, mit ihr oder ihrer Zofe, ja, auch nur mit 
ihrem Diener zu reden. Als fie nun in einer Nacht 
in einer fleinen Stadt abgefliegen. waren, welche von der 
Höhle, worin Don Diego haufte, etwa fieben Meilen 
entfernt mar, ſchickte Here Roderico einen der Seinen 


79. Die blonde Ginevra. | 229 


an Don Diego und ließ ihm melben, was vorgefallen 
war, und daß er vor dem Mittagefjen mit feinem Ge- 
folge dort eintreffen werde. Es waren etwa funfzig Tage, 
feit Herr Roderico den unglüdlichen Liebhaber in einiger 
Hoffnung, die Gunft feiner Geliebten wieder zu gewinnen, 
verlaffen hatte. Unterdeſſen hatte er ziemlich gut gelebt, 
mehr ale fonft heiterer Gefelligkeit gepflogen und dadurch 
großentheild feine natürliche Farbe wieder erlangt, ſodaß 
feine. Schönheit und Lebensfrifche faft wieder bergeftellt 
war. Als er nun von dem Abgefandten feines Freundes 
erfahren hatte, wie es bisher gegangen war, fund er _ 
eine gute Weile in ſtarrem Erftaunen und faft außer 

fih da.. Bei dem Gedanten, daß er nun in einer Stunde, 
diejenige fehen werde, die er fo fehr liebte, fühlte ex fein 
Blut fi) ernfirmen, fein Herz höher fchlagen, einen kalten 
Schweiß alle feine Glieder überziehen und taufend andere 
Dangigkeiten, fodaß er gar nicht mußte, wo er bleiben, 
noch was er thun follte. Unterbeffen näherte ſich Herr 
Roderico der Höhle, trat zu der blonden Ginevra, vor 
der er ſich noch immer verborgen gehalten hatte, und 
ſprach zu ihr, die noch immer über den Tod ihres Ge 
liebten und das Unglüd, in das fie gerathen, meinte: 
Ih weiß, daß ihr höchlich erfiaunen werdet, mich hier ’ 
zu fehen, und ihr werdet mich ſchwer befchuldigen, daß ich, 
nachdem ich immer ein Freund eures Haufes gewefen und- 
nie von euch eine Beleidigung empfangen, euch auf offener 
Straße gefangen genommen habe und jegt in dieſe öde 
Wildniß führe. Sobald euch aber der Beweggrund meined 
Verfahrens bekannt fein wird, zweifle ich keineswegs, daß 
ihre der Vernunft ihr Recht einräumen und mid) loben 
müßt. Und da wir nun dem Ziele unferer Reife nahe 
find, fo erkläre ich euch hiermit, daß ich euch nicht hierher» 
gebracht habe, um euch eure Jungfraufchaft zu rauben, 
ihr wißt ja, daß ich für eine andere glühe, fondern um 
euch eure Ehre und euren guten Ruf wieder zu verfchaffen, 
ben ihr Teichtfinnigerweife durchaus zu befleden getrachtet 


230 XXIV. Matteo Bandello. 


habt. Ich habe für einen andern das gethan, was ich 
wünſche, daß man in ähnlichem Falle für mich thun möge. 
Herr Don Diego (um euch ‚nicht länger in Ungemißheit 
zu lafien), den ihr einft fo fehr geliebt habt und ber 
euch immer fo treu geliebt hat und noch liebt, ja anbetet, 
und der, um nicht den Ausbruch eures Unwillens länger 
zu erdulden, ſich wie eim Verzweifelter in eine Höhle 
eingefchloffen hat,.um wie ein Wilder zu leben und aller 
Hoffnung, je wieder in der Welt zu erfcheinen, entfagte, 
er ift es, zu dem ich euch führe und begleite. - 

Er erzählte ihre ferner, wie er aus der Gascogne 
zurüdkehrend ihn in der einfamen Höhle gefunden, und 
Alles, was er mit ihm verabredet, und bat.fie fodann, 
die Thränen zu trodnen, den Zorn zu hemmen, zu mel» 
chem fein Grund vorlag, und Don Diego wieder in ihre 
alte Gunft aufzunehmen. Das verzweifelte Mädchen war 
bei diefen Worten fo verwundert und aufer fi), daß fie 
faft kein Wort hervorbrachte. Uber den Tod ihres neuen 
Liebhaberd war fie aber fo fehr in Zorn und Schmerz, 
daß, wenn fie Deren Moberico hätte die Augen ausfragen 
können, fie gern ihre Hände dazu geliehen hätte; und als 
fie den nennen hörte, den fie fo bitterlich haßte, verdop⸗ 
pelte fich ihr Unbehagen, ſodaß fie vor Wuth über ihn 
faft plagte. Sie fagte daher, zu dem. Ritter gewandt, 
voll Zorn: Ich weiß nicht, wie ed möglich iſt, daß ich 
eine fo ſchwere Beleidigung, wie ihr fie mir treufofer Weife 
zugefügt, euch vergebe. Glaubt nicht, daß ich als ein 
ſchwaches Weib nur mit eiteln Worten drohe! Das wäre 
bier nicht am Plag. Aber ich will mir es tief ind Herz 
. verfihließen, und wenn ſich mir je Gelegenheit bietet, auf 
irgend eine MWeife dafür Rache zu nehmen, fo will ich 
euch erkennen laffen, daß ihr als Mörder und nicht als 
- Ritter gehandelt habt. Jetzt nur fo viel! Ihr habt euch 
nicht weiter um meine Angelegenheiten zu befümmern, 
ale ich es felbft thue. Ich bin frei und kann für mid 
thun, was mir wohlgefällt. Laßt mich alfo mit meinen 


79. Die blonde Ginevra. 31 


Leuten gehen, wohin ich mag, und macht euch meinet- 
wegen gar eine unnöthigen Sorgen! Belümmert euch 
um eure Dinge und ihr thut wohl. Denn mich dahin 
zu führen, wo Don Diego ift, das fteht wol in eurer 
Gewalt, fo lange ihe mich auf diefe Weiſe gefangen 
haltet; nimmermehr aber koönnt ihre es bahin bringen, 
daß ich freiwillig bei ihm bleibe, noch daß ich ihn liebe. 
Eher würbe ich mir irgendwie einen Tod anthun, als 
zugeben, daß er mich genieße. "Ihr thut baher nur, was 
fi) gehört, wenn ihr mich mit diefem meinem Mädchen 
und meinem Diener geben laft, wohin ich mag. 


v 


Der Ritter gab ſich viele Mühe, ſie durch Gründe 


zur Erkenntniß deſſen zu führen, was ihr Beſtes ſei, 
aber alles umſonſt. Alle ſeine Vorſtellungen ſcheiterten 
an ihrer Hartnädigfeit und an ihrem Zorne. Unter ſolchen 
Gefprächen waren fie bei der Höhle angelangt, wo Don 
Diego nicht fobald feine graufame Gebieterin vom Pferde 
fteigen ſah, als er ſich ihr demüthig zu Füßen warf und 
fie mit einem Strome von Thränen anflehte, ihm zu 
verzeihen, wenn er fie jemals beleidigt habe. Sie war 
aber ganz noll Gift und weiblicher Galle, wandte baber 
ihr Geſicht anderwärts und würbigte ihn nicht eines 
Blickes oder Wortes. Als Don Diego dies fah, erhob 
er ſich auf feine Kniee und ſprach nach taufend Bitten 
und heißen Thränen alfo: Da meine aufrichtigften Bes 
theurungen euch, meine Gebieterin, nicht von meiner 
Reinheit überzeugen konnen und da ich ohne eure Ge⸗ 
wogenheit nicht ferner leben könnte, fo verweigert mir 
wenigftens das nicht, was ich als legte Gunſt von euch 
erbitte, wofern noch ein Funken von Menfchlichkeit und 
abeliger- Gefinnung in euch iftz ich bitte nämlich, mit 
eigenen Händen bie Rache an mir zu nehmen, nad, ber 
ihr zumeift "verlangt. Es wird mir zur höchſten Befrie⸗ 
bigung gereichen, wenn ich fehe, daß euer Zorn fich mit 
meinem Blute ſtillt. Und ganz gewiß wäre es für mich 
unendlich beffer, euch fierbend genug zu thun, als in 


930 XXIV. Matteo Bandello. 


habt. Ih babe für einen andern das gethan, mas id 
wünfche, daß man in ähnlichem Falle für mich thun möge. 
Herr Don Diego (um euch nicht Tänger in Ungewißheit 
zu laffen), den ihr einft fo fehr geliebt habt und ber 
euch immer fo treu geliebt Hat und noch liebt, ja anbetet, 
und der, um nicht den Ausbruch eures Unwillens Länger 
zu erdulden, ſich wie eim Verzweifelter in eine Höhle 
eingefchloffen hat,. um wie ein Wilder zu leben und aller 
Hoffnung, je wieder in der Welt zu erfcheinen, entfagte, 
er ift es, zu dem ich euch führe und begleite. - 

Er erzählte ihr ferner, wie er aus der Gascogne 
zurückkehrend ihn in der einfamen Höhle gefunden, und 
Alles, mas er mit ihm verabrebet, und bat.fie ſodann, 
bie Thränen zu trocknen, den Zorn zu hemmen, zu wel. 
chem fein Grund vorlag, und Don Diego wieder in ihre 
alte Gunft aufzunehmen. Das verzweifelte Mädchen war 
bei diefen Worten fo verwundert und außer fich, daß fıe 
faft kein Wort hervorbrachte. Uber den Tod ihres neuen 
Liebhabers war fie aber fo fehr in Zorn und Schmer;, 
daß, wenn fie Herrn Moberico hätte die Augen austragen 
Lönnen, fie gern ihre Hände dazu geliehen hätte; und als 
fie den nennen hörte, den fie fo bitterlich haßte, verboy- 
pelte ſich ihr Unbehagen, fodaß fie vor Wuth über ihn 
faft platzte. Sie fagte daher, zu dem Ritter gewandt, 
voll Zorn: Ich weiß nicht, wie es moͤglich iſt, daß ich 
eine ſo ſchwere Beleidigung, wie ihr fie mir treulofer 8 Weiſe 
zugefuͤgt, euch vergebe. Glaubt nicht, daß ich als ein 
ſchwaches Weib nur mit eiteln Worten drohe! Das waͤre 
hier nicht am Platz. Aber ich will mir es tief ins Herz 
verſchließen, und wenn ſich mir je Gelegenheit bietet, auf 
irgend eine Weiſe dafür Rache zu nehmen, ſo will ich 
euch erkennen laſſen, daß ihr als Mörder und nicht als 
Ritter gehandelt habt. Jetzt nur fo viel! Ihr habt euch 
nicht weiter um meine Angelegenheiten zu befümmern, 
ale ich es felbft thue. Ich bin frei und kann für mic 
thun, was mir wohlgefällt. Laßt mich alfo mit meinen 





79. Die blonde Binevra. 231 


Leuten gehen, wohin ich mag, und macht euch meinet- 
wegen gar Leine unnöthigen Sorgen! Bekümmert euch 
um eure Dinge und ihr thut wohl Denn mid dahin 
zu führen, wo Don Diego ift, das fteht wol in eurer 
Gewalt, fo lange ihe mich auf diefe Weile gefangen 
haltet; nimmermehr aber könnt ihr es dahin bringen, 
daß ich freiwillig bei ihm bleibe, noch daß ich ihn liebe. 
Eher würde ich mir irgendwie einen Tod anthun, als 
sugeben, daß er mich genieße. "Ihr thut daher nur, was 
fit) gehört, wenn ihr mich mit diefem meinem Mäbchen 
und meinem Diener gehen laßt, wohin ih mag. 


» 


Der Ritter gab fi viele Mühe, fie durch Gründe . 


‚ur Erkenntniß beffen zu führen, mas ihr Beſtes ſei, 
aber alles umfonft. Alle feine Vorftelungen fcheiterten 
an ihrer Hartnädigfeit und an ihrem Zorne. Unter ſolchen 
Gefprächen waren fie bei der Höhle angelangt, wo Don 
Diego nicht fobald feine graufame Gebieterin vom Pferde 
fleigen fah, als er fi) ihr bemüthig zu Füßen warf und 
fie mit einem Strome von Thränen anflehte, ihm zu 
verzeihen, wenn er fie jemals beleidigt habe. Sie mar 
aber ganz voll Gift und weiblicher Galle, wandte daher 
ist Geſicht anderwärts und würbigte ihn nicht eines 
Blides oder Wortes. Als Don Diego bie fah, erhob 
er fih auf feine Kniee und ſprach nach taufend Bitten 
und heißen Thränen alfo: Da meine auftichtigften Bes 
theurungen euch, meine Gebieterin, nicht von meiner 
Reinheit überzeugen können und da ich ohne eure Ge⸗ 
wogenheit nicht ferner leben könnte, fo. verweigert mir 
wenigftens das nicht, mas ich als legte Gunft von euch 
erbitte, wofeen noch ein Funken von Menfchlichkeit und 
abeliger- Sefinnung in euch iſt; ich bitte nämlich, mit 
eigenen Händen bie Rache an mir zu nehmen, nad) ber 
ihr zumeift “verlange. Es wird mir zur höchſten Befrie⸗ 
digung gereichen, wenn ich ſehe, daß euer Zorn ſich mit 
meinem Blute ſtillt. Und ganz gewiß wäre es für mich 
unendlich beffer, euch fterbend genug zu thun, als in 


2323 XXIV. Matteo Banbello. 


eurer Ungnade fortzuleben, weil ich in dem Bewuftſein, 
dag mein Leben euch misfällig, mein Zod aber angenehm 
ift, mich fonft gedrungen fühlen müßte, mich um eure 
willen felbft zu tödten. Dann koͤnnte ich doch fagen, 
ic babe euch einmal befriedigt. 

Die Jungfrau ſtund regungslofer, als eime Kippe 
im Meere da und würdigte den fußfällig Bittenden Feines 
einzigen Wortes der Ermwiderung Ws nun Herr Ro 
derico Died ſah, fagte er Höchlich entrüftet über folde 
Grauſamkeit voll gerechten Zornes und begründeten Un 
willens zu dem Mäbchen mit heftiger Gebärde: Ich fehe 
wohl, daß ich wider "meinen Willen mich ferner in die 
Sache mifhen muß. Höre mich alfo, Ginevra, und 
bedenke wohl, was ich dir fage! Entweder du verzeihſt 
dem Ritter, der dich nie beleidigt hat, und ſchenkſt ihm 
beine Gunft wieder, die er auf taufendfache Weife ver 
dient bat, oder du gemärtigeft, daß ich gegen dich und 
die Deinen graufam werde und dich wohl oder übel zwinge, 
das zu thun, was du längft aus freien Stüden Hättefl 
thun follen. Bei Gott, e8 gab noch niemals ein fo un 
dankbares und graufames Weib, wie du. Kannft du in 
der That glauben, daß, wenn er, wie du meinft, um 
dich zu verhöhnen, den vermaledeiten Sperber zum Ge 
ſchenk angenommen und des Herrn Ferrando Tochter 
mehr als dich geliebt hätte, er den Vogel getöbtet und 
fi) in diefe Einöde zurüdgezogen haben würde, um wie 
bie wilden Thiere in einer unwirthbaren Höhle zur leben? 
Wer hätte ihn mol gehindert, jenes Mädchen zur Frau 
zu nehmen und mit ihr frohlih und guter Dinge zu 
leben, wenn er es gewollt hättet Vielleicht käme es dir 
gut, wenn er, wie bu es verdienft, dich verachtete, dich 
den Wölfen zum Futter ließe und fich eine andere Ge- 
liebte fuchte, wo du dann mit Mecht. Urfacht zur Klage 
hätteft. Mit allem Rechte könnte er, wenn ihn nidt 
feine allzugroße Liebe zu bir über die Wahrheit verbien- 
bete, Klage über dich anſtellen und ſich bitter beſchweren. 








79. Die blonde Ginevra. | 233 


Ja, er dürfte dich als eine graufame tödtliche Feindin 
haffen, und vollkommen verachten, wenn er bedächte, wie 
er von dir ohne Urfache ſchnöde verlaffen wurde. Und 
wenn du dir nur noch einen Jüngling ausgewählt hätteft, 
der fo reich, fchön, tugendhaft und edel, wie er, gemefen 
wäre! Aber, o einzige Wahl, die du unter fo vielen 
Edelleuten in unferem Lande getroffen haft! An einen 
niedrigeren, als du, batteft du dich gehängt, indem du 


einen baskiſchen Prahlhans Liebteft, der die Wahrheit , 


niemals anders, als aus Verfehen, ſprach. Ich glaube, 
er entführte dich nach Biscaja, um dich feine Ziegen 
hüten zu laffen; denn man weiß ja wohl, was er befaß, 
und wenn er hätte zu Haufe bleiben und fich nur einen 
Knaben zur Bedienung halten müffen, fo hätte er nicht 
auf ſechs Monate davon zu leben gehabt. Du magit 
aber vielleicht fagen wollen: Ich bin reich und habe Ver⸗ 
mögen. genug, um meinem Stande gemäß mit Ehren 
auszufommen. 

Erinnere dich indeffen nur, daß deine Mutter noch 
eine rüftige Frau ift, die noch Lange leben kann und die, 
fo Tange fie lebt, über ihr Beſitzthum zu gebieten hat. 
Hätteft du dich dem elenden Basken vermählt, fie würde 
dih nimmer wieder haben fehen wollen, und ich weiß 
nicht, wie du mittlerweile hätteſt eben können. Du 
würdeft gewiß die Todten beneibet haben. So viel weiß 
ih, wenn Don Diego fi) von mir rathen ließe, fo würbe 
die Sache viel beffer gehen und du würdeſt gewiß nicht 
fo leicht jemand antreffen, der dich zur Frau begehrte; 
denn wenn man erführe, daß du einem Basen, einem 
Diener deines Haufes, nachgelaufen, wer müßte nicht 
dafür halten, daß du auch feine Buhldirne geweſen? 
Die Menfchen find viel geneigter, das Boͤſe zu glauben, 
ale das Gute. Da es denn nun aber Don Diego fo 
baben will, fo mag er feiner Neigung folgen und did) 
gegen alles Verdienſt achten und lieben! Und bu beachte 
deshalb, mas ich dir gefagt habe, lege jegt deine Hals⸗ 


2334 XXIV. Matteo Bandello. 


flarrigkeit und unerbittliche Strenge ab und geh in did, 
damit dir nicht am Ende dennoch wiberfahre, mas bir 
gar nicht wünſchenswerth fein möchte. Denn du barfft 
dich für verfichert Halten, daß ich diefes Unternehmen 
nicht begonnen habe, um es unvollendet zu laffen. Ich 
ftelle alfo Waffer und Feuer vor bich hin und du kannſt 
von beidem nehmen, was dir zufagt. 

Das Mädchen war nunmehr nur um fo harter und 
unbeugfamer und entgegnete dem Herrn Roderico mit 
ſtolzem, zürnendem Geficht, nicht mehr wie ein zartes umd 
ſchüchternes Mädchen, fonbern wie ein mit den Schlägen 
eines widerwärtigen Schickſals vertrautes Weib, folgender 
maßen laut: Ritter, du haft gefpröchen, wie ed bir ge 
fällig war. Ob es recht oder unrecht war, barüber will 
ich jegt nicht mit dir ſtreiten; aber du follft wiffen, daß 
ich eher auf das härtefte Leiden gefaßt, ald Willens bin, 
bdiefen treulofen Verräther je wieber zu lieben. Und wem 
du mir den Tod gibft, wie du drohft, ſo werbe ich ihn 
mit Freuden empfangen, um in ihm mit meinem un 
glüdlichen Kiebhaber und Gatten wieder vereinigt zu 
werden, den du graufamermweife gemordet haft. Ja, 
fang du es an, wie bu immer willft, du wirft mid 
immer ftanbhafter finden, denn weder du noch die ganze 
Welt würde mid dazu bewegen, biefen Mann jemals 
wieder zu lieben. 

Diefe herbe Antwort ber gereizten Jungftau erſchüt⸗ 
terte den Herrn Roderico dermaßen, daß er, in ber Ein 
bildung, vor ſeiner eigenen Dame zu ſtehen und von ihr 
dergleichen zürnende Worte zu vernehmen, von über⸗ 
großem Schmerze beinahe ded Bewußtjeind beraubt murbe. 
Er mußte fih zur Erde niederfegen, wo er lange Zeit 
mit feiner Schwäche und Erſchöpfung kämpfte, ohne im 
Stande zu fein, ein Wort hervorzubringen. Unterbeffen 
warfen die Zofe und der Diener des Mädchens, welche 
fürchteten, Herr Roberico möchte feinet Drohung gemäß 
feinen Zorn gegen fie wenden, fich ihrer &ebieterin zu 


t 


79. Die blonde Sinevra. Ä 235 


Züßen und baten fie unter Thränen, ben ehrfamen For 
derungen Herrn Roderico's Gehör zu leihen und fich mit 
Don Diego auszufühnen. Aber fie predigten tauben Ohren. 
Als der weinende Don Diego die höchſt graufame Ant⸗ 
wort feiner Gebieterin vernommen hatıe, ſank er halb 
tobt zu Boden; der Genoffe feiner Einfamkeit lief auf 
ihn zu, nahm ihn in den Arm und rieb ihn, wie man 
in folchen Zufällen zu thun pflegt. Die andern Anwe⸗ 
fenden umftanben die blonde Ginevra und fagten ihr, 
mas ihnen irgend in ben Sinn fommen wollte, um fie 
zu befänftigen, wiewol fie gegen alle Vorftellungen fo 
unbeweglih, wie ein harter Feld im Meere blieb. Herr 
Roderico hatte inzwiſchen wieder etwas Athem gefchöpft 
und ftill bei fi erwogen, was zu thun fei. Unfähig 
feinen Freund länger in einem Zuftande fo tiefer Be⸗ 
trübniß und fchmerzlicher Qual zu fehen, fagte er zu der 
blonden Ginevra fortwährend weinend: Ic fomme von 
meinem Crftaunen über dic noch immer nicht zurüd 
und vermag nicht zu begreifen, wie in ber Bruft einer 
fo zarten Jungfrau eine fo wilde Gefinnung wohnen 
Tann, Es war mir eben jest, als flünde ich vor meiner 
eigenen Geliebten und vernähme von ihr eine ebenfo un⸗ 
freundliche Antwort, als von dir; worüber mir denn zu 
Muthe wurde, als ob mir jemand mit einem fpigen 
Meſſer das Herz durchſtieße und noch gegenwärtig meinen 
Leib mit fcharfen Jagdſpießen verwundete. Wie ih nun 
an meinem eingebildbeten Schmerze die wirkliche über- 
fchwenglihe Qual ermefien kann, die diefem unglüdfeligen 
Don Diego von dir fortwährend bereitet wird, ohne zu 
begreifen, warum fie ihn noch nicht getödtet hat, fo habe - 
ich beichloffen, dich alles Argerniſſes zu entledigen und 
ibn vermöge eines kurzen Schmerzes feiner vielen Leiden 
um beinetwillen zu entheben, in der Hoffnung, daß er 
mit der Zeit erfennen werde, es fei. zu fenem Beften 
gefchehen, und daß mich alle Welt darum preifen muß. 
Nach diefen Worten wandte er fich zu feinen Leuten 


236 XXIV. Matteo Bandello. | 


und ſprach: Führt das unmenfchliche Weib bier nebenan 
in eine andere Grotte und gebt ihr ben verdienten Tod 
Damit aber unfere That verborgen bleibe, ermordet aud 
diefe ihre Zofe und den Diener! Dann brauchen wit 
feinen weiteren Verrath zu beforgen. 

Bei diefem graufamen Befehle fließ das entfegt: 
Mädchen einen lauten Schrei aus und die arme Zoft 
und der Diener riefen weinend um Gnade. Herrn Ro 
derico’8 Dienev ſchickten fich bereitd an, dem Willen ihres 
Gebieter6 Folge zu leiften, als die blonde Ginevra ohne 
Thränen ſprach: Ihr guten Leute, ich bitte euch, gebt 
mir allein den Zod und fchonet der Meinign! Warum, 
Roderico, willft du auch die verderben, die dich nie be- 
leidigt haben? 

In diefem Augenblide hatte Don Diego fich wieder 
vollig gefunden. Er winkte allen, zu bläben, und ſprach 
zu Roderico: Mein Herr, wenn ich taufend Jahre zu 
leben hätte, fo würde ich dennoch nicht die Verpflichtungen 
ablöfen können, die du mir auferlegt haft, weil es bei 
weitem all mein Bermögen überfteigt. Da ich nun weiß, 
wie fehr ihr mich liebt, fo erfuche ich euch, mir eine 
Gnade zu erzeigen, womit ihr, wenn ed möglich ifl, 
mich noch mehr verbinden würdet. Ihr habt mit eurem 
Wohlwollen bereitd weit mehr für mich gethan, als ih 
feldft gethan haben würde. Thut mir daher den Gefallm, 
-diefe meine Gebieterin in ihre Wohnung zurüdzubringen 
und ihr das Geleite zu geben, wie wenn fie eure Schwefter 
wäre. Denn wiewol e8 mir ein ſchwerer Kummer if, 
mid von ihr verfhmäht zu fehen, die ich mehr, als 
mein Xeben, liebe, fo ift es mir doch eine weit uner 
träglichere Laſt, fie meinethalben betrübt zu wiffen. Ich 
. will alfo meine. Leiden nicht noch durch ihre Qual erhöhen. 
Sie gehe, wohin es ihr gefällt! Ich werbe meine wenigen 
Lebenstage vollends in biefer wilden Höhle endigen und 
zufrieden fein, wenn ich nur ihren Kummer geftillt weiß. 

Dewundernswürbdig find doch die Kräfte der Liebe, 


79. Die blonde Ginevora. 237 


wie fie fie gebrauchen will, und oftmals werden die un« 
möglid) fi fcheinenden Dinge durch fie leicht und ausführbar. 
Der Jungfrau, die alle Dienftbarkeit und ulles Elend, 
worin fie ihren Geliebten fah, und der Tod, der ihr vor 
Augen ſchwebte, nicht im Stande gewefen mar zu beugen, 
öffneten jegt Don Diego’s legte Worte die Augen und 
brachen ihre ftarre Härte. Sie erkannte bie echte Treue 
und Beftänbigkeit ihres Geliebten, warf fi ihm an ben 
Hals und blieb fo bitterlich weinend eine gute Weile, 
ohne eines Wortes mächtig zu werben. Dann Lüfte fie’ 
ihn und bat ihn um Verzeihung. Wie hoch erfreut Don 
Diego darüber fein mußte, kann ſich jeder vorftellen, ber 
liebt und jemals einen ähnlichen Kummer erbuldete. Sie 
waren allefammt von der größten Freude erfüllt. Im 
Einverftändnig mit Don Diego und dem Fräulein ſchickte 
Herr Roderico einen feiner Vertrauten an die beiden 
Mütter ab, denen er bekannt war, und ließ ihnen fagen, 
was er beabft tige. Darauf fpeiften fie miteinander zu 
Mittag ‚ fliegen nach der Mahlzeit zu Pferde und langten 
nach vier Tagen auf dem Schloffe des Herrn Roderico an. 
Sobald die beiden Mütter die guten Nachrichten von ihren 
Kindern und deren Abfichten vernommen hatten, erklärten 
fie öffentlih, Don Diego und" die blonde Ginevra feien 
in gegenfeitigem Cinverftändniffe abgereift und haben ſich 
auf einem GSchloffe des Herrn Noderico vermählt. Zu 
gleicher Zeit trafen fie Veranftaltungen zu einer pracht- 
vollen Hochzeit, die ihrem Abel und NReihthum gemäß 
gefeiert werden follte. Nachdem: alles fo weit in Ord⸗ 
nung war, begaben ſich die beiden Xiebenden mit Herrn 
Roderico auf das Schloß der Mutter des Fräuleins, mo 
auch Don Diego's Mutter nebft einer glänzenden und 
fchönen Geſellſchaft fich befand. Dafelbft murde die 
Zrauung dem Gebrauche gemäß vollzogen, alles überließ 
fich der Freude und Luft und in der folgenden Nacht 
vollzogen. die Neuvermählten die heilige Ehe. Sie lebten 
fortan immer glüdlich miteinander und erinnerten fid 


238 XXIV. Matteo Bandello. 


des öftern mit Vergnügen ihres vergangenen Leides. 
Doch war die blonde Binevra in der Folge faſt unfähig 


zu begreifen, wie fie babe fo fireng, halsflarrig und 


graufam gegen ihren Geliebten fein konnen, wie fie mußte, 
daß fie gemefen war; und jebesmal, wenn fie mit Herrn 
Roderico auf ihre Vergangenheit zu fprechen kam, mas 
oft geihah, erging fie fich gegen ihn in Dankfagungen 
für die unendlichen Verpflichtungen, die fie gegen ihn 
zu haben geftand. Aber freilich weiß ich audy nicht, 
wenn dieſes Mädchen einem Peruginer unter die Haͤnde 
gefommen wäre, ob biefer Die Geduld gehabt hätte, welche 
Herr Roderico bei ihrem unbandigen Eigenfinne bewährte. 


80. Die Liebe des Verbannten: 


(1, 28.) 


Gerade in dem Sabre, wo Maflınigliano Sforza 
wegen feines fchlechten Regiments elendiglich die Herr⸗ 
Ihaft von Mailand verldr, wurde nach der befannten 
Niederlage durch die Schweizer zwifhen San Donate 
und Melegnano die gbibellinifche Partei faft aus dem 
ganzen Staate vertrieben auf den Rath. und Anfliften 
des Herrn Gian Giacomo Triulzo, deffen einziges Be 
ftreben darauf gerichtet war, diefelbige niederzubrüden. 
Darum war in jener Zeit für die Flüchtlinge der Lom⸗ 


‚ bardei Mantua der fiherfte Hafen und ein zuverläffiger 


Zufluchtsort, woſelbſt der Herr Markgraf. Francesco Gon- 
zaga, ein fehr menfchenfreundliher Mann, viele aufnahm. 
Und wiewol er dem allerchriftlichiten König Franz dem 
erften des Namens den Herrn Federico feinen Erftgebo- 
renen als Geifel überliefert hatte, wollte er dennoch, 
dag Mantug jedem, der dahin gelange, eine freie Stätte 


80. Die Liebe des Verbannten. 239. 


bleibe. Darum wohnte benn eine große Zahl der Aus« 
gemanderten bafelbft in der Erwartung durch den Arm 
des Kaiſers Marimilian wieber in ihre Vaterfladt zurud- 
gebracht zu werden. Aber das Unternehmen gelang nicht, 
denn Marimilian war zwar mit einem fehönen Heere bis 
vor die Thore von Mailand gekommen, aber als man 
hoffte, er werde den Herzog von Bourbon Karl von 
Frankreich, welcher im Auftrage bed allerchriftlichften ' 
Könige dafelbft lag, daraus vertreiben, ließ er plöglich das 
Lager aufheben und floh mit eiligen Schritten nad 
Deutſchland hinweg. So hatten denn bie Verbannten 
die Hoffnung verloren, ihre Heimat wieder zu gewinnen, 
und die einen von ihnen fuchten mittelfi der Gnade bes 
Könige Franz, welcher fi auch gegen manche wirklich 
huldvoll erwies, die Heimkehr zu erwirken, andere gingen 
nad) Trento unter den Schug Franz Sforza’s Herzogs 
von Bari, andere nah Rom, wieder andere in das 
Königreich Neapel und fonft wohin. Einige kehrten nach 
Mantua zurüd, worunter Meffer Cornelio (denn fo will 
ich den Helden der Erzählung, einen fehr vornehmen 
und ausgezeichneten Edelmann, aus bewegenden Gründen 
nennen) und id, und in Mantua ließen wir uns nieder. 
Der junge Mann war vierundzwanzig Jahre alt, groß, 
wohlgeftaltet und fehr ſchoͤn, rüftig von Perfon, mit 
vielen Borzügen begabt und mit Glücksgütern reichlichft 
verfehen. . Seine Mutter war in Mailand geblieben, 
hatte mit Geſchick ihre Erbrheil gerettet und ſchickte ihm 
zu, mas er bedurfte. So hielt er denn-in Mantua ein 
Haus, das mit Kleidern, Pferden und Dienerfhaft vor- 
trefflich ausgeftattet war. Wor feinem Abgange von 
Mailand Hatte er fich, wie das bei jungen Leuten zu 
gehen pflegt, in eine kaum vermählte fehr vornehme und 
fchone junge Frau verliebt, welche ich gleichfalls, um Ar⸗ 
gerniß zu vermeiden, nicht geradezu nennen zu bürfen 
glaube, weshalb wir fie Camilla heißen wollen. Der 
junge Mann war ein großer Anhänger der Sforzesken 


240 XXIV. Matteo Bandello. 


und batte fich fehr für das Kommen des Kaifers Mari- 
milian verwendet, um feine Heimat wieder zu gewinne. 
Sodann ftand er fortwährend im engften Verkehr mit 
dem Herzog Francesco Sforza, ging oft nach Trento 
und verfäumte nicht zu zetteln was er Eonnte, damit 
ber fforzifche Herzog nach) Mailand zurückkäme. Abe 
bei all diefen Unterhandlungen, Zettelungen” und Be— 
mühungen konnte er fich doch feine Dame Nicht aus 
dem Sinne fchlagen, an die er Tag und Nacht dadte; 
und noch viel mehr that es ihm leid, fie nicht fehen und 
bei ihr fein zu können, als aus Mailand verbannt zu 
fein. Diefe Camilla, welche Gornelio liebte, war nod 
ſehr jung, fie hatte nämlich das einundzwanzigfte Jaht 
noch nicht erreicht und galt unter Mailands Schon 
für die fchönfte. Und wiewol die Liebe zwifchen ihr und 
Cornelio noch nicht zu einem Ziele gelangt war, fo hatte 
fie doch feine lange Dienftbarkeit und echte Neigung fowie 
feine feltene Beſcheidenheit aus vielen Zeichen deutlich er 
kannt und liebte ihn darum von Derzen; fo war fie dem 
auch über fein Weggehen fchmerzlich betrübt und die 
Trennung koſtete fie häufig Thränen. Es war ihnen 
. noch nicht gelungen, bequem miteinander von ihrer Lich 
zu reden; Doch hatten fie fich durch Vermittelung ihre 
Wagenlenkers mehrmals gefchrieben: der Kutfcher war 
einige Zeit auch im Dienfte von Cornelio’d Mutter ge 
ftanden und war diefem um fo bereitwilliger gefällig. 
So hätten alfo, fobald fich Gelegenheit geboten hätt, 
die Liebenden ihre Wünfche erfüllt. Cornelio lebte nun 
in ‚Mantua, und zwar, mie gefagt, nicht wie ein Ber 
bannter, fondern in den beften Verhältniſſen und ange: 
fehen, daher denn eine edle Mantuanerin fi in ihn 
ernftlich verliebte. Sie ließ ihm ihre Neigung offenbaren, 
er aber feufzte tief und antwortete der Botin, die mit 
ihm im Auftrage der Edelfrau ſprach, auf folgende Weile: 
Gute Frau, ihre mögt der Dame, die euch ſendet, fagen, 
daß ic ihr immer dankbar und verpflichtet fein werde 


80. Die Liebe des Verbannten. 241 


für diefen freundlichen und liebevollen Antrag, ben, fie 
mir macht, und woraus ich erfenne, daß ich ohne all 
mein Berdienft von ihr geliebt- werde; ich bedauere aber 
unendlich, ihre Neigung nicht ermwidern zu können, da ich 
nicht in meiner Freiheit bin und hierin nicht nad) mei- 
nem Wunfche verfügen kann; denn ich bin bereitd durch 
mein Wort fo an eine Andere gebunden, daß ich mid) 
nicht loszumachen wüßte. Sicherlich, wenn ich mir ge- 
hörte, wie ich einer Andern gehöre, würbe ich mich ohne 
Bedenken ihr zu eigen geben; denn ihre Schönheit, ihr 
anmuthiges Wefen und ihr feines Betragen fcheint mir ' 
würdig, nicht nur von meines Gleichen, fondern von noch 
viel Sröferen geehrt und angebetet zu werden. Dennod) 
werde ich, was ich mit Gut und Blut in ihrem Dienfte 
thun fann, vorausgefegt, dag meine Treue gegen bie, 
für die ich lebe und fterbe, nicht verlegt werde, immer 
gerne ausführen. \ 

Die Botin kehrte mit biefer Antwort zurüd und 
meldete ber Dame Alles pünktlich. Wie hart und bit- 
ter es diefer fiel, verfchmäht zu werden, mögt ihr euch 
vorftellen, liebenswürdige Frauen, wenn ihr euch in ihre 
Kleider ftedt. Sie war ſechs bis fieben und zwanzig 
Jahre alt, von den erften Edelleuten Mantuas umwor⸗ 
ben und hatte, wie ich fpäter mit Gewißheit erfuhr, nie 
einen geliebt, während fie unferem Gornelio mit leiden- 
fchaftliher Neigung zugethan war. Ich will nun mit 
‚ theilen, mas ich damals zu Cornelio fagte, denn ich war 
zu jener Zeit eben von Xrento zurüdgelommen und er 
erzählte mir diefe Gefchichte. 

Mein Cornelio, fagte ich, verzeiht, wenn ich allzu- 
offen mit euch rede, aber bie brüberliche Freundſchaft, 
die zwifchen uns befteht, gibt mir den Much, euch dies 
und noch Bedeutendered zu fagen, fo oft fih mir Ge⸗ 
legenheit dazu bietet. Ihr fagt mir, daß ihr in Mailand 
heftig eine hohe Minne verfolget; ich glaube es euch, 
denn ich weiß, mie hold und zärtlich und zur Liebe ge» 

Staliänifcher Nonellenfchab. III, 14 


242 XVXIVV. Matteo Bandello. 


neigt unfere Edelfrauen find. Aber ich bitte euch, glaubt 
ihr, dag die, die ihr liebt, ein Vorrecht vor andern be 
fige und daß in diefer Zeit, wo wir aufer der Heimat 
find, wenn ihr jemand unter die Hand kommt, der ihr 
gefällt, fie-nicht verftanden habe, die Freude fich anzu 
eignen, bie ihr das Glüd vor bie Füße gelegt Hat? Sei 
verfichert, es gibt fein Weib auf der Welt, das, wenn 
es Gelegenheit hat, mit einem, ber ihr gefällt, die Freu 
den der Kiebe zu genießen, verfäumte ed zu thun, mo: 
fern nur die Sache heimlich abgemacht werden fann. 
Ich babe, wie ihr wißt, in Mailand viele Bafen, da 
unfere Familie Boffa alt und zahlreich ift, und glaube 
auch, dag meine Schweftern und andere Verwandte von 
Fleifch und Bein find, wie die übrigen, mit: denen ih 
zu fchaffen gehabt habe; denn da ich fo alt bin wie ihr, 
babe ich ſchon bei Vielen Erfahrungen gemadt. Weiber, 
lieber Bruder, find Weiber und benehmen ſich in Allem 
wie Weiber. Ihr kippet mir da den ganzen Tag an 
eurer Sehnfucht herum, ‚wie Vögel an einer kahlen Wand, 
und nehmt Zeinerlei Genuß an, und dabei meint ihr, 
eure Geliebte mache es ebenfo; aber darin täufcht ihr 
euch meines Bebünfens gröblich. Gefegt aber auch, fie 
liebt euch, fie ift euch treu und macht ed wie ihr (ih 
glaube indeß nicht, daß fie fo albern ift, fich fo die Hände 
zu binden), was für einen Schaden, welche Schmach und 
Verachtung würbet ihre ihr denn zufügen, wenn ihr hier 
mit einer Frau euch eime Unterhaltung erlaubt? Welcher 
Nachtheil erwüchſe denn daraus für fie? Thut hier im- 
merhin, was euch beliebt, und macht es, wie wir Alle, 
die wir, um nicht einfeitig zu werben, in beiden Baden 
kauen und und Genüffe nehmen, wo wir fie ber befom- 
men fönnen; denn alle verlaffenen Weiber find verloren. 
Diefe edle Dame bier liebt euh und fucht euch auf, 
ftatt daß ihr fie auffuchen und fie bitten folltet. Und 
was zum Teufel wollt ihr weiter? Bedenkt, daß das 
Glück die Haare auf der Stirne trägt und hintermärts 


80. Die Liebe des Berbannten. PT 


kahl if. Wenn es fieht, daß ihr feine Gelegenheiten 
verfäumt, und darüber mit euch zümt, fo könnt ihr fa 
gen, wie die Florentiner fagten, als Giovanni Galeazzo, 
der erfte Herzog Mailands von den Vesconti, ein Lager 
ringe um die Mauern von Florenz gefchlagen, hatte, und 
am Tage Sanct Johannes des Täufers an den Thoren 
von Florenz ein Wettrennen halten ließ; die Florentiner 
fagten nämlih: Gefh...n haben wir's, wenn uns ber 
Tod nicht hilft. 

Damit es alfo nicht fo weit mit euch kommt, laft 
es euch wohl fein, fo lange ihr könnt, und benehmt euch, 
fo lange wir bier find, mit diefer Edelfrau; find wir 
dann wieder in Mailand, fo konnt ihr euch mit einer 
andern erfreuen. | 

Ih brachte noch tanfend andere Gründe vor, aber 
ih fang tauben Ohren. Er war ganz entfchloffen, diefer 
feiner Geliebten Zreue zu bewahren, und bat mich, ihm 
hierin nicht weiter zu miderfprechen. Die gute mantun« 
nifhe Edelfrau war über die Antwort Cornelio’8 fehr be⸗ 
treten, beihämt und unmwillig. Doch machte fie aus ber 
Noth eine Tugend, beruhigte fi und verwandelte ihre 
glühende Liebe in eine brüderliche Freundfchaft und Ber 
traulichkeit, und noch heutiges Tages liebt fie Cornelio 
wie einen Bruder. Gleich das erſte Mal, da fie mit 
ihm ſprach, nachdem fie die Antwort erhalten. hatte, lobte 
fie Höchlich feinen getreuen Worfag, und verfäumt nicht, 
täglich) vor Jedermann, wenn von Liebe bie Rede iſt, 
zu fagen, Cornelio fei der treuefte und gemwiffenhäaftefte 
Liebhaber, den man finden könne. Cornelio mies alfo 
jede andere Liebe von ſich, dachte nur an feine Dame 
in Mailand und kannte keinen Troft, ald manchmal Briefe 
von ihr zu erhalten, und ihr darauf zu antworten, ſchien 
ihm ein Labfal für feine Liebesleiden. Mit diefer ſchwa⸗ 
hen Hilfe und dem geringfügigen Trofte brachte er feine 
Zeit Bin, fo gut er Eonnte. In diefen Tagen wurde 
ihm ein Brief gebracht, den feine Geliebte ihm fchrieb; 

11* 


244 XXIV. Matteo Bandello. 


daruber Fam er in mancherlei Gedanken und wußte nidt, 
was er anfangen ſollte. Es fügte fih, daß Camillo’ 
Gatte Mailand verlaffen mußte, um auf feine Güter zu 
gehen und bort einige Zeit zu verweilen. Sobald fie 
dies erfuhr, fehrieb fie Cornelio in einem ihrer gemöhn- 
lichen Briefe unter anderem Folgendes: Seht doch, mein 
theurer Herr, ob ihr und ich das Glück zum Feind ha- 
ben bei unferen Wünfchen und ob uns ein Recht zu- 
fteht, une über unfer fchlimmes 2008 zu beklagen; denn 
mein Herr Gemahl wird Mailand ‚verlaffen, um eines 
unferer Güter zu befuchen, und einige Tage ausbleiben; 
waͤret ihr hier, fo hätten wir, fo lange er weg ift, Muße 
um bei einander zu fein; jegt aber fehe ich nicht, wie 
das einzurichten wäre, und werde mich darüber ewig zu 
beklagen haben. 

Dabei ſtanden dann noch taufend andere Liebesworte, 
wie junge Weiber fie zu fchreiben pflegen, wenn fie glü- 
bend lieben. Sobald Cornelio den Brief gelefen Hatte, 
kamen ihm taufend und aber taufend Gedanken durch 
den Kopf und er war fehr zweifelhaft und unentfchloffen. 
Endlich fuchte er feinen Delio auf, den er mehr als fid 
felber liebte, und der, fo fange wir noch in Mailand 
waren, von biefer Xiebfchaft und Allem, was Cornelio 
betraf, unterrichtet war. Er gab Delio den Brief in 
die Hand und ſprach: Kies! 

Delio nahm den Brief, las ihn und ahnte faft ſchon, 
was Gornelio zu thun gedachte. 

Du möchteft, mein Freund, fagte er, nah Mailand 
gehen und dir zu fehr ungelegener Zeit "den Kopf ab: 
fchneiden laffen., Ich merke wohl, diefe Frau will bie 
Urfache deines Todes fein und überdies dich ſchmachvoll 
fterben machen. Du weißt ja, wie dich die Franzoſen 
auf dem Korn haben, und doch denkſt du immer an ſolche 

graͤßliche Dinge. 

Cornelio entgegnete: Aber hoͤre mich ein wenig an; 
ich wünfchte, daß wir leidenſchaftlos dieſe Reiſe beſpraͤ⸗ 








- 


80. Die Liebe des Verbannten. 245 


hen und fähen, welches Verfahren einzufchlagen wäre, . 
um das geringere Übel zu wählen. Du weißt, wie fehr 
ich diefe Frau liebe, welche Qual ich um ihretwillen er- 
dulbet, indem ich ihr diente und fie verehrte, daß ich, 
jeden Verfuch gemacht habe, um heimlich mit ihr zu- 
fammen fein zu fönnen, daß aber niemals die Sache ſich 
einleiten ließ, Nun da ihr Gemahl abwefend ift, konnte 
mir’& leicht gelingen, daß ich mich mit ihr zufammen- 
fände und das erreichte, was ich lange fo fehr gewünſcht 
habe. Wenn bies erfolgte, fo würde ich das weit höher 
achten, als jedes andere Glück, das mir begegnen konnte. 
Was fagft du nun dazu? 

Mein Cornelio, entgegnete Delio hierauf, du min: 
ſcheſt, daß wir diefe Angelegenheit leidenfchaftlos bera- 
then, aber ich fehe dazu keine Möglichkeit, denn du 
bift viel zu leidenfchaftlich auf diefes Weib verfeffen und 
darum fo verbiendet, daß bu ben Tod, den du vor Au- 
gen haft, nicht fehen kannſt. Du mußt dich daher von 
jemand leiten laffen, der Beinen Schleier vor den Augen 
hat. Du weißt wohl, ob ich dich liebe, da du fo manche 
Proben mit mir gemacht haft; darum habe Acht auf das, 
was ich dir fage, und ſchlag dir diefe Grillen aus dem 
Sinn, denn, was du jegt im Kopfe haft, find lauter 
Hirngefpinfte. Ich werde es bir ebenfo machen, wie ich 
wünfchte, daß du es in ähnlichem Falle mir machteſt; 
ic rathe dir nämlich, unter keiner Bedingung nach Mai- 
land zu gehen. Haft du vergeffen, daß du als „Emps- 
rer verbannt bift und alle beine Güter eingezogen find® 
Kaum wirft du von hier abgereift fein, fo wird man's 
in Mailand wiffen. Es iſt jegt Faſchingszeit und dieſe 
Stadt täglich voll Vermummter; fo find auch viele bier, 
die Alles ausfpähen, was du fagft und thufl. Man 
bat dich bereitd von Mailand aus benachrichtigt, daß du 
nichts thun kannſt, was man nicht dort erführe. Wenn 
du, was Gott verhüte, hingehft und unglücklicher Weiſe 
den Franzoſen in die Hände fällft, fo koͤnnte alles Gold 


4,’ 


246 XXIV. Matteo Bandello. 


‚ in ber Welt nicht verhüten, daß bir ber Kopf abgeihl- 
. gen wird. Willſt du um ein kurzes flüchtiges Vergni⸗ 
gen das Leben verlieren? Und ferner, Haft du nur Gt 
wißheit, ficher hinzugelangen? Du mußt über Eremom, 
über Soncino gehen ober nach Pizzighetone und Lodi; 
an al diefen Orten aber bift du fo bekannt mie ein 
Neffel. Nehmen wir aber an, du geheft auf unge 
wohnten Wegen, um nicht in jenen Städten gefehen zu 
werden, welche Sicherheit Haft du, wenn du dort bill, 
von ihr das erhalten zu Tonnen, was du fo fehr mir 
fcheft? Ich meines Theils glaube, daß fie, da fie wei, 
bag du auf Feine Weife nach Mailand kommen kannſt 
noch darfft, dir auf diefe Art gefchrieben hat, um dir 
zu bemeifen, daß fie deiner eingedenf lebt und dich mehr 
als mittelmäßig liebt; wäre fie aber verfichert, daß du 
bin dürfteft, fo glaube ich, daß fie Dir ganz anders ge 
fohrieben hätte. Aber wenn auch, nehmen wir als fiıde 
an, daß fie ganz bereit fei, fobald du dort bift, zu thun, 
was du wilft, mußt du nicht auch bebenfen, was da 
heißen will, und daß, wenn aud ihr Gemahl verrät, 
Doch noch viele Leute vom Gefinde im Haufe bleiben! 
Weißt dur nicht, mas für ein firenges Weib die Alte if, 
die ihr nie von ber Seite weicht und die vielleicht mil 
rend der Abmefenheit ihres Mannes bei ihr fhläft 
Willſt du für eine Stunde bitteren Genuffes und ve 
drießlicher Wonne bein Leben auf's Spiel fegen? Wu 
würbe man von dir fagen, wenn dir unglüdlicher Weiſe 
diefe Neife übel ausfchlüge* Du giltft trog deiner Ju 
gend für einen Eugen und vorfichtigen Mann, der reifer 
ift, al feine Jahre vermuthen laffen. Zäufche nicht die 
allgemeine Meinung, die man von beiner Klugheit hat! 
Wenn du nah Mailand gehen müßteſt im Dienfte und 
zum Vortheil deines Zürften und du mwäreft unglüdlid 
dabei, fo würde dir wenigftens von jedem und von den 
Feinden felbft Mitleid gezole, und du würdeſt geprieſen 
als ein treuer aufopfernder Diener deines Herrn; aber 


| 





80. Die Liebe des Verbannten. 247 


bei einem folchen Anlaſſe würdeft du in der That ewigen 
Tadel und Schimpf und Schande neben dem Schaden 
haben. Spare, lieber Bruder, diefes Leben, um das du . 
dich fo wenig kümmerſt, zu einem beffern Gebrauch und 
zu ehrenvolleren Unternehmungen, als biefe. 

Cornelio ſchien fich bei diefem Nathe fehr abzuküh— 
len, wiewol ungern, und ba er nicht wußte, was er ant- 
worten folle, fagte er, die Nacht fei die Mutter der Ge⸗ 
danken, er wolle die Verhaͤltniſſe noch beffer überlegen 
und dann können fie zufammenfommen. Hiermit ver- 
ließ er Delio. Als es Nacht wurde und Cornelio fih 
ganz allein fah, konnte er nicht fchlafen und ließ feinen 
Gedanken die Zügel frei. Verſchiedene Dinge zogen ihm 
durch den Kopf, er überdachte dad mit Delio gepflogene 
Geſpräch, und da fegt niemand mehr ihm widerſprach, 
wurde er von ber Luft übermannt und überwunden, und 
befchloß, wenn es ihn auch das Leben Poften follte, nach 
Mailand zu gehen. Er erhob ſich alfo mit Sonnenauf- 
gang vom Bette, befuchte Delio, ber noch nicht aufge 
ftanden war, und fprach zu ihm: Mein Delio, id) habe 
beſchloſſen, fomme mas da molle, da es nun einmal fo 
weit ift, fobald es Nacht wird, von bier weg zu gehen, 
von hier‘ mich geradezu nach Eremona zu wenden und 
dort zu raften, bie das Thor geöffnet wird, was dort 
fehr frühe gefchieht. Dann gehe ich in das Haus un- 
jeres Vetters Girolamo und bleibe dort den Tag über; 
am Abend fpät gehe ich weiter, an Lodi vorüber nad) 
Zurlesco, mo ich insgeheim im: Haufe des Ritters Vi⸗ 
flarino herberge. Dort bleibe ich wieder bis gegen Abend 
und wende mich weiter von Zurlesco nach Mailand, mo 
ih um die dritte Stunde nad) Sonnenuntergang ein- 
treffen Tann. Du meißt, daß das Ticiner Thor zu jeder 
Stunde geöffnet wird, wenn man dem Thorwart einen. 
Soldo zahlt} dann gehe ich gerades Weges nach dem 
Haufe unferes Meffer Ambrogio. 

Als Delio die Gefinnung Cornelio's gehört hatte, 


248 XXIV: Matteo Bandello. 


beftrebte er ſich mit den einleuchtendften Beweiſen, ihn 
von einer ſolchen Reife abzubringen; aber er mochte fagen, 
was er wollte und mußte, Gornelio war nun einmal feſt 
entfchloffen, unter jeder Bedingung zu gehen, und fügte 
zulegt: Ich will mein Glück verfuchen; gelingt mir di 
Sache, wie ich wünſche und hoffe, welcher Xiebende war 
dann je glüdfeliger, als ih? Kommt es anders, fo habe 
ich wenigſtens den Zroft, daß die, die ich mehr ald men 
Leben Tiebe, deutlich erkennen wird, daß meine Dienf 
barkeit echt und nicht erheuchelt ift. 

Als Delio ſah, daß Cornelio nicht mehr davon ab⸗ 
zubeingen war, ſich in eine ſolche Gefahr zu begeben, 
und daß es kein Mittel gab, ihn von dieſem Worhaben 
abzubringen, fagte er zu ihm, da er nun durchaus gehe 
wolle, folle er feine Diener in Mantua laffen und ar 
dere Perfonen nehmen, auf die er fich verlaffen fon 
und welche in Mailand nicht bekannt feien. Dies that 
er und verfah fi mit drei Bebienten. Als nun de 
feftgefegte Abend kam, ging er heimlich aus Mantın 
weg und kam nad) dem früher von ihm Lntworfenen 
PM ane um drei Uhr nach Sonnenuntergang zu Mailand 
an, wo er fich geradeswegs nach dem Haufe feines traut 
fien Freundes Meffer Ambrogio wandte. Dort ange 
langt, Tieß er einen feiner Diener an die Thüre poden 
und fagen, Meſſer Ambrogio möge herablommen, ei 
Edelmann wolle mit ihm fprechen. Unterdeffen that Cor⸗ 
nelio einen Pfiff, woran Meffer Ambrogio merkte, dei 
es Cornelio fe. Er kam herab, öffnete die Thüre und 
fragte: Wer ift da? . 

Cornelio, ohne zu antworten, machte ein. gewiflt? 
Zeichen, woraus Meſſer Ambrogio fich von der Wahr⸗ 
beit überzeugte; ex hieß die Fackeln in’s Haus zurüd 
bringen, welche mit ihm gekommen waren, um ben Bu 
zu erleuchten, und hieß freudig feinen Freund willkom— 
men. Dann ließ er gleich ein Zimmer im Exdgefhei 
aufmachen und Gornelio in baffelbe eintreten. Er wollt, 


80. Die Liebe des Verbannten. 249 


bag niemand im Haufe erführe, wer es fei, aufer ein 
befonders vertrauter Diener. Es war im Monat Fe 
bruar und mehrere Tage war weder Regen noch Schnee 
gefallen, daher waren die Wege überall voll Staub, und 
Eornelio hatte deshalb ungehindert reiten können. Als 
der Morgen kam, ſchickte Cornelio nach einem Schneider, 
durch deffen Vermittelung er Camilla's Briefe erhielt. 
Der Schneider fam und war äuferft erfreut, Cornelio 


zu fehen. Sie fprachen eine gute Weile mit einander, . 


dann gab Gornelio dem Schneider einen Brief, den er 
feiner Geliebten zuftellen ſollte. Als fie erfuhr, daß ihr 
Geliebter in Mailand fei, war fie ebenfo fehr erfreut, 
wie befümmert; erfreut, denn fie hoffte ihren Cornelio 
zu fehen, von dem fie, nachdem er fich einer fo großen 
Gefahr ausgefegt Hatte, volllommen überzeugt war, daf 
er fie ausfchließlich liebe; fehr misvergnügt aber war fie 
darüber, weil fie binnen einem oder zwei Tagen ihren 
Gemahl erwartete. Ich muß nämlich bemerken, baf 
fie in dem nad Mantua an ihren Geliebten gerichteten 
Briefe den Tag der Abreife ihres Mannes irrig angab; 
dies war der, Grund, weshalb Cornelio feinen Abgang 


von Mantua unpaffend lange verfchob. Dem Schneider” 


gab die Frau nun ein Briefchen, worin fie ihrem Cor- 
nelio fchrieb, fie wolle ihn heute zwifchen ein und zwanzig 
und zwei und zwanzig Uhr an ber Thüre ihres Palaftes 


erwarten, er folle vermummt hinkommen und ein gewiffes 


Zeichen machen. Als es Zeit war, mastirte fi, Cor- 


nelio mit den bunten langen Kleidern, wie fie in Mai⸗ 


land. bei Edelleuten üblich find, mit Feberbüfchen auf 
dem Kopfe; er beftieg ein.fehr ſchönes Leichtes Pferdchen, 
machte ſich ganz allein auf den Weg nad der Wohnung 
feinee Camilla und fand fie an der Thüre liebenswürdi⸗ 
ger, fchöner und reizender, als je, wie fie mit einigen 
Edelleuten ſprach. Als Cornelio ankam, neigte er ſich 
vor der Frau, machte das Zeichen und hielt ftille, ohne 
ein Wort zu reden. Als die Edelleute einen Vermumm⸗ 
' ’ 11** 


250 XXIV. Matteo Banbello. 


ten fahen, ber ohne fih zu äußern bei ihnen flilfftand, 
dachten fie, er werde wol mit ber Dame ohne Zeugen 
reden wollen, und als befcheidene Leute gaben fie ihren 
Maulefelinnen die Sporen, gingen weg und liefen Cor 
nelio, den fie übrigens nicht erkannt hatten, das Feld 
frei. Als fie weg waren, grüßte er ehrerbietig die rau, 
welche taufend Mal die Farbe wechfelte und eine gute 
Weile daftand, ohne ein Wort vorzubringen. Cornelio 
‚war.faft außer fih, und glaubte kaum, daß es wahr 
fei, daß er nun an diefer Stelle ftehe und die erhabene 
Schönheit feiner geliebten Dame betrachte. Am Ende 
brachen fie diefes füße lange Schweigen und fingen an 
zu ſprechen und fich ihre Liebesleiden zu erzählen. Dieſer 
Unterredung mar das Glück fehr günftig; denn obwol 
vermummte und andere Edelleute ‚durch die Straße gin- 
gen, gefellte fich doch Feiner zu ihnen, da fie die Frau 
in vertrautem Geſpräche mit einem Maskirten fahen; fo 
hatten fie, bis die Nacht einbrach, ungeftörte Muße, ſich 
zu fagen, was ihnen beliebte. Die Frau tadelte ihn 
ernftlih, daß er fi in: fo große Gefahr begeben und 
dag, wenn er je zu fommen Willens gemwefen fei, er fich 
"nicht bei Zeiten auf den Weg gemacht habe, da fie jede 
. Stunde ihren Gemahl zurüderwarte. Cornelio zeigte ihr 
den Brief, und als fie ihn las, merkte fie, daß fie fih 
um mehr als acht Tage geirrt hatte in ber Angabe der 
Zeit der Abreife ihres Gemahls, worüber fie fehr be- 
troffen war. Dennoch traf fie mit ihrem Geliebten bie 
Abrede, fie wolle ihn um vier Uhr nach Sonnenunter- 
gang erwarten und von der Zofe, bie in ihren Liebes⸗ 
handel eingeweiht fei, in's Haus bringen laſſen, fobalb 
er ein beftimmtes Zeichen mace., Komme indeß biefen 
Abend ihr Gemahl nad) Haufe, fo werde er, fobald er 
das Zeichen gemacht, an einem Fenfter des großen Saales 
die Zofe fagen hören: Ich Hatte doch den Kamm bier 
her gelegt umd nun finde ich ihn nicht mehr. 
As Cornelio diefe Zufage erhalten hatte, kehrte er 


” 4 


80. Die Liebe des Berbannten. . 351 


äußerſt vergnügt in feine Herberge zurüd, nahm eine 
kleine Mahlzeit ein, und ſobald er die Glocke vier Uhr 
ſchlagen hörte, zog er ein Panzerhemd und Ermel mit 
Maſchenhandſchuhen an, nahm ein anderthalb Spannen 


langes Schwert und machte ſich auf den Weg nach der 


Wohnung ſeiner Dame, woſelbſt angelangt er machte, 
daß man ihm die Thüre öffne. Während er in dieſer 
Erwartung war, hoͤrte er nicht ſehr weit von ihm ent⸗ 


fernt ein großes Getümmel mit Waffen, man hieb ge⸗ 


waltig auf einander los und einer kam herbeigerannt 
und rief: Weh mir, ich bin des Todes. 

Er fiel vor der Thüre der Dame nieder, gerade in 
dem Augenblick, als die Zofe dieſelbe öffnete und Eor- 
nelio eintrat. Die Nacht war fehr finfter, fo dag man 
ohne Licht nichts fah. Aber wegen des Handgemengs 
und des Lärms, der fich erhoben hatte, waren doch einige 
der Nachbarn an die Fenſter gefommen, fo daß einer, 
der der Frau gegenüber wohnte, Cornelio mit bloßem 
Schwerte in der Hand in das befagte Haus eintreten 
fah. Cornelio Hatte wol einen zu Boden finten hören 
faft vor feinen Füßen, aber er achtete wenig darauf und 
dachte nicht daran, was es ſei, denn ſeine Gedanken 
waren auf Anderes gerichtet. Alis er in das Haus ein⸗ 
getreten war, "brachte ihn eine Zofe in ein Gemach in 
der Nähe der Hausthüre, damit er dafelbft warte, bis 
Samilla fomme. Als diefe von der Zofe benachrichtigt 
war, daß ihr Freund im Haufe fei, that fie, als befinde 
fie fih nicht ganz wohl und mollte, daß Alle zu Bette 
gehen. Die Diener gingen, da der Herr nicht zu Haufe 
war, als die Frau ihnen befahl, fi, zurückzuziehen, aus, 
um in ber Carnevalszeit auswärts zu ſchlafen, ſo daß 
kein Mann im Hauſe blieb, als der ſehr betagte Keller⸗ 
meiſter und zwei Edelknaben von dreizehn bis vierzehn 
Fahren. Die Frauen verabfchiedeten ſich von der Ge 
bieterin und gingen alle ſchlafen. Sobald. Camilla ver- 
nahm, daß Alles zu Bette gegangen fei, ging fie mit 


J 


252 XXIV. Matteo Bandello. 


ihrer Zofe bie Treppe hinab, fo leiſe ſie konnte, um Cor⸗ 
nelio heraufzuführen. Während dies vorging, kam zufällig 
die Wache des Gerichtshauptmanns durch die Strafe. 
Serihtöhauptmann war Monfignor Sandio, ein fehr 
großer dider Mann, fo dag man feines Gleichen nidt 
wohl finden mochte, und er hatte bei feinem Amte ale 
- Stellvertreter Momboiere. Als der Häfherhauptmann 
von dem nunmehr beendigten Streite gehört hatte und 
einen Reitknecht des Herrn Galeazzo Sanfeverino, des 
damaligen Großfchilbträgers des allerchriftlichften Königs 
fand, der noch warm und nicht völlig todt war, ließ er 
einige in der Nähe MWohnende aus bem Haufe treten 
und wollte von ihnen erfahren, wie der Dandel ange 
gangen fei. Niemand wußte anzugeben, was ed geweſen 
fei, außer daß fie einen großen Lärm und ein Zufchlagen 
mit Waffen gehört haben. Einer fagte fobann, er babe 
in da8 Haus von Frau Camilla einen großen Mann 
mit bloßem Schwerte eintreten fehen, und vor dieſem 
Haufe war der Reitknecht geftorben. Deswegen ging 
der Häfcherhauptmann an das Haus der Frau Camilla, 
pochte heftig an die Thüre und fprach franzöfifch, wor⸗ 
über Cornelio und die Frau fehr in Entfegen geriethen. 
.. Beide fürchteten, es möchte durch einen Späher entdedi 
morben fein, daß Cornelio ſich hier befinde. Kaum war 
die Frau in das Gemach eingetreten, ihr Liebhaber hatte 
fie heftig in die Arme gefchlofien und fie ihn, ale bie 
Wache des Gerichtshauptmanns an die Thüre pochte. 
Als Cornelio den Lärm hörte, fiel ihm ſogleich Rath 
ein, mit Hilfe der Frau und der Zofe wurben zwei Bänte 
auf einandergelegt, er verſteckte fich im Innern des Ka- 
mins, flieg auf zwei eiferne Haken, an welchen die Ket- 
ten aufgehängt zu werden pflegen, trat feft barauf und 
blieb fo aufrecht ſtehen mit dem Schwerte in der Hand. 
Dann mwurden die Bänke weggenommen, die Kammer 
verfchloffen und die Frau fragte! Wer da? Wer pocht? 

- Sie lieg fih die Schlüffel bringen, ein paar ander 





80. Die Kiebe des Berbannten. 253 


rauen kamen herunter, auch der Kellermeifter kam auf 
ben 2ärm herbei, da ließ fie die Thüre öffnen und fagte, 
fo heftig fie Eonnte, zu dem Haͤſcherhauptmann: Was 
ſucht ihr um dieſe Stunde? 

Er hatte gehört, es fei ein Palaft, der fehr ange» 
fehenen Perfonen gehöre, ſprach daher zu der Frau: Dame, 
verzeiht uns, wenn wir euh um dieſe Stunde flören, wir 
thun es ungern; aber es ift mir gefagt worben, ber Mann, 
der bier vor eurer Thüre einen Reitknecht umgebracht 
bat, der dem Monfignor Großfchildträger gehört, fei in 
diefes Haus getreten, und darum komme ich mit ber 
Wache, ihn feflzunehmen, wenn er da ift. Die Frau, 
welche für ihren Liebhaber gefürchtet hatte, war, als fie 
dies hörte, wieder halb beruhigt "und antwortete, da fie 
wußte, wo er verborgen war: Monftgnor, fo wie ed Nacht 
würde, ließ ich, da mein Herr Gemahl fich nicht in Mai- 
land befindet, die Thüre verriegeln und weiß, daß nach⸗ 
ber niemand mehr ind Haus gekommen ift, da ich Die 
Schlüffel immer bei mir behielt. Nichtsdeftoweniger will 
ich zu eurer Genugthuung alle Zimmer des Haufes öff- 
nen laſſen. Suchet felbft! 

Sofort traten fie zuerfi in das Zimmer, wo Corne⸗ 
lio im Kamin ſteckte und von feiner hohen Stellung aus - 
Die Sterne betrachtete, dabei aber mehr fror, als ihm 
lieb war. Dan fuchte bier unter den Bänfen.und unter 
dem Bette ‚und überall, drehte die Käften bin und ber, 
einer der Häfcher, der befonders eifrig fein wollte, fchlug 
mit einer Hellebarbe an dad Seil, welches den Bett- 
himmel hielt, und Alles fiel über einander. Cornelio blieb 
ruhig und verwünſchte nur im Stillen feine Lage. Rach⸗ 
dem die Sbirren mit dieſem Zimmer fertig waren, gin⸗ 
gen ſie ebenſo durch das ganze Haus und ließen kein 
Loch und keinen Winkel undurchſucht; es fanden ſich 
aber nur die zwei Edelknaben und der alte Kellermeiſter; 
Deshalb gingen fie hinab in die Kellergewölbe unter dem 
Boden, und de fie dachten, der Mifferhäter könne fih 


⸗ 


254 XXIV. Matteo Banbello. 


vielleicht in die Faͤſſer verftedt haben, wollten fie den 
Geſchmack faft aller Weine koſten. Es waren, wie. « 
bei folhen Vorfällen gefchieht, auch Leute von der Strafe 
in das Haus gefommen und unter Andern der, welder 
dem Häfchermeifter angegeben hatte, der Mörder fei ficher 
im Haufe. Als man nun drinnen feinen Mifferhäter 
fand, wollte ber Häfcherhauptmann den Antläger vor 
Gericht mitnehmen, in der Meinung, er werde etwas 
von diefer Sache wiffen. Der Häfcherhaupftmann war 
mit feinen Leuten noch nicht die halbe Straße weit ge 
fommen, als der Gatte von Madonna Camilla zurüd 
kehrte. Als er bie Thüre offen und viele Leute von 
der Straße bei feiner Frau ftehen fah und das eifrige 
Neden hörte, wunderte er ſich fehr, mas doch das fein 
möge. Die Frau aber, als fie ihren Gemahl erblickte, 
war eher todt als lebendig und ſprach zu ihm: Ad, 
mein lieber Herr, ſeht doch, wie die Däfcher des Ge 
richtshauptmanns dieſes Zimmer und das ganze Haus 
zugerichtet haben. 

Bei diefen Worten nahm fie ihn an der Hand und 
führte ihn in das Zimmer, wo Cornelio fich befand, und 
um ben Liebhaber zu bedeuten, daß ihr Gemahl im Haufe 
fei, fagte fie ganz laut: Schaut an, mein Gemahl, wie 
diefed Geſindel Alles unter einander geworfen hat. 

- Hier erzählte fie ihm Alles, was die Häfcher hier 
gethan und gewollt hatten. Der Mann fühlte fi) müde 
und wünfchte nichts fo ſehr, als auszuruhen. - 

Liebes Weib, fagte er daher, gehen wir zu Bette, 
morgen wollen wir an dieſe Dinge denken. 

Als Eornelio aus der Stimme erfannte, daß ber 
Gemahl ber Frau angefommen war, wäre er faft vor 
Schreden heruntergefallen und wußte nicht, was er be 
ginnen follte, fo fehr war er betäubt. Es murden nun 
die Leute von ber Straße, welche im Haufe waren, ent 
laſſen und das Thor gefchloffen. Der Stall war nahe 
am Haufe, aber in einem andern Gäßchen. Dahin wur 





80. Die Liebe des Verbannten. 255 


den die Pferde geführt. Der Gatte der Frau ging hin- 
auf in feine Gemächer, ließ Feuer anzünden, fich aus- 
leiden und zu Bette bringen. Unterdeffen hatte der 
Geſchäftsführer mit einem Begleiter. fi in bie Kammer 
gelegt, wo Cornelio im Kamin in fehr übler Laune und 
großer Unentfchloffenheit verborgen: war. Dahinein hatten 
auch einige andere Diener einige: DBüchfen und drei lange 
Spieße geftellt und waren dann in andere Zimmer ges 
gangen, wo fie zu fchlafen pflegten. Die Frau verlieh 
ihren Mann, welcher ſich zu Bette gelegt hatte, ftieg 
hinab mit der Zofe, um zu fehen, ob es möglich -fei, 
Eornelio zu befreien, und fagte, als fie fah, daß jene 
Beide im Bette lagen: Ihr hättet eich nicht hier ‚nieder- 
legen follen, es ift ja Alles umgemworfen. 

Darüber kam der Hausmeifter und fagte: Gnädige 


Frau, für heute Nacht mögen fie bleiben, fo gut es geht. 


Morgen ſoll ſchon Alles wieder in Ordnung kommen. 


Geht nur zu Ruhe, denn es muß nunmehr Mitternacht 


ſein. 

Als die Frau ſah, daß r e Cornelio auf andere Weife 
keine Hilfe bringen Eonnte, fagte fie: Sch bin herabge⸗ 
fommen, um dafür zu forgen, daß hierinnen Fein Feuer 
gemacht werde; denn der Hut des Kamins hat oben 
Luft, es könnte leicht eine Beueröbrunft i im Haufe geben. 

Nachdem fie dies gefagt Hatte, ging fie hinauf, be⸗ 
ftändig in Gedanken an den Liebhaber, und fand, daf 


ihr Gatte ſchon am Einfchlafen war, fie legte fih an- 


feine Seite und fprach: Lieber Herr, ihr feid aber fehr 
fpät nach Haufe gekommen für ein fo kaltes Wetter. 
Ich bin, antwortete der Mann, diefen Morgen von 
Novara mweggegangen, in der Abfiht, zu Abend zu Haufe 
einzufreffen; aber zu Buffaloro wurde ich von unfern 
Dermandten, den Gribelli Iange bingehalten, fobaß id) 
meinen Plan änderte und-befchloß, zum Nachteffen und 
Schlafen zu Schiffe auf unferem Landgut einzutreffen, 
und ih kam f ſpãt daſelbſt a an. Der Verwalter bereitete 


* 





956 XXIV, Matteo Bandello. 


‚ein gutes Mahl, entichuldigte fid, aber, wir ‘werben fein 
gutes Nachtlager finden, denn die Betten feien, feit fie 
wegen des Krieges hereingebracht worden feien, nicht wie 
der hinausgeſchickt worden, während ich angenommen hatte, 
fie feien dahin gebracht worden. Als ich bas hörte, be 
ſchloß ich gleich nach dem Nachteffen hierherzugehen. Die 
Straße ift gut und der Weg fiber. So babe ich es 
denn ausgeführt. 

Cornelio nun, welcher die Ankunft des Hausherrn 
vernommen und einige in dem Zimmer fi zu Bette 
legen gehört, war durch die Wahrnehmung, dag Camilla 
herabgelommen, um das Aufmachen von Feuer im Ka⸗ 
min zu verhindern, in feiner Zodesangft etwas beruhigt; 
dennoch aber füchtete er, er möchte, vom Schlafe über- 
wältigt, herunterflürzen und von den Leuten im Haufe 
umgebracht werden.  Anbererfeits fühlte er eine Kälte 
und Eisluft an ihm vorbei das Kamin herunterftreichen, 
die ihm Mark und Bein durchdrang. Mehrmals fam 
er auf den Gedanken, fo fachte ald möglich herunterzu- 
zutfchen, da er die Leute im Zimmer fchlafen hörte, und 

"aus dem Zimmer zu gehen; da er aber im Haufe nidt 
befannt war, wußte er nicht, wie er hinauskommen und 
wohin er ſich zurüdzichen ſollte. Er fühlte heftigen 
Schmerz in den Füßen, denn die Haken waren rund und 
fehr unbequem, um ſich lange darauf feit zu halten, fo 
"daß er kaum noch vermochte auf der Stelle zu bleiben. 
Dennoch hoffte er, am Morgen von bier erlöft zu wer- 
den, und mit diefer ſchwachen Hoffnung täufchte er fid 
felbft, dachte an die Schönheit der Geliebten und fprad 
manchmal bei ſich felbft: Die herbe Pein, die ich jest 
erdulde, ift nicht fo groß, daß ich mir nicht eine weit 
geößere follte gefallen laffen, um all die Schönheit und 
Anmuth zu genießen, die ihr inmohnt. Und mie follte 
fie erfennen, daß ich fie volllommen liebe, wenn ich um 
ihretwillen nicht diefe und viel größere Gefahren und 
bittere Qualen ertrüge? 





® 


80. Die Liebe des Berbannten. 7 


Mit diefen Gedanken, unterflügt von heißer Liebe, 
entfchloß er ſich muthvoll, Alles zu ertragen. Der Hä- 
fherhauptmann Hatte indeß, wie gefagt, den Ankläger 
vor das Gericht geführt und Momboiero vorgeftellt, wel- 
cher ihn verhörte und mit Folter und allen Martern be 
drohte, wenn er nicht die Wahrheit fage, wie es .bei der 
Ermordung des Reitknechts zugegangen ſei. Der arme 
Mann, der nichts anderes wußte, als daß er einen Mann 
mit blofem Schwert in der Hand habe in jenes Haus 
eintreten eben, wiederholte feine frühere Außerung. Da⸗ 
her befahl Momboiero dem Häfcherhauptmann, nochmals 
in das Haus zu geben und überall forgfältig zu fuchen. 
Er ging bin und pochte heftig an die Thüre, fo daß faft 
Alles von dem Getöfe ermachte. Der erfte, der aufftand, 
war der Kellermeifter, der ſich die Schlüffel geben ließ 
und mit Erlaubniß des Hausherren aufmachen wollte. 
Unterweilen zog fi der Hausherr an. Der Häfcher trat 
in das Haus und fuhr nochmald in das Gemach, wo 
Sornelio war, welcher Alles gehört hatte und fürchtete, 
er werde von den Gerichtödinern gefucht, unter dem Vor⸗ 
wande, fie fahnden nach einem Andern. Der Büttel 
fand die zmei fchlafend (fie waren fo müde, daß fie noch 
nicht erwacht waren) und da er Spieße und Feuerwaffen 
im Zimmer fand, ließ er fie Beide binden, ehe fie nur 
merkten, daß fie fefigenommen waren. Der Schaffner 
war noch nicht lange aus dem Gefängniß entlaffen, worin 
er lange Zeit gefeffen hatte wegen einiger Wunden, die 
er einem Landmann beigebracht. Der Häfchermeifter er- 
tannte ihn und fagte auf feine Frage, mas das zu be- 
deuten habe: Du wirft es bald erfahren und für diefen 
Tal, wie für den legten büßen. Während die Häfcher 
die Treppen hinaufſtiegen, fam der Schreiber herab und 
wurde glei) von ihnen gepadt. Als’ der Hausherr 
dies hörte, verwunderte er fich nicht wenig über biefen 
Vorgang; halb angelleidet trat er dem Häfcher entge- 
gen, welcher, als er ihn erblickte, zu ihm fagte: Mon- 


258 XXIV. Matteo Banbello. 


fignor, ihr feid verhaftet im Namen des allerchriftlichften 
Köriige. 

Dies fagen und ihn paden war eine. Sie ergriffen 
auch noch -vier bis fünf von den Andern, welche ihnen 
in die Hände kamen, und machten ben größten Lärm 
von ber Welt, fo dag man meinte, der füngſte Tag fa 
im Haufe. Cornelio, der Alles hörte, —* bei ch: 
Gott im Himmel, ſteh mir bei! Was iſt das für ein 
Teufelslaͤrm? 

Der Hausherr wollte feine Leute und ſich ſelbſt ent- 
ſchuldigen und fagen, er fei.kurz vor Mitternacht mit 
allen diefen vom Lande angelommen, aber es half ihm 
nichts; denn alle, neun an der Zahl, wurden fie nah 
dem Gerichtshof geführt in die Gefängniffe des Gerichte 
hauptmanns. As Madonna Camilla dieſes neue Un- 
glück ſah, weinte ſie bitterlich. Da ſie aber wußte, daß 
ihr Mann mit den Angehoͤrigen ihres Hauſes unſchuldig 
war an dieſem Morde, dankte fie Gott für dieſen Zwi⸗ 
fchenfall, da fie nun ihren treuen Liebhaber freimachen 
konnte. Sie ließ alfo die Thüre fchliefen, ſchickte den 
Kellermeifter mit den Edelknaben und ihren Frauen zu 
Bette und trat mit ihrer Kammerfrau in das Gemach, 
wo Cornelio feiner Erlöfung entgegenharrte. ALS fie 
unter dem Kamine ftand, fagte fie mit getrodineten Thrö- 
nen und laͤchelnd zu Cornelio: Liebe Seele, wie geht es 
euch? Was macht ihr? Segt könnt ihr fiher herabkom⸗ 
men, denn Gott hat, um größeres Argerniß zu vermei- 
den, geſtattet, daß mein Herr Gemahl mit einem großen 
Theile feiner Dienerfchaft vor das Gericht geführt wurde. 

Die Zofe ftellte die Bänke hin wie zuvor und hielt 
fie mit. ihrer Gebieterin feſt. Cornelio flieg fachte her- 
unter und wurde von feiner Geliebten freudiaft bewill- 
kommt. Sofort gingen fie mit einander die Treppe hin- 
auf, es wurde ein gutes Feuer angezündet, Cornelio 
wufch fi) Hände und Gefiht, die etwas von Ruß 'ge 
Schwärzt waren, und legte fich, als das Frieren, das er 


800. Die Liebe des Berbannten. . 259 
im Kamin gebolt, befeitigt war, neben feine Frau zu 
Bette. So erntete er die Frucht feiner heifen Liebe und 
lachte oftmals ‚mit der Geliebten über das ihnen zuge 
ſtoßene Misgefhid. Früh am Morgen ließ die Frau 
ihren Liebhaber in ein Kämmerchen treten, wo er für 
alle feine Bebürfniffe von der Zofe bequem bedient warb 
und die Frau felbft, fo oft fie wollte, ihn ungeftört be- 
ſuchte. Dann fchidte fie nach ihren Verwandten aus 
un) traf Einleitung zur Befreiung ihres Gemahls, in⸗ 
dem fie ihnen den ganzen Hergang der Sache erzählte. 
Die Geſchichte zog fi) aber mehr, als fie glaubten, in 
die Länge, denn man mufte einen Gerichtönotar nach 
Novara ſchicken, um die Zeugniffe zu prüfen, und ebenfo 
auf das Landgut, mo fie zu Nacht gegeffen hatten, um 
das zu ermweifen, was der Hausherr mit feinen Leuten 
ausfagte. Darüber. gingen ſechs Tage hin, bie fie aus 
dem Gefängniß frei wurden. Unterdeffen Ieiftete Corne- 
lio jede Nacht feiner Frau Gefellfehaft, damit fie nicht 
allein fchliefe und kein Gefpenft ihr zur Laſt fiel. Als 
fie nun erfuhr, daß ihr Mann heute nad) Haufe kom⸗ 
men werde, brachte fie am Morgen zuvor bei guter Stunde 
nach taufend Umarmungen ihren Liebhaber aus dem Haufe 
und er ‚ging gerade nach feiner Herberge. Nach dem 
Morgeneffen ging er masfirt zu Herrn Alerander Ben- 
tivoglio und feiner Frau Gemahlin, Frau Ippolita Sforza, 
um ihnen aufzuwarten. So lange er dort war und mit 
ihnen ſprach, kamen ein paar Edelleute, unter melchen 
einer fagte, in. bem Augenblide fei Momboiero mit’ der 
Mache in Cornelio's Haufe, da man vernommen habe, 
daß er von Mantua ſich entfernt und nad) Mailand ge- 
kommen fei, Cornelio's Mutter habe ihm das ganze Haus 
genau gezeigt. Als Cornelio dies hörte, verabfchiedete er 
fi von Herren Alerander und Frau Ippolita, fehrte in 
feine Herberge zurüd und befchloß, ſich nicht länger mehr 
diefen Gefahren auszufegen. Er flieg alfo, da e8 Nacht 
wurde, zu Pferde und begab ſich über Bergamo und 


260 XVXVV. Matteo Bandello. 
Breſcia nach Mantua, da er nicht mehr den Weg ma— 


chen wollte, den er früher gemacht hatte, aus Furcht, es 
möchten ihm unterwegs böſe Beifter begegnen. 


81. Spaniſche Race. 


(1, 42.) 


\ 


Valencia in Spanien gilt für eine fehr freundlicde 
und vornehme Stadt, wo, wie ic öfterd von genuefifchen 
Kaufleuten habe fagen hören, fehr ſchöne und reizende 
Frauen find, welche die Männer fo leicht zu ködern ver- 
ftehen, daß in ganz Catalonien feine ausgelaffenere und 
verliebtere Stadt ift; und wenn zufällig ein unerfahrener 
junger Menſch hinkommt, fo rafiren fie ihn dermaßen, 
dag die Sicilianerinnen felbft nicht fo gut und ſchlau zu 
barbiren verftehen. Es ift dafelbft die Familie der Gen- 
tigli, die in jener Stadt immer fehr berühmt und reid 
an fehr begüterten und geehrten Nittern war. Darin 
war auch ein fehr reicher Ritter, etwa dreiundzwanzig 
Jahre alt, mit Namen Didacc. Er galt in Valencia 
für den freigebigften und mildeften Ritter, den es geben 
konnte und der fich auf das Ehrenvollfte bei den Stod- 
fpielen, Stiergefechten und andern Feftlichfeiten zeigte. 
Diefer ſah eined Tages ein junges Mädchen von niedri- 
ger Abkunft, aber fehr fchön und äußerſt anmuthig und 
wohlgefittet, und verliebte fich heftig in fie. Das Mäd— 
hen hatte eine Mutter und zwei Brüder, die waren 
Goldſchmiede, und fie felbft fertigte mit eigener Hand 
bie ſchönſten Arbeiten auf Leinwand. Der Ritter fühlte 
fi) fo entbrannt von der Liebe zu ihr, daß er fein Glück 
und feine Ruhe kannte, als fo lang er an fie dachte 
oder fie fah, er fing an, häufig an ihrem Haufe vor: 


81. Spanifche Rache. 261 


überzugehen und fie mit Botfchaften und Briefen zu be 
heiligen. Ihr gefiel e8 auferordentlich, von dem erften 
Ritter der Stadt umworben zu werben; daher fehenkte 
fie zwar den Bitten bes Ritters nicht durchaus Gehör, 
wies fie aber auch nicht ganz zurüd, fondern hielt fich 
fo in der Mitte von beidem. Er aber hatte nad) An- 
derem Luft, als mit Worten und Blicken abgefpeift zu 
. werben, von Stunde zu Stunde vergaffte er ſich mehr 
in fie und hoffte dur) Sanct Johann Goldmund feinen 
Plan durchzufegen. Er fuchte demnach fie dahin zu brin- 
gen, daß fie ihm eine geheime Unterredung geftattete, wo 
es ihr bequem märe, und verpfändete ihr fein Wort hei⸗ 
lig und theuer, daß fie weder Unbill noch Gewalt von 
ihm zu fürchten habe. Das Mädchen theilte Alles ihrer 
Mutter mit, welche durch die Bitten ihrer Tochter ſich 
bewegen ließ, zu geſtatten, daß der Jüngling in ihr Haus 
komme zu einer Unterredung. Als der Ritter dies er⸗ 
reicht hatte, ging er hin und unterhielt ſich mit Violante 
(fo hieß das Mädchen) immer in Gegenwart ihrer Mut⸗ 
ter fehr lange. Und mwiewol er fehr beredt und ein guter 
Spreder war und Mutter und: Xochter vielerlei Ver⸗ 
fprechungen machte, ihnen voraus ſchon eine anfehnliche 
Summe Geldes anbot, und fpäter, wenn fie ſich ver- 
heirathen wollte, fie mit einer angemeffenen reichen Mit- - 
gift ausftatten mollte, fo erreichte er dennoch feine an⸗ 
dere Antwort von Violante, ald daß er fie fih fehr ver- 
pflichtet erachten dürfe für die Liebe, die er feiner Aus⸗ 
fage nad für fie fühle, und daß fie in allen ehrbaren 
Dingen bereit fei, ihm zu willfahren, fie fei aber auf 
das Feftefte entfchloffen, lieber fterben als ihre Ehre ver- 
lieren zu wollen. Ebenſo unterflügte ihrerfeits die Mut- 
ter ihre Tochter mit ‘vielen Worten... Der arme Lieb⸗ 
baber, dem ein fo glückliches 2008 gefallen war unb der 
Biolante unendlich lebte, hatte nun, da er in der Nähe 
mit ihr ſprach, fie noch genauer betrachtet und fie hatte 
ihm mehr ale gewöhnlich, ja unglaublich gefallen, denn 


262 xx. Matteo Bandello. 


fie war in" der That fehr ſchön und reizend. Da er 
nun ſah, daß er um keinen Preis und mit aller anzu⸗ 
wendenden Kunft fie nicht zur Geliebten befommen Eonnte, 
befhloß er, fie zur Gattin zu nehmen. Er fah fie voll 
endet an Schönheit, Anmuth, Artigkeit, fchönen Sitten, 
‚in allen Stüden klug und artig, und meinte, wenn fie 
auch aus niedrigem Gefchlechte ftamme, könne fie dod, 
. wenn er-fie zur Frau babe, allen Weibern in Valencia 
gleichftehen, er babe ja auch weder Vater noch Mutter, 
die ihn über diefe Verwandtſchaft, die er eingehen wollte, 
fhmähen fonnten. Dann ftachelte ihn die heftige Liebe, 
die er für Violante fühlte, und überredete ihn, Dies zu 
thun; denn es ift fonft nichts in diefer Welt von größe 
rer Bedeutung, als die eigene Zufriedenheit, und man 
kann wol ein Pferd kaufen auf Anfuchen eined Freun⸗ 
des, und fo noch viele andere Dinge thun, aber eine 
Frau muß man nehmen nach feinem eigenen Herzen. 
Er erinnerte fih auch, gehört zu haben, daß vor nidt 
langer Zeit ein König von Aragon die Tochter eine 
. feiner catalonifhen Vaſallen zur Frau genommen habe. 
So ging ihm noch Vieles dur den Sinn, er Tonnte 
fi) von der Liebe zu diefer Frau nicht Iosfagen, vielmehr 
war ihm, als wachfe feine Neigung zu ihr von einem 
Augenblid zum andern, fein Entihluß mar gefaßt, er 
offenbarte ihr ihn alfo mit den Worten: Sennora Bio: 
lante, damit ihr erkennt, daß bie Liebe, die ich für euch 
fühle, echt ift und daß, was ich euch gefagt habe, aus 
dem Herzen Fam, will ich, wenn ihr dauernd mir ange: 
hören wollt, fo lange ich lebe, immerbar der eure fein 
und euch zu meinem ehelichen Gemahl nehmen. 

Als Mutter und Tochter diefes hörten, wurben fie 
fehr froh und dankten Gott für diefes große Stud, in 
dem fie biefe feine Herablaſſung äußerſt rühmten. Vio— 
Iante antwortete ihm fehr befcheiden: Here Didaco, da 
ihr eure Liebe fo hoch ehret, will ich, obſchon ich mich 
unwürdig weiß eines ſolchen Ritters, wie ihre, da ihr von 





81. Spanifche Rache. 263 


altem, in diefem Lande body geadeltem Gefchlechte ftammt 
und ich dagegen aus armem, niedrigem Haufe entfproffen 
bin, euch dach immer eine getreue Genoffin und ergebene 
Magd fein. 

So blieben fie alfo bei der Abrede, daß er Violante 
nad feinem MWohlnehmen in Gegenwart der Mutter und 
der Brüder, fobald ihm beliebe, zur Frau nehme. Der 
Ritter war erfreut über diefe Übereinkunft, er nahm, 
indem er der Jungfrau die Hand Lüfte, Abfchied und 
tehrte nach Haufe zurück. Sobald die Söhne nad) Haufe 
famen, erzählte ihnen die Mutter Alles, was fie mit 
dem Ritter abgerebet hatten; die zwei jungen Leute er- 
hoben darüber den größten Jubel, denn es gefiel ihnen 
höchlich, die Schwefter fo vornehm vermählt zu wiffen 
und ihr doch feine Mitgift geben zu müffen. Es dauerte 
nicht zwei Tage, fo kam Herr Didaco wieder und ver 
lobte fih nun in Gegenwart der Mutter, ber zwei Brü- 
der und eines feiner Diener, den er mitbrachte und dem 
er befonderes Vertrauen ſchenkte, in feierlihen Worten 
mit feiner -erfehnten Violante, bat aber allefammt, fie 
möchten aus dringenden Gründen biefe Vermählung ge 
beim halten, bis er fie felbft bekannt made. Nachdem 
er fie fo geheirathet hatte, brachte er ‚die folgende Nacht 
bei ihr zu und vollzog mit großer Wonne und zur Be- 
friedigung Violante's die heilige Ehe. Er beharrte in 
ihrer Liebe und es dauerte über ein Jahr, dag er faſt 
jede Nacht fie befuchte. In diefer Zeit hatte er fie reich» 
lich ausgeftattet mit Kleidern und Juwelen, auch ihren 
Brüdern eine anfehnlihe Summe Geldes geſchenkt. Da⸗ 
her kam es, daß Viele, welche mit dem Stande der Sache 
nicht genauer bekannt waren, als ſie ſie ſo koſtbar ge⸗ 
kleidet ſahen, meinten, der Ritter habe die Liebe der Jung- 
frau mit Geld erfauft und genieße ihre Gunft wie einer 
Freundin oder Geliebten; und fie beftärkten fi) um fo 
mehr in dieſer Anficht von der Sache, je häufiger fie 
den Mitter in das Haus zu ihr fchleichen ſahen. Sie 


264 XXIV. Matteo Bandello. 


felbft hörte zwar manchmal darüber munfeln, kümmerte 
fi) aber nicht darum, ba fie wußte, wie ſich die Sade 
verhielt, und hoffte, in kurzem durch Veröffentlichung 
ihrer Verheirathung jeben zu enttäufchen. Ebenſo ging 
es ihrer Mutter und ihren Brüdern, welche fie oft auf- 
forderten, ihren Gemahl dahin zu vermögen, daß er ihre 
Bermählung bekannt mache. Violante bat öfters, wenn 
fie fi) mit ihrem Gemahl vertraulich beifammen fand, 
diefen, er möge fie nunmehr, wie er verfprochen habe, 
nad Haus führen. Er fagte, er wolle es thun, machte 
aber doch Feine Anftalt, e6 auszuführen. Schon war 
ein Jahr vorüber, feit fie in Folge ihrer Verlobung fid 
feinen Genuß der Liebe verfagten, als der Ritter, fei es, 
daß er fich des niedrigen Blutes Violante’s ſchämte, ober 
daß er ihrer fatt war, oder daß jemand ihn dazu trieb, 
Unterhändlungen antnüpfte, um eine Tochter bes Herrn 
Ramiro Vigliaracuta, eines Ritters aus einer der erfien 
valencianifchen Familien, zur. Frau zu befommen. Die 
Angelegenheit gelang, in kurzem waren fie mit einander 
über das Heirathögut einig geworden und er nahm die 
fes Fräulein öffentlih zur Gemahlin. Die Sache ward 
in ganz Dalencia bekannt, am nämlichen Tage noch er- 
fuhr es auch Violante zu ihrer nicht geringen Beſtür⸗ 
zung; wie ſſehr fie die Nachricht fehmerzte, brauche ich 
nicht zu fagen. Sie liebte den Ritter, den fie als ihren 
Herrn und Gemahl betrachtete, glühend und unbegrenzt; 
fhon fo lange hatte fie gehofft und fi in Gedanken 
darauf gefreut, ihre Ehre vor der Welt völlig gerecht: 
fertigt zu fehen, nun aber fand fie fich geringgefchägt und 
wußte feinen Weg zum Troſte zu finden. Am Abend 
famen ihre beiden Brüder nach Haufe, welche gleichfalls 
von der neuen Vermählung gehört hatten, fie fanden ihre 
Schwefter bitterlih weinen, fie wollte Beinen Troft an- 
nehmen, boch fuchten fie fie in Gemeinfchaft mit ihrer 
Mutter, fo gut fie konnten, zu beruhigen und ihre Thraͤ⸗ 
nen zu trodnen. Sie aber war übermäßig bekümmert, 


si. Spaniſche Rache, nu 265 


von berbem Schmerz niedergedrückt und fehenkte nichts 
Gehör, was man ihr auch fagen mochte; fondern fie 
feufste fortwährend, beklagte fich bitter und jammerte 
über ihr Unglüd. Dies trieb fie faft drei Tage, ohne . 
zu effen, ohne zu trinken und ohne zu fchlafen, und 
zehrte ſich allmälig auf. Da fie zulegt vom natürlichen 
Triebe gedrängt ward, nahm fie wieder ein wenig Speife 
zu fich, fie fchlief etwas und beruhigte fih; und da fie 
einfahb, daß das Meinen nichts half, fing fie an über 
ihre Angelegenheiten nachzudenken; fie konnte ſich nicht 
entichließen, die Unbill auf fich ruhen zu laffen, die ber 
Ritter ihr angethan, und befchloß, wo möglich zu ver- 
anlaffen, daß er die gebührende Strafe empfange, und 
folhe Race zu nehmen, wie fie einer fo ſchnöden Ver⸗ 
ruchtheit gebühre, damit in Zukunft die Männer es nicht 
fo leicht nehmen, ein armes Weib zu betrugen. Niemand 
ihren graufamen. Vorfag eröffnend, wartete fie eine paffende 
Gelegenheit ab, denn es ahnte ihr, der Ritter werde ihr 
ſchon felbft in die Hände fallen. Feſt entfchloffen, eine - 
fchreiende Rache zu nehmen, fann fie einzig darauf, wie 
fie ſich dabei benehmen follte. Indeſſen gab fie das 
Meinen auf und war darauf bedacht, fo heiter ald möglich 
zu leben. Im Haufe war eine Sklavin, ein großes, fehr 
kräftiges Weib von etwa dreißig. Jahren, welche Violante 
äußerſt zugethan war, denn fie hatte fie von Kindheit auf 
erzogen und gepflegt. Sie konnte ſich gar nicht darüber 
beruhigen, daß das Mädchen auf folche Weiſe follte ver 
achtet werden, und hatte oft mit ihr Thranen des Mit- 
leids darüber geweint. Violante nahm fi vor, dieſer 
ihren geheimen Plan zu offenbaren, denn fie fah wohl 
ein, daß fie für ſich nicht hinreiche, um zur Ausführung 
zu bringen, was fie erfonnen hatte; überdies fchien ihr 
das Weib ganz befonder® geeignet für ihre Zmede. So 
entbedite fie ihr Alles, und fie nahm es nicht nur auf 
ſich, ihr beizuftehen, fondern rühmte felbft ihren grau- 
famen Borfag höchlich. Sobald zwiſchen ihnen beiden 
Sieliariſcher Novellenſchatz. IT. 


a68 XXIV. Matteo Bandello. 


beftimmt war, was fie zu thun beabfichtigten, erwarteten 
fie nur eine bequeme Gelegenheit, die dem Sprichwort 
zufolge die Mutter der Ereigniffe if. Noch waren nicht 
vierzehn Tage vorüber, feit der Ritter die zweite Frau 
geheirathet hatte, als ex zu feinem Vergnügen durch bie 
Stadt ritt und auch vor Violante's Haus vorüberkam; 
fie fland am Fenſter, denn fie war gewiß, der Ritter 
müffe nothwendig durch biefe Strafe fommen. Sobald 
fie ihn ſah, wurde fie roth im ganzen Gefichte vor Er- 
mwartung, was er ihr wol fagen werde. Auch der Ritter 
änderte, als er die Jungfrau am Fenfter bemerfte, etwas 
die Farbe, doch faßte er fich, hielt, als er in ihre Nähe 
kam, fein Pferd an und fagte höflich: Guten Tag, 
Sennora, wie geht es euch? Es iſt mir, als hätte ih 
euch ein Jahr lang nicht mehr gefehen. 

Als die junge Frau das Horte, Lächelte fie ein wenig 
und fagte zu ihm: Ihr mwünfcht mie guten Tag mit 
Worten, in ber That aber habt ihre mir manchen boien 
Tag gemacht; wie es mir geht, wißt ihr fo gut, als ic. 
Aber in Gottes Namen, da ed nicht anders fein Tann! 
Ihr habt mich ganz und gar verlaffen und nun fagt ihr, 
es fei euch, als habet ihe mich ein Jahr nicht mehr ge 
feben. Ich merke wohl, daß ihre euch nicht mehr um 
mich bekümmert, und muß euch jagen, daß ich immer 
daran zweifelte; denn ich bin nicht fo verblendet und 
habe nicht fo ganz den Verſtand verloren, daß ich nicht 
einfähe, daß meine Niedrigkeit zu eurer Größe nicht paft. 
Demungeadhtet bitte ich euch, daß ihr euch je zuweilen 
meiner erinnert; denn ihr möge wollen ober nicht, ich 
war immer die eure und werbe es bleiben. 

Als der. Ritter dies hörte und fah, daß die Frau 
Beinen größeren Lärm machte, glaubte er wohlfeilen 
Kaufes davonzukommen und fprah zu ihr alfoe: Was 
ich gethan habe, liebe Frau, war notbwendig, um einen 
dauernden Frieden zu bewerkftelligen zwifchen meiner Je 
milie und der vigliaracutifchen, zwifchen welchen bintige 


BL. Spaniſche Rache. 267 


Händel fattfanden, nunmehr aber ift bucch dieſes 
Familienband Alles ins Gleiche gebracht. Darum werbe 
ich euch aber niemals verlaffen, denn in Allem werde ich 
‚immer ‚bereitwillig thun, was ich zu eurem Beften aus- 
führen ann, und ihre werbet in Zukunft merfen, daß 
meine Liebe zu euch in feiner Weiſe abgenommen bat. 

Ich werde das fehen, fügte Wiolante hinzu, wenn 
ihr mich manchmal euch fehen und eure Liebe genießen 
laßt. 

Der Ritter verfprach dies und ging weiter, und noch 
war er nicht fünfzig Schritte vom Haufe entfernt, fo 
rief er den Diener zu fi, der von ber ganzen Sache 

unterrichtet war, und fagte zu ihm: Kehre um und fage 
Frau Biolante, damit fie erkenne, daß ich fie liebe und 
nicht vergefien babe, werde ich, wenn es ihre gelegen fei, 
ihr heute Nacht einen Beſuch machen und einige Zeit 
bei ihr bleiben. 

Der Bote richtete den Auftrag an die Frau aus und 
fie ſchien darüber höchlich erfreut. Als nun Wiolante ſah, 
daß ihr Plan anfing den Gang einzufchlagen, den fie 
wünſchte, rief fie fogleich die Sklavin zu fi) und ver: 
anftaltete, was fie bereit auszuführen befchloffen hatte. 
Die Naht Fam, Herr Didaco blieb einige Zeit bei feiner 
neuen Gemahlin, mit der er gefpeift hatte, verabfchiedefe 
fich aber, ohne erft in nähere Berührung mit ihr zu treten, 
von ihr und ging hinweg; er ſchickte alle Diener, die er 
bei fi hatte, weg und behielt nur den, der von ber 
Sache mußte; fo ging er in Violante's Haus, von welcher 
er fehr freundlich aufgenommen wurde. Der Diener ging, 
nachdem er feinen Herrn in Violante's Haus begleitet 
hatte, weg und anderswohin. Da es fchon fpät war, 
ging Herr Didaco und Violante zu Bett, gaben fich den 
Genüſſen ihrer Liebe hin und fprachen viel von dieſer 
neuen DVermählung; aber die entfchloffene junge Frau 
ſchien auf weiter nichts zu achten, als ihn zu bitten, daß 
er in Zukunft auch an fie denke. Er liebte fie, denn 

12* 





268 XXIV. Matteo Bandello. 


fie war fehr ſchön und aͤußerſt reizend, und machte ihr 
deshalb die ausgedehnteften DBerfprechungen, fie immer 
ald Freundin zu behalten. Nachdem fie fi) nun mehr⸗ 
mals in Liebe verbunden und mehr ald je die zärtlichften 
Liebkofungen gemacht hatten, fühlte fich der Nitter müde 
und ſank in tiefen Schlaf. Sobald fie merkte, daß ex 
tief fchlafe, ftand fie fo leife als möglich vom Bette auf, 
öffnete die Kammer und ließ die Sklavin herein, welche 
an der Thüre wartete. Sie nahmen nun das vorbereitete 
Seil und das Glück mar ihnen fo günftig, daß fie den 
unglüdlichen Ritter auf taufend diamantene Arten feffelten, 
ehe er etwas davon merkte. Als er fodann ganz fehlafe 
trunfen ermwachte, wurde ihm plötzlich von den zwei kecken 
MWeibern ein Knebel in den Mund gefpeidelt, ſodaß er 
nicht mehr fehreien Eonnte. Mitten im Zimmer war ein 
Sparren zur Unterftügung des Balkens, der den Boben 
hielt; an diefen Sparren banden fie den Ritter, ohne 
daß er fich wehren Eonnte, aufrecht und fo nadt wie er 
aus Mutterleib gefommen war. Da brachte denn die 
vom: Teufel befeffene Sklavin ein ſcharfes Meſſer nebſt 
einer Pleinen Zange und andern fcharfen Eifenmwerkzeugen. 
Wie mochte da dem unglüdlichen Edelmann zu Muth 
fein? Was mochte er denken, als er die zwei Frauen 
vor fih fah, wie fie die fehneidenden Eifen aufmachten 


. umd fich keck bereiteten, wie der Fleifcher thut, wenn er 


auf der Schlachtbank einen Dchfen oder anderes Schlacht⸗ 
vieh abziehen will? Fürwahr mich dünkt, es mochte ihm 
fehr leid thun,: Wiolante fo gefränft zu haben; aber Reue 
binterdrein hilft wenig, bei den Menfchen menigftens, 
denn vor Gott, hörte ich oftmals predigen, gelte herzliche 
Reue immerdar. Als nun der Jüngling auf diefe Weife 
gebunden war, nahm die verzweifelte Violante die Zange 
in bie Hand und ließ mit grimmiger Gebärde nicht nach, 
bis fie die Zunge des bebenden Ritters gepadt hatte. 
Ha, ſprach fie, du verrätherifcher, treulofer, nieder⸗ 
trächtiger, graufamer Ritter, ober vielmehr wegen deiner 








81., Spanifche Rache. 269 


verbrecheriſchen Verruchtheit nicht mehr Ritter, fondern 
ganz gemeiner Mann, mie wehe thut es mir, daß ich 
nicht öffentlich vor den Augen der ganzen Stadt an bir 
die Rache nehmen Tann, die deine Schnödigfeit verdient! 
Aber ich werde dich auf eine Weife ftrafen, daß du allen 
Gegenwärtigen und Zulünftigen ein Vorbild fein wirft, 
daß fie fich enthalten, unvorfichtige einfältige Mädchen 
zu nareen, und wenn fie freiwillig etwas gethan haben, 
was vor dem Angeficht Gottes recht ift, dabei beharren. 
Kennft du nicht diefen Ort, Verräther, wo bu mir mit 
heuchleriſchen Worten den Ehering übergabft und mit 
noch falfcheren Worten mir mein Magdthum raubteft? 
Sich hier, du Wortbrüchiger, das eheliche Lager, das 
du fo leichtfinnig befledt haft. Ha, wie viel Lügen bat 
zu meinem Schaden diefe falfche Zunge mir gefprochen ! 
Aber Gott fei gelobt, fie wird keine andere mehr be- 
trügen. | 

Nah diefen Worten fehnitt fie ihm mit ber Scheere 
über vier Finger breit von der Zunge ab. Dann packte 
fie mit der Zange bie Finger und ſprach: Treuloſeſter, 
warum gabft du mir mit diefen Fingern den ehelichen 
Ring? Warum haft du mich geheirathet? Warum haft 
du mir mit den Armen meinen Hals umfchlungen, wenn 
fie doch einer andern einen nicht gefeglichen Ring geben 
follten ? 

Sie ſchnitt ihm alfo mit der Scheere alle Finger 
fpigen ab, ergriff fodann einen fehr feharfen Dolch, zielte 
Damit nach den Augen und fprah: Ich weiß nicht, ihr 
diebifche Augen, die ihr einige Zeit über die meinigen 
Zwingherrfchaft geübt habt, was ich von euch fagen fol. 
Ihr zeigtet mir, als ich euch anfah, ein unendliche Er- 
barmen, eine unermeßliche Liebe und ein glühendes Ver⸗ 
langen, mir immer gefällig zu fein. Wo find die falfchen 
Thränlein, bie ihr mir zu Liebe vergoffen zu haben eud) 
anftelltet? Wie oft zmangt ihr euch, mic, glauben zu 
machen, daß ihr nach einer andern Schönheit fchauet, 





268 XXIV. Matteo Bandello. 


fie war fehr ſchön und äuferft reizend, und machte ihr 
deshalb die ausgedehnteften Verſprechungen, fie immer 
ale Freundin zu behalten. Nachdem fie fih nun - mehr- 
mals in Liebe verbunden und mehr als je die zärtlichfien 
Liebfofungen gemacht hatten, fühlte fich der Ritter müde 
und ſank in tiefen Schlaf. Sobald fie merkte, daß er 
tief fchlafe, fand fie fo leife als möglich vom Bette auf, 
öffnete die Kammer und ließ die Sklavin herein, melde 
an ber Thüre wartete. Sie nahmen nun das vorbereitete 
Seil und das Glück war ihnen fo günftig, daß fie den 
unglüdlichen Ritter auf taufend diamantene Arten feffelten, 
ehe er etwas davon merkte. Als er fodann ganz fchlafe 
trunfen erwachte, wurde ihm plötzlich von den zwei feden 
MWeibern ein Knebel in den Mund gefpeidelt, fobaß er 
nicht mehr ſchreien konnte. Mitten im Zimmer war ein 
Sparten zur Unterftügung des Balkens, der den Boden 
hielt; an diefen Sparren banden fie den Ritter, obne 
daß er fich wehren Eonnte, aufrecht und fo nadt wie er 
aus Mutterleib gelommen war. Da bradte denn bie 
vom: Teufel befeffene Sklavin ein fcharfes Meffer nebſt 
einer Beinen Zange und andern fcharfen Eifenwerkzeugen. 
Wie mochte da dem unglüdlihen Edelmann zu Muth 
fein? Was mochte er denken, ald er die amei Frauen 
vor fih fah, wie fie die fehneidenden Eifen aufmachen 


. und fich keck bereiteten, wie der Fleifcher thut, wenn er 


auf der Schlachtbank einen Ochſen oder anderes Schladht- 
vieh abziehen will! Fürwahr mich dünft, ed mochte ihm 
fehr leid thun, Violante fo gefränkt zu haben; aber Reue 
hinterdrein hilft wenig, bei den Menfchen menigftens, 
denn vor Gott, hörte ich oftmals predigen, gelte herzliche 
Reue immerbar. Als nun der Jüngling auf diefe Weiſe 
gebunden war, nahm die verzweifelte Biolante die Zange 
in die Hand und ließ mit grimmiger Gebärde nicht nad, 
biß fie die Zunge bes bebenden Ritters gepadt hatte. 
Ha, ſprach fie, du verrätherifcher, treulofer, nieder 
trächtiger, graufamer Ritter, oder vielmehr wegen deiner 





81., Spanische Rache. 2369 | 


verbrecherifhen Verruchtheit nicht mehr Nitter, fondern 
ganz gemeiner Mann, mie wehe thut ed mir, Daß ich 
nicht öffentlic) vor den Augen der ganzen Stadt an bir 
die Mache nehmen kann, die deine Schnödigkeit verdient! 
Aber ich werde dich auf eine Weiſe firafen, daß du allen 
Gegenwärtigen und Zulünftigen ein Vorbild fein wirft, 
daß fie fich enthalten, unvorfichtige einfältige Mädchen 
zu narren, und wenn fie freiwillig etwas gethan haben, 
was vor dem Angeficht Gottes recht ift, dabei beharren. 
Kennft du nicht diefen Ort, Werräther, wo du mir mit 
beuchlerifchen Worten den Ehering übergabft und mit 
noch falfcheren Worten mir mein Magdthum raubteft? 
Sieh hier, du Wortbrüchiger, das eheliche Lager, das 
du fo leichtfinnig befledt haft. Ha, wie viel Lügen hat 
zu meinem Schaden diefe falfche Zunge mir gefprochen! 
Aber Gott fei gelobt, fie wird Feine andere mehr ber 
trügen. | 

Nah diefen Worten ſchnitt fie ihm mit der Scheere 
über vier Finger breit von ber Zunge ab. Dann padte 
fie mit der Zange die Finger und ſprach: Treuloſeſter, 
warum gabft du mir mit diefen Fingern den ehelichen 
Ring? Warum haft du mic, geheirathet? Warum haft 
du mir mit den Armen meinen Hals umfchlungen, wenn 
fie doc, einer andern einen nicht gefeglichen Ring geben 
follten? 

Sie ſchnitt ihm alfo mit der Scheere alle Zinger- 
fpigen ab, ergriff ſodann einen fehr feharfen Dolch, zielte 
Damit nach den Augen und ſprach: Ich weiß nicht, ihr 
diebifche Augen, die ihr einige Zeit über bie meinigen 
Zwingherrfchaft geübt habt, was ich von euch fagen foll. 
Ihr zeigtet mir, ale ich euch anfah, ein unendlihes Er- 
barmen, eine unermeßliche Liebe und ein glühendes Der- 
langen, mir immer gefällig zu fein. Wo find die falfchen 
Thränlein, bie ihre mir zu Liebe vergoffen zu haben euch 
anftelltet? Wie oft zwangt ihr euch, mich glauben zu 
machen, daß ihr nad, keiner andern Schönheit ſchauet, 


270 XXIV. Matteo Bandello. 


als nach der meinigen, daß ein anderer Reiz unmöglid 
gefehen werben Tonne, ber dem meinigen gleichkomme, 
und daß ihre in mir, wie in dem Spiegel alles Anmu⸗ 
thigen, jeder fchonen Bitte, jebes weiblichen Anftandes 
euch fpiegeltet? Es verdunkele fich diefes falſche Licht! 

Indem fie dies fagte, blendete fie ihm beide Augen, 
damit er nie wieder das Licht der Sonne ſehe. Auch 
damit nicht zufrieden, fehnitt fie ihm einen andern Theil 
des Körpers, den ih aus Bittfamkeit verfchweige, ab, 
und nachdem fie faft an allen Gliedern des unglücklichen 
Ritters ihre fchneidenden Werkzeuge verfucht hatte, wandte 
fie fih zu dem Herzen. Der arme junge Mann war 
durch die empfangenen Wunden fchon mehr todt als 
lebendig und krümmte fi krampfhaft zufammen, aber 
ed Half ihm nichts. Sie hatten ihn fo feft gebunden, 
daß. alles Schütteln vergeblich war. . Es war ein ſchauder⸗ 
haftes Schaufpiel, einen Mann an einen Pfeiler gebun- 
den zu fehen mit graufam zerfleifchten Gliedern, ber fid 
feine Hilfe geben, nicht einmal um Gnade flehen Eonnte. 
Violante war nun biefer entfeglihen Mache an ihrem 
treulofen Gemahl eher müde als fatt und ſprach zu ihm, 
der vielleicht ihre Worte nicht einmal mehr faffen konnte: 
Didaco, ih habe an bir die Mache genommen, bie ich 
konnte, nicht die, die du verdienteft; denn dein Verbrechen 
follte vor den Augen bed ganzen Volkes mit glühenden 
. Slammen gereinigt werden. Du wirft di wenigftens 
rühmen Eönnen, daß bu durch die Hand einer Frau, bie 
du Tiebteft und die dich unendlich liebte, geftorben bift. 
Mir wird das nicht zu Theil werden; wenn es thunlid 
wäre, möchte ich gern durch deine Hände ſterben; aber 
da es nie fein Tann, wird Gott mit mir anfangen, 
was ihm am zuträglichften fcheint. Ich will dich nicht 
weiter foltern. 

Bei diefen Worten fenkte fie mehrmals das blutende 
Meffer ihm mitten ins Herz bis zum Griff, und auf 
diefe Tegten Stiche ftarb der arme Süngling, indem er 








Bl. Eyaniſche Race. 271 


fi) ansredte, fo gut er konnte, plöglih. Sobald fie 
erfannten, daß er verfchieden war, trockneten fie das in 
bem Zimmer vergoffene Blut auf, banden den tobdten 
Körper 106, legten ihn ſammt ben abgeſchnittenen Glie- 
bern in einen großen Korb, bebediten ihn mit einem Lein⸗ 
tuch und ftellten ihn unter das Bett. Nachdem dies ge- 
fchehen war, mandte fich Violante zu der Sklavin und 
ſprach: Giannica (ſo hieß die Sklavin), ich müßte bie. 
nie genug zu banken für die Hilfe, die bu mir geleiftet 
haft, um diefe erfehnte Rache auszuführen, welche ic 
ohne bie unmöglich hätte nehmen koͤnnen. Nun, da 
ich meiner unendlichen Sehnfucht genügt habe, iſt mir 
nur noch übrig, auf deine Rettung bedacht zu fein, da⸗ 
mit nach mir jemand vorhanden ift, der ber Welt Fund 
thun kann, auf welche Weife ich mich gerächt habe. 
Darum wünfchte ich, dag du meggingeft und Gelegenheit 
fändeſt, nach Afrika überzufchiffen, was dir nicht ſchwer 
werden wird; benn ich will dir fo viel Gelb geben, daß 
du bequem hingelangen und mic, immer im Andenken 
behalten ſollſt. 

Hier öffnete fie eine Schatulle. 

Hier babe ich fo viel Geld, goldenes Geſchmeide und 
Kleinode, daß der Werth funfzehnhundert Ducaten über⸗ 
ſteigt. Nimm ſie alle, ich gebe ſie dir von Herzen gern, 
und verlier keine Zeit zu deiner Flucht. Ich werde heute 
die Sache den ganzen Tag noch verborgen halten, darum 
denk auf deine Rettung! 

Als Giannica dieſe freundlichen Worte des jungen 
Weibes hörte, fing fie an, heftig zu weinen, und wollte 
durchaus nicht fi dazu verfichen, fie zu verlaffen, 
und verficherte, fie wolle das gleiche Geſchick, das ihr zu 
Theil werde, über fi) nehmen, und achte aus Liebe für 
fie nicht auf ihr Leben. Sie konnte fie durchaus nicht 
Dazu überreden, daß Giannica wegging. Als daher Vie 
Tante fah, daß fie fi umfonft abmühe und dag jene 
entfchloffen fei, mit ihr zu fterben, nahm fie fi vor 


‘ 


273 XXIV. Matteo Bandello. 


den kurzen Reſt ber Nacht zu fchlafen. So ruhten fie 
denn beide in biefem Zimmer ein wenig aus. Sobald 
fie erwacht waren, ermahnte Biolante Giannica ven 
neuem zur Flucht, aber ohne Erfolg. Am Morgen ein 
wenig vor dem Frühſtück kam ber Diener des unglüd- 
lichen Ritters nach feiner Gewohnheit, um feinen Gebieter 
nunmehr nach dem Haufe der neuen Gemahlin zu be 
gleiten. Als PViolante ihn erblicdte, fagte fie zw ihm: 
Wenn du wiffen willft, wohin dein Herr gefommen ift, 
fo geh und hole den Herrn PVicefönig hierher, wenn bu 
magſt; denn ich habe den Auftrag, ihm und fonft nie 
mand es zu eröffnen. Wenn du es nicht thuſt, fo be- 
mühft du did) unfonft. 

Der Diener ging weg, fuchte einen. Oheim und 
einen Detter des Ritters auf und fagte ihnen, was 
ihm Wiolante mitgetheilt hatte. Dieſe beiden wußten 
von der Liebfchaft zwifchen Herrn Didaco und Bio 
lante, nicht aber davon, daß fie bereit vermählt ge 
weſen waren; denn er hatte dem Diener auf das 
Dringendfte eingefhärft, es niemanden zu offenbaren. 
Die beiden Verwandten hätten fi) nie die Sache ge 
dacht, wie fie ſich in der That verhielt. Sie befuchten 
daher gemeinfchaftlich Violante, die mit heiterem Ge 
fihte ihnen, entgegenging und fragte: Was fucht ihr, 
meine Herren? 

Wir wünfhten, antworteten fie, daß ihr ums fagtet, 
wo Herr Didaco hingelommen ift? 

Verzeiht mir, ihre Herren, ich will feinem Befehl 
nicht zuwiberhandeln; geht und bringt ben Herrn Vice 
könig her und ihr werdet alles hören, denn an ihn habe 
ich einen Auftrag. 

Vicekönig war damals der Herr Herzog von Calavria, 
Sohn des Königs Friedrich von Aragon, der in Tours 
in Frankreich ſtarb. 

Das schickt ſich nicht, fagten diefe Herren, daß ber 
‚Here Vicelönig hierher. komme. 


Bl. Spanifche Race. ' 213 


So macht denn, entgegnete fie, daß er entweder her⸗ 
komme oder nach mir ſchicke. 

Da ſie nichts weiter von ihr herausbringen konnten, 
gingen ſie und trugen die Sache dem Vicekönig vor. 
Violante hatte mit der Sklavin Alles, was nun kommen 
mußte, überdacht, kleidete ſich, fo reich fie fonnte, und 
ließ auch Giannica ſich anziehen. So erwarteten fie die 
Botſchaft des Vicekonigs. Als die Mutter jene Herren 
fommen fah, fragte fie fie, was das bedeute. Violante 
brachte irgend eine Fabel vor und wollte durchaus nichts 
von der Sache entdeden. Siehe da kam auf einmal ein 
Diener des Vicetönigs, welcher Violante befahl, fich dem 
Vicekoͤnig vorzuſtellen. Sie erwartete weiter nichts, ſon⸗ 
dern ging, ohne die Mutter etwas merken zu laſſen, mit 
Giannica zu dem Vicefönig ins Verhoͤr. Bei dem Herrn 
Bicekönig befand fich die Mehrzahl der Ritter und Edel⸗ 
leute des Landes. Als Violante ankam, machte fie die 
geziemende Verbeugung und wurde vom Vicekönig befragt, 
was das fei, mas ihr von Herrn Didaco Cantiglia an 
ihn aufgetragen worden fei. Darauf antwortete Violante 
nicht mie ein kummervolles ſchüchternes Weib, fondern 
Fraftig und frifchen Muthes unerfchroden bem Vicekönig 
alfo: Herr Vicekönig, ihr. müßt wiffen, daß Herr Didaco 
Cantiglia ſchon vor mehr als einem Jahre, da er einſah, 
daß er meine Liebe nicht anders gewinnen könne, beſchloß, 
mich zur Gattin zu nehmen, ſich in Gegenwart meiner 
Mutter, meiner Brüder und Pietro's, ſeines Dieners, 
der hier anweſend iſt, in meiner Wohnung mit mir ver⸗ 
maͤhlte und mich in Folge deſſen über funfzehn Monate 
faſt jede Nacht als mein Ehegatte beſuchte. Dann aber 
hat er ohne Rückſicht darauf, daß ich ſein eheliches Ge⸗ 
mahl war, dieſer Tage, wie jedermann in ganz Valencia 
weiß, öffentlich die Tochter des Herrn Ramiro Vigliaracute 
geheirathet, die ihm doch nicht angehören konnte, nachdem 
ich ‚zuerft rechtmäßig mit ihm vermählt mar. Und das 
genügte ihm nicht,/ ſondern, gleich als wäre ich ſeine 

12 ** 


974 XXIV. Matteo Bandelle. 


Buhlerin und Kebömeib gewefen, hat er geſtern ſcham⸗ 
Lofer Weiſe mich befucht, mir taufend Fabeln und Lügen 
vorgefagt und fi bemüht mir Schwarz zu Weiß zu 
machen. Kaum war er von mir weggegangen, fo fehidte 
er diefen Pietro bier zu mir, um mir zu fagen, er wolle 
mich in der folgenden Nacht befuchen und bei mir fchlafen. 
Dies habe ich ihm, wie Pietro bezeugen kann, zugeftanden, 
denn ber Weg fchien mir dadurch offen, um an ihm bie 
mir möglihe Race zu nehmen. Darum bin ich hierher 
gekommen, gerechtefter Vicekönig, damit ihre Alles von 
mir vernehmet. Ich koͤnnte mich weder entichliefen zu 
leugnen, noch zu bitten, denn ich bielte es für eine allzu 
große Nieberträchtigkeit, die Strafe zu fürchten für eine 
freiwillige und überlegte Handlung. Ich will alfo, indem 
ih die Wahrheit feifchweg und offen befenne, meinen 
guten Ruf vertheidigen, damit feder, ber etwa bisher 
eine ungünftige Meinung von mir gehabt bat, nunmehr 
gewiß wiſſe, daß ich bie echte Gemahlin und nicht bie 
Buhlerin des Herrn Didaco Eentiglia gemefen bin. Es 
genügt mir, daß ich meine Ehre rette, komme dann aud, 
was da wolle. Ich habe, Herr Bicekönig, in der legten 
Nacht mit Hilfe diefer neben mir fiehenden Sklavin, ge 
reizt von ber erlittenen Beſchimpfung, die Rache genom- 
men, bie mir paffend fchien gegenüber von ber Beleidigung, 
bie ee ohne allen Grund und ohne daß ich ihn verkegt 
hätte, mir zugefügt, und habe mit diefen Händen aus 
dem ruchloſen Körper die ſchmachvolle Seele vertrieben. 
Er Hat mich der Ehre beraubt, ich babe ihm das Leben 
genommen; wie viel höher man aber bie Ehre ſchaͤtzen 
. muß, ale das Leben, ift nur allzu offenbar. 

Darauf erzählte fie ausführlich die Art, wie fie es 
gemacht Hatte bei feiner Ermordung und wie fie die Sklavin 
habe zur Flucht veranlaffen wollen. Als die Herren dieſes 
ſchauderhafte Ereigniß hörten, waren fie alle ganz außer 
fih und meinten, die Frau befige mehr Seelengröfe, als 
von einem Weibe zu erwarten fei. Der jaͤmmerliche 


3. Die Mäkerin. 2375 


Leichnam des Ritters wurbe herbeigeholt und gewähen 
allen einen fchaubderhaften Anblid. Die Mutter, bie 
Brüder und der Diener wurden verhört und ed ergab fid, 
daß er in der That nicht Die zweite Frau heirathen konnte. 
Uber die Tobesart des Ritters wurbe bie forgfältigfte 
Unterfuchung angeftellt, es ergaben ſich Feine Mitfchul- 
digen außer Violante und Giannica und biefe wurden 
- Öffentlich enfhauptet. Weide gingen fo froh dem Tode 
entgegen, als ginge «8 zu, einem Kefle, und wie man 
hörte, dachte die Sklavin an fich feibft gar nicht, ſondern 
ermahnte blos ihre Gebieterin, den Tod ruhig zu ertragen, 
nachdem fie fo erhabene Rache genommen habe. 


8. Die Mällertn. 


(3, 15.) 


Aleſſandro von Medici, der, wie ihe wißt, der erſte 
ift, der mit Bewilligung ber Kirche unter dem Titel 
Derzog die Herrfchaft über unfere flosentinifhe Republik 
fühtt, befigt viele Eigenſchaften, welche ihn bei dem Wolke 
beliebt machen; unter allen aber ſcheint mir eine, bie 
der Gerechtigkeit gleichgeftellt zu werben verbiente, bie er 
mehr als alles zu Heben ſcheint. Unter vielen lobens⸗ 
werthen Handlungen, bie ex in biefer Beziehung vollbracht, 
will ih nur eine erwähnen, die ganz ficher unter die 
jenigen gehört, deren Preis man anſtiumen Tann; und 
man kann ihr um fo mehr Lob ertheilen, ale er febr 
jung und den Genüffen der Wolluſt ſehr ergeben if. 
Er zeigte fi nämlich bei dem Borfalle, den ich euch 
jegt erzählen will, voll Klugheit und Vorficht, was felten 
mit der Jugend vereinigt zu fein pflegt, denn in der 
Regel Tann, wo eine große Erfahrung ift, auch nicht 


276 : XXIV. Matteo Banbello. 


jene Klugheit ftattfinden; nur lange Übung macht Greiſe 
ug und gibt menſchlichen Handlungen Anſpruch auf Lob. 
Der Herzog Aleffandro halt einen fchönen ftattlihen Hof 
von vielen Edelleuten, fowol fremden, als toscanifchen. 
Unter andern war daſelbſt auch ein junger Florentiner, 
den der Herzog vor allen liebte. Wir mollen ihn Pietro 
nennen. — Einſt war diefer auswärts auf einem feiner 
Güter in ber Nähe von Florenz und fah ein junges 
Mädchen, eines Müllers Tochter, die fehr ſchoͤn und zierlich 
war und ihm ausnehmend gefiel.*) Die Mühle ihres 
Vaters war in ber Nähe des Gutes, auf welchem Pietro 
eine fehone und bequem eingerichtete Wohnung hatte. 
Sobald er das Mädchen gefehen hatte, fann er ſich nad, 
wie er ed angehen follte, diefelbe in feinen Beſitz zu bringen 
und die Frucht von ihr zu pflüden, die man bei allen 
Weibern fo eifrig ſucht. Er nahm alfo von dem Herzog 
Urlaub auf acht biß zehn Tage, um auf bem Lande zu 
leben, und fing nun an fein Pfauenradb vor bem Mädchen 
aufzufchlagen und gab fi alle erfinnlihe Mühe, um fie 
feinen Wünfchen gefällig zu machen. Doc, kümmerte fie 
ſich gar nicht um ihn und zeigte fich der Liebe Pietro's 
gerade fo geneigt, wie Hunde den Schlägen. Und da 
es oftmals geichieht, daß ein Xiebhaber, je mehr er ſich 
den geliebten Gegenftand verfagt fieht, um fo mehr in 
Flamme geräth und zum Ziele zu gelangen begehrt, und 
häufig felbft, was anfangs nur im Scherze gefchab, 
ernftlih wird, fühlte Pietro fich fo fehr von Xiebe zu 
ber befagten Müllerin entzündet, daß er feine Gedanken 
auf gar nichts anderes wenden konnte; verzweifelnd, feine 
Abficht zu erreichen, als er nicht länger mehr auf dem 
Lande bleiben konnte, fühlte er die Luſt und die glühende 
Begierde nach dem Genuffe des geliebten Gegenftandes 
fortwährend wachſen. Alle Mittel und Wege waren 
verfucht, die ihm geeignet fchienen, um das Unternehmen 





*).Die frankfurter Überfegung nennt fie. Adina. 


83. Die Muͤllerin. 977 


zu erleichtern, als ba find Borfchaften, Gefchente, große 
Berfprechungen, mitunter audy Drohungen und ähnliche 
Künfte, wie fie bei Liebhabern üblich find und weldye 
Kupplerinnen vortrefflic auszuführen verftehen. Als er 
nun fah, daß er Waffer ftampfte und Alles vergeblich 
war, ald er die Herzenshärtigkeit bes Mägbleins erfannte 
und fühlte, daß er feine Bemühungen vergeude und alle 
Hoffnungen fehlgefchlagen, befchloß er, das Mädchen, es 
möge auch aus der Sache werden, was ba wolle, zu 
entführen und den Genuß ihrer Schönheit, den er nicht 
nit Liebe erreichen konnte, mit Gewalt zu erringen. — 
Als er darüber mit ſich eins geworden war, ließ er zmei 
junge Edelleute, feine Freunde rufen, welche ihre Güter 
in der Nähe hatten und durch Zufall auch auf dem Lande 
waren. Diefen theilte er fein Vorhaben mit und bat fie, 
ihm mit Rath und That beizufpringen. Diefe, ein Paar 
junge. leichtfinnige Menfchen riethen Pietro, das Mädchen 
zu entführen, und boten ſich an, ihm bei dem Unter- 
nehmen thätige Hilfe zu leiften. Man zögerte mit der 
Ausführung nicht im Geringften, fie konnten es gar 
nicht erwarten, bis fie die fchöne Mullerstöchter geraubt 
hätten, und als die Nacht zu dunkeln begann, griffen 
die drei zu den Waffen und gingen mit ihren Dienern 
nach dee Mühle, wo fie mit ihrem Water meilte; und 
trog feines MWiderftrebens, denn er that für die Rettung 
feiner Zochter, was er wußte und konnte, entführten fie 
fie ihm mit Gewalt und drohten dem Vater mit Worten 
und Handlungen. So fehr auch das Mädchen meinte, 
fehrie und mit lauter Stimme um Gnade bat, fie fchleppten 
fie. mit fih fort. Pietro pflüdte in derfelbigen Nacht 
zum großen Misvergnügen des Mädchens, das immer 
mit Schluchzen und Thränen feinen Unmillen Fund gab, 
die. Blüte ihrer Jungfräulichteit, ergögte fih an ihr bie 
ganze Nacht hindurch und bemühte ſich, fie fich geneigt 
zu machen, um fie dann auf einige Zeit zu Willen zu 
haben. Als der Müller fah, daß man ihm mit Gewalt 


278 XXIV. Matteo Bandello. 


feine Tochter geraubt hatte und daf er für fich felbk 
nicht im Stande wäre, fie wieber zu befommen, befdlof 
ee am folgenden Morgen in der Frühe vor den Herzog 
zu geben und ihn um Gnade anzuflehen. Sobald man 
das Thor öffnete, trat er in bie Stadt und ging foglad 
in ben Palaft des Herzogs, und blieb dort fo lange, bit 
ber Herzog aufgeflanden war und aus feinem Schlaf 
zimmer fam. Sobald der arme Mann den Herzog ſah, 
warf er fih ihm mit Thranen in den Augen zu Füßen 
und fing an, ihn um Gerechtigkeit anzuflehen. Der Herzog 
blieb fiehen und fprach: Steh auf und fage mir, was es 
gibt und was du von mir verlangfl. 

Und damit fonft niemand höre, was der Müller zu 
Hagen hatte, zog er ihn beifeit und befahl ihm alles 
leife zu erzählen. Der ehrliche Mann gehorchte, erzählte 
ihm die ganze Sache kurz und beflimmt und nannte ihm 
auch die zwei Gefährten Pietro’s, welche der Herzog fehr 
gut kannte. Als der Herzog dieſe Nachricht gehört hatte, 
fagte er zu dem Müller: Sieh dich vor, guter Bann, 
dag du mir keine Lüge fagen mögeft, denn das müßte 
ih ſtreng beftrafen. Wenn aber die Sache ſich fo ver 
hält, wie du fie mir erzählt haft, fo werde ich gehörig 
für dic) forgen. ‚Sch und erwarte mid) nad) dem Mittag. 
effen in deiner Mühle, bie ich ganz gut kenne. Vorzüglich 
aber laß, wenn dir bein Leben lieb ift, niemand etwas 
davon wiffen, mas ich dir fagte, und das Übrige überlaß 
mir! 

Durch diefe freundlichen Worte war der arme Müller 
getröftet und der Herzog befahl ibm, in feine Mü 
zurückzukehren. Nach dem Eſſen befahl er Ullen zu Pferde 
zu fleigen, er wolle einen Ausflug auf das Land machen. 
"Der Herzog ſchlug den Weg nach der Mühle ein, lief 
fih, als er dafelbft anlangte, den Palaſt Piekro’s zeigen, 
der nicht weit bavon entfernt war, und verfügte fich dahin. 
Als Pietro und feine Freunde dies hörten, kamen fie ihm 
vor dem Haufe entgegen, wo fich ein ſchoͤner Platz befand 


89. Die Mällerin. 379 


mit einer frifchen grünen Laube. Der Herzog flieg ab 
und fprah zu Pietro: Ich ritt auf der Jagd in der 
Nähe vorbei, ſah deinen ſchönen Palaſt hier und fragte, 
wem er gehöre; ba ich hörte, daß er dir gehöre und fehr 
bequem und ſchön eingerichtet fei und mit fehr fchönen 
Brunnen und Gärten geſchmuͤct, bekam ich Luſt, ihn 
näher zu betrachten. 

Pietro, der dies alles glaubte, danfte dem Herzog 
ehrerbietig für dieſe Herablaſſung und entfchuldigte ſich, 
daß der Ort nicht fo ſchön fein möchte, ald man ihm 
vielleicht gefagt habe. — Alle begannen nun, die Treppen 
binaufzufteigen, und traten in-fchöne geräumige Zimmer. 
Der Herzog felbft befah alle Gemäder und lobte bald 
diefes, bald jenes. Man kam auf eine Galerie, welche 
die Ausficht auf den fchönften Garten darbot. Am Ende 
der Galerie war. ein Meines Zimmer, deffen Eingang ver- 
fchloffen war. Der Herzog fagte, man folle die Thüre 
aufmaden. Als Pietro den Herzog hatte kommen hören, 
Hatte er das Mädchen hier verſchloſſen. Deshalb ſagte er: 
Gnädiger Herr, das iſt eine übel geordnete Kammer. 
Auch wüßte ich in der That nicht, mo fich der Schlüffel 
dazu befindet; der Schloßvogt ift nicht zu Haufe, denn 
ich babe ihn in Gefchäften nad, Florenz geſchickt. 

Der Herzog, ber faft alle Gemächer bes Haufes ges 
feben Hatte, vermutbete, bHierinnen müſſe das Müller 
mädchen fein und ſagte: Wohlan, öffnet mir diefen Ort 
mit oder ohne Schlüffel! 

Pietro näherte fi) dem Ohre des Herzogs und gab 
ihm lächelnd zu verfichen, er habe ein Mädchen in ber 
Kammer, mit welcher er die Nacht zugebracht habe. 

Das gefällt mir, antwortete der Herzog; doch Taf 
mid ſchen ob ſie ſchön iſt. 

Die Thüre warb nun geöffnet und der Herzog ließ 
das Mädchen herauskommen. Sie warf fich ganz ver- 
fhämt und weinend ihm zu Süßen. Der Herzog wollte 
wiſſen, wer fie fei und wie fie in den Palaſt komme. 


280 XXIV. Matteo Bandello. 


Das Maͤdchen erzählte die Geſchichte unter Schluchzen 
und Thränen und Pietro konnte es nicht leugnen. Da 
wandte fich ber Herzog mit unmwilligem Gefichte zu Pietro 
und feinen Gefährten. 

Ich weiß nicht, fagte er, was mich abhält, euch allen 
dreien auf der Stelle die Köpfe abhauen zu laſſen; aber 
ich verzeihe euch die Schändlichkeit, welche ihr begangen 
habt, unter der Bedingung, daß du, Pietro, fogleidh 
das Mädchen ald deine rechtmäßige Gattin annimmft 
und ihre zweitaufend Ducaten als Morgengabe ausfegeft, 
ihr zwei Mitfchuldige aber jeder eintaufend Ducaten dazu⸗ 
legt, und barüber kein Wort weiter! ch übergebe fie 
bir, Pietro, ald meine leibliche Schwefter und wenn ih 
höre, dag du fie im Geringften mishandelft, fo werde 
ich es rächen, als habeſt du meine eigene Schweſter be 
leidigt. 

Er veranlaßte nun, daß Pietro fie fogleich zur Frau 
nahm und daß die drei ihre Verbindlichkeit mit den vier- 
taufend Ducaten entrichteten. *) Sodann kehrte er nad 
Florenz zurüd, wo diefe feine Entfcheidung allgemein 
und ohne Ausnahme mit großen Lobeserhebungen ge- 
prieſen wurde. 


83. Leonora Macedonia. 
(2, 22.) 


Nachdem der König Alfons von Aragonien feine 
Königreiche Aragonien und Gatalonien der Herrfchaft der 
Königin Maria, feiner Gemahlin überlaffen und feine 
Nefidenz in Neapel aufgefchlagen hatte, das er mit fo 


*) Die franffurter Überfegung ſchaltet hier noch ein (1, 34): 
„Er felbft blieb bei nem Zefte, ließ des Mädchens Water aus 
ver Mühle holen und ehrte und beſchenkte Adina fürftlid. ud 


83. Leonora Diacedonia. 281 


großen Anftrengungen fich erworben, ein Mann, der um 
feiner feltenen Gaben willen jedem römifchen Kaifer ver- 
glichen werden durfte, ließ er fih an, dem Königreich mit 
aller Mühe wieder die äußere Ruhe zu geben, das feit 
vielen Jahren her durch viele Kriege faft ganz in Zerfall. 
gekommen war. Nachdem Alles in Ordnung gebradt 
war, gab er dad Herzogthum Calabrien feinem . Sohne 
Ferdinand; mit ihm ließen fich dort viele feiner Leute 
nieder, die in allen diefen Kriegen zu Waffer und zu 
Zande bei ihm gewefen waren. Unter diefen befand fi 
auch ein fehr edler ficilifcher Baron, welchem er die 
Markgrafichaft Eotrone*) verliehen hatte, Namens Herr 
Giovanni PVentimiglia, ein tapferer und kluger Ritter. 
Der Hof bed Königs Alfons war eine Schule der feinften 
Sitten und bie Pflege der Wiſſenſchaften ftand dazumaͤl 
in jener Stadt in der Blüthe. Somie nun Ventimiglia 
in Neapel feinen Wohnfig aufgefchlagen hatte, gefchah es, 
Daß er bei einem großen Fefte, mo faft alle erften Frauen 
Der Stadt verfammelt waren, eine fhöne junge Frau 
von zwanzig Jahren wahrnahm, welche Frau Lionora 
Macedonia hieß und an Heren Giovanni Tomacello, einen 
ganz jungen reihen Mann, verheirathet war. Frau Lio⸗ 
nora war in der That eine der fhönften und anmuth- 
vollften Edelfrauen Neapeld, daneben aber fo ftolz und 
fpröde, daß fie wol den König felbft nicht gewürdigt haben 
möchte, ihm ein freundliches Geficht zu zeigen. Daher 
hatte fie allgemein den Nebennamen die Hochfahrende. 
Ventimiglia war noch nicht lange in Neapel und mit 
Den Frauen nicht fehr _befannt, fodaß er dafür hielt, 
Macedonia's Gemüthsart müffe der Schönheit entfprechen, 
Die er an ihr wahrnahm; er vermochte ſich nicht vorzu« 
ftellen, daß Graufamteit wohne hinter einem fo holden 
Geſichte. So verwidelte er ſich denn in die Nege der 
Liebe zu ihr und befchloß, alle Mittel anzuwenden, die 


9 An der Dftküfte von Galabrien. 


88 XXIV. Matteo Banbello. 


von einem Liebhaber gebraucht werben können, um bie 
Liebe diefer Frau zu gewinnen. Er war in Sitilien 
von Haufe aus fehr reich begütert und hatte einige Zam 
fend Ducaten Einkünfte im Königreiche. Er fing alfo 
damit an, oft an ihrem Haufe vorüberzugehen, und 
fo oft ihm das Glück günflig war, daß er fie anfichtig 
wurde, erwies er ihr immer feine Ehrerbietung und grüfte 
fie, doch fo, daß es niemand auffallen konnte. Wurde 
irgend ein Feſt gegeben, wohin fie ging, fo erfchien er 
darauf fehr fchön gekleidet und beftrebte fih in aller 
Beſcheidenheit, ihr feine Liebe bemerkbar zu machen. Er 
weidete feine Augen an ihrem Anblid, der denn fein 
Herz immer leidenfchaftlicher entzundete. Wurde ein Tioſt 
oder Buhurt gehalten, fo wurbe er von keinem übertroffen, 
denn er war mehr, ald alle andern, perfonlich tapfer und 
fo trug er immer ben erften Ehrenpreis davon. Sobald 
fie fih vom Schneider ein Kleid machen ließ, Pleibete er, 
der überall feine Kundfchafter Hatte, fich und feine Diener- 
fchaft in bdiefelben Farben und ließ in berfelben Art aud 
feine Pferdedecken einrichten. Bei Waffenfpielen pflegte 
er vor der Bruftwehr, an der fie faß, fih auf ben wil⸗ 
beften und fchönften Pferden fehen zu laſſen, indem 
er fie aufs Gefchidtefte antrieb, zurückhaͤufte, ſich baumen, 
tanzen, nach allen Seiten drehen und oft über die Schranken 
fegen ließ, fobaß, was jeder große Reiter zu thun verftcht, 
von ihm auf das gemwandtefte ausgeführt wurbe.. Und 
ba er ein fehr gefälliger Jüngling war und allen Ber 
gnügen zu machen fuchte, liebte ihn im Allgemeinen jeber. 
Richts deſto weniger aber mochte er beginnen, was er 
wollte, e8 gelang ihm niemals ihr eine freundlidde Miene 
abzugewinnen, und er wurbe beshalb über die Maßen 
betrübt, da er alle feine Liebe ihr zugewandt hatte and 
ihm nichts in der Welt fo fehr am Herzen lag. In 
dieſem Zuftande der Bekümmerniß fand Bentimiglia Ge⸗ 
legenheit, ihr einen Brief zu fchreiben, der Steine haͤ 

erbarmen können, und fendete ihr ihn aufs heimlichfte zu, 





83, Leonora Macedonia. 23883 


wobei er ihr noch mündlich viel Schönes fagen ließ. Aber 
alles war verlorene Mühe; denn Frau Lionora wollte den 
Drief nicht annehmen noch die Botfchaft anhören, ent 
hielt fi) vielmehr fortan mehr und mehr, zu den Feften 
zu gehen. Und es ift in der That ſchwer, bie Gedanken 
und Gelüfte vieler Frauen zu erkennen, welche, fehr edel 
geboren, anftändig erzogen, vornehm verheirathet und 
von ben edelften, waderften Sünglingen ummorben, oft 
ihre Gatten verachten, ihre Liebhaber verfhmähen und 
Doch ihre Ehre mit Füßen treten und fih Männern von 
der niedrigften Gattung preisgeben, ja manchmal den 
niedrigften Sklaven überlaffen. Andere wieder gibt es, 
Die von zwei Edelleuten geliebt find, von benen der eine 
tugendhaft und fchön ift und mit aller Befcheidenheit, 
um bie Leute nicht aufmerkfam zu machen, bie Pflicht 
eined Verliebten erfüllt, welcher gefällig und verfchwiegen 
fein muß, ber andere, wenn er nur feine Abficht erreicht, 
um bie Ehre der Frau ſich nichts kümmert und nur auf 
fein Vergnügen bedacht ift, und anmafend, treulos, zum 
Schmäger und Berleumder wird; und dennoch verlaffen 
bie Weiber den erften, rechtfchaffenen, um ſich dem zweiten 
zuzumenden, von dem fie nichts als Schmad) erwerben. 
Was follen wir von jenen erften fagen? In der That, 
wenn es erlaubt wäre, übel zu reben von den Frauen, 
ſo weiß ich wohl, was ich ſagen würde; aber das könnte 
nicht geſchehen, ohne ihr Geſchlecht im Ganzen anzuklagen, 
woraus man faſt ſchließen ſollte, daß ſie überhaupt zum 
Schlimmen geneigt ſeid. Und was ſollen wir von denen 
ſagen, die von einem tugendhaften und edeln Liebhaber 
ausſchließlich geliebt und verehrt, dieſen fliehen und ſich 
einem ſolchen preisgeben, von dem ſie klaͤrlich erkennen, 
daß er in den Liebesnetzen einer andern liegt, ja, daß er 
in jedem Gaͤßchen der Stadt anpocht und ſich nicht mit 
einer einzigen begnügt, vielmehr fo viele bethören will, 
als er kann. Und glaubt nicht, daß ich nur fo ins 
Blaue rede! Wenn es noththäte, auf Einzelheiten eine” 


® 


984 XXIV. Matteo Bandello. 


zugehen, fo wollte ich euch in Erftaunen fegen. Doch 


ehren wir zu unferer Gefchichte zurüd! Frau Lionora 
alfo, die mit einem Blicke, ohne ihren Gatten zu belei⸗ 
digen und ohne jemands Tadel fich zuzuziehen, ihren 
Liebhaber hätte befriedigen und belohnen können, ber edel 
und befcheiden nichts Schimpfliches von ihr verlangte, 
ließ fih nun fo wenig als möglich fehen; unb wenn fit 
fih zufällig in der Kirche oder bei einem Feſte befand, 
wo auch Wentimiglia war, fo ftand fie in der Kirche 
plöglih auf und ging hinweg, bei Feften aber vermie 
fie forgfältig, ihn anzufehen. Der Ritter verfah fid 
deſſen wohl und war darüber bis zum Tode betrüßt. 
Weil nun aber kein tapferer und hochfinniger Krieger 
auf der Flucht ftirbt, fo ſtand auch Bentimiglia, der 
mehr als andere muthvoll und fandhaft und in beffen 
Herzen der Name der Frau mit feften Nägeln einge 
Schlagen war, nicht ab von ber Verfolgung feines feften 
Ziele, fondern beharrte in feiner heftigen Glut für fie 
nur um fo ftandhafter. Er beſchloß, Alles zu verfuchen, 
was aufrichtige Ergebenheit bei einer Frau vermag, und 
erwies ihr jede Liebe und Dienftfertigkeit, um zu fehen, 
ob es möglich fei, eine fo große Härte zu ermweichen und 
ſolche Graufamkeit zu lindern. Dadurch wurde freilid 
die Liebe, die bisher im Stillen geblieben war, in ganz 
Neapel bekannt und offenbar, und man erfuhr, wer bie 
Frau fei, um welche er folhen Aufwand und Kleiber- 
pracht mit unerhörtem Pomp und Herrlichkeit veranftaltet 
hatte. So waren allmälig fhon über zwei Sabre in 
dieſer Qual für den unglüdtichen Liebhaber bahingegangen 
und es ſchien ihm, als ob die Frau immer härter, grau 
famer und hochmüthiger gegen ihn würde, und fie verftand 
fi nicht dazu, Briefe von ihm anzunehmen. “Deshalb 
kam der arme Bentimiglia mehrmals nahe daran, ſich 
mit eigener Hand ben Tod zu geben, fo fehr war ihm 
das Keben ohne die Gunft diefer Frau zur Lafl. Eines 
Zages allein in feinem Zimmer, ging er in Gebanfen 


83. Leonora Macedonia. 285 


an die Grauſamkeit feiner Geliebten, von verfchiedenen 
Planen hin⸗ und hergetrieben, eine gute Weile ſchweigend 
auf und nieder und warf fi) dann gan, müde und matt 
auf ein Ruhebett, wo er, bie Augen thränenfchwer, in 
folgende Worte ausbrah: Ach unglüdfeliger Ventimiglia ! 
Unter welchem böfen Geftien bift du doch geboren! Wie 
ungünftig war ber Augenblid, in dem bu die Augen 
auffchlugft, um eine fo fpröde Schönheit zu betrachten! 
Wie ift es nur möglich, daß ein fo angenehmes liebliches 
Geſicht ſolche Graufamkeit beherbergt? In Wahrheit, 
ihr goldener Kopf, die heitere Stirn aus reinem Schnee, 
die ſchwarzen gewolbten Augenbrauen über den beiden 
ftrahlenden Morgenfonnen, welche Phoͤbos Neid einflößen, 
Die regelvechte feingefchnittene Nafe, die Wangen, die zwei 
blühenden Rofen gleichen, der rofige Mund, der unter 
zwei Außerft feinen Rubinen morgenländifche Perlen birgt, 
ber weiße runde Hals, das ausgezeichnet ſchöne Sinn, 
die elfenbeinernen Schultern, der ſchwellende Marmorbufen, 
die zwei Brüfte voll von Hyblahonig, die fhönen Arme, 
die biendend weißen ebenmäßig langen und zarten Hände, 
die anmuthreiche gefchmeidige Geftalt, die kleinen Füße, 
die faum die Erde berühren, und alle das, was ich in 
Dem göttlichen Gefichte beobachte, verfpricht mir, daß fie 
ein Weib fei. Und ift fie ein Weib, ift fie fo fchön, 
ift fie fo anmuthig, wie ift fie fo graufam? wie fo hart? 
ehe .mir, mie übel fchidt fich die äußerſte Schönheit 
und bie höchſte Graufamkeit zufammen! Wäre fie milde, 
welche weibliche Eigenfchaft wäre dann an ihr zu ver- 
miffen? Sie könnte aber vielleicht fagen, ich täufche mich 
in. meinem Urtheil allzu ſehr; denn was ih Grauſamkeit 
benenne, ‚fei vielmehr Sitte und Ehrbarkeit, Verlangen 
nach Ehre, nicht Stolz. Aber babe ih wol jemals ein 
anderes, als ein ehrbares Verlangen an fie geftellt? 
as will ich fonft von ihr, als das Licht diefer ihrer 
ſchönen Augen? Was anderes habe ich begehrt, als das, 
baß fie mich zum Diener annehme, daß fie ſich dazu 


256 XXIV. Matteo Bandello. 


bergebe, mir die Gunſt zu erweifen, bie fie mir ohne 
Berlegung ihrer Ehre wol fpenden konnte, oder daß fie 
wenigftens erlaube, daß ich ihr Diener fei, fie liebe und 
ihr aufwartet Ach, Frau Kionora, kann es eine größere 
Graufamteit auf der Welt geben, als einen zu baffen, 
der dich mehr liebt, als ſich felbft? einen, der an nichts 
anderes denkt, als dir etwas Angenehmes zu ermeilen, 
dir zu dienen, Dich zu ehren und dich anzubeten? Se, 
der Beiname, den man ihr gibt und ber auch zw ihrem 
rehten Namen flimmt, ift ganz wahr, fie ift eine hoch⸗ 
fahrende Löwin. Fürwahr, das ift fein Weib, fondern 
ein wilder rauher Zieger, und nicht nur grauſam iſt fi, 
fondern die aller undankbarſte unser den undankbarſten. 
Was hilft es mir, dag ich — jegt find es ſchon drei 
Jahre — fie auf das glühendfie geliebt, ja angebetet, 
bag ich fo viel Zeit verloren, fo oft turniert, fo vid 
Nächte durchwacht, fo viel Thränen vergoffen, taufend 
andere bochedle Frauen verfchmäht, fo viele günfligen 
Gelegenheiten verabfäumt habe? Was fol ich andere 
von ihr denken, als daß fie nach meinem Blute lechzt 
und fi) darnach fehnt, daß ich an mir felbft zum Mörder 
werbet Aber biefe ihre Luft foll fie nicht büßen. Ich 
will fie aus meinem Herzen verbannen und ein andere 
Menſch werden, als ich ſeither geweſen bin; denn ich 
weiß ja nur zu gewiß, ich bin um ihretwillen zum Ge 
fpötte des Volkes geworden. Es foll nicht länger wahr 
fein, daß ich fie liebe. Und warum foll ich fie lieben, 
wenn fie mich haft? 

Alſo befchloß der verliebte Ritter, überdrüfig und 
müde der unendlihen Graufamkeit feiner fpröden Ge 
liebten und voll Reue über fo viel vergeubete Mühe 
und fühlte fih im Augenblicke von feiner Liebe vollig 
frei. Auf der andern Seite erwachte aber auf einmal 
in ibm ein fehnfüchtiges Berlangen nach ihr im dem 
Mofe,-daß er ganz das Gegentheil von dem fagfe, 
was er zuvor gejagt Hatte, und fich felbft wegen jener 


83. Leonora Macedonia. 287 | 


Äußerungen, die ibm als ſchwere Verirrung erſchienen, 
baut 1 tabelte. 

D ih Treulofer, ich Verraͤther, tief er aus; was 
Habe ich gefprochen? Welcher thörichte Gedanke hat ſich 
in mein Herz gefchlihen? Wie darf ich je wagen, vor 
Die zu treten, bie ich eben erſt fo unverdient und fehnöde 
graufem, undankbar, wild, ftolz und mörberifch genannt 
Habe? Werde ich fo verwegen und anmaßend fein, daß 
ich ohme die größte Scham vor fie zu treten wage? Und 
weiß ich denn, ob fie nicht eine folche Haltung annimmt, 
um meine Treue und Standhaftigkeit auf die Probe zu 
fielen? Was babe ich je ihr zu Liebe ausgeführt ‚ welches 
Pfand Habe ich ihr gegeben, daß fie meiner Treue ver 
fühert fein mußt Wenn ich mich ihr fo oft zum Sklaven 
ergeben babe, kann fie nicht mit mir anfangen als mit 
ihrem Eigenthum, was ihr beliebt? Bin ich denn ein 
fo niederträchtiger und treulofer Ritter, daß ich ihr raͤu⸗ 
beriich nehmen mag, was ich ihr freiwillig gegeben? 
Gott bewahre mid vor folher Sünde und behüte mich 
Davor, ihr das Ihrige rauben und fichlen zu wollen! 
Ich bin geboren, um ihr zu dienen, und bas will ich 
auch thun. Ich will alfo dabei beharren, ihr zu dienen 
und fie zu lieben, wie ich bisher gethan habe, komme 
Daraus auch, was da wolle. 

Auf diefem Sinne blieb er auch etwa zwei Jahre, 
in benen er, ‚wie bisher, ihr Dienft und Verehrung er 
wies, befam aber nie von ihr auch nur den leifeften Blick. 
Und da er fie in der That glühend liebte, fo konnte er 
nicht verfehlen, ſich manchmal etmas unvorfichtig zu bee 
nehmen, wodurch denn der ganze Hof und alle Leute 
in Neapel diefe Liebe bemerkten, wiewol von vielen auch 
früher ſchon manchmal davon gefprochen worden war. 
Diele mit ihm befreundete Barone, als fie ſahen, wie 
er ſich in ber Nachfolge diefer Frau verzehre, tabelten 
ihn heftig und zanften ihn um fe mehr, da der Stolz 
und die Hartnäckigkeit der Frau allen fehr bekannt wer. 


288 XXIV. Matteo Bandello. 


Es war in ganz Neapel kein Bürger, noch Ebelmann, 
dem es nicht leid that, dag Dentimiglia fo von der Frau 
geringgefhägt wurde, da ihn alle gern Hatten und er 
allgemein beliebt war. Es gab auch neapolitanifche Frauen 
und Edeldamen, welche dem Bentimiglia gerne ihre Liebe 
gefchentt hätten, wenn er fie hätte lieben und darum 
angehen mögen; aber der arme Liebhaber war fo verfefien 
auf jene, daß er auf Feine achtete. Nun begab es fid, 
dag der Herzog von Kalabrien im Sommer, um ber 
gewöhnlichen großen Hitze Neapels zu entgehen, auf einige 
Tage nad) den Bädern von Puzzuolo gegangen war, 
einem, wie ihr alle wißt, fehr heitern und unterhaltenden 
Drte, der auch im Alterthbum ein LZuftort für die vor- 
nehmen Römer war, wie noch jegt die Ruinen vide 
Prachtpalaſte beweifen; dahin nun ging auch Bentimiglia 
hinaus mit dem Herzog. Und fo lange er in Puzzuolo 
war, pflegte Ventimiglia fi der übrigen Gefellichaft 
zu entziehen und bald am Ufer des Meeres, bald in 
den offenen luſtigen Feldern Alterthümer betrachtend, 
bald die fruchtbaren und nicht allzu fteilen. Hügel hinan, 
duch bie zahlreichen kühlen Grotten, an den Seen und 
Schwefelftelen bin, durch die Zedern- und Pomeranzen 
baine und fo viele anderen Luftorte in der Gegend 
fpazieren zu gehen. Immer ging fein Sinn nur datauf, 
wie er es angreifen müffe, um die Gunft der Dame 
zu gewinnen. Herr Galeazzo Panbono, fein vertraute 
Freund war über das Leben, das er ihn führen ſah, 
aͤußerſt misvergnügt und hätte gern Alles gethan, um 
ihn von feiner Liebe freisumachen. Als daher eine 
Tages der Herzog früh aufgeflanden war, um einem 
Spaziergang nah der Höhle der Sybille zu machen, 
nahm Here Galeazzo den Herrn Giovanni Ventimiglia 
bei der Hand und fagte zu ihm: Herr Markgraf, Iaffen 
wir den Herzog gehen, wohin er will, und komme ihr 
mit mir unter diefe Lorbeerbäume, mo ich euch etwat 
fagen möchte, 


.. 83, Leonora Macedonia, 289 


Recht wohl, fagte Ventimiglia, ich war ohnehin ent 
ſchloſſen, andetswohin zu gehen. 

So kamen beide an bie bezeichnete Stelle und fegten 
fi) im Schatten der Lorbeeren auf das weiche Gras 
nieder. 

Herr Markgraf, hub fobann Pandono zu reden an, 
ich will alle Umftände beifeit fegen in Betracht der brüder- 
lichen Freundfchaft, die ſchon feit vielen Jahren zwiſchen 
uns befteht, und gleich auf den Kern deffen gehen, mas 
ih dir zu fagen habe. Ich fange alfo mit dem Leben an, 
das ich dich in diefen Tagen hier zu Puzzuolo habe führen 
jehen; denn, um dir die Wahrheit zu figen, fehienft du 
mir einer der Philofophen, die dem Urgrunde ber Natur 
nachforfchen, fo gedantenvoll und einfiedlerifch bift du 
umbergefchlichen in der Gegend und haft alle Gefellfchaft . 
vermieden. Es ift, glaube ich, noch nicht fünf Tage ber, 
daß der Graf von Gelano und ich auf dem Hügel dort 
ſtanden und dich ganz .allein hier an biefer Quelle fichen 
und weinen ſahen; und über eine Stunde fchauten wir 
dir zu, wie du beftändig Thränen vergoffeft und oft die 
Augen gen Himmel fehrteft. 

Siehe da, fprach der Graf von Celano zu mir, wohin 
es mit dem Markgrafen von Cotrone gefommen ift über 
der Frau Lionora Macedonia, der Gattin des Deren Gio⸗ 
vanni Zomacello! Er liebt fie und folgt ihr nad) ‚on - 
feit geraumer Zeit, fie aber ift bochfahrend wie ein 
Baſtardmops und kümmert ſich den Henker um ihn und 
um das, was er thut. Bei meines Vaters Seele, ich 
bin oftmals drauf und dran gewefen, ihn zu fchelten 
und ihm tüchtig darüber herunterzumachen. Da ich 
aber nicht befonders genau mit .ihm bekannt bin, habe 
ih es unterlaffen. Deffenungeachtet liebe ich ihn wie 
einen Bruder, da ich weiß, was es für.ein geehrter und 
artiger Ritter if. Die, Herr Galeazzo, ſteht das befier 
an, du bift fein Freund und yermagft ihn cher aus ſeinen 
Irrſale zu ziehen. 

Italianiſcher Novellenſchah. IH. 13 


200 XIV. Matteo Dandello. 


Ich verſprach ihm, es Bei ber närhlten Gelegenheit 
zu thun, die ich finden werde, um fo mehr, da ih es 
mir felbft wieberhelt vorgenommen. Jetzt aber iſt es 
wol hohe Zeit, wenn weine Worte dir deine Freiheit 
verichaffen. Es find fehon einige Jahre, daß du dieſes 
Weib liebſt, und wenn du glaubteft, beine Liebe ſei ge- 
heim, fo würdeft du dich gar ſehr täuſchen; denn es iſt 
eine Kabel in. Neapel bekaunter, als biefe deine Liebe, 
jeder fpricht dawon und munbert ſich unendlich über beine 
Verirrung, da es das hochfahrendſte und ſtolzeſte Weib 
ift, bie e8 geben kann. Du aber bafteft fo feft an ibr, 
daß bu deinen Sinn auf fonft gar nichts menden Fanufl. 
Don dem. Aufwande, ben du um ihretwillen gemacht 
haſt, rede ich gar nicht, denn das ift noch das gerin- 
gers Abel; denn bu bi ja in Sicilien und in dieſem 
Eonigpeiche fehr. veich und durch den Prunf, den. bu ge 
trieben, indem du hei Feften und. Zurnieren ſtets pracht⸗ 
vol aufgezogen bift, Haft du unfern Gebieter geehrt und 
die den Namen des freigebigften und glänzendſten Barans 
am Hofe erworben, was dir gar nicht ohne Bedeutung 
fein kann. Daß du fodann ihr nachfolgend deine Zeit 
vergemdet, tanfend andere paffende und anftändige Gele 
genheiten verſaͤumt, dich ſelbſt faſt täglich zum eigenen 
Mörder: gemacht und imemer weniger auf dein Beſtes 
gedacht Haft, dat ſollte dir freilich nicht gleichgiltig fein 
und darum enwäcft mir aus deiner Liebe fortwährend 
tiefe Bekümmerniß, um fo mehr, als ich fo oft und 
von fe vielem Seiten. am Hofe fagen höre, du habeſt 
bich in der Verfolgung diefer Leidenſchaft fo felbfi ver- 
loren, daß. du gegen alled Andere gleichgiltig und gar 
nicht mehr bein eigener Herr feieft. Diele fagen auch, 
wenn man fo über dich ſpricht, du feieft gar nicht mehr 
devr alte Markgraf ven Cotrone, fondern du habeſt dich 
in Beonera Macedonia verwandelt; denn bu haft doch 
Beinen anbern Gett auf ber Welt, als fie, die ſich doch 
um dich und deine Angelegenheiten fa wenig kümmert, 


83. Leonora Macedonia. | 291 


als um die erfien Schuhe, die man an ihre Yüßchen 
brachte. Und glaube nicht, daß das ſolche fagen, die 
“ dir übel wollen; fonbern das Mitleid, das fie mit dir. 
haben, die Xiebe, die fie für dich fühlen, und der Wunſch, 
der fie belebt, dich aus dieſer Holle zu erlöfen, zwingt fie, 
das zu fagen, was fie fprehen, und dich zu bemitleiben. 
Und bei Gott, wenn ich dir offen die Wahrheit fagen 
darf, fo Haft du dich doch über alles Maß von der Luft 
beherrfchen laſſen. Während du dich in andern Dingen 
immer äußerſt vorfichtig ermiefen, warft bu doch in dieſem 
Unternehmen fo fehr verblendet, daß du den offenbaren 
Tod vor Augen haft, ja, was mehr ift, Schande und 
Schmach und ewige Befleckung deines Namens, und fichft 
es doch nicht. Dur, der du im Kampfe unter unſerem 
glorreichen König Alfons fo oftmals die feindlichen Schaaren 
durchbrochen und die dir anvertrauten Männer ntitten durch 
bie Gefahr zum Siege geführt, Tannft dich jegt felbft 
nicht leiten und weißt keine fihere Zufluchtftätte zu finden; 
vielmehr bift du überwunden von einem Weibe, ber du 
dich zum SHaven ergeben haft, und du fichft zitternd 
vor ihr, wie ein Kind vor feinem Lehrer, der et züchtigt. 
Und vollends von welchem MWeibe, bu guter Gott, haft 
dur dich fo befiegen laffen? Ich will zwar nicht leugnen, 
daß fie zu den ſchönen jungen Frauen Neapel gehört 
und von fehr edler Abflammung, auch an einen var 
nehmen und reichen Edelmann verheirathet ifl; warme 
ſollte ich auch leugnen, was ja ein jeder fieht und weiß? 
Aber was für Iobenswerthe Eigenfchaften haft du benn an 
ihr gefehen? Welche weibliche und liebenswürdige Sitten 
haft du an ihr bemerkt? Welches Entgegenkommen, welches 
Benehmen, welche Beweiſe von Freundlichkeit glaubteft du 
zu erkennen, worüber du fie loben dürfteſt? Vielleicht 
fagt einer: Sie ift keuſch und fittfam und will nichts thun, 
was ihre oder ihrem Gatten Schande bringen Fönnte. 
Wohl und gut! Das iſt ganz Mr ber Ordnung; 
denn febald eine Ftau ihre Ehre verloren bat, hat fir 
13* 


292 XXIV. Matteo Bandello. 


alle ihren Ruhm und al ihr Gut verloren. Die aber, 
die, wahrhaft fittfam find, die, die wünfcher, dafür ges 
halten zu werden, find freundlich und höflich, und wenn 
fie ſehen, daß ein Mann darnach trachtet, ihre Keuſch⸗ 
heit zu erobern, geben fie ihnen auf eine angemeffene 
Weile zu verftehen, fie mögen von dem Unternehmen 
abftehen, denn es helfe fie fo wenig, als Waſſer im 
Mörfer ftofen oder Ziegelfteine waſchen. Sie find aber 
nicht, wie jene, hochfahrend, ſtolz, launiſch und voll von 
taufend Grillen. Siehſt du nicht, daß die, welcher da 
folgft, fich nichts um dich befümmert, und um fo weniger 
befümmert, als alle Welt weiß, daß du um ihretwilln 
das feltfamfte geplagtefte Leben führſt. Und alle das 
gefchieht,, .weil fie meder Sitte noch Ebelfinn befigt. 
Diefe ihre Schönheit, die bu fo fehr werth häftft, gleicht 
einer Blume, die am Morgen berrlid) prangt, am Abend 
aber welt und verdorrt erfcheint. Ein wenig Fieber und 
der Lauf der Zeit vernichten jede Schönheit und laſſen 
nichts übrig, als ein unerquidlihes Stud Fleiſch. Kant 
denn eine einfache Schönheit ohne den Schmud eine 
Tugend deine Seele fo tadelnswürdig gefeffelt halten? 
Vergib mir, mein Bruder, und höre geduldig die Wahr 
beit! Ich fehe, du wirft böfe, denn dein ganzes Ge 
fit verändert fi) und gibt mir davon Zeugniß. Aber 
werde nur böfe und zürne, fo viel du willft! Sch babe 
einmal begonnen, mit dem Lichte der Wahrheit beinen 
Irrthum zu beleuchten! Ich will den Weg verfolgen; 
und wenn du ein wenig diefe deine Liebesleidenfchaft, die 
dich verblendet, beifeit fegeft, wirft du fehen, bag ich die 
Wahrheit fage; und wenn du mir auch für den Augen 
blick vielleicht grolfft, fo wirft du doch mit der Zeit 
freundlich darüber gefinnt werden; denn mit der Zeit muf 
diefe deine unendliche Geduld doch unterliegen und du 
mußt felbft den Irrthum erkennen, in dem du fo lange 
befangen geweſen biſt. Nur Hilft eine folche Neue wenig. 
Pas die Zeit, die Mutter ber Wahrheit, mit ihrem ſchnellen 


⸗ 


83. Leonora Macedonia. 293 


Lauf dir zeigen wird, das follteft du jegt burch deine 
Klugheit felbft erkennen; dann würdeſt du von allen ge 
lobt werden. Wo ift dein Geift? Wo ift deine Mann- 
haftigkeit? wo die Klugheit und die tiefe Einſicht, die fo 
oft in Eriegerifchen Unternehmungen dir vor andern fo viel 
Ehre eingebracht haben? Bo ift der Preis deiner Ritter 
lichkeit, den du erworben, nicht durch wahnfinniged Der: 
folgen von Frauen und eitle Liebe, fondern durch ritter- 
liche That? Wo find deine vielen andern Gaben, bie 
dir am biefem Hofe fo viel Anfehen verfhaffen? Für- 
wahr ed thut mir um dich allzu fehr leid und es betrübt 
mich gar zu fehr, dich verloren zu fehen, wie ich dich 
fehe. - Ih will gar nicht ein Mönd, werden und bir 
Keufchheit und MWiderwillen gegen das ganze weibliche 
Geſchlecht predigen; denn ich weiß, daß du noch jung bift - 
und daß es ſchwer halt für jeden, der Freiheit und Wohl⸗ 
leben genießt, ficy der Umarmungen der Frauen zu ent- 
halten. Ich möchte nur, daß du liebteft, wo deine Kiebe 
ermwidert wird oder du wenigſtens Hoffnung hätteſt, für 
Treue und lange Dienſtbarkeit einige Belohnung zu ger 
innen. Aber du liebft die, die dich haft, und die viel 
ſtolzer und fpröder ift, als der Feind der menſchlichen 
Natur. Es iſt noch nicht lange her, daß ich in Santa 
Maria Piedigrotta mit einer ſehr edeln und ſchönen Ge— 
ſellſchaft von Frauen zum Nachteſſen war in dem lieb⸗ 
lichen Garten bes Caracciolo. Zufaͤlligerweiſe kam bie 
Rede auf Lionora Macedonia, die Gattin des Tomacello. 
Alle ſagten von ihr, ſie ſei allerdings ſehr ſchön, es ſei 
aber nicht möglich, eine gleich ſtolze, hochfahrende und 
anſpruchsvolle Frau zu finden, und weder Verwandte 
noch Freundin Tönne es lange in ihrer Geſellſchaft aus⸗ 
halten, da ſie ſich höher ſchätze, als alle in der Welt, 
und ohne Unterſchied niemand etwas gelten laſſe. Das 
iſt der Name, den dieſe deine Geliebte ſich bei Maͤnnern 
und Frauen durch ihr ſelbſtgenügſames Weſen erwotben 
hat. Darum bediene dich nunmehr deines freien Willens 


2 XXIV. Matteo Bandello. 


und wirf bie ſchwere Laſt zu Boden, bie dich nick zu 
Athem kommen läßt. Füuhre das töbtliche Gift ab, woran 
dein Herz krankt; und wenn du je lieben willſt, fe fehlt 
«6 dir gewiß nicht an fchönen, edeln und tugendhafte 
Frauen, bie ſich glücklich fchägen werden, von dir gelich 
zu fein, und von denen dir denn auch Gegenliebe nicht 
fehlen wird. Gege endlich diefem Unheil ein Ziel! Denn 
je länger du zögerft, um fo größer wächft es an un 
könnte fich fo feftfegen, daß es fchlimmer würde, ald de 
Satan. . Habe zunächſt Gott vor Augen, dann dent 
Freunde, deine Ehre und dein Leben; in Wahrheit, d 
iſt jept Hohe Zeit dazu. Weiter wüßte ich dir nichts zu 
fagen. 

Hier fchwieg Pandono, der Antwort des Dearkgrafen 
gemwärtig, weldyer, betroffen von der Wahrheit und Ehren 
haftigkeit der Worte feines Freundes, nach einigem Br 
denfen tief auffeufzte und alfo antwortete: Ich fehe mohl 
ein, lieber Herr, daß alles mahr iſt, mas du mir foren 
fo liebevoll auseinandergefegt haft, und ich bin dir dafur 
unendlich verbunden. Freue dich daher, daß du nidt 
tauben Ohren gepredigt und beine Worte nicht wmfonf 
vergeubee haft. Sch hoffe mit Gottes Hilfe ganz Neard 
gu zeigen, welchen Eindrud deine wahren Worte auf 
mich gemacht haben. Und bei dem Handfchlag, ben ic dit 
nunmehr gebe, verpfände ich Dir mein treues Ritterwort, 
daß ich von nun an die verzehrenden glühenden Flammen 
gänzlich auslöfchen will, welche bisher wegen der unfeligen 
Schönheit Macedonia’s mic) verzehrt und verfengt haben; 
und fo nehme ich ihren Namen und ihr Gebächtnig num 
aus meinem Herzen. Sie follen bei mir einen Pia 
mehr finden, und es foll nicht meiter von ihr bie Re 
fein. Gehen wir! Ich fehe, daß der Herr Herzog be 
reits auf Dem Heimmege begriffen ift. 

Nach diefen Worten flanden fie auf, fingen ein an 
deres Geſpraͤch an und folgten dem Wege des Herzog. 
Noch an dem nämlihen Tage nahm Ventimiglia, der 





83. Leonora Dlacedonid. B- ;) 


es für das Beſte hielt, fich einige Bei von Menpel gu 
entfemen, Gelegenheit, den Herzog um Urlaub zu bitten, 
um nach feiner Markgrafſchaft Eotrone in Calabrien und 
von ba hinüber nach Sirilien zu gehen. Nachdem ıer ben 
Urlaub erhalten, ging er nach Neapel, um ben König 
Alfons feine Aufiwartung zu machen, brachte feine An⸗ 
gelegenbeiten in Ordnung, ritt nach Calabrien und hielt 
ſich dafelbft einige Zage auf; fobann ſchiffte er nad 
Sicilien über, wo er feit vielen Jahren nicht geweſen 
war. Und man glaube nicht, daß er dort müßig ging. 
Er durchreiſte die ganze Inſel zu Pferde, ſah tägtich 
neue Dinge und ſuchte durch fortwährende Strapazen 
die Gelüſte zu ertödten, die je zuweilen die Schönheit 
Macedonia's ihm noch erweckte, ſodaß ihn ſeine Abreiſe 
faſt reuen wollte. Und doch, ſo oft er ſich auch verſucht 
fühlte, zurückzukehren und noch eine Weile zuzuſehen, 
ob es ihm nicht durch Beharrlichkeit gelinge, die Hart⸗ 
herzigkeit der grauſamen Frau zu brechen, ſo war doch 
bie Vernunft in ihm fo mächtig, daß er das Gedaͤchtniß 

n fie ganz von fi bannte, und da ſich fo allmälig bie 
eingemumelte Leidenfchaft verminderte, begann er Zalt- 
blütig ihre vielfahe Härte und ihr unliebenswürdiges 
Detragen zu erwägen. Erft als er fih bann ganz frei 
fühlte, befchloß er an den Hof zurückzugehen. Nach einer 
Abweſenheit von etwa fieben Monaten kehrte ex nad 
Neapel zurüd, aber er ging nie mehr am Haufe jener 
Frau vorüber, außer etwa zufällig in Geſellſchaft von 
andern, welche dieſen Weg einfchlugen. Wenn Re aber 
dann auch am Fenfter oder unter ber Thüre ſtand, that 
er, als ob er fie nicht bemerkte, und war fo gleichgiltig, 
ald ob er fie niemals gefehen hätte. So mar er feit 
feiner Rückkehr von Sicilien noch nicht zwei Monate 
wieber in Neapel, als ſchon jedermann biefe Ummanb- 
lung bemerfte, und alles zollte ihm dafür das größte Lob; 
fo fehr mar allen das widerfpenftige Weſen Macebonia's 
zumider. Und meil, wie ber göttliche Dichter Meſſer 


$-' 1) XXIV. Matteo Bandello. 


Krancesco Petrarca fagt, gegen biefe Bosheit Amors-kein 
Mittel vorhanden ift, als fih von dem einen Bande zu 
löfen und an das andere zu Fetten, wie man aus einem 
Brett einen Nagel mit bem andern heraustreibt, wiewol 
er von ber Liebe der Frau Lionora frei war, fo fühlte 
er doch noh manchmal ein Fünkchen des alten Feuers 
unter ber Aſche glimmen, und das löfchte er nicht ganz 
aus, fondern öffnete vielmehr feine Bruſt neuer Liebe 
und begann zu erglühen für eine fehr fchöne Jungfrau, 
welche auch, als fie die Liebe des Ritters als aufrichtig 
erkannte, ſich keineswegs ſpröde zeigte, ſodaß er ihre und 
fie feine Gunft erwarb. Bon diefer zweiten Liebe fand 
fih Herr Ventimiglia fehr befriedigt, und da er an der 
Dame täglih mehr Sitte und Freundlichkeit erkannte, 
‚vergaß er feine erfte Geliebte gänzlich, ja er ſchaͤmte fich 
vor fich felbft darüber, daß er fie überhaupt je geliebt 
babe. Bei diefer zweiten Liebe aber Hielt er fich fo ge 
heim, daß niemand je etwas davon merkte. Schon war 
faſt ein Jahr verftrichen feit Herrn Ventimiglia's Nüd- 
tehr von Sicilien nad) Neapel, als Derr Giovanni Toma⸗ 
‚ cello der Gemahl Macebonia’E von einigen feiner Ver⸗ 
wandten in einen ſchlimmen Rechtshandel verwickelt murbe, 
in Folge deffen ihn einige Schriften, die feine Gegner 
auffanden, in große Gefahr brachten, mehr als vierzig. 
taufend Ducaten von feinem väterlihen Erbe zu ver 
‚dieren. In welche Noth er dadurch geriet), mag fid 
ein jeder vorftellen, der fich einmal felbft in einem folchen 
Verhaͤltniſſe befand. Die Sache Fam vor den Hohen 
Rath des Königs, und da es Zomacello vorfam, ale 
fländen feine Gegner mehr in Gunft, als x, und er 
darum feinen Rechtshandel zu verlieren fürchtete, wußte 
er nicht, was er anfangen folle. Die vornehmften Rechts 
gelehrten des Reichs hatten allerdings ist Gutachten dahin 
abgegeben, daß das Recht, wenn auch unter verwickelten 
Umftänden, auf feiner Seite fei; und fo rieth ihm ein 
guter Freund, feine Zuflucht zu einem Günftlinge des 


83. Leonora Macebonia. 297 


Hofes zu nehmen, um mit deffen Hilfe zu erlangen, daf 
der Proceß ohne Zeitverluft entichieden würde, weil feine 
Derwandten eben duch ben Einfluß, den fie befaßen, 
zu bewirken ftrebten, daß die fireitigen Güter gerichtlich 
verwaltet und der Handel in die Länge gezogen würbe; 
was, wenn es zur Ausführung kam, Tomacello vollig 
zu Grunde richten mußte. Er ging daher in Gedanken 
alle Günftlinge bes ‚Hofes durch und überlegte, weffen 
Hilfe er anfprechen fönne, bis man ihm rieth, den Mark⸗ 
grafen von Cotrone für fi fid) zu gewinnen, ber fowol der 
dienftfertigfte und gefälligfte von allen Hofleuten, als 
auch der erfte Liebling des Herzogs von Kalabrien ſei und 
nächftbem . von dem Könige Alfons fehr werth gehalten 
werde. Tomacello, welcher niemals etwas von ber Liebe 
des Markgrafen zu feiner Gattin gehoört hatte und auch 
fonft feine Freigebigkeit, Menfchenfreundlichteit, Höflichkeit 
und Leutfelifteit, fowie andere feltene Eigenfchaften, die 
er befaß, hatte rühmen hören, befchloß, obgleich er ihn 
nicht näher kannte, ihn zu beſuchen und ihn zu bewegen, 
daß er ihn in dieſem Rechtsſtreite unterſtütze. Nachdem 
er dieſen Entſchluß einmal gefaßt hatte, verſchob er die 
Ausführung deſſelben nicht, ſondern beſtieg am folgenden 
Morgen gleich nach dem Frühſtück ein Maulthier und 
begab ſich in das Haus des Markgrafen, der bei Seggio 
Capuano wohnte. Er ſtieg gerade zu der Zeit bei ihm ab, 
als auch Ventimiglia ſeine Mahlzeit beendigt hatte, und 
eben noch mit einigen Edelleuten, ſeinen Freunden, die 
bei ihm geſpeiſt, am Tiſche ſaß und ſich unterhielt. In 
den Saal eingeführt, bezeugte Tomacello dem Markgrafen 
feine ſchuldige Ehrerbietung und fobald biefer freundliche 
und dußerft liebreiche Mann den Harn Biovanni Toma- 
cello eintreten fah, ftand er auf, ging auf ihn zu, empfing 
ihn mit anmuthiger Höflichkeit und fragte ihn was er 
mache. 

Ich komme, antwortete Tomacello, um mit die unter 
vier Augen über Geſchaͤfte zu fprechen. 





208 xXxIV. Motten Bandello. ’ 


Als der Markgraf dies hörte, wunderte er fich fchr, 
nahm ihn bei der Hand und führte ihn in einen fehr 
hönen Garten, wo fie auf- und -abgingen und fich der 
Schönheit des Baumgutes freuten, das voll war von 
Domeranzen, Zitronen, Zedern und andern fruchtbaren 
Bäumen, nebft taufendfacher Abwechfelung von Holden 
und buftigen Blumen; darauf fegten fie ſich in eine Feine 
vor der Sonne gefchügte Laube. Als fie fich dort nieder: 
gelaffen hatten, begann Zomacello alfo zu fprechen: Wiewol 
ich früher, erlauchter Herr Markgraf, keine Freundſchaft 
noch Bekanntſchaft mit dir gehabt habe, noch mir Ge⸗ 
legenheit geworden iſt, dir irgend einen Dienſt zu thun, 
um deſſen willen ich wagen dürfte, dich um deinen Schut 
und deine Verwendung in einer mir ſehr wichtigen an 
‚gelegenheit anzugehen, fo bat mir döch der Name, ben 
bu bir in biefem Königreiche allgemein als der höflichfte 
Daun, der nie einem Bittenden ein Geſuch abzufchlagen 
weiß, erworben haft, den Muth gegeben, daß ich, viel⸗ 
leicht, ohne von bir gefannt zu fein, zu dir komnie und 
dich um die Gunſt anflehe, ein Paar gute Worte für 
‚mich einzulegen. Ich bin Giovanni Tomacello, ein Edel⸗ 
mann dieſer Stadt, mit dem neulich einige meiner Der- 
wandten oder vielmehr tödtliche Beinde einen Proceß an- 
gefangen haben, in Folge befien fie mir, wenn fie durch⸗ 
drängen, mehr als die Hälfte meines väterlichen Erbes 

entreifen würden. Sch habe meine Papiere vorgebracht 
und meine Rechtöfteunde fagen mir, daß, wie verworren 
auch die Sache, das Recht doch entichieben auf meine 
Seite fei. Trotzdem befichen meine Gegner darauf, in 
dem fie auf die Gunft bauen, deren fie fich im hoben 
Nathe erfreuen, daß bie fireitigen Güter den Gerichten 
zur Berwaltung übergeben werben, und fuchen fie bie 
Sad in Die Länge zu ziehen, unter dem DBorgeben, 
noch andere Papiere wieder vorfuchen zu wollen. üßte 
ich die Haͤlfte meiner Güter verwalten laſſen, ſo würde 
mich das zu Grunde richten; ba ich ſchon viele Jahre 


83, Leonora Dkacsdonie. 2) 


im Befige Sin, fo möchte ich auch darin verbleiben und 
machen, daß ber Proceß bald gefchlichter wärbe. Mas 
aber kann ic, ohne deine Verwendung nicht erlangen. 


- Darum bitte ich dich unterthänig, da du, wie «6 beißt, 
‚ dein Vermögen fo bereitwillig allen ſpendeſt, daß du für 


mich nicht karg mit Worten feiefl. Wenn ich durch deine 
Bermittelung einen Spruch zu meinen Bunften erhalte, 
wie ich hoffe und wie die Gerechtigkeit forbert, fo bin ich 
dir auf ewig verbunden für Vermögen, Reben und Ehre. 
Überdies werde ich mid einigermaßen fo benchmen, daf 
du erdermen follft, du habeft deine Worte nicht für einen 


Undankbaren Hingegeben. Ich wünſche auch michts, als 


dur deine Vermittelung Gerechtigkeit zu erlangen, fo 
bald als möglich. 
Hier ſchwieg Zomarello, worauf der Markgraf mit 


heitetem Geſichte Tomacello folgendermaßen antwortete: 


Ich wünſchte wohl, mein Here, du bedürfteſt meiner 
Hilfe nicht, um die du mich erſuchſt, nicht etwa deshalb, 
weil ich abgeneigt waͤre, für dich in deinem Rechtsſtreite 
zu thun, was in meinen Sträften flieht, ich werde es viel⸗ 
mehr herzlich gerne thun; vielmehr weil ich wiünfdhte, 
baf deine Angelegenheiten in dem befriebigenden Zuftande 
wären, ben du felber verlangen magſt. Ich danke bir 
und bin dir verbunden für das Lob, das du mir Tpenbeft; 
umd wenn auch alle bie guten Eigenfhaften, die man 
mir beilegt, mie nicht zukommen, fo freut es mid do, 
in einem fo guten Rufe zu fliehen, und, fo tel an mir 
Mi, werde ich beflrebe fein, bag meine Handlungen Der 


. von mir verbreiteten Meinung entfprehen. Alles, was 


ich zu deinen Gunften thun Tann, fei verfichert, daß ich 
e6 than werde und zwar mit der Eile und dem Eifer, 
wie wenn es weine eigene Sache wäre. Iſt ber Erfelg 
ein guter, fo fol es mich freuen, wie wenn er mir ſelbſt 

zu Gute kaͤme. Geſchieht, was Gott verhüte, das Gegen - 
theil, fo werde ich doch jedenfalls vorher meine Pflicht 
thun. Wenn bu aber Hecht haft, wie du mich verficherfi, 


300 XXIV. Matteo Bandello. 


fo hoffe ich, dir morgen, ehe die Sonne untergeht, a 
freuliche Neuigkeiten melden zu koͤnnen; -benn ehe. du zu 
Nacht fpeifeft, will ich die Sache fo einleiten, daß de 
Ausgang nur ein guter fein wird. Was die Anerhie 
tungen betrifft, die du mir zulegt gemacht haſt, fofen 
fte dahingehen, mein Freund und Bruder zu bleiben, ſo 
danke ih bir dafür und fehe es an, als habe ich heuk 
eine fehr ‚große Eroberung gemacht; gedenkſt du aber, 
wie deine Worte anzubeuten fcheinen, mir irgend etwa⸗ 
zu fchenten, fo muß ich bemerken, daß ich, wenn ich ein 
Krämer wäre oder um Lohn biente, es etwa annehmen 
Tönnte; nun bin ich aber Bioyanni Ventimiglia, meine 
Standes ein Edelmann und Ritter und nicht ein Krämer. 
Ich hätte darum alle Urfache, mich über dich zu beklagen, 
da du meiner Ehre ſolche Zumuthungen machſt. Es 
flimmt dies fchleht zu dem, was, wie bu mir kurz zuber 
‚gefagt haſt, die öffentliche Meinung von mir hält. Men 
Barer war ein Ritter und ein Herr, deffen Tapferkeit 
und Ruhm no in Sicilien wiederhallt, mein hochherzige 
König hat mich felbft zum Ritter und Markgrafen wm 
hoben, ohne Zweifel, weil er gnädig genug war, an 
nehmen, daß meine guten Eigenfchaften oder wenigfiet 
die Meinung, bie er von. mir hatte, es verdienen. Da 
Bold, das du mich um den Hals.tragen fichft, trage 
"ich nicht als Zeichen, daß ich ein Kaufmann bin, fonden, 
um an mir bie Freigebigkeit und Gnade meines ruhm- 
zeichen Königs zu zeigen, und andererfeits, um es ritterlich 
zu gebrauchen und auszugeben. Darum biete ich bir aufe 
dem Dienfte in Worten, ben du von mir verlangt, ſo 
bald du es nöthig haben follteft, dich meines Vermögen 
zu bedienen, an, fo viel du willft; und menn du ba 
Verſuch machſt, wirft du fehen, daß ich in Handlungen 
viel mehr leiſten kann, als ich dir in Worten anzubieten 
nerfiche. 
Nachdem Tomacello das Verſprechen und diefes groß 
mütbige Anerbieten von Ventimiglia erhalten hatte, .biet 





.83, Leonora Macedonia. 31 


er ſich für gänzlich zufriebengeftellt, dankte ihm unendlich 
und erbot fid zu gleichen Dienften mit den freundlichften 
Worten, die er mußte. &o ganz voll ber beften Hoff- 
nung kehrte er nach Haufe zurüd und erzählte feiner 
Gattin, was er bei dem Markgrafen von Cotrone aus« 
gerichtet hatte. Dieſe verwunderte fich nicht wenig über 
die Gefälligkeit des Ritters und erinnerte fich babei, ohne 
jedoch ihrem Mann weiter bavon zu fagen, im Stillen 
der langen Dienfibarkeit des Markgrafen, des großen ' 
Aufwandes, ben er gemacht, des Waffenfpieles, bes 
Prunkes und fo vieler Aufmerkfamkeiten, die er aus Liebe 
zu ihr gegen fie gehabt, und wie fie ihn auch niemals 
mit einem Blicke ihrer Augen erfreut hatte. Dies drängte 
fie zu der Überzeugung, daß er der vollfommenfte Mann 
fei, den man finden könne. Sobald Tomacello das Haus 
des Markgrafen verlaffen hatte, begab fich diefer an den 
Hof und fpradh- eindringlich mit dem König und mit 
dem Herzog über die Angelegenheit des Zomacello; wes⸗ 
halb denn der König einen feiner Kämmerer zu fich rief 
und ihm aufteug, feinen Räthen insgefammt zu wiffen 
zu thun, fie haben bei Verluft feiner königlichen Gnade 
am folgenden Tage unmeigerlich im Rechtsſtreite zwifchen 
Giovanni Tomacello und feinen Verwandten ein Urtheil 
zu füllen. Die NRäthe fäumten nach Empfang diefes Be⸗ 
fehles nicht, ihn in Ausführung zu bringen, und fandten 
alfo, da in dem Proceffe Alles zum Spruche reif war, 
den Betheiligten ihre gerichtliche Einladung zu, am an⸗ 
dern Morgen vor ihnen zu erfcheinen, um der Entfchei- 
dung ihrer Angelegenheit zu gemwärtigen. Das Gericht 
kam zur beftimmten Zeit zufammen und da ber Fall fon 

zuvor von den Anmälten für und wider erörtert worden 
war und. allen Giovanni Tomacello's gutes Recht einge- 
leuchtet hatte, fo fprachen fie das Enburthel zu feinen 
Gunften aud. Um den ihm geleifteten Dienft volltommen 
zu .maden, Hei DBentimiglia das Urtheil durch einen feiner 
Leute aufnehmen und gerichtlich; beftätigen und ſandte es 





« 


902 IXIV. Matteo Bandelld. 


unverzüglich Tomacello zu, ber über dieſe fhöne und 
unerwartete Wendung eine große Freude hatte, dem 
Markgrafen angelegentlichft dafür dankte und anfing ihn 
öfter zu befuchen, ja auch mit ihm zu fpeifen. Dm 
Herrn Markgrafen fiel es indeffen darum niemals ein, 
defien Gattin wiebderfehen zu wollen ober feine frühen 
Plane wieder aufzunehmen; vielmehr fümmerte er ſich 
wie ſeit laͤngerer Zeit nicht mehr und nicht weniger um 
fie, als wenn er fie nie gekannt hätte. Hiernaͤchſt rit 
eines Tages der Herzog von Kalabrien nad) dem Abend⸗ 
effen durch die Stadt und fam an dem Haufe Toma⸗ 


cello's vorüber, melcher mit- fener Gattin eben an de 


Thüre fiand, um friſche Luft zu ſchoͤpfen. Ventimiglie 
war zufaͤlligerweiſe mit einem Edelmann hinter dem übrigen 
Gefolge zuruͤckgeblieben und kam im Geſpräche mit ihm 
langſam nachgeritten. ALS er der Hausthüre Tomacelloé 
gerade gegenüber war, ließ dieſer ſeine Gattin auf der 


Straße ſtehen und lief auf den Markgrafen zu, um ihn 


angelegentlich zu bitten, er möge mit feinem Begleiter 
abfleigen und zur Erfriſchung ein Glas bei ihm teinfen. 
Der Marfgraf dankte Tomacello und wollte bie Ein 
ladbung nit annehmen, fondern ritt weiter, dem Herzoge 
nad. Hierauf ſprach die Frau, uneingedent des großen 
Dienftes, den ber Markgraf erfi fürzlid, ihrem Gemahle 
geleiftet: Was haſt du nur, mein Gemahl, mit dem 
Markgrafen Dentimiglin zu fchaffen, daß du ihn fo freiml- 
lich in dein Haus einlädft? 

Mit unmwilliger Miene wandte ex fich Hierauf zu feine 
Gattin und fagte: Bei der Seele meines Vaters, ib 
glaube nicht, daß es auf Erden ein undankbareres Weib 
gibt, ald du bif, Du kannſt nichts, als Dich pugen 
und befpiegeln, täglich anf nette Kleiderpracht finnen, 
immer gefchniegelt und gebügelg baftehen, als waͤreſt bu 
die Fürſtin von Zarent, und alle Männer und Frauen 
diefev Stade über die Achſeln anfehen. Iſt es möglid, 
daß du fchon vergeffen haben Tannft, welche Gefälligkeit, 


83, Leonora Macedonia. "3093 


ja Wohlthat diefer Markgraf mir diefer Tage erwieſen 
bat? Müffen wir nicht fagen, daß wir ihm den größten 
und beften Theil unferes Vermögens verbanten? Wären 
wir nicht ohne ihn zu Grunde gerichtet bis in die dritte 
Generation? Fürwahr, ed wäre unfere Schuldigkeit, die 
Erde zu küſſen,, die er mit feinen Füßen betritt. Ich 
für meinen Theil befenne, ihm mit Leib und Leben, 
gefehmweige denn mit Hab und Gut verpfändet zu fein, 
und mein Wunfh ift, daß er immer über mich und 
mein Eigenthum ſchalte, als ob es ihm gehörte. a, 
ih will mic) umbringen laffen, wenn ih auf Erben 
feines Gleichen kenne, denn wenn er mir auch nie einen 
Gefallen erwielen hätte, fo verdient er doch um feiner 
feltenen Eigenfchaften willen bie allgemeine Liebe, Achtung 
und Verehrung. Er ift edel, höflich, freundlich, gefällig, 
freigebig, großherzig, bienfifertig und der ebelfte Herr; 
der. je in diefee Stadt gelebt und deſſen Tugenden felbfl 
Steine rühren müffen. Und bei Gott, er ift auch nicht . 
fo häßlich, daß es einen anmwidern müßte,’ ihm gut zu 
fein; aber bu verlangft, ich fol ihn nicht ehren unb 
feiern? Seine Befcheidenheit und fein freundliches Weſen 
mwürde ein Marumorberz in ibn verliebt machen. Darum, 
meine Gattin, bin ich gegen ihn au meit Größerem ver. 
bunden, al& daß ich ihn einlade, bei mir Erfrifhungen 
anzunehmen. Wollte nur Bott, ich konnte ihm einen 
recht ausgezeichneten Dienft thun, wie gerne würde ich 
ed tun! 
Diefe Worte duckhfchnitten das undankbare flolze Herz 
der Frau und fie mußte ihrem Gatten keine Silbe zu 
erwidern, fondern blieb ſtumm ihm gegemüber ſtehen und 
ſchlich ſich, ſobald fie fonnte, von ihm hinweg in ihe 
Zimmer, wo fie fi) auf das Bett warf und dem Strome 
ihrer Thränen freien Lauf ließ. Der Mann fah feine 
Grau fortgehen, und da er wußte, daß fie ihrer Natur 
nad nichts weniger, ald Zabel vertrug, fo beflieg er fein 
Maulthier und ritt durch bie Stadt fpazieren. Sie em⸗ 


304 XXIV. Matteo Eandello 


pfand mit einem Sale eine fo ſchwere innetliche Rem, 
dag es ihr war, als hätte man ihr das Herz aus al 
Wurzeln geriffen. AU ihr Sinnen und Denken war mit 
dem Markgrafen befchäftigt und Alles, was er jemali 
um ihretwillen gefhan und gelaffen, machte ſich ihr gegen 
wärtig insgefanmt erinnerlih. Sie gedachte an die Härt, 
die Grauſamkeit und den Stolz, den fie fo oft gegen ihn 
übte, und fühlte fidy vor Schmerz dem Tode nahe. Rai 
follen nun wir hier fagen, meine ebeln Herren und Damm! 
Was in fo vielen Jahren durch Bälle, Zefte, Gefäng, 
Zioflieren, Zurnei, Mufit und reihlihen Aufwand, ne 
nend, bald glühend, bald erflarrend, feufzend, diene, 
liebend, bittend und alle Unterthänigkeit und Lift übe, 
die felbft Lucretia einem Zarquinius gewonnen hätten, 
der mannhafte und edle Markgraf nicht ausrichtete, dei 
bewirkten die einfahen und wahren Worte des une 
dachten Gatten, die jenes flolze und verhärtete Her ſo 
. bemüthigten und erweichten, daß fie, die immer ber Licht 
entgegenkämpfte, fi) mit einem Schlage ganz in Gl 
usd Flammen fühlte aus Neigung zu dem Ritter, fodı) 
es ihr unmöglich fchien, ohne ihn zu leben, bis fie einmal 
mit ihm fprechen und bie verzehrenden Flammen, die ft 
erbärmlih zu Grunde richten, ihm offenbaren Tonne. 
Sie befchloß daher noch an demfelben Abend, irpendiwit 
ein Mittel zu finden, mit ihm zufammenzufommen. ©i 
onnte die ganze Nacht über an fonft nichts mehr denken. 
Als der Tag gelommen war, erinnerte fich die Frau de 
Boten, welchen der Markgraf ihr mit einem Briefe ji 
gefandt hatte. Sie fand daher durch eine gute Alt 
Gelegenheit, mit dieſem zu reden und ihm zu entbeden, 
was fie wünſchte, daß er bei Herrn Ventimiglia ausrichte. 
Als der Bote bie Frau hörte, tröftete er fie fehr und 
fagte ihr, er fei verfichert, daß dee Markgraf fie nod 
immer liebe, und er wolle es fchon fo einrichten, daß 
er zu einer Unterrebung zu ihr fomme Die Frau war 
darüber hoch erfreut. Der Bote ging weg, ſuchte ben 


83. Leonora Macedonia. | 385 


Markgrafen. auf und fagte zu ihm: Mein Herr, ih 
bringe dir eine wunderbare Neuigkeit, die du gemiß nicht 
im Stande bift zu errathen. Weißt du wol, daß Frau 
Kionora Macedonia, dee Sprödigkeit, womit fie dir be 
gegnet, müde, jegt ganz die deine ift und nichts fehn- 
licher wünſcht, als dir gefällig zu fein, auch dich in« 
ftändig bittet, zu geruben, heute um Nonenzeit zu einer 
Unterredung. zu ihr zu kommen, fie wolle dich im Garten, 
Der hinten an das Haus ftößt, erwarten, und die Thüre 
des Gartens fol offenftchen. Meffer Giovanni Tomacello, . 
ihr Gemahl, ift diefen Morgen nah Somma*) gegangen 
und wird in den nächften acht Tagen nicht zurückkommen. 

Der Markgraf wunderte fich über diefe Botfchaft nicht 
wenig, unendlich Vieles draͤngte ſich ihm durch den Kopf 
und er war im Zweifel, ob er hingehen ſolle. So ant- 
wortete er dem Boten: Ich habe heute einige Gefchäfte. 
von der größten Wichtigkeit. Finde ich Zeit um die 
Stunde, die du mir bezeichnet haft, fo gehe ich hin und 
fpreche mit Frau Lionora. 

Der Bote ging weg, kehrte zu der Frau zurück und 
ſagte ihr, der Ritter werde um die feſtgeſetzte Stunde 
kommen. Herr Ventimiglia aber, der ſeine Liebe ganz 
von jener Dame abgezogen hatte, dachte an anderes und 
ging nicht hin. Sie erwartete bie Ankunft des Mark⸗ 
grafen den ganzen Tag, und da fie ihn nicht fommen 
fah, mar fie fehr betrübt. Sie fragte den Boten aus 
und ließ fi von ihm mol zehnmal die Worte wiederholen, 
die der Markgraf zu ihm gefagt hatte; und da fie dann 
der Meinung war, er fei durch wichtige Gefchäfte abge- 
halten, zu fommen, oder habe vielleicht Bedenken getragen, 
in ihr Haus zu fommen, ſchickte fie den Boten noch einmal 
an ihn ab und ließ ihn erfuchen, an dem und dem Tage, 
zu der und der Stunde ihr die Gunft zu ermeifen, in 
einer gewiffen wenig befuchten Kirche fich einzufinden. 


:”) Auf dem Wege von Neapel nad Rola, hinter dem Veſuv. 


\ 





6 ZXIv. Matteo Beahbdello. 


Mittlerweile überkam fie zwar auch die Beſorgniß, eb 
nicht die dereinſt glühende Liebe bes Ritters ſich im Haf 
verwandelt haben möge, und fie warf fich felbft bie Härte 
vor, Die fie gegen ihn geübt hatte. Indeffen fihien es 
ihe wieder unmöglih, daß fo viele Liebe ganz erkofchen 
fein könne; und je länger fie abgehalten wurbe, dem 
Ritter ihre Leidenſchaft zw entdedien, deſto mehr verzehrt: 
fie das überhandnehmende Feuer derfelben. Auf ik 
zweite Botfchaft hin entfchloß ſich der Ritter hinzugehen, 
. um zu fehen, was fie wünfche, da er fich nicht denken 
tonnte, was diefe raſche Ummanbelung bewirkt habe. 
Us die Zeit: kam, wo fie ſich in der Kirche einfinden 
folten, und die Frau die Gewißheit erhalten Hatte, ba$ 
der Ritter um die feftgefegte Zeit kommen werde, Heidet 
fie fich fehr reich, pugte und ſchmückte ſich fo reizend als 
möglih, erhöhte meifterlih ihre angeborene Schönheit 
durch die Kunft und verfügte fih nad) dem abgelegenen 
Tempel, wo furz zuvor mit einem kleinen Edelknaben, 
der ihm außen das Pferd hielt, dee Markgraf angelom- 
men. war. Als fie mit drei Frauen und zwei Diener 
eintrat, fah fie den Markgrafen allein umbergehen; fe 
trat ihm höflich entgegen, grüßte ihn und er fie. Nach⸗ 
dem fie auf dieſe Weife die gebührenden Höflichkeitt- 
bezeugungen ausgetauſcht, ſagte der Ritter: Gnäbige Fran, 
verzeiht mir gefälligft, daß ich neulich nicht in euer Haus 
gefommen bin; denn bie Geſchaͤfte, die ich eben vorhattt, 
haben es nicht erlaubt. Nun aber komme ich, zu hören, 
was euch gefällig ift, mir zu fagen. 

Nach einigen Häglihen Seufzeen, bie aus der Tiefe 
ihres Herzens aufftiegen, ihre fchönen Augen Mäglich auf 
das Geficht des Herrn Markgrafen heftend, begann fie 
fodann mit gebämpfter bebender Stimme alfo zu reden: 
Wenn ih, mein unvergleichlicher Herr, mich fo gegen 
dich benommen hätte, wie deine Tugend es ſtets verdient 
hat, fo könnte ich Ledlicher vor deinem erhabenen. und 
großartigen Anblid meine Bitten vorbringen. Wenn ih 


f 





83, Leonora Macebonig rl 


aber dent, bag meine Undankbarkeit und Härte gegen 
dich mehr als umenblich gemwefen und daß ich nie mic 
dazu hevgegeben habe, dir mit einem einzigen Blicke ger 
fällig zu fein, fo wagt die kalte Zunge nicht dir das zu 
fagen, was bir bittend vorzutragen ich hierher gefommen 
bin. Freilich wenn ich nur berüdfichtigen wollte, was 
ich verdiene,. wie hatte ich es je wagen follen, dir wieder 
vor die Augen zu kommen? Aber beine unvergleichliche 
Menfchenfreundlichkeit und deine hofliche Sitte, die an- 
dere fo fehr rühmen, machen mich nicht allein beherzt 
genug, dir meine Wünfche zu vertrauen und frei meine 
Plane zu eröffnen, fondern laffen mich auch hoffen, daß 
ich bei dir Erbarmen finden werde, geſchweige Verzeihung. *) 
Und was wäre anders zu erwarten, von einem fo edeln 
und hochherzigen Ritter, deffen Beruf es ift, allen. zu 
helfen. Ich, mein Herr, war ich bisher blind und gleich- 
giltig, fo habe ich jegt die Augen geöffnet und meine 
thörichte Hartnädigkeit eingefehen, ich bin nicht nur Be⸗ 
wundererin deiner unvergleichlichen Tugend und feltenen 
Gaben, fondern die Dienerin; darum kann ich ohne beine 
Hilfe, deine Gunft und deine Liebe nicht am Leben bleiben. 
Und glaube nicht, mein. Gebieter, daß ich alle diefe Au 
gaben, die du unnöthigerweife um meinetwillen gemacht, 
die Feſte, die Zeit, die du verloren, und fo vieles andere, 
was Du um meinetwillen vergebens gethan haft, vergeffen 
und andererfeitd meine Graufamkeit, meinen Undanf und 
meine Misachtung gegen dich nur fo von mir abgefchüt- 
telt habe; vielmehr ſchwebt das alles meinen geiftigen 
Augen noch fehr lebhaft vor und ift mir ein beftändig 
nagender Wurm am Herzen. Ja, es macht mir fo vid 
Pein, daß ich meit lieber fterben möchte. Darum befenne 
ih meine ſchwere Verirrung, flehe did, demüthig um Ver 
gebung an und bitte di, mich zu deiner demüthigen 
Magd annehmen zu wollen. Du follft mich in Zukunft 


*) Anfpiel auf Petrarca’s erftes Sonnett, wo ed heißt: Spero 
trovar pietä, non che perdono. 


308 XXIV. Matteo Bandello. 


gegen alt dein Begehren durchaus gehorfam finden ud 


ich befehle in deine Hände meins Seele und mein km. 
Und welches größere Glück Tann denn der Menſch finde, 
als feinen Feind um Gnade rufend zu feinen Füßen nude 
fallen zu fehen? Sieh du das jegt, mein Gebieter, dem 
dein gutes Geſchick will, daß ich Alles, mas ich je gegm 
dich verbrochen, nun durch doppelte Strafe abbüfe. Bam 
meine Leute, die bier in die Kirche mich begleitet hab, 
mid nicht fähen, fo würde ich mich zu Boden were 
und um Erbarmen fchreiend dir taufendmal die Fik 
füffen. Jetzt bin ich denn ganz die deine: made mi 
mir, was bir am Beſten gefällt! Wünſcheſt du, um 


deine früheren Bemühungen zu rächen, daß ic fir, 


fo gib mir mit diefem Schwerte, das du umgürtet ball, 
mit deiner Hand ben Zob! Denn in jedem Falle, wem 
ih deine Gunſt nicht erlange, darfſt du überzeugt fen, 
daß in kurzem mein Xeben zu Ende gehen wird. Ban 
aber ein Funke deiner fchlecht belohnten Liebe, die du 
fonft für mich hegteft, dir noch im Buſen glimmt, wenn 
du der hochherzige Fürſt bift, für den dich das gamı 
Reich ausgibt, fo geruhe mit mir Erbarmen zu hab. 
Und menn du vielleicht zu wiffen wünfcheft, wie di 
meine plögliche Ummanbdlung erfolgt und woher diefe meint 
glühende Liebe zu dir entftanden ift, fo will ich dir d 
fagen. Mein Gatte, der dich) mehr, als fich ſelbſt ft 
und dir fo tief verpflichtet ift, Hat mir diefer Tage an 
Predigt gehalten über deine rühmlichen Eigenfhaften un 
dich fo fehr gelobt, daß meine Augen, welche erblindet 
waren, ſich plöglic aufthaten und ich fo glühend für 
did) entbrannte und mic fo ganz dir bingegeben fühlt, 
daß ich gar nicht mehr meiner mächtig bin. Deshalb 
bin ich hierher gefommen, um bir mein Begehr zu der 
offenbaren, damit eins von beidem gefchehe, entweder daf 
ich als die deinige lebe, oder daß ich fterbe. In deinn 
Hand alfo ruht mein Xeben und mein Tod. j 
Nah diefen Worten brach ein Strom von Thränen 





83. Leonora Macedonia. 309 


aus ihren Augen und fie fchwieg, von Schluchzen unter- 
broken. So Lange bie Frau fprach, hatte der Marf- 
graf aufmerffam zugehört und unterdeffen die mannid)- 
faltigften Gedanken bei fich gehabt. Er fah fie reizender, 
ald jemals, und ber Schmerz erhöhte noch ihre Schönheit 
und. Anmuth; er fah fie bereit, allen feinen Befehlen zu 

gehorhen und fühlte den Stachel der Luſt in fich er- 
wachen, welche ihm azuflüfterte, er könne ja ihre au Ge: 
fallen die Freuden der Liebe mit ihr genießen und mit 
einer paffenden Antwort und Verabredung einer Zufam- 
menkunft fie für jegt getröftet entlaffen. Aber feine Ver⸗ 
nunft war ftärker als feine Sinnlichkeit. Sobald er daher 
ſah, daß fie, von Thränen gehemmt, nichts mehr fagte, 
antwortete er ihr auf folgende Weife: Nicht wenig, Frau 
Lionora, habe ich mich gewundert, daß bu zu einer Unter» 
redung mit mir fommft; und je mehr ich darüber nach⸗ 
denfe, um fo mehr muß ich mich wundern; ja, ich kann 
es kaum glauben, obſchon ich dich hier fehe, wenn ich 
mid der Zurüdhaltung erinnere, die du fo lange Jahre 
ber fireng gegen mich geübt. Was ich früher that, als 
ih heftig in dich verliebt war, braucht mir nicht ins 
Gedächtniß gerufen zu werden, denn ich fehe es beftändig 
wie in einem hellen Spiegel fehr Elar und ſchäme mic 
über mich felbft. Und ob ich damals um deinetwillen 
bald brannte, bald erftarrte, ob ich oft dem Tode nahe 
war, das wiſſen diefe meine beiden Augen, die in jener 
Zeit zwei Quellen ähnlich fahen; noch kann mird ganz 
Neapel bezeugen, das meine glühendften Wünfche und. 
meine eifigfte Furcht fo oft gefehen hat. Der Lohn für 
meine fo lange, peinvolle, beftändige und treue Dienft- 
barkeit war, wie du in Wahrheit gefagt haft, nichts; 
ih fehrieb das nicht einer bir inmohnenden Undankbarkeit, 
nihe der Härte und Graufamkeit zu, fondern hegte immer . 
die fefte Überzeugung, du habeft dich den Angriffen ber 
Kiebe widerfegt, um den Preis deiner unübertroffenen 
Sittfamkeit unbefledt zu erhalten. Nachdem ich ſonach 


310 xxiv. Matteo Bandello. 


- Har eingefehen hatte, baß meine Bemühungen vergeblih 
feien, habe ich Dich aufs Höchfte gelobt und fo oft man 
von bie fprach, wenn Viele deine Härte anklagten, habe 
ih immer dich mit aufrichtigen Lobpreifungen gefeiert, 
ale cine der keuſcheſten und fchambaftellen Frauen von 
der Welt. Daß du erft jüngſt durch die Robfprüde, 
welche dein Herr Gemahl mir ertheilt, dich Haft bewegen 
laffen, mich zu lieben, und in das Labyrinth eingetreten 
bift, in welchem verfchloffen ich das herbſte und Bitterfie 
Leben geführt Habe, feheint mir um fo auffallender, je 
mehr ich bein früheres Leben ins Auge fafſe. Aber 
wern du mich Tiebfl, wie «8 bie neue Freundfichaft ver 
langt, bie ich mit deinem Deren Gemahl geſchloſſen habe, 
fo ift es mir erwünſcht, ich danke die dafür und forber 
dich auf, dabei zu beharren; denn da ich ihn wie ein 
verehrten Bruder liebe, fo werde ich auch dich als wahre 
Schweſter lieben, und immer in allen Stüden, wede 
unfere Freundſchaft verlangt, zu deinen Dienften vol 
fländig bereit fein. Wenn du nun aber andere Gedanken 
im Herzen hegft und wünfcheft, daß ich in das alte Je 
zurückkehre, wenn bu ewig mir angehören und thun wilfl, 
‚was ich will, fo lege biefe finnliche und ungeorbnnete Be 
gier von bir und verharre auf deinem keuſchen Vorhaben, 
wie nach meiner Überzeugung bein ganzes bisheriges Leben 
geweſen if. Verhüte Gott, daß ich je daran denke, deinem 
Gemahl eine Beleidigung zugufügen, denn er liebt 
mich, wie du mir foeben ſelbſt gefagt Haft, wie ein Bruder. 
Sodann, wenn mih auch fonft feine Rückſicht leitete, f 
bindet mic; mein Wort gegen eine fehr edle und bir an 
Schönheit nicht nachflchende Frau, die mich wie ihre 
Augen, ja no mehr, liebt, und ich Tiebe fie, wie das 
Herz in meiner Duft, ich achte und: ehre fie, und wi 
leben beibe fortwährend von gleihen Wünſchen beſeelt. 
Darum magft du mich für die Zukunft ganz als beinm 
Bruder betrachten. | 
Hier ſchwieg der Markgraf. Da er aber ſah, daf 


83. Leonora Macedonia. 311 


die Frau ſich anſchickte, mit neuen und noch feurigeren 
Bitten, als zuvor, ihn wieder zu beſtürmen, ſagte ex, 
um biefen Gegenftand mit einem Male abzubrechen: 
Frau Lionora, ich empfehle. mich dir. Leb wohl! 
Damit ging er hinweg und ließ die Frau fo beſchaͤmt 
und verdrüßlich ſtehen, daß fie eine gute Weile ganz ber 
troffen dafland und nicht mußte, wo fie war. Als fie 
fih fodann fammelte und ganz niedergefchlagen nach Haufe 
kchrte, fiel fie bei dem Nachdenken über bie Worte bes 
Markgrafen und die Ginficht, daß er keineswegs geneigt 
ſei, ihren WBünfchen entgegenzufommen, in folhe Schwer- 
muth, daß fie vor Sram und Verdruß Trank murbe. 
Bekanntlich wird allgemein angenommen, baf den Frauen 
nichts Peinlicheres und Herzkränfenderes begegnen kann, 
ale fich verſchmaͤht zu fehen. Run ftellt euch vor, wie 
es der zu Muthe fein mußte, die von allen für die hoch⸗ 
mũthigſte, ftolzefte und trogigfie Frau in ganz Neapel 
gehalten wurde Sie legte ſich nun zu Bette und that: 
den ganzen Tag nichts, als meinen und feufjen. Giner 
feits fam es ihr freilich manchmal vor, als verdiene fie 
es viel fchlimmer, als fie e8 hatte, indem fie an bie Härte 
und Starrheit dachte, die fie früherhin gegen ben Ritter 
geisbt, und meinte, fie müffe das nun auch gebuldig hin⸗ 
nehmen; wenn fie fi) aber erinnerte, wie fie ihn demü⸗ 
thig gebeten unb ſich ihm aus freiem Stüden offen erklärt 
babe, geriet fie ganz außer ſich und wollte nicht mehr 
leben. Sodann fuchte fie wieder fich felbft zu täufchen 
und fagte bei fih: Warum will ich fo heftig verzweifeln 
über einer einfachen abfchläglichen Antwort? Er bat mir 
viele Jahre nachgefolgt, und obgleich ich ihn nicht an- 
hören, noch feine Briefe und Botſchaften annehmen mochte 
Fr ih mich tagtäglich miberfpenfliger zeigte, fe hat. er 
fich. dech durch nicht einfchüchtern, ned) von feinem Zwecke 
abfchrsdden laſſen und hat keineswegs ſterben wollen, ſon⸗ 
Lern füh vielmthr immer befkändiger erwieſen. Wer weiß, 
wenn Ih ein zweites Mal mit ihm rede und ij ein« 


312 XXIV. Mätteo Bandello. 


dringlichere Vorſtellungen ' made, ob er nicht . aufhört, 
mir zu wiberflehen und ber meine wird? Das Glid 
fiehet den Kühnen bei und verleugnet die Zaghaften. 
Wer da flieht, bat ben Muth zu fiegen nicht. Es iſt 
alſo vonnoͤthen, daß ich mein Heil bei ihm zum andern 
Male verfuche und ihm noch heifere Bitten ans Ha; 
lege. Ich bätte nimmermehr eine Unterrebung in bır 
Kirche von ihm Fordern follen. Ich mußte ihn jedenfall 
bewegen, in mein Haus zu kommen. Wären wir in 
meiner Kammer beifammen gemwefen und ich hätte ihm 
die Arme um den Hals gefchlungen, ich glaube nidt, 
daß er fo fpröde mit mir würde gethan haben. Er if 
ja auch nicht von Marmor ober Eifen , fondern wie bie 
andern von Fleifh und Bein. 

Auf diefe Weife phantafierte das arme Weib zwei 
oder drei Zage und war nicht im Stande, an etwas 
anderes zu denken, als wie fie die Liebe des Markgrafen 
fih erwerben könne. Bon einer unbeftimmten Hoffnung 
befeelt, fing fie wieder an, Nahrung ‚du fi) zu nehme 
und ein wenig friſchen Athem zu ſchöpfen. Ihre Leute 
im Hauſe, die mit ihr in der Kirche geweſen waren und 
fie mit dem Markgrafen hatten ſprechen ſehen, kannten 
den Dienft, den er dem Haufe erwiefen, und dachten 
weiter an nichts Boͤſes, da fie Fein Wort von Allem, 
was fie fprachen, verflanden hatten. Sie vermutheten 
nur, fie babe vielleicht durch ihn irgend eine Gnade vom 
Hofe nachgefucht., Da fie fie nun zu Bette liegen fahen, 
wollten fie ihre Arzte kommen laffen, fie gab es abe 
nicht zu und wollte auch nicht, daß man nah Somma 
fhide, um ihren Mann zu benachrichtigen.” Sie dachte 
nur an Mittel, den Dlarkgrafen zu fprechen, und da ihr 
feines einfiel, was ihr paſſend fchien, befchloß fie jenen 
feüheren Boten wieder an ihn zu fenden, damit er mit 
ihm fprehe. Sie ließ ihn daher rufen, erzählte ihm 
Alles, was ihr mit dem Markgrafen: begegnet war, und 
bat ihn infländig, zu ihm zu gehen und ihn in ihrem 


83. Leonora Macedonia. 313 


Namen zu erfuchen, fo dringend er könne, baß er nicht 
fo bart fei und zugebe, daß fie. um feinetwillen umfomme. 
Sie unterrichtete ihn genau über Alles, was fie wünfchte, 
daß aus feinem Munde komme, und wartete nun auf 
Die Antwort. Gut unterwiefen über Allee, was er zu 
fagen hatte, und belaben mit Verſprechungen, wenn er 
ihr gute Nachrichten zurücdbringe, ging ber Bote bin, 
den Markgrafen aufzufuchen. Er fand ihn mit einigen 
Eoelleuten im Seggio di Capoana auf- und abgehen, 
und da er ſah, daß ſich das Geſpraͤch nicht um wichtige 
Dinge drehte, trat er auf ihn zu, bezeugte ihm bie 
fchuldige Ehrfurcht und fagte: Wenn es euch nicht be- 
fchwerlih ft, möchte ich gern einige Worte im Stillen 
mit euch reden. 

Mit Genehmigung der Gefellfchaft zog fich der Mark⸗ 
graf in einen Winkel des Seggio zurück, ſchaute nad; 
der Bruſtwehr der Dauer gegen die Straße bin und 
wartete fo, was ihm der Bote fagen mollte. Der Bote 
eröffnete mun mit vielen Worten dem Markgrafen ben 
Zuftand, in weichem fi) Frau Lionora Macedonia befand, 
und bat ihn inftändig, mit ihr Erbarmen zu haben und 
nicht zuzugeben, daß eine fo ſchöne Frau in der Blüte 
ihrer. Jahre Hinfterbe. Darauf fagte er noch vielerlei, 
um ihn zum Mitleid zu rühren. Als der Markgraf biefe 
neue Botſchaft gehört hatte, antwortete er dem Abge- 
‚ fandten, es thue ihm zmar fehr leid, daß fich bie Fran 
übel befinde, und Alles, was er mit feiner Ehre vereinigen 
könne, fei er ſtets ſehr bereit auszuführen. Er ſolle aber 
die Frau auffordern, diesfalls ihre Begierde zu zügeln 
und nicht mehr an dies zu denken; denn er ſei entſchloſſen, 
ihre Liebe auf dieſe Weiſe gar nicht zu begehren, und er 
folle ihm nicht wieder mit ähnlichen Anträgen kommen. 
Der Bote entfernte fich ſehr übel befriedigt, Lehrte zu ber 
Frau zurüd und berichtete ihr den letzten Entfchluß des 
Herın Markgrafen. Bei diefer Meldung ward die Frau 
mebr tobt, als Iebendig. Sie vermochte nicht fich los⸗ 

Staliänifcher Novellenfchaß. II. 14 


\ 


N 


314 XXIV. Matteo Bandello. 


. zureißen von dem Berlangen, den Markgrafen zu lieben 


und von ihm geliebt zu werden; fie fonnte Tag und Nacht 
an fonft nichts denken und befchloß nicht mehr am Leben 
zu bleiben, denn es ſchien ihr leichter, den ſchrecklichen 
Schritt des Todes zu thun, als die Pein zu erdulden, 
die fie niederſchlug. Sie verlor daher Schlaf und Epluft 
und wurde mit jeder Stunde ſchwächer. Der Gatte war 
zurückgekehrt. Er mußte nicht, was das für eine Krant- 
heit war, ‘an welcher feine Frau litt, und ließ Die vor 
trefflichften Ärzte von Neapel kommen, um fie zu be: 
fuchen. Aber ihre Arzneien halfen nicht gegen Das Ubel 
der Frau. Ihr Herzensleiden war ſchon fo gemadhien, 
daß durchaus bie Kräfte des Leibes verloren und verirrt 
waren und fein Heilmittel anfchlagen konnte. Da fie fih 
nun nahe am Tode fah, ließ fie einen ehrwürdigen Priefter 
zu fi) kommen und beichtete ihm alle ihre Sünden. Als 
der geiftliche Vater den feltfomen Fall vernahm, errmahnte 
er fie, von biefem Wahne abzulaffen und zu bereuen, 
daß fie zur Selbſtmörderin geworden fe. Aber es hielt 
fhwer, ihre den Wahnfinn aus dem Kopfe zu treiben 
und fie zur Buße zu bewegen. Doc ſchenkte ihr Gott 
die Gnade mittels der frommen und heiligen Ermahnungen 
bes Bruders, daß fie erkannte, in welcher Gefahr jıe 
fchwebte, nicht allein das Leben zu verlieren, fondern 
auch die Seele in den Rachen Lurifers zu fenden. Sie 
kam daher in ſolche Zerknirſchung, daß fie mit unend- 
lichen und bittern Thränen eine nochmalige Beichte ab- 
legte, Gott gläubig um Verzeihung bat, und verlangte, 
dag ihr Gatte ihre ganze Angelegenheit erfahre. Gie 
ließ ihn daher rufen und erzählte in Gegenwart bes 
Mönchs die ganze Geſchichte der Kiebe des Markgrafen 
von Cotrone zu ihr und ihrer zu ihm, feine Standbaftig- 
keit und die befonnenen Antworten, bie fie von ihm er- 
halten, Punkt für Punkt, und bat ihn mit ſchwacher 
und heiferer Stimme demüthig um Verzeihung. Sodann 
empfing fie mit großer Andacht die heiligen Sacramente 


83, Leonora Macedonia. 315 


des Abendmahle und ber legten fung, lebte noch zwei 
Tage und farb dann reuevoll. Ihr Batte, welcher fie 
zärtlich liebte und zwei Söhnchen, eine® von zwei und 
eines von drei Jahren, von ihr hatte, entzog ihr barum, 
weil fie ein ſolches Gelüften gehabt, feine Liebe nicht, 
fondern beklagte fie fehr und zeigte über ihren Tod großen 
Schmerz. Ihre Beifegung war nach neapolitanifcher Weiſe 
prachtvoll und fhön. Die Nachricht von der Urfache diefes 
Todes ward bekannt, und der Markgraf war barüber fehr 
betrubt und fland im Zweifel, ob er zu Tomacello fenden 
und ihm fein Beileid bezeugen folle, oder nicht. . Zulegt 
ging er felbft Hin. Er warb gütig aufgenommen und . 
Tomacello erzählte ihm Alles. Auch hielt er ihn immer 
für einen großen und genauen Freund und ben waderften 
Pitter, den ed geben konnte Die Frau wurde in ber 
Kirche des heiligen Dominicas begraben und an ihrem 
Grabmal von einem Unbefannten folgendes Sonnett be- 
fefligt. 
Der du vorbeigehft an dem fhönen Grabe, 
Halt ein den Schritt und lies die Worte bier, 
Bo friedli ruht der Schönheit hoͤchſte Bier, 
Die Pein dem Jüngling wie dem Greis am Stabe. 
Lang ſchmachtete ein Ritter nad) der Zabe 
Bon ihrer Liebe, doch er ſah bei ihr 
Nie Hoffnung, und die glühende Begier 
Zand für den Dienft nur Schmerz ald Gegengabe. 
Berfhpmäht wandt' er den Sinn dann endlid bitter 
Bon ihr, doch fie, die kaum noch fpröd und hart, 
Erweichte fich für ihn zur felben Stunde.. 


Zu fpät! Unbeugfam war ihr nun der Ritter, 
Daß Tod ihr füß, das Leben läftig ward, 
So heftig war der Schmerz von jener Wunde. , 


— 


14* 


316 XXIV. Matteo Bandello. 


8. Eromwell. *) 


(2, 34.) 


Sn der edeln und alten Familie der Frescobalti y 
Florenz war vor nicht vielen Jahren ein ſehr rechtlihe 
- and achtbarer Kaufmann Namens Francesco, welche 
nad der Gitte feiner Waterftadt, nach verfchiedenen & 
genden hin handelte und, da er fehr reich war, beder 
tende Gefchäfte machte. Gemöhnlich hatte er feine Kr 
berlage im Welten, in England, und hielt ſich in Londe 
auf, wo er ein fehr glänzendes Xeben führte und mi 
Edelmuth blicken ließ; denn er mar nicht fo genau, di 
viele Kaufleute find, die alles bei Heller und Pfemi 
berechnen, wie ich von dem Genueſer Anfaldo Grimalı 
fagen höre, daß ex auf ben Heinften Papierfchnigel un 
jede Spanne Bindfaden zum Schnüren der Briefbüude 
Acht hat. , Eines Tages, ald Francesco Frescobalde i 
Florenz war, erfchien ein armer Jüngling vor ihm m 
bat in Gottes Namen ihn um ein Almofen. Als Fuir 
baldo ihn fo übel gekleidet fah, da doch fein Geficht wi 
Adel verrieth, empfand er um fo mehr Mitleid mit iim 
als er fah, daß er ein Engländer fei. Er fragte in 
aus welchem Rande in der Fremde er denn komme; wonuf 


—h — — — — — — — — —— — — ——— — 


jener zur Antwort gab, er ſei ein Engländer; und dd 


ihn Srescobaldo, dem England fehr genau bekannt wi, 
nach einigen Eigenthümlichfeiten des Landes fragte, 9 
ber Jüngling fehr befriedigende Antworten. 


Ih Heiße Thomas Crommwell**), fuhr er fort, und 


bin der Sohn eines armen Tuchfcheerers. Ich entfbh 
meinem Vater und kam mit dem Lager ber Branplt 


*) Simrod (Duellen des Shaßfpeare II, 121) theilt dieſe Korch 
mit aus Beranlaffung des dem Shakſpeare zugefchriebenen Drunk 
Grommwen, welches Tieck uns überfegt hat. Vier Schanfpiele de 
Shaffpeare. Stuttgart und Tübingen, 1831. 8. 

) Eremonello, jagt Banbdello. 





34. Cromwell. 317 


das am Garigliano aufgehoben warb; nach Italien. Ich 

diente mit noch einem Fußgänger als Lanzenträger. 
Srescobaldo führte ihn fehr freundfchaftlich in fein 

Haus und hielt ihn bier aus Liebe zu ber englifchen 


Nation, bei welcher er viel Gutes genoffen hatte, einige . 


Tage bei fich, behandelte ihn ſehr gütig, kleidete ihn neu 
und als er nad) feinem Vaterlande abreifen wollte, gab 
er ihm noch fechszehn florentinifhe Goldducaten in Gold 
und ein guted Pferd. Da der Jüngling ſich fo anftändig 
ausgeftattet fah, fagte er dem Frescobaldo allen möglichen 
Dank und kehrte nach, dem Infellande zurüd. Er hatte, 
wie e8 bei faft allen Uberbergifchen die löbliche Sitte ift, 
leſen und fchreiben gelernt und ſchrieb Engliſch fehr ſchön 
und richtig. Überdies war er ein Süngling von vielem 
Geifte, großer Klugheit und Entfchloffenheit und wußte 
ſich vortrefflih in den Willen Anderer zu finden und, 
wenn es feinem Zwecke diente, feine Leidenſchaften beffer 
zu verhehlen, als irgend ein Menfch auf Erden. Dazu 
ertrug er alle. leiblichen Befchwerben mit großer Geduld, 
ſodaß er fich zum Rathe des Cardinald von York*), eines 
Prälaten vom größten Einfluffe, emporſchwang und im 
Dienfte deffelben nach und nach in großen Ruf kam, 
daher er von ihm faft bei allen Unterhanblungen ge 
braucht wurde. Der Cardinal, ber Damals bei bem König 
von England im beften Anfehen ftand, regierte beinahe 
die ganze Infel und hielt einen fo großen und glänzenden 
Hof, daß er dem mächtigften Fürften genügt hätte. Daher 
geſchah es, dag der Cardinal Grommelln oft in Ange⸗ 
(egenheiten von der höchften Wichtigkeit zu dem König 
ſchickte, wobei Cromwell fich ftetd feiner. Aufträge fo ger 
fchieft entledigte und ſich das Vertrauen des Königs in 
fo hohem Grade zu erwerben mußte, daß er ihm bald 
fehr freundlich begegnete und ihn für gefchidt Hielt, Die 
wichtigften Gefchäfte zu leiten. Der König hatte dazumal 


) Wolfen. 


% 


318 XXIV. Matteo Bandello. 


mit Zuflimmung des Garbinals. feine Gemahlin Catha 
rina, Tochter König Ferdinand's des, katholifchen von 
Spanien, Mutterfchwefter Karl’ von Ofterreich, zeitigm 
römifchen Kaifers, verftoßen, in der Hoffnung, daß de 
Dapft den Scheidebrief beftätigen und auf die Gründe 
hin, wodurch der König ihre Verſtoßung zu rechtfertigen 


‚meinte, die Ehe auflöfen werbe. Aber der Papſt fant 


die Verſtoßung nicht gerechtfertigt und, verweigerte de 
Beftätigung; weshalb der Kardinal von York bei dm 
König in Ungnade fiel und den Hof meiden mußte. A: 
er vom Hof weg war, verminderte der Cardinal fen 
Dienerfchaft, behielt nur noch eine Feine Anzahl Leu 
bei fi und entließ ihrer täglich mehr aus feinen Dienften. 
Der König erinnerte fi) Cromwell's, der ihn fo fer 
befriedigt hatte, ließ ihn zu fich befcheiden und forad 
zu ihm: Cromwell, du fiehft, der Cardinal hat ſich zurüd: 
gezogen und bedarf fo vieler Leute nicht mehr, als ı 
halten mußte, da er noch am Ruder meines Staates ſaß 
Du bift alfo jegt müßig, da du nicht mehr für ihn w 
unterhandeln haft. Willſt du aber mir dienen? 

Mein Gebieter, antwortete er, ich habe dem Garbiml 
immer treulich gedient und das Gleiche würde ih ud 
thun, wenn ihr euch meiner zu bedienen geruhtet. 

Wohlan denn, fprach ber König, fo tritt im meine 
Dienft, denn ich habe ſtets viel Gutes von dir erwarte. 

Hierauf ernannte ihn der König zu feinem erſten 
Secretär und bediente fich feiner bei den wichtigften vor 
kommenden Gefchäften, bie er fo gut ausführte, daß der 
König ihn zum Großfiegelbemahrer erhob und wenige in 
bem SKönigreiche waren, die mehr bei dem König vr 
mocht bäften, ald Cromwell; denn nach der Meinun 
ded Könige war er mehr ald alle werth, die an dem 
Hofe waren. Aber dem blinden Glüde genügte es nid. 
den Grommell aus bem 'niedrigften Stande zu folder 
Größe erhoben zu haben, fondern es wollte ihn md 


mehr erhöhen und ber König ernannte ihn zum Dbr 

















"84, Cromwell. u ‘319 


kaͤmmerer bes Reiche, mas die hoͤchſte Würde in Eing- 
land ift, der keine andere nach der koͤniglichen fich ver- 
gleichen darf. Von nun an übergab ihm der. König die 
Regierung des Landes, ſodaß Crommell eine wirklich 
unglaubliche. Macht ‚erreichte. ALS er diefe Höhe erftiegen 
hatte, zeigte fi) Crommell als Todfeind des ganzen Adels 
der Infel, und wo er nur einem Edelmanne ˖ſchaden 
konnte, verfäumte er es nicht, und wenn bem Könige 
einer verhaßt war, fo fhürte er nur die Flamme. Zu 
jener Zeit entfchloß fich der, König, während feine Frau 
Catharina von Spanien noch lebte, um jeden Preis eine 
andere zu nehmen und da er den päpfilichen Difpens 
durchaus nicht erhalten Eonnte, difpenfirte er fich felber. . 
Daraus entftanden unendliche Unordnungen in jenem 
Königreich, welches ſich völlig von der heiligen katholi⸗ 
[hen "Mutterliche in Rom Tosrif. Unzählige Brüder 
und Mönde, welche fein Verlangen nicht bewilligen 
wollten, wurden enthauptet und. viele Edelleute und 
Barone ums Leben gebracht. Auch viele große Prä- 
laten von dem heiligften Wandel wurden hingerichtet, 
und ed verging nur felten ein Tag, daß. nicht diefer 
oder jener um einen Kopf gekürzt ward. Bald war faft 
der ganze Adel Englands erlofchen, denn die Vornehmen 
traf die Verfolgung viel graufamer, als die niebern Stände. 
Die allgemeine Meinung bezeichnete den Cromwell als den 
Urheber aller diefer Gräuel, meil er den Adel tödtlich 
haßte und ihn zu vernichten ftrebte, da er fich felbft eines 
niedern Urfprungs bewußt war. Es war aber meint Ab: 
fiht nicht, euch die Grauſamkeiten und das Blutbad zu 
ſchildern, die fich ohne gerechte Veranlaſſung in England 
begaben, fonbern ich begann diefe Novelle, um die Folgen 
zu berichten, welche die edle Handlung des Frescobaldo 
gegen Cromwell für jenen haben ſollte. In jener Zeit 
alfo, da Cromwell ald Herr und Meifter über die Infel 
fhaltete, gefchah es, daß Francesco Frescobaldo durch 
große Unglücksfälle und Verluſte an feinen Waaren, mie 


30 XXIV. Matteo Bandello. 


ſolchen Kaufleute ſtets ausgefegt find, eine völlige Zer⸗ 
ruttung feines Vermögens erfuhr; denn als ein reht- 
liher und edeldenkender Mann befriedigte er alle fein 
Gläubiger, konnte aber, was ihm andere verfchulbeten, 
nicht beitreiben. So herabgefommen und verarmt, ging 
er nun feine Bücher durch und fand nach genauer Be 
rechnung, daß er in England mehr als funfzehntaufend 
Ducaten zu fordern habe, weshalb er befchloß, dahin zu 
reifen, fo viel als möglich bavon einzuziehen und den 
Reſt feines Lebens in Ruhe zu verbringen. Mit diefem 
Gedanken reifte er von Italien nad Frankreich und von 
Frankreich nach England und vermweilte in London, ohne 
fich indeß nur mit einem Gedanken der edeln Handlung 
zu erinnern, bie er an Cromwell zu Florenz; übte; wit 
es eines wahrhaft milden Herzens würdig ift, bie Andern 
erwieſenen Wohlthäten zu vergeffen und die empfangenen 
in Marmor zu bauen, um fie zu vergelten, fo oft ſich 
Selegenheit dazu barbiete. ALS er nun in London feine 
Geſchaͤfte betrieb, ging er eines Tages durch eine Strafe, 
und ber Zufall fügte es, baf ber Oberfämmerer ebenfalls 
biefe Straße und zwar dem Frescobaldo entgegenkam. 
Sobald ihn der Oberkaͤmmerer erblidt und die Auge 
feft auf ihn geheftet hatte, erkannte er ihn für jenen, 
der in Florenz fo ebelmüthig an ihm gehandelt Hatte. 
Er flieg vom Pferde (denn er kam geritten), ging zur 
größten Verwunderung aller feiner Begleiter (über hun 
dert der vornehmften Großen des Königreichs waren zu 
Pferde in feinem Gefolge), auf ihn zu, umarmte ihn 
auf das Liebevollfte und fprach unter Thranen: Seid ih 
nicht Francesco Frescobaldo aus Florenz? 

Der bin ich, gnädiger Herr, antwortete jener, und 
euer unterwürfigfter Diener. 

Mein Diener, fagte der Dberfämmerer, feib ihr weder, 
noch begehre ich euch dazu, fondern zu meinem wertheſten 
Sreunde. Auch follt ihr wiffen, Daß ich gerechte Urſache 
habe, mich fehr über euch zu beklagen, denn da ihr wußte, 


_ 


84. Erommell. 321 


wer und wo ich fei, hättet ihr mich von eurer Ankunft 
in London benachrichtigen follen; dann würde ich gewiß 
einen Theil der Schuld abgetragen haben, wegen welcher 
‚ich euch verhaftet zu ſein gerne geftehen will. Doch Gott 
fei gelobt, daß es noch Zeit ift! Ihr follt taufenbmal 
willtommen fein. Ich bin jegt in Gefchäften meines 
Königs und kann nicht länger bei euch verweilen; darum 
haltet mich für entfehuldigt! Sucht es aber um jeden 
Preis möglich zu mahen, heute Mittag bei mir zu fpeifen, 
und bleibt nicht aus! 

Hiermit flieg der Oberkämmerer wieder zu Pferde 
und ritt an den koͤniglichen Hof. Frescobaldo erinnerte 
fih, da der Oberfämmerer fort war, baf dies der junge 
Engländer gewefen fei, welchen er in Florenz in fein 
Haus aufgenommen, und begann Hoffnung zu fchöpfen, 
denn er Dachte, die Wermittelung eines fo mächtigen 
Freundes werde es ihm erleichtern, fein Geld beizutreiben. 
Als nun die Mittagsftunde herankam, begab er. fi) in 
den Palaft des Oberkämmerers und hatte nicht lange im 
Hofraume gewartet, fo Fam derfelbe zurüd, flieg vom 
Herde, umarmte Frescobaldo von Neuem fehr freund- 
fhaftlih, wandte fi) dann -zu dem Admiral und dem 
übrigen Fürften und Herren, welche mit ihm zur Zafel 
gefommen waren, und fprach: Meine Herren, wundert 
euch nicht über die Sreundfchaftsbezeugungen, welche ich 
diefem florentinifchen Edelmann erweife, denn es find nur 
Abſchlagszahlungen für die unendlihen Verpflichtungen, 
die ich gegen ihn zu haben mir bewußt bin und gerne 
geftche, denn meinen gegenwärtigen Wang bekleide ich 
nur durch ihn. Vernehmt, wie filh das verhält. 

Hierauf erzählte er vor allen Anwefenden, indem er _ 
die Hand des florentinifhen Edelmanns in der feinen 
hielt, wie er nad Florenz gekommen fei und melde 
Liebeödienfte er Dort von ihm empfangen habe. Hierauf 
führte er ihn an feiner Hand in den Saal, und als fte 
dort angelommen waren, fegten fie ſich zu Tifche. Der 


332 AXIV. Matteo Bandello. 


Oberkaͤmmerer beftimmte, daß Frescobaldo den Pag an 
feiner Seite einnehmen folle, wo er ihn dann mit den 
zärtlichft n Lieblofungen überhäufte. Als die Tafel auf: 
gehoben wurde und die Gäfte fich beurlaubt hatten, 
wünfchte der Oberfämmerer zu wiſſen, warum Fresco— 
baldo wieder nach London gekommen fei. Frescobaldo 
erzählte ihm fofort fein ganzes Unglüd und wie ihm 
außer dm Haufe in Florenz und einem Landdut im der 
Nähe faft nichts geblieben fei, als bie funfzehntaufend 
Ducaten, bie er in England zu fordern habe, und etwa 
zweitaufenb in Spanien, und um biefe Summe beizu- 
treiben, babe er ſich nach der Inſel begeben. 

Wohlan denn, fagte ber Oberfämmerer, für bie ge 
fhehenen Dinge gibt es kein Mittel, und ich kann nur 
euer Unglüd beklagen, ‚wie ich von ganzem Herzen thue. 
Für das Ubrige fol Befehl ergehen, daß euch Alles er- 
flattet wird, was ihr zu fordern Habe, und ich werde 
fein Mittel fehonen, das in meiner Gewalt fteht, denn 
ich verfichere euch, die Wohlthaten, die ihre mir erwiefen 
habt, ohne mich weiter zu kennen, haben mich euch fo 
verpflichtet, daß ich ewig ber eurige fein werde, unb ihr 
über mich und mein Vermögen, wie ich felbft, zu ver- 
fügen habt; und wenn ihr das nicht, thut, fo ift e8 euer 
Schade, denn ich werde euch eine weiteren Anerbiefungen 
machen, da ich es für überflüffig halte. Es ift genug, 
daß ich es euch jegt ein für alle Mal fage. Doch ftehen 
wir auf und gehen wir in mein Gemach! ' 

Hier verfchloß der Oberkänmerer die Thüre, öffnete 
einen großen mit Ducaten gefüllten Schrein, nahm ſechs⸗ 
zehn Stück heraus und gab fie dem Frescobaldo. 

Hier, mein Freund, fuhr er fort, find die ſechszehn 
Ducaten, die ihr mir gabt, als ich Florenz verließ; hier 
die andern zehn, die euch das Pferd Eoftete, das ihr mir 
fauftet, und bier noch zehn, die ihr auf meine Kleidung 
verwandte. Da ihr aber ein Kaufmann feid, fo feheint 
es mir unbillig, wenn euer Geld in fo langer Zeit todt 





84. Eromwell. 323 


gelegen haben follte, ohne Gewinn zu bringen, wie ihr 
ed gewohnt feid. Nehmt alfo diefe vier Beutel mit Du- 
taten, wovon jeber viertaufend Ducaten enthält. Betrachtet 
fie als Erfag der eurigen und genießt fie mir zu Liebe. 

Srescobaldo, der zwar von unermeflichen Neichthü- 
mern in große Armuth: herabgefunten war, aber doch 
feine edle Dentungsart nicht verleugnen konnte, wollte 
das Geſchenk nicht annehmen, auferte jedoch den lebhaf- 
teften Dank für ein fo großmüthiges Anerbieten. Indeß 
nöthigten ihn bie dringenden Zureden des Oberfämmerers 
Dazu und er mußte ihm auch eine Xifte aller feiner Schuld- 
forderungen geben, was Frescobaldo herzlich gerne that. 
Er fchrieb ihm die Namen der Schuldner und die Summen 
feines Guthabens auf. Als er diefen Zettel hatte, rief 
Erommell einen feiner Hausbeamten und fprach zu ihm: 
Suche die Leute auf, deren Namen auf diefer Kifte ftehen, 
wo fich diefelben auch auf diefer Infel befinden mögen, 
und gib ihnen zu erkennen, wenn fie binnen vierzehn 
Zagen ihre Schuld nicht abgetragen haben, fo werde ich 
fetbft zu ihrem Schaden und Leide meine Hand ind Spiel 
mifhen. Sie follen fich alfo vorftellen, ich felbft ſei der 
Stäubiger. 

Dee Diener richtete den Befehl feines Herrn mit 
vieler Sorgfalt aus, fodaß in der anberaumten Frift an 
funfzehntaufend Ducaten eingingen. Und wenn redco- 
baldo bie in einer fo langen Zeit aufgelaufenen Zinfe 
begehrt hätte, fo würde er fie alle bis auf den legten 
Heller erhalten haben; aber er begnügte fi mit dem 
Kopfgeld und verlangte keinerlei Zinfe, was ihm bei aller 
Melt Ehre erwarb, fonderlich da ſchon jedermann auf 
der ganzen Infel wußte, welde Gunft er bei dem Ober 
fämmerer genoß. Unterdeſſen war Frescobaldo ber be- 
ſtaͤndige Tifchgenoffe Cromwell's, der fich von.Zag zu Zag 
beftrebte, ihm alle mögliche Ehre zu erweiſen. Und weil 
er großes Behagen. an feinem Umgange fand und deshalb 
wünfchte, daß er immer in London bleiben möge, erbot 


334 XXIV. Matteo Bandello. 


er fi, ihm fechszigtaufend Ducaten auf vier Jahre zu 
leihen, ohne einen Heller Nugen zu verlangen, Damit er 
in London ein Haus und Gefchäft anlegen und Handel 


- treiben könne, wozu er noch das Verſprechen fügte, feine 


Unternehmungen in jeder Weife zu begünfligen. Fresco⸗ 
baldo, welcher fih in feine Heimat zurüdzuziehen und 
den Reſt feiner Tage in Ruhe zu verbringen und ſich 
zu pflegen wünfchte, dankte ihm mit. gerührtem Herzen 
für fo außerordentliche Sroßmuth und kehrte mit Erlaubnif 
des Oberfämmerers, nachdem er fein Geld in Wechfel auf 
Florenz umgefegt hatte, in fein erfehntes Vaterland zurück, 
wo er reich genug anlangte und ſich einem höchſt forgen- 
ofen Leben ergab. Jedoch genoß er nicht lange biefer 
Ruhe, indem er noch im nämlichen Jahre, in welchem er 
London verlaffen Hatte, in Florenz ſtarb. Was fagen 
wir von ber Dankbarkeit und Freigebigkeit Cromwell's? 
Gewiß verdient fein Betragen gegen Frescobaldo das 
höchfte Lob, und wenn er den Adel feines Landes fo 
fehr geliebt hätte, als er fich gegen die Ausländer mild 
erwies, fo würde er vielleicht noch leben; aber er haßte 
ben englifchen Abel fo fehr, daß er fich zulegt felber den 
Tod bereitete. Weil mir nun nichts anderes zu. berichten 
bleibt, fo berichte ich von feinem Tode. Als er einige 
Jahre die Gnade des Königs befeffen und deffen Gunft 
ihn verblenbet Hatte, zeigte er fich Bereitwillig, bald Diefen, 
bald jenen enthaupten zu laffen; und je vornehmer und 
mächtiger einer war, deſto lieber übte er feine Gewalt 
über ihn aus, ohne Unterfchieb zwiſchen Weltlichen umd 
Geiſtlichen. Eines Tages, ald er den Biſchof von 
Bindefter, ich weiß nicht weshalb, binrichten Taffen 
wollte, fagte er bemfelben in dem geheimen Rathe des 
Königs, diefer laſſe ihm befehlen, fich als Gefangener 
in den Thurm zu verfügen, einen Dre, ben nach der 
gemeinen Anſicht der Engländer nie einer betrat, ohne 
den Kopf zu verlieren. Uber diefen Befehl beſtürzt, ant- 
wortete ihm der Bifchof, er wiffe nicht, aus welchem 








Stalianif: cher Novellenſchatz. 


—— — — — 


Vierter Theil. 


326 84. Cromwell. 


vor ber Thüre des Raths aufftellen. Als die Sigung 
zu Ende war, trat der Oberkämmerer heraus; foglad 
ergriff ihn die Leibwache und erklärte ihn für des Königs 
Gefangenen. Hierauf wurde er nach dem Thurm gefüht 
und wohl bewacht. Man machte ihm den Proceß un 
ſchon wenige Tage darauf wurde er eines Morgens nad 
dem Befehle des Königs auf dem Pag des Kaſtell 
enthauptet. Hätte er das Rad des Glüds zu hemmen 
verftanden, das heißt, Hätte er mehr Edelfinn und meniger 
Blutdurſt bewiefen, fo würde er vielleicht ein befferes und 
ehrenvolleres Ende genommen haben. 


Drud von F. A. Brockhaus in Leipzig. 


Italiäniſ cher Novellenichag. 


— — — — — 


Vierter Theil. 


- Staliänischer Nopellenſchatz. 
| Ausgewählt und uͤberſetzt 


Adelbert Keller. 


— — — 


Vierter Theil. 


Leipzig: 
F. A. Brockhaus. 


1851. 


85. Die Iwillingsgefchwifter. 3 


Tonnten nur mit dem Gedanken fich tröften, wie Miele 
durch die Schänbung. bes Heiligen einem böfen Ende 
entgegengegangen find. Iſt nicht bekannt, wie der große 
Dompejus, diefer ausgezeichnete Mann, nachdem er in 
Serufalem den heiligen Tempel. Gottes gefhändet hatte, 
immer weiter von feiner gewohnten Größe herabfant und 
fein Unternehmen mehr ausführen konnte, dad den frü⸗ 
heren Eönnte verglichen werden, um deren willen er fo 
viele Triumphe verdient hattet Doc. wohin laſſe ih 
mich verleiten? Ihr feld noch nicht dort gewefen und 
ih bin nicht Hierhergelommen, um ben Fall Roms zu 
beweinen,, fondern da ich euch verfprochen babe, eine 
Novelle zu erzählen, fage ich denn, als Nom von ben 
Kaiferlihen erobert und geplündert wurde, gerieth unter 
andern auch ein Dann aus Efi in der Mark*), ein 
Landsmann von mir, Namens Ambrogio Nanni, ein 
ebenfo begüterter als rechtlicher Kaufherr in die Gewalt 
ber Feinde. Diefer befaß von feiner verftorbenen Gattin 
zwei Zmwillingskinder, einen Knaben und ein Mädchen, 
welche in Rom geboren waren. Beide waren von un« 
glaublicher Schönheit und fahen fih fo ähnlih, daß es 
ſchwer Hielt, fie zu unterfcheiden, wenn fie beide in 
männliche und weibliche Tracht gekleidet wurden; ja, ber 
Bater felbft, melcher ſich zuweilen das Vergnügen machte, 
fie bald fo, bald anders Fleiden zu laffen, vermwechfelte 
fie alsdann mit einander; als Zwillinge waren fie auch 
von gleicher Große. Ambrogio hatte fie in Leſen und 
Schreiben, Mufit und Gefang unterweifen und überhaupt 
ihnen eine ihrem Alter angemeffene Erziehung geben laſſen. 
Zur Zeit der N lünderung Roms waren fie funfzehn Jahre 
alt, ober wenig drüber. Der Sinabe, welcher Paolo hieß, 
war von eine Deutfchen gefangen worden, der feiner 
Tapferkeit wegen bei feiner Nation in großem Anfehen 
ftand. Er befaß noch andere Gefangene von bebeutendem 


*) Wol Jefi in der Mark Ancona, am Efino. 
u 1* 


IXIV. Mutteo Bandello. 


1534. 





85. Die Zmilingsgefgwifter. 


(2, 36.) 


Sch fann nicht umhin zu erklären, daß es eine 
bemundernswürdige Handlung war, daß Ludwig ale edler 
und reicher Mann bei andern in Dienfte ging. Da man 
aber fagt, daß er verliebt war, hört die Verwunderung 
auf; denn diefe Leidenfchaft der Liebe übt eine allzu große 
Gewalt und wirft noch viel wunderbarere und unglaublichere 
Dinge, als dies. Glaubt nur, daß aus feinem andern 
Grunde das fabelreiche Griechenland die verliebten Götter 
habe fo viele tadelnswerthe Thorheiten begehen laffen, 
ald wir von ihnen lefen, ald um uns zu erkennen zu 
jeben, daß, wenn ber Menfch fich von ber Liebe unter- 
ochen und bie Liebesleidenfchaft ins Herz eindringen und 
yarin Wurzel faffen läßt, er fagen kann, er habe feine 
Sreiheit werfcherzt und verloren und es fei Fein Wunder, 
venn er nun taufend Fehltritte macht. Wenn ihr nun 
neint, Ludwig habe etwas Außerordentliches gethan, er, 
ver ein Menfch war und nicht fürchten mußte, von jemand 
iber das, mas er that, fei es gut oder fchlecht, getabelt 
u werden, was meint ihr, wenn ihr erfahrt, baß ein 
leines Mädchen daſſelbe gethan hat und als Edelknabe 
erkleidet unerkannt bei feinem Geliebten in Dienfte ge 
sangen ift? In der That bin ich der Meinung, bie 
Jandlung diefer Jungfrau wird euch noch wunderbarer 
orkommen, als bie Ludwig’. Und um euch nicht Länger 

Italiänifcher Novellenſchatz. IV. l 


2 IXIV. Matteo Bandello. 


hinzuhalten, fo fage ih euch, daß in dieſer angenehun 
und geehrten Gefellfchaft niemand ift, der fich nidt nl 
fländig erinnern wird, daß die Deutfchen und bie Em 
nier im Sabre des Heild ein Zaufend fünfhundet m 
fiebenundzwanzig die Stadt Rom fe fehnöde geplundet 
Haben; *) wiewol die Sünden diefer Stadt gezüctigt jı 
werden verdienten, fo thaten dennoch die, welche fie be 
lagerten, ba es Chriften waren, nicht wohl; freilid Ir 
merke ich, daß es großentheild Lutheraner, Heiden un 
Juden waren. Sei dem aber, wie ihm wolle, fie 
teugen ſich viel fchlimmer, ald Türken, und erlaubten it 
fo gräuliche fhändlihe Dinge wider Gott und die Si 
ligen, daß man es nicht ohne den heftigften Uniln 
erwähnen fann. Dennoch aber ließ die Rache von om 
nicht lange auf fih warten; denn von fünfundzwang 
bis fechsundzwanzigtaufend Lanzenfnechten, welche feld 
Berruchtheiten in biefer Stadt verübten, hatte & 
ich glaube es gingen nicht vier Jahre vorüber, höhe 
noch zwei» bis dreitaufend Mann gefunden. Und ir 
Herzog von Bourbon, ein Prinz des franzöfiſchen Kin 
hauſes, welcher, nachdem König Franz der erſte m 
Frankreich ihn zum erſten Mann erhoben, ſich gem 
feinen König empört und beim Kaifer Karl von Ofkerrid 
Dienfte genommen hatte, war der erfte, der die Stil 
der Sünde erduldete, die er begehen ließ: er war Genm* 
capitän bes Baiferlichen Heeres, aber ehe er noch bie Zreuk 
hatte, Rom eingenommen zu fehen, wurde er durch em 
Büchfenfchuß elendiglich getödte. Und wiewol ber gef! 
Theil der Belagerer und Plünderer geweihter wie ung 
weihter Dinge, der Nothzüchtiger der heiligen der Mari 
gewidmeten Jungfrauen, wie gefagt, Feinde bes il 
lichen Glaubens waren, waren doch die Behörden mil 
im Stande fo viel Tempelraub, Blutfchande, Hurt 
Mord und anderer Verruchtheit Einhalt zu tun, un 


*) Ausführlid darüber Giraldi Ginthio in der Ginleitung zu du 
Hecatommitbi. . 





85. Die Bwillingsgefchiwifter. 7 


meinen und hatte keinen andern Gedanken, als ihren 
Lattanzio, der ihr immer im Herzen lag. An ibn dachte 
fie Tag und Naht und es fchien ihr taufend Jahre zu 
währen, bis ihr Vater zurückkäme, damit fie nach Efi 
zurückkehren und den wieber fehen könne, der ihr lieber 
war, ale das Licht ihrer Augen. Überdies war ihre Oheim, 
in deffen Haufe fie zu Fabriano lebte, ein ftrenger, rauber 
Mann, ber es nicht für fchiclich hielt, wenn beirathe- 
fühige Maͤdchen die Freiheit haben, mit andern, als be- 
kannten Perfonen zu fprechen, ihnen auch nicht geftattete, 
ſich bald hier bald dort zu fehaffen zu machen, fondern 
fie bei ihren weiblichen Arbeiten hielt, ſodaß Nicuola Leine 
Gelegenheit fand, ihrem Lattanzig zu fchreiben. Ihre 
Muhmen leifteten ihr beftänbig Geſellſchaft und tröfteten 
fie, fo gut fie tonnten, in ber Meinung, ihre Betrübnif 
gelte der Abweſenheit ihres Vaters. Im diefer traurigen 
Lage brachte die troftlofe Nicuola etwa. fteben Monate zu, 
bis der Bater, der fo lange in Rom hatte vermeiten 
müffen, über Fabriano kam, um die Tochter abzuholen 
und nach Efi zurücdzubringen. Nicuola war es zu Muthe, 
als follte fie aus der Hölle in den Himmel übergehen, 
und begleitete den Vater in fo fröhlider Stimmung, 
wie ihr euch wol vorftellen könnt. Aber alle ihre Freude 
verwandelte fich bei ihrer Ankunft in Efi in den bitterften 
Schmerz und fo heftige Eiferfucht, daß fie vor Herzeleid 
faft zu vergehen meinte, denn fie fand ihren Geliebten 
in ſchlimmerer Verpfändung, als bei den Juden, und 
was das Schlimmfte war, er fehien fich ihrer fo wenig 
zu erinnern, ald ob er fie niemals gefehen hätte. Ich 
möchte jegt die fehönen Kinderchen hier haben, welche fo 
Ieicht den Borfchaften folcher jungen Männer Glauben 
fchenten, die dem Efel des Töpfer gleichen, der an jede 
Thüre mit feinem Kopfe ftößt. Ich würde ihnen zeigen 
(verzeiht mir, ihr Jünglinge unter uns!), daß von hundert 
neunundneungig betrogen werden. Mit der leidenfchaft«- 
lichen Nicuola. mar ed fo weit, daß fie Lattanzio Briefe 


4 xXIV. Matteo Bandello. 


Range, welche ihm ein beträchtliches Löſegeld einfrugen. 
Überdies hatte er Gold, Silber und manchen Zöftlichen 
Goelftein von hohem Werth und viele reiche Kleider er- 
beutet, womit er Nom verließ und ſich nad) Neapel begab, 
wohin er Paolo mit ſich führte, den er wie feinen leib- 
lichen Sohn behandelte. Zu Neapel war ber Deutide 
darauf bedacht, die Kleider und ben größten Theil de 
erbeuteten Silberzeuges zu verkaufen und in Geld um 
fegen, und vertraute bie Schlüffel zu Allem feinem jungen 
Gefangenen. Die Tochter, Namens Nicuola, gerieth in 
die Hände zweier fpanifchen Soldaten und Hatte das 
Stül, eine fhonende Behandlung zu finden, ba fie ſich 
als die Zochter eines reichen Mannes darfiellte, von 
welchem die beiden Gefährten ein reiches Löſegeld erwar- 
teten. Durch die Gunft einiger neapolitanifchen Freunde, 
welche in dem ſpaniſchen Heere dienten, gelang es dem 
Ambrogio der Gefangenfchaft zu entgehen, und er fand 
die Mittel, fein Geld und Silberzeug zu retten, welche 
er in einem Stalle vergraben hatte; alles Ubrige aber, 
was in feinem Haufe gewefen, war geraubt. Als e 
fi darauf nad) feinen Kindern umfah, fand er Nicuola 
und kaufte fie für fünfhundert Goldducaten frei; vom 
Paolo jedoch Fonnte er, aller Mühe, die er ſich gab, 
ungeachtet, feine Spur auftreiben, worüber er fi un 
endlich betrübte, denn ber Verluſt diefed Paolo verur 
fachte ihm ungleich größern Kummer, als Alles, was er 
fonft eingebüßt hatte, fo groß ber Schaden auch fein 
mochte. As er Alles, was in feinen Kräften ftand, 
aufgeboten hatte, um den Sohn wiederzufinden, umd et 
von Feiner Seite eine Nachricht oder Botſchaft von ihm 
einlaufen fah, fürchtete er fehr, ber Süngling Eönnte er 
mordet fein, und mochte nicht länger in Rom _ bleiben. 
Er kehrte alfo ſehr traurig und verſtimmt nad Eſi zurüd, 
wo er fein Haus in Ordnung brachte und fi, der Kauf 
mannfchaft völlig begab, da er mit jenem Befig und 
feinem Gelde bequem lebte;, darum bemühte er ſich, fein 


85. Die Bwillingsgefchwifter. 5 


Rechnungen mit Allen abzufchließgen, fo gut er konnte. 
In unferer Stadt lebte damals ein reicher Bürger, Na- 
mens Gherardo Lanzetti, ein vertrauter Freund Ambrogio’s. 
Seine Frau mar ihm geftorben und da er Nicuola’8 Reize 
fah, ward er fo heftig für fie entflammt, daß er in kurzem 
ohne Rückſicht darauf, daß fie fehr jung wär, er aber 
ſechszig näher fland als funfzig, bei ihrem Water um fie 
anbielt, indem er fich bereit erklärte, fie ohne Heirathgut 
heimzuführen. Seht, ihre Herren, was dieſe verwünfchte 
Liebe anftelle, wenn fie in der Bruſt folcher thörichten 
Alten einkehrt. Sie blendet und verkleibt ihre Augen 
dermaßen, daß fie die unfäglichften Verirrungen von ber 
Welt begehen, wie man bas täglich fehen fann. Und 
in der That, faft alle Alten, welche junge Mäbchen zu 
Srauen nehmen, ergreifen nur Befig von der Burg Horn- 
berg. Ambrogio hielt es nicht für rathfam, Nicyola einem 
alten Manne zu vermählen; indeffen fagte er weder ja 
nocd nein dazu, weil er immer hoffte, Paolo wiederzu⸗ 
finden, und nicht gefonnen war, Nicuola zu vermählen, 
ehe er von jenem Nachricht erhalten. Der Ruf von 
Nicuola's Schönheit hatte fi durch ganz Eſi verbreitet 
und ihre Reize waren daſelbſt der einzige Gegenftand der 
Unterhaltung. Wenn fie fih außer dem Haufe zeigte, 
beutete Alles mit den Fingern nach ihr, und viele gingen 
ın ihren Fenftern vorüber, um fie zu fehen. So gefchah 
:8 um biefe Zeit, daß Lattanzio Puceini*), ein Süngling 
‚on kaum einundzwanzig Jahren, der durch den Tod 
einer Eltern Herr eines großen Dermögend geworden 
var, Nicuola erblidte, und fie ihn, ſodaß beide in gleichen 
flammen für einander erglühten. Lattanzio hatte keinen 
ndern Gedanken mehr, als fie täglich zu fehen und ihr 
urch die Sprache der Augen zu zeigen, in welcher Leiden- 
Haft er ſich um ihretwillen verzehre. Nicuola zeigte ihm, 
» oft fie ihn erblickte, ein freundliches Antlig, was der 


Eimrod: Yulkini. 


6 XIV. Matteo Banbello. 


Simgling bald inne warb und ſich, vollkommen überzeugt, 
von ihr geliebt zu werben, für den glüdlichften Liebhaber 
hielt, den es je gegeben. Bon der andern Seite gefil 
Nicuolen Lattanzio durch Geſtalt und Betragen vor alla, 
die fie je gefeben hatte, und bald geriethen die Gluten 
deu Liebe in ihrem jungen zarten Herzen zu folcher Se 
walt, daß fie ohne feinen Anbli nicht mehr leben zu 
* tönnen glaubte. Und wie zwei liebende Herzen ſich felten 
begegnen, ohne ihre Wünfche befriedigen zu Fönnen, ſo 
fand auch Lattanzio Mittel, ihr zu fchreiben und Ant- 
wort von ihr zu erhalten. Schon hatten fie eine Zu⸗ 
fammentunft verabredet, als Ambrogio gewiffer Handel 
abrehnungen wegen genöthigt mar, nach Rom zurüdzu 
kehren und eine geraume Zeit außen zu bleiben. Um 
aber Nicuola nicht ohne anftändige Gefellfchaft allein 
laffen zu müſſen, ſchickte er fie nach Fabriano*) in das 
Haus eines Schwagers, welcher Frau und Töchter hatte. 
Nicuola's Abreife gefchah fo plöglih, daß fie ihren Ge 
liebten nicht davon benachrichtigen konnte. Ambrogio 
reifte ab, nach Rom zu. Als Lattanzio die Abreife dei 
Ambrogio erfuhr, zmweifelte er nicht, daß er feine Zocker 
mitgenommen habe; er gab ſich viele Mühe, um fid 
von der Sache zu überzeugen, da er aber nicht auf den 
Grund Zommen konnte, verzweifelte er und verhartte 
lange Zeit in großer Betrübniß. Doc als ein vornehmer 


und vergnügungsfüchtiger Süngling sröftete ex füch zulezt, 


und als er eines Tages die Tochter des Gherardo Lan 


zetti, eine gar ſchöne und anmuthige Dirne, erblidt, 


loͤſchte ihr Anblick das Bild der erſten Geliebten fo gay; 
aus feiner Seele, daß er fie völlig vergaß. Nicuola 
dagegen brachte ihre Tage im größten Unmuth über ihre 
fhleunige Abreife aus Eſi hin, durch welche fie verhin- 
bert worden, dem Geliebten in Briefen oder Botfchaften 
Lebemohl zu fagef Sie that nichts als feufzen und 


°) An der Mark Ancona, weiter im Gebirg als Jeſi. 





85. Die Swillingsgefchwifter. 9 


mit der bald mit jener und zuletzt mit allen näher be- 
fannt wurde, fand fie alle verliebt und hoͤchſt wollüſtig. 
Es ſcheint mir eine große Thorheit von einem Vater, 
eine Tochter in ſolche Klöſter zu thun, die cher öffentliche 
Unzuchtöhäufer heißen follten. Aber unfere Stadt hat in 
Zolge eines öffentlichen Argerniffes, das bald darauf ſich 
ereignete, mit Erlaubniß des Papftes alle Nonnen aus 
dem Kloſter vertrieben und daſſelbe reformirt, fodaß fie 
jegt ein frommes Leben daſelbſt führen. Auch Zattanzio 
war bekannt in diefem Klofter, wo er oft feine Demben 
und fonftige Leinwand nähen ließ; fo wurde denn eines 
Tages Schweſter Camilla zu Lattanzio berufen. Als 
Nicuola dies hörte, rann ihr ein heißes Feuer durch alle 
Glieder, das ſich augenblidlid, wieder in den allereifigften 
Froſt verwandelte. Wer jegt auf fie Acht gegeben hätte, 
mußte bemerken, wie taufend Farben auf ihrem Gefichte 
wechfelten, fo betroffen warb fie bei dem Namen Lattan- 
zio's. Darauf verftedte fie fi) an einem Orte, wo fie, 
ohne von Lattanzio bemerkt zu werden, den Geliebten 
fehen und hören konnte. Bald darauf, da Lattanzio 
wiederfam, und fie an der gewohnten Stelle ihre Augen 
an feinem Anblid und die Ohren an feinen Reden wei⸗ 
dete, beklagte er ſich bitterlich über den Tod eines Edel⸗ 
fnaben aus Perugia, der ihm dieſer Tage an einem 
langwierigen Fieber in ſeinem Hauſe geſtorben ſei, nach⸗ 
dem er ihm drei Jahre lang die treueſten und ſorgfaͤltigſten 
Dienſte geleiſtet habe. Ex zeigte ſich ſehr betruͤbt über 
dieſen Verluſt und äußerte, er würde ſich glücklich fchägen, 
wenn er je wieder einen fo treuen Diener fäände. Als 
er fort war, fiel e8 Nicuola ein (feht, wie bie Liebe 
mie ihr umgegangen war!), fi als Knabe zu Bleiben 
und bei ihrem Geliebten Dienfte zu nehmen. Da fie 
aber kein Mittel wußte, ſich männliche Kleider zu ver- 
ſchaffen, fiel fie von neuem in Unmuth. Sie hatte eine 





Amme, deren Milch fie einft getrunken hatte und welcher. 


ihre Reidenfchaft bekannt war. Auch Fam fie täglich in 
1** 


v 


8 j XXIV. Matteo Bandello. 


und Borfchaften fenden konnte, fo viel fie wollte, um 
die alte Xiebe wieder anzufrifchen und ihn daran zu erin- 
nern, was zmifchen ihnen vorgefallen war, es war doch 
Alles vergebens und dee äußerſte Kummer bemeifterte ſich 
dee Atmen. Weil aber der Wurm der Liebe unabläffig 
an ihrem Herzen nagte, fo befchloß fie, nicht eher zu 
ruhen, bis fie die Gunſt ihres Geliebten miedererlangt 
habe, oder zu fterben; denn es fchien ihr unerträglid, 
daß er eine andere als fie lieben follte. Während diefer 
inneren Leiden ber Xochter mußte der Vater abermals 
nad Nom zurückkehren. Da aber Nicuola nicht zu be 
wegen war, wieder in das Haus ihres Oheims nad 
Fabriano zu gehen, brachte fie der Vater mit einer ihrer 
Muhmen, Schweſter Camilla Bizza, in ein Klofte. 
Diefes Klofter hatte fonft in dem Rufe großer Heiligkeit 
geftanden, Nicuola aber bemerkte bald, daß die Nonnen 
ftatt von dem Leben ber heiligen Väter, ihrer Enthalt- 
ſamkeit und andern gottgefälligen Werfen, den ganen 
Tag voll Küfternheit von Liebesgefchichten ſprachen, und 
ſich nicht entblödeten, einander zu fagen: Auf den md 
den habe ich mein Auge! 

Der und der ift heute Nacht bei der und der ge 
legen. 

Das nahm fie fehr Wunder und erbaute fie fchlect. 
Auch trugen fie, wie fie bemerkte, ftatt der härenen Kutte 
Hemden von der allerfeinften norbländifchen Leinwand 
auf den üppigen Gliedern und Kleider von den koſtbar⸗ 
fien Zeugen, und nicht zufrieden mit ihrer natürlichen 
Schönheit mußten fie mit Schminten und Gebräu ans 
taufend gebrannten Waſſern, mit Bifam und mancherlei 
Yulvern ihre Angefiht zu verfchönern und aufzupugen. 
Ferner verging Feine Stunde des Tages, die fie nicht in 
vertrauten Unterredungen mit verfchiedenen Sünglingen 
der Stadt zubrachten. Uber bdiefe Dinge verwunderte 
fih Nicuola nicht wenig, denn bisher hatte fie alle 
Nonnen für Heilige gehalten. Jetzt aber, wo fie bald 


85. Die Zwillingsgefchwifter. 9 


mit der bald ‚mit jener und zufegt mit allen näher be- 
fannt wurde, fand fie alle verliebt und hoͤchſt wollüſtig. 
Es ſcheint mir eine große Thorheit von einem Vater, 
eine Tochter in ſolche Klöſter zu thun, die eher öffentliche 
Unzuchtshaͤuſer heißen follten. Aber unfere Stadt hat in 
Folge eines öffentlichen Argerniffes, das bald darauf ſich 
ereignete, mit Erlaubniß des Papſtes alle Nonnen aus 
dem Kofter vertrieben und daffelbe reformirt, fodaß fie 
jest ein frommes Leben bafelbft führen. Auch Lattanzio 
war befannt in diefem Klofter, wo er oft feine Hemden 
und fonftige Leinwand nähen ließ; fo wurde denn eines 
Tages Schweiter Camilla zu Lattanzio berufen. Als 
Nicuola dies hörte, rann ihr ein heißes Feuer durch alle 
Glieder, das ſich augenblidlich wieder in den allereifigften 
Froſt verwandelte. Wer jegt auf fie Acht gegeben hätte, 
mußte bemerken, wie taufend Farben auf ihrem Gefichte 
wechfelten, fo betroffen ward fie bei dem Namen Lattan- 
zio's. Darauf verftedte fie fih an einem Orte, wo fie, 
ohne von Lattanzio bemerkt zu werden, den Geliebten 
fehen und hören konnte. Bald darauf, da Rattanzio 
wiederfam, und fie an der gewohnten Stelle ihre Augen 
an feinem Anblid und die Ohren an feinen Neben weis 
bete, beklagte er fich bitterlich über den Tod eines Edel⸗ 
knaben aus Perugia, der ihm diefer Tage an einem 
angwierigen Fieber in feinem Haufe geftorben fei, nad 
yem er ihm drei Jahre lang die treueften und forgfältigften 
Dienfte geleifter habe. Er zeigte fich fehr betrübt über 
ieſen Verluſt und äußerte, er würde fich glücklich fehägen, 
venn er je wieder einen fo treuen Diener fände. Als 
e fort war, fiel es Nicuola eim (feht, wie die Liebe 
sie ihre umgegangen war!), ſich al8 Knabe zu kleiden 
nd bei ihrem Geliebten Dienfte zu nehmen. Da fie 
5er Fein Mittel wußte, fi ich männliche Kleider zu ver⸗ 
baffen; fiel fie von neuem in Unmuth. Sie hatte eine 


mme, deren Mil, fie einft getrunken hatte und weldher. 


re Leibdenfchaft bekannt war. Auch kam fie täglich in 
1** 


v⸗ 


. 


10 XXIV. Motteo Banbello. 


das Klofter, um Nicuola zu fehen; denn Ambrogio hatte 
fie vor feinee Abreiſe gebeten, die Tochter recht oft zu 
befuchen, und fie mit nah Haufe zu nehmen, wenn ees 
Nicuola zu Zeiten wünſche. Sie fchidte alfo fofort zu 
ihr und entbedte ihr in einer vertrauten Unterredung ihr 
Borhaben. ‚Obgleich aber Pippa (fo hieß die Amme) ir 
dringend zurebete, einen fo wahnwigigen Vorſatz aufzu- 
geben, und ihr die Gefahr und das Argerniß vormalte, 
was wol daraus entftehen könne, fo gelang es ihr doch 
nicht, fie zu überzeugen. Die gute Amme führte fie alfo 
in ihr Haus, wo fie Mittel fand, fi ald armen Knaben 
zu leiden, nämlich in die Gewande eines Sohnes der 
Pippa, der kurz zuvor geftorben war. Unb um bie Sache 
nicht zu verzögern, begab fich am folgenden Tage Nicuola, 
nicht mehr ale Mädchen, fondern als Knabe in die Strafe, 
wo ihr Gebieter wohnte. Das Stud begünftigte fie, dem 
zufällig fland Lattanzio ganz allein vor der Schwelle feine 
Haufes. Romulo, denn diefen Namen hatte Nicuola an 
genommen, faßte, als fie ihn fah, guten Muth und ging 
in der Strafe auf und nieder, indem fie ſich fleißig um- 
fhaute, wie wanbernde Burfche zu thun pflegen, wenn 
fie an einen Drt kommen, ben fie nie gefehen haben. 
Als ihn Lattanzio fo bin- und herfchweifen ſah, Hielt er 
ihn gleich für einen fremden Knaben, der zum erften Mal 
nah Eſi komme und Dienfte ſuche; und da er wieder 
vor feiner Thüre vorüberlam, fagte er zu ibm: Biſt du 
von bier, Burſche? 

Romulo antwortete: Herr, ich bin ein armer Knabe 
aus Rom. 

Daran fprach er bie Wahrheit, benn er war in Rom 
geboren und erzogen. - | 

Schon feit der Plünderung der Stadt, fuhr er fort, 
bei welcher ich meinen Vater verlor (meine Mutter war 
lange vorher verſtorben), ſchweife ich unftät umher in 
. der Welt. Ich habe wol bei einigen in der Welt Dienfle 

gefucht, aber fie verlangten, ich folle Pferde und Maul 





85. Die gwillingsgeſchwiſter. 13 


denn ich weiß kein Mittel, mein unglückliches Leben zu 
retten, da ich es unmöglich mit anſehen kann, daß er 
einer andern angehoͤre, als mir, ſo lange ich lebe. Darum 
rath mir, meine liebe Amme, und ſteh mir bei in dieſer 
dringenden Verlegenheit. Ich hoffte immer, da meine 
Dienſte Lattanzio ſo angenehm ſchienen, ich werde mich 
ihm eines Tages entdecken und ſein Mitleid gewinnen 
können; aber jetzt iſt alle meine Hoffnung zu Waſſer 
geworden, da ich ihn in jene ſo heftig verliebt finde, 
daß er Tag und Nacht an nichts anderes denkt und 
von nichts anderem ſpricht. Ich Unglückliche, wenn nun 
mein Vater zurückkäme und erführe, was ich gemacht 
habe, was würde aus meinem Leben? Sicher er braͤchte 
mich um; da würde keine Entſchuldigung gelten. Ach, 
liebſte Amme, hilf mir, hilf mir um Gotteswillen, liebſte 
Amme! 

Diefe Worte ſprach fie unter häufigen Thränen. Frau 
Pippa, welche fie zärtlicher liebte, als wäre fie ihre eigen 
Tochter geweien, ward von ihren Klagen gerührt und 
brach ebenfalls in Thränen aus. Doch trodinete fie gleich 
ihre Augen und ſprach: Siehſt du, mein Toͤchterchen, 
du weißt, wie oft ich dir gegen diefe Liebfchaft geprebigt 
habe, aber du mwollteft mir nicht glauben. Mich dünkt, 
und es ift auch gewiß das Beſte, bu bliebeft bei mir 
und ich führte dich ins Klofter zurück, bis dein Water 
käme. Ich will dann- ſchon Alles wieder ind Gleiche 
bringen, daß du nichts zu befahren haft. Denn wenn 
ed berausfäme, dag du in Mannskleidern dem LRattanzio 
gedient und fo manche Racht in feiner Kammer gefchlafen 
haft, mas denkſt du wol, daß. man von dir fagen und 
urtheilen würde? Ich ftehe dir dafür, dag du nie einen 
Mann befämefl. Und wenn du mir einen Eid ablegteft, 
daß dich niemand für ein Zrauenzimmer erkannt habe, 
ih würde dir nicht glauben. Du magft fagen, was bu 
wilft, ich glaube -doch, was ich aus guten Gründen 
glauben zu müffen meine. Sch weiß mohl, wie es foldhe 


14 xXIV. Matteo Bandello. 


junge Herren mit ihren Edelknaben zu machen pflegen 
und darum denke ich, es wäre am Beſten, du fchlüget 
dir diefe Grillen aus dem -Kopfe und fännft auf ander 
Dinge. Es kann jegt nicht mehr lange währen, bi 
dein Vater zurückkommt, und ich wollte es um al 
Schätze der Welt nicht wünſchen, komme er auch, wenn 
er wolle, daß er je von bdiefen Gefchichten erführe; 4 
würde dir und mir übel ergeben. Du fiehft ja, du 
Lattanzio ſich für Catella entfchieden hat; du greifft alk 
Tage mit ben Händen, mie fehr er in fie verliebt if: 
was willft du dich denn vergebens abquälen? Warm 
wilft du Leben und Ehre fo freventlich aufs Spiel fern, 
da es dir doch zu nichts frommen kann? Ale Br 
mühungen verlangen ihren Lohn; es ift Thorheit, 16 
vergebens abzumühen, zumal wenn fo großer Schaden 
daraus erfolgen ann. Und welchen Lohn ermarteit du 
von fo tiefere Erniedrigung? Ewige Schande haft du 
Au erwarten, nicht allein für dich felbft,. ſondern für bein 
ganzes Haus: bu haft den Verluft des Lebens zu erwarten, 
und das follte doch Zeiner geringfchägen. Wozu den lieben, 
der dich nicht liebt? Wozu dem folgen, der vor bie ich! 
Ich meines Theile. war nie fo. thöricht, jemanden nod- 
laufen zu mollen. Laß ab von diefem, mein Töchterhen, 
und wende bein Herz einem andern zu! In diefer unfertt 
Stadt fehlt es nicht an Zünglingen deines Stande, de 
dich lieben und ſich glücklich fchägen werden, did zu 
Gattin zu gewinnen. Und was weißt di, ob biefer far 
tanzio, gefegt auch, er habe dich bis jegt noch nicht tr 
kannt, dich wicht eines Tages wieder erkennt, feine Be 
gierden an dir befriedigt, und dich dann Inisfen läft un 
zur gemeinen Dirne herabwürbigt, daß alle Welt m 
auf eine fchamlofe Hure mit Fingern auf did deuf. 
Darum laß bir rathen, mein Kind, und bieib fein I 
mir! 

Nicuola fand eine Weile in Nachdenken verſunken 
bann fprach fie nach einem tiefen Seufzer: Beſtes Mit 





85. Die Bwillingägefchwifter. 15 


texchen, ich weiß wohl, daß du mir liebevoll raͤthſt; aber 
ih bin einmal fo weit gegangen, daß ich ed auch zu 
Ende führen will, ber Erfolg fei, welcher er wolle. Ich 
gehe jegt und rede mit Catella, um zu fehen, wozu fie 
fi entichließt; denn bis jept hat Lattanzio nur allge 
meine Antworten erhalten. Der Himmel wirb mir bei 
ſtehen, denn er kennt mein Herz und meiß, baf meine 
Aufopferungen kein anderes Ziel haben, als Lattanzio’s 
Hand zu erwerben. Indeß werde ich täglich berfommen, | 
dir von Allem Nachricht zu geben, und wenn mein 
Bater kommt, fo wollen wir fehen, wie wir und am 
Beiten aus ber Sade ziehen, denn mich dünft, man: 
muß geht eher an ein Unglück denken, bis es vorhan⸗ 
den iſt 

Hierauf verließ ſie die Pippa und begab ſich nach 
dem Haufe Lanzetti's, wo fie in dem Augenblicke ankam, 
da Gherardo gewiſſer Gefchäfte wegen auf den Markt 
gegangen war. Catella's Magd fland an ber Thüre, 
und auf ein gegebenes Zeichen, dad Romulo von feinem 
Herrn gelernt hatte, warb er in das Haus gelaffen und 
in eine Kammer zu ebener Erde geführt. Das Mädchen 
ging hinauf und ſprach zu Katella: Fräulein, kommt 
herab! Lattanzio hat feinen allerliebften Edelknaben, der 
euch fo fehr gefallen bat, Hergefchickt, um mit euch zu 
ſprechen. 

Sogleich kam Catella herab und trat in die Kammer, 
wo Romulo ihrer wartete. Als fie ihn erblickte, meinte 
fie, einen Engel zu fehen, fo ſchoͤn und Tiebreizend er- . 
ſchien er ihre. Nachdem er ihr eine Verbeugung gemacht, 
fing er an zu reden und richtete die Aufträge feines 
Herrn aus. Catella, die ein unfägliches Vergnügen em⸗ 
pfand, als fie ihn fprechen hörte, fchaute ihn mit ſchmach⸗ 
tenden Blicken an, ed war ihr, als entſtroͤmte eine nicht 

gefannte Anmuth feinen fchönen Augen, und fie verging 
faſt vor Berlangen, ihn zu küſſen. Romulo fuhr fort, 
Lattanzio’8 Wünfche vorgutragen, aber fie achtete nicht 


4 


und euch meines Seren zu erbarmen, ber euch fo zärtlid 


16 XXIV. Matteo Bandello. 


auf den Inhalt feiner Worte: ganz verfunten in fern 
Anblick machte fie fi) das Geftändniß, nie einen rein 
deren Jüngling gefehen zu haben. Kurz, fo lange fü 
fie ihn mit verliebten Blicken an und erfüllte ihr Im 
fo völlig von der Schönheit und dem anmuthigen Ben 
des Sünglinge, daß fie zulegt, unfähig, fich länge u 
zügeln, ihre Arme um feinen Hals fchlang, ihn fünfml 
oder öfter zärtlich auf den Mund küßte und zu ihm forad: 
Du bift recht leichtfinnig, mir hier dergleichen Borfhaftn 
zu bringen und dich folcher Gefahr auszufegen, mie du 
thuftl. Wenn mein Vater dich bier fände! 
Romulo, der an den taufend Farben, die auf ihm 
Antlig wechfelten, wohl erkannte, daß Catella in ih 
verliebt fei, antwortete ihr: Mein Fräulein, wer ein 
andern dient, muß diefe und noch gefährlichere Dinx 
wagen nad dem Willen und dem Befehl feines dem. 
Ich thue es ungern genug; aber da es der Wille defin 
ift, der mir gebieten kann, fo ift es auch der mein 
Ich bitte euch alfo, mir eine günftige Antwort zu gehn 


liebt und ergeben ift, damit ich ihm bei meiner Jurid 
Zunft mit einer angenehmen Botfchaft erfreuen konn. 

Indem fie fo noch eine Weile miteinander fpragn, 
war es Latella, als ob die Schönheit des Edellnehen 
jeden Augenblick größer und reizender werde, und be 
dem Gedanken, daß er von ihr feheiden fole, fühlte ſe 
ihe Herz ich weiß nicht von welchen Stichen durdbeit 
— ihr den Beſchluß abdrangen, ihm ihre Liebe zu ge 

ehen. 
Beim Himmel, hub fie an, ich weiß nicht, was du 
mir angethan haft. Ich muß glauben, du haft mil 
bezaubert. 

Herrin, antwortete er, ihr habt mich zum Bellm 
Ich habe euch nichts angethan, ich bin weder ein Dem 
meifter noch ein Zauberer, fondern euer Diener und DI! 
euch um eine gnädige Antwort, wodurch ihr mei 








85. Die Zwillingsgeſchwiſter. 17 


Herrn Leben erhalten und mich in feiner Gunft befeftigen 
werdet. J 

Catella, welche ſich nicht länger bezwingen konnte 
und ſich in Küſſen erſchöpfte, die ſie dem Edelknaben 
gab, erwiderte: Nun ſieh, mein-füßes Leben, du Seele 
meiner Seele, ich weiß einen Süngling auf der Welt, 
der mich zu dem vermochte hätte, wozu du mich gegen 
dich vermochte haſt. Aber deine Schönheit und die uns 
endliche Xiebe, die du mir eingeflößt, feit ich dich zum 
erften Mal im Gefolge deines Herrn - erblidite, haben 
mich dazu gebracht. Ich will dich nicht zum Diener, 
wol aber will ich, wenn du einwilligft, dich auf Lebens⸗ 
zeit zum Herm und Gemahl und gebe dir Gewalt, ganz 
nach deinem Willen über mich zu verfügen. Ich frage 
nicht, wer du feieft, ob reich oder arm, noch aus welchem 
Geblüt entfproffen. Mein Vater ift, Gott fei Dant, 
für dich und mich reich genug und fehon fo bejahrt, daß 
er nicht Iange mehr leben kann. Denke alfo auf deinen 
eigenen Vortheil und laß Lattanzio fahren, denn ich bin 
entichloffen, ihn nie zu lieben, und will ihm auch von 
heute an kein gutes Geficht mehr machen. 

Als Romulo fah, daß die Sache eine für ihn gün- 
flige Wendung nehme, verfprach er nach einigem Hin⸗ 
ud Herreden Catella, in ihre Begehren zu willigen, und 
danfte ihre unendlich für ihr Anerbieten, für welches er 
ihr ewig verpflichtet bleibe; doch müßten fie vorfichtig zu 
Werke gehen, damit Laftanzio nie von ihrem Einver- 
ſtändniß Kunde erhalte. Als fie die nöthigen Verabre⸗ 
dungen getroffen hatten, entfernte ſich Romulo nad) vielen 
zärtlihen Küffen, die er in der beftändigen Furcht em⸗ 
pfangen und gegeben hatte, Catella möchte ihre Hände 
irgendwohin bringen, wo er feine Unmännlichfeit verriethe. 
Er entfernte ſich alfo und machte ſich auf den Weg nad) 
Haufe, wo fein Herr ihn mit Schmerzen erwartete. Hier 
entfchuldigte er zuerft fein langes Ausbleiben damit, daß 
er fagte, er habe eine gute Weile warten müffen, bis 


18 XXIV. Matteo Bandello. 


isn Gatella vorgelaffen, und als er bann mit ihr gr 
ſprochen, babe er fie ſehr erzürnt angetroffen, theil, 
weil ihr Water fie denfelben Morgen heftig über bit 
ihre Liebfchaft ausgezankt, theils, weil fie vernommen 
habe, daß er in ein anderes Fräulein verliebt fei. 

Ih gab mir viele Mühe, fagte Romulo, ihr die 
Meinung auszureden, brachte taufend Gründe vor un 
kaͤmpfte lange mit ihr, aber Alles ift umfonft gemein. 

Lattanzio war fehr beftürzt und misvergnügt übe 
diefe Botſchaft und ließ ſich wol zehn Mal das gany 
Geſpraͤch von neuem wiederholen, das Romulo mit Cr 
tella geführt haben wollte. Darauf bat Lattanzio dm 
Edelknaben, bei ſchicklicher Gelegenheit zu Watella zurid 
zukehren und ihr nochmals zu betheuern, er liebe kein 
andere Dame auf der Welt fo fehr, als fie, umd ſei br 
reit, ihr alle möglichen Beweiſe davon zu geben; um 
wie fie fih auch gegen ihn benchme, fo merde er deh 
nie eine‘ andere lieben, da er ewig ihr getreuer Din 
zu bleiben entfchloffen fei. Romulo verfprad ihm, Alt 
zu thun, was in feinen Kräften ſtehe, um fie noch einm) 
fprechen zu können. Am folgenden Tage lag Gatella m 
ihrem Zenfter, als Lattanzio die Straße herablam. Kam 
war er aber in die Nähe des Haufes gelangt, fo ah 
fi) das Fräulein mit einem Blicke voll Verachtung m 
dem Fenfter und zog fich‘in das Zimmer zurüd. Di 
Vorfall beftätigte den Bericht, welchen Romulo gef 
feinem Herrn abgeftatte. Boll Unmuth begab fich dit 
nad) Haufe und beklagte ſich bei Romulo über fein Ir 
glüd. Der Bern riß ihn zu der Außerung hin, Gatlı 
fei doch noch Tange nicht die ſchönſte und ebelfte, I) 
fie Urfache habe, fo hochmüthig zu werden und ihn I 
fhmählih zu behandeln, und in bdiefer Weiſe fagte ! 
noch Manches. Aber Romulo erfah feinen Vortheil um 
fagte feinem Herrn, es gehe in der Liebe meiftend m 
anders; oft fei Überdruß, oft böfe Zungen, oft Unglidr 
artigfeit der Gemüther daran Schuld. Dies wird deutlih 








— ———— — — — nn — — 


85. Die Swillingsgefhwifter. 19 


durch bie tägliche Erfahrung bewiefen, daß mancher eine - 
Frau liebt, die fih nun und nimmer beflimmen läßt, 
ihm hold zu fein, während die andere nach ihm feufst, 
die er zu lieben fi nicht entfchliefen Tann. 

Im Verfolg diefes Gefprächs fagse Rattanzio: Wahrlich, 
Romulo, du haft Recht, es ift wirklich fo. Ich felbft bin 
noch vor wenigen Monaten von einem ber fchönften Mäb- 
hen dieſer Stadt geliebt worben, bie erft kürzlich aus 
Kom gelommen war. Ich bin überzeugt, daß ich ihr 
ganzes Herz beſaß, und. auch ich liebte fie mit Leiden⸗ 
fchaft; aber fie verreifte, ich weiß nicht wohin, und blieb 
lange abweſend; in der Zwiſchenzeit kam mir diefe über- 
mätbige Gatella zu Geficht, um beretwillen ich bie Xiebe 
zu jener vergaß und fie gänzlich Hintanfegte, um biefer 
Undankbaren zu dienen. Sene erfte Lehrte darauf zurück 
und ſchickte mir Briefe und Boten, aber ich kuͤmmerte 
mich nicht darum. 

Herr, hub jegt Romulo an, fo gefchieht euch Recht, 
ihe empfangt den wohl verdienten Lohn eurer Untreue; 
denn wenn ein fo ſchönes Mädchen, wie ihr mir fagt, 
euch fo zärtlich liebte, fo thatet ihr das fchreiendfte Un- 
recht, fie diefer aufzuopfern, Die, ohne es nur zu wiſſen, 
jene zu rächen begonnen bat. Wir müffen lieben, wer 
uns liebt, nicht dem folgen, ber vor uns flieht. Wer 
weiß, ob jenes ſchöne Kind euch nicht noch liebt und 
fih um euretwillen abhärmt; denn ich habe oft gehört, 
daß die Mädchen in ihrer erften Leidenfchaft viel zärt- 
licher und glühender lieben, als die Männer. Mein Herz . 
fagt mir, daß jenes unglüdliche Fräulein um euch ver- 
ſchmachten und ein trauriges qualvolles Leben führen 
muß. 

Das weiß ich nicht, entgegnete Lattanzio, wol aber, 
daß fie mich zärtlich liebte und daß fie fehr ſchön ift; 
Gatella würde dir faft häßlich neben ihr vorkommen. 
Auch muß ich dir geftehen, mas mir oft eingefalleg ift, 
wenn du Frauenkleider anbätteft, fo würde ich ſchwoöͤren, 


| 
» XXIV. Matteo Banbello. 


du feift Nicuola, fo fehe fcheinft du ihre im Allem p 
gleichen. Auch euer Alter kann nicht fehr verſchieden in 
Nur Lam fie mir ein wenig größer vor als du. Dei 
fommen wir auf dieſe Spisbübin von Catella zurid, 
die ich mir nicht aus dem Kopf fehlagen kann, dem 
Tag und Naht muß ic, immer an fie denken und km 
meinen Sinn auf nichts Anberes richten. Sprich, g 
trauft du dich, noch einmal mit ihr zu fprechen und ih 
meine ganze Liebe zu eröffnen? 

Ich will Alles thun, verfegte Romulo, mas in mein 
Kräften flieht; und follte e8 mein Leben often, fo mul 
ich mit ihr fprechen. 

Jetzt aber wollen wir diefe ein wenig ihrem Treiben 
überlaffen und uns nad) Ambrogio's Sohne Paolo um 
fehen, ohne welchen diefe Geſchichte nicht zu Ende geführt 
werden Tann. Es gefchahb um biefelbe Zeit, daß jene 
Deutfhe, Paolo's Herr, Neapel verließ und fi nd 
Acquapendente begab, um von dort nach der Lombarkt 
und dann nad) Deutfchland zu reifen. Im Bequj 
Acquapendente zu verlaffen, ward er von heftigem Band 
grimmen ergriffen, das ihn nad drei Tagen tödten 
Doch vor feinem Tode erklärte er, da er fein Ende heran 
nahen fühlte, feinen legten Willen und ernannte Par 
zum Erben feines ganzen Vermögens. Paolo lieh ih 
ehrenvoll zur Erde beftatten, befriebigte den Wirth; und 
"wandte fi rechts nach Efi, wo er kurz vor der Ber 
heerung Roms etwa einen Monat lang in Auftragen 
des Waters zugebracht hatte. Hier angelangt, begab e 
fih, ich weiß nicht weshalb, nicht fogleich nach feinm 
‚elterlichen Haufe, fondern Lehrte mit feinem Gepäde in 
einem Gafthaufe ein. Hier ließ er feine Sachen abladen, 
übergab fie der Obhut des Wirthes, nahm dann eimgt 
Eifrifhungen zu ſich und Tief feine Leute in der Herbert 
zurück, um ganz allein durch die Stadt zu gehen. 
war zeines Gelübdes wegen ganz in Weiß gekleidet, KO 
feine Tracht der des Romuio vollfommen glich, Par 





® . 
85. Die Swillingsgeichwifter. 21 


begab ſich nad. bem Haufe feines Waters, um zu fehen, 
ob es offen fei. Der Weg führte ihn an Catella's Haufe 
vorüber, welche eben im Fenſter lag. Da er fie nicht 
fannte, grüßte er fie nicht, worüber das Fräulein fich 
fehr verwundert. Sie wußte nämlidy nicht anders, «als 
daß ed Romulo fer, und ſchickte ihm dad Mädchen nad, 
um ihn zurücdzurufen. Es war um die None und nur 
wenig Leute zeigten fich auf der Strafe. Das Mädchen 
tief ihn beim Namen Romulo und ſprach: Kommt doch 
gleich zurüd! Mein Fräulein ruft euch. 

Paolo merkte wohl, daß er für einen andern gehalten 
wurde, in welchem Glauben er ſich noch beſtärkte, als er 
das Mädchen ſo vertraulich mit ihm ſprechen ſah, als 
ob fie ſchon lange miteinander bekannt wären. Er be 
ſchloß alfo, fi doc, das Fräulein anzufehen, das ihn 
rufen laſſe. Indeß argmöhnte er, die Dame fei viel- 
leicht eine käuflihe, und fprach bei ſich felbft: Ich will 
doch gehen und mein Glüd verfuchen. Aber. die Dame 
irrt fih, wenn fie bei mir gute Gefchäfte zu machen 
denkt. Hoöchſtens ſchenke ich ihr einen Carlino ober 
meinetwegen einen Giulio, 

Mährend er fi) aber gegen das Haus bemegte, er- 
fhien Gherardo am Ausgang der Straße, und als das 
Hausmadchen ihn erblickte, fprach fie zu Paolo: Romulo, 
da kommt unfer Herr; geh jegt deines Weges und komm 
hernach zurüd! 

—X entfernte ſi ch, indem er ſich die Thüre merkte, 
in welche das Mädchen ſich zurückzog, und den Herrn - 
des‘ Haufes fcharf ind Auge faßte. Das Mädchen ver- 
ſſchloß die Hausthüre Hiriter fi) und gab ſich den An» 
ihein, als habe fie den Heren nicht gefehen, welcher fich 
nach Art der Greife Schritt für Schritt näherte, ohne 
das Mädchen bemerkt zu haben. Endlich fam Gherarbo 
an fein Haus, Hopfte an die Thüre und trat, als diefe 
geöffnet wurde, hinein. Paolo, welcher fich das Haus 
fehr wohl gemerkt und Catella, die er am Fenfter erblickt, 


22 XXIV. Matteo Bandello. 


ſehr ſchoͤn und reizend gefunden hatte, begab fich unter 
mancherlei Gedanken nach dem Hauſe ſeines Vaters, an 
welchem er Thüren und Fenſter verſchloſſen fand. Dies 
betrachtete er als ein Zeichen, daß ſein Vater verreiſt ſei. 
Um ſich aber voͤllige Gewißheit zu verſchaffen, fragte er 
einen Schneider, der feine Bude in der Nähe hatte, 
was Ambrogio Nanni mache. Diefer antwortete ihm, 
Ambrogio fei feit langer Zeit in Efi nicht gefehen morben. 
Paolo kehrte alfo nach feiner Serberge zurück, immer 
noch in Gedanken mit dem Mädchen befchäftigt, das er 
gefehen hatte. Zwar mar er gefonnen, zu ihr zurüdıu- 
ehren, aber noch unſchlüſſig, ob er allein gehen oder 
einige feinee Diener, die er von feinem feligen SHerm 
geerbt hatte, mit fi nehmen folle. Bald darauf ge 
ſchah es, daB Ambrogio, der in diefem Augenblicke von 
Rom zurücdkehrte, auf dem Wege nad) feinem Haufe 
dem Gherardo begegnete, der ihn willkommen hieß und 
weiter ju ihm ſprach: Ambrogio, du kommſt fehr gelegen; 
wäreft du einige Tage früher gefommen, fo hätten wir 
vielleicht die Heirath zmifchen mir und deiner Tochter zu 
Stande gebracht oder wenigften® würde ich mich darüber 
aufgeflärt haben, ob du fie mir geben wilfft oder nicht, 
benn Ba bin nicht gefonnen, länger in diefer Ungewißheit 
zu leben. 

ie du fiehft, erwiderte Ambrogio, komme ich in 
biefem Yugenblide an, auch gedente ih nun fürs Erſte 
nicht wieder zu verreifen. Wir werden uns öfter fehe 
“und Zeit haben, ausführlicher über diefe Sache zu rebm. 

Während Ambrogio zu Pferde und Gherarbo zu Fuf 
fo miteinander ſprachen, kam Romulo daher, welcher dem 
Auftrage feines Deren gemäß eine neue Unterredung mit 
Gatella nachfuchen wollte. Als er aber den Vater erblickt, 
manbte er ſich fchnell um und begab fich zu der Pippa. 

O weh, liebfte Amme, rief er ihr zu, ich bin de 
Todes vor Schreden; mein Vater iſt wiedergefonme 
und id) weiß nicht, was ich anfangen fol. 


” 
= 





— 23 


Gemach, entgegnete Pippa, faſſe Muth! Bleib Hier 
im Haufe und laß mich forgen! Wirf diefe Kleider ab 
und lege bie deinigen an, die fich in dieſer Kifte be 
finden. - . 

Sogleih machte fih Pippa fehnurfteads auf den Weg 
nach Ambrogio’s Haufe, der eben vom Pferde flieg, als 
fie dort anlangte. Sie grüßte ihn heiteren Geſichts und 
ſprach: Seid taufendmal willlommen, befter Herr! Wie 
geht es euch? 

O willkommen, gute Pippa, antwortete Umbrogio. 
Wo willft du fo eitig hin? 

Ich komme zu euch, verfegte fie, geradeswegd. Der 
dicke Hans Bindi hat mir gefagt, daß ihe gefommen feid; 
and da ich nicht weiß, wie eure Leute das Kochen ver- 
ftehen, fo wollte ich euch im Haufe Hilfreihe Hand 
leiſten. 

Ich danke dir, verſetzte Ambrogio, aber es wird nicht 
noͤthig ſein, daß du dich bemühſt, denn ich habe ſchon 
nach Margarita geſchickt, die ich ſonſt im Hauſe Hatte 
und bie gleih hier fein wird. Aber fage mir, "mann 
haſt du unfere Nicuola zuletzt gejehen ? 
| Ich ſehe fie täglih, Herr, antwortete Pippa; erft 
heute Morgen war ich eine gute Meile bei ihr. Sie 
flieht vor WVerlangen, euch wiederzufehen. Sch habe fie 
oft in mein Haus gebracht und zwei bis drei Tage bei 
mir behalten. Sie ift wahrlich ein gutes ſchoͤnes Fraͤu⸗ 
lein und wunderbar gefchict in allen Handarbeiten; das 
koͤnnt ihr mir bei Gott glauben. 

Uber diefem Gefprähe kam Margarita an, melde 
fogleih anhub, ihre Häuslihen Gefchäfte zu beforgen. 
Eine gute Weile ging ihr Pippa an die Hand; da ihr 
aber in ihrer Ungeduld eine Stunde taufend Jahre zu 


85. Die Swillingsgefhwifker. 


währen ſchien, bis fie das Haus wieder verlaffen Eonnte, 


fagte fie zu Ambrogio: Herr, wenn ihre es erlaubt, fo 
gehe ich heute Abend ins Klofter und hole Nicuola in 
mein Haus ab. Morgen früh bringe ich fie euch dann 





24 XXIV. Matteo Bandello. 


ber oder behalte fü e auch noch ein Paar Tage bei mit, 
bis ihr das Haus in Ordnung gebracht. habt. 

‚Wie du willft, antwortete Ambrogio; empfiehl mid) 
aber beſtens Schweſter Camilla, küſſe meine Toter in 
meinem Namen und geh mit Gott! 

Nun entfernte fih Pippa, ging aber, ehe fie fih 
nach Haufe begab, in das Klofter, um mit Schwefter 
Camilla zu fprehen. Mit dieſer verabredete fie Alles, 
was zu Nicuola's Wohlfahrt vonnöthen war, wenn 
‚etwa Ambrogio auf den Einfall gelommen wäre, nad 
dem Kloſter zu gehen. Schweiter Camilla, die fih auf 
ſolche Händel nur allzu wohl verftand, hieß Frau Pippa 
gutes Muthes fein; es werbe Alles den beften Ausgang 
nehmen. Dann eilte fie nah Haufe, wo Nicuola, die 
nicht länger Romulo war, fie mit. größtem Verlangen 
erwartete, um zu hören, wie die Saden fiehen. Sie 
hatte ihre Kleider ſchon wieder angezogen und ihre Haare 
nad) der Sitte unferer Sungfrauen geordnet. ALS die 
Pippa heimkam, erzählte fie ihr Alles, was gefchehen fei, 
und fragte fie, ob fie morgen in das Haus ihres Vaters 
zurückkehren oder noch einen oder zwei Tage bei ihr bleiben 
wolle, was ihr freiftehe. Nicuola befchloß, noch den fol 
genden Zag bei ihrer Amme zuzubringen, und verbrachte 
bie Zeit mit Klagen uber ihren Lattanzio, nach bdeffen 
Beſitz fie eine Schnfucht verriet, die nicht größer hätte 
fein fönnen. Die Pippa predigte ihr von neuem, fie 
folle doch ihre Gedanken auf ein anderes Ziel richten; 
fie fehe ja deutlih, daß fie fich vergebens abquäle, unb 
habe ſich felbft überzeugt, daß Kattanzio fo heftig in Ca⸗ 
tella verliebt fei, daß er an nichts Anderes denke; zuletzt 
werde er auch wol fein Ziel erreichen, wenn er bei Ghe⸗ 
rardo um ſie anhalte. 

Das iſt es eben, verſetzte Nicuola, was mich foltert; 
ich kann es nicht denken, ohne zu verzweifeln. Aber 
wenn mein Vater nicht fo ſchnell zurückgekommen wäre, 
fo hätte ich der Catella den Lattanzio fo verleiden mollen, 


—8 











35. Die Zwillingsgefchwifter. 25 


daß fie lieber einen Bauern, als ihn, geheirathet hätte. 
Aber biefe rafche unvermuthete Ankunft meines Vaters 
hat Alles verdorben. 

Alles verdorben? unterbrady fie Pippa;. nein, alles 
wieder gut gemacht; denn wenn es wahr ift, was bu 
mir erzäblteft, daß zwifchen Catella und dir vorgefallen 
ift, fo ſtehe ich dir dafür, daß deine Sachen fehr übel 
ftünden; denn wäreft du noch einmal bingegangen, um 
mit ihr zu ſprechen, fo würde fie ganz ſicher von den 
Küffen zu Handgreiflichkeiten übergegangen fein, und 
wenn fie dich für ein Frauenzimmer erfannt hätte, mas 
denkſt du wol, daß fie von dir geurtheilt haben würde? 
Würdeſt du nicht auf ewig bei ihr beſchaͤnt worden fein? 
Slaubft du nicht, daß fie gleich auf den Gedanken ge- 
kommen wäre, bu feieft Lattanzio's Buhlerin? 

Und daß ift es eben, verfegte Nicuola, was ich ge 
mwünfcht hätte. Denn obwol fie mich, wie du fagft, für 
ein Frauenzimmer erfannt haben würde, fo folgt daraus 
noch nicht, daß fie mich ald Nicuola, die Tochter Am- 
brogio’6 erkannt hätte. Aber Lattanzio wäre ihr gewiß 
fo verhaßt worden, daß fie ihn nie wieder hätte fehen 
nody nennen hören mögen; und dann durfte ich hoffen, 
Lattanzio’8 Liebe wieder zu erwerben. 

Die Pippa konnte ſich nicht enthalten, über diefe 
Nede Nicuola’s zu lächeln. 

Meine Tochter, hub fie an, fuche dein Herz zu be, 
ruhigen! Wenn es Gott gefällt, baf Eatella Kattanzio’s 
Gattin werben foll, fo hilft Die weder Lift noch Klugheit, 
noch alle Kunftgriffe, deren du dich bedienen möchteft, 
diefe Ehe zu hintertreiben. Du bift noch gar fung, bu 
bift ſchön, du bift reich; denn wenn dein Bruder Paoio 
noch Iebte, fo würde man gewiß von ihm gehört haben; 
aber der arme Junge ift gewiß todt (Gott fei feiner 
Seele gnädig!), ſodaß du, wenn du Dich Flug aufführft, 
die einzige Erbin deined Vaters werden wirft, und als 
ſolche kann e6 dir nicht an den reichften uns edelften 

Staliänifcher Novellenſchat. IV, 


24 XXIV. Matteo Bandello. 


ber oder behalte fie auch noch ein Paar Tage bei mir, 
bie ihr das Haus in Ordnung gebracht habt. 

‚Wie du willſt, antwortete Ambrogio; empfiehlt mid 
aber beftens Schwefter Gamilla, küſſe meine Zochter in 
meinem Namen und geh mit Gott! 

Nun entfernte fih Pippa, ging aber, ehe fie fd 
nah Haufe begab, in das Klofter, um mit Schwein 
Camilla zu fprehen. Mit biefer verabredete fie Alt, 
was zu Nicuola's Wohlfahrt vonnöthen war, men 
etwa Ambrogio auf den Einfall gefommen wäre, nad 
dem Klofter zu gehen. Schweiter Camilla, die fi auf 
folhe Händel nur allzu wohl verftand, hieß Frau Pippe 
gutes Muthes fein; es werde Alles den beſten Ausgang 
nehmen. Dann eilte fie nach Haufe, wo Nicuola, di 
nicht länger Romulo war, fie mit. größtem Verlangen 
erwartete, um zu hören, wie die Sachen fiehen. Sit 
hatte ihre Kleider ſchon wieder angezogen und ihre Haar! 
nah der Bitte unferer Jungfrauen geordnet. Als die 
Pippa heimkam, erzählte fie ihr Alles, mas gefchehen fi, 
und fragte fie, ob fie morgen in das Haus ihres Water) 
zurückkehren oder noch einen oder zwei Tage bei ihr bleiben 
wolle, was ihr freiftehe. Nicuola befchloß, noch den fol 
genden Zag bei ihrer Amme zuzubringen, und verbradte 
die Zeit mit Klagen uber ihren Lattanzio, nach deſſen 
Beſitz fie eine Schnfucht verrieth, die nicht größer hätte 
fein tönnen. Die Pippa predigte ihre von neuem, fit 
folle doch ihre Gedanken auf ein anderes Ziel richten 
fie fehe ja beutlih, daß fie fih vergebens abquäle, und 
babe fich felbft überzeugt, daß Lattanzio fo heftig in Ca⸗ 
tella verliebt fei, Daß er an nichts Anderes denke; zuiegt 
werde er auch wol fein Ziel erreihen, wenn er bei She 
rardo um fie anbalte. 

Das ift es eben, verfegte Nicuola, mas mic foltert; 
ic) kann es nicht denken, ohne zu verzweifeln. Aber 
wenn mein Water nicht fo fchnell zurückgekommen wir, 
fo hätte ich der Catella den Lattanzio fo verleiden wollen, 


X 





35. Die Zwillingsgefchwifter. 25 


daß fie lieber einen Bauern, als ihn, geheirathet Hätte. 
Aber diefe rafche unvermuthete Ankunft meines Waters 
bat Alles verdorben. 

Alles verdorben? unterbrady fie Pippa; nein, alles 
wieder gut gemadjt; denn wenn es wahr ift, was hu 
mir erzählteft, daß zwifchen Catella und dir vorgefallen 
ift, fo ftehe ich dir dafür, daß deine Sachen fehr übel 
flünden; denn wäreſt du noch einmal bingegangen, um 
mit ihr zu fprechen, fo würde fie ganz ficher von den 
Küffen zu Handgreiflichkeiten übergegangen fein, und 
wenn fie dich für ein Frauenzimmer -erfannt hätte, mas 
dentft du wol, daß fie von dir geurtheilt haben würde? 
Würdeſt du nicht auf ewig bei ihr befhämt worden fein ? 
Glaubſt du nicht, daß fie gleich auf den Gedanken ge- 
tommen wäre, bu feieft Lattanzio’6 Buhlerin ? 

Und das ift es eben, verfegte Nicuola, was ich ge 
wünſcht hätte Denn obwol fie mich, wie du fagft, für 
ein Frauenzimmer erkannt haben würde, fo folgt daraus 
noch nicht, daß fie mich als Nicuola, die Tochter Am⸗ 
brogio’8 erkannt hätte. Aber Lattanzio wäre ihr gewiß 
fo verhaßt worden, daß fie ihn nie wieder hätte fehen 
noch nennen hören mögen; und dann durfte ich hoffen, 
Lattanzio's Liebe wieder zu erwerben. 

Die Pippa konnte fich nicht enthalten, über diefe 
Nede Nicuola's zu lächeln. 

Meine Tochter, hub fie an, fuche dein Herz zu be⸗ 
ruhigen! Wenn ed Bott gefällt, daß Gatella Kattanzio’s 
Gattin werden foll, fo hilft Die weder Lift noch Klugheit, 
noch alle Kunftgriffe, deren du dich bedienen möchteft, 
diefe Ehe zu bintertreiben. Du bift noch gar jung, bu 
bift ſchön, du bift reich; denn wenn bein Bruder Paoto 
noch lebte, fo würde man gemiß von ihm gehört haben; 
aber der arme Junge ift gewiß todt (Gott fei feiner 
Seele gnäbdig!), ſodaß du, wenn du dich Hug aufführft, 
die einzige Exbin deines Vaters werden wirft, und ale 
folhe kann es die nicht an den reichiten und ebelften 

Staliänifcher NRovellenfchag. IV. 2 


26 XXIV. Matteo Banbello. 


Jünglingen der Mark zu Bewerbern fehlen. Darm 
flag dir diefe Grillen aus dem Kopfe, die bir mer 
Kummer und Verdruß machen, als fie dir Augen bringe 
tonnen. 

Während diefe Verhandlungen gepflogen wurden, hatt 
Paolo befchloffen, ganz allein Catella aufzuſuchen. & 
ging alfo gegen Abend an ihrem Haufe vorüber; dic 
ihrer aber nicht anfichtig werden konnte, kehrte er a 
feiner Herberge zurüd und mochte an dieſem Tage nidı 
wieder ausgehen. Lattanzio, welchem das arten di 
Zeit fehr lang machte, verwunderte ſich fehr, als di 
Nacht zu dunkeln begann, ohne dag Romulo nady Hau 
kam, ihm den Erfolg feiner Bewerbung bei Catella mit 
zutbeilen. Als er aber einige Stunden der Nacht vr 
geben gewartet hatte, mard er fehr beftürzt über fü 
Ausbleiben, denn er fürchtete, irgend ein Unfall möht 
feinen Diener betroffen haben. Da er fich aber durchaui 
nicht vorftellen konnte, was das wol fein möge, fo bradt 
er die ganze Nacht faft ſchlaflos unter mancherlei Br 
danken zu. Er liebte den Romulo fehr, weil er gut m 
ihm bedient wurde und ihn als einen verſchwiegenen un 
woblgefitteten Züngling kennen gelernt, der nie im Hal 
mit irgend jemand ein Wort gewechſelt hatte, fondm 
nur auf Ausrichtung feiner Befehle bedacht geweſen wer 
daher fein Verluſt ihn unmäßig betrühte. Don ber ar 
dern Seite wünfchte GCatella, die den Romulo leiden 
ſchaftlich liebte und fchon feine fügen Küffe gekoftet hatt 
gar fehr eine engere Bereinigung mit ihm. Da fie ih 
aber nach Gherardo's Nachhaufekunft heute nicht met 
gefehen hatte, denn fie hatte den Paolo für den Romulı 
gehalten, begab fie fich fehr misvergnügt zu Bette. Nil; 
plauderte die ganze Nacht mit ihrer Amme von Laftanı 
‚ und konnte vor Seufzen und unruhigem lmbermähdt 
weder felbft fchlafen, noch ließ fie die Pippa zur Ku 
kommen. Als der Morgen anbrach und Nomulo nit 
nach. Haufe kam, ſchickte Lattanzio nach allen Seiten ul 











85. Die Zwillingsgeſchwiſter. 27 


ihn aufzuſuchen und überall binzuhorchen, ob man nicht 
wife, was aus ihm geworden fei. Bei diefen Nach⸗ 
forfhungen fand ſich einer, welcher auf die angegebenen 
Zeichen der Kleidung und des Alters hin verficherte, er 
babe geftern geichen, daß er in das Daus der Pippa 
des Giacomaccio neben der Hauptficche gegangen fei. 
Lattanzio, weicher fie kannte, machte fih auf diefe An- 
zeige gegen Mittag auf den Weg und Elopfte an ihre 
Hausthüre. Frau Pippa trat an ein Fenfter, und ale 
fie den Jüngling erkannte, verwunderte fie fich, denn fie 
vermuthete, Lattanzio habe den Aufenthalt Nicuola's in 
ihrem Hauſe in Erfahrung gebracht. Sie fragte ihn alſo: 
Was ſucht ihr hier, junger Herr? 

Frau Pippa, antwortete er, wenn es euch nicht un⸗ 
gelegen wäre, ſo möchte ich gern zehn Worte mit euch 
reden. 
Fünfundzwanzig, entgegnete Pippa, ſagte Nicuola, 
Lattanzio ſei unten, und ſtieg eilends hinab, die Haus- 
thüre zu öffnen. Der Jüngling trat ‚ein und nahm 
neben Pippa Plag, an einem Orte, wo Nicuola, ohne 
geichen zu werben, ihn fehen und ſprechen hören konnte. 

u Pippa, begann nun Lattanzie obgleich ich nie 
Gelegenheit gehabt habe, euch einen Dienft zu leiften, 
der mid berechtigte, von euch einen Gegendienft zu hei- 
fchen, fo gibt mir doch meine Bereitwilligkeit, jedermann 
zu dienen, und eure eigene Gefälligkeit, um deretwillen 
ihr, wie ich weiß, von vielen angefehenen Leuten gefchägt 
werdet, den Muth, euren Beiſtaud in Anſpruch zu nehmen, 
in ber feften Hoffnung, daß ihr meinen Wunſch vollftändig 
erfüllen werdet; und um nicht länger bei fihönen Worten 
fichen zu bleiben, erfuche id) euch infländig, mir zu fagen, 
was aus dem weiß gekleideten Knaben geworden ift, der 
euch geſtern befucht Hat. Er heißt Romeo, mag etwa 
fiebzehn Jahre alt fein und hat eim hübfches sefiigen Au 
ßere. Er bat mir als Edelknabe gedient und iſt feit 
gefteen nicht mehr zu mir zurückgekommen. Ich bitte 

. 2* 


28 XXIV. Matteo Bandello. 


euch dringend, mir über ihn Nachricht zu geben; ihr er- 
zeigt mir dadurch einen auferorbentlichen Gefallen und ich 
werde euch deöwegen immerdar verpflichtet bleiben. 

Mein lieber Sohn, antwortete Pippa, ich danke euch 
für die gute und freundliche Meinung, bie ihr von mir 
hegt; gewiß, ich fchäge es fehr und freue mich der Ehre, 
die ihr mir durch den Befuch meines armen Häuschens 
anthut, um fo mehr, als ich ſchon feit langer Zeit nad 
der Gelegenheit getrachtet habe, mit euch zu fpredhen; 
und da biefe mir nun durch eure Güte heute von felber 
kommt, will ich fie nicht verlieren. Um zuvor auf das 
zu antworten, was ihr von mir verlangt, fo fage id 
euch, daß ich euch über euren Burfchen gar Feine Aus- 
kunft geben kann, denn weder geftern noch überhaupt 
feit langer Zeit ift meines Wiſſens ein Knabe ober ein 
junger Mann hier gewefen, und ich müßte es wol wiffen, 
wenn dem alfo märe. 

Ihr denkt vielleicht, fiel Lattanzio ein, ich möchte dem 
Knaben Etrafe auflegen, weil er nicht zurückgekommen 
ift; aber ich verpfände euch mein Wort, daß ihm nichts 
gefchehen foll, wenn er mir nur die Wahrheit eingeftcht, 
warum er geflern nicht zu mir zurückgekommen ift. 

Ahr gebt euch vergebens Mühe, antwortete die Pippa, 
denn es ift fein Dann im Haufe bier und hat es ge- 
ftern keiner betreten. Es thut mir unendlich leid, daß 
ich euch in diefem Falle nicht dienen kann, wie ich gerne 
wollte. 

Während Pippa mit ihm fprach, ſtieß Lattanzio ſchwere 
Seufzer aus, und fie fagte daher zu ihm: Junger Mann, 
ihr feid fo leidenſchaftlich aufgeregt, daß jedermann, ber 
euch fo flöbnen hört, euch in dieſen euren Edelknaben 
mehr als billig verliebt glauben möchte. Aber ba id 
neulich gehört Habe, daß ihe ein ſchönes Fräulein Tiebtet, 
fo kann ih euch nicht für eimen fo argen Feind der 
Frauen halten. 

Ah, fagte Lattanzio, wollte Gott, daß ich nicht Fichte! 





83. Die Zwillingsgeſchwiſter. 29 


Ich mwürbe wahrhaftig heiterer und vergnügter fein, als 
ich es jegt fein Tann. Glaubt aber nicht, daß ich von 
meinem Edelknaben rebe! Daran denke ich nicht. Ich 
fpreche vielmehr von einem Mädchen, das ich mehr liebe 
als das Licht meiner Augen, ja mehr als meine Seele. 

Und bei diefen Worten füllten ihm die heißen Thränen 
wider feinen Willen die Augen und einige negten ihm 
Die Wangen, während er felbft fi in Seufzern erfchöpfte. 
Frau Pippa hielt dies für eine willlommene Gelegenheit, 
die Ausführung eines fchon längft gefaßten Vorhabens 
zu verfuchen, und fagte: Sch weiß fehr wohl, mein Sohn, 
Daß es wahr ift, mas ihr fagt. Euer Benehmen zeigt 
Deutlich genug, wie verliebt ihr feid, umd ich glaube wohl, 
daß eure Qualen um fo heftiger fein müffen, da es feine 
fo bittere herbe Qual auf Erden mehr gibt, als lieben 
und nicht geliebt werben. Denn ic weiß wohl, daß 
das Mädchen, das ihr liebt, euch nicht wieder liebt; 
vielmehr haft fie euch um ber Liebe willen, bie fie zu 
einem Andern trägt. 

Und woher wißt ihr das, Frau Pippa? fragte hier 
Lattanzio voll Verwunderung. 

Beſtrebt euch nicht, das zu erfahren, antwortete fie. 
Genug, dag ich weiß, daß ihr gegenwärtig unermwidert 
liebt und daß ihr vor noch nicht gar vielen Monaten 
eine Jungfrau geliebt habt, die weit ſchöner als eure 
jegige Geliebte ift. Ich weiß, daß fie euh auf das 
Inbrünſtigſte wieder liebte, und kann euch überdies fagen, 
Daß fie euch auch jegt noch mehr liebt, als je, trogdem, 
Daß ihr euch ihrer fo wenig mehr erinnert, als ob ihr 
ſie niemals geſehen haͤttet. 

Meiner Treu, ich weiß nicht, was ich ſagen ſoll, 
ſprach Lattanzio, da ich euch ſo vertraut mit der Sache 
und ſo gut von meinen Angelegenheiten unterrichtet ſehe. 
Aber das ſagt mir doch gefälligft, bitte ich, mie ihr wißt, 
Daß diejenige, die ich jegt liebe, nicht mich, fondern einen 
Andern liebt. 


30 XXIV. Matteo Barlbello. 


Das werde ich euch nicht fagen, antwortete Pippa, 
I es mir nicht ſchicklich ſcheint; aber wol mag ich euch 
Semüthe führen, daß euch ganz Recht gefchieht, wenn 
er, diejenige, die euch liebt, verfchmähend, auch Feine 
Gegenliebe einerntet, wo ihr liebt; denn dies läßt eben 
- Bott zur Strafe eurer Sünde und eurer großen Undanf- 
barkeit gefchehen. Ach unglüdfelige Nicuola, men Tiebil 
du und haft du geliebt! Du haft das Außerſte gethan, 
um feine Gunft zu erwerben, and Alles war vergebens. 
Und ihr, Zattanzio, liebt Catella mehr, als euch, und fie 
kümmert fi) gar nicht um euch. Wohlan denn, verfolgt 
euren Man! Ihr werdet ſchon zulegt euren Irrthum 
gewahr werden, um vielleicht, wenn es zu ſpaͤt iſt, ihn 
wieber: gut zu machen. 

Bei diefen Worten gerieth der Züngling faft außer 
fih und wußte nicht, was zu antworten ſei. Nicuola 
andererſeits, bie ihn fah und hörte, wäre gerne hervor⸗ 
getreten, um auch einige Worte über diefen ®egenftand 
hinzuzufügen; allein fie befchloß den Ausgang dieſes Ge- 
fpraͤchs abzuwarten, und verhielt ſich ruhig. Frau Pippa 
wartete eine Weile auf die Antwort des Jünglings, der 
fi jept wie aus einem ſchweren Traum erhob und ſprach: 
Frau Pippa, ich will ausführlicher mit euch reden, da 
ich ſehe, daß ihr meine Umftände beffer kennt, als ih 
felbfi. Es ift wahr, daß ih in Nicuola Ranni verliebt 
war, von der ich überzeugt mar, geliebt zu werben. 
Sie warb nachher vom ihrem Vater aus der Stadt ge 
fit, ich erinnere mich nicht, wohin. In der Zwiſchen⸗ 
zeit begann ich mich in Gatella, Gherarbo Lanzetti’s 
Tochter zu verlieben, welche mie in den erften Tagen 
geneigt zu fein fchien, fich aber bernach, ich weiß nicht 
weshalb, fprode und meinen Wünfchen völlig zuwider 
erwies; denn fo oft fie an der Thüre oder ihren Fen- 
fteen fteht, wenn ih durch bie Straße komme, zieht fie 
fi, fobald fie mich fieht, plöglich zurück und will weber 
Briefe noch Boten mehr von mir annehmen. Erſt geftem 


: 85. Die Zwillingsgeſchwiſter. 31 


ſchickte ich meinen Edelknaben hin, um eine Unterredung 
mit ihr nachzuſuchen; aber er iſt nicht nach Hauſe ge⸗ 
kommen, mir Antwort zu ſagen, ſodaß ich zugleich eine 
Geliebte und einen guten und angenehmen Diener ver- 
Ioren babe. Wäre er zurüdgefommen und hätte mir 
Nachricht. gebracht, daß fie noch in ihrer gewohnten Uner- 
bittlichkeit verharrt, fo hätte ich mich entſchloſſen, fie gar 
nicht länger mehr zu beläftigen und mi nach einer An- 
dern umzuſehen, der meine Dienfte angenehmer wären; 
denn um bie Wahrheit zu fagen, halte ich es für die 
größte Thorheit, ‚die zu verfolgen, Die mich flieht, bie 
zu lieben, die mich haft, und nach der zu verlangen, 
die von mir nichts wiffen will. 

Nun das läßt ſich bören, rief Pippa aus, und ich 
nehme euch beim Wort, junger Herr! Wahrhaftig, ich 
wäre auch nicht fo närrifch, den zu lieben, der nicht in 
mich verliebt wäre. Aber feid einmal fo gefällig, mir 
zu fagen, wenn nun die Nicuola euch noch zugethan 
wäre, ja euch mehr al& jemals liebte, was meintet ihr 
dazu? Würde e8 euch bedünten, daß fie eurer Gegen» 
liebe werth wäre? 

- In Wahrheit, antwortete ber Süngling, fie würde 
verdienen, daß ich fie mehr als mic, felbft liebte. Aber 
was ihr da fagt, kann gar nicht fein, denn fie muß mir 
nothmwendigerweife höchlich zürnen, da ich mid) gar nicht 
um fie befümmert babe, nachdem fie mir doc, feit ihrer 
Rückkehr nah Efi zu wiederholten Malen gefchrieben hat. 
Ich weiß gar nicht einmal, wo fie gegenmärtig fein mag, 
fo lange ift e& ber, daß ich. fie nicht gefehen habe. 

D, fiel Frau Pippa ein, ich weiß, daß ihr fie noch 
in den legten Tagen unendlich oft gefehen und fehr ver- 
traulich mit ihr gefprochen habt. 

Darin irrt ihr euch, Frau Pippa, antwortete Lat- 
tanzio. 

Ich irre mich nicht, verſetzte ſie. Ich muß wiſſen, 
was ich fage, und fpreche nicht aufs Gerathewohl in 


+‘; 





32 XXIV. Matteo Bandello. 


ben Wind. Aber fagt mir doch, wenn ed wahr ware, 
was ich behaupte, und ich es euch mit Händen greifen 
ließe, daß euch Nicuola mehr als jemals liebt, was würde 
ihr thun? Und wenn fie in eurem Haufe gewefen woärt, 
euch gedient und alles gethan hätte, was Der geringſte 
Knecht thun muß, ohne je von euch erfannt zu werben, 
was würdet ihe davon denken? Laßt ed euch nicht br 
fremden, was ich fage, und zeigt euch nicht fo vermun 
bert und erflaunt, benn die Sache verhält ſich wirklich 
ſo und kann ſich nicht anders verhalten, als wie ich euch 
ſage. Und damit ihr ſeht, daß ich die Wahrheit ſage, 
erbiete ich mich, euch einen ſo unwiderſprechlichen Beweis 
davon zu geben, daß ihr ſelbſt meiner Meinung ſein werdet. 
Doc zuerſt antwortet mir, wenn Nicuola Alles das gr 
than hätte, was ich euch fage, was meint ihr, daß fie 
verdient habe? 

Ihr erzählt mir Mährchen und Träume, antwortet 
Lattanzio. Wenn es aber. wahr wäre, fo wüßte ich nichts 
zu fagen, als bag ich verbunden bin, fie ewig zu lieben 
und fie zur Gebieterin meiner felbft zu erheben. 
Wohlan denn, fprady Pippa und rief Nicuola, weld: 
fie anmies, ihre Edeltnabenfleider mitzubringen. Der Ri 
cuola war kein Wort von dem ganzen Gelprähe entgangen 
und fie trat denn auf diefen Ruf, ihre männliche Kleidung 
in ber Hand baltend, im ganzen Geſichte vor Schaum 
erglühend, in das Gemach und näherte fi ihrer Amme 
und ihrem Geliebten. 

Da ift eure Nicuola, Lattanzio ! fagte Die Dippn 
euer Romulo, euer fchmerzlich vermißter Edelfnabe, ber 
Zag und Nacht bei euch war und Ehre und Leben aus 
Liebe zu euch aufs Spiel gefegt hat. Ja, fie Hat die 
ganze Welt außer Acht gelaffen und nur für eud gr 
forgt, und ihr habt fie in fo langer Zeit niemals e- 
fannt. 

Sie erzählte hierauf mit allen Heinen Umftänden, mit 
‚die Jungfrau dazu gekommen, ihm als Edelfnabe zu dienen, 


85. Die Zwillingsgeſchwiſter. 33 


und ſchloß endlich mit der Frage: Nun, was ſagt ihr 
denn dazu? 

Lattanzio ſtand halb bewußtlos da, ſah Nicuola an, 
glaubte zu träumen, und wußte recht eigentlich nicht, 
was er dazu ſagen ſollte, daß ſie als Knabe gekleidet bei 
ihm geweſen ſei. Als er aber wieder ein wenig zu ſich 
ſelbſt gekommen war und der Grauſamkeit Catella's ge⸗ 
Dachte, die an Schönheit ſich mit. Nicuola bei weitem 
nicht meſſen konnte, fo mie ber großen Liebe Nicuola’s 
zu ihm und welcher Gefahr fie in der Heftigkeit ihrer 
Liebe fich ausgefegt, fo fagte er faft mweinend zu ihr: 
Nicuola, ih will mich jegt nicht in halbwahre Ausreden 
und Entfchuldigungen verwideln; aber wofern ihr wirklich 
fo gefinnt feid, wie Frau Pippa mich verfichert, will ich, 
wenn ihr mich haben wollt, euch zur Frau nehmen. 

Nicuola, welche auf der Welt nichts weiter, als die, 
wünfchte und die eine folhe Herzensfreudigkeit überkam, 
Daß fie fie gar nicht faffen konnte, warf ſich ihm zu 
Füßen und antwortete ihm: Mein Gebieter, da ihr mich 
der Gnade mwürdigt, mich zu der eurigen zu machen, 
ſeht mich bier bereit, euch immerbar zu dienen; benn in 
allen Stüden fol ih und mein Wille beftändig euch 
angehören. 

Zattanzio- z0g hierauf einen Ring vom Finger, er- 
Härte fie in Gegenwart Pippa’s für feine rechtmäßige 
Verlobte und ſprach fodann: Damit unfere Angelegen- 
heiten in allen Ehren und nad dem Herkommen aus⸗ 
gehen, werde ich gleich. nach dem Eſſen mich bei eurem 
Vater einfinden und um eure Hand bei ihm anhalten, 
und ich bin überzeugt, daß er fie mir ohne MWiderrede 
zugefiehen wird. Dann wollen wir. Hochzeit halten, wie 
ſichs gebührt. 

Um die foeben mit Worten eingegangene Ehe noch 
mehr zu befefligen, veranftaltete Nicuola, ehe Lattanzio 
wegging, daß er in einer Kammer fich mit Nicuola nieder- 
legte und die heilige Ehe vollaog, was denn beiden Theilen 

. 28% _ 


34 XXIV. Matteo Bandello. 


zur wunderbaren Genugthuung gereichte. Als ſodann Lat- 
tanzio ſeine fernern Abſichten verabredet hatte, ging er 
hinweg und begab ſich zu Tiſche. Nach dem Eſſen aber 
beſuchte er den Vater Nicuola's, und Nicuola ging mit 
Pippa nach Hauſe, um ebenfalls ihren Vater aufzuſuchen, 
von welchem ſie freudig empfangen wurde. Sobald Paolo 
ſein Mittagsmahl zu ſich genommen hatte, verließ er ſeine 
Herberge und machte ſich nach Catella's Wohnung ganz 
allein auf den Weg; und als er an die Straßenecke ge⸗ 
kommen war, ſah er Gherardo eben aus dem Hauſe gehen, 
ich weiß nicht wohin. Kaum war Gherardo hinaus, als 
Catella ſich am Fenſter zeigte und den Paolo erblickte. 
Sie hielt ihn für ihren Romulo und winkte ihm, da er 
naͤher gekommen war, einzutreten. Um ſich über dieſe 
ſeltſamen Dinge Aufklärung zu verſchaffen, trat er in 
das Haus, und fogleih flieg Catella die Treppe herab, 
umermte und küßte ihren vermeintlichen Romulo auf 
das gärtlichfte und ſprach: Mein füßes Leben, letztes Zid 
alfer meiner Gedanken, du machft dich auch gar zur felten. 
Du bift mir fo gut nicht, al ich bir bin; ich Habe bir 
fhon vor zwei Tagen mein Herz erfchloffen und daß ich 
feinen andern Gemahl, als dich, begehrte. Laß uns hier 
unten in dieſe Kammer treten! 

Hierauf befahl fie dem Mädchen, auf die Rüdkunft 
des Herın Acht zu haben, und ihr Nachricht davon zu 
geben. Dann überhäufte fie den Paolo mit heißen Küſſen, 
flüfterte ihm die füßeften Worte zu und fchien, indem fi 
ihn nedend und feherzend auf bie Lippen biß, in feinen 
Armen vergehen zu wollen. Er, ber nichts weniger al 
blöde war und wohl fah, dag er mit einem Anden 
verwechfelt wurde, zeigte fich ganz entbrannt von Begierde, 
verſtummte im Übermaß der Liebesglut und küßte fie vie- 
mals unter tiefen Seufzern. 

Kiebes Herz, fagte fie, ich wollte, bu befreiteft did 
von deinem Heren ba, damit wir zu jeder Zeit unge 
hindert bei einander fein könnten. 


85. Die Zwillingsgeſchwiſter. 35 


Seid darum unbelümmert, antwortete Paolo; ich will 
es ſchon einrichten, daß ich ihn loswerde. 

Thue das, mein Leben, fagte Catella, und ließ nicht 
ab, ihn an die Bruft zu drüden und zu küffen. Paolo 
war ein Jüngling ganz gefchaffen, fie zu befriedigen; als 
er das Gras auf der Wiefe emporfchiefen fühlte, Iegte er 
die Hände auf ihren Bufen und drüdkte ihr zärtlich die 
Brüfte, die noch ganz jungfräulich und feft, aber rund 
und voll waren wie zwei Apfel. Und als er fah, daß fie 
ſich nicht fpröde zeigte, wurde er etwas kecker und begann 
mit der Hand in den Regionen zu fpielen, wo alle ver- 
liebten Wünfche ihr Iegtes Ziel finden. Catella anderer- 
feits glühte ganz von Liebe und war fo heftig entbrannt, 
daß fie, als fie in den Armen eines fo fehönen Juͤnglings, 
von welchen fie ſich umfchlungen ſah, eine nie gefühlte 
Zuft empfand, ihn ganz machen ließ, wie er wollte. 
Daolo nahm daher diefe Gelegenheit wahr, marf fie 
fherzend und fhädernd auf ein Ruhebett und ließ fie 
bei der erften Lanze, die er brach, eine herbe Süßigkeit 
empfinden. Aber in den folgenden Gängen hielt er fich 
fo tapfer, daß er noch vier andere Schäfte in Stücke 
brady zu folhem Entzücken des Mädchens, daß fie mol 
gerne nochmals vier Gänge gemacht hätte. Dabei merkten 
fie nicht, wie die Stunden flohen, die Magd war indeffen 
im Haufe an die Arbeit gegangen und hatte die Thüre 
offen gelaffen. Darüber kam Gherardo zurüd und trat 
ins Haus. ALS er an ber Kammer vorbeifam, mo die 
vom Turnier ermüdeten Liebenden fi auf eine Bank 
niedergelaffen hatten und fi) in Geſpraͤchen erginger, 
hörte er drinnen reden und rief: Wer ift da? 

Dies rufen und mit dem Fuß wiber die Thuͤre floßen, 
daß fie aufflog, war Eind. Als er Paolo bei feiner 
Tochter erblicte, hielt er es gleich für entfchieden, daß 
es nicht Paolo, fondern Nicuola fei, in melche er, wie 
bereit& erwähnt, heftig verfiebt war. Daher verließ ihn 
alsbald der Zorn, in welchen er gerathen war, da er 


3 XXIV. Matteo Bandello. 


einen Mann bei Catella zu finden glaubte; er faßtt 
Paolo ins Auge, und je mehr er ihn betrachtete, defio 
mehr überzeugte er ſich, daß er Nicuola vor fich habe. 
Catella, die beim Erfcheinen ihres Vaters faft vor Schreden 
geftorben war, und Paolo, der an allen Gliedern zittert, 
warteten, als fie fahen, daß der Alte ſich berubige und 
ohne ein Wort zu fprechen daftehe, mit gefaßterem Mutk 
den Ausgang ber Sache ab. Es ift fchon bemerkt worden, 
dag Paolo. und Nicuola feine Schwefter ſich fo ähnlich 
fahen, daß es felbft den, der fie näher kannte, die größte 
Mühe koftete, das Mädchen von dem Jüngling zu unte:- 
fheiden. Nachdem alfo Gherardo Paolo eine Weile mit 
Verwunderung betrachtet und fich bedacht Hatte, dai 
Ambrogio's Sohn nicht mehr vorhanden fei, fo gewam 
er die Überzeugung, Ricuola müffe fih als Mann ver 
leidet haben, und fagte zu Paolo: Nicuola, Nicuola, 
wenn du nicht die wäreft, bie du bift, fo glaube mir, 
follte der Spaß dir und Catella übel befommen. 
Darauf wandte er ſich zu der Tochter und gebot ist, 
hinaufzugehen und Nicuola unten zu laffen, der er beſſere 
Geſellſchaft leiſten werde, als fie. Catella ging, indem ſie 
fih Glück wünfchte, bis hierher fo mohlfeiles Kaufes davon- 
gefommen zu fein, da fie der Vater weder gefchlagen 
noch gefcholten habe. Aber fie konnte fich nicht zufanımen: 
zeimen, aus welchem Grunde ihr Vater ihren Geliebten 
Nicuola nenne. Paolo andererfeitd fürchtete, der Alte 
möchte im Sinne haben, mit ihm fo zu verfahren, mir 
er mit feiner Tochter verfahren war, und fprach bei fih 
felbft: Der alte Narr da möchte wol gern auf Holzwegen 
wandeln; allein es foll ihm nicht gelingen, wie er meint. 
Als nun Gatella fort war, fagte Gherardo: Meine 
theure Nicuola, welch ein Kleid ift dies, das ihr da am 
habt? Wie kann dein Water Ambrogio bir geftatten, 
fo allein auszugehen? Geftehe mir die Wahrheit ein, 
was haft du hier vorgehabt? Biſt du vielleicht gefommen, 
nachzufehen, wie ich mein Hausmefen in Ordnung halte 


85. Die Zwillingsgeſchwiſter. | 37 


und welche Lebensart ich führe? Erſt vor ein Paar Tagen 
ſprach ich mit deinem Vater, da er eben nach Eſi zurück⸗ 
kam, und als ich ihn bat, ſich zu entſcheiden, ob er mir 
dich zur Frau geben wolle oder nicht, ſagte er, er werde 
darüber nächſtens mit mir ſprechen. Ich verſichere dich, 
du ſollſt es gut bei mir haben; das ganze Haus ſoll 
unter deinen Befehlen ſtehen. 

Während er ihn noch verſi cherte, er werde von ihm 
nur eine gute Behandlung erfahren, dachte Paolo bei 
ſich ſelbſt: Sonderbar, das iſt nun heute ſchon das zweite 
Mal, daß ich mit einem andern verwechſelt werde. Die 
Tochter dieſes Alten hält mich für ihren Geliebten Na- 
mens NRomulo, und er meint, ich fei meine Schwefter. 
Aber die Tochter hat ſich wenigſtens nicht durchaus ge⸗ 
täuſcht. 

Gherardo wiederholte einmal über das andere: Nicuola, 

du antworteſt mir nichts? Sage mir, was du beſchließeſt, 
ſo will ich für alles Andere ſorgen. 
Hiermit wollte er ihn küſſen, aber Paolo ftieß ihn 
zurüd und fagte zu ihm: Wenn ihr etwas von mir wollt, 
fo fprecht mit meinem Vater und laßt mich gehen, denn 
ich weiß felbft nicht, wie ich daher gefommen bin. 

Der. Alte, der ihn noch immer für Nicuola hielt, 
entgegnete: Wohlan denn, fo geh! Ich werde mit deinem 
Vater fprechen und ſchon Alles ins Weine bringen. 

Daolo entfernte fi) und begab fich fofort in das 
Haus feines Vaters, mo er den Kattanzio antraf, der 
bereitd um Nicuola angehalten, welche ihm Ambrogio, 
der ihn als einen reichen und edeln Süngling fannte, 
auch, fofort zugefagt hatte. Als Paolo in das Haus trat, 
meinte Lattanzio bei feinem Anblick zu erftarren, und 
hätte Ambrogio nicht in demfelben Augenblice feine Hand 
in bie feiner Tochter gelegt, fo würde er geſchworen haben, 
ed fei Nicuola. Die grenzenlofe Freude, die Ambrogio 
über das, Wiederfehen feines von ihm tobt geglaubten 
Sohnes empfand, läßt fich nicht ausdrüden. Die Freude 


38 XXIV. Matteo Bandello. 


über bie ehrenvolle Verheirathung feiner Tochter fügt 
fih zu der der Wiederauffindung des Sohnes; und fı 
tonnten alle vier nicht aufhören, einander zu liebkoſen 
und Glück zu wünfhen. Das Veſperbrot noucde heit 
gebracht, und indem fie darüber faßen, fiehe da fm 
Gherardo dazu, ber, wie er Nicuola mit Lattanzio [dem 
und Paolo, den er für Nicuola hielt, mit feinem Late 
ſprechen ſah, faft außer fi in die Worte ausbrtach 
Herr Gott, fteh mir beit Ich weiß nicht, ob ich träume 
oder wie mir gefchieht. 

Er faltete die Hände und blieb ftaunend fteben. Pac, 
dem Catella's würzige Küffe hoͤchlich wohlgefallen hatte, 
bat feinen Vater um die Gunft, ihn mie Gherarde! 
Tochter zu vermählen. Ambrogio, mit der Verwandt: 
fchaft zufrieden, erzählte alfo dem Alten, wie er Nicuk 
mit Lattanzio vermählt habe, und bat ihn, Gatella feinem 
Sohne Paolo zur Frau zu geben, worein Gherarde dem 
auh am Ende willigte. So hatte er wider alles Cr 
warten feinen Sohn wieder erhalten, reich und gut ber: 
heirathet, und ebenfo die Tochter wohl verforgt. Pace 
Heß feine Dienerfchaft und fein Gepdde aus dem Gafl 
baufe abholen, behielt zmei Diener für fich und befrit 
digte die übrigen vollkommen. Alle waren voller Freuden 
außer Gherardo, der Nicuola zır befigen gewünſcht hatte. 
Doch beruhigte er fich zulegt. Die beiden Xiebenden abe 
machten fih mit ihren Frauen gute Stunden und tun 
es noch. 








86. Eduard der dritte von England. 39 


86. Eduard der dritte von England. 


(2, 37.) 


An den Gardinal des Titels der Heiligen Johann und 
Paul Monfignor Giorgio von Armignacco. 


Nachdem ich fo vieles und verfchiedenes über bie 
Sache reben gehört habe, ſcheint ed mir, man Tonne 
von diefen Königen von Gngland, ob fie zur weißen 
ober . zur rothen Roſe gehören, da fie ja doch alle von 
einem Stanıme fommen, behaupten, daß faft allen an⸗ 
derer Leute Frauen gefallen haben und daß alle mehr 
nach Menſchenblut gebürftet, als Graffus nach Bold. 
Unb wenn man auch von andern feine Kunde hätte, fo 
hat fchon der, deſſen Zod eben jegt gemeldet wird*), 
fo vieles vergofien, daß man in Wahrheit fagen kann, 
es fei zu unferer Zeit weder unter Chriſten noch unter 
Barbaren ein fo geaufamer Fürft oder Tyrann gewefen, 
der nicht in PVergleihung mit ihm noch für mitleidig 
gelten könnte. Daß ein Zürft, um fich in feiner Herr⸗ 
ſchaft zu behaupten, einen umbringt, der ihn daraus zu 
vertreiben fucht, das ift nichtE Ungermöhnliches noch Neues, 
denn in Wahrheit kann ja ein Weich auch nicht zwei 
faffen. Und wenn mir die Auferung erlaubt wäre und 
heilige Dinge mit ungeweihten zufammengeftellt werden 
dürften, fo würde ich jagen, unfer Herr Gott habe ja 
auch den ftolzen Lucifer nicht im Himmel dulden wollen, 
da dieſer elende ehrgeizige Engel: fi) ihm gleichauftellen 
gedachte. Aber, wie man zu fagen pflegt, mit faltem 
Blute Einen umbringen laffen, und weil Einer meinen 


*) Rab dem Zueignungsſchreiben an den Gardinal ift Heinrich 
der achte gemeint, die Erzählung alfo wol 1547 gejchrieben. 





40 XXIV. Matteo Bandello. 


unorbentlihen Begierden fi nicht fügen will, ihn e 
morden, daß das gut und erlaubt fer, davon merde ih 
mich nie überzeugen. Ich fehäme mich daher oft in 
Stillen, wenn ich höre, wie Manche es fogar Teicht nehme 
Menihen ums Leben zu bringen und zwar nicht mi 
Recht und Gerechtigkeit, fondern einzig und allein, un 
ihren krankhaften Gelüften zu genügen. So hat «© 
liman noch nicht gemacht, welcher gegenwärtig türkiſhe 
Kaifer ift, und von dem man bi8 jegt nicht gehört hat 
daß er feinem Water und feinen Ahnen.nachgeahmt bil 
- welche alle ſtets geneigt waren, diefe und jene umbringr 
zu laffen und namentlich Leute von ihrem eigenen oft 
manifchen Blute; denn man weiß kein Beifpiel anı: 
führen, daß er einem nur fo aus Laune das Leben nahn, 
fondern immer nur aus Gerechtigkeit ober um die Krigk 
zucht aufrecht zu erhalten. Und doc) ift er ein Muhm 
medaner und figt ſchon fiebenundzwanzig Jahre auf dm 
Thron. Man wird mir vielleicht einmwenden, er hi 
Ibrahim Pafcha feinen großen Günftling umbringen lin. 
Darüber will ich euch fagen, was in Venedig von Let 
gefagt wird, welche am Hofe des Großtürken befannt fi! 
und weiche verfihern, Soliman habe gefunden, daß ihm 
Ibrahim in den Kriegen gegen die Perſer ſchlechte Diet 
geleiftet und die Aufträge, die er ihm gegeben, nicht aus 
geführt Habe, und deshalb Habe. er befchloffen, ſich ihn au 
den Augen zu fchaffen. Weil aber Ibrahim anfangs I 
Gunſt war, habe ihm Soliman die unbefchränftefte Sic 
beit und freies Geleite gewährt, und fein Wort und Zuſche 
nicht brechen wollen. Er berieth ſich daher mehrmals mi! 
feinen Prieſtern, welche (ich weiß nicht, in melden Ge 
fegen fie diefe Entfcheidung gefunden haben mögen) ihn 
den Ausfpruch thaten, wenn er dem Ibrahim, währen 
et fchlafe, die Adern öffnen Iaffe, fo breche er damit di 
gegebene Sicherheit nicht. Und wirklich wurde der I 
glüllihe Ibrahim im Schlafe getödtee. Es iſt mir gem 
zum Efel, mich unter fo vielen Todten zu bewegen, zumal 





86. Eduard der dritte don England. 4 


da ihr fo vieles diefer Art erzählt Habt und ich gleichfalls . 
einiges davon berichtet habe. Ich will daher dieſe trüb- 
feligen Dinge voll Blutes und Jammers nunmehr ver- 
laffen und indem ich auf dad komme, was eigentlich den 
Gegenftand meiner Erzählung bilden fol, nur noch die 
Bemerkung vorausfchiden, daß, wie e8 den Appiern an- 
geboren war, Feinde des niedern Standes der Römer zu 
fein, und wie die Scipionen dazu beftimmt waren, in 
Africa zu fiegen, daß es, wie mir fiheint, ebenfo diefen 
englifchen Königen ganz eigenthümlich ift, ihre Bluts⸗ 
verwandten auszurotten und den Adel zu verfolgen und 
Geiftliche niederzumegeln und Kirchengüter zu rauben. 
Um nun auf meinen Gegenftand zu kommen, fage ich, 
dag Eduard König von England, jener erbitterte Feind 
des Königreichd Frankreich, auch einen fehr heftigen Krieg 
mit den Schotfen hatte und fie ſehr in Noth brachte, 
wie in den englifchen Chroniken zu Iefen if. Er nahm 
zur Frau die Tochter des Grafen von Hennegau, von 
welcher ihm mehrere Söhne geboren wurden,’ und unter 
andern der erfigeborne, welcher gleichfalls Eduard hieß, 
der Prinz von Wales, ein in Sachen des Kriegs fehr 
berühmter Jüngling, welcher nicht weit von Poitiers das 
franzöfifche Heer befiegte und mit den Waffen in ber 
Hand den König Johann gefangen nahm und ihn feinem 
Bater nad) England ſchickte. Als nun der König Eduard 
in Krieg mit den Schotten verwidelt war, wobei Wilhelm 
Montacute, fein Feldhauptmann in der Graffchaft Marc) 
in Schottland, Morburg befeftigte und einige ſchöne Unter- 
nehmungen machte, ſchenkte er ihm die Grafſchaft Salis⸗ 
bury und verheirathete ihn ehrenvoll mit einer Jungfrau 
aus gutem Adel. Er fchidte ihn darauf nach Flandern 
in Geſellſchaft des Grafen von Suffolf, wo fie beide von 
den Franzoſen gefangen genommen und nad Paris in- 
das Louvre geführt wurden. In diefer Zeit belagerten 
die Schotten die Burg Salisbury, wobei fich die Gräfin 
keineswegs als junges zartes und fhüchternes Weib benahm, 


42 XIV. Matteo Bandello. 


fondern als eine Camilla und. Pentheſilea bewährte, dem 
fie befehligte mit fo großer Klugheit, Feuer und Kraft ihr 
Soldaten und fügte ihren Feinden fo viel Schaden zu 
daß fie durch die Nachricht, ber König komme dem Plıx 
zu Hilfe, fi) bewegen ließen, die Belagerung aufzubeb. 
Der König, welcher ſchon von Warwick aufgebrochen mır 
und gegen Salisbury vorrüdte, um bie Schotten zube 
fämpfen und ihnen eine Schlacht zu liefern, mar, alda 
von ihrem Wegzug hörte, ſchon im Begriff, den Rüdny 
anzutreten; ale man ihm aber von den großen Belagerung: 
anftalten erzählte, welche die Schotten an der Burg Sali— 
* burg errichtet haben, befchloß er, hinzugehen und fie u 
fehen. Als die Gräfin, welche Wir hieß, von dem Haar 
nahen des Königs Kunde erhielt, traf fie alle erforderlichen 
Vorbereitungen, foweit es in fo kurzer Zeit möglich mat, 
und fobald fie hörte, der König fei in ber Nähe der Bu, 
eilte fie ihm entgegen, nachdem fie erft alle Thore da 
Burg hatte öffnen Iaffen. Sie mar das fchönfte un 
anmuthigfte junge Weib auf der ganzen Inſel, und mi 
fie alle andern Frauen an Schönheit übertraf, chen 
war fie auch jeder andern an Ehrbarkeit und guten Sitte 
überlegen. Als der König fie fo fchön fah und fo mid 
gekleidet, wobei der Kopfihmud und der Aufpug ihr 
ganzen Keibes die angebornen Reize der Frau munderht 
erhöhten, war es ihm, al& hätte er nie in feinem Le 
etwas Kieblicheres und Schoneres gefehen und er fait 
alsbald Liebe für die Gräfin. Sie verbeugte fih m 
ihrem König und mollte ihm ehrfurchts voll die Hin 
küſſen, aber er duldete es nicht, fondern faßte fie freundlid, 
um nicht zu fagen liebevoll, in feine Arme und füfte ſt 
Alle die Barone und Herren, welche mit andern Ei 
leuten fi im Gefolge des Königs befanden, waren übt 
den Anblick einer fo unvergleichlihen Schönheit auf 
ordentlich, erftaunt und vermeinten Fein ſterbliches Be) 
fondern eine göttliche Erfcheinung zu fehen. Mehr ab 
alle aber war der König felbft voll der größten Ir 





86. Eduard der dritte von England. 43 


wunberung und wußte die Augen nicht von ihre zu menden 
ale die Frau, welche auch fihön und hold zu fprechen ver- 
ftand, nachdem fie bem König ihre Ehrfurcht bezeugt hatte, 
demfelben mit wohlgefegten Worten den innigften Dank 
ausdrüdte für die ihr zugedachte Hilfleiftung, und bei- 
fügte, die Schotten haben, fobald fie von feinem Auf⸗ 
bruch von Warwick Kunde erhalten, die Belagerung auf 
gehoben und nicht das Herz gehabt, ihn zu erwarten. 
Und während fie fih fo über die neueften Borfälle 
unterhielten, traten fie miteinander in die Burg unter 
Jubel und Feſtlichkeit. Während das Frühftüd bereitet 
wurde, fühlte dee König, welcher gefommen war, das 
Geſchütz der Schotten zu fehen, fi fo fehr vom Geſchütz 
der Liebe beunruhigt und ben Weg durch die Augen 
zum Herzen eröffnet durch das Bligen der fhönen Augen 
der Frau, daß er kein Mittel wußte, ſich zu vertheibigen; 
im Gegentheil je mehr er daran dachte, um fo fehneller 
fiel eine Mauer um die andere, mit jedem Augenblid 
fhien e6, als ob er fich von diefen fhönen Augen getroffen 
fühlte, und er war unvermögend, feine Aufmerkſamkeit 
anderswohin zu lenken. &r hatte fi) ganz allein an ein 
Zenfter gelehnt, an feine Liebe denkend und auf Mittel 
finnend, wie er bie Neigung der Schönen erwerben könne. 
Mittlerweile, da fie den König fo allein und fo nach⸗ 
denklich fah, näherte fie ſich ihm ehrerbietig und fagte 
zu ihm: Durchlauchtigfier Herr, warum feid ihr fo in 
Gedanken und eure Züge verräthen folhen Zrübfinn? 
Es ift Zeit, euch zu erheitern und euch ber Freude und 
dem Zubel hinzugeben, da ihr, ohne eine Lanze zu brechen, 
eure Feinde verjagt habt, welche eben dadurch, daß 
fie nicht wagten euch zu erwarten, fich für befiegt be- 
kannt haben. Ihr folltet daher aufgeräumt fein und durch 
euren heitern Anblid eure Soldaten ermuntern unb das 
ganze Bolt, das von eurer Miene abhängt. Wie follen 
aber fie fi) erheitern, wenn fie fehen, daß ihr, ihr Haupt, 
verdrießlich ausfeht? \ 


44 XXIV. Matteo Bandello. 


As der König diefe holde Engelöftimme vernain 
und hörte, was fie fprach, befchloß er ihr feine Liebe u 
entdeden und die Frau womöglich zur Erfüllung fan 
Wünſche geneigt zu machen. Wahrlich höchſt wunderbu 
und eindringlich find die Flammen ber Liebe, und fe 
mannichfaltig, indem fie nach ihrer Verſchiedenheit, m 
fie fih anhängen, unterfchiedlihe Wirkungen hervorbringa 
Sieh einen von der glühendften Liebe entflammt, ber Zu 
und Nacht nichts thut als Elagen, weil das Feuer ihm 
allzu große Pein bereitet, in deffen Glut er fich elendigis 
verzehrt; und wenn er gegen feine Freunde und Gefährten 
ſich beflagt, ergießt fi) ein Strom von Worten aus feine 
Munde, welcher unaufhörlich fließend nie vertrodnet; abe 
wenn er feine Geliebte fieht und fich entfchließt, ihr # 
fagen, wie fehr er um ihretwillen in tödtlicher Pein fchmeht, 
fürchtet er fi wie ein Kind vor feinem Lehrmieifter ın 
wird fo flumm, daß er kein gehörige Wort vorbringe 
kann, und fo kann er in ftiller Glut ſich Monate un 
Jahre lang verzehren. Und doch würde ber, welcher er 
den Augen ber Geliebten auf diefe Weiſe -zittert um 
fchweigt, keinen Schritt weichen vor einem, ja vor jun 
gerüfteten Männern und würde vor großen Fürften m 
Königen nicht nur gut, fondern mit fühner und fife 
Stimme feine Angelegenheiten vorbringen. Ein andere 
dagegen wird in demſelben Augenblide, wo er fid ver 
liebt, und wo er durch alle Adern das zarte, gift, 
flüffige Feuer der Liebe fich verbreiten fühlt, das in ihm 
feinen Zoll breit undurchglüht Läßt, fo muthig, daß er, 
fo oft er Gelegenheit hat, mit feiner Geliebten zu ſprechen, 
ihr alle feine Reidenfchaft in heißen Ausdrücken entdedt un 
oft ift auch fchon der erfie Tag feiner Liebe der erfte, an dem 
er feine Glut offenbart. Bon diefer Art war König Eduatl. 
welcher, fobald die Gräfin ſchwieg, mit bemegter Stimmt 
und mit thränenerfüllten Augen alfo zu ihr ſprach: 24 
meine theure Gräfin, meh mir! wie weit find meine Ge 
danken von dem entfernt, was ihr euch vielleicht einbilbtt: 


86. Eduard der dritte von England. 45 


Und während er dies fagte, konnte er fih nicht er- 
wehren, ein paar Xhränen über bie Wangen rollen zu 
taffen. Dann fuhr er fort: Es ift ein glühendes Ver⸗ 
langen, das mich auf das heftigfte beläftigt, und ich bin 
nicht im Stande, es mir aus den Herzen zu reißen; es 
iſt darin entfproffen erft feit ich hier bin und ich weiß 
nicht, was ich beginnen foll. 

Die Gräfin fchwieg, als fie fih den König fo ge 
berden ſah, und wagte nichts zu fagen, ja fie wußte 
auch nicht, was fie hätte fagen follen, bis der König 
mit einem kläglichen Seufzer fie fragte: Was fagt ihr, 
edle Frau? Wit ihe mir feinen Troſt zu reichen? 

Sie ermutbigte fi) etwas und antwortete, da fie 
eher an alles andere, als an die Wahrheit dachte: Mein 
König, ich wüßte nicht, welches Heilmittel ich euch reichen 
folite, da ich ja das große Übel nicht fenne, das euch zu 
beläftigen fcheint. Wenn es euch befümmert, daß ber 
König von Schottland unfere Heimat befchädigt hat, fo 
ift ja doc, der Schaden nicht fo groß, daß er: verdiente, 
daß eine fo hohe Perfon ſich ernftlid darüber betrübe. 
Überdies feid ihr, Gott fei Dank, in der Lage, die Schotten 
durch eine doppelt fo große Verwüſtung büßen zu laffen, 
wie ihr wol fonft fihon gethan habt. Durchlauchtigſter 
Herr, ed ift nun Zeit zum Effen zu kommen und darum 
müßt ihr folche Gedanken verbannen. 

Da wurde der König etwas heiterer und fagte zu ihr: 
Ach meine theure Gräfin, ich fühle, wie mein Herz von 
übermäfiger Pein zerfpringen will, und ich. muß, wenn 
ich nicht mein Leben einbüßen will, euch das Geheimnif 
meined Herzens eröffnen und die Urfache meines pein- 
vollen Schmerzes entdeden, denn mir fcheint, es zieme 
fih weder für euh noch für mid, das fonft noch 
jemand darum wiſſe. So vernehmet denn, daß, ſo wie 
ich in Salisbury ankam und eure unglaubliche über⸗ 
menſchliche Schönheit erblickte, und euer kluges und ehr: 
"bares Wefen, eure Anmuth und Mannhaftigkeit, nebſt 


J 


46 XXIV. Matteo Bandello. 


all den andern Borzügen, die an euch glänzen, wie ein 
Edelftein in helles fhimmerndes Gold gefaßt, daß ich in 
demfelben Augenblicke als euer Gefangener, und von den 
göttlichen Strahlen eurer ſchoͤnen Augen mid, fo verfengt 
fühlte, daß ich nicht mehr mein eigener Derr bin, ſondern 
ganz und gar von euch abhänge, dergeftalt, daß mein 
Leben und mein Tod in eure Hände gelegt find; denn 
fobald ich erkenne, dag ihr zufrieden feid, mid, als den 
eurigen anzunehmen und Mitleid mit mir zu haben, fo 
werde ich leben als der frohefte und glüdfeligfte Menſch 
von der Welt; wenn ihr aber zu meinem Unftern euch 
gegen  diefe weine Liebe fpröde zeigt und euch nicht ge- 
neigt erweifet, dem heftigften Wehe Linderung zu reichen, 
das mich merklich immer mehr verzehrt, wie Feuer das 
Wachs, fo wird in kurzem das Ziel meiner Tage herbei⸗ 
fommen; denn es tft mir ebenfo unmöglih, ohne eure 
Gunſt zu leben, als ein Menſch ohne Seele leben Tann. 
Damit befchloß der König feine Rede und erwartete 

die Antwort der Schönen, welche, fobald fie ſah, daß er 
geendet hatte, mit gefpannter Befonnenheit und mit ernfter 
fittfomer Miene ihm alfo antwortete: Hätte ein anderer, 
als ihr, mein König, diefe Worte zu mir gefprochen, fo 
weiß ich wohl, welche Antwort er von mir hätte erhalten 
folen. Da id aber wohl merke, daß ihr Spaß treibt 
und aus Scherz euch über mid, luſtig macht, oder vie. 
leicht mich auf die Probe ftellen wollt, fo will ich euch, 
um biefe Unterhaltung auf einmal abzufchneiden, fagen, 
dag mir auch nicht ein einziger Grund dafür zu fpredhen 
ſcheint, daß ein fo edler hoher Fürft, wie ihre, nur auf 
den Gedanken gefchweige zu dem Entichluß kommen Zönne, 
mir meine Ehre zu vauben, die mir theurer fein muß, 
ale mein Leben. Auch werde ih nun und nimmermeht 
glauben, daß ihr fo wenig Rückſicht nehmt auf meinen 
Bater und meinen Gatten, die um euretwillen als Ge 
fangene in der Gewalt des Königs von Frankreich unferes 
Todfeindes find. Gewiß, durdylauchtigfier Herr, ihr würdet 








86. Eduard der dritte von England. 47 


ſehr in der Achtung der Welt verlieren, wenn man von 
diefer ungeregelten Begierde erführe, und würdet auch 
von mir nie etwas erlangen, da ich nie daran gedacht 
habe und jept eben fo wenig baran denfe, meinem Ge⸗ 
mahl Schmach anzuthun, denn ich bin entidhloffen, die 
eheliche Treue, die ich bei meiner Vermählung ihm ge- 
lobt babe, rein und unbefledt zu erhalten bis an mein 
Ende. Und wenn ih je daran dachte, eine ähnliche 
Riederträchtigkeit mit irgend einem Manne zu begehen, 


fo würde es euch, mein Konig, zukommen, bei der Ge⸗ 


fangenfchaft meines Vaters, meines Gatten und aller 
meiner Angehörigen mich darüber eindringlich zu tadeln 
und mir die gebührende Züchtigung angedeihen zu lafjen. 
Darum, ritterlicher Herr, der ihr andere zu befiegen und 
zu unterwerfen pflegt, befiegt und unterjocht euch felber, 
reißet die unordentlichen und unehrbaren Lüfte aus eurem 
Herzen und habt Acht auf die Erhaltung und Mehrung 
des Reiche. 

Die Begleitung, die dee König bei fich hatte, glaubte, 
als fie diefe vertrauliche Unterredung bemerkte, fie fprechen 
von der überfiandenen Belagerung und vom Kriege. Unter- 
deffen kam der Senefchalt und verkündete, die Mahlzeit fei 
bereit. Der König ging deshalb weg und fegte fich zu 
Tiſch, aß aber nichts oder nur fehr wenig, da er ganz 
in Gedanken und feiner übeln Laune hingegeben war. 
So oft er einen paffenden Zeitpunkt erfah, der Frau 
vom Haufe feine Kiebe anzubeuten, warf er gierige und 
leidenſchaftliche Blicke auf fie, und wenn er auch fuchte, 
das kochende helllodernde Feuer zu dämpfen, Das ihn auf 
erbärmliche Weife verfengte, fo machte er ed nur um fo 
größer, und verſtrickte fi) immer mehr in das Liebesneg, 
wie ein Vogel an ber Leimruthe. Die Barone und andere, 


welche diefe ungewöhnliche Haltung des Königs bemerkten, 


wunderten ſich fehr darüber; doch Eonnten fie die mahre 
Urfache nicht errathen. Der König blieb.den ganzen Tag 
in Salisbury, betrachteft die von den Schotten zurüd- 


As XXIV. Matteo Bandello. 


gelaffenen Belagerungsanftalten und ſprach ausführlih 
darüber mit feinen Leuten, hatte aber daneben feine Gr 
danken beftändig bei der fittfamen Antwort, die ihm di 
Dame gegeben hatte. Jemehr er aber die Wahrheit ihr 
Gründe und die Ehrbarkeit ihrer Gefinnung achtete, dei 
mehr verſank er in Betrübniß, ja in Verzweiflung darükr 
daß er feine Abficht nicht erreichen werde, melde und 
änderlich dahin ging, mit ihr die Freuden ber Liebe u 
genießen. Es ift in der That merkwürdig, daß faft al 
diefe wollüftigen Liebhaber, wenn fie in Geſellſchaft ihr 
Bekannten find, wofern fie überhaupt einige Sitte ın 
Anftand befigen, immer die Frauen preifen, melde f 
lieben, fie mit rühmenden Worten bis in den bri 
Himmel erheben und nie müde werden, fie zu erhöhe 
und zu empfehlen. Gewöhnlich fodann, wenn fie ihm 
alte Lobſpruͤche ertheilt haben, die ihnen einfallen, al 
über ihre Schönheit, Anmuth, Freundlichkeit, Beleidn 
beit, Klugheit, Verftand, edles Benehmen und Gefäligk 
fo ift die hehrſte und feltenfte Tugend, die fie mit Mu | 
pomphafteften Lobpreifungen erheben und in Gefinm | 
zu feiern ſich abmühen, der an keiner Frau jemald nd | 
Gebühr zu preifende Vorzug der Keufchheit und Sitten | 
keit. Diefe Tugend wird an den Frauen fo fehr wert | 
gehalten und geachtet, und macht fie fo fchägbar, ja malt 
haft bemundernswürdig, daß, wenn fie alle Reize m 
löbliche Eigenfchaften befäßen, welche dem weiblichen &r 
fehlechte zukommen, und dieſe eine ginge ihnen ab, R | 
ganz und gar die Achtung und die Ehre verlieren ın 
zu Weibern des Pöbels herabfinten. Die Liebhaber mi, 
fo fehr fie an ihren Geliebten den Loftbaren Schah de 
Sittſamkeit erheben, empfinden dennoch, wenn fie du 
eigene Erfahrung kennen lernen, daß fie keuſch fm | 
darüber das größte Misbehagen und möchten gerne, I 
fie gegen alle andere Männer im höchften Grade ſitſm 
fpröde und ſtreng wären, wofern fie ſich nur gm 
gefällig und gegen ihre eigenen unehrbaren Gelüfle fügln 








86. Eduard der dritte von England. 40 


finden liefen. Wenn fie aber bie Erfüllung ihrer wollü⸗ 
fligen Wünfche nicht erreichen, fo nennen fie jene keuſche 
Gefinnung und jenes ſchamhafte Benehmen, das fie vorher 
immer lobten und fo hoch erhoben, Grauſamkeit, Hoch- 
muth und Stolz. Go machte e8 auch der König Eduard, 
als er fah, dag die Gräfin feft auf ihrem Vorfag beharrte 
und fi feinen Bitten keineswegs fügte, fondern immer 
widerfpänftiger dagegen fich zeigte, und nannte fie einen 
wilden Tiger, ein eigenfinniges graufames Weib. Da 
er wegen anberer bringender Gefchäfte nicht Zeit hatte, 
länger in Salisbury zu verweilen, brach er in der Hoff- 
nung, fpäter einmal beffere Gelegenheit zur Förderung 
feinee Wuͤnſche zu erhalten, am folgenden Tag mit dem 
Zrüheften auf und ging fort. Als er von der Dame 
Abfchied nahm, fagte er leife zu ihr, er bitte fie, ſich 
über dieſe Sache eines Beſſern zu befinnen und Mitleid 
mit ihm au haben. Sie aber antwortete ihm ehrerbietig, 
fie bitte Bott, diefe Gedanken aus feinem Sinne zu ver- 
bannen und ihm Sieg über feine Feinde zu verleihen. 
Mittlerweile war der Graf ihr Gemahl aus der Gefangen- 
ſchaft frei geworden, kurz darauf aber, fei es in Folge 
Des erbuldeten Ungemachs oder was die Urſache ſein mochte, 
wurde er von einer ſehr ſchweren Krankheit befallen und 
ſtarb, ehe ihm noch ein Erſatz zu Theil wurde; und da 
er von ſeiner Gattin Alix keine Söhne noch Töchter er⸗ 
“halten, noch auch ſonſt einen Erben hatte, ber ihm hätte 
folgen können, fo fiel die Grafſchaft Salisbury wieber 
in die Hände des Königs zurüd. Die Frau war äuferft 
betrübt über den Tod ihres Gemahle und zog fi nach 
einigen Tagen in das Haus ihres Vaters, des Grafen 
von Warwick zurück, welcher als einer ber Mäthe des 
Königs in London wohnte. Es war in jener Zeit ein 
Krieg in der Bretagne zwiſchen Karl von Blois, welcher 
fih zum Herzog der Bretagne hatte erklären laſſen, und 
der Gräfin von Montfort, der früheren Herzogin des 
Landes. Der König von Frankreich begü J Karl 
Rieuaniſher Novellenſchatz. IV. 


50 XXIV. Matteo Bandello. 


von Blois feinen Vetter und Eduard gewährte ber Gräfn 
alle mögliche Hilfe, nachdem er erſt einen Waffenftiliten 
mit den Schotten gefchlojjen hatte. Aus Veranlafun 
dieſes Krieges wohnte er jegt in London und ſobald « 
erfuhr, dag Alix ſich bierher zurückgezogen hatte, dad 
er, feine Liebfchaft einigermaßen fördern zu koͤnnen. Dr 
König hatte diefe Erinnerung in feinem Herzen immt 
feftgehalten und vermochte feine Gedanken durchaus nid! 
auf einen andern Gegenftand zu lenken. Die Dame mı 
nunmehr fünfundzwanzig bis fechsundzwanzig Jahre alt 
und nahm fi in ihrem Witwenkleide beffer aus als je. 
Wie ſchon gefagt, war fie außerordentlich fchon und tr: 
band mit biefer hohen Schönheit und Anmuth und ihre 
andern frhönen Eigenfchaften die vollfommenfte Sitten 
Zeit, was denn dem König die bitterfte Zeit bereite, 
ihr felbft aber am Ende, wie ihr hören werdet, bie emigt 
Scligkeit verdiente. Der König alfo liebte mehr alt r 
und fegte alle diejenigen Mittel ins Werk, durch weil 
man bie Gunft und Liebe einer Frau erwerben zu fonne 
behauptet. Da es aber dennoch mit der Erfüllung fu 
Wünfche Beinen beträchtlichen Schritt vorwaͤrts ging, vu 
zweifelte er faft an allem Erfolg feiner Liebe, und it 
ſich nicht losmachen wollte noch konnte, wußte er mit 
zu flerben, noch konnte er ſich des Lebens freuen. E 
war mehr als neun Monate, daß er fo unglüdlic let 
und fo oft er fie fah, glühte er immer von neuem Ir 
langen; er liebte fie mehr als alle gefchaffenen Bin 
und nicht mie feine Unterthanin, fondern ſchaͤtte und MT 
ehrte fie, als wäre fie die einzige Kaiferin der ganzen Bel: 
Doc mäßigte er ſich in fo weit. und hielt feine Bay! 
im Zaum, daß er fo viel als moglich allen Andern dir 
feine glühende Liebe verhehlte und verborgen hielt. Fu 
einen feinex vertrauteften Kammerdiener hatte,er mit U 
dad Geheimniß gezogen; mit ihm fprach er dann oft im 
der Frau und von ihrer grauſamen Sprödigkeit und glauft 
badurch einigermaßen feinen Liebesflammen Crxleichterug 


‚ 86. Eduard der dritte von England. 51 


zu gewähren. In der That muß jeder Liebende verfchwiegen 
fein, denn die Liebe erheifcht Verfchwiegenheit und Treue, 
und nicht nur muß er fparfam fein mit Worten, welche 
einem Andern Kunde und Anzeichen geben könnten, welche 
Frau er liebt, fondern noch viel mehr behutfam in feinen 
Handlungen, damit nicht das allzu häufige Vorübergehen 
vor ihrem Haufe oder die vielen Höflichkeitöbezeugungen . 
mit jenen Männden und Thorheiten in fpanifcher Weiſe 
den Leuten das offenbaren, was man möglichft geheim 
halten muß. Ich will jegt nicht von denen fprechen, 
welche, fobald fie eine Frau fehen, die ihnen gefällt, 
anfangen ihre den Hof zu machen mit mehr Ceremonien, 
ale in ber päpftlichen Eapelle zu Nom, und die fich fo 
gefhidt benehmen, daß in weniger als einer Woche bie 
ganze Stadt merkt, daß fie eine Abficht auf jene Frau 
haben. Geht die Frau zur Kirche, fo laufen folche Leute 
ihr auf dem Fuß nach und weichen Tag und Nacht nicht 
von ihrer Spur. In der Kirche fodann ftellen fie ſich 
ihr fo gegemüber, und heften ihre Blicke feft auf ihr 
Geſicht, ald wären fie darauf feftgebannt und verfteinert. 
Diefelde Haltung nehmen fie bei Feten, Zänzen und 
Spielen ein und begleiten fie auf den Straßen mit lauten 
feurigen Seufzern, fobaß die Frau nie einen Schritt thun 
kann, ohne daß ihren Ohren der läftige Zon der Seufzer, 
‚ihren Augen bas nachläffige Gehaben diefer zudringlichen ' 
BVerliebten begegnet. Und noch nicht zufrieden mit diefen 
öffentlichen Schauftellungen, vielleicht aus Beſorgniß, die 
Leute möchten nicht merken, was fie thun, wollen fie auch 
noch mit wirflihen Morten fich bemerklich machen; denn 
wo fie immer find, wiflen fie von nichts zu fprechen, als 
von ihrer Geliebten, und meinen, man müffe fie höher 
achten, weil fie folche Albernheiten begehen. Aber Gott 
bewahre alle anmuthigen Frauen vor diefen ruhmredigen 
Narren, welche nachher fo weile find, daß, menn fie 
einen freundlichen Blick befommen, fie davon auf ben 
Märkten predigen. Stellt euch hiernach vor, was fie 


ß 3% 


52 XXIV. Matteo Bandello. , 
thäten, went fie von ihren Geliebten eine ausgezeichnet 
Sunft empfingen. Ich glaube, fie würden Trompeter an 
jede Straßenecke hinftellen, um ihre Liebeshändel bekannt 
machen zu laſſen. Wie ich nun foldye Unverfchämte tadele, 
und die Frauen ermahne, ſich vor ihnen zu hüten, wie 
vor der Peſt, fo habe ich ’allen Grund, diejenigen um 
fo viel mehr zu preifen, welche im Stillen lieben un 
ſich fo halten, daß fie ihren Geliebten wohl zu merken 
geben, daß fie ihnen dienen, ohne öffentlichen Ausruf, 
ohne die Luft mit Seufzern zu füllen, daß es ausfict, 
als hätten fie einen Atna im Leib, und ohne bie Leute 
irgend etwas merken zu laffen. Und weil ed Leute gilt, 
bie, wenn fie eine Frau von Stande lieben, nicht wolle, 
daß diefe Liebe irgend jemand in der Welt offenbar werk, 
fondern daß, mer liebt, in Schweigen glühe, fo bin id, 
wenn er nicht durch fich felbft einen Weg hat, fi der 
Geliebten zu entdeden, ber entgegengefegten Meinung 
und hege bie beftimmte Anfiht, daß es für jeden, de 
liebt, fei e6 hoch oder nieder, nothwendig iſt, einen wer 
trauten Genoſſen zu haben, aber nicht mehr, und dafe 
diefem feine geheimen Gedanken mittheile. Denn es bi 
noch niemand bezweifelt, daß oft, wer glühend lic, 
Augen und Sinn dermaßen verblendet hat, daß in vielen 
Fällen, welche vorkommen Tonnen, er ſich nicht Tosmadır 
und ohne fremde Hilfe nicht rathen kann. Es iſt gmii, 
wenn ein folcher nicht jemand hat, ber ihn beräth, fr 
wird er taufend ungeheure Irrthümer begehen, und kr 
. leitet von blinder Leidenfchaft unüberlegt feine zügellofer 
Wünſche zur Ausführung bringen und vielleiht eine foldt 
Thorheit begehen, daß Salomon mit all feiner Weisheit 
fie nicht mehr einrichten könnte. Wenn er aber eina 
Freund hat, der ſich ihm durch lange Erfahrung di 
getreu und Hug bewährt hat, fo kann er in deffen B 

die ganze Bürde feiner Gedanken und jedes Geheimnd 
feined Herzens frei entlaffen und niederlegen. Soden 
fann der Freund, dem von ber Leibenfchaft der Lich 

0) 















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86. Eduard der dritte von England. 53 


nicht die Augen des Verſtandes umhüllt find, ohne Be . 
fahr. alles rathen und wird taufend paffende Mittel, nach 
dem Bedürfniß, auffinden, die der von der Leidenſchaft 
behaftete und in die Netze der Liebe verſchlungene nicht 
in Anwendung zu bringen weiß. Wie ſoll denn, wenn 
in unglücklichen Verhältniſſen der Liebende in tauſend 
Widerwaͤrtigkeiten verwickelt bleibt, wenn er ſich abge- 
wieſen ſieht, wenn er erkennt, daß er ſich umſonſt ab⸗ 
müht und daß feine Knechtſchaft der Frau, ber er folgt, 
nicht: theuer ift, wie, fage ich, fol er ein Mittel finden 
für feine Schmerzen und von felbft ohne fremde Hilfe 
ſich aufrichten, wenn er nicht jemand. bat, dem er feine 
Leiden mittheilen und mit dem er manchmal verhandeln 
ann, welches ber fichere Weg ift und welches Verfahren 
er als das zuverläffigere verfolgen fol? Denn eine Freude 
und ein Vergnügen, das der Liebende genießt und das er 
niemand mittheilen kann, gewährt nicht halb fo viel Luft, 
als dasjenige, dad man einem Freunde eröffnet; denn die 
Sreuden und Genüffe, melde bie Liebe ihren Jüngern 
bereitet und die in einer einzigen Bruſt verfchloffen bleiben, 
ermangeln fehr der vollendeten Luft und bleiben ſchwach 
und froftig; während diejenigen, die bem treuen Genoffen 
geoffenbart werden, fortwährend größer werden und imnter 
neue Befriedigung gewähren. Und was ich hier von dem 
Manne fage, muß ich glauben, daß auch der Tiebenden 
Frau Bebürfnig ift, da in der Regel die Frauen alle 
fammt von ſchwaͤcherem und zärterem Temperament find, 
als die Männer, und von Natur theilnehmender und mit- 
leidiger, auch weniger fähig, die Flammen der Liebe zu 
ertragen, fobald ſi e das gewöhnliche Maß überſchreiten, 
da fie, verzeiht mir, ihre Männer, inbrünſtiger und mit 
größerer Hingebung lieben, ald wir, und nit fo zu 
heucheln und fich zu verftellen wiffen, wie viele thun, 
Die ed wie einen Triumph anfehen, wenn fie diefe und 
jene angeführt haben. Um aber zu umferer Geſchichte 
zurüdzufehren, fo wußte jedermann, aus dem ungewöhnten 


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54 XXXXIV. Matteo Banbello. 


Reben, das der König führte, daß er von Liebe glühe; 
wen er aber liebe, das konnte niemand ahnen, weil e, 
um ſich nicht zu verrathen, ſich vor allen Damen ver- 
neigte und ihnen feine Ehrerbietung bezeugte, je nad 
Maßgabe ihres Ranges und Standes; aber über all 
und mehr als alle war die fchöne Alix von ihm vercht 
und angebetet. Sie, bie von hochftrebendem Geift und 
ſehr verftändig ‚war, merkte leicht, Daß der König damit, 
daß er den Drt verändert, feine Gefinnung nicht ver 
ändert habe und daß er in der That noch derfelbe fa, 
wie er fih in Salisbury ausgefprochen Hatte. Nichts 
defto weniger kümmerte fie ſich nichts um feine Liebe, 
entfernte ſich nicht von ihrem Leufchen Vorfag, und wenn 
ein Anlaß war, ihm Ehre. und Hochachtung zu beimeifen, 
fo verbeugte fie ſich vor ihm als ihrem König und Hemm, 
zeigte aber buch ein gewilfes Etwas in ihrem Geſicht 
dem Könige zur Genüge, baf er ſich vergeblich bemühe, 
ihre Liebe zw erwerben und zu genießen. Wie aber, ie 
mehr fie fich ſpröde bezeugte, deito mehr gerieth der König 
in Flammen und firengte fih an, mit offeneren Erf 
rungen und Liebeshandlungen ihr deutlich zu machen, 
was ihr bereitö deutlich genug war; als daher die fitt- 
fame und anmuthige Alix fah, daß der fchlimme Zu 
fand des Königs nur noch fchlunmer wurde und jean 
Leiden ftets im Zunehmen begriffen war, um ihm nicht 
Veranlaffımg zu geben, etwas zu beginnen, was ihr hätte 
zur Schmach ausichlagen können, ba fie auch nicht dm 
entfernteften Eleinften Gedanken hatte, ihm nachzugeben, 
faßte fie den Entfchluß, alle Gründe aus dem Wege zu 
räumen, welche ben König verleiten könnten, fie zu lieben. 
"Sie fing daher an, feltener auszugeben, fie ließ ſich aud 
feltener am Fenſter bliden, und wenn es unvermeidlid 
war, einen Ausgang zu machen, fo Eleidete jie ſich in 
gemeine Kleider und mied alle Straßen und Orte, we 
fie dem König begegnen zu können glaubte In kurzem 
‚merkte er dies und da er von übergroßem Liebesfchmer 


86. Eduard der dritte von England. 55 


faft umkam, war er nahe daran, Gewalt zu gebrauchen. 
Weil aber, wer wahrhaft verliebt ift, niemals verzweifelt, 
vielmehr aufs Eifrigfte immer, wie ein Spürhund der 
Fährte des Wildes nachforſcht, -die feiner Geliebten und 
fo lange verfolgt, bis er eine Spur von ihr findet, Tieß 
er auch nicht nach und fuchte fo lange, daß Alix felten 
ausging, ohne daß er wußte, wann und wohin fie ging; 
da lief er ihr dann drei, vier Mal in den Weg und 
weidete wenigſtens feine Augen an ihrem holden liebens⸗ 
würdigen Anblid. Wie gefagt, legte fie grobe Gewande 
an und fah fo ohne ihre gewöhnlichen Kleider mehr einer 
Nonne ähnlich, als einer meltlichen. Aber die Wunde 
war in den Buſen des Königs fo tief gefhlagen, daß 
die Frau durch al ihr Nachlaffen den König nicht viel 
half, denn wie unfer lieblicher Petrarca ganz richtig fagt, 
die Wunde nimmt nicht ab durch dad Nachlaffen des 
Bogens. Dann war Alig natürliche Schönheit fo groß, 
daß, wenn fie auch in das rauhefte und gemeinfte Tuch 
von der Welt gekleidet: gewefen wäre, man doc immer 
gefehben hätte, daß fie fehr ſchön war. Da nun ber 
König fah, daß er es nicht dahin bringen konnte, daß 


fie mit feiner Liebe Erbarmen hatte, ließ er mehrmals‘ 


feinen vertrauten Kammerdiener mit ihr fprechen, verhieß 
ihr Alles, was ihr Mund begehren könne, und ließ die 
jenigen Liebesworte in Anmendung bringen, die man bei 
ähnlichen Gefandtfchaften zu fprechen pflegt. Sie aber, 
die in ihrem keuſchen Vorhaben fich ernftlich feftgefegt 
hatte, gab dem Kammerdiener bdaffelbe zur Antwort, 
was fie dem König in Salisbury ſchon felbft gefagt hatte. 
Der Kammerbdiener mochte fagen fo viel er wollte, und 
alle Beredfamkeit und Redekunſt aufbieten, wie fie nur 
einem Demofthene® und Cicero eigen war, er fonnte 
feine freundliche Antwort aus ihr herausbefommen. Und 
da der König die Härte merkte, die ihm doch allzu roh 
däuchte, unterließ er doch nicht, ungeachtet er unendlichen 
Schmerz darüber verfpürte, noch drei ober vier Mal die 


4 





56 XXIV. Matteo Bandello. 


Zeftigkeit der Fran ‚auf bie Probe zu ftellen; aber all 
Mühe war hinausgeworfen, benn fie hatte bei ſich be 
fchloffen, eher zu fterben, als ihre Ehre zu verliere. 
Da nun der König fah, daß, was er auch unternahm, 
ihm nicht vorwärts half, daß es vielmehr von Tag zu 
Tag ſchlimmer mit feiner Sache fland, kam er auf ben 
Argwohn, ihr Vater möchte die Veranlaffung ihrer Härte 
fein, denn er konnte nicht glauben, daß je in dem Herzen 
einer jungen Frau eine ſolche und fo heftige Starrheit 
wohnen könne, wenn fie nicht von einer Perſon, bie 
Einfluß auf fie übe, mit befländigen Bähungen genäht 
und erhalten werde. Diefe Annahme verurfachte dem 
König unendliche Schwermuth und das äußerſte Misver⸗ 
gnügen; benn eine große Gereghtigkeit ift dem Liebenden 
eine ſchwere Beleidigung. Nach verfchiedenen Gedanken und 
Überlegungen, die er bei fich felbft anftellte, da er fi 
: vornahm, bie Gewalt bit auf das Legte aufzuheben, fam 
er auf den Einfall, geblendet von der Fleifchesluft, wir 
er war, mit ihrem Vater offen zu fprechen, und mit 
Verheißungen, Schmeicheleien und Vermehrung der Ein- 
fünfte in Wort und That nicht nachzulaffen, bis er mit- 
tel deſſelben in den Befig der Tochter gekommen mare. 
Siehe da zu welcher Verblendung, zu welchem ungeheure 
Irrſal die finnliche ungeordnete Liebe ben von ihr befan- 
genen Menfchen bringt, daß fie ihn glauben macht, & 
fei ein Leichtes, einen Vater zu überreden, daß er fein 
eigene Tochter zur Waare herabwürbige und, als wäre 
fie ein Reitpferd, miethweiſe ausleibe. Man fieht deutlich, 
dag folche Leute durchaus den Gebrauch der DBernunft 
verloren haben. Denn wenn fit auch manchmal Bäter 
und noch viel öfter Mütter. finden, die fo wenig taugen 
und fo verrucht find, daß fie ihre eigenen Töchter ums 
Beld verkaufen, wie bie Mepger das Fleifh auf de 

Schlachtbank, fo müffen wir darum doch von felbft er 
roͤthen, fo oft wir daran denken, fie dahin bringen zu 
wollen, ein fo fchimpfliches Verbrechen zu begehen, ge 








86. Eduard der dritte von England. 57 


fchweige, wenn wir fchamlos von folchen Dingen mit 
ihnen reden. Wol war ber König Eduard völlig von 
blinder Begier umnebelt und außer fi), da.er im Sinne 
hatte, von feiner Angelegenheit mit dem Grafen Richard 
zu fprechen. Nachdem er nun diefe Überlegung angeftellt 
und reiflidy bebacht und überdacht hatte, was er fagen 
wolle, theilte er Alles feinem vertrauten Kammerdiener 
mit und bat ihn auch darüber um feinen Rath. Der 
Kammerdiener, ein Eluger Jüngling mit offenem Kopfe, 
hielt es für allzu unverftändig, bei einer folchen Veran- 
laffung die Dienftleiftung des Vaters anfprechen zu wollen, 
um die Tochter zu verführen, und fagte, ed wäre übel 
gethan, wenn er ſich dem Grafen Richard bei biefer 
Angelegenheit entdedte; er müffe fi) im Gegentheil vor 
diefem mehr in Acht nehmen, als vor fonft jemand; 
Dabei führte er viele Gründe an, die ihn zu ‚diefem Aus- 
fpruche bewogen, und beurfundete die fefte Überzeugung, 
daß der Vater nie zu einer folkhen Verruchtheit feine 
Zuflimmung geben würde. Und möge auch daraus ent- 
fpringen, was wolle, verficherte der Kammerdiener, es 
fcheine ihm ein gar zu unanftändiges Verfahren, wenn 
er den Grafen zu einer folchen Angelegenheit in Anfpruch 
nehme, die eines Tages eine gefährliche Verirrung zur 
Folge haben könne; allein er predigte tauben Ohren. 
Der König war num einmal auf diefen Gedanken ver- 
fallen, er fchien ihm zweckmäßig und fo wollte er ihn 
auf jede Weiſe ins Werk geſetzt wiſſen. Der Graf Ri⸗ 
chard war ein ſehr wackerer Mann und in ber Kriegs⸗ 
kunſt ſehr berühmt, auch hatte ſich ſeine Biederkeit und 
Mannhaftigkeit kurz zuvor in den in der Guienne ge⸗ 
führten Kriegen klar ans Licht geſtellt und den Vortheil 
der Engländer gefördert. Von Kindheit. auf war er mit 
dem Water bes Könige aufgezogen worden, ſtand am 
Hofe lange Zeit in großer Achtung und war. oft zur 
Ausführung ehrenvoller Unternehmungen berufen, aus 
welchen er ſtets mit großem Ruhm hervorging, weshalb 
3** 


- 


58 : XXIV. Matteo Bandello. 


er denn allgemein auf der ganzen Infel geliebt und ge- 
ehrt wurde. Als nun der König entfchloffen war, mit 
ihm zu fprechen, ihm feine Artgelegenheiten zu erzählen 
und ihn um Hilfe zu bitten, ließ er ihn rufen mit ber 
Bemerkung, er babe ihm etwas im Vertrauen mitzutheilen. 
Als der Graf die Borfchaft vernommen hatte, kam ex 
ſchnell zum König, welcher ihn ganz allein in einem ge 
heimen Gemache erwartete. Als er dort angelangt und 


. nach der Anweifung des Könige die Thüre gefchloffen 


war, machte er ihm zuerft die fchulbige Verbeugung unb 
wartete, was der König ihm befehlen würde. Diefer ſaß 
auf einem Feldbette und Iub den Grafen ein, gleichfalls 
neben ihm darauf Plag zu nehmen. Er wollte zwar 
aus Ehrfurcht nicht darein willigen, endlich aber, als 
der König nicht nachließ, folgte er feinem Befehl und 
fegte fich nieder. Der König wartete eine Weile, ohne 
ein Wort zu ſprechen; dann nach vielen Seufzern, bie 
er in Menge ausftieß, mit thränenfchweren Augen begann 
er alfo zu fprechen: Ich babe euch hierherkommen laſſen, 
mein Graf, aus Veranlaffung eines fehr drängenden Be⸗ 
dürfniffes, das mir nicht minder am Herzen liegt, als 
mein eigenes Leben, und ich weiß nicht, ob je in einem 
Glückfall, der mir begegnet ift, und doch find mir viele 
und ſehr gefährliche augeftoßen, ich mich in folcher Wider⸗ 


wöärtigteit und in fo verdrießlichem Leidweſen befunden 


babe, wie das, in bem ich jegt bin; denn ich fühle wich 
von meinen: Leibenfihaften fo befehdet und überwunden, 
daß, wenn nicht irgend eine Erleichterung in kurzem dafür 
erfolgt, fie mich gewiß zum verzweifeltfien Tode führen 
werden, den je ein Menſch erbuldet bat. In ber That 
kann fich der für felig Halten, der mit bem Zügel ber 
Bernunft feine Sinue in der Gewalt hat und von ent 
feffelten Wünſchen fich nicht hinreißen läßt; und wer 
anders urtheilt, den, glaube ich, muß man nicht einen 
Menſchen, ſondern vielmehr ein umvernünftiges Thier 
nennen, denn dadurch find mir einzig unb allein von 








86. Eduard der britte von England. 59 


ben Thieren unterfchieben, welche Alles was fie thun 
nah dem Zug ihres natürlichen Inſtinktes ausführen 
und vollziehen und in Allem ber Begierbe folgen. Wir 
aber fönnen und müſſen mit dem Maße der Bernunft 
unfere Handlungen meſſen und basjenige wählen, was 
und am meiften rechtmäßig unb ber Gerechtigkeit ent- 
fprechend fcheint. Und wenn wir manchmal vom rechten 
und wahren Wege abirren, fo liegt bie Schuld nur an 
uns, bie wir, gelodt von einem fcheinbaren falfchen Ver⸗ 
gnügen uns von ber unorbentlihen Luft von dem rechten 
Pfad und ſichern Wege entfernen laffen und dann in 
größter Haft köpflings in tiefe Abgründe ſtürzen. Ich 
Elender, dreimal Elender, ber ich alles das einfehe und 
verſtehe, und begreife, wie jählinge meine unordentliche 
‚Begierde mi von der Heerſtraße abführt, ohne dag Ich 
weiß noch im Stande bin, mich zurüdzuhalten und auf 
die wahre Bahn zurückzukehten und biefen thörichten 
Gedanken den Rüden zuzumenden! Ich fage: ich bin 
nicht im Stande, und follte fagen: ich mag nicht, oder 
vielmehr: ich möchte wol, aber fo weit habe ich mich 
von meinen Leibenfehaften, von meinen Begierden und 
meinen ungeregelten Lüften fortreißen laſſen, fo ſehr 
meinem unfdidlihen Verlangen den Zügel freigegeben, 
dag ich ihn nicht mehr zu mir zurüdfordern mag. Ich 
bin wie einer, der verführt von der Annehmlichkeit, ein 
Bild in einem dichten Walde zu verfolgen, ihm fe tief 
hinein nachgebt,: daß er naher den Weg zur Rückkehr 
micht mehr zu finden weiß, vielmehr, je weiter er drinnen 
herumirrt, um fo mehr fich verwidelt und vertieft und 
vom wahren Pfade entfernt. Wie nun auch bie Sache 
fei, alles dies habe ich euch davon gefagt, men Graf, 
nicht, weil ich nicht meine ſchwere Verirrung einfehe, 
fondern bamit ihr erfennet, baß ich nicht mehr mein eigen 
bin und nicht mehr meine Freiheit in ber Hand Habe, 
und ihr daher euch meiner annehmt, erbarmt und mid 
bemitleidet; denn, um bie Wahrheit zu geftehen, ich bin 


58 ZXIV. Matteo Bandello. 


er deun allgemein auf ber ganzen Infel geliebt und ge- 
ehrt wurde. Als nun der König entfchloffen war, mit 
ihm zu fprechen, ihm feine Artgelegenheiten zu erzählen 
: und ibn um Hilfe zu bitten, ließ er ihn rufen mit ber 
Bemerkung, er habe ihm etwas im Vertrauen mitzutbeilen. 
As der Graf die Botfchaft vernommen hatte, kam er 
fchnell zum König, welcher ihn ganz allein in einem ge 
heimen Gemache erwartete. Als er dort angelangt und 
nach der Anweiſung bes Könige die Thüre gefchlofien 
war, machte er ihm zuerft die fchuldige Verbeugung und 
wartete, was ber König ihm befehlen würde. Diefer faf 
auf einem $eldbette und lud den Grafen ein, gleichfalls 
neben ihm darauf Plag zu nehmen. Cr wollte zwa 
aus Ehrfurcht nicht darein willigen, endlich aber, als 
der König nicht nadhließ, folgte er feinem Befehl und 
fegte fi nieder. Der König wartete eine Weile, ohne 
ein Wort zu fprehen; dann nad, vielen Seufzern, die 
er in Menge ausftieß, mit thränenfchweren Augen begam 
er alfo zu fprechen: Ich babe euch hierherfommen Laflen, 
mein Graf, ans Veranlaſſung eined fehr drängenden Be 
bürfniffes, das mir nicht minder am Herzen liegt, al 
mein eigenes Leben, und ich weiß nicht, ob je in einem 
Glückfall, der mir begegnet ift, und doch find mir vice 
und fehr gefährliche zugeftoßen, ich mich in folder Wider⸗ 
waͤrtigkeit und in fo verdrießlichem Leidweſen befunden 
babe, wie das, in dem ich jegt bin; denn ich fühle mich 
von meinen Leidenſchaften fo befehdet und übermunden, 
daß, wenn nicht irgend eine Erleichterung in kurzem bafın 
erfolgt, fie mich gewiß zum verzweifeltiten Zobe führen 
werden, den je ein Menfch erbuldet bat. In ber That 
kann fich der für felig Halten, ber mit bem Zügel be 
Bernunft feine Sinne in der Gewalt hat und von ent 
feffelten Wünſchen ſich nicht hinreißen läßt; und mer 
anders urtbeilt, den, glaube ich, muß man nicht einen 
Menſchen, fonbern vielmehr ein unvernünftiges Thier 
nennen, denn dadurch find wir einzig unb allein von 


86, Eduard der britte von England. 59 


den Thieren unterfchieden, welche Alles was fie thun 
nad) dem Zug ihres natürlichen Inſtinktes ausführen 
und vollziehen und in Allem ber Begierde folgen. Wir 
aber fönnen und müffen mit dem Mafe der Vernunft 
unfere Handlungen mefjen und dasjenige wählen, was 
und am meiften rechtmäßig unb der Gerechtigkeit ent- 
fprechend fcheint. Und wenn wir manchmal vom rechten 
und wahren Wege abirren, fo liegt die Schuld nur an 
ung, die wir, gelodt von einem fcheinbaren falfchen Ver⸗ 
grrügen uns von der unorbentlichen Luſt von bem rechten 
Dfad und fihern Wege entfernen laffen und dann in 
größter Haft köpflings in tiefe Abgründe flürzen. Ich 
Efender, dreimal Elender, der ich alles das einfehe und 
verfiche, und begreife, mie jählings meine unorbentliche 
‚Begierde mich von der Heerftraße abführt, ohne dag ich 
weiß noch im Stande bin, mich zurudzuhalten und auf 
Die wahre Bahn zurüdzutehren und biefen thörichten 
Gedanken ven Rüden zuzumenden! Ich fage: ich bie 
nicht im Stande, und follte fagen: ich mag nicht, oder 
vielmehr: ich möchte wol, aber fo meit habe ich mich 
von meinen Leidenfohaften, von meinen VBegierden und 
meinen ungeregelten Lüften fortreißen laſſen, fo ſehr 
meinem unf&hidlihen Berlangen den Zügel freigegeben, 
daß ich ihn nicht mehr zu mir zurüdfordern mag. Ich 
bin wie einer, der verführt von der Annehmlichkeit, ein 
Wild in einem dichten Walde zu verfolgen, ihm fe tief 
hinein nachgeht, daß er naher deu Weg zur Rückkehr 
nicht mehr zu finden weiß, vielmehr, je weiter er drinnen 
herumirrt, um fo mehr fi verwidelt und vertieft und 
vom mahren Pfade entfernt. Wie nun auch die Sache 
fei, altes dies habe ich euch davon gefagt, mein Graf, 
nicht, mel ich nicht meine fhwere Verirrung einfehe, 
fondern damit ihr erfennet, daß ich nicht mehr mein eigen 
bin und nicht mehr meine Freiheit in ber Hand Habe, 
und ihr daher euch meiner annehmt, erbarmt und mid 
bemitleidet; denn, um die Wahrheit zu geftehen, ich bin 


60 AXIV. Matteo Banbello. 


fo fehr in das Reg meiner zügellofen Wuͤnſche verwide, 
daß, wiewol ich das Beſſere fehe, ich doch nichts dein 
weniger an dem Schlechteren feſtklebe. Ich, ad ich Ir 
glüdlicher, ich, der ich meine Feinde zu Waſſer und zu 
Lande fo ruhmvoll befiegt, der ich dem englifchen Ram 
durch ganz Frankreich Würde, Ehre und Furcht verfieft 
babe, fühle mich nun durch eine eigenfinnige ungeordndt 
Luft dermaßen gebunden und beſiegt und niedergemerfti, 
daß es nicht mehr in meiner Gewalt ift, mich zu lim 
und zu’ erheben. Diefes mein Leben, das viel eher An 
genannt werben kann, ift fo von Angſt und töbtlihe 
Pein erfüllt, daß ich bie Herberge aller Leiden bin un 
die einzige Zufluchtftätte jegliches Elends. Und melde 
gültige Entfhuldigung kann man für meine Yerimun 
finden? Gewiß, wenn ſich irgend eine dafür fände, mat 
fie gar fchaal, ſchwach und eitel. Nur eine einzige heh 
ih, daß, ba ich noch jung und verwitwet bin, mir 4 
nicht fchlecht anftcht, mich in die Nege ber Liebe mr 
firiden zu laffen. Und da ich mich fehr angeſtrengt bob 
den Zaum und Zügel meiner Lüſte wieder an mid p 
reißen, und all meine Bemühung eitel gemefen ift, nd 
ih kein anderes Mittel mehr anzuwenden gegen mem 
ſtechende Qual, als mich euch in die Arme zu mein, 
mein lieber Graf! Ihr habt, es fei euch gebantt, zu 
Zeit meines Vaters oft und viel in tauſend Unternd 
“mungen, die nicht weniger Gefahr, als Ruhm bradtı 
und wenig fpäter in Schottland für mich und aud ® 
Frankreich euer Blut freigebig dargebracht und mandınd 
auch verfprügt; ihr feid, und wer weiß es beffer, als ih 
in vielen gefährlihen Zällen mir mit dem beften Rath 
zu Hilfe gefommen und habt mir den rechten Weg 1 
zeigt, um bie Unternehmungen aufs Leichteſte zum er 
fehnten Ziele zu führen, unb nicht ein einziges Mol ht 
ihr euch wiberwillig oder müde gezeigt mir zu dei 
und zu nügen. Und warum follte ich daher nicht m 
euch in einer folden Noth alle diejenige Hiffe hoff 





86. Eduard der dritte von England. 61 


die ein Menſch von bem andern erwarten fann? Wer 
fann mir den Dienft feiner Worte verweigern, nachdem 
er meinem Vortheil mit feinem Blute gedient hat? Ich 
will Beine andere Unterftügung von euch, Graf, als Worte, 
und wenn diefe die Wirkung haben, die ich, wenn ihr 
mir aufrichtig dienen wollt, erwarten und hoffen kann, 
fo erbiete ich mich, mit euch mein Königreich zu theilen, 
und euch denjenigen Antheil daran zu laffen, der euch 
am beften gefällt. Und wenn vielleicht das, was ich von 
euch verlangen werde, euch allzu ſchwer ausführbar fcheint, 
fo bitte ich euch zu überlegen, daß ein fo großer Dienft 
auch um fo höher angefchlagen wird, mit je größerer 
Schwierigkeit feine Vollziehung verbunden ift, je mehr 
Beichwerde man dabei erbuldet und Pein darin liegt und 
je mehr Mühſal und Ungelegenheit derjenige erntet, ber 
feinem . Freunde dienen will. Bedenkt andererfeits, was 
ed heißt, einen König im Stiche laffen, ben ihr euch 
ganz nach eurem Belieben zu Nuge machen und ben 
ihre ganz fo beflimmen könnt, wie es euch am beften 
behagt. Ihr Habt vier Söhne und könnt nicht allen an⸗ 
fländig genügen; ich verpfände euch mein Wort, daß ich 
die drei legten fo verforgen will, daß fie nie einen Höhern 
beneiden follen. Ihre wißt ja, wie ich ben begnaben kann, 
der mir dient. Wenn ihr daher über das, was ich von 
euch begehre, ebenfo denkt, wie ich, fo werdet ihr in 
kurzem bie Frucht fehen, die daraus entfpringen wird; 
denn wenn ich gegen Andere nicht undankbar gemefen bin, 
werde ich es gegen euch nod) weniger fein, in deſſen 
Hände ich mein Leben und meinen Tod lege. 
In dieſer Rede murde ber König von heftigem 
Schluchzen plöglich unterbrochen, es entftrömten ihm bie 
heißeften XThränen, er konnte nichts mehr fprechen und 
fhwieg. Der Graf, als er die Worte feines Königs 
vernommen hatte, den er nicht wenig liebte, und als er 
die Thränen fah, welche offenbares Zeugniß bes tiefften 
innern Leidens gaben, deffen Grund er nicht kannte und 


63 XXIV. Matteo Bandello. 


von dem er ſich cher alles andere vorgeſtellt hatte, di 
das, warum er erſucht wurde, war vom größten Wiki 
bingeriffen und bot dem Könige fich, feine Kinder m 
alle feine Habe fo unbefchränkt an, daß er unmöglit 
fi unbedingter hätte ausdrüden können. 

Befehle mir nur, fagte er, mein Gebieter, was ih 
wollt, daß ich thue, ohne alle Scheu! Denn ich ſchwin 
euch und verpfände euch mein Wort der Treue, die 
euch fchon früher im Lehengeid zu eigen gegeben hab, 
daß, fo viel biefe meine Zunge vermag, fo viel mm 
Geiſt und meine Kräfte im Stande find, ihre von m 
treu und redlich follt bedient werden, und nicht allen u 
folhen Dingen bin ich verbunden, euch zu dienen, fer 
dern, wenn ed Noth thut, will ich bereit fein, mei 
Leben taufend Toden auszufegen. 

Und wer bätte feinem Fürften in ähnlicher Lage ar 
ders geantwortet? Wer bätte gedacht, daß ber Küng 
an ben Grafen Richard, ben er als einen Ritter vm 
Ehre kannte, ein ſolches Anfinnen ftellen werdet Aba 
oft gefchehen Dinge, die allen menſchlichen Glauben übe 
fleigen, wie dies in Wahrheit hier der Fall war. Ab 
nun der König die Rebe des Grafen vernommen hatt 
ſprach er, das Geſicht in taufend Farben fpielend, at 
doch von ber Liebe fe gemacht und mit etwas zittenie 
Stimme, in folgender Weiſe: Eure Wir, mein lie 
Graf, ift es allein, was mich unendlich zufrieden ım 
euch mit eurem ganzen Haufe glüdlich machen kam; 
benn ich liebe fie weit mehr, als mein Leben, und ih 
bin von ihren göttlichen Reizen dermaßen entflann 
daß ich ohne fie nicht leben kann. Wenn ihr daher mu 
zu dienen wünfcht, wenn es euch daran gelegen if, hi 
ich Iebe, fo richtet es bei ihr in Stand, daß fie fih dar 
verftehe, mich zu lieben und Erbarmen mit mir zu 
Glaubt nicht, daß ich ohne das aͤußerſte Widerſtrehe 
und endlofe Scham von einem fo freuen umd vollem 
menen Diener und Freund, wofür ich euch fiets gehalt 





86. Eduard der dritte von England. 53 


nicht die Augen des Verſtandes umhüllt find, ohne Ge⸗ 
fahr alles rathen und wird taufend pafiende Mittel, nach 
dem Bebürfnif, auffinden, die der von der Leidenfchaft 
behaftete und in die Nege der Liebe verfejlungene nicht 
in Anwendung zu bringen weiß. Wie foll denn, wenn 
in unglüdlihen Verhältniſſen ber Liebende in taufend 
Widerwaͤrtigkeiten verwidelt bleibt, wenn er ſich abge- 
wiefen fieht, wenn er erkennt, daß er ſich umfonft ab⸗ 
müht und daß feine Knechtfchaft der Frau, ber er folgt, 
nicht theuer ift, wie, fage ich, fol er ein Mittel finden 
für feine Schmerzen und von felbft ohne fremde Hilfe 
ſich aufrichten, wenn er nicht jemand bat, dem er feine 
Leiden mittheilen und mit dem er manchmal verhandeln 
kann, welches der fichere Weg ift und welches Verfahren 
er als das zuverläffigere verfolgen fol? Denn eine Freude 
und ein Vergnügen, das der Kiebende genieft und das er 
niemand mittheilen kann, gewährt nicht halb fo viel Luſt, 
als dasjenige, bad man einem Freunbe eröffnet; denn die 
Freuden und Genüffe, welche bie Liebe ihren Jüngeren 
bereitet und bie in einer einzigen Bruft verfchloffen bleiben, 
ermangeln fehr der vollendeten Luft und bleiben ſchwach 
und froftig; während diejenigen, die bem treuen Genoffen 
geoffenbart werben, fortwährend größer werden und imnter 
neue Befriedigung gewähren. Und was ich hier von dem 
Manne fage, muß ich glauben, daß auch der Liebenden 
"Frau Bedürfnif ift, da in der Regel die Frauen alle 
fammt von fchwächerem und zärterem Temperament find, 
als die Männer, und von Natur theilnehmender und mit- 
leidiger, auch weniger fähig, die Flammen der Liebe zu 
ertragen, fobald fie das gewöhnliche Maß überfchreiten, 
da fie, verzeiht mic, ihr Männer, inbrünftiger.und mit 
größerer Hingebung lieben, als wir, und nicht fo zu 
heucheln und fich zu verftellen wiſſen, wie viele thun, 
Die es wie einen Triumph anfehen, wenn fie diefe und 
jene angeführt haben. Um aber zu unferer Gefchichte 
. zurüdzutehren, fo wußte jedermann, aus dem ungemwöhnten 





64 XXIV. Motte Bandello. 


und bartnädigen Liebe zerreife und zerbrede, doch ie 
Bande etwas auflodere, und wenn ich feinen Fricdu 
erreiche, doch wenigftens ein bischen Waffenſtilſtand de 
fomme. Aber es kommt mir vor, als fei ale Mik 
weggemworfen und es helfe mir alles nichts, ja biefe heftig 
Liebe wachſe in ber Pein und werde von Stunde u 
Stunde größer. Ich fühle mich fo lange wohl, ul 
und lebendig, als ich fie fehe, von ihr rede ober an f 
denke. Und kurz, ich bin bahin gebracht, weil fie mein 
meine Botfchaften anhören, noch auf meine Briefe an 
worten will, wodurch ich gezwungen bin, entweder damı 
zu fterben, oder zur Schande und zum Schaden unjem 
ganzen Haufes für mein ſchweres, heftiges, qualeld 
Leiden ein Heilmittel zu finden. Ich wuͤnſchte freild, 
daß es mit dem Sterben möglichft langfam ginge un 
daß dies das letzte wäre, was gefchehen müßte if 
es euch darum nicht ſchwer werden, mein Graf, Ir 
mein Leben diejenige Sorge zu nehmen, deren id, m 
ihe fehet, bebürftig bin. Wenn ihr Landhäufer, Güte. 
Burgen, Amter, Schäge, Pfründen oder fonft «im 
begehrt, was in meiner Macht ſteht, bier habt ihr cı 
weißes Blatt von meiner Hand unterzeichnet und m 
meinem Siegel bekräftigt. Geht umd laßt von ana 
meiner Geheimfchreiber darauf fehreiben, was ihr begehn 
denn alles fol mir genehm fein. Ä 
Dabei gab er das Blatt Papier, das er ver de 
Ankunft bes Grafen fertig gemacht hatte, dieſem in it 
Hand und hing, mit furchtfamem, bebendem Her I 
Antwort erwartend, an’ dem Munde beffelben. As 
Graf die unhöfliche und unanftändige Bitte feines Ser 
gehört hatte, erröthete er ganz im Geſicht und warf du 
Papier auf das Bett; dann aber, voll von Kummtı 
Bermunderung, Staunen, ja von keuſchem Bi 
wußte er nicht die Zunge zum Reden zu entfeffeln; 6 
endlich faßte er fi und antwortete bem erwartungereln 
feidenfchaftlichen König alſo: Im der Lage, in du | 











‘ 


* 


86. Eduard der dritte von England. 65 


mich jept befinde, Sire, weiß ich nicht, was ich fagen 
fol, denn ich fehe mich auf zwei ſchmale und gefährliche 
Pfade beſchränkt. Denke ich daran, eins von den beiden 
Dingen zu thun, die mir durch bie Seele gehen, fo kann 
mir dies nur die größte Gefahr bereiten. Ich habe mich 
an euch gefettet durch das Band meines Wortes, daß 
nichts in der Welt fei, wie hart und ſchwer es auch fei, 
Das ich zu eurem Dienfte und zu eurer Errettung thun 
würde; das habe ich mich entfchloffen und das gedenke 
ich auch auszuführen, denn lieber wollte ich fterben, als 
jemals mein Wort brechen. Sch werde meiner Tochter 
alles entdeden, was ihr von mir verlangt habt, in der 
Art, wie ich es von euch vernommen habe. Ich erinnere 
euch indef, daß ich fie wol darum bitten, nicht aber dazu 
zwingen Tann; «8 ift genug, daß fie durch meinen Mund 
eure ganze Gefinnung erfahren fol. Um aber von etwas 
anderem zu fprechen, geftehe ich euch, daß ich mich nicht 
wenig über euch wundere und betrübe. Es fei mir ver- 
flattet, mein Gebieter, lieber bei euch meinen herben Groll 
frei ausfirömen zu laffen, als bei Andern Veranlaffung 
zu haben, mich zu beklagen. Es fchmerzt mich unendlich, 
daß ihre daran gedacht habt, an meinem Blute, das in 
jebem Unternehmen für euren Dienft, Ehre und Wohl⸗ 
ergeben niemals mit fich geizte, eine folhe Schändlichkeit 
zu begeben, wo man von euch verbiente anftändige Be⸗ 
Iohnung erwarten burfte. Sagt mir, ift das die Beloh⸗ 
nung, die ih und meine Kinder von unferer Dienftbar- 
Zeit gewärtigen folen? Wenigftens, wenn ihr und von 
dem Eurigen nicht geben wollt, wenn es euch nicht ge- 
fällt, uns größer zu machen, fo fucht doch nicht, une 
die Ehre dafür zu rauben und uns für alle Zeiten der 
Schmach auszufegen. Was durften wir Schlimmeres 
erwarten von einem unferer beftigften Feinde? Ihr, 
Sire, ihr wollt mit Einem Schlage meiner Tochter bie 
Ehre, mir jede Zufriebenheit, meinen Söhnen ben Muth, 
fi) öffentlich fehen zu laffen, rauben und meinem ganzen 


68 XXIV. Matteo Bandello. 


Haufe all feinen Ruhm entziehen? Ihr macht euch fat 
eine fo fchändlihe Makel auf den reinen Glanz men 
Blutes zu werfen? Ihr entfchließe euch, eine fo geh 
Berirrung zu begehen, und wollt, daß ich ber Dim 
meines völligen Unterganges werbe und wie eim fh 
Lofer Kuppler meine Tochter in das Haus der Unit 
führet Bedenkt, Sire, bedenkt, daß es euch zukomm 
wenn ein Anderer mich zu beihimpfen trachtete, euch 
meinem Bertheidiger aufzuftellen und mir jede Hilfe un 
Schutz angebeihen zu laffen. Und wenn ihr mich beleidigt 
wohin kann id um Unterftügung meine Zuflucht nehmm! 
Wenn bie Hand, bie mich heilen follte, diejenige iſt, di 
mich verwundet, wer wird mir Erfag ſchenken und da 
Verband auflegen? Darum, wenn ich burdy euch ſchmet, 
fich verlegt bin, wenn ihr mir gerechten Anlaf gebt, ih 
zu beflagen und den Ruf um Exrbarmen zum Si 

zu fenden, fo urtheilt felbft, ob ich Hecht habe, indem 
ihr bie finnliche Luft etwas beifeit fegt und der Vernunß 
ins Auge feht, denn einen andern Richter ſuche ich nicht 
als euren unbefiegten männlichen Geiſt. Andererſeits fe 
dann bin ich aufs Außerſte erſtaunt über eure Angeegen 
heiten, wenn ich an das denke, was ihr gefprochen habt; 
und um fo mehr bin ich verwundert, je weniger es vieb 
leicht ein Anderer wäre; denn ich glaube von eurer Find 
heit an bis auf diefen Tag eure Sitten beffer gekannt zu 
haben, als fonft jemand, und es märe mir nie enge 
fallen, daß ihr den Lüften der Liebe unterworfen I. 
während ihr fortwährend von den Waffen und anderen 
Körperübungen in Anſpruch genommen feid; daß ihr aber 
nun euch in die Gefangenſchaft der Liebe begeben hebl— 
fheint mir fo neu und feltfam, daß ich nicht weiß, ma 
ich darüber fagen fol. Und wenn es mir zufüme, eu 
darüber zu tadeln, fo würde ich euch Dinge fagen, de 
euch außer euch braͤchten; aber ich unterlafle es, 

euer Verſtand es euch felbft vorhält. Erinnert ud 
Eire, wie ihr noch in früher Jugend Ruggiero vn 





86. Eduard der dritte von England. 67 


Mortimer leiden ließet, welcher bie Königin Iſabella, eure 
Mutter und Schweſter Karl’s des fchönen von Frank. 
reich beherrſchte, und nicht zufrieden mit Dem graufamfien 
Zobe, der über ihn verhängt ward, ließt ihr biefe eure 
Mutter ebenfalls elend im Gefängniß fterben, und Gott 
weiß, ob der Verdacht, den man auf fie hegte, gegründet 
geweſen iſt. Verzeiht mir, Sire, wenn ich fo weit gehe 
in meinen Worten, und denkt befier auf euren Vortheil! 
Denkt ihr nicht daran, baf ihr noch in Waffen feid und 
in größte Angſt und Beforgniß verwidelt wegen ber großen 
Rüſtung, welche der König von Frankreich zu Waffer und 
zu Lande macht, um zu ſehen, ob er euch den Schlag in 
dem ewig dentwürdigen Siege heimgeben kann, den euch 
Gott im Kampfe mit feinem Volke zur See und in 
Frankreich verliehen hat? Und nun, ba ihr tagtäglich 
auf dem Punkte feid, übers Meer. zu fahren und eurem 
‚Feinde zuvorlommend eure Befigungen in Aquitanien 
fider zu ſtellen, habt ihr ber fehmeichlerifchen Liebe 
Kaum gegeben? Ihr habt den fchädlichen Flammen der 
Liebe die Bruft geöffnet und laßt euch.davon Mark und 
Bein allmälig aufzehren® Aber wo ift, mein Gebieter, 
die Hoheit eures fo Haren, feinen, tugenbhaften Geiftes? 
Wo ift die Höflichkeit, die Seelengröße und eure andern 
großen Vorzüge, weldhe, verbunden mit eurer Tapferkeit 
euch den Feinden furchtbar und fchredienerregend, ben 
Sreunden. theuer und ben Unterthanen verehrungsmwürbdig - 
machten? Das, was ihre mir zulegt fagt, daß ihr thun 
wollt, wenn meine Zochter euch nicht willfahre, werde 
ih nie die Handlungsweiſe eines mannhaften echten Kö⸗ 
nigs nennen; wohl aber kann ich frei verfichern, es fei 
die Niederträchtigkeit eines feigen Wollüſtlings, das Ver⸗ 
fahren des fchändlichfien graufamften Tyrannen. Ad, 
Sire, entferne euch Gott einen ähnlichen Gedanken aus 
bem Sinn! Denn fobald ihr anfangt, in eitelm Triebe 
der Wolluſt die Frauen eurer Unterthanen zu nothzüch- 
tigen, wird dieſes Eiland nicht mehr ein Königreich fein, 


68 XXIV. Matteo Bandello. 


fondern kann mit Zug ein milder Wald voll Räuber u) 
Mörder genannt werben; denn mo keine Gerechtigkeit ik 
was fann da Schönes und Gutes wohnen? Bann ik 
mit Schmeicheleien, Berfprechungen und Geſchenken mar 
Tochter überreden könnt, daß fie euren Lüften ſich fügien 
ergebe, fo kann ich mol über fie jammern, ald über m 
unenthaltfames junges Weib, das ber Sittfamkeit ihr 
Vorfahren nicht eingeben? ift, aber von euch kann it 
nichts weiter fagen, als daß ihr gethan habt, mie gr 
meiniglich, die Männer thun, die fo viel Weiber aufluge, 
um fie zu genießen, als fie haben können; ihr wird d* 
dann die Schmach zu Theil werden, die gewöhnlich u 
ſolchen unkeuſchen Weibern haftet. Wenn ihr mir am 
fagt, daß ein Weib fo viel Gewalt über euch bat, mt 
ihr mir ſagt, daß Alix es hat, fo kann ich dies md 
glauben, vielmehr find es Worte, mie jeder Liebende I 
zu fagen gewohnt ift, um zu zeigen, daß er glühenb le 
Aber überlegt einmal, wie paffend das iſt! 3 überfiei 
doch allen Anftand. und Vernunft, daß, wer der Inte 
than fein fol, der obere fei, und gehorche, wer befehla 
muß. Iſt das, o Herr, die Beftändigkeit, iſt dad di 
Stärke, ift das die Seelenkraft und Sicherheit, net 
die Völker Englands von euch erwarten koͤnnen, um di 
Gemuͤthsberuhigung zu haben, daß fie einen mannhafte, 
großherzigen König befigen? Ich zmeifle ſehr, bi ki 
Riugheit, die Gerechtigkeit, die Freigebigkeit, die malt 
liche und fo höfliche. Höflichkeit, die Vorausſicht Funfige 
Fälle und die Sorge dafür und jene unermübete fir 
mährende Acht, womit ihr, als wir in ber Picardie mat. 
euer Heer mit folcher Eintracht geleitet habt, daß, ehled 
es aus verfchiedenen und mannichfaltigen Leuten zufommet 
gefegt war, nie die geringfte Zwietracht darin heriht 
noch in ..euch wohnen, und daß noch jene kriegeriſc dů 
in euch wohnt, die euch einſt fo viel Ehre gemaht BE 
und bekanntlich fo nüglich geworben ift. Und mad m 
von Allem noch das Schlimmfte ſcheint, ift, daß ihrem 


86. Eduard der dritte von England. 69 


Berirrung einfeht und mit eigenem Munde gefteht, nichts 
defto weniger aber ihn nicht verbeffeen wollt, vielmehr 
über den Fehler und die Sunbe, die in euch iſt, einen 
Schleier und einen Schein der Sittfamkeit zu werfen fucht 
und doch nicht wift, ihn aufzufinden. Ich, Sire, rufe 
euch liebevoll ins Gedaͤchtniß, daf ihr den größten Ruhm 
erworben habt, indem ihr den König Philipp und feine 
große und fo zahlreiche Flotte, die vierhundert Schiffe 
zählte, zur See befiegt habt, indem ihr fie bracht und 
zerfixeutet und unter ihren Augen Doornid, die berühmte 
Stadt, befegtet, deren Bewohner einft fo geachtet und in 
der alten Zeit Nervier geheifen waren. Und nicht ge- 
ringerer Ruhm warb euch, als ihre ihn zu Crecy bei 
Abbeville befiegtet, wo franzöfifcherfeite der König von 
Böhmen fiel, der Philipp zu Hilfe gefommen war, und 
viele Barone flarben, welche namentlich einzeln aufzu« 
zählen zu lang wäre. Auch wuchs euch fehr viel Ehre 
zu durch die Einnahme von Calais und unzählige andere 
Unternehmungen, bie ihr gemacht habt, Uber ich fage 
euch, Sire, einen viel größeren und rühmlicheren Triumph 
werdet ihr erlangen, wenn ihr euch felbfi befiegt, denn 
das ift ber wahre Sieg, der am meiften Ehre einbringt. 
Wenig half es Alerander dem großen, fo viele Provinzen 
befiegt und ſolche Heere niebergefämpft zu haben, da er 
ſich nachher befiegen und unterjochen ließ von feinen 
eigenen Leidenfchaften, was ihn viel Bleiner machte, als 
feinen Vater Philipp, der nicht fo viele Reiche erobert 
hatte, wie fein Sohn. Darum, mein Gebieter, befiegt _ 
diefe thörichte Begierde, und laßt euch nicht verleiten, 

durch eine fo unanfländige Handlung zu verlieren, was 
ihe fo ruhmvoll erworben habt, und einen fo garfligen 
Fleck auf bie Glätte eures Ruhms zu werfen. Glaubt 
nicht, daß ich euch fo viel davon fage, blos weil ich nicht 
ausführen mag, mas ich euch verfprochen habe, denn ich 
beabfichtige, es ganz zu vollbeingen; fondern, meil ich 
auf eure Ehre viel eiferfüchtiger geiwerben bin, al& ihr 


To XXIV. Matteo Bandello. 


auf ‘die eure und. die meine feib, rathe ich und bring 
ich euch dies in Erinnerung, was mir euer Nupen un) 
eure Ehre zu fein fcheint. Und wenn euch felbft nidt 
an euch gelegen ift, wem bei Gott foll an euch liege! 
Wer foll auf eure Angelegenheiten achten, wenn ihr nidt 
-auf fie und auf euch felber achtet? Aber wenn ihr Va 
ftand habt, mie ich weiß, daß ihr ihn habt, fo werkt 
ihr bedenken, daß ein kurzes, unkeuſches, flüchtiges Ver 
gnügen, das ihr mit Gewalt bei einem Weibe genofln, 
gar wenig wirkliche Freude bringen -fann, da es vielmer 
unendlihen Schaden verurfahen würde. Sch will von 
euch für mich und meine Kinder weder Habe noch Ram 
noch irgend einen andern Vortheil, außer fo viel men 
und ihre Verdienſt fordern kann. Darum behaftet cut 
Schrift und gebt es andern, die, wenn fie nur Gel 
und Würden erlangen, gleich achten, wie fie dazu kommen. 
Ih will, fo viel ih Tann, nie, daß mir oder mem 
Kindern ober meinen Enkeln etwas an ben Hals geworfen 
werde, was uns mit Recht kann erröthen und bie &r 
ſichtsfarbe ändern machen; denn ihr wißt wohl, wit 
Manche verachtet werden, wie man mit bem Finget ncd 
ihnen weift, die duch frühere Königen für umanftändig 
Dienfte, die fie ihnen gethan haben, reich und groß gr 
worben find, während fie doch aus nisberem Stande 
ganz unadelig geboren waren. Grinnert euch, Sire, dh 
ihre vor noch micht langer Zeit einen von biefen beim Her 
gegen die Schotten ins Beficht gefchmäht habt, daß tr, 
weil er eures Vaters Kuppler war, vom Barbier zum 
Grafen geworben ift, und ihe würdet ihn, wenn er fan 
Betragen nicht ändere, wieder zu feinem altem Berufe, 
dem Bartfeheeren, zurückweiſen. Und hiermit, Site, mil 
ich meine lange Rede befchliefen, indem ich euch demüthis 
unm Verzeihung bitte, wenn ich etwas gefagt habe, wa 
euch misfällt, und anflehe, alles mit jener Geneigthit 
aufzunehmen, von ber ich gefprochen habe. So ge 
ich mit eurem Urlaub nach dem "Haufe meiner Tote 


86. Eduard der dritte von England. 11 
d will pünktlich vollführen, was ihr von mir verlangt 
bt. 


Ohne noch eine Antwort des Könige zu erwarten, 
ließ er das Gemach und fchied unter vielen und 
innichfachen Gedanken über die gepflogene Unterrebung. 
ie Gründe des Grafen vermundeten fo ſchmerzlich das 
benfchaftliche Franke Gemüth des Königs, daß er faft 
Ser fi war und nicht wußte, was er fagen folle; 
vermunbeten und durchbohrten ihn um fo mehr, ale 
nicht fo blind war, nicht einzufehen, daß er die Wahr⸗ 
t fügte und daß er als innig ergebener, treuer und 
ter Diener vor ihm gefprochen hatte. Daher begann 
bei fi bis ins Einzelne die ganze gehabte Unter- 
ung durchzugehen, und manches von dem Gefprochenen 
ückte ihn fo fehr, daß er über die Maßen misvergnügt 
rüber war, daß er es gewagt hatte, in einem ſolchen 
le, um feinen Wunfch zu erlangen, den Vater feiner 
eliebten in Anſpruch zu nehmen, da es ihm allerding® 
rkam, fein Verlangen fei tadelöwerth und unehrenhaft. 
arum fam er beinahe zu dem Entfchluß, biefen Liebes- 
ndel abzubrechen und ſich ganz von ber Sache loszu⸗ 
len. Sobald er aber an bie holde Schönheit dachte 
ıd an Alie_fchönes Weſen und Betragen, änderte ſich 
öglih feine Anſicht und er ſprach bei fi ch: Ad, ih 
aglücklicher, ich fehe wohl ein, daß id thöricht und 
ıgludfelig bin, wenn ich vermeine, leben zu fönnen, 
me diefe zu lieben; werde ich mit all meiner Kraft und 
? ganzen Macht meines Reiche ſtark genug fen, von 
t abzulaffen und fie mir aus dem Herzen zu reifen? 
ann ich. annehmen, mich fo leicht von dieſem unauf- 
elihen Knoten zu befreien und von einer fo fefthaftenben 
ühenden Liebe mich zu entbinden? Wie wirb dies je 
oͤglich ſein? Wer kann machen, daß ich nicht Alix 
vig als meine Herrin und unumſchraͤnkte Gebieterin 
iſehe? Gewiß, fo viel ich glaube, niemand. Sie ift 
deren, um diejenige zu fein, der ich immer unterthan 


64 XXIV. Matteo ‚Banbello. 


und hartnädigen Liebe zerreiße und zerbreche, doc ik 
Bande etwas auflodere, und wenn ich feinen Frice 
erreiche, doch wenigftens ein bischen Waffenſtillſtand k 
fomme. Aber es kommt mir vor, als fei alle Nik 
mweggeworfen und es helfe mir alles nichts, ja dieſe be 
Liebe wachſe in ber Pein und werbe von Gtunk a 
Stunde größer. Ich fühle mich fo lange wohl, min 
und lebendig, als ich fie fehe, von ihr rede oder ank 
denke. Unb kurz, ich bin dahin gebracht, weil fie wer 
meine Botfchaften anhören, noch auf meine Briefe ar 
worten will, woburch ich geziwungen bin, entweder bau 
zu fterben, oder zur Schande und zum Schaden ulm 
ganzen Haufes für ntein ſchweres, heftiges, quali 
Leiden ein Heilmittel zu finden. Ich wünfdte friik, 
daß es mit dem Öterben möglichft langfam ginge ım 
daß dies das letzte wäre, mas gefchehen müßte. ik 
es euch darum nicht ſchwer werden, mein Graf, fr 
mein Leben diejenige Sorge zu nehmen, deren ich, m 
ihr ſehet, bedürftig bin. Wenn ihr Landhäufer, Git, 
Burgen, Amter, Schäge, Pfründen ober fonft em) 
begehrt, was in meiner Macht fieht, Hier habt ihr m 
weißes Blatt von meiner Hand umterzeichnet und m 
meinem Siegel bekräftigt. Geht und laßt von am 
meiner Geheimfchreiber darauf fehreiben, was ihr bey 
denn alles foll mir genehm fein. - | 

Dabei gab er das Blatt Papier, das er wi k 
Ankunft des Grafen fertig gemacht hatte, diefem in di 
Hand und hing, mit furchtfamem, bebendem Hera I 
Antwort erwartend, an bem Munde deffelben. AM 
Graf die unhöfliche und unanftändige Bitte ſeines Im 
gehört hatte, erröthete er ganz im Geficht und warf I 
Papier auf das Bett; dann aber, voll von Kun 
Verwunderung, Staunen, ja von keuſchem Wibefird® 
wußte er nicht die Zunge zum Reden zu entfeflen; — 
endiich faßte er ſich und antwortete dem erwartungerela 
leidenſchaftlichen Koͤnig alſo: In der Lage, in de i 














- 86. Eduard der britte'von England. 13 


hieß nun feine Tochter ihm gegenüber Mag nehmen und 
fing alsdann folgendermaßen mit ihr zu reden an: Ich 
hege die beſtimmte Uberzeugung, meine liebſte Tochter, daß 
nicht wenige von den Dingen, die du heute von mir 
hören wirft, die ich Dir jetzt ſagen will, dich in Ver⸗ 
wunderung jegen werden, daß du aufs Hußerfte erftaunen 
wirft, da es dir von Rechts wegen fcheinen muß, es 
[hide fich gar nicht für mich, bei dir ein ähnliches Amt 
zu verfehen. Aber da man immer von zwei UÜbeln das 
geringere wählen muß, zweifle ich nicht, daß du als 
meine weiſe Tochter, wie ich dich von Kindheit auf er- 
funden, die Wahl treffen wirft, die ich ebenfalls ge 
troffen babe. Ich, meine Tochter, feit ich über Gut und 
Bös ein Bemußtfein zu haben glaubte, habe ſchon als 
Knabe und bis auf die Gegenwart immer die Ehre höher 
geſchätzt, als das Leben; denn, nach meiner Anficht menig- 
ftens, iſt es ein viel geringeres Übel, unſchuldig und 
unbefledt zu fterben, als in Schande zu leben und das 
Gerede des Pöbels zu werden. Du weißt, was es heißt, - 
fremder Herrfchaft unterworfen zu fein, wo man oftmals 
das Gegentheil von dem thun muß, mas man im Sinne 
hat, und fih in Anbetracht der Beſchaffenheit der Zeit 
nach dem Wünſchen der Gebieter in eine neue Tracht 
zu fteden genöthigt if. Nun, was ich dir fagen wollte, 
ift das: der gnädigfte König hat mich heute rufen laffen, 
und al& ich bei ihm mar, hat er mich mit ben heißeſten 
Bitten dringend erſucht und genoͤthigt, daß ich ihm in 
einer Sache, die er von mir verlangen werde, und Die 
ihm fo wichtig fei, wie fein Leben, dienen wolle, wobei 
er mir alles anbot, was mein Mund verlangen könne, 
fo fern es in feiner Gewalt ſtehe. Ich, der ich ein ge- 
borner Lehnsmann und Unterthan diefer Krone bin, ver- 
pfändete ihm unumfchränft mein reines Wort, daß ich 
alles, was er mir befehle, mit all meiner Macht zur 
Ausführung bringen wolle. Als er mein freies Ver—⸗ 
Sprechen hörte, entdedte er ſich mir endlich nach vielen 
Staliänifcher Novellenſchatz. IV. 4, 


\ 
7A... XXIV. Matteo Bandello. 


pon Thränen und Seufzern unterbrochenen Worten, baf 
ev fo fehr und fo heftig in dich und deine Reize verliebt 
| fäi, daß er ohne deine Liebe unter Feiner Bedingung leben 
Zonne. Und wer bei Gott, hätte fich jemald eingebilbet, 
dag der König von einer ſolchen Angelegenheit mit mir 
fprehen werde? 

Nach dem erzählte der Graf die lange Geſchichte der 
zwiſchen dem König und ihm vorgefallenen Geſpräche, 
ganz, Wort für Wort und fügte dann bei: Du ſiehſt, 
meine Tochter, zu welchem Ziele mein unbedingtes ein⸗ 
fältiges Verſprechen und die zügelloſe Luft. des Königs 
mich gebracht haben. Ich habe dem König geſagt, es 
ſtehe in meiner Gewalt, dich zu bitten, aber nöthigen 
könne ich dich nicht; daher bitte ich dich, und dieſe Bitte 
ſoll für taufend gelten, daß du dem König unferem Herrn 
zu Willen feiefl. Sieh es fo an, meine Tochter, als 
macheft du deinem Vater ein Gefchen? mit deiner reinen 
Zucht und Keufchheit! Die Sache wird fo vor fich geben, 
daß fie jedermann verborgen gehalten wird. Außerdem 
wirft du Veranlaffung fein, daß beine Brüder die erſten 
Barone diefes Eilandes werden. Alles, meine Zochter, 
habe ich dir fagen wollen, um nicht gegen den König 
wortbrüdig zu werden. Du bift weife, und wenn du 
‚an das denkſt, was ich dir geſagt habe, zweifle ich nicht, 
daß du eine dir angemeſſene Wahl treffen wirſt. 

Nach dieſen Worten ſchwieg der Graf. Die junge 
Frau war während der Rede ihres Vaters fo heftig er- 
röthet und von keuſcher Entrüſtung fo entflammt, daß, 
wer fie jegt gefehen hätte, fie ohne Vergleich für viel 
liebenswürbiger und ſchöner noch als gewöhnlich hätte 
halten müſſen. Ihre zwei ſchönen Augen waren in der 
That zwei glänzende Sterne, welche funkelnd ihre glü⸗ 
henden Strahlen ſchoſſen. Die Wangen glichen zwei 
fleiſchrothen Roſen, im April gepflückt zu der Stunde, 
wo die Sonne, ihre Nenner aus dem Ganges hervor- 
peitfchend, allmälig die thauigen Kräuter zu trodnen und 





86. Eduard der dritte von England. | 75 


alle Blumen und Roſen, die vom nächtlichen Naß ge 
ſchloſſen find, zu öffnen beginnt. Und der elfenbeinerne 
Hals, der marmorne Rüden und der Alabafterbufen, 
von züchtiger Gluthfarbe noch neben der angebornen un- 
gefchmintten Schönheit befprengt, zeigten fie in einem 
Zuftande, wie ihn die Dichter erfinnen, daß Venus auf 
dem Ida zwifchen ben zwei andern Gsttinnen darin vor 
dem trojanishen Schäfer erfchien, denn fie erwies fich 
viel Tchöner ald gewöhnlich, damit fie um fo leichter ihre 
Begleiterinnen an Schönheit und Anmuth übertreffe. 
Nachdem nun Alir merkte, daß ihr Vater feine Rede 
geendet hatte und ſchon eine Weile ſchwieg, fing fie, ganz 
unmwillig die Zunge hold entfeffelnd und die Worte zwi- 
fchen morgenländifchen Perlen und den feinften Rubinen 
beroorfendend, auf folgende Art ihre Antwort an und 
ſprach: Wie fehr ich mich über euch wundere, mein Vater, 
nachdem ich euch etwas habe ausfprechen hören, movon 
ich nie geglaubt Hatte, daß ich es von euch hören werde, 
wenn aud alle Theile meines Körpers Zungen mären 
und alle Zungen von Stahl und die Stimme von Die- 
mant und unermüdlich, ich glaube nicht, daß fie Hin- 
reichten, um auch nur das kleinſte Zheilchen meiner Ver⸗ 
wunderung auszudrücken. Und in Wahrheit habe ich mich 
über euch immerdar zu verwundern und zu beklagen, in- 
dem ich fehe, wie wenig ihr meiner Ehre Rechnung traget; 
denn wiewol ihre mir auch ald eurer Tochter und Sklavin 
befehlen konnt, hättet ihr euch doch ins Gedächtniß zu 
rufen wiffen follen, daß ihr nie eine Handlung von mir 
gefehen, noch ein Wort, noch eine Rede von mir gehört 
habt, wodurch ihr fo dreift werben fonntet, mir etwas 
minder Anftändiges zu fagen. Aber fagt mir, feht ihr 
nicht, daß ihr mich um eine Sache bittet und fie faft 
ermahnend mir rathet, um beremmillen, wenn ich nur 
den geringften Gedanken zur Ausführung hätte, ich von 
euch, wenn ihr der ehrenwerthe Water wäret, ber ihr 
‚ fein follt, ohne alles Erbarmen bingefchlachtet zu werden 
4* 


76 XXIV. Matteo Bandelo. 


verdiente? Ich, mein Vater, habe, feit er in Saltttın 
war, gemerkt, daß der König. fich in mich verlieht ar 
ftellte und ebenfo habe ich ihn hier erkannt; denn er bu 
mich mit Liebäugeln den ganzen Tag über, mit Det 
fhaften und Briefen mehrmals in Berfuhung gefükt 
und nicht ermangelt, mich durch die ausgebehnteften De: 
ſprechungen beftechen zu wollen; aber es hat ihm Al 
“nichts: geholfen, denn ich babe, fo oft er mit mir ge 
ſprochen, mir gefchrieben, oder mir Boten gefandt, immt 
gefagt, mein guter Name fei mir mehr werth, ale di 
Leben. Ich wollte euch nichts von der Sache fagen un 
noch weniger meiner Mutter und meinen Brüdern, m 
euch nicht Anlaß zu geben, gegen unfern König bit 
zu werden, da ich wußte, daß ſchon durch ähnliche Ber 
fälle viele Argerniffe erfolge und Städte und Rab 
untergegangen find. Aber Gott Lob, dag ich nicht nah 
hatte, anzuftehen, euch die Waffen in die Hand zu get 
da ich euch zu einem fo unehrenhaften Dienfte fo ber 
und eifrig ſehe. Ich ſchwieg alfo, um größeres Uhl a 
verhindern, und hielt mich zurüd, euch etwas zu of 
baren, indem ich immer hoffte, wenn der König mil 
unbeſtechliche und fefte Keufchheit fehe, müfle er m 
einem fo fchlecht begonnenen Unternehmen abftchen m 
zugeben, daß ich, mit meinem fittfamen Dorfag mir 
würdig lebe. Wenn ihr mich daher in den legten Zum 
felten habt ausgehen fehen und wenn ihr bemerkt ik 
sie ſchlecht gekleidet ich war, fo habe ich bas zu fin 
andern Zwecke gethan, als um, fo viel an mir mit 
ber Begegnung des Königs auszumeichen, und daf, me 
er dann fähe, wie niedrig ich gefleidet mar, er aufm 
Gedanken komme, daß mein Sinn ganz wo andırl ſi 
als bei Liebesfachen. Weil er nun hartnädig if w 
ich nie freiwillig ihm zu Gefallen etwas Unfhidlihe 
thun geneigt bin, will ich, damit er nicht mit Gen 
was ‘Bott verhüte, mit mir feine Luft befriedige, an 
Rathe folgen und von zwei Übeln das geringere mh 


S6. Eduard der dritte von England. 17 


indem ich ‚lieber mich felber ums Leben bringe, als ich 
je dulde, daß wine ſolche Madel und ein fo großer 
Schandfle® meiner Ehre zu Tag fomme und man auf 
der Straße mic mit Fingern als die Buhlerin des Kö— 
nigs zeigt. Tauſend mal habe ich fägen hören und ihr 
habt e8 mir auch gefagt, daß die Ehre weit höher ge 
fhägt werden muß, als das Leben; und gewiß das Leben 
ohne Ehre ift wie ein fchimpflicher, ſchmachvoller Tod. 
Derhüte Gott, daß ich je die Buhldirne von irgend jemand 
auf der Welt werde und daf ich etwas im Geheimen thue, 
was, wenn ed nachher offenbar würde, Veranlaſſung wer: 
den könnte, daß ich die Farbe wechfeln muß. Sagt mir, 
Dater, wie flünde ed um eure Ehre, wenn ich etwas 
Unfittfame® mir zu Schulden kommen liefe, und wenn 
ihr, durch die Stadt oder an Hof gehend, den Pöbel 
fagen hörtet: dies ift- der Vater von derjenigen; das ift 
der, der feine Tochter verkauft hat und dadurch an Rang 
und Reichthümern gewachſen iſt. Glaubtet ihr etwa, 
eine fo große Miffethat dürfte verborgen bleiben? Und 
wenn die Leute aus Furcht nicht den Mund zu öffnen 
wagten, wer hielte ihre Hände zurüd, Zettel zu fchreiben 
und auf den Strafen umherzuftreuen und fie an allen 
Eden der Stadt anzuheften? Als der König, wie ic) 
babe fagen hören, feinem Oheim dem Lord Kent und 
bald darauf Roger von Mortimer den Kopf abfchlagen _ 
und die Mutter im Kerker fterben ließ, wurben Blätter 
an den Strafen angeheftet zum Tadel bes Königs; und 
obfhon er heftig darüber zürnte und Einige enthaupten 
lieg, die er in Verdacht hatte, Verfaſſer diefer Schriften 
zu fein, blieben nicht doch bei alledem Viele übrig, welche 
Luft hatten, übel von ihm zu reden, und die andere 
Schriften auf verfchiedenen Wegen ausftreuten? Denkt 
nur, daß man von euch und von mir bie fehimpflichiten 
Dinge von bee Welt fagen würde! Aber fegen wir den 
Fall, daß die Sache geheim bliebe, wißt ihr nicht, daß 
ale Männer und namentlich vornehme Herren heute nach 





18 AXIV. Matteo Bandello. 


r 
der einen und morgen nach einer andern Wünfche faffe, 
wie ihnen gerade das Gelüften kommt. Laffen wir di 
Sünde gegen Gott beifeit, wiewol dies das erſte ift, mi 
man vor Augen haben muf, wenn wir vernimftige Gr 
fchopfe und nicht Thiere fein wollen ; aber ich weiß, mun 
der König meiner fatt und diefer wollüftige Kigel bi ihn 
vorübergegangen ift, der gewöhnlich gar leicht vorkbet 
gehen und fi abzufühlen pflegt bei allen Menſchen, Ir 
bald fie ihre Befinnung wiebererfangt haben, fo wird « 
mid) für das achten, woru ‚ihr mich habt machen wol, 
für eine Sudeldirne. Wenn ich ſodann mic aud wer 
ſichett und vergewiſſert habe, daß er mich lange und Ic 
glühend lieben müffe, muß ich nicht denken, daß di 
Berfahren einmal ein Ende nehmen mufj, wie ja unk 
diefem wmwechfelnden Monde nichts ift, das nicht fein Enk 
finde? Dreht die Sache demnach nad) welher Eat 
ihr wollt, ich fehe darin nichts Gutes. Ich merke dal 
wohl, daß ich den Reſt meines Lebens in meinem Gr | 
fiht mit etwas anderem geſchmückt wäre, als mit Pain 
und Edelſteinen, und nie wieder wagen dürfte, mil 
öffentlich ſehen zu laffen. In Betreff deſſen forum 
daß ihr fagtef, ihr habet ihm euer Wort verpfände, I 
habt ihr nicht in Betracht gezogen, wie weit bei tm 
ſolchen Angelegenheit die Gewalt des Waters über di 
Kinder fih erſtreckt; denn diefe find nicht verbunden, fi 
Dingen, die wider Gott laufen, den Eltern zu gehotcha 
Überdies find fo unkeuſche und biutfchänderifche Zufagen ur 
giltig, und bei fündhafter Weife gegebenen Verfprehunt | 
iſt es Pflicht, das gegebene Wort zu brechen. Jh be 
kenne, daß ich eure Zochter und verpflichter bin, fo ft 
ihr mir befehlt, euch zu gehoschen, aber nur in erlauste 
und ehrenhaften Fällen. Auch erinnere ich euch, obgled 
ihr es beſſer wißt, als ich, daß ihr und ich um ale 
Andern, die da waren, find und fein werben, einen Pat 
und Deren haben, wie ich oftmals von wadern umd anf 
fehenen Predigern auf den Kanzeln in den Kirchen BR | 














86. Ebuard der dritte von England. 19 


serfichern hören, welchen wir mehr verpflichtet find zu 
jehorchen, als unfern leiblichen Vätern. Überdies erin- 
nere ich euch, daß es niemand, mer es auch fei, erlaubt 
ft, Gefege und Verordnungen zu geben, bie mit den 
göttlichen Vorfchriften und Gefegen im-Widerfpruche ftehen. ' 
Da ihre nun in der fihmählichen Sache, zu deren Aus- 
führung ihr mid, ermahnt, ganz offenbar gegen Gott 
euch emport, wie könnt ihr verlangen, daß ich euch ge⸗ 
horche und nicht viel lieber gegen euch mid, empöre und 
tödtliche Feindfchaft faſſe? Heget daher andere Gedanken, 
und wenn ihr wollt, daß ich euch ald meinen Water 
anfehe und ehre, wie man gute Eltern ehren muß, fo 
feid für die Zukunft nie mehr fo fühn, mich um eine 
folhe Niederträchtigkeit anzugehen, noch gegen mich ein 
einziges Wort darüber zu verlieren, denn, beim Kreuz 
des Erlöfers, ich würde euch vor aller Welt dafür die 
jenige Ehre erzeigen, die ihr verdient. Aber Gott ver- 
hüte, daß es dahin fomme! O wie viel beffer wäre es 
gewefen, ihr hättet dem König verfprochen und gefchworen, 
mich lieber eigenhändig mit einem Meffer zu entleiben, 
ald mich je in ein fo verabfcheuungsmwürdiges Verbrechen 
fallen zu laffen! Das hätte euch mehr Ehre gebracht 
und wäre für euch viel leichter ausführbar geweſen; auch 
hätte ficherlich der König und ich euch darum viel höher 
gehalten und geachtet, und die Welt, die die Urfache 
meines Todes erfahren hätte, würde euch ewig mit den 
echteften KZobfprühen zum Himmel erhoben haben. Um 
nun diefe Reden zu befchließen, die mir den größten Un- 
willen rege machen und beren Gedächtniß mir immer die 
Quelle des herbften Grams fein wird, dies ift mein legter 
fefter, auf reifliche Überlegung gefaßter Entfchluß, den ihr 
für fo wahr halten dürft, als das Evangelium, daß ich 
eher bereit bin, mich umbringen zu laſſen und jegliche 
Qual zu erdulden, als daß ich je zu etwas Unzüchtigem 
meine Einwilligung gebe; und wenn der König gewaltfam 
mit mir einen mollüftigen Genuß haben will, fo will ich 





U) XXIV. Matteo Bandello. 


es ſchon veranftalten, daß feine und aller Andern Gewalt 
umfonft ift, und immer im Gebächtniß behalten, daß ein 
ſchöner Tod das ganze frühere Leben ehrt. 

Der Vater erkannte aus der klugen und edelmüthigen 
Antwort ber Zochter die Tugendſtärke und Seelengröft, 
bie in ihr wohnten, und gab ihr in feinem Herzen vie 
Kobfprüche und fegnete fie, indem er fie viel Höher achtet: 
als zuvor. Er meinte auch, er habe ausführlicher und 
mehr gefprochen, als einem Vater zieme zu feiner Tochter 
zu fprechen, und wollte daher auch ihr für jegt nichts 
weiter fagen, fondern fand von feinem Sige auf un) 
ließ fie ihren Geſchäften nachgehen. Er bedachte ſodann 
und überlegte reiflich, was er dem König antworten fol, 
und ging dann an ben Hof. 

Sire, fagte er, ih wollte nicht verfehlen, mein euch 
gegebenes "Wort zu halten, und ſchwöre euch baher be 
ber Treue, bie ich Gott und euch fhuldig bin, daf ic, 
zu Haufe angelangt, Alix auf mein Zimmer gefordert 
und ihr euern Willen auseinandergefegt habe, wit bee 
Ermahnung, fie ſolle fi) bazu verftehen, euch zu Willen 
zu fein. Aber fie bat mir nach vielen Überlegungen auft 
Entfchiedenfte geantwortet, daß fie eher entfchloffen ſei, 
zu. fterben, als je etwas Unanfländiges zu begehen; und 
fonft konnte ich nichts aus ihr herausbringen. Ihr wift, 
daß ih euch fagte, ich könne fie bitten, aber Feineswegs 
zwingen. Da ich alfo ausgeführt habe, was mir von 
‚ euch ift auferlegt worden und wozu ich mich verpflichtet 
habe, will ich mit eurer Gunft weggehen, um ein Ge 
[häft auf einem meiner Schlöffer zu beforgen. . 

Der König entlieh ihn und blieb ganz aufer fih 
zurück, verfchiedene Dinge im Gebanten umherwälzend 
Der Graf verließ. den Hof und ging am folgenden Tage 
mit feinen Söhnen in feine Graffchaft, während in London 
mit einem Theile der Dienerfchaft feine Gattin und Tochter 
zurüdblieben. Er dachte darauf, wie es möglich fei, fih 
aus diefer Angelegenheit Ioszulöfen, ohne die Ungnade 


86. Eduard der dritte von England. 81: 


bes. Könige auf fich zu laden. Er wollte die Tochter 
nicht fortführen, um nicht den König noch mehr zu 
ärgern, als er es ſchon war, und auch um ihm’ zu ver- 
ftehen zu geben, daß er fie feinem Zartgefühl überlaffe, 
denn er hielt es für fiher, daß er keinerlei Gewalt an- 
wenden werde. Außerdem hatte er großes Vertrauen 
auf die Sittfamkeit und Seelengröße feiner Tochter, von 
welcher er dachte, fie werde fich fo gut zu vertheidigen 
wiffen, daß fie mit Ehren aus einer fo großen Gefahr 
hervorgehen werde. Der König andercrfeits erfuhr nicht - 
fo bald, daß der Graf London verlaffen habe und -Alig 
dafelbft zurückgeblieben fei, als er das Ganze richtig durch⸗ 
blidte. Er gerieth baher in ſolche Verzweiflung über diefe 
feine Liebe, daß er nahe daran war, verrückt zu werden. 
Alle Tage und Nächte gingen ihm gleichmäßig ruhelos 
hin, er aß nichts oder wenig, lachte nie, feufzte immer, 
entzog ſich, fo viel ihm möglich war, ber Gefellfchaft 
und fchloß ſich allein in fen Gemad ein, wobei er an 
nicht8 weiter dachte, als an die graufame Sprödigkeit 
feiner Dame, denn Spröbigkeit nannte er ihre wadere 
unerfchüitterliche Keufchheit. Bei diefer Lebensmeife fing er 
auch an, die Aubienzen, die er früher dreimal in der Woche 
öffentlich feinen Unterthanen zu geben pflegte, durch einen 
Mittelsmann zu 'ertheilen. Und in ber That, eine der 
Iobenswürdigften Eigenfchaften, die jeder wahre Fürft be- 
figt, befteht darin, den Klagen und dem Flehen ber Sei⸗ 
nigen leicht zugänglich zu fein und fich von allem unter- 
richten zu laffen, was in feinem Gebiete gefchieht. Und 
man muß nicht fo unbefchränft auf feine Diener ver- 
trauen, denn oft begehen fie viele Irrthümer und bie 
fhreiendften ‚Ungerechtigkeiten; denn wenn der Herrſcher 
begierig wäre, zu erfahren, auf welche Art fein Staat 
tegiert, und welche Aufmerkfamteit den Lenkern geſchenkt 
wird, fo würden biefe viel beffer regieren und fich hüten, 
etwad zu begehen, was getabelt werden koͤnnte. Der 
König alfo verfiel in den Irrthum, faft niemand Aubienz 
4** 


82 XXIV. Matteo Banbello. 


zu ertheilen. Waffenwerk, Turnier, Buhurt, Jagd, mai 
ihm fonft fo viele Freude machte, gefiel ihm nicht meh 
und die Jagd vornehmlih, an deren Übung er fid !: 
fehr zu ergegen pflegte, und andere Spiele gemährte 
ihm feine Unterhaltung mehr. Er hatte an ber Ihenft 
dem Fluſſe Londons, einen fehr ſchönen Garten mit einm 
bequemen heitern Palaft, den er gebaut hatte, um fit 
durch den Aufenthalt dafelbft zu erholen. Und meil« 
auf dem Wege vom Hofe dahin, fei es zu Land oder m 
Schiff auf dem Fluffe, dem Haufe des Grafen Riga 
vorüber mußte, machte der König täglich, bald zu Waſſe 
bald auf der Strafe am Haufe vorüber, das er von A 
bewohnt wußte, feinen Ausflug dahin, aus Verlangen, 
fie zu fehen, die ihm ſtets im Geifte weilte. Es gelang 
ihm indeß fehlten, fie zu fehen, da fie von den Fenfan 
gegen die Straße oder von dem Erker gegen bie Ihm 
zu, fobald fie merkte, daß der König kam, ſich plügie 
zurüdzog und verſteckte, worüber der König aufs Aufert 
betrübt war. Und doch freute es ihn ſchon, nur it 
Mauern gefehen zu haben, hinter welchen feine grauſant 
und flolze Dame weilte. Aber weil es die Art der fun 
Liebenden ift, daß fie, je mehr ihnen der Anblid ih 
Geliebten Freitig gemacht wird, dieſe um fo mehr # 
fehen wünfchen und verlangen, fo gab fich der Km 
dem mehr daran gelegen war, Alir’s Anblick theilhefi 
zu werben, als feine Herrfchaft in Frankreich zu bir 
fligen, je mehr er fich das Liebäugeln verfagt ſah, m 
fo mehr Mühe, und verfuchte auf jede Art, wie di 
gelingen möchte, fie anfichtig zu werben. Deshalb Mi 
er an ganz rüdfichtslos, nicht nur ihr drei», yiermil 
des Tages am Haufe vorüberzugehen, oder mehr MM 
weniger, je nachdem ihn die Liebe zog, ſondern oft gm 
er auch geradezu ohne fonftige Abficht vor dem Hat 
auf und ab, fodaß in kurzem jedem bie Liebe des Kam 


klar wurde, und’ was Allen verborgen war, das entdeet 
fi) ‚dem ganzen Volke &o wurde denn unter Omi 


- 
J 


86. Eduard der dritte von England. 83 


ind Klein dieſe Verliebtheit ruchbar, Alle hoͤrten von der 
Sprödigkeit und Grauſamkeit der Dame, die ſich faſt nie 
nehr fehen ließ an Erker noch Fenfter, weshalb alle 
niteinander die Frau tadelten, und bald über dies, bald 
iber jenes fie befchuldigten, indem Alle wollten, daß fie 
ih dem König zur Beute hätte geben follen. Allen 
deuten iſt e8 meiftens eine Freude, zu den Feften anderer 
u gehen und Gefang und Tanz beizumohnen, niemand 
ıber mag folches Zurnier im eigenen Haufe. Alle möchten 
ern, daß ihre Herren heiter in Luſt und Liebe leben, 
weil man meint, wenn der Herr verliebt ift, feien alle 
feine Unterthanen in Freude und Wonne; niemand aber 
behagt es, wenn er in feinem Haufe mit feinen Frauen 
ſchäkert. So hätten denn alle Engländer gern gehabt, 
menn der König feinen Zmed erreicht und fich gute Zeit 
gemacht hätte; niemand aber märe e8 lieb gemefen, hätte 
fih der König in feine Frau, Tochter, Schwefter oder 
fonftige Angehörige verliebt. Der König beharrte nun 
in feinem herben mühevollen Leben; da er aber immer 
weniger hoffte von der flarren und unbezwinglichen Keuſch⸗ 
heit der Alix, wurde er täglich ſchwermüthiger, ſodaß er 
mehr einem wilden Thiere des Waldes gli, als einem 
Menfhen. Darum wurde nicht nur von der Stadt 
London, fondern von der ganzen Inſel, welche bereits in 
die Mitwiffenfchaft diefer Liebesangelegenheit gekommen 
war, die Standhaftigkeit und das Beufche Beharren der 
Frau verabfcheut und getadelt, da das Volk immer ge- 
neigter ift, das Gute zu tadeln, als das Böſe. Dann 
waren einige am Hofe, die durch Sendungen und Bot: 
fhaften zu Gunften des Königs die Frau verfuchten, 
theils fchmeichelnd, theild drohend. Andere fprachen mit 
ihrer Mutter zum Bortheil des Königs eindringlich, und . 
ftellten ihe den Vortheil vor, der daraus erfolgen müſſe, 
wenn Alix fich entfchlöffe, den Willen des Königs zu 
erfüllen, und welcher und wie großer Schaden im Ge⸗ 
gentheit ihr drohe, wenn fie auf folcher Härte beharre. 


54 XXIV, Matteo Banbello. 


So bemühte ſich der Eine auf diefe, der Anbere auf 
dere Weife, die Mutter dahin zu bringen, daß fie di 
Tochter bitte, dem König feinen Willen zu thun, un 
die Zochter, daß fie die große Härte ablege, ſich fügſan 
erweife und gegen eine fo erhabene und fo heftige Like 
nicht immer fpröbe bleibe. Alix aber, mas man it 
auch fagen oder vorftellen mochte, wich und wankte nt 
in ihrem Vorſatz. Da fie jedoch fürchtete, der King 
möchte vielleicht eines Tages Gewalt gegen fie gebrauchen, 
wußte fie fi ein fcharfes ſchneidendes Meffer zu vw 
ſchaffen, das fie unter den Kleidern an einem Gürtl 
befeftigte, mit dem Borfag, fobald fie fehe, daß ihe Gr 
walt geſchehe, fich Lieber felbft ums Leben zu bringe, 
als die Nothzucht zu ertragen. Die Mutter, mad and 
ber Grund fein mochte, ſtand in der Mitte: fie haft 
den reichen Verheißungen und Anerbietungen ihr Ok 
geöffnet, bie ihr von Seiten des Königs gemacht worden 
waren; ber Ehrgeiz fämpfte mit ihr, indem fie fih vr 
ftellte, wenn ihre Zochter die Zreundin des Königs würk, 
fei fie die erfte Frau und Baronin der Inſel. Sie li 
fih daher mehrmals mit ihrer Tochter ins Gefpräd in 
redete bin und ber und mühte ſich ab, fie dahin ı 
bringen, daß fie fich fo dringenden Bitten des Künig 
füge; aber fie fand fie immer in derfelben Haltım 
fefter, als ein unbeweglicher harter Fels, wenn die bed 
gefchwollenen drohenden Meeresiwogen ihn bekämpfen. 3 
endlich der König merkte, daß alle Verfuche umfonft mars 
und daß, wenn er nicht einen andern Weg einfchlage, f 
weiter als je vom Ziele entfernt fe, wußte er gar nid 
wo. hinaus, da es ihm nicht gefiel, Gewalt zu gebrauden, 
wiewol ihn vielmals die Luft Fam, fie förmlich zu rarhe— 
Diele feine Liebe war fo befannt und allgemein verhritt 
daß man in der Reſidenz zu London von nichts andem 
ſprach; ja, es war fo weit gekommen, daß, mit ma 
immer er ſich unterhielt, er nichts anderes mußte, M 
von ber Sprödigkeit feiner Geliebten zu plaudern, 


86. Eduard der dritte von England. 8 


er jedermann bat, ihm mit Rath und Hilfe beizuſtehen. 
Ich bin genöthigt, eine Meine Abfchweifung zu machen 
amd zwei Worte zu fagen, bie mir eben einfallen. Wenn 
jene Hofleute, die mit dem König fprachen, wahre Hof- 
leute gewefen wären, hätten fie fi) bemüht, dem König 
zu rathen, daf er ſich von einer fo thörichten eiteln Liebe 
zurüdziche, und fie hätten ihn mit einem fo nüglichen 
Rath zugleih unterftügt. Sonft waren bie Hofleute‘ 

rechtliche und mohlgefittete Männer, voll Höflichkeit und ° 
mit jeder Tugend begabt; die aber, die heutzutage fidh 
Hofleute nennen (ich fpreche von ben fchlimmen, nicht 
von ben guten) haben nichts anderes vom Hof, ale daß 
fie am Hofe leben; und wenn fie nur in der Kleidung 
mehr, als andere, georbnet und gepugt erfcheinen, fo 
meinen fie, fie feien die erften Männer von der Welt. 
Denn während fonft die echten guten Hofleute fich mit 
der Übung der Waffen, Wiffenfchaften und anderer löb- 
licher Dinge ergegten, und ihre ganze Zeit hinbrachten 
mit Höffichkeiten, mit Friedenftiften unter Feinden, mit 
MWiederherftelung der Eintracht zwifchen Zwieträchtigen, 
mit Bereinigung Entzweiter, thun biefe gerade das Ge⸗ 
gentheil, und wenn fie gegen einen, ber weniger vermag, 
als fie, den Bramarbas fpielen, meinen fie fchon, fie 
feien der große Tamerlan. Wenn die guten Hoflinge 
fih dur Ubung zu rüfligen, gewandten und biebern 
Rittern machten, fo find die, von welchen ich ſpreche, 
nur darum befümmert, nicht es zu fein, fondern mit 
einem fchönen Degen an der Seite zu erfcheinen, und 
halten mehr darauf, daß man von ihnen fage, fie taugen 
etwas, als daß fie wirklich etmas taugen. Wiſſenſchaftlich 
gebildet zu fein, halten fie für eine Schande und fagen, 
ſtudiren und über Büchern bleich werben fei Sache bey 
MDoctoren, Prieſter und Mönche. Nichts defto weniger 
find fie unverfhämt und fe genug, wenn fie irgend 
wohin kommen, mo zwifchen höheren Geiftern über irgend 
einen merkwürdigen Gegenfland geftritten wird, fei es 


86 XXIV. Matteo Bandello. 
aus menſchlichen oder göftlichen Wiſſenſchaften, daß fir, 


die doch gern als gelehrt erſcheinen moͤchten, anmaßender 


Weiſe die Erſten find, die mit ihrer Vorlautheit kurzwez 
Alles entſcheiden wollen, fodaß fie oft bie größten Til: 
peleien und lächerlichften Dummheiten vorbringen, bie 
man je gehört hat, und noch verlangen, daß man ihnen 
auf das bloße Anfehen des Namens glaube, als waͤren 
fie Arifloteles und Plate. Das, was in ihrem um 
wiffenden Gehirn nit Plag findet, wollen fie als etwas 
Unmögliches nicht hören. Sie find höflich in Morten, 
aber die Thaten wirft du den Reden ganz widerfpreden 
finden; denn fie werden dir aufs Ausgedehntefte zufagen, 
deine Angelegenheiten bei dem @ebieter zu begünftigen, 
aber nichts thun, weil dein Gegner ihnen viel mehr ge 
geben bat, als du. Aber darum wird ber, der mit dit 
prozeffirt, nicht mehr begünſtigt werden, als du, ben 
wie du betrogen wirft, findet ſich auch der andere ge 
täufcht. Es reicht diefen hagern Höflingen bin, wenn 
der Pöbel glaubt, fie ftehen in großem Anfehen bem 
Fürften, und wenn fie von diefem und jenem Geld ziehe. 
Sie werben dir verfprechen, mit dem Herrn über dein 
Angelegenheiten zu reden und werden mit ihm in beine 
Gegenwart über andere Dinge flüftern und dich glaube 
machen, fie haben von dir gefprochen, und dir ſtets tau 
ſend Fabeln feilbieten. Bon der Zahl diefer mar Be 
tronius Turinus bei Alerander Severus, dem romiſchen 
Kaiſer; als nachmals feine Schlechtigfeit entdeckt un 
durch die Liſt eben dieſes Alerander ‚fir mehr als wahr 
erfunden ward, befam er die verdiente Züchtigung. E⸗ 
wurde nämlich das Urtheil gefprochen, Zurinus folle an 
einen großen Pfahl mitten auf dem lag gebunden, um 
den Pfahl ber aber ein Keuer- aus grünem Reiß um 
Gefträuch angesündet werden, das einen ganz bunfeln 
Iangfamen Rauch errege, in welchem ber unglüdiid 
Turinus allmälig erfliden mußte. Und während be 
Elende diefe Qual erbuldete, rief ein Hofbedienter unauf- 


86. Eduard der dritte von England. 87 


hörlich: Durch Rauch laͤßt mar Zurinus fierben, denn 

er bat Rauch verkauft. Auf diefe Weife alfo ftarb der 
eitle rauchige Zurinus an Rauch. Würde man es in 
unferer Zeit noch fo machen, fo wären die Höfe in 
größerer Achtung, als fie jegt find, und aufer dem Feil- 
bieten von Rauch, das etwas aus ber Mode Täme, 
würden bie Hofleute nicht fo ftets bei der Hand fein, 
Lügen feil zu bieten, noch würden fie den Hunden ähn- 
lich werden, indem fie einander beißen und zerfleifchen; 
denn fobald der Herr ihnen Gehör ſchenkt, kann ich euch 
fagen, daß fie nicht übel mufizieren und von diefen- und 
jenen ſchlecht reden, bie vielleicht befjer find, als fie. 
Aber der Neid macht fie fo eiskalt, daß fie es micht 
aushalten koönnen, einen zu fehen, der mehr, als fie, 
werth ift, aus Furcht, ein folcher möchte bei dem Fürften 
in Gunft kommen, und ihn von feiner Stellung verdrängen. 
Wenn fie fodann ihren Gebieter getäufcht oder in Irrthum 
über irgend etwas befindlich fehen, fofern nur die Ange 
legenheit fie nicht felbft berührt, fo glaubt ja nicht, daß 
fie fih bemühen, ihn zu enttäufchen. Alle gehen hinter 
dem Willen ded Herrn her, entfiehe daraus Gutes oder 
Schlimmes. Und die Veranlaffung hiervon ift die Feig⸗ 
heit Vieler, welche nicht den Muth haben, die Wahrheit 
zu fagen; fondern wenn der Herr Ja fügt, fo befräftigen 
fie es; fagt er Nein, fo flimmen fie denfelben Zon an, 
ohne Rückſicht darauf, ob das, was fie fagen, gut ober 
fhlecht abläuft. Ich will fodann gar nicht von jenen 
Küchenfalken fprechen, welche aus keinem andern Grunde 
an den Höfen fich aufhalten, als um an den reichen und 
fetten Zifehen der Herren zu figen, und die zu nichts gut 
find, als das zu verfchlingen, was wackern Rittern und 
tugendhafteren, als fie, ziemen würde. Wenigſtens follten 
fie Hofnarcen und Schmaroger genannt werden und ſich 
nicht den Namen Edelmann anmafen, ba fie der Gefit- 
tung und feinern Bildung fo wenig Ehre machen. Und 
wiewol alle diejenigen, welche unter das Banner Des 


88 | XXIV. Matteo Bandello. 


Hoflebens geftelle fein und doch nicht als wahre ef 
leute leben wollen, unendlich tadelnswürdig find und ik 
Umgang von allen Guten geflohen werben muß, ſchein 
es mir nichts deſto weniger, daß ihre Herren eben fo wu 
Tadel verdienen, wenn fie fo leben, baf fie nicht mole, 
dag man ihnen bie Wahrheit fagt, vielmehr diejenigen 
für ſchön und rechtfchaffen halten, welche ihnen nie wide 
fprechen. Das find dann folche, die alles mit ihrer offer 
baren falfchen Schmeichelei berathen und anordnen. Hin 
aus ift jenes Sprichwort entflanden, das man zumeiln 
hört: 


Wer Schmeideln nicht verfteht, 
Bom Hofe bald mweggeht. 

Und dennoch ift die größte Peft, das verderblichfte Eit 
an einem Hofe eben die Schmeichelei. Es ‚gefällt mr 
auch nicht, daß ein Hofmann, fo vornehm er audh fü 
fi je herausnehme, den Fürften öffentlich zu tadeln un 
in Gegenwart anderer mit ihm zu keifen. Ich verſichen 
daß jeder treue Diener, wenn er feinen Herm im Jr 
thum fieht, mit Gewandtheit und Ehrerbietung und mt 
Wahrnehmung der ſchicklichen Zeit ihn ermahnen un 
mit fanftem anftändigen Betragen zur Annahme da 
Wahrheit geeignet machen fol. D wie viel beffer daran, 
wie viel glüdlicher wären die Fürften, wenn ihnen eine 
freimüthig von vielen Dingen, die fie thun, dem darauf 
erfolgenden Schaden zeigte, die Meinung, melde ba 
Bolt von ihnen hegt, was das Gerücht von ihnen fügt 
und die ſchlechte Verwaltung ihrer Minifter, bie auf 
nicht8 anderes hinarbeiten, als den Staatefhag zu Dr 
rauben und Alles zum eigenen Nugen zu verwenden. 
Wenn die Fürften diefe Dinge einfähen, würden ihr 
Befigungen vortrefflich regiert fein. Es ift freilich nich 
zu zweifeln, daß unfer Herr und Heiland Jeſus Chriftz 
Alles wußte, was die Voͤlker von ihm fagten, denn a 
wußte bis ins Kleinſte Alles, und nie war ihm etwas 
verborgen, und boch verfchmähte er nicht, feine Zünge 





86. Eduard der dritte von England. 900 


zu fragen, mas die Leute von ihm fügen. Und warum 
glaubt ihre, daß er eine folche Frage geftellt Habe? Aus 
feinem andern Grunde (dafür zeugt uns jede feiner Hand⸗ 
lungen), als um denen, bie die Völker lenken und allen 
andern Gläubigen eine Weifung zu ertheilen, daß fie be- 
müht fein follen, zu vernehmen, welche Meinung man 
von ihnen hat, damit fie im Guten beharren und vom 
Böfen ſich abwenden tönnen. Und in Wahrheit, die 
Zürften brauchen fonft nichts, als daß fie redliche, aufe . 
richtige und tugendhafte Perfonen haben, weldhe ihnen 
liebreih, ungefhminft und ungebeuchelt die Wahrheit 
fagen. Solche Leute follten fie immer bei ſich haben und 
nit thun wollen, wie Viele thun, welche glauben, aus 
einer Pflaume eine Pommeranze, ich will nicht fagen aus 
einem Eſel einen Renner zus machen. Aber ich bin gar 
zu fehr abgefchweift; denn von Kindheit auf bin ich immer 
an fehr viele Höfe gekommen und weiß gar wohl, wie es 
dafelbft zuzugehen pflegt. Ich fage alfo, die Hofleute 
beim König Eduard waren feine von der guten Schule, 
fondern Schmeichler und Leute von geringem Urtheil und 
greundfchlechtem Weſen; darum machten fie, ohne ber Sache 
auf den Grund zu gehen, alle das Kreuz gegen ben Grafen 
Nicciardo, feine Frau, Söhne und Tochter, und bie am mei⸗ 
ſten Schlimmes fagten, hielten fi) am höchften und meinten, 
gar weiſe geredet zu haben, bie vielleicht, wenn der Graf 
oder feine Söhne dabei gegenwärtig gewefen wären, großen- 
theils die. Zunge im Hals und hinter den Zähnen gehalten 
und, wie man im Sprichwort fagt, den Schwanz zwifchen 
die Beine genommen und nicht gewagt hätten, den Mund 
aufzuthbun. Das Ende war nun, daß die Mehrzahl von 
ihnen den König ermahnte, mit Gewalt Alig holen zu 
laffen, fie in den Palaft zu bringen und wider ihren 
Willen feine Wuͤnſche mit ihr zu befriedigen; denn es 
nehme ſich doch nicht aut aus, meinten fie, wenn ein 
Weib ihres Königs fpotten dürfe, und dem Begehren 
eines Hertfchers zieme fich nicht ſolche Sprödigkeit ent- 





90 XXIV. Matteo Banbello. 


gegenzuftellen.. Dann maren auch noch andere folde de, 
welche den Fiſch gefehen hatten und ſich erboten, felhf 
in Perfon ihn zu fangen; und wenn fie nicht gutwili 
mitgehe, fo wollen fie fie an den Haaren herbeiſchleppa 
Der König, welcher den ernftlichen Zorn ſich bie zul 
auffparte und noch nicht Gewalt gebrauchen wollte, ge 
dachte zuerft die Gefinnung der Mutter diefer Air a 
die Probe zu fielen, und ſchickte einen vertrauten Kan: 
merer zu ihr, welcher über Alles vortrefflich unterrichten 
war. Diefer fuchte fogleih die Grafın auf und fagt 
zu ihr nach ben geziemenden Begrüßungen: Der Kork 
unfer Herr, Frau Gräfin, grüßt euch angelegentlict 
und gibt euch durh mic zu erkennen, daß er alle 
Mögliche getban hat und vielleicht mehr, als ihm ziemt, 
um die Gunft und Liebe eurer Tochter zu gewinnen und 
es fo einzuleiten, daB alles insgeheim vor ſich gehe un 
nicht in das Gerede der Leute komme. Da er nun fict 
daß er diefen feinen Wunſch nicht erreichen kann, mi 
er auch thut und gethan hat und daß er feine ausreichen 
Befriedigung findet, wenn er hier nicht Gewalt gebraudt 
fo läßt er euch melden, daß, wenn ihr nicht für emt 
Angelegenheiten forgt und darauf hinwirkt, daß er feine 
Zweck erreicht, ihr verfichert fein könnt, daß er euch u 
Trotz öffentlich und ohne Rüdficht auf eurer Aller Chr 
die Tochter mit bewaffneter Hand aus dem Haufe min 
holen laſſen, und während es feine Abficht mar, mi 
dem Grafen und Allen Freund zu fein und ihnen Gute 
zu erweifen, ihr größter Feind werden wird. Er mi 
zeigen, was er ausrichten kann, wenn er erzürnt iſt 
und wenn eine Anficht ſich in feinem Kopfe feflgdet' 
hat und er fich entfchließt, etwas zu wollen, wie er dat 
jegt entfchloffen tft, da er denkt, er dürfe doc nicht dent 
‚ganzen Tag fehmachten und andere über ihm laden um 
höhnen laffen. Hiermit, Frau Gräfin, Gott befohlen! 
Als fie dieſe unverhoffte heftige Außerung hörte, winde 
fie von ſolchem Schreden überfallen, daß fie ſchon mi 


86. Eduard der dritte von England. 91 


anzufehen meinte, wie ihre Tochter ihr vor den Augen 
an den Haaren aus dem Haufe gezogen, ihr bie Kleider 
zerriffen werden ımd fie mit lauter Stimme um Gnade 
rufe, weshalb fie meinend und zitteend den Kämmerer 
inftändigft bat, er möge fie der Huld bes Königs em- 
pfehlen und ihn erfuchen, nicht fo in rafender Wurh bas _ 
Haus des Grafen zu verunehren, der ihm ſtets ein fo 
treuer Diener geweſen ſei. Sodann fagte fie zu ihm, 
fie wolle mit ihrer Tochter reden und nicht nachlaffen, 
bis fie fie dahin gebracht habe, dem König zu Gefallen 
zu fein. Mit diefer guten Antwort nahm der Kämmerer 
Abfchied, die Gräfin aber ging weinend in das Gemach 
der Alig, welche an der Arbeit faß mit ihren Jungfrauen. 
Die Gräfin ſchickte alle Frauen aus dem Zimmer und 
fegte fi neben Aliy, welche aufgeflanden war, um fie 
ehrerbietig zu empfangen, vol Verwunderung über ihre 
Thränen. Sie hieß nun ihre Tochter niederfigen und 
fagte ihr, der Kämmerer des Königs fei gefommen, und 
was er ihr zulegt mitgetheilt habe. 

Meine theure Tochter, fügte die Gräfin weinend hinzu, 
es gab eine Zeit, wo, wenn ich fah, wie du unter den 
ſchönen Frauen biefe Reiches die fehönfte und allerfitt- 
famfte wareft, ih mich für eine überſchwaͤnglich glückliche 
Mutter hielt und mich in dem Glauben beftärkte, wegen 
deiner fo feltenen Eigenfchaften müffe ung Ehre und Nugen 
zu Theil werben. ' Aber ich habe mich gar fehr geirit und 
fürchte, du feieft zu unferem Untergang und unferem gänz- 
lihen Sturz geboren und du feieft, was Gott verhüte, 
die Urfache des Todes unfer Aller. Wenn du nun einiger ' 
maßen deine Starrheit beugen und dich berichten laffen 
willft, fo würde fich der ganze Schmerz und unfere Trauer 
in Luſt und Freude verwandeln. Weißt du nicht, meine 
Tochter, daß ich dich immer zärtlicher, als alle meine an- 
dern Kinder geliebt habe, und mas du von mir im Ge- 
heimen erhalten haft, als der Graf von Salisbury, den 
Gott felig haben möge, dic zur Frau nahm. Warum 


92 XXIV. Matteo Bandello. 


willſt du alfo nicht aus Liebe zu mir biefe deine Hirt 
brechen und dich von mir leiten laffen, die ich ja dein 
Mutter und deine liebevolle Mutter bin? Bedenke, di 
ber König nicht ‚nur in Dich verliebt, fondern faſt m 
rüdt ift durch beine fpröde Grauſamkeit. Er beine 
fih fehr übel und fein Leben ſchwebt in größter, Gefan 
Ale Welt weiß, daß deine Hartnädigkeit fein Übel w 
feine Unzufriedenheit veranlaßt bat, fobaß wir ben Sa 
Aller auf uns laden, denen das Wohl des Könige u 
Herzen liegt, und das wünfchen Alle außer dir. Er 
nerft du dich nicht, daß es oft vorgekommen ift, mm 
wir zur Meffe oder fonft in andern Angelegenheiten a 
gegangen find, daß wir von Groß und Klein viel UNa 
auf uns fagen hörten? 

Seht da, hieß es, die Blurhündinnen, die an m 
feem König faugen, feht die Mörderinnen, die ihm m 


auch nur eine freundliche Miene gönnten, nod ein p 


faͤlliges Wort, die wollen die Heiligen fpielen, und m 


Ende, wenn man recht nachforfchte, ftellte ſich heat 
“daß ein Stallknecht oder ein Barkenführer fie genich 
‚Käme doch Donner und Wetter vom Himmel, um? 


alle zu verbrennen und zu verzehren! | 

Diefe Worte Haft du gewiß fo gut gehört, als it 
und welchen Unmuth und Kummer mir dies veruri 
bat und noch immer verurfacht, dad möge Gott bir fügt 
Jedoch, meine theuerfie Tochter, bitte ich dich flehentiit 
du mögefi meinen, Bitten dic etwas fügen und mil 
unfer Unheil und Verderben werden. Du mußt wife: 
dag Fürſten und Könige, wenn fie einen ihrer In 
thanen gebeten haben, dem fie befehlen können, und fee. 
daß ihre Bitten nicht den Erfolg haben, welchen fie har 
follten, fi) zur Gewalt menden und dem Widerfpenfits 
zum Trotz, auch ohne daß es ihren Untertanen gefil 
alles thun, was ihnen genehm ift. Unfer König m 
es ebenfo machen und bat mir, bereit6 damit gehn 
dies zu thun; ſodaß, mas leicht und im Stillen hit 

















86. Eduard der dritte von England. 9 


geſchehen können, auf eine Weile zur Ausführung kommt, . 
daß die ganze Infel und Frankreich obendrein zu unferer 
ewigen Schmach es erfahren wird; und für Alles, was 
der König thut, wird er dir nicht dankbar, noch erfenntlich 
fein, vielmehr wird uns nur Unehre und Spott zu Theil 
werden. Darum, meine Tochter, bitte ich bich, es nicht 
bis dahin kommen zu laffen. Lberlege ein wenig, wie 
wir bier im Haufe von Dienerfchaft entblößt find, feit 
dein Vater und deine Brüder uns verlaffen haben, denn 
jeder fürchtet die Wuth des Könige. Siehſt dir nicht, 
daß ich um deinetwillen faft Witwe geworden bin? Dein 
Bater und beine Brüder haben London verlaffen, um 
nicht ſolchen Hohn ſtets vor Augen zu haben, da fie 
ahnten, daß irgend ein großes Ärgernif bevorfiche. Dies - 
wird auch ganz gewiß zu unfer aller Schmach und Schaden 
eintreffen, wenn du nichts Anderes thuft, als du bisher 
gethan haſt. Wie viel beffer wäre es für uns gewefen, 
wenn ber erfte Tag, ber dich ins Leben rief, auch der 
legte gemwefen, oder wenn ich an der Geburt geftorben 
wäre, um mich nicht jegt in diefer Bebrängniß zu fehen. 
Ah, und als der Graf von Salisbury aus dem Ge- 
fängniß kam und ftarb, warum bift nicht du an feiner 
Statt geftorben? Ich bitte unfern Heren im Himmel, 
mid) aus folcher Pein und Dual zu erlöfen, ba du dazu 
entfchloffen bift, in ſolcher Starrheit zu verharren, und 
du dich um den Untergang des ganzen Geſchlechts nicht 
kümmerſt. Glaubſt du, ich merkte nit, daß du meinen 
Tod wünfcheft, graufame, undantbare Tochter, die fo wenig 
Rückſicht und Liebe für ihre Eltern bat? Und freilich 
würde ich jegt mehr als gerne fterben, da ich einfehe, 
daß es mir eine geringere Qual wäre, zu fierben, als in 
diefem jammervollen Kummer zu verharren, von welchem 
ih fortwährend mein Herz in den berbften Schmerzen 
verwundet fehe. 

Mehr konnte die befümmerte Gräfin nicht fprechen, 
weil fie eine Heftige Ohnmacht befiel und ihr mit fo 


94 XXIV. Matten Bantello. 


außerordentlichem Schmerz das Herz zufammenprefte wm 
fie fo unterdrüdte, daß fie mehr einer Todten ald a 
Lebenden glich und Alix in den Schooß ſank. Die Gr 
ſchien vollftändig ins andere Leben übergegangen zu im 
fo war fie blaß im Geficht, Ealt an allen Theilen ki 
Körpers und ohne Bewegung. Sie hätte wilde Ihm 
und kalten Marmor zum Mitleid gebracht, geichex 
eine Tochter, welche, da fie fie von fo feltiamem m 
heftigem Anfall geplagt fah, fie für tobt oder dem Ir 
nahe hielt, weshalb fie die Thränen nicht zurüdzuhele 
vermochte. Unter bitterem Weinen löfte fie daher de 
befümmerten Mutter die Kleider, rief tief bewegt ihre 
Namen, trieb fie am Keib, bewegte fie hin und ham 
mühte fi) ab, die verirrten Lebensgeifter zurückzuholn 
Sie rief fodann ihre Frauen, ließ fih warme Zide 
bringen und Waffer, um es der Mutter ins Gefidt u 
fprügen, welche denn nad, einer guten Weile ſchwer ar 
athmend wieder zu fih kam und ſprach: Weh mir, F 
bin ih? 

Alix kuͤßte fie, fuchte fie aufzurichten und überhinft 
fie mit Schmeicheleien und Lieblofungen aller Art. Une 
deſſen befiel die Gräfin eine andere Ohnmacht mit ein 
Deklemmung des Herzens und fo heftigen Zufällen, du 

"in ihr von Neuem jedes Lebenszeichen erloſch; w 
man nochmals fi) genöthigt fah, weitere Mittel an 
wenden, um fie wieder ind Leben zu rufen, und ed baum 
nicht lange, bis dies gefchah. Dei diefen Häglichen Ir 
fällen tonnte es nicht fehlen, dag Alix nicht aus Erbame 
mit ihrer Mutter das Herz im Leibe fich umkehrte, ih 
Demantbärte einigermaßen ſich erweichte und ihre tar 
heit in etwas nachließ. Diefer unbefiegte Geiſt, diele 
ihr fo fefter Wille, der von fo vielen andern Angrife 
und Entgegnungen umſonſt war befämpft worden, font 
bei einem fo Mäglichen ale der Mutter nicht Stu 
halten; übermannt von tiefgefühltem Mitleid, fopte vi 
mehr Aliy den Gedanken, die Ihrigen aus der Ruhe 





86. Eduard der dritte von England. 95 


zu befreien. Als daher die Gräfin ſchon wieder ziemlich - 
zu fi) gefommen mar und noc, immer weinte und feufzte, 
ſprach Alix auf folgende Weife zu ihrer Mutter: Trocknet 
bie Thränen, meine Mutter, und bekümmert euch nicht 
mehr! Seid gutes Muths und tröftet euch, denn id) 
bin geneigt und bereit zu thun, was ihr verlangt. Ver— 
büte Gott, daß man je fage, daß ich den Meinigen fo 
viel Pein verurfacht habe, wie ihr zu dulden fcheint: 
Sch will nicht, daß mein Vater und meine Brüber um 
meinetwillen ſich irgend einem Schaden ausfegen, benn 
ih bin verpflichter, mit aller Anftrengung von meiner: 
Seite ihre Wohlthat anzuerkennen und zu fterben, damit 
fie leben. Gebt, ich bin bereit, mit euch den König auf: 
zufuchen, Damit wir beide ohne fremde Vermittelung un« 
fere Angelegenheiten abmachen, denn wir werden dies 
beffer thun, als irgend jemand ſonſt. Wir wollen jegt 
feine Zeit mehr verlieren, nicht mehr weinen, fondern uns 
an die Ausführung bdeffen machen, was zu thun ift. 
Als ihre Mutter diefe unerwartete und unverhoffte 
Antwort hörte, war fie fo erfüllt von Freude, daß fie 
faft nicht glauben konnte, dieſe Worte gehört zu haben. 
Und nachdem furz zuvor die Herbheit des Schmerzes fie 
außer fich gebracht hatte, war fie nun faft wieder eben- 
dahin gebradht aus UÜbermaß ihrer Freude. Sie bob 
daher beide Hände gen Himmel und dankte Gott auf- 
richtig, daß er der Tochter Willen fo gelenkt habe, als 
gäbe Gott Ehebruh und Hurerei ein. D wie thoricht 
find doch fo oft die unglüdlichen und unwiffenden Sterb- 
lien, welche lachen, wo fie weinen follten, welche fi 
betrüben, wo fie heiter fein dürften! So machte ed aud) 
diefe gute Frau, welche, indem fie Kupplerin ihrer Tochter 
wurde, Gott ein Opfer zu bringen vermeinte. Sie um⸗ 
armte daher diefe zärtlich, meinte vor Freude, küßte fie 
vielmald und konnte ſich nicht von ihrem Halſe losreißen. 
Es war gerade ber Monat Junius und die Mittagsftunde, 
wo wegen der Hige viele Leute zu fchlafen pflegen. In- 


96 XXIV. Matteo Bandello. 


diefer Zeit ließ die Gräfin eine Eleine Barke bereit mahe 
um zu Waſſer nach dem Garten bes Königs zu mm. 
von welchen ich bereits gefprochen habe, und wohnt 
fih damals zurüdgezogen hatte, um mehr allen m 
ungeftört zu fein. Aliy ging inmittelft in ihr Gem, 
kleidete fich aber nicht anders an, als fie bereits m. 
fondern nahm ihr ſcharfes Meſſer und hangte es mi 
ihren Gewanden an einen Gürtel; darauf trat fie « 
ein Bild, welches die Königin bes Himmels, die Mum 
Gottes und die Zuflucht der Bedrängten barftellte, vi 
fie in ihren Armen das Bild ihres allerlichften Sin 
leins bielt, fant auf die Kniee und bat fie inbrünf: 
ihren Sohn ihr günftig zu flimmen, . damit. fie ihr ia 
ſches Vorhaben durchzuführen im Stande fei. Dir 
ftand fie vol Vertrauen und Standhaftigkeit auf m 
wandte fich zu der harrenden Mutter, welche fchon U 
hatte vorbereiten laſſen. Der Garten des Haufe M 
Grafen Richard ſtieß an die Themfe und es war bald 
eine Thüre, an welcher die Barke hielt. Dorthin gi 
die Gräfin mit Alix und mit. zwei Fräulein und fie fir 
alle in die Barke, welche von zwei Dienern geleitet ni 
und flußabwärts ſchwimmend gelangte das Heine gr 
zeug an ben Rand des Löniglihen Gartens. Das & 
ſtade war fo eingerichtet, daß man durch eine einzige 2 
binauffteigen konnte, die ganze übrige Umgebung war?“ 
hohen Mauern eingefchloffen. Die Thüre war kurz um 
von dem Kämmerer geöffnet worben, melcher um die Ei 
des Königs wußte, und diefer war um biefelbe Zeit gi 
"allein am Ufer des Fluſſes; er hatte ſich, um beſſer it 
feine Liebe nachzudenken, von feinen Hofleuten heinld 
entfernt und nicht weit davon unter kühlem Schatten u 
duftigen Kräutern niebergelaffen. Der Kämmerer feh!! 
geöffneten Thüre gegenüber unter Gebüfchen, theild 1 
die frifche Luft zu gemießen, die von ben gefräufel 
Gewaͤffern fanft hermehte, und andererſeits damit M 
mand hereintomme. Ws nun die Frauen dieſen Dr 








86. Eduard ber dritte von England. 97. 


erreicht Hatten, fliegen fie am Uferrande des Fluſſes aus 
und befahlen den Bärfenführern, fich nicht mit der Barke 
von bier zu entfernen. Dann fliegen fie einige Stufen ' 
empor und traten in die Xhüre. Als der Kämmerer fie 
fah und die Gräfin erfannte, munberte er fich fehr; aber 
noch viel mehr nahm ihn Wunder, als er die fchöne Altg 
erblidte. Er ging ihnen daher entgegen, empfing fie ehr- 
erbietig, grüßte fie und fragte fie, was fie thun wollen. 

Wir find gelommen, fagte die Gräfin, um dem gnd- 
digften König unſerm Herrn aufzuiwarten, da er eben 
erft euch erklärt hat, daß er mic, dazu zwingen merbe. 

Der Kämmerer, voll unenblicher, Freube, ließ die bei- 
ben Diener mit ihrem Fahrzeug in eine Eleine Bucht 
fahren, wo der König feine Barken verfchloffen hatte, 
riegelte die Gartenthür und machte fih im Geſpraͤche 
mit der Gräfin nach der Stelle, wo der König faß, auf 
den Weg. Wie fchon bemerkt worden ift, faß in diefem 
Augenblide ber König im Schatten unter, Gedanken über 
die Grauſamkeit und Härte der Alix. Zugleich betrach- 
tete er mit den Augen des Geiftes die reisende Schönheit 
berfelben, die ihm die fchonfte und wundervollfte Däuchte, 
die er je gefehen und von der er je hatte reden hören; 
er hatte ſich fo fehr in feine Gedanken vertieft, wobei 
ihm taufend Dinge durch den Sinn hin- und hergingen, 
daß er auf nichts fonft Acht hatte. Der Kämmerer führte 
die Frauen fo weit, daß fie den König fahen, ehe er fie 
hörte oder bemerkte. Da mandte fich der Kämmerer zu 
der ſchonen Alix. 

Seht, gnädige Frau, ſagte er, hier iſt euer Koͤnig, 
und gewiß denkt er an nichts Anderes, als an euch; 
und wenn man ihn jetzt nicht ſtörte, bliebe er ſo allein 
und nachdenklich drei, ja vier Stunden lang figen, fo 
heftig ift er verftridt in.die Nege eurer Liebe. 

Die junge Frau, von fittfamer Entrüftung durchglüht, 
fühlte in diefem Augenblide ihre Blut kälter, als Eis, 
durch alle Adern rinnen, im nämlihen Moment aber 

Staliänifcher Novellenſchatz. IV. 5 


8 XXIV. Matteo Bandello. 


fi) ganz in Flammen fichen. Dies machte ihr Angeficht 
noch fchöner, farbiger, reizender als gewöhnlich. Sie 
hatten ſich auf weniger als fünf Schritte dem König ge⸗ 
nähert, als der vertrante Kämmerer, vor ihn tretend zu 
ihm ſprach: Gnäbdigfter Herr, bier ift die fchöne Geſell⸗ 
fchaft, die ihr fo fehr gewünſcht habt, und kommt, euch 
aufzumwarten. 

Der Sönig, wie aus tiefem Schlafe ermachend, bob 
das: Haupt empor, und als er die Grafin erkannte, 
wunderte er ſich fehr über ihr Kommen; er fand fodann 
auf und fagte zu ihr: Seid willkommen, Frau Gräfin! 
Welche guten Neuigkeiten führen euch zu fo heißer Stunde 
hierher? 

Sie machte darauf eine tiefe Verbeugung und ant- 
wortete mit gebämpfter zitternder Stimme: Geht Bier, 
gnädigfier Herr, eure erfehnte Alix, welche, ihre Härte 
und Spröbigkeit bereuend, kommt, um euch die gejie 
mende Ehrfurcht zu bezeugen und eine Weile bei eudy zu 
bleiben, länger oder kürzer, ganz nach eurem Gefallen. 

Als er hörte, dag Alix bei. ihrer Mutter war, und 
diefe, welche unter ihren Fräulein verfehämt und entrüftet 
daftand, bemerkte, war er fo erfüllt von Freude, daß er 
ſich gar nicht zu faſſen wußte und nie eine ſolche Luſt 
gefühlt zu haben wähnte. Er näherte ſich daher derfelben, 
die ihre fehonen Augen zur Erde geneigt hatte, und ſprach 
zu ihr: Sei willlommen, mein Leben, meine Seele! 

Damit küßte er fie, welche fih unwillig zeigte, trog 
ihrem Widerftreben, fo gut er konnte, und nahm fie bei 
der Hand. Wer vermöchte, die unendliche Genugthuung, 
bie unfhägbare Freude des Königs zu fhildern und die 
äußerfte Unzufriedenheit, ben grenzenlofen Unmuth der 
Alirt Dem König war es, als wäre er im Paradieſe 
und ſchwämme in einem weiten Meere der Wonne, die 
junge Frau aber däuchte ſich in ber Hölle, verſenkt in 
jenes Feuer ber Dual. Ald nun der König bemerkte, 
dag fie ganz zitternd und verfchämt die Hand zurüd- 


86. Eduard der dritte von Englano. 9: 


gezogen batte und ihm auch nicht eine Silbe ermiberte, 
meinte er, die Anmwefenheit ber Mutter, ihrer Frauen 
und des Kämmerers verucfachen dieſe Sprödigkeit. Er 
nahm baher die Gräfin bei der Hand, fagte ihr, fie folle 
ihre Frauen nachkommen heißen, und fo ſchlug er den Weg 
nach feinen Zimmern ein. Auf geheimen Pfaden gelang» 
ten fie nun alle in bie Löniglihe Wohnung. Der Garten 
und der Palaft waren fo gelegen, daß ber König auf’ge- 
heimen Wegen an den Fluß hinabfteigen und in feine 
Gemächer zurückkehren konnte, ohne von jemand anders 
gefehben zu werden, ald wen er mit fi führte Ale. 
nun alle in dem Gemache waren, fagte ber König zu 
der Gräfin: Gnäbige Frau, mit eurer günftigen Gench- 
migung will ih mit Frau Alir in jenes kleine Zimmer 
treten, um mich mit ihr zu befprechen. 

Er nahm fofort biefe bei der Hand und Iub fie gar 
höflich ein, bier mit ibm einzutreten. Alix, ganz ver- 
fehämt, faßte doch einen Loͤwenmuth und trat hinein; 
der König aber, als er fie drinne fah, verfchloß die Thüre 
der Kammer mit dem Miegel. Der König hatte nicht 
Sobald die Thüre verfchloffen, als Alix, um zu verhindern, 
daß er ihr Gewalt anthue, vor ihm auf die Kniee ſank 
und mit fefter Stimme und gebietendem Wefen alfo zu 
ihm ſprach: Gnädigfter Fürft, ein ungewohnter Trich hat 
mich vor euch geführt, wohin ich nie auf diefe Art zu 
tommen hoffte; aber entjchloffen, mich von ber UÜberlaft 
eurer Gefandten und, Botfchaften zu befreien und meinen 
Eltern zu genügen, welche von euch beſtochen mich den 
ganzen Tag aufmuntern, euch zu Willen zu fein, wäh: 
rend fie mich eher hätten erdroffeln follen, feft in meinem 
Innern entfhloffen, dasjenige auszuführen, was ich im 
Sinne habe, bin ich hier bereit, euren Befehlen zu ge- 
borchen. Che ich mich aber eurer gm freien Verfügung 
bingebe und ihr mit mir euch den Genuß verfchafft, wor⸗ 
nach ihr, wie ihr zeigt, fo fehr traditet, will ich mich 
durch bie Erfahrung vergewiffern, ob eure Liebe zu mir 

| 5% 


100 XXIV. Matteo Bandello. 


fo glühend ift, wie ihr mir in fo vielen Briefen ge 
fhrieben, wie ihr mir noch weit öfter mündlich halt 
fügen laffen. Und wenn e& fo ift, mie ihr mic) glaube 
machen wollt, fo werdet ihr mir eine kleine Gunft erzeign, 
die euch leicht ausführbar fein, mir aber die größte Frukt 
machen wird, die ich je hoffen und erhalten könnte 2a 
nun dad, was ich von euch verlangen werde, aud wir 

leicht hart und ſchwer ausführbar erfcheinen wird, jo m) 

ih von euch hören, ob ihr es thun werdet, ober nik 

fonft hofft nicht, daß ich, fo Lange ich noch einen Haut 

des Lebens in mir habe, euch je in irgend etwas mer 

zu Willen fein! Crinnert euch, mein König, an du 

was ihr fhon zu Salisbury zu mir gefagt und nadle 

mir gefchrieben und mitgetheilt habt, daß, wenn ihr müftt | 
wie ihr mir etwas Angenehmes erweifen könntet, ic eui 

nicht fo viel befehlen koͤnnte, als nicht von euch er 
zur Ausführung gebracht würde. Nun befehle ic mi 
nicht, denn das darf ich mir nie anmaßen, vielmehr fi 
ich euch ganz unterthänig und flehe, daß ihr geruhen mit 
mir euer Wort und eure Ehre zu verpfänden, daß # 
thun wollt, um was ich euch anflehe, und erinnert en 
dag Königswort nicht lügen noch eitel fein darf. 

. Der König, der während ihrer Rede ihr feſt ink 
ſchoͤnes Geſicht geblickt hatte, und dem fie ohne Vaer 
viel ſchöner und liebenswütdiger vorkam, als er It} 
geſehen hatte, würde, als er ſich num fo inftandg # 
flehen hörte von diefem Munde, von welchem er um 
Kuß der Liebe fo fehnlich wünfchte, ihre nicht nur A 
$leine Gnade, fondern das ganze Königreich verfpradt | 
haben. Gr rief daher Gott und alle Heiligen bed Pur 
diefes zu Zeugen an für Alles, was er ihr ſagen w 
verfprehen wolle, und antwortete ihr im folgende 
ſtalt: Meine Einzige und von mir unendlich und it 
Ales, was erfchaffen tft, Geliebte, meine Gebiet: 
da ihr, Dank fei euch dafür, geruht habt, hier in m! 
Haus zu kommen, und von mir verlangt, def id, 




















86. Eduard der dritte von England. 101 


ich meinen Willen mit euch erfülle, euch eine Gnade er- 
weife, bin ich bereit, euern Wunfch zu thun, und ſchwöre 
euch bei der Taufe, die ich auf dem Haupte habe, und 
bei aller Xiebe, bie ich für euch hege, denn ein höheres 
Gelübde Tann ich nicht ablegen, daß ih alles, was ihr 
mir zu thun anmuthet, ohne Widerrede leiften will, 
vorausgefegt, dag ihr mir nicht befehlt, euch nicht zu 
lieben, noch euch, wie ich es bin und ſtets bleiben werde, 
ein rechtfchaffener treuer Diener zu fein; denn wenn ich 
euch Died auch verfpräche und mit taufend und aber taufend 
Eiden bekräftigte , fo tönnte ich das doch niemals halten; 
fo wenig der Menfch ohne Seele leben kann, könnte ich 
euch zu lieben aufhören, und eher gefchähen alle unmög- 
lihen Dinge, als daß ich euch nicht liebte. Verlanget 
daher kühn, was euch beliebt,. denn ich und mein Reich 
find in eurer Gewalt. Und wenn ich je daran denken 
follte, euch nicht zu halten, was ihr von mir verlangt, 
wenn ed doch in meiner Gewalt ift, oder in der irgend 
eined Menſchen, der in meinem Weiche fich findet, fo 
bitte ich Gott andächtig, daß er an dem Prinzen von 
Wales Eduard meinem Erftgebornen und an meinen 
andern Söhnen oder an Alleni, was mir fonft theuer ift, 
mich ferner feine Freude mehr erleben laffe. 

Die fchöne Alix wollte jegt, obſchon fie eingeladen 
ward, fih zu erheben, noch nicht auffiehen; fie faßte 
vielmehr knieend, mie fie war, fittfam die Hand des 
Königs, und forad) alfo zu ihm: Und ich, Sire, indem 
ih euch bie königliche Hand küſſe, danke euch für die 
Gnade, die ihr mir erweiſet, unendlich und bin euch 
aufs Höchfte verpflichtet. Ich vertraue daher fehuldiger- . 
maßen auf euer Fönigliches Wort und werde euch um das 
Geſchenk anflehen, das ich wünfche wie mein Xeben. 

Der König, welcher in der That gerührt war von 
aufrichtiger Liebe und welcher Alix mehr liebte, als feinen 
Augapfel, ſchwur ihr von Neuem auf das Eindringlichfte, 
er molle treu. und ohne Gefährde königlich alles leiften, 


102 XXIV. Matteo Bandello. J | 


mas fie von ihm verlange. Indeſſen zog fie das Ind 
dende Mefjer hervor, welches eine mehr als zwei Spanne 
lange Klinge hatte, vergoß die heißeften Thränen, meld 
ihr die ſchoͤnen rofigen Wangen negten, und fagte i 
jammerndem Tone zum König, welcher voll Staunen ud 
Berwunderung war: Herr, das Gefchent, das id ım 
euch verlange und das ihr mir zu gewähren euch m 
pflihtet Habt, befteht darin, dab ich euch von ganm 
Herzen bitte und inftändig anflehe, daß ihr mir min 
Ehre nicht nehmen wollet, fondern daß euch lieber gefal, 
mit euerm Degen mir dieſes binfällige und gebrechlich 
Leben zu nehmen, damit, wenn ich bisher fandeögemi 
unbefcholten gelebt habe, ich auch ftandeögemäß in Em 
ſterbe. Wenn ich diefe Gnade von euch erlange, dafür 
mich eher ermordet, al& ihr mir meine Ehre nehmt, h 
bitte ich Gott unfern Herrn, daß er euch ftets glüdia 
erhalten möge und euch völlige Genüge aller eurer Bir 
ſche gebe. Anbererfeits aber gelobe ich Gott und m 
fpreche euch aufrichtig, wenn ihr mir das Derfpredu 
nicht haltet, daß ich mich felbft mit dieſem fcharfen Hefe 
umbringen und daß ich nie zugeben werde, fo lange M 
Athemzug in mir ift, daß man mich mit Gewalt fhän 
Bedenkt, Site, daß ihr das, mas ihr von mir begett, 
von taufend und aber taufend andern fchönen Fra 
ohne Schwierigkeit erlangen könnt, denn fie werden cd 
willig gefällig fein, während ich aufs Feſteſte entſchloſu 
bin, lieber das Leben verlieren zu wollen, als Ehre un 
guten Namen. Und wie groß wird euer Vergnügen ji 
wenn ihr Mar einfeht, wenn ihr mit Gewalt mir I 
entreißt, was ihr fo fehr zu verlangen feheinet, das it 
nur meinen Körper unter eurer Herrfchaft habt, md 
aber meinen Geift noch Willen, die euch immer Bir 
ftand leiſten, ja euch haſſen werden fo lang ih Ik 
und die nicht aufhören follen, die Rache Gottes für eud 
anzufprehen. Aber Gottes Güte verhüte, dag ihem 
- Gewalt anthuet! Bedenkt, Sire, bedenkt, dafi euer mi 











86, Eduarb der dritte von England. 103 


lüfliger Genuß vorübergehen wird, wie ein Nebel vor dem 
Winde, um euch immer die Neue zurüdzulaffen und 
einen ftechenden Wurm im Herzen wegen der fchimpf- 
lichen Schmach der an mir berübten Gemwaltthat, einen 
Wurm, der nie aufhören wird, euch zu nagen und zu 
peinigen. Ferner wird die abfcheuliche Schande und die 
tadelswürdige Beſchimpfung, die ihr auf die Meinheit 
meiner Sittfamkeit werfet, nebft meinem daraus erfol« 
genden frühzeitigen Tod, euern Namen mit ewigen Vor—⸗ 
würfen und unaufbhörlicher DVerrufenheit belaften. Und 
glaubt nicht, daß der Ruf diefer Übelthat fih nur in 
die Grenzen Englands und der benachbarten Inſeln ver- 
fchließen werde; vielmehr wird er den Dcean überfchreiten, 
durh ganz Europa, ja über die ganze Welt mit dem 
lauteften Schrei die Ungerechtigkeit und Graufamteit eined _ 
fo hohen Fürften, wie ihr feid, verbreiten; und in den 
fomnienden Jahrhunderten wird die Sage davon den 
Nachkommen eure Schmach vergrößern, mährend fie 
euch bei euern Lebzeiten mit Schanden in das Gerede 
der Leute bringt. Kaum eine Secunde Zeit wird eure 
Treude einnehmen, während die Schande davon an jedem 
Drt, wo Menfchen wohnen, und zu jeder Zeit geprebigt 
werden wird; und nicht allein werdet ihr getadelt werden, 
fondern auch eure Nachkommen werden davon die Madel 
an fich tragen. Wollt ihr, daß man fage, ich, die aus 
edeiftem und hehrem Blut geboren bin, einem alten und 
untabelichen Gefchlecht angehöre, deren Verwandte, Ahnen 
und Urahnen für Englands Krone fo oftmals ihr Blut 
verfprügt haben, ich fei von euch überwältigt und zur. 
Mege gemacht worden? Erinnert ihre euch nicht, wie 
Viele ihr beftraft habt, welche mit freier Einftimmung 
Ehebruch getrieben haben? Und jegt wollt ihr felbft in 
die Verirrung verfallen, die ihr felbft fo ſtreng gezüchtigt 
habt? Erinnert euch, daß mein Gemahl in euern Dien- 
ften geftorben ift, der euch fo treu und ergeben war; 
und gewiß, obſchon er tobt ift, wird er bei. Gott nad 


104 XXIV. Matteo Bandello. 


Gerechtigkeit gegen euch ſchreien. Iſt das alfo ber Lohr, 
den ihr ihm bereit haltet, das der Erfag, ben er für 
feine Mühfale erwarten könnte, wenn er noch am Leben 
wäre? Aber, um zum Schluß zu kommen, mein Ge 
bieter, thut nun eines von beiden, haltet mir entwehn, 
was ihr mir durch Wort und Eid zu halten euch ve- 
pflihtet habt, oder raubt mir mwenigftend nicht dasjenige, 
was ihr, wenn ihr mir es entwendet habt, mir nie meh 
erftatten tonnt, welche Macht und Schäge ihr aud be 
ſitzet. Mas von Beiden ihr auch thun möge, ich bin 
von euch fo wohl befriedigt, als fih nur fagen laͤßt. 
Was denkt ihr, Herr? Was beabfichtigt ihr? Entwedet 
haltet mir das Berfprechen, ober züdet euern Degen 
und bringt mih um! Hier ift die Kehle, Hier ift bie 
Bruft! Was zaubert ihr? 

Indem fie dies fprach, breitete fie unerfchüttert den 
ſchneeweißen fchönen Hals mit dem Marmorbufen ver 
dem König aus und bat ihn zärtlich, fie zu ermorden. 
Außer fich bei einem fo entfeglichen Fläglichen Schaufpiel, 
war er unbeweglich geworden; fie aber, welche in biefe 
erfhütternden: Scene einen Berg von Erz hätte in Stück 
ſchlagen können, ſank, als fie ausgerebet hatte, voll Auf 
regung, wie eine reuige Magdalena vor Chriftus, zı den 
Füßen des Königs nieder, lieb aber darum ihr Meffer 
nicht los, badete es mit heißen Thränen und erwartet: 
entweder erwünfchte Antwort vom König, oder mit un 
befiegtem ruhigem Muthe den. Tod. Der König ver: 
harrte eine gute Weile in bdiefer Stellung, ohne fih 
ivgend zu rühren, verfchiedenes im Innern bewegend un) 
von taufend Gedanken befämpft, ganz unentfchloffen, 
wobei Alix indeß nicht aufhörte, ihn zu bitten, er moge 
Eines oder da8 Andere ausführen. Am Ende, als be 
König die Standhaftigkeit, Feftigkeit und Tüchtigkeit feiner 
Geliebten, die er mehr als ſich felbft liebte, überlegt hatte, 
, und bie feftefte Meinung hegte, daß wenige fo vortrefi 
liche Frauen aufgefunden werden können, und baf fi 


86. Eduard der dritte von England. 105 


jeder Ehre und Hochachtung würdig fei, reichte er ihr 
mit einem heißen Seufzer die Hand und fagte zu ihr 
mit Rührung: Steht auf, meine ‚Herrin, und fürchtet 
nicht von mir, daß ich je etwas anderes von euch ver⸗ 
langen werde, als mas euch fo fehr angelegen ift. Bott ' 
bewahre mich, daß ich die Frau, die ich wie mein Herz, 
ja noch weit mehr liebe, umbringe; denn jeden, der ihr 
nur zur Laſt fallen, gefchmweige der fie umbringen wollte, 
würde ich al& meinen Todfeind erwürgen. Steht auf 
um Gottes willen, edle Frau, ſteht auf! Diefes ſchnei⸗ 
dende und ın Wahrheit, wie mit fcheint, bedeutungsvolle 
Meffer bleibe in euern Händen als untrügliches Zeugniß 
eurer unbefiegten und fledenlofen Keufchheit vor Gott 
und den Menjchen. Diefen reinen Anblick tonnte die 
irdifche fleifchliche Liebe nicht ertragen, fie ift vol Schande 
und Beihämung von ‚mir geflohen und hat der aufrich- 
tigen und mahren Liebe Plag gemacht. Wenn ih in 
früherer Zeit meine Feinde zu befiegen wußte, will ich 
jegt zeigen, daß, indem ich mich felbft überwinde und 
meine unanftändigen Begierden zügle, ich auch über meinen 
Willen Herr werden und mit mir und meinen Trieben 
anfangen fann, was ih will. Was ich aber im Sinn 
babe und zu thun und auszuführen entfchloffen bin, das 
werdet ihr, zu eurer größten Genugthuung, wie ich mir 
ſchmeichle, und vielleicht mit nicht geringerer Verwun⸗ 
derung mit Gottes Hilfe bald fehen; dies wird auch zu 
meiner unfchägbaren Zufriedenheit gefchehen. Und id 
verlange für jegt nichts anderes von euch, ale einen Kuß 
in allen Ehren zum Angeld auf das, was bald die Welt 
mit Verwunderung fehen und zmeifeldohne loben wirb. 
Nachdem der König Alie mit großer Luft gefüßt hatte, 
öffnete er die Thüre des Gemachs und hieß die Gräfin, 
den Kämmerer und bie Frauen hereinfommen. Wenn 
alle beim Anblick der weinenden Alix mit dem bloßen 
Meſſer in der Hand voll Vermunderung und Staunen 
waren, fo ift das nicht zu verwundern, ba fie nicht 
.. 5+* 


106 XXIV. Matteo Banbello. 


wußten, was die Sache bedeute. Als fie eingetreten 
waren, trug der König dem Kämmerer auf, in dem 
Zimmer alle Dofleute und Adeligen, welche ſich im Pa— 
lafte befanden, zu verfammeln, was auch in kürzeſier 
Zeit ausgeführt war. Dabei war unter andern der Bi: 
fhof von York, ein Mann von ber größten Geſchaͤfts 
gewanbtheit und feltener Gelehrſamkeit, nebft dem A: 
miral der Flotte. Berner befand fich darunter ber erfe 
Serretär des Könige. Diefe drei mit bem Kammer 
hieß der König in das Beine Gemad treten, fonft nie 
mand; in dem großen Zimmer aber waren viele Baron 
und Herren. Der Biſchof und die beiden andern ſtanden 
drinnen voll dee größten Verwunderung da, ale fie die 
Gräfin mit ihrer Tochter fahen, welche auf Des Könige 
Befehl das Meffer in der Hand behielt und deren Thraͤnen 
noch nicht getrocknet waren. In gefpannter Erwartung 
barzten fie zu erfahren, was das bedeute, und da fi 
ſich den wahren Verlauf diefes wunderbaren Schaufpiel 
gar nicht einbilden konnten, fchwiegen fie ftil. Die Thüre 
des Pleinen Gemachs war bereits verfchloffen und die im 
Saale draußen warteten zu vernehmen, zu welchem Zwedt 
fie berufen feien. Der König hatte in Gegenwart Alt 
das zu thun gedacht, was er hernach that; Darauf abır 
hatte er feinen Plan geändert und wollte feine weiten 
Zeugen, als die in dem einen Gemach. Hier erzähle 
ee denn genau die ganze Geſchichte feiner Liebe und bei, 
was ihm foeben mit Alix begegnet war. Gr lobte un 
aufhörlih die göttliche Sittſamkeit und ben beftändigen 
Sinn berfelben nebft der unbefiegten Seftigkeit ihres fer 
ſchen Vorhabens, das nie genug gelobt werben Fonat, 
und nachdem er fie mit Worten erhoben hatte über ale 
keuſchen Frauen der Vorzeit, wandte er ſich zu ihr und 
ſprach freundlich mit heiterer Miene zu ihr: Frau Ws, 
wenn es euch gefällt, mich zu euerm rechtmäßigen Ge 
mahl anzunehmen, fo bin ich hier bereit, euch au hei 
then als meine echte und rechtmäßige Gattin. In dieſen 





86. Eduard der dritte von England. 107 


Falle bedürft. weder ihr noch ich Rath noch Unterweifung 
über bie Wichtigkeit der Sache; benn ihr wißt bereite 
aus Erfahrung, welches Band und welche Feſſel es für 
eine Frau ift, einen Gatten zu haben, da. ihr bereits 
verbeirathet geweſen ſeid, und ich weiß ebenſo, welche 
Laſt es iſt, eine Gattin ſich zur Seite zu wiſſen ,‚ wenn 
die Frau widermärtig ifl. Es fei aber, wie es wolle, 
wenn ihr mich wollt, fo will ich euch. 

Die junge Frau, voll unendlicher Freudigkeit und 
wonniger Verwunderung mußte fein Wort hervorzu- 
bringen. Die Gräfin, als fie eine fo unerwartete boch- 
wichtige Kunde vernahm,, hüpfte vor Freude und mar 
nabe daran, an ihrer Tochter Statt zu antworten und 
ja zu fagen, als der König nochmals diefelben Worte 
an Alir richtete. Nun machte diefe eine ehrfurchtsvolle 
Verbeugung, als fie den König fo wacker reben hörte, 
und antwortete befcheiden, fie fei feine Magd und wiewol 
man wiſſe, dag man nicht hoffen noch ſich anmaßen dürfe, 
einen König zum Gemahl zu befommen, fo fei fie dem⸗ 
ungeachtet, wenn er fo wolle, bereit zu gehorchen. 

Und ihr, bifchöflihe Gnaden von York, fügte der 
König hinzu, fpreht die gewohnten Worte, welche bei 
Eheverlöbniffen gebräuchlich find. 

Auf die Befragung des Prälaten antworteten denn 
beide ja, der König z0g einen koſtbaren Ring vom Finger 
und vermählte ſich damit feiner theuern Alix, gab ihre 
den Kuß ber Liebe und ſprach: Gnädige Frau, ihr feib 
Königin von England, und ich ſchenke euch von nun an 
zu euerm Unterhalt jährlich dreißigtaufend Thaler und 
dieſe Kifte hier voll Gold und Edelfteinen. Hier ift ber 
Schlüſſel dazu: nehmt ihn! Da ferner das Herzogthum 
Zancafter dem koͤniglichen Schage heimgefallen ift, ver⸗ 
leihe ich euch baflelbe und will, daß es euch frei ange: 
höre und daß ihr darüber verfügen, es verfchenfen und 
verfaufen könnt, wie ed euch genehm ift. 

Darauf wandte er fih an den Secretär und befahl 


108 XXIV. Matteo Bandello. 


ihm, der Königin für diefe Schenkungen eine ausführ: 
liche Verſchreibung auszuftellen. Sodann verordnete cr, 
dag diefe Heivath ohne feine Genehmigung nicht befannt 
gemacht werde. Er ließ fodann die Anmwefenden auf den 
geheimen Weg gehen und blieb mit der Königin allanı, 


um die Ehe mit ihr zu vollziehen, wobei er einen heil, 


der Frucht feiner langen und glühenden Liebe mit m 
fäglihem Vergnügen pflückte. Dann ging er aud mit 
ahr hinab in den geheimen Weg, wo der Biſchof und 
die andern waren, unb ohne von jemand gefehen zu 
werben, begleiteten fie die neue Königin in die Dark. 
Der König blieb mit den Seinigen zurüd, bie Fraum 
aber gingen nad) Haufe, indem die fehöne Königin Gott 
Lob und Dank fagte, daß er ihren Mühfalen ein ft 
freudiges Ende und einen fo erhabenen Erfag für die 
felben gegeben habe. Die Mutter, welche ihre Zodte 
zum König geführt hatte, um fie zum Hure zu machen, 
brachte fie als Königin wieder heim. In zehn Tagen 
hatte der König Alles angeordnet, er jchickte feinen ver- 
trauten Kämmerer mit Briefen, von ihm, der Gräfn 
und der Königin an ben Grafen feinen Schwiegervater 
und Iud ihn mit feinen Söhnen zur Hochzeit ein. Der 
Graf, als er fo gute und unerwartete Nachrichten hörte, 
machte dem Kämmerer unendliche Lieblofungen und fchenkte 
ihm viele fhone Dinge. In Begleitung beffelben und 
‚feiner Söhne ging er auch erfreut und übermäßig heite 
alsbald nach London. Der Empfang zwifchen dem Date 
und der Zochter, ber neuen Königin, und zwiſchen den 
Brüdern und ihr war fehr innig und bie Begrüßung 
wollte nicht aufhören, denn fie konnten nicht fatt werden, 


fi miteinander zu freuen. Der Vater war erfreut, al ' 


er fah, daß die Meinung, ‚die er vom der GSeelengröft 
feiner Tochter gehabt hatte, zur Ehre und Erhöhung dei 
Haufes ausgefchlagen war, und fegnete bie Stunde, in 
welcher fie geboren wurde. Vielmals ließ er fi die 
ganze Gefchichte von bem, was zwifchen ihr und dem 





86. Eduard der dritte von England. 109 


König vorgefallen war, wieder erzählen. Die Grafın . 
konnte daher nicht umhin zu erröthen, als fie die Er- 
munterungen wieder erwähnen hörte, welche fie ihrer 
Tochter ertheilte, daß fie dem König zu Willen fei, und 
daß fie die Mittlerin und Führerin gemacht habe, die fie 
zym König gebradht. Doc, führte fie auch für ſich einige 
Gründe an, indem fie’ geltend machte, wie ungerne fie 
gegangen fei, die Furcht aber, ihren Gatten fammt ihren 
Söhnen und dem ganzen Haufe dem Untergang geweiht 
zu fehen, habe fie gezwungen, von beiden Übeln das gerin- 
gere zu wählen; und fo ftritten fie freundlich miteinander. 
Bor Allem aber dankte die neue Königin inbrünftig Gott, 
daß er ihre keuſche Abficht berücfichtigt und in feiner 
unenblihen Güte fie zu einer fo erhabenen königlichen 
Höhe erhoben habe. Sofort ging der Graf Richard mit 
feinen Söhnen hin, dem König aufzumwarten, der Alle . 
ſehr ehrenvoll und höflich aufnahm, indem er den Grafen 

ale feinen Schwäher und Vater ehrte und feine Söhne 
als feine rechten Schmwäger, die fie auch waren. Sodann 
ſprach der König ausführlich über die Art, wie man die 
Königin zur Krönung nad dem Palaſte einholen müffe; 
es wurde die ſchickliche Zurüftung zu der fünftigen Hoch» 
zeitöfeier gemacht, der König ließ feine neue Verehelichung 
befannt machen und alle Herzoge, Markgrafen, Grafen, 
Freiherren und andere Ebelleute von feinen Bafallen ein« 
laden, fich zu London an den Kalenden des Julius zur 
Hochzeit und Krönung der Königin einzufinden. Unter- 
defien ging der König insgeheim in das Haus des Grafen 
unb brachte eine oder zmei Stunden des Tages in Freuden 
bei feinem liebften Ehegemahl zu. Als fofort der Tag 
der Kalenden des Julius gefommen war, ging der König 
am Morgen unter ebrenvollfter Begleitung in das Haus 
bed Grafen feines Schwähers, und fand dort die frohe 
Alix ale Königin gekleidet und den Palaft prunkvoll ge 
ſchmückt. Mit einem Gefolge von vielen Frauen und 
Sräulein gingen fie dann in die Kirche, um die Meffe 


110 XXIV. Matteo Banbello. 


zu hören, und als biefe zu Enbe war, vermählte fih 
der König von Neuem öffentlih mit ihr. Und auf iem 
Markte, wo die feierlichfte Zurüſtung gemacht war, wur: 
fie als Königin von England gekrönt mit einer fehr reiche 
Krone, die man ihr auffegte. Bon da begab man fi 
in die Zöniglide Burg zur Tafel. Die Mahlzeit war 
koſtbar und fchon, wie es fich für einen folden Kin 
fhidte, der einen Monat lang ununterbrochenen Hof hiel 
mit den präcdtigften Aufzügen und Feftlichkeiten, weh 
ee einen Pomp entfaltete, ald wäre die Tochter ind 
Könige oder Kaifers feine Frau geworden. Die Könige 
wurde in ?urzer ‘Zeit fo beliebt bei dem Volk und hm 
Adel, daß jeder den König böchlich pries, daß er cin 
fo gute Wahl mit feiner Gattin getroffen hatte. Aut 
der König mar von Tag zu Tag vergnügter und für 
Liebe zu der Königin fchien immer zu mwachfen. Erve 
langte, daß beftändig durch einen Knappen der König 
wenn fie ausging oder wenn fie zur Zafel kam, ii 
Meffer entblößt vorgetragen wurde, womit fie fic «inf 
bewaffnet hatte, zum Zeugniß für ihre unübermwindlik 
Keufchheit. Der König brachte ed dann in Furzer da 
dahin, daß der Graf fein Schwäher der reichfte un 
angefehenfte Baron der Infel wurde, und vwerforgte alt 
feine Schwöger mit Gütern und Einkünften fo reihlid, 
daß fie auf immer zufrieden fein mußten: Solde & 
höhung alfo erlebte die ſchöne fittfame Alix, fie murk 
Königin und war In der That würdig, ohne Ende gr 
feiert zu werden. Nicht weniger Lob aber verdient i 
diefem alle der hochherzige tugendhafte König, weite 
durh fein Verfahren in dieſer Sache fih als mahr 
König, nit als Tyrannen erwies. "Und gewiß iſt « 
in dem, was er mit Air that, jedes fchönen Preid 
würdig; fein ruhmvoller Sieg über ſich felbft machte ihe 
auch feine Untertbanen anhänglih und gehorfam und ge) 
andern das Vorbild für eine rechtſchaffene Handlung 
weiſe, benn alle fahen daraus, daß man auf diefe Ar 


87. Die Errettung aus dem Grabe. 111 


unvergänglihen Ruhm erwirbt: Und ich meines Theils 
glaube und hege die fefte Überzeugung, daß er barum 
weil er fo gut feine unordentlichen Triebe zu regeln und 
feine Liebesleidenfchaft zu überwinden verftand, einen - 
geringeren Ruhm verdient, als der ift, den er durch viele 
und glorreiche Siege im Waffenwerk fich erworben hat. 


— 0 


- 87. Die Errettung auß dem Grabe. 


(2, 41.) 


Man bat heute ſchon gar lange von vielen und 
mannichfachen Zufällen geſprochen, Die oft gegen alle 
menſchliche Berechnung bei gewagten Liebeshänbdeln ein- 
zutreten pflegen, und daß gar häufig, in dem Augen» 
blide, wo man, ohne alle Hoffnung, das fehnlichft ger 
wünſchte Ziel erreichen zu konnen, eine Ausficht lebendig 
wird, und. man das, was man als verloren bemeint hat, 
plögliy wiedererwirbt. Und in der That find diefe Ereig- 
niffe in den meiften Fällen wunderbar für den, der daran 
denkt, und ſchwer zu glauben für einen, der nicht die 
Unbeftändigkeit der Dinge, welche unter dem Monde in 
beftändiger Bewegung find, in Betracht zieht. Einer, 
der es für fiyer hielt, das fo fehr gewünfchte Ziel feines 
Unternehmens zu erreichen, fieht fich mit einem Schlage 
weit davon entfernt, ja es ganz aus den Augen ver 
ſchwunden. Der andere findet nad) langen und pein⸗ 
vollen Mühen, daß er fie umfonft angewandt hat; und 
. während die Seele ber früheren Begierde fich entfchlägt 
und einen anderen Weg wählt, fiehe da findet fich die 
fhon preisgegebene Sache unvermuthet wieder unter den 
Händen und man gelangt in völligen Beſitz beffen, was 
man niemals bekommen zu können waͤhnte. So fpielt 





112 . XXIV. Matteo Banbells. 


häufig in den menfchlichen Dingen mit ber Scheibe fein 
unbeftändigen Rades das blinde Glück, das zwar in ala 
feinen Handlungen wanfelmüthig und wechſelnd, am m 
beftändigften aber in Liebesfachen fich zeigt. Weil ak 
nach dem gemeinen Sprichworte Beifpiele viel weiter hella, 
als Worte, und ber Rebe zweifellofen Glauben verfhafe, 
fo möchte ich euch demgemäß eine Geſchichte erzähl 
welche in der erlauchten Stadt Venedig vorgefalln if 
Es befanden fich nämlich bafelbft zwei Edelleute, m 
man aus ben öffentlichen Urkunden des geftrengen Pr 
giſtrats der Schirmvögte der Gemeine noch heutiges If 
fehen kann; fie waren reih an Glücksgütern und beiik 
Daläfte an dem großen Kanal, einander faft gerade # 
genüber. Der Befiger des einen hieß Meffer Paolo m 
hatte von feiner Frau eine Zochter und einen Exk 
Namens Gerardo, fonft feine Kinder. Der ander Ex 
mann hieß Meffer. Pietro, welcher von feiner Gattin 
ein einziged Kind hatte, ein Mädchen von dreizehn Ei 
vierzehn Jahren, Namens Elena, bie unglaublich Ihr 
war und mis jedem Tage neue Reize entfaltet. © 
etwa ziwanzigjährige Gerardo hatte ein vertrauliches Fit 
verhältnig mit der fehr anlodenden und gefälligen jr 
eines Barbiers. Faſt täglich flieg er mit feinem Dim 
in die Gondel, fuhr über den Kanal hin und in um 
‚ Heinen Kanal hinein, welcher das Haus von Eimi 
Vater befpühlte, unter den Fenſtern deſſelben him 
und machte den gewohnten Beſuch. Da gefchah ei, m 
denn je zuweilen Unglüdsfälle eintreten, wenn mark 
gerade am wenigfien erwartet, daß die Mutter Elm: 
erkrankte und zum fchmerzlichften Leidwefen ihres Nam 
und ihrer einzigen Tochter farb. Auf der andem rt 
des Meinen Kanals, fchrägüber von Meffer Pietro’s 34 
nung, wohnte ein Edelmann mit feiner Frau und 7 
Töchtern. Meffer Pietro, welcher angelegentlich winlt 
feine Tochter bei guter Laune zu erhalten und durch fr 
bare Geſellſchaft zu zerftreuen, ſchickte wenige Bit 


Pa 





87. Die Errettung aus dem Grabe. 113° 


nach dem Tode feiner Frau bie noch im Haufe wohnende 
ehemalige Amme Elena’s zu dem Water der vier Töchter 
ab und ließ ihn bitten, am nächſten Feittage die Er- 
laubniß zu geben, daß feine Töchter auf Beſuch zu Elena 
herüberfommen und fich mit ihr unterhalten. Der höf- 
liche Nachbar ertheilte feine Zuftimmung, und fo fanden 
fih faft an jedem Fefttage die vier Schwefterr ungehin- 
dert und mit Vergnügen in Elena's Haufe ein, indem 
fie, ohne von jemand gefehen zu werden, auf der Waffer- 
feite des Haufes in die Gondel fliegen und fi bis zum 
Waſſerthore des gegemüberliegenden Haufes Meffer Pie- 
tro's überfegten. Wenn .dann bie fünf Mädchen bei- 
fammen waren, fpielten fie manchmal ihrem Alter und 
Geſchlechte angemeffene Spiele, und. unter anderen auch 
die Forfetta. Es foll dies ein Spiel mit einem Balle 
gewefen fein, den fie einander zumwarfen; und wer ihn 
nicht im Fluge auffangen konnte, fondern ihn zu Boden 
fallen lief, der hatte gefehlt und das Spiel verloren. 
Die vier Schweftern ftunden im Alter von: fiebzehn bis 
zwanzig oder einundzwanzig Jahren und eine jede war 
in einen jungen Mann verliebt. Deshalb Tiefen fie oft 
unter dem Spiele, bald die eine, bald die andere, oft 
auch drei, ja alle vier zufammen nad den Balkonen, 
um ihre ‚Geliebten zu fehen, wenn fie darunter vorüber- 
fuhren. Die unfchuldige, mit den Liebesflammen nod) 
unbefannte Elena war darüber fo unmwillig und misver- 
gnügt, daß fie die andern oft an den Kleidern zum Spiele 
zurückzog. Es lag ihnen freilih an dem Anblid der 
Jünglinge mehr, als an dem Ball, und fo. verweilten 
fie an den Fenftern, unbefümmert um Elena, und warfen 
manchmal Blumen oder andere kleine Sachen, mie es 
fi) gerade fügte, ihren Geliebten zu, wenn fie unter 
den Balkonen vorüberfuhren. Eines Tages, als eine von 
den. vier Schweftern auch wieder von Elena mit Zureden 
beläftigt wurde, den Balkon zu verlaffen, fagte fie zu ihr: 
D Elena, wenn du nur einen kleinen Theil des Ver⸗ 


114 XXIV. Matteo Bandello. 


gnügens empfändeft, das wir bier an den Fenſtern gr 
nießen, bu würbeft beim Simmel eben fo gerne hier we: 
weilen, als wir felbft, und dich nicht um das Ballipi 
fümmern. Aber du bift ein kindiſches Mädchen und ve 
ftehft noch nichts von diefen Dingen. | 

Elena kehrte fih an ihre Worte nicht und fuhr fart, 
mit. Eindifcher Zudringlichkeit fie zum Spiele anzuhaltn. 
Inzwifchen kam wieder ein Feiertag heran, und die vie 
Schweftern wurden diedmal verhindert, Elena zu befude. 
Betrübt und verbüftert Darüber trat fie an eines der Fenfte, 
welhe dem Haufe ihrer Freundinnen gegenüber auf de 
Heinen Kanal gingen. Dort fühlte fie fich denn reit 
traurig und einfam ohne ihre Freundinnen, an welche it 
nun ſchon ganz ſich gewöhnt hatte Da trug es fh 
während das unfchuldige Kind fo daftand, daß Gera 
in feiner Beinen Barke vorüberglitt, um die Frau de 
Barbiers zu befuchen, und, zufälligerweife emporblidmt, 
das einfältige Kind am Fenfter fichen fah. Als fie be 
bemerkte, wendete fie ihm gleich ihre Köpfchen zu u 
fah ihn freundlih an, ‚wie fie e8 Hatte ihre Geſpielinm 
mit ihren Liebhabern machen fehen. Der vermunbtt 
Gerardo, welcher vielleicht noch nie an fie gedacht ee 
fie gefehen hatte, unterließ nicht, ihr verliebte Blicke ı 
zumerfen, und fie ermwiderte fie lächelnd, in der Meinur 
dies gehöre eben zum Spiele. Gerardo fuhr weiter. A 
er aber eine kleine Stredde entfernt war, fagte fein Barr 
führer zu ihm: Lieber Herr, habt ihr nicht das fh 
Mädchen gefehen und darauf geachtet, mit wie heit 
Miene und entgegentommender Freundlichkeit fie m 
fortwährend Liebäugeltet Bei Sanct Zacharias, di il 
doch eine andere und fchmadhaftere Speife, dem Anftr 
nad), als die Barbiersfrau; das kann ich euch verſichen 
diefe gäbe euch eine Iuftige Nacht und fchlechten Schi. 

Gerardo that, als habe er nicht darauf geachtet, ut 
fagte zu dem Diener: Ich will doch einmal fehen, m 
fie ift, und ob fie mie auch fo ſchön vorkommt, als! 


87. Die Errettung aus dem Grabe. 119 


in tiefer Rührung zu ihr und fagte zu ihe nach heißen 
Seufzern: Ihr werdet, holdefte Mutter, aus meinem 
graufamen Unfalle leicht haben errathen können, wie es 
mit mir fteht. Denn mein Leben muß in ber That in 
kurzem bitterlich zu Ende gehen, wofern mir nicht bald 
geholfen wird. Und ich weiß gar nicht, wohin ‘ich mid 
um Hilfe wenden foll, ald an euch allein, in beren Händen 
es offenbar beruht, mic; lebendig zu erhalten oder zu 
töbten. Ihr feid es, wenn ihr wollt, die mir diejenige 
Hilfe reichen kann, welche genügt, um mid) am Leben 
zu erhalten. Aber wenn ihr mir euern Beiſtand ver- 
weigert, fo nehmt ihre mir ganz ficher das Leben und 
werdet an mir zur Mörderin. | 

Die mitleidige liebevolle Amme tröftete auf dieſe 
Worte den betrübten Gerarbo, ermahnte ihn, gutes 
Muthes zu fein und dafür zu forgen, daß er feine ver 
Iorenen Kräfte wieder bekomme, und verſprach ihm bereit 
willig jeden Beiftand; was von ihrer Seite in diefer 
Sache gefchehen könne, bazu erklärte fie fi von ganzem 
Herzen bereit, und fie wolle fich alle mögliche Mühe 
geben, ihm zu helfen; er folle fie niemals in Beforgung 
feiner Angelegenheiten müde finden. Als der Jüngling 
dDiefe audgebehnten Verſprechungen vernahm, tröftete er 
ſich vollftändig und dankte der Amme für bdiefe gute und 
freundliche Sefinnung auf das Inftändigfi. Darauf bat 
und beſchwor er fie wiederholt mit den eindringlichften 
Worten, die er finden konnte, erzählte ihr bie feltfame Art 
feiner Liebe, konnte aber freilich den Namen feiner Geliebten 
nicht nennen, und wußte nur anzugeben, daß es eines 
von ben fünf Mädchen fei, welche er Feſttags, zuweilen 
einzeln, zumeilen miteinander an den Zenftern von Meffer 
Pietro's Haufe fah. Die Amme hörte aufmerffam an, 
was ihr der Jüngling fagte, und indem fie bei fich im 
Stillen überlegte, wer wol das Mädchen fein könne, zu 
dem Gerardo eine fo heftige Liebe fühle, hielt fie es für 
ausgemacht, ed müſſe eine von Elena's Freundinnen fein, 


l 


116 XXIV. Matteo Bandello. 


geringes Leidweſen dadurch, daß fie ihm weder Gelgu 
heit bot, fie zu fehen, noch viel weniger die, ihr mündis 
oder fchriftlich feine Liebe zu erklären. Während er ji 
fo ohne Nugen in Blut verzehrte, bemühte er ſich m 
nigftens, wenn, er fie Feſttags fah, ihr mit Geberm 
fo gut er konnte, bie heftigen ihn verzehrenden Flamme 
kund zu thun; aber fie verftand wenig von ſolchen Be 
berden. Nichts defto weniger empfand Elena am En 
ein gewiffes nicht geringes Vergnügen, Gerardo zu jchn 
und hätte gewünfcht, ihr zwanzig Mal in ber Stunt 
vor Augen zu haben, aber body nur am Feſttage. Is 
aus diefem Grunde an den Feiertagen nicht von ihm 
Gefpielinnen geftört zu werden, und weil ihr Gerarei 
Anblid mwünfchenswerther, als das Ballſpiel gewode 
war, fing fie bald unter diefem, bald unter jenem Pr 
wande an, ſich der Geſellſchaft der vier Scheitern 
entziehen. Derweil die Sachen fo ftunden, ging M 
troftlofe Liebhaber eines Tages auf dem Fußwege at 
den Zundamenten, wie man in Venedig ftatt Kai hit 
bin, und fah Elena's Amme, welche früher die jene 
gemwefen war, an Elena's Thüre pochen. und im Big. 
ins Haus zu treten. Er rief ihr wiederholt ſchon m 
der Ferne zu: Amme, Amme! 

Ihr Pochen an der Thüre des Haufes übertinft 
aber feine Stimme, es ward aufgemacht und fie IM 
hinein. Der junge Mann beeilte fich jedoch, die Anm 
zu erreichen, ehe fie ins Haus eintrat, und rief iht m 
ausgefegt. Indem fie nun die Thüre hinter ſich zumase 
wollte und ſich ummendete, fah fie Gerardo, welcher Mi 
Schritte nicht fo fehr hatte befchleunigen konnen, Dh E 
fo bald, als fie, angefommen wäre. IS fie daher IM 
die Thüre verfchließen wollte, bielt fie inne und ermarlt 
den jungen Mann, welcher gleich darauf heranfam. 
er auf ber Schwelle der Thüre fand, gemahrte t" 
Hofe Elena, welche um häuslicher Verrichtungen mi! 
herabgefommen war. War es nun allzu grofe dt‘ 





87. Die Errettung auß dem Grabe. 119 


in tiefer Rührung zu ihr und fagte zu ihr nach heißen 
Seufzern: Ihr werdet, holdefte Mutter, aus meinem 
sraufamen Unfalle leicht haben errathen können, wie es 
mit mir fteht. Denn mein Leben muß in ber That in 
kurzem bitterlich zu Ende gehen, wofern mir nicht bald 
geholfen wird. Und ich weiß gar nicht, wohin ‘ich mid 
um Hilfe wenden fol, ald an euch allein, in deren Händen 
es offenbar beruht, mic, lebendig zu erhalten oder zu 
tödten. Ihr feid es, wenn ihr wollt, die mir diejenige 
Hilfe reichen kann, welche genügt, um mid) am Leben 
zu erhalten. Aber wenn ihr mir euern Beiftand ver- 
weigert, fo nehmt ihr mir ganz ficher das Leben und 
werdet an mir zur Mörderin. | 
Die mitleidige liebevolle Amme tröftete auf biefe 
Worte den betrübten Gerardo, ermahnte ihn, gutes 
Muthes zu fen und bafür zu forgen, daß er feine ver- 
Iorenen Kräfte wieder bekomme, und verfprach ihm bereit- 
willig jeden Beiftand; was von ihrer Seite in diefer 
Sache gefchehen könne, dazu erklärte fie fi) von ganzem 
Herzen bereit, und fie wolle ſich alle mögliche Mühe 
geben, ihm zu helfen; er folle fie niemals in Beforgung 
feiner Angelegenheiten müde finden. Als der Jüngling 
dDiefe ausgedehnten Verſprechungen vernahm, tröftete er 
fih volftändig und dankte der Amme für diefe gute und 
freundliche Sefinnung auf das Inftändigfte Darauf bat 
und beſchwor er fie wiederholt mit ben eindringlichften 
orten, bie er finden Eonnte, erzählte ihr die feltfame Art 
feiner Liebe, konnte aber freilich den Namen feiner Geliebten 
nicht nennen, und wußte nur anzugeben, daß es eines 
von den fünf Mädchen fei, welche er Fefttags, zumeilen 
einzeln, zumeilen miteinander an den Fenftern von Meffer 
Pietro's Haufe ſah. Die Amme hörte aufmerkfam an, 
was ihr der Jüngling fagte, und indem fie bei fih im 
Stillen überlegte, wer wol das Mädchen fein könne, zu 
bem Gerarbo eine fo heftige Liebe fühle, hielt fie es für 
ausgemacht, ed müffe eine von Elena’s Freundinnen fein, 


l 


118 XXIV. Matteo Banbello. 


ber einmal einen zärtlich geliebten Sohn fo ver fü 
fehen mußte. Wiewol er noch eine bereits verheirathen 
Tochter hatte, erkannte er body in Gerardo feinen er 
zigen Sohn und liebte ihn grenzenlos. Zur innigfe 
Betrübniß des Vaters und der Mutter und aller Haus 
genoffen ward alſo der verunglückte Jüngling in fan 
Kammer gebracht und zu Bette gelegt. Einige Arzte fama 
. dazu und ein fehr erfahrener Apotheker, und fie boten 
ihre ganze Heiltunft auf, die entflohenen Lebensgeiſter u 
dem Juͤngling zurüdzurufen, die ihn ganz zu verlaffen 
firebten. Ihre angeftrengten Bemühungen hatten endlid 
den Erfolg, daß Gerardo allmälig wieber aufzuathme 
und zu fi) zu fommen anfing. Sobald er die Zum 
wieder bewegen konnte, fagte er flammelnd: Amm. 
Amme! - 

Sie war bei ihm und antwortete: Hier bin id. 
mein Sohn! Was willft du? 

Der Süngling, welcher ſich noch nicht gänzlich wieder: 
gefunden hatte und in Gedanken immer der Amme nat; 
zulaufen glaubte, rief ihr immer wieder. Als er de 
wieder zu fi kam und mit der Zeit erkannte, mt 
war, und daß Vater und Mutter und Schweſter mi 
Schwager, die man herbeigerufen hatte, und ande 
Verwandte und Freunde fein Bette umgaben, fo Im 
mochte er fich zwar noch nicht zu erklären, mas eigenfih 
mit ihm vorgegangen war, hatte jedoch LÜberlegungttrit 
genug, einzufehen, daß dies nicht der ſchickliche Ort ſi 
um mit der Amme zu befprechen, was er von ihr mifl 
“ wollte. Er ging daher auf andere Gegenflände ein m 
fagte, er empfinde feinerlei Übel und Beſchwerde mei 
was die einigen mit unglaublicher Freude erfüllte. Im 
feinem Vater und den Arzten befragt, mas ihn denn! 
ſehr niebergefchlagen und außer fich gebracht habe, ar 
wortete er, er wiffe e8 nicht. Darauf nahmen fie en 
um den andern Abfchied und verließen bas Gemach, | 
er mit feiner Amme allein war. Er wendete ſich m 


87. Die Errettung aus dem Grabe. 119 


tiefer Rührung zu ihr und fagte zw ihr nach heißen 
ufzern: Ihr werdet, holdefie Mutter, aus meinem 
aufamen Unfalle leicht haben errathen können, wie es 
t mir ſteht. Denn mein Leben muß in der That in 
rzem bitterlih zu Ende gehen, wofern mir nicht bald 
yolfen wird. Und ich weiß gar nicht, wohin ich mid 
ı Hilfe wenden foll, ald an euch allein, in deren Händen 
offenbar beruht, mic) lebendig zu erhalten oder zu 
‚ten. Ihr feib es, wenn ihre wollt, die mir diejenige 
fe reichen Tann, weldye genügt, um mid am Leben 
erhalten. Aber wenn ihre mir euern Beiſtand ver- 
igert, fo nehmt ihr mir ganz ficher das Leben und 
det an mir zur Mörbderin. | 
Die mitleidige liebevolle Amme tröftete auf biefe 
orte den betrübten Gerardo, ermahnte ihn, gutes 
tuthes zu fen und dafür zu forgen, daß er feine ver 
tenen Kräfte wieder befonme, und verſprach ihm bereit- 
ig jeden Beiftand; mas von ihrer Seite in biefer 
jache gefchehen könne, bazu erklärte fie fi von ganzem 
erzen bereit, und fie wolle fich alle mögliche Mühe 
den, ihm zu helfen; er folle fie niemals in Beſorgung 
iner Angelegenheiten müde finden. Als der Süngling 
efe ausgedehnten Verſprechungen vernahm, tröftete er 
h volftändig und dankte der Amme für diefe gute und 
eundliche Gefinnung auf das Inftändigfte Darauf bat 
nd befchmor er fie wiederholt mit den eindringlichften 
Borten, bie er finden konnte, erzählte ihr die feltfame Art 
iner Liebe, konnte aber freilich den Namen feiner Geliebten 
iht nennen, und wußte nur anzugeben, daß es eines 
on den fünf Mädchen fei, welche er Fefttags, zuweilen 
inzeln, zumeilen miteinander an den Fenſtern von Meffer 
Jieteo’8 Haufe fah. Die Amme hörte aufmerffam an, 
zas ihre der Jüngling fagte, und indem fie bei ſich im 
Stillen überlegte, wer wol das Mädchen fein fönne, zu 
em Gerardo eine fo heftige Liebe fühle, hielt fie es für 
usgemacht, ed müfje eine von Elena’s Freundinnen fein, 


} 


120 XXIV. Matteo Bandello. 


welche fie als ke und aufgewedt kannte. Auf Em, 
deren Einfalt und Reinheit fie kannte, hatte fie mt 
den geringften Verdacht. Gerardo Lie ſich bald zufrieer: 
fielen, und gab auf die VBerfprechungen feiner Anm 
fi) erneuten Hoffnungen bin. Sie famen überein, bi 
die Amme am nächften Feſttage mit den Mädden u 
den Fenftern fliehen und genau aufpaffen folle, um: 
bemerken, wer Gerardo's Geliebte fei, damit fie am ref 
Pag und Augenblid zu feinen Gunften unterhane: 
Tonne. Gerardo mußte an dem verabrebeten Tage wiche 
holt in feiner Gondel durch den Kanal fahren. Dit 
diefen Beſchluß an einem Montag faßten, fo bein 
der Süngling trogdem, daß er ſich ganz wohl fühl 
willig den Rath feines Vaters, auf ein ihnen gehürk 
But auf dem Feſtland, etma ſechs bis ſieben Na 
oon Venedig, zu gehen. Er beluftigte fich daſelbſt = 
mancherlei Weife bis Freitag Morgens und Fehrte hm 
nach Venedig zurüd. An dem von dem Liebhaber m 
der Amme fo fehnlich erwarteten Sonntag lien 3 
vier Schweftern Elena wiffen, daß fie fich ihrer & 
wohnheit nach bei ihr einzufinden gedenken. len, N 
fhon anfing, an der Liebe des Jünglings zu erwarmtı 
und feit feiner Ohnmacht ein gewiffes Etwas im Hut 
empfunden hatte, das fie zu inniger Theilnahme an in 
erregte, und bie auch viel an ihn dachte und ihn gem 
gefehen hätte, machte ſich unter allerlei Vormänden, | 
gut fie konnte, von bem angekündigten Beſuche los. © 
that dies, damit fie, wenn ihr Beliebter, mie fie ber 
vorüberführe, von niemand verhindert wäre, ihm Nil 
Bequemlichkeit zu betrachten. Der Amme kam die Rıt 
richt, daß die vier Schweftern Elena nicht beſuchen wert 
fehr unerwünfcht, weil fie nun nicht mehr mußte, wie! 
Gerardo's Berlangen befriedigen folle. Da fie ine 
ſah, daß Elena nah dem Effen gar keine Ruhe fun 
und taufend Mal in der Stunde and Fenſter lief, j 
gerieth fie auf die Vermuthung, fie möge auch mit an 





87. Die Errettung aus dem Grabe. 121 


jungen Manne einen Liebeshandel haben; und um fich 
defto befier über die Sache aufzullären, gab fie vor, fie 
wolle ein wenig fchlafen. Elenen war biefer Borfchlag 
nicht nur ganz recht, weil fie fo freies Feld hatte, um 
nach Belieben an die Zenfter zu gehen, fondern fie redete 
fogar der guten Alten noch liebreih zu, der Ruhe‘ zu 
pflegen. Sobald fie ſah, daß die Amme ſich ins Schlaf- 
zimmer zurüdgezogen Hatte, ging fie felbft in ein anderes 
Gemach, um ihr erfehntes verliebtes Spiel zu beginnen, 
und wurde Dabei auch entfihieden vom Glück begünftigt. 
Denn kaum hatte fie fich ans Fenfter gelegt, als Gerardo, 
welcher nicht fchlief, fondern fehr wachſam feine Ange⸗ 
legenheit verfolgte, fich in dem kleinen Kanal fehen ließ. 
Die fchlaue Amme war ebenfalls ans Fenfter getreten 
und hatte, wie fie den Süngling in der Gondel erfcheinen 
ſah, das Fenfter ind Auge gefaßt, an dem Elena ftand, 
die über Gerardo's Anblid vor Freude ftrahlend ihm 
durch kindiſche Geberden zu feiner Genefung Glück zu 
mwünfchen ſchien. Sie hatte einen Blumenftrauf in der 
Hand und warf ihn, ald die Gondel unter ihr hinfuhr, 
bem Jüngling zu. Als die Amme diefes Verfahren fah, 
bedurfte fie Eeiner weiteren Beweiſe, daß Elena Gerarbo’s 
Geliebte fei, und da fie glaubte, ein Ehebündniß könne 
zwifchen ihnen beiden recht wohl in allen Ehren zu Stande 
fommen, wofern ihr Wunſch fei, fi zu verbeirathen, 
trat fie ſchnell in Elena’s Gemach, welche noch immer 
am Fenſter fand und mit ihrem Gerardo Tiebäugelte, 
und fagte zu ihr: Ei, fage mir, meine liebe Tochter, 
was ich da von dir fehen muß! Was haft du mit dem 
Sünglinge zu fehaffen, der eben durch den Kanal fuhr? 
Ei, die ſchöne und ehrbare Tochter, die ben ganzen Tag 
am Fenſter fieht und den Vorübergehenden Sträuße zu- 
wirft! Wehe dir, wenn dein Vater jemals etwas da- 
von erführe! Das kann ich dir fagen, er würde dir fo 
mitfpielen, daß du fürwahr die Todten beneideteft. 

Die Jungfrau entfegte fich über diefen bittern Tadel 

Staliänifcher Novellenſchatz. IV, 6 


122 XXIV. Matteo Bandello. 


dermaßen, daß fie nicht wagte noch im Stande mar 
einen Laut zu erwidern. Doch fah fie ber Amme m 
Geſicht an, wenn fie fie auch derb gezankt hatte, daft 
darum nicht fehr erzürnt auf fie ſei. Sie warf ihr di 
Arme -um den Hals, küßte fie kindlich und fagte mi 
holdem Zone zu ihr: Mein liebes Mürterchen, ich Kit 
euch demüthig um Vergebung, wenn ich in dem Shan, 
den ihr eben mit angefehen habt, ohne mein Wiſſen pe 
fehlt habe.- Aber wenn euch an meiner Zufriedenhe 
gelegen ift, fo hört doch ein wenig meine Gründe, un 
‚wenn ihre dann glaubt, ich habe in dieſem Spiele Ir 
recht. gehabt, fo gebt mir eine Strafe, welche euch ur | 
gemeffen fcheint. Ihr wißt, daß mein Herr Vater ı 
den Sonntagen vier Schweftern hat ind Haus komm | 
laſſen, die hier gegenüber wohnen, bamit wir in gefelige || 
Spielen uns miteinander unterhalten. Sie Ichrten mid 
zuerft das Ballſpiel; dann fagten fie mir, ein viel at 
ficheres Spiel noch fei es, and Zenfter zu treten m 
wenn junge Männer auf dem Kanal in Gondeln voribe: 
fahren, ihnen Roſen, Blüthen, Nelken und Dergleide | 
auzumwerfen und fo mit ihnen zu fpielen. Die gefiel me | 
ganz wohl, und ich wählte mir zu meinem Spiel da 
ienigen Jüngling aus, mit welchem ihr mic, fpielen pe 
ſehen Habt. Ich meines Theils wünfchte, daß er mi 
- oft bier vorbeitäme; und ich weiß nicht, was ihr u 
diefem Spiele auszufegen habt; wenn ich aber Sins | 
Unrecht habe, fo gebe ich es willig auf. 

Die Amme konnte fi nicht enthalten zu laden, & 
fie hörte, wie einfältig und ohne alles Falſch dad gm \ 
Kind fi ausſprach, und nahm fich vor, die im Ode | 
angefangene Sache einem ernften Ziele entgegenzuibte. 
Sie antwortete daher Elenen: Mein alerliebftes Tihtr 
chen, ih muß dir nothwendig fagen,. daß ich den Sum 
ling, der eben vorüberfuhr, an meiner eigenen El 
gefäugt habe. Er heißt Gerardo und iſt der She | 
Meffer Paolo, welcher auf ber andern Seite des ge | 





87. Die Errettung aus dem Grabe. 123 


Kanals den ſchönen und bequemen Palaft befigt. Ich 
wohnte über zwei Jahre in feinem Haufe. Darum liebe 
dh ihn denn aud wie einen Sohn und bin immer in 
einem Haufe wohl bekannt, von allen gern gefehen und 
verthgehalten worden. Aus diefem Grunde liegt mir 
ein Wohl, Ehre und Srommen ebenfo am Herzen, mie 
nein eigened; gerade wie ich auch deine Zufriedenheit 
vünſche; und fo werde ic) mich für dich und für ihn 
tet6 fo fehr bemühen, wie nur für irgend jemand, dem 
ch bis jegt kenne. 

Im Verlaufe des Geſprächs belehrte dann die Amme 
a8 Mädchen über die Gefahren, welche unter dieſem 
Spiele der Liebe verborgen liegen, in Folge deſſen ſchon 
o mandje einfältige Mädchen und Frauen von den Maͤn⸗ 
ıern berückt worden feien. Sie machte ihr auch begreiflich, 
vie jedes Frauenzimmer, e8 möge fein, welches e8 wolle, 
eine Ehre über Alles heilig halten und bemahren müffe, 
nd fagte ihre fchlieglich noch mancherlei andere Ermah⸗ 
tungen, um zu ihrem Zwecke zu gelangen; menn fie ihr 
verliebte Spiel, wie fie es nenne, auf eine ehrbare Weiſe 
u beendigeh wünfche, fo müffe fie durchaus den Muth 
affen, die Gattin ihres Gerardo zu werden. Wie un- 
fahren und kindiſch das junge Mädchen auch noch mar, 
o ließ ihre gefunde Natur fie doch Alles verftchen, was 
ie Amme ihre fagte. Zugleich erwachte in ihrem Bufen 
ie Liebe, die fie für Gerardo hegte, und nahm zu, ſodaß 
ie der Amme antwortete, fie fei bereit ihn zum Mann 
u nehmen, lieber als jeden andern Edelmann von Ve⸗— 
nedig. Mit diefer günftigen Antwort nahm die Amme 
ie Gelegenheit wahr, zu dem zwiſchen Furcht und Hoff- 
tung ſchwebenden verliebten Gerardo zu gehen. Wie der 
Süngling die Amme mit heiterer Miene auf fi zufommen 
ah, fand er darin gleich eine glüdliche Vorbedeufung für 
ne Erreichung bes Ziele feiner Hoffnung, bewillfommte fie 
ankbar auf das freudigfte und fagte: Willkommen, mein 
tes Mürterchen! Was bringt ihr mir gutes Neues? 

6* 


'124 XXIV. Matteo Banbello. 


Die Amme entgegnete: Ich bringe dir die beim 
Nachrichten, mein Sohn, wenn du noch deſſelben Su 
nes bift. 

Sie fing hierauf von vorne an, erzählte ihm ih 
ganzes mit Elena geführtes Gefpräcd und fchlof mit da 
Perficherung, baß diefelbe jederzeit, wenn er es verkm, 
bereitwillig fei, feine Gattin zu werden. Bei feiner hifen 
Liebe für das reizende Kind kannte er feinen him 
Wunſch, als fie zur rechtmäßigen Gattin zu befommm, 
und dies um fo mehr, als er wußte, baf fie die einit 
Tochter von Mefler Pietro war. Er dankte alfo fen 
Amme beftens für ihre Dienfte und verabredete mit ii, 
wie und wann er fi mit Elena zufammenfinden fin 
zum ermünfchten fügen Abſchluß der fo fehr erfehntn 
Vermaͤhlung. Als dies unter ihnen angeordnet mi 
Echrte die Amme nah Haufe zurück. Die gute Elm, 
welche noch nie die Liebe gefoftet hatte, fühlte nun eh 
bereit8 ein gewiflee Etwas in ihrem Herzchen ſich rege 
was fie hold brannte und flachelte, und wenn fie da 
dachte, daß fie in kurzem die Gattin ihres theuen Or 
rardo werden werde, fo wußte fie fich gar nicht mehr ı 
loffen. Die Sehnſucht, mit ihrem Geliebten ein Em 
zu fpielen, das ihr noch ein verfchloffenes Geheimniß m 
das fie aber für äußerft anmuthig hielt, trieb fie fehrw 
Hochzeit. Mit Entfegen und Eifesfätte durchfchauente 
hingegen das Bewußtſein, ohne Vorwiſſen und Erlaubt 
des Vaters zu handeln, und die Beſorgniß, es miät 
irgend ein großes Ärgerniß daraus entftchen. Zwiſce 
Zucht und Hoffnung ſchwebend und alfo im Kam 
mit fich felbft begriffen, redete fie innerlich mit fih. 

Werde ich denn, fagte fie, je fo kühn, ja vermgt 
fein, fo etwas heimlicherweife zu thun? 

Dann verfcheuchte fie dieſen Gedanken und ft 
Sollte ich nicht Alles thun, um die füße Freude zu habt 
immerdar mit meinem Gerardo zu fpielen? | 

So faßte fie am Ende nach langem Befinnen m 











87. Die Errettung aus dem Grabe. 125 


Schwanken den Entfchluß, ihren Liebhaber zu heirathen, 
3 möge bann baraus werben, was da wolle. Hinter⸗ 
rachte nun die theure Amme dem jungen Mädchen bald 
jie frohe Botſchaft von Gerardo's unverändert guten Ge⸗ 
innungen gegen fie, fo war fie darüber äußerſt vergnügt. 
Nach verfchiedenen Beſprechungen fegten fie feft, eines 
Tages eine große MWäfche anzuftellen und alle Mägde 
yabei gerade zu ber Zeit zu befchäftigen, wo Meffer Pietro 
twsgegangen fei, damit Gerardo ohne Schwierigkeit in 
hr Haus kommen könne. Nach dieſer Berathfchlagung 
vurde Gerardo'n von der ſchlauen Amme die anberaumte 
Zeit mitgetheilt. Die Stunde kam. Meſſer Pietro war 
chon in die Senatsverſammlung gegangen, die Amme 
ind Elena hatten der ſämmtlichen Dienerſchaft des Hauſes 
yei der Wäſche zu thun gegeben. So kam denn Gerardo 
nd Haus, drüdte fachte die Thüre auf, die er angelehnt 
and, trat hinein, fchlih, ohne von jemanden gefehen zu 
verden, bie Treppen empor und verftedte fich in einem 
Semach, welches die Amme ihm angewiefen hatte. Dort 
wartete er bie Amme, welche zu ihm tommen follte; 
md auch nicht verfäumfe, ihn-abzuholen, und auf einer 
leinen geheimen Treppe nach dem Gemache führte, mo- 
elbft Elena feine Ankunft erwartete. Das einfältige 
hüchterne Mädchen zitterte, eine eifige Angft befiel fie, 
md ein kalter Schweiß machte alle ihre Glieder erftarren, 
odaß fie fich nicht bewegen konnte und nicht wußte, was 
ie fagen folle. Auch Gerardo war anfangs durch die 
hn ganz erfüllende unerfaßlih große Freude des Ge- 
zrauchs der Sprache beraubt, bis er wieder Muth bekam, 
ie Bande ber Zunge löfte und die Geliebte mit ſchul⸗ 
iger Ehrerbietung und bebender Stimme begrüßte. Das 
serfchamte Mädchen hieß ihm ihrerfeits willlommen, und 
jie Amme fprach lächelnd zu dem fehmeigenden Liebespaar: 
Ihr fcheint ja faft eine ftumme Muſik aufführen zu wollen. 
Da indeß ein jedes von euch beiden die Urfache weiß, 
varum ihr hierher gefommen feid, fo ift ed nach meinem 





126 XXIV. Matteo Bandello. 


Rathe beffer, Leine Zeit zu verlieren, die euch zur Be 
friedigung eurer keuſchen Sehnfucht vergönnt ifl. Eh 
bier üben biefem Bette das Bild der glorreichen Himmels 
önigin mit dem Bilde ihres Sohnes unferes Exli 
im Arme, und betet mit mir zu beiden, daß die Ch 
welche ihr durch euer Verlöbnig miteinander hier vollich, 
durch einen guten Anfang, beffern Fortgang und di 
befte Ende von ihnen gefegnet werde. 

Nach diefem Eingange fprach die gute Amme ti 
bei ſolchen Zrauungen nach dem löblichen Gebraude de 
römifch -Fatholifchen Kirche üblichen Worte und Grat 
überreichte feiner geliebten Elena den Ring. ie guß 
jegt die Freude der neu Vermahlten war, könnt it 
euch denken. Als die Amme die Sache zu die 
guten Ziele geführt Hatte, ermiahnte fie fie, da fe be 
queme Zeit dazu haben, ſich miteinander zu une: 
halten. Dann nahm fie Abfchied, ließ die Rüna. 
allein auf der Bahn und ging hinab zu der Bil 
Was die in die Kammer eingefhloffenen Neuvermähitt 
thaten, kann ich euch nicht fagen, da feine due 
dabei waren. Doc ift niemand unter uns, de mi 
genau, wie e8 war, fich felbft einbilden Fann, wen 
er daran denkt, ob er ſchon felbft im ähnlicher ur 
war. As die Amme dachte, die Kämpfenden jur 
nun lange genug beifammen gewefen, fam fie mil 
in ihr Gemach, mo fie fie zwar nicht gefättigt, alt 
doch mol’ ermüdet wiederfand, und ließ ſich in abe 
Gefprähe und ergegliche Reden ein, welde fie nk 
weit mehr aufheitern mußten. Alle drei nahmen mi 
einander Abrebe zu ferneren ungefährdeten heimlihe 
Zufammenktünften, bis daß die Gelegenheit fih du— 
böte, ben alfo gefchloffenen Bund der Che öffent 
gelten zu machen, und Gerarbo entfernte fih mA 
vielen füßen Küffen unter der Leitung und dem Dr 
ftande ber ſchlauen Amme unbemerkt wieder aus DM 
Zimmer und dem Haufe, faft außer Stande, ſich üa 





87. Die Errettung aus dem Grabe. 127 _ 


die ihm zu Theil gewordene überfchwengliche Freude ' 
zu faffen. Elena biieb über die Trennung von ihrem 
Batten wol betrübt, übrigens aber unfäglih froh. Sie 
war das zufriedenfte Weib in ganz Venedig und fegnete 
die Stunde und ben Augenblid, wo fie Gerardo zuerft 
gefehen Hatte Was follen wir aber fagen- von ber 
wunderbaren und gewaltigen Kraft ber Liebe, welche, 
wie fie in Cimon's Bruſt eindringend ihn aus einem 
rohen, unmiffenden und wilden faum Menfchen, fon- 
dern eher Thiere im, Augenblid gewandt, artig, Elug 
und menſchlich machte, fo auch an Elena fich erwies. 
Sp wie fie anfıng, das Minnefpiel zu ſchmecken, und 
die göttlichen Flammen ber Liebe ihr Herz erwärmten 
nd entzünbeten, gingen ihr auch fogleich die Augen des 
VBerftandes auf. Sie ward fo Hug, behutfam, fchlau 
und artig, daß wenige in Venedig ihr gleich kamen, feine 
ıber fie an Anmuth, Schönheit, weiblicher Klugheit über- 
traf und Tag für Tag ihre Gaben zunahmen. Gerardo 
ward ftündlich vergnügter und ging, fo oft ed mit Hilfe 
der liftigen Amme gefchehen konnte, jede Nacht, um bei 
einer theuern Frau zu fchlafen, wo fich beide die befte 
Zeit und das wonnigfte Leben von ber Welt verfchafften. 
Während nun beide freudig ihrer Vereinigung genoffen, 
yereitete das feindliche Schikfal, das nie jemand und 
zamentlih Liebenden nicht lange große Ruhe gönnt, ° 
wc Gerardo und Elena neue Störung und Hemmnif, 
nd nachdem fie etwa zwei Jahre aufs Glüdlichfte zu- 
ammen gelebt hatten, follten fie nun auch ein wenig 
jie bittere Galle des Ungemachs foften, welche das Ge- 
chick in bie ſchönſten Theile des Lebens, und zwar gerade 
e füßer das Leben ift, plöglich um fo lieber zu mifchen 
sflegt. Es war in Venedig ein altes Herfommen, daß 
jie Herrſchaft alljährlich) einige Galeeren nach Beirut 
endete und ihre besfalfige Abficht öffentlich ausrufen lieh, 
yamit die, welche die Reife zu machen Luſt hatten, gegen 
Bezahlung an die Republik eine ihnen anftändige in Be . 





128 XXIV. Matteo Bandello. 


flag nehmen konnten. Meſſer Paolo, Gerarbo’s Batır, 
welcher fehnlih wünfchte, wie ed gute Bäter meiſt thın, 
daß fein Sohn fi allmalig an die Handelsgeſchäfte ge 
wöhne und mit den Angelegenheiten der Stabt näke 
befannt mache, zahlte den bedungenen Preis im Rama 
Gerardo's und nahm für ihn, ohne ihm ein Wort u 
fagen, eine der Galeeren in Beſchlag. Meſſer Pas 
hatte gerade eine große Menge nad) Baruti beftimmtr 
Waaren auf dem Lager und wünfchte, daß der Sch 
fie dahin führe und andere Waaren nad) Venedig zurid: 
bringe, und gedachte nicht nur damit fein Vermögen ım 
ein anfehnliches Theil zu vermehren, fondern aud be: 
nad) Gerardo ein Weib zu geben und- ihm zu gleiche 
Zeit alle feine eigenen Gelchäfte zu übertragen, um fil 
felber ausfchlieglih mit Staatsfachen zu befaffen. Alt 
er nun, mie gefagt, die Galeere gemiethet hatte und nad 
Haufe Fam, fpeifte er zu Mittag und nach aufgehoben 
Tafel, ale Vater und Sohn, allein waren, fagte Meſſer 
Paolo nach einigen andern Gefprächen: Du weißt, mar 
Sohn, daß wir Güter nah Bairut im Haufe haben und 
als Rückfracht dort dergleihen Waaren einkaufen müfle, 
mie man fie hier braucht und wie fie guten Abfag finden 
Um beswillen habe ich biefen Morgen in deinem Name 
eine Galeere gemiethet, damit du dich ein. wenig in be 
Welt umfeheft und auch allmälig anfangeft, Durch eigen 
Erfahrungen ein tüchtiger Gefhäftemann zu werden; dem 
was am leichteften Befonnenheit macht und den Verſtand 
wedt, ift eben, mancherlei Städte, verfchiedene Lande 
und Sitten diefes und jenes Volkes zu fehen. Du fichft 
in dieſer unferer Stabt täglih, wie junge Männer, bit 
bald im Morgenlande, bald im Abendlande und ander: 
wärts auf Reiſen waren, und nach wohl verrichteten 
Geſchaͤften wiederkehren, zu Haufe für gefcheite, erfahren 
und brauchbare Männer gelten und baf folche fogar oft 
zu Nathöherren und öffentlichen Beamten des Staat 
gewählt werden; was hingegen keineswegs denen wieder: 


87. Die Errettung aus dem Grabe. 129 


fährt, die fih um nichts befümmern, fondern den ganzen 
Tag müßig geben und mit fchlechten MWeibern verkehren. 
Gemeiniglich währt die Reife nach Bairüt ſechs, höchſtens 
fieben Monate. Verſorge dich denn, mein lieber Sohn, 
auf meine Koſten mit Allem, was du zu einer ſolchen 
Reiſe bedarfſt. Wenn du ſodann zurückgekehrt ſein wirſt, 
wollen wir unſere künftige Haushaltung ſo einrichten, 
wie es uns unſer Herr Gott in den Sinn geben wird. 
Meſſer Paolo erwartete, ſein Sohn werde ihm mit 
Freudigkeit antworten, daß er zu Allem bereit und willig 
ſei, weil er ihn hier mit einer ebenſo ehrenvollen als 
nützlichen Reiſe zu beauftragen meinte. Gerardo aber, 
dem es unmöglich ſchien, auch nur einen einzigen Tag 
fern von ſeiner Geliebten leben zu können, war darüber 
außerordentlich beſtürzt; und wenn er auch ſeinen Un⸗ 
muth und Schmerz nicht geradezu aäußerte, fo ſprach er 
doch auch fonft fein Wort. 

Du antworteft mir nicht? fagte endlich fein Vater 
zu ihm. 

Sch weiß nicht, was ich fagen foll, antwortete Ge⸗ 
rardo; denn wie gerne ich euch auch gehorchen möchte, 
fo bin ich doch nicht im Stande, es zu thun, da mir 
jede Seereife von Natur zumider und unerträglich ift. 
Wenn ih mid einem Schiffe anvertraute, würde ih 
glauben, freiwillig einem ‚fihern Tode entgegenzugehen. 
Darum habt die Güte, mir zu verzeihen und euch meine 
gerechte Entfchuldigung gefallen zu laffen. Es thut mir in 
der That unendlich leid, euch nicht gehorchen zu können. 

Meſſer Paolo hätte ſich nimmermehr teäumen laſſen, 
eine ſolche Antwort von ſeinem Sohne zu bekommen, 
und war darob über die Maßen erſtaunt und zugleich 
betrübt. Er bat ihn wieder und wieder, und hielt ihn 
mit milden und fiharfen Worten zum Gehorfam an, 
aber immer umfonft. Gerardo gab durchaus feine Ant- 
wort, als die frühere. So ftunden fie in Unfrieden von 


ihren Sigen auf, und der eine ging rechts, der andere links. 
6** 


130 XIV. Matteo Banbello. 


Der Vater begab fih in feinem Schmerz über den Ber: 
fall auf den Rialto und fand dafelbft feinen Eidam, einen 
zeichen edein jungen Mann, zu dem er nach manchem 
Hin- und Widerreden ſprach: Lionardo ... 

So bieß der Eidam. 

Lionardo, ich hatte eine Galeere gemiethet, um darauf 
meinen Sohn mit einer Partie Waaren nah Bairut zu 
jenden. Aber als ich ihm meine Abfıcht eröffnete, ſuchte 
er mir duch allerlei Ausflüchte zu beweilen, daß er nicht 
gehen könne. Gefegt nun, daß du die Reife maden 
wollteft, fo bebürfte es zwifchen die und mir weiter nicht 
vieler Worte, und ich würde dir den Theil des Gewinns 
überlafien, den du felbft irgend verlangen möchteft. 

Lionardo fagte feinem Schwiegervater für Diefes Aner⸗ 
bieten den berzlichften Dank, erklärte fich in allen Dingen 
zu feinem Willen bereit und verfländigte ſich mit ihm 
über dad Nähere in wenig Augenbliden. Gerardo anderer: 
feits erwartete die fommende Nacht und gab feiner Gattin 
das gewohnte Zeichen feiner Wünfche. Als die paffende 
Stunde gefommen war, trat er ins Haus, fchlich ſich 
in ihr Gemach, und nad) den gewohnten Grüßen, Um 
armungen und Küſſen fegten fie füh zufammen, um | 
Gerardo fagte zu feiner Frau: Meine Gattin, die mir 
theurer iſt, ale mein Leben, ihr habt euch vielleicht ver- 
wundert, daß ich fchon heute wieder fo Dringend gewünſcht 
babe, euch zu befuchen, da ich erft die vergangene Nadı 
mit euch zugebracht habe. Abgefehen aber davon, daf 
ich unabläffige Sehnſucht darnady in meinem Herzen trage, 
wovon ihr hinreichend überzeugt fein werdet, fo hat mih 
gegenwärtig ein ganz anderer Bemweggrund zu euch’ ge 


rt. 

Darauf erzählte er ihr den ganzen Verlauf der Unter 
redung, die er mit feinem Vater gehabt hatte. Elena 
hörte mit der größten Aufmerkfamkeit an, was ihr Gatte 
zu ihr fagte, und als fie vernahm, daß feine Mittheilung 

zu Ende fei, antwortete fie, deren Reife und Schärfe 











87. Die Errettung aus dem Grabe. 131 


des Geiftes weit ihre Feine Zahl von Jahren übertraf, 
nach einen bewegten Seufzer, ihrem Manne alfo: Wehe 
mir, mein theurer Gemahl, wenn ich nicht aus andern 
Umfländen die Größe eurer Liebe zu mir erkannt hätte, 
als aus ber Auseinanderfegung, die ihr mir eben macht! 
Denn indem ihr eurem Vater nicht gehorchen wollt, ver- 
fegt ihr mir jegt den eindringlichften Schlag und verfchließt 
mir jeden Weg zur Hoffnung auf ein dereinftiges frohes, 
Zufammenleben mit euch). 

Heftiges peinvolles Schluchzen unterbrach hier ihre 
Stimme und ein unbändiged Weinen machte fih Bahn. 
Nachdem der wilde Schmerz durch die vergoffenen Thränen _ 
einige Linderung erhalten hatte, fchöpfte fie ein wenig 
Athen und fagte zu ihrem Gatten immer fort noch weinend: 
Ad, mein geliebtes Xeben, wie fehr habt ihr gefehlt, eurem 
Dater nicht bereitwillig Gehorfam zu leiften! Wie be- 
Hagenswerth, wie: unfelig bin ich, daß ich meinem ge- 
ehrten Schwiegervater, noch ehe er mich fennt, ja ehe 
er mich gefehen hat, folchen Schaden, ſolche Misachtung, 
fo berben. Kummer zuziehe! Wird er mich wol irgend 
lieben können, wenn er mic, auf folche Art kennen lernt? 
Muß er nicht fagen, ich fei der böfe Engel feines Haufes, 
der feinen Frieden ftört, feinen Untergang bezweckt? Ganz 
gewiß Hat er alles Necht dazu. Ich bitte euch daher, 
und meine Bitte fol für taufend gelten, wenn ihr mid) 
nur ein wenig liebt, und ich glaube doch, von euch ge⸗ 
hebt zu fein, und wenn ich je einen fichern Beweis für 
eure Liebe fehen fol, ich bitte euch, eurem Vater durd- 
aus gehorfam zu fein und die Trennung von meinem 
Gefichtöfreife fo wenige Monate geduldig zu ertragen. 
Afo, mein theurer Gatte, tretet eure Neife glüdlich an 
und bleibt meiner eingeden?, wie ich euer! Ich werde 
euch ſtets in Gedanken überall hin begleiten, denn meine 
Sehnfucht ift nur darauf gerichtet, im Feben wie im Tode 
ewig die eure zu fein. Gott möge mich bewahren, euch 
je Anlaß zu werben, daß ihr mit eurem Water nicht 


132 XXIV. Matteo Bandello. 


beſtaͤndig in der Eintracht und dem Frieden lebt, wie 


euch beiden ziemt! 

Die Liebenden wechfelten noch viele andere Worte 
über diefen Gegenfland. Am Ende aber gab Gerardo 
den vernünftigen Gründen des Elugen vorfichtigen jungen 
Weibes nach und ging unter vielen Thränen zur gewohnten 
Stunde von ihre und an feine Gefchäfte. Er fegte fih 
hernach mit feinem misvergnügten Vater zu Tiſch, um 
nad dem Effen, als alle andern. den Saal verlafien 
hatten, fand Gerardo von feinem Seſſel auf, ließ fih 
vor feinem Vater auf die Knie nieder und fagte zu ihm 
mit entblößtem Haupte: Mein hochverehrter und ruhm⸗ 
würdiger Vater! Ich Habe in der vergangenen Nacht 
der Seefahrt nach Bairut reiflich nachgedacht, die ihr 
mir geftern vorfchlugt, und: bin zur Zaren Erkennmij 
des großen Fehlers gekommen, deffen ich mic durd Un 
gehorfam gegen eure Bitten fchuldig machen würde, di 
mir doch überall und jederzeit ald Befehle gelten folten, 
fodaß ich euch hiernũt demüthigft und von ganzem Harz 
erfuche, mir meine Thorheit und Unverfländigkeit zu ver 
geben, und uneingedent des euch erwiefenen Mangeld an 
Ehrerbietung mic eurer gewohnten Gnade wieder hei. 
haft zu mathen. Seht, mein verehrtefter Vater, ich bin 
hier vollkommen bereit, euch zu gehorchen und nicht alein 
nad) Baruti zu fahren, fondern überall Hin zu gehe, 
wohin es euch gefällig ift, mich zu ſchicken; denn ich bin 
entfchloffen, lieber zu fterben, als mich euren Wünſchen 
fernerhin zu wibderfegen. 

Als der liebreiche Vater diefe Worte vernommen hatt, 
bieß er feinen Sohn aufftehen und wollte reden, wat 
aber fo gerührt, daß er von den in großen Zropfen feinen 
Augen entrollenden Thränen daran verhindert wurde und 
eine lange Weile an Gerardo's Halfe hing, ohne de 
Sprache mächtig zu fein. Aus kindlichem Mitgefühl 
über die heißen, liebevollen Thränen des Waters mußt: 
auch der Sohn weinen; doch ſtillte er bald ermannt fein 





* 


87. Die Errettung aus dem Grabe. 133 


khräͤnen, und nachdem er fie getrocknet und etwas auf⸗ 
eathmet hatte, bemühte er ſich, mit liebevollen Worten 
einen Vater zu troͤſten. Als Meſſer Paolo ausgeweint, 
eſchloß er voll ungemeſſener Freude, nach ſeinem Eidam 
uszuſchicken, um ihn zu vermögen, dieſe Reiſe demnach 
zerardo'n zu überlaſſen; er wolle ihn dann einmal für 
ne andere Reiſe ausſtatten. Als der Eidam kam, theilte 
ym der Schwäher die große Freude mit, bie ihm der 
intfchluß feines Sohnes, nach Bairut zu gehen, ver- 
rſache. Sodann bat er ihn inftändig um die Gefällig- 
it, diesmal zu Haufe zu bleiben; er wolle fodann bei 
er nächften Gelegenheit für ihn forgen, was er auch 
irz darauf that. Wie wenig nun auch Lionarbo, ber 
e Reife gar gerne gemacht hätte, mit diefer Kunde 
ıfrieden mar, fo verhehlte er doch, als ein verftändiger 
Ungling, fein Misvergnügen und erklärte feinem Schwie- 
vater, daß er aus Liebe zu ihm und zu feinem Schwager 
it Allem zufrieden fei, und ihnen zu gefallen noch zu 
eit Größerem bereit wäre. Meffer Paolo und Gerardo 
inkten Lionardo’n für feinen guten Willen auf das 
ärmfte. Sodann ſchickte man fih) an, die Galeere 
it. allem Erforderlichen auszurüften und mit ihren Waaren 
ı befrachten. Wer nun aber die wenigen Nächte fchil- 
ın wollte, welche zwiſchen dem Entſchluß Gerardo’s 
; gehen und ber legten vor dem Tage feiner Abreife 
gen, was darin vorging und’ die Liebesfreuden, welche 
e jungen Gatten fich erlaubten, die Thränen, die fie 
im Scheiben vergoffen, der hätte die Hände voll zu 
un; und vielleicht - waren der Thränen, welche die 
wernde Fiammetta um Pamfilo vergoffen zu haben 
richtet, nicht fo zahlreich, als die Gerardo’s und Elena’s. 
h will alfo alles der Einbildungsfraft eines jeden über- 
(fen, welcher wahrhaft liebt und geliebt hat, wie es in 
tem folchen Falle fein müſſe. Als die Zeit der Ub- 
fe Fam, löften die Matrofen die Taue der Galeeren 
d fegelten mit günftigem Wind und Wetter von dannen. 


134 XXIV. Batteo Bandello. 


War Gerardo’s Sinnen und Dichten zur See unchläf 
feiner -theuern, geliebten Gattin zugewandt, fo befchäftigt 
fein Andenken fie nicht weniger. Sie hatte vor ihm dm 
Troft voraus, daß fie mit ihrer treuen Amme fortwik 
rend von dem theuern Gatten fprechen fonnte, und wem 
manchmal ein Zweifel in ihr aufftieg über feine Kick 
fo ſprach ihr die gute Amme Troſt ein und verfihen 
fie, daß Gerardo fonft Fein Weib liebe, als fie. Gerurk 
hatte diefen Troſt nicht, und je heimlicher fein Kiebesfeur 
brannte, defto heftiger empfand er nun den Schme: 
Er hatte niemand, bei dem er feine Liebespein auslafı 
tonnte, und nie hatte er jemand zum Vertrauten a 
diefem Liebeshandel gemacht, Laſſen wir ihn aber fr 
jegt auf feiner Reiſe! Wir werden ihn fpäter Ice 
wohlbehalten zurüdführen. Schon waren etwä ſechs Nr 
nate verfloffen, feit Gerardo Venedig verlaffen hatt. 
Elena zählte inzwifhen Stunden, Tage, Wochen un 
Monate in Erwartung der Wiederkehr des theuern Gatten, 
worauf fie fih fo fehr freute, obmol ihr die Stunde ird 
zum Sahrtaufend auszudehnen fchien, fo lange, ment 
fie, kehre er nicht zurüd. ' 

Jet find es nicht mehr vierzehn Tage, fagte fie « 
der gefreuen Amme, ober höchften® drei Wochen, fo m 
mein erfehnter Gemahl in Venedig fein. Und außer jema 
Waaren wird er taufend ſchöne Sächelchen mitbringe. 
Er fagte mir auch, als er-wegging, er wolle aud fr 
euch viele koſtbare Gefchente mitbringen. 

Und fo erhielt fich das verliebte junge Weib bei fit 
lichem Muthe, ohne zu ahnen, daß ein Anfchlag gegn 
fie im Werke fei, der. fie aufs Äußerſte in Schmerz urd 
Betrübniß verfegen werde. Da nämlich ihr Vater Id 
daß fie über ihr Alter verfländig und anmuthig und au 
der Magen ſchön geworben war, und bebachte, dab « 
doch im Haufe feine paffende weibliche Auffiche über f 
habe, fürchtete er, e8 möchte etwas ihm Unangenchm 
vorfallen, was freilich Längft gefchehen war, und befhle 


ST. Die Errettung aus dem Grabe. 135 


her, fie zu verheirathen. Er beburfte nicht Langer Zeit, 
n einen ihm anfländigen Eidam zu finden; denn da er 
elig und reich und feine Zochter fehr ſchön und lieb» 
izend war, hätten fich viele feines Standes gerne ver- 
indtfchaftlich mit ihm verbunden. Meſſer Pietro wählte 
her einen Jüngling aus, welcher wegen feines Reich⸗ 
ums und feiner edeln Familie ihm gefiel, und kam 
it ihm und den beiderfeitigen Verwandten und Freunden 
erein, daß er am nächfllommenden Sonnabend Elena 
ven, und wenn fie ihm gefalle, am Sonntag drauf 
e den Ring geben folle, um dann gleich in der Nächt 
: Vermädlung zu vollziehen. Nach diefer Verabredung 
arden große Vorbereitungen getroffen zu der vorgehabten 
ochzeitfeier, und Meffer Pietro fagte zu feiner Tochter, 
ß er befchloffen habe, fie zu verheirathen. Diele fo uner- ° 
irtete traurige Botſchaft war Elenen ebenfo fchmerzlich, 
3 wenn einer zu ihr gefagt hätte: Morgen will dich 
: Herrfchaft auf dem Sanct Marcusplage zwifchen den 
ei Säulen aufhängen laffen. . 
Sie wurde über die Maßen betrübt, und grenzenlo 
zuält von beftigem Leid, vermochte fie Iren Vater fein 
ort zu entgegnen. . Er, ber nicht an Weiteres dachte, 
ft dies für ein Zeichen Eindifcher Verfchämtheit und 
gte auch nichts weiter hinzu, fondern entfernte fich, 
3 das Nothwendigevzu beforgen, daß die Hochzeit in 
er Ordnung und mit einem ausgewählten Mable 
unkvoll gefeiert werden Eonne, wie es feinem und feines, 
chmwiegerfohnes Adel und Reichthum geziemte. Am 
yend des Samstags, nachdem der Bräutigam fie ſchon 
ſehen und fein Gefallen an ihr ausgefprochen hatte, 
noß Elena wenig oder nichts; und als fie fich fpäter 
t ihrer Amme in ihr Schlafzimmer zurückgezogen hatte, 
ıch fie in das bitterfte und heftigfte Weinen aus, das 
ın fich denken kann, ohne daß es der guten Alten ge- 
gen wollte, ihr auch. nur den mindeften Troſt zuzu« 
:echen, meil fie gar feine Mittel und Wege aufzufinden 


136 XXIV. Matteo Banbello. 


verftand, um dem zu entgehen, baf fie am folgende 
Tage vermählt und in das Bette des neuen Gatten y: 
bracht werde. Das’ aber, komme, was da wolle, mr 
fie entfchloffen, nie und nimmermehr gefchehen zu fe. 
Dem Vater ihre Verheirathung zu offenbaren, wagte ' 
nicht, und zwar nicht fomol aus. Furcht vor den I: 
brüchen feines Zornes gegen fie, denn fie hätte jegr 
den Zod mit Freuden erlitten, fondern vielmehr, ma 
fie fürchtete, durch Veröffentlihung ihrer Verheirathun 
ihren Gerardo zu verlegen. Sie war auf dem Punkt 
in diefer Nacht mit Hilfe der Amme fich aus dem Han 
zu fchleihen und ihren Schmäher aufzuſuchen, ſich ite 
in die Arme zu werfen und ihn in das Geheimnif ihr: 
Verhältniffes zu Gerardo einzumeihen; aber fie wuk 
nicht, ob ihr Gatte damit einverflanden geweſen wär 
Wer alle die Gedanken und Pläne einzeln aufführe 
wollte, die in diefer Nacht ihren Kopf durchkreute 
möchte ebenfowol die Sterne zählen, die fein Bid: 
dem nächtlichen Maren Himmel ftrahlen fieht. Ihr dir: 
aber glauben und euch überzeugt halten, daß ihr Lebe 
unglaublih und unvergleichlih war. Die ganze Nat: 
‚ über quälte ſich die arme troftlofe Elena, ohne eine 
Augenblick der Ruhe zu gewinnen. Mit dem Anbrud: 
des neuen Tages verließ die Amme das Gemach, 8 
im Haufe ihren Dienft und ihre Dbliegenheiten zu ve 
fehen, unabläffig, wiewol fruchtlos, finnend und trachten 
das verzweifelte junge Weib aus feinen rathlofen Nötka 
zu befreien. In der That war ihr Schmerz nicht geringe 
als der Elena’s. Diefe hatte fi die ganze Nacht ur 
nicht ausgefleibet. Sobald fie fih nun allein fah, ?T 
fchloß fie, beftürmt von feltfamen böfen Gedanken, ſit 
in das Gemach, beftieg dann, angefleidet, wie fie mi 
ihr Bette und legte ihre Gewande, fo fittfam als mögke. 

um fich ber. Dann fammelte fie alle ihre Gedanken w 
den einen Punkt, und da ihre Herz es nicht ertrage 
konnte, diefen zu heirathen, den ihre Water ihr vemt 


87. Die Errettung aus dem Grabe. 141 


darauf wieder zu fich kam, weinte er bitterlich und be- 
dedte Gelicht und Mund feiner Geliebten mit Thränen 
und Küffen. Der Bootsmann fürdhtete immerdar, in 
dieſer Arbeit von. der Schaarwache überrafcht zu werden 
und mahnte Gerardo wiederholt, hinauszugehen. Diefer 
aber vermochte nicht aufzuftehen. Ja, Gerardo war fo 
fehr außer fih, daß, als er von feinem Freund genöthigt 
ward, fortzugeben, er trog des Widerftrebens von Seiten 
bes Bootsmanns feine Gattin mit ſich binwegnehmen 
wollte. Sie nahmen fie alfo fanft heraus, ſchloſſen die 
Gruft und trugen bie junge Frau in die Barke. Dort 
ließ fich Gerardo von Neuem an ihrer Seite nieder und 
fonnte nicht ſatt werden, fie zu umarmen und zu küſſen. 
Der Bootsmann tadelte jedoch heftig dieſe Thorheit, den 
todten Leichnam mit fich herumzuführen, ohne zu wiſſen, 
wohin; und am Ende gab er dem vernünftigen Zufpruche 
ded Bootsmanns nach und befchloß, den Leichnam i